Christoph predigt

Vertrauen. Exklusiv.


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Hört, Geliebte Gottes, aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 14. Kapitel:

In zwei Tagen beginnt das Passa-Fest. Danach folgt das Fest der Ungesäuerten Brote. Die Hohepriester und die Schriftgelehrten beraten miteinander. Sie suchen einen Weg, Jesus heimlich festzunehmen. Sie wollen ihn töten. Sie sagen: Nicht während des Festes. Sonst gibt es Unruhe im Volk.Jesus war in Betanien. Er war zu Gast im Haus von Simon. Simon hatte früher Aussatz. Das ist eine schwere Hautkrankheit. Jesus saß am Tisch. Da kam eine Frau herein. Sie hatte ein Alabasterfläschchen dabei. In dem Fläschchen war sehr teures Nardenöl. Die Frau zerbrach das Fläschchen. Und sie goss das ganze Öl auf den Kopf von Jesus.Einige Menschen wurden wütend. Sie redeten miteinander. Sie sagten: Warum diese Verschwendung? Man hätte das Öl verkaufen können. Für mehr als dreihundert Silbermünzen. Das ist viel Geld. Das Geld hätte man den Armen geben können. Und sie machten der Frau Vorwürfe.Jesus sagte: Lasst sie in Ruhe. Warum macht ihr das schwer für sie? Sie hat mir etwas Gutes getan. Die Armen sind immer bei euch. Ihr könnt ihnen helfen, wann immer ihr wollt. Aber mich habt ihr nicht immer. Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Körper schon jetzt mit Öl gesalbt. Das macht man sonst nach dem Tod. Sie hat mich schon für mein Begräbnis vorbereitet.Jesus sagt: Ich sage euch die Wahrheit. Überall auf der Welt wird man die gute Nachricht von Gott erzählen. Und überall wird man auch erzählen, was diese Frau getan hat. Man wird sie nicht vergessen. (Markus 14,1-9; von mir in leichte Sprache übertragen).


Gelobt sei, der da kommt.

Die Straße ist voll. Die Erwartungen sind riesig. Und irgendwo mittendrin – eine Frau mit einer Flasche.


Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Die Masse tobt. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Endlich ist er da. Jesus zieht nach Jerusalem ein. Jetzt. Jetzt wird es passieren. Jetzt geht es los. Endlich erfüllen sich alle Sehnsüchte und Hoffnungen.

Da stehen sie am Straßenrand. Die Enttäuschten. Die Geschädigten. Die, die unter der römischen Besatzung leiden. Die Steuern sind erdrückend. Wer nicht zahlt, verliert alles. Die Römer bestimmen, wer Recht hat und wer nicht. Wer leben darf und wer nicht. Das eigene Land – besetzt. Die eigene Religion – geduldet, solange sie nicht stört. Die Würde – täglich verletzt.

Und dann sind da die anderen. Die, die sehen, wie der Glaube verkommt. Wie die Reichen sich mit den Mächtigen arrangieren. Wie die Hohepriester Rom den Gefallen tun, den Rom erwartet. Wie aus dem Tempel ein Geschäft geworden ist. Wie die Frommen nur noch nach außen fromm sind.

Und dann die Vielen, die einfach nichts mehr haben, woran sie sich festhalten können. Keine Sicherheit. Keine Zukunft. Keine Hoffnung.

Sie alle stehen am Straßenrand. Und sie jubeln. Sie verleihen ihrer Sehnsucht Ausdruck: Hier kommt die Hilfe. Gottes Messias. Auf ihn haben wir gewartet.

Er wird die Römer vertreiben. Er wird die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen. Er wird dem kleinen Mann endlich Recht verschaffen.

Er wird die Kriege beenden. Die Spritpreise senken. Der Gewalt ein Ende setzen. Schluss mit Politik, die sich im Kreis dreht! Schluss mit einer Schere in der Gesellschaft, die immer weiter aufgeht!

Auch wir würden jubeln, wenn einer käme, der das alles richtet. Der klare Worte spricht. Der Gerechtigkeit bringt. Der die Welt wieder in Ordnung bringt.

Hosianna.

Gelobt sei, der da kommt.

Die Straße ist voll mit Menschen die genau wissen, was jetzt passieren muss.



Eine Flasche zerbricht.

Hier, weit weg vom Getöse auf der Straße, lässt sie das erschrecken. Da sitzen sie, vor einem guten Essen. Gerade hat man noch geredet und gelacht. Jetzt starren sie die namenlose Frau an. Sie steht da, mitten im Raum. Was hat sie nur getan?

Zu denen, die da vor ihr sitzen, passt sie nicht. Eine Männerrunde, die über Gott und die Welt redet. Jesus mittendrin. Und dann kommt sie – eingeladen ist sie nicht. Frauen haben in dieser Gesellschaft bei so einer Runde nichts zu suchen. Aber plötzlich steht sie mittendrin.

Als sie das Fläschchen zerbricht, verstummen die Gespräche.

Nardenöl, importiert aus dem fernen Indien. Dreihundert Silbermünzen – das Jahresgehalt eines Arbeiters. Zwanzig-, dreißigtausend Euro wären das heute. Nicht eine von vielen Flaschen. Die eine. Und jetzt ist sie zerbrochen. Unwiederbringlich. Das Öl läuft ihr über die Hände, tropft auf Jesu Haare, rinnt herunter. Sie gießt alles aus. Den ganzen Inhalt. Nichts bleibt übrig.

Dann löst sich die Schockstarre. Unmut macht sich breit. Man redet – nicht mit ihr, sondern über sie. Verschwendung. Sinnlos. Das Geld hätte man den Armen geben können.

Die anderen wissen es immer besser. Von ihren bequemen Plätzen aus lässt sich alles beurteilen. Aber keiner von ihnen hilft gerade den Armen. Sie wissen es nur besser.

Bis Jesus die Diskussion unterbricht. Er spricht nicht über sie. Nicht mit ihr. Er spricht für sie.

Das ist nicht selbstverständlich. Menschen, die übergangen werden, die beurteilt werden, ohne gehört zu werden – die kennen diesen Moment nicht. Dass einer aufsteht und sagt: Lasst sie in Ruhe. Ich stehe hier.

Jesus sieht sie völlig anders als die anderen. Ein gutes Werk hat sie getan. Plötzlich wird ihr wieder warm ums Herz.

Vielleicht hat sie gezittert. Vielleicht hat sie die Luft angehalten, als die anderen über sie herzogen. Und dann: dieser eine Satz. Lasst sie in Ruhe. Tief durchatmen. Schultern runter. Er hat sie gesehen.


Nein, Jesus hat nichts gegen Hilfe für Arme. Aber jetzt sagt er etwas Merkwürdiges. Etwas, das sich erst beim zweiten Hören erschließt.

Mich habt ihr nicht immer.

Das ist ein Hinweis auf den Moment, in dem sie sich befinden. Zwei Tage noch bis zum Passa-Fest. Die Mächtigen planen im Verborgenen. Die Uhr läuft. Und diese Frau – sie spürt es. Sie spürt, dass dieser Mensch einmalig ist. Dass dieser Moment einmalig ist.

Sie hat erkannt, wer da ist.

Hat sie das selbst erkannt? Oder ist ihr das aufgegangen? Beides vielleicht. Erkenntnis, die so tief sitzt, dass sie durch die Hände geht – die ist selten nur selbst gemacht.

Sie bekennt ihr Vertrauen zu dem, den sie erkannt hat.

Nicht mit Worten. Nicht mit einem Bekenntnis. Nicht mit einem Hosianna-Ruf am Straßenrand. Sondern mit einem zerbrochenen Fläschchen und einem Duft, der den ganzen Raum füllt. Exklusiv und teuer.

Priester werden in Israel gesalbt. Könige auch. Und Tote, die man in Gottes Hand legt.

Sie salbt einen König. Den Messias – das bedeutet der Gesalbte. Den, auf den Israel gewartet hat. Den echten Hoffnungsträger.

Und sie tut es jetzt, solange er noch da ist. Bevor Tränen und Schweiß und Blut kommen. Bevor der Kopf, den sie jetzt mit duftendem Öl salbt, eine Dornenkrone tragen muss. Sie feiert ihn. Weil er da ist. Weil der Messias wirklich da ist.

Immanuel. Gott mit uns. Am Palmsonntag mischen sich adventliche Klänge mit in die Erzählung. Sind wir nicht alle immer noch Hoffende? Wartende?

Hier sitzen wir. In dieser Kirche. Auch wir mit unseren Sehnsüchten. Auch wir mit unseren Enttäuschungen. Auch wir, die wir nicht genau wissen, worauf wir eigentlich hoffen.


Das Haus in Betanien wird von einem kostbaren Duft durchzogen. Das, was man riecht, ist ihre Erkenntnis. Ihre Freude. Die hat sie nicht in Worte gefasst. Die hat sie getan. Es ist der Duft ihres Hoffens. Der Duft ihres Vertrauens auf den, der alles verändert. Es ist der Duft ihrer Liebe zu Gott, von dem sie sich geliebt weiß.

Und Jesus schützt sie. Er stellt sich vor sie. Er lässt nicht zu, dass dieser Moment zerredet wird.

Sie hat getan, was sie konnte.

Dieser Satz ist einer der schönsten im ganzen Markusevangelium. Keine Überforderung. Kein Maßstab, dem man nicht gerecht wird. Was sie hatte, hat sie gegeben. Vollständig. Ohne Rest. Ohne Sicherheitsgurt und Hinterausgang. Die Flasche ist zerbrochen. Es gibt kein Zurück. Nur ihn. Aber das reicht ihr. Alles auf eine Karte.


Würdest du das wagen?

Alles auf diesen einen zu setzen? Nicht auf ihn – und außerdem noch auf dein Erspartes, deine Gesundheit, die richtigen Leute, deine eigene Kraft. Nicht auf den eigenen Verstand und die eigene Pläne. Nicht auf irgendeines der Dinge, der Menschen, der Versprechen, die dich immer wieder enttäuschen. Sondern: auf ihn. Punkt. So wie sie.

Würdest du das auch tun?

...

Worauf setzt du deine Hoffnung?

...


Heute ist Palmsonntag 2026. Ganz viel Hosianna. Gelobt sei, der da kommt...

Hoffnungsträger ohne Ende. So viele haben uns schon enttäuscht.

Wir, in der Kirche, feiern einen, auf den Hoffnung nicht verschwendet ist.

Aber er ist kein Wunscherfüller. Das war er damals nicht. Und das ist er heute nicht.

Die Menge am Straßenrand wollte einen, der die Römer vertreibt. Sie bekamen einen, der stirbt. Die Jünger wollten einen, der siegt. Sie bekamen einen, der am Kreuz hängt. Selbst die Frau in Betanien – sie feiert ihn, während er schon vom Begräbnis redet. Sie salbt einen König. Und dieser König geht in den Tod.

Gott handelt. Aber nicht so, wie wir es erwarten. Nicht so, wie wir es planen würden. Er passt in kein Schema. Er erfüllt keine Wunschliste.

Er polarisiert. Er eckt an. Die Menge jubelt – und die Mächtigen planen im Verborgenen, wie sie ihn loswerden. Beide reagieren auf denselben Mann. Die einen mit Hosianna. Die anderen mit Todesurteil. Weil er so gar nicht passt. In keine Erwartung. In keinen Plan.

Er geht tiefer. Dorthin, wo selbst unsere Hoffnungen nicht hinreichen. In das Scheitern. In den Schmerz. In den Tod. Und genau dort – genau dort – fängt er an, alles zu verändern.

Karfreitag kommt noch.


Was heißt das für die, die wagen, auf ihn zu hoffen?

Es heißt nicht: Alles wird gut. Nicht sofort. Nicht so, wie wir es uns vorstellen.

Es heißt: Du bist nicht allein. In dem, was dich drückt. In dem, was dich müde macht. In dem, worüber du nicht sprechen kannst. Er geht mit. Nicht als der, der alles regelt. Nicht als der, der mit starker Hand deine Pläne umsetzt. Sondern als einer, der selbst durch das Dunkel gegangen ist. Bis ganz ans Ende. Und der auf der anderen Seite steht.


Karfreitag kommt noch. Aber Ostern auch. Und dieses Ostern ist keine ferne Vertröstung. Es ist eine Kraft, die schon jetzt wirkt. Tastend. Leise. Aber real. In jedem Tag, der trotzdem kommt.


Du sitzt am Morgen da und weißt nicht, wie der Tag werden soll. Und du sagst: Ich vertraue dir damit. Nicht dem Kalender. Nicht dem Kontostand. Dir.

Du verfolgst die Nachrichten. Krieg, der nicht endet. Eine Welt, die aus den Fugen gerät. Politiker, die versprechen und nicht halten. Und du sagst: Ich kann das nicht tragen. Du schon. Nicht die Mächtigen. Nicht meine Angst. Du.

Du liegst am Abend im Bett und machst dir Sorgen. Um deine Rente. Um deine Kinder. Um das, was noch kommt. Und du sagst: Ich lege das in deine Hände. Nicht weil ich aufgebe. Sondern weil du weitergehst, wo ich nicht weiterkomme. Auch wenn man das schon ein Leben lang versucht. Auch wenn man manchmal nicht mehr weiß, ob man noch kann. Er trägt auch die müde gewordene Hoffnung.

Du tust das Kleine, was du kannst. Für einen Menschen, der dich braucht. Ohne großes Aufheben. Ohne dass es jemand bemerkt. Sie hat getan, was sie konnte. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

Überall auf der Welt wird man erzählen, was diese Frau getan hat. Keine Heldin. Kein Name. Keine Erklärung. Nur eine zerbrochene Flasche. Und ein Duft, der den Raum füllt.

Das gilt auch für dich. Was du gibst, was du wagst, was du im Stillen tust – er sieht das. Er vergisst das nicht.

Das riecht nach Nardenöl.

Das ist der Duft der Hoffnung. Der Duft des Vertrauens. Der Duft der Liebe zu dem, der uns zuerst geliebt hat. Bevor wir etwas dafür getan haben. Bevor wir etwas dafür tun konnten. Das ist der Grund, warum Hoffnung auf ihn keine Verschwendung ist.

Vielleicht riecht es schon. In dem, was heute hier geschieht. In dem, dass ihr gekommen seid– manche vielleicht zum ersten Mal, manche nach langer Zeit, manche schon ihr ganzes Leben. In dem, dass jemand für euch gebetet hat, heute Morgen, bevor ihr aufgestanden seid. In den Erfahrungen, die ihr teilt, gleich nachher beim Kirchencafé. In dem, dass niemand allein nach Hause gehen muss.

Also: Lass sie duften, die Hoffnung. Auf ihn. Nur auf ihn.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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