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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Matthäusevangelium, aus dem 9. Kapitel:
9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (Matthäus 9,9-13)Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
"Voll verkackt!" So kommentiert meine Tochter den Test, den sie gerade in der Schule geschrieben haben. Ich horche auf. Solche Vokabeln gebraucht sie sonst nicht. Aber heute ist sie enttäuscht. Und wütend. Auf wen, weiß ich noch gar nicht. Auf sich selbst? Auf den Lehrer? Auf den Unterrichtsstoff? Wir haben ja alle die Tendenz, nach einem Erlebnis des persönlichen Versagens sofort nach Gründen zu suchen. Oder nach Schuldigen. Nach Dingen oder Menschen, die unser Versagen erklären und damit vielleicht auch die Last, die wir gerade auf uns selbst liegen fühlen, irgendwie erleichtern. Denn niemand steckt Versagen einfach so weg -- auch wenn manche gerne so tun. Niemand von uns hat es leicht mit den Dingen, die uns misslingen. Selbst, wenn wir manchmal die einzigen sind, die davon überhaupt wissen.
"Aufstehen, Krone richten, weitergehen." Auf den Memes im Internet oder auf netten Cartoon-Postkarten klingt das ganz einfach. Da schwingt sogar noch etwas Pädagogisches, von "aus den Fehlern lernen", mit, wenn jeder Fall nur eine neue Gelegenheit ist, den eigenen Prinz:essinnenstatus zu verinnerlichen. Und deshalb mit ganz neu erhobenenem Haupt weiterzugehen.
Wenn ich versagt habe und der ganze Druck meines Misserfolgs auf mir lastet, dann klingt so ein Meme-Spruch wie völliger Blödsinn. Wenn mir gerade vor Augen geführt wurde -- ganz oft auch einfach von mir selbst --, was für ein Loser ich bin, dann ist die Idee mit der Krone mir so fremd, als wäre der Spruch auf Klingonisch geschrieben. Oder auf Burashaski (aus Pakistan) -- jedenfalls in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Auch wenn ich solche Vokabeln normalerweise nicht in der Predigt verwende: "Voll verkackt" fühlt sich auch für mich dann oft sehr viel richtiger an.
Ich weiß gar nicht, was "voll verkackt" auf Aramäisch heißt -- in der Sprache, die man damals zur Zeit Jesu sprach. Die gibt es nicht bei Google Translate. Aber auch ohne die Vokabel vermute ich, Matthäus würde das ganz gut verstehen. Er hat auch "voll verkackt". Er hat die falschen Lebensentscheidungen getroffen. Er hat sich selbst ohne Wendemöglichkeit in die Sackgasse manövriert.
Was genau bei ihm falsch lief -- wo genau er falsch abgebogen ist, verrät der Text uns nicht. Was hat ihn wohl dazu gebracht, ausgerechnet Zöllner zu werden. Zöllner, müsst ihr wissen, waren ja nicht einfach die Finanzbeamten der damaligen Zeit. Man kann ihr Handeln nicht damit erklären, dass sie "einfach ihren Job machten." Zöllner, das waren für die übrigen Menschen in Israel Kollaborateure. Verräter, die sich selbst in den Dienst der Feinde stellten. Schon die Berufswahl an sich war von Anfang an ein Zeichen der Verachtung ihres Landes, ihrer Mitmenschen und -- das hätten viele damals sofort unterschrieben -- Gottes, der Israel zu seinem Volk erwählt hatte. Zöllner waren bei allen unten durch, bevor sie auch nur einen einzigen Cent (oder was es auch immer sonst gerade an Münzen gab) kassierten. Ehrlose Feiglinge! Schmutzige Verräter! Schmierige Fieslinge! Oder, für die, die etwas gehobeneres Vokabular wählten: Sünder.
Dabei fing es mit der Berufswahl überhaupt erst an. Zöllner bekamen keine Besoldung wie Finanzbeamte heute. Für ihren Lebensunterhalt war es ihnen gestattet, einen kleinen Aufschlag auf den offiziell zu erhebenden Zoll zu kassieren. Wobei "klein" eben immer relativ ist, besonders, wenn keiner hinschaut. Die meisten Zöllner langten ganz kräftig zu und lebten davon einen luxuriösen Lebensstil. Die anderen mochten sie ja sowieso nicht. Wieso also nicht das Beste draus machen? "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" -- das galt schon damals.
Was wohl Matthäus dazu gebracht hat, Zöllner zu werden? War es der Lockruf des Geldes? Die Aussicht auf eine finanziell sichere Zukunft? War es der Rausch der Macht, über andere bestimmen zu können? Andere auch ganz klein machen zu können? Oder waren es irgendwelche Umstände, über die wir nur spekulieren können? Andere Wege, die aus irgendwelchen Gründen verbaut waren? War er vielleicht sowieso schon ausgegrenzt von allen guten Optionen und Zöllner dann der einizige Weg, der ihm noch offen schien?
Wahrscheinlich hat er irgendwann gemerkt, dass das eine dumme Entscheidung war. Dass Geld nicht viel bedeutet, wenn man keine Freunde mehr hat. Wenn man von allen nur noch verachtet wird.
Ob sie sich wohl öfters zum Essen getroffen haben, die "Zöllner und Sünder", wie hier im Text. Schließlich waren sie vermutlich die einzigen, die miteinander überhaupt noch etwas zu tun haben wollten. Ob sie wohl da saßen, und sich ihr Leid klagten? Ob sie sich gegenseitig eine Art Opferrolle bestätigten? "Uns mag ja sowieso keiner. Alle sind immer nur gegen uns." Ob sie sich gegenseitig bemitleideten in ihrer Ausgrenzung, oder auch in ihrer Reue über falsche, nicht wiederholbare Entscheidungen?
Ich glaube jedenfalls, Matthäus wüsste ganz gut, was "voll verkackt" auf Aramäisch heißt. Und seine Freunde (Oder Komplizen? Oder Schicksalsgenossen?) auch.
Nur einer scheint fehl am Platz dort an ihrem Tisch: Jesus.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.Wie falsch er dort platziert ist, wissen besonders gut die, die es sowieso immer besser wissen. Und eben auch besser machen -- im Leben. Das glauben sie zumindest. Mit gerümpfter Nase und voller Verachtung schauen sie herab auf die "Zöllner und Sünder". Mit Abstand auch. Nicht wegen Corona, sondern damit niemand denken könnte, sie gehörten da irgendwie dazu. Aber die Gelegenheit zu einer Frage vom hohen moralischen Ross herunter, die wollen sie sich dann doch nicht entgehen lassen.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?Ja, echt, was macht er denn dort eigentlich?
Für Jesus ist die Frage einfach geklärt. Er macht genau das, wozu er in die Welt gekommen ist: Menschen rufen in Gottes Reich. Er ist da, wo diese Menschen sind. Die, die Gottes Zuwendung ganz besonders brauchen. Für sie ist er doch gekommen: für die Sünder. Für die Versager. Für die, die nicht alles selbst auf die Reihe bekommen. Für die, deren Leben in der Sackgasse steckt -- egal, wie es da hinein gekommen ist. Für sie ist Gott da. Das zeigt er in Jesus. Warum also die Verwunderung?
Wo er wohl heute sitzen würde? In der heruntergekommenen Kneipe am Eck? Bei den lauten, nervigen Nachbarn im Wohnzimmer? Oder vielleicht bei mir zu Hause am Tisch, und bei dir? Jesus war immer für eine Überraschung gut, wenn es darum ging, bei irgendwelchen Losern aufzutauchen.
Weißt du, du und ich, wir haben ja einfach reden. Wir sind ja aufgewachsen mit dem Wissen, dass Gott uns in der Taufe schon seine Zuwendung garantiert hat: "Du gehörst zu mir." Und: "Ich bin bei dir alle Tage, bis an das Ende der Welt." Glaubst du im Ernst, er hat damals nicht schon gewusst, dass du dich auch ab und zu gewaltig in die Nesseln setzen würdest? Glaubst du wirklich, er hatte die Illusion, dass bei dir immer alles glatt gehen würde. Dass du alle deine Lebensentscheidungen richtig treffen würdest? Dass du jede Situation, die das Leben dir vor die Füße wirft, souverän bewältigen würdest? Glaubst du, er ahnte nichts von deinen Schwächen, nichts von deinen Fragen und Zweifeln und Ängsten, nichts von den Dingen, für die du dich schuldig fühlst?
Ich bin fest davon überzeugt, dass er das alles schon wusste. Ihm war schon klar, dass mancher von uns irgendwann "voll verkackt". Und er setzt sich trotzdem zu uns. Er sagt uns trotzdem Gottes Zuwendung zu. Er zeigt uns trotzdem Gottes Liebe. Man kann es einfach nie oft genug durchbuchstabieren, was es bedeutet, dass Gott ein gnädiger Gott ist: Dass er sich über uns nämlich OHNE unseren Verdienst erbarmt. Dass man sich bei ihm nichts verdienen kann und nichts verdienen muss.
Er ist schon immer der Gott, der die Loser und Versager liebt. Oder, in Jesus-Speak: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder."
Tatsächlich sind die Einzigen, die wirklich voll daneben liegen in diesem kurzen Text die, die es eigentlich am Besten wissen müssten. Sie sind es, die er zurechtweist. Dabei zweifelt er ihre Lebensführung gar nicht an. Er sagt nicht, "Ihr habt doch auch Dreck am Stecken." Er relativiert ihre Anstrengungen, ein gutes Leben zu führen, nicht mit irgendwelchen billigen Vergleichen.
Was er in Frage stellt, ist ihr Gottesbild. "Geht und lernt" -- wie kleine Schulbuben müssen sie nach Hause gehen. Setzen. Sechs. Leider völlig falsch verstanden. Wer nämlich denkt, dass Gott beeindruckt sei von jedem, der irgendetwas besser macht im Leben als andere, der hat Gott wirklich nicht kapiert. Gott kennt uns viel zu gut, um uns an unserer Außendarstellung zu messen. Er weiß, wo die Leichen im Keller liegen. Er sieht hinein bis in die Herzen, bis in die verborgensten Gedanken. Er macht sich wirklich keine Illusionen über irgendjemanden. Aber gerade dem allem zum Trotz gibt er seine Liebe nicht auf. Sie ist nicht verdienbar, weil niemand sie verdienen könnte. Gott bietet sie umsonst an -- gratis, das heißt ganz wörtlich "gnadenhalber."
Er schaut nicht mit dem Richterblick auf die Versager, sondern mit der Zugewandheit eines Arztes auf die, die Hilfe brauchen. Und diese Hilfe gibt er gern. Er schickt uns Jesus, den Christus, durch den sich alles verändern kann. Er umarmt die sonst ungewollten Loser mit solch herzlicher Liebe, dass selbst die härtesten Herzen schmelzen. Er ruft gerade die, die sonst keiner mehr ansprich,t hinein in sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem aus jeder Sackgasse neue Wege ins Leben führen.
Das hilft mir, gerade wenn ich meine, "voll verkackt" zu haben. Andere bekommen es vielleicht gar nicht immer mit, aber mir selbst ist oft so schmerzlich klar, was für ein Versager ich bin. Da hilft es mir, wie Martin Luther meinte, jeden Tag neu "in die Taufe zurückzukriechen": In das Versprechen, das er meinem Versagen entgegenstellt. In seinen Christus, in dem er mir entgegenkommt. Der sich zu mir setzt, wenn ich mich unter meiner eigenen Unfähigkeit winde. Der mich aufrichtet und mich mitnimmt, auf seinem Weg, Hand in Hand, oder den Arm auf meiner Schulter. Auf dem Weg, der ins Leben führt. Aufrecht, weil aufgerichtet. Ganz unverkackt -- falls das ein Wort ist.
Oder, in aller Kürze, wie der Wochenspruch es zusammenfasst:
Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Dan 9, 18)
Und wer sich darauf verlässt, der ist nicht verlassen.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Matthäusevangelium, aus dem 9. Kapitel:
9 Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12 Als das Jesus hörte, sprach er: Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.« Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder. (Matthäus 9,9-13)Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
"Voll verkackt!" So kommentiert meine Tochter den Test, den sie gerade in der Schule geschrieben haben. Ich horche auf. Solche Vokabeln gebraucht sie sonst nicht. Aber heute ist sie enttäuscht. Und wütend. Auf wen, weiß ich noch gar nicht. Auf sich selbst? Auf den Lehrer? Auf den Unterrichtsstoff? Wir haben ja alle die Tendenz, nach einem Erlebnis des persönlichen Versagens sofort nach Gründen zu suchen. Oder nach Schuldigen. Nach Dingen oder Menschen, die unser Versagen erklären und damit vielleicht auch die Last, die wir gerade auf uns selbst liegen fühlen, irgendwie erleichtern. Denn niemand steckt Versagen einfach so weg -- auch wenn manche gerne so tun. Niemand von uns hat es leicht mit den Dingen, die uns misslingen. Selbst, wenn wir manchmal die einzigen sind, die davon überhaupt wissen.
"Aufstehen, Krone richten, weitergehen." Auf den Memes im Internet oder auf netten Cartoon-Postkarten klingt das ganz einfach. Da schwingt sogar noch etwas Pädagogisches, von "aus den Fehlern lernen", mit, wenn jeder Fall nur eine neue Gelegenheit ist, den eigenen Prinz:essinnenstatus zu verinnerlichen. Und deshalb mit ganz neu erhobenenem Haupt weiterzugehen.
Wenn ich versagt habe und der ganze Druck meines Misserfolgs auf mir lastet, dann klingt so ein Meme-Spruch wie völliger Blödsinn. Wenn mir gerade vor Augen geführt wurde -- ganz oft auch einfach von mir selbst --, was für ein Loser ich bin, dann ist die Idee mit der Krone mir so fremd, als wäre der Spruch auf Klingonisch geschrieben. Oder auf Burashaski (aus Pakistan) -- jedenfalls in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Auch wenn ich solche Vokabeln normalerweise nicht in der Predigt verwende: "Voll verkackt" fühlt sich auch für mich dann oft sehr viel richtiger an.
Ich weiß gar nicht, was "voll verkackt" auf Aramäisch heißt -- in der Sprache, die man damals zur Zeit Jesu sprach. Die gibt es nicht bei Google Translate. Aber auch ohne die Vokabel vermute ich, Matthäus würde das ganz gut verstehen. Er hat auch "voll verkackt". Er hat die falschen Lebensentscheidungen getroffen. Er hat sich selbst ohne Wendemöglichkeit in die Sackgasse manövriert.
Was genau bei ihm falsch lief -- wo genau er falsch abgebogen ist, verrät der Text uns nicht. Was hat ihn wohl dazu gebracht, ausgerechnet Zöllner zu werden. Zöllner, müsst ihr wissen, waren ja nicht einfach die Finanzbeamten der damaligen Zeit. Man kann ihr Handeln nicht damit erklären, dass sie "einfach ihren Job machten." Zöllner, das waren für die übrigen Menschen in Israel Kollaborateure. Verräter, die sich selbst in den Dienst der Feinde stellten. Schon die Berufswahl an sich war von Anfang an ein Zeichen der Verachtung ihres Landes, ihrer Mitmenschen und -- das hätten viele damals sofort unterschrieben -- Gottes, der Israel zu seinem Volk erwählt hatte. Zöllner waren bei allen unten durch, bevor sie auch nur einen einzigen Cent (oder was es auch immer sonst gerade an Münzen gab) kassierten. Ehrlose Feiglinge! Schmutzige Verräter! Schmierige Fieslinge! Oder, für die, die etwas gehobeneres Vokabular wählten: Sünder.
Dabei fing es mit der Berufswahl überhaupt erst an. Zöllner bekamen keine Besoldung wie Finanzbeamte heute. Für ihren Lebensunterhalt war es ihnen gestattet, einen kleinen Aufschlag auf den offiziell zu erhebenden Zoll zu kassieren. Wobei "klein" eben immer relativ ist, besonders, wenn keiner hinschaut. Die meisten Zöllner langten ganz kräftig zu und lebten davon einen luxuriösen Lebensstil. Die anderen mochten sie ja sowieso nicht. Wieso also nicht das Beste draus machen? "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert" -- das galt schon damals.
Was wohl Matthäus dazu gebracht hat, Zöllner zu werden? War es der Lockruf des Geldes? Die Aussicht auf eine finanziell sichere Zukunft? War es der Rausch der Macht, über andere bestimmen zu können? Andere auch ganz klein machen zu können? Oder waren es irgendwelche Umstände, über die wir nur spekulieren können? Andere Wege, die aus irgendwelchen Gründen verbaut waren? War er vielleicht sowieso schon ausgegrenzt von allen guten Optionen und Zöllner dann der einizige Weg, der ihm noch offen schien?
Wahrscheinlich hat er irgendwann gemerkt, dass das eine dumme Entscheidung war. Dass Geld nicht viel bedeutet, wenn man keine Freunde mehr hat. Wenn man von allen nur noch verachtet wird.
Ob sie sich wohl öfters zum Essen getroffen haben, die "Zöllner und Sünder", wie hier im Text. Schließlich waren sie vermutlich die einzigen, die miteinander überhaupt noch etwas zu tun haben wollten. Ob sie wohl da saßen, und sich ihr Leid klagten? Ob sie sich gegenseitig eine Art Opferrolle bestätigten? "Uns mag ja sowieso keiner. Alle sind immer nur gegen uns." Ob sie sich gegenseitig bemitleideten in ihrer Ausgrenzung, oder auch in ihrer Reue über falsche, nicht wiederholbare Entscheidungen?
Ich glaube jedenfalls, Matthäus wüsste ganz gut, was "voll verkackt" auf Aramäisch heißt. Und seine Freunde (Oder Komplizen? Oder Schicksalsgenossen?) auch.
Nur einer scheint fehl am Platz dort an ihrem Tisch: Jesus.
Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.Wie falsch er dort platziert ist, wissen besonders gut die, die es sowieso immer besser wissen. Und eben auch besser machen -- im Leben. Das glauben sie zumindest. Mit gerümpfter Nase und voller Verachtung schauen sie herab auf die "Zöllner und Sünder". Mit Abstand auch. Nicht wegen Corona, sondern damit niemand denken könnte, sie gehörten da irgendwie dazu. Aber die Gelegenheit zu einer Frage vom hohen moralischen Ross herunter, die wollen sie sich dann doch nicht entgehen lassen.
Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?Ja, echt, was macht er denn dort eigentlich?
Für Jesus ist die Frage einfach geklärt. Er macht genau das, wozu er in die Welt gekommen ist: Menschen rufen in Gottes Reich. Er ist da, wo diese Menschen sind. Die, die Gottes Zuwendung ganz besonders brauchen. Für sie ist er doch gekommen: für die Sünder. Für die Versager. Für die, die nicht alles selbst auf die Reihe bekommen. Für die, deren Leben in der Sackgasse steckt -- egal, wie es da hinein gekommen ist. Für sie ist Gott da. Das zeigt er in Jesus. Warum also die Verwunderung?
Wo er wohl heute sitzen würde? In der heruntergekommenen Kneipe am Eck? Bei den lauten, nervigen Nachbarn im Wohnzimmer? Oder vielleicht bei mir zu Hause am Tisch, und bei dir? Jesus war immer für eine Überraschung gut, wenn es darum ging, bei irgendwelchen Losern aufzutauchen.
Weißt du, du und ich, wir haben ja einfach reden. Wir sind ja aufgewachsen mit dem Wissen, dass Gott uns in der Taufe schon seine Zuwendung garantiert hat: "Du gehörst zu mir." Und: "Ich bin bei dir alle Tage, bis an das Ende der Welt." Glaubst du im Ernst, er hat damals nicht schon gewusst, dass du dich auch ab und zu gewaltig in die Nesseln setzen würdest? Glaubst du wirklich, er hatte die Illusion, dass bei dir immer alles glatt gehen würde. Dass du alle deine Lebensentscheidungen richtig treffen würdest? Dass du jede Situation, die das Leben dir vor die Füße wirft, souverän bewältigen würdest? Glaubst du, er ahnte nichts von deinen Schwächen, nichts von deinen Fragen und Zweifeln und Ängsten, nichts von den Dingen, für die du dich schuldig fühlst?
Ich bin fest davon überzeugt, dass er das alles schon wusste. Ihm war schon klar, dass mancher von uns irgendwann "voll verkackt". Und er setzt sich trotzdem zu uns. Er sagt uns trotzdem Gottes Zuwendung zu. Er zeigt uns trotzdem Gottes Liebe. Man kann es einfach nie oft genug durchbuchstabieren, was es bedeutet, dass Gott ein gnädiger Gott ist: Dass er sich über uns nämlich OHNE unseren Verdienst erbarmt. Dass man sich bei ihm nichts verdienen kann und nichts verdienen muss.
Er ist schon immer der Gott, der die Loser und Versager liebt. Oder, in Jesus-Speak: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder."
Tatsächlich sind die Einzigen, die wirklich voll daneben liegen in diesem kurzen Text die, die es eigentlich am Besten wissen müssten. Sie sind es, die er zurechtweist. Dabei zweifelt er ihre Lebensführung gar nicht an. Er sagt nicht, "Ihr habt doch auch Dreck am Stecken." Er relativiert ihre Anstrengungen, ein gutes Leben zu führen, nicht mit irgendwelchen billigen Vergleichen.
Was er in Frage stellt, ist ihr Gottesbild. "Geht und lernt" -- wie kleine Schulbuben müssen sie nach Hause gehen. Setzen. Sechs. Leider völlig falsch verstanden. Wer nämlich denkt, dass Gott beeindruckt sei von jedem, der irgendetwas besser macht im Leben als andere, der hat Gott wirklich nicht kapiert. Gott kennt uns viel zu gut, um uns an unserer Außendarstellung zu messen. Er weiß, wo die Leichen im Keller liegen. Er sieht hinein bis in die Herzen, bis in die verborgensten Gedanken. Er macht sich wirklich keine Illusionen über irgendjemanden. Aber gerade dem allem zum Trotz gibt er seine Liebe nicht auf. Sie ist nicht verdienbar, weil niemand sie verdienen könnte. Gott bietet sie umsonst an -- gratis, das heißt ganz wörtlich "gnadenhalber."
Er schaut nicht mit dem Richterblick auf die Versager, sondern mit der Zugewandheit eines Arztes auf die, die Hilfe brauchen. Und diese Hilfe gibt er gern. Er schickt uns Jesus, den Christus, durch den sich alles verändern kann. Er umarmt die sonst ungewollten Loser mit solch herzlicher Liebe, dass selbst die härtesten Herzen schmelzen. Er ruft gerade die, die sonst keiner mehr ansprich,t hinein in sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem aus jeder Sackgasse neue Wege ins Leben führen.
Das hilft mir, gerade wenn ich meine, "voll verkackt" zu haben. Andere bekommen es vielleicht gar nicht immer mit, aber mir selbst ist oft so schmerzlich klar, was für ein Versager ich bin. Da hilft es mir, wie Martin Luther meinte, jeden Tag neu "in die Taufe zurückzukriechen": In das Versprechen, das er meinem Versagen entgegenstellt. In seinen Christus, in dem er mir entgegenkommt. Der sich zu mir setzt, wenn ich mich unter meiner eigenen Unfähigkeit winde. Der mich aufrichtet und mich mitnimmt, auf seinem Weg, Hand in Hand, oder den Arm auf meiner Schulter. Auf dem Weg, der ins Leben führt. Aufrecht, weil aufgerichtet. Ganz unverkackt -- falls das ein Wort ist.
Oder, in aller Kürze, wie der Wochenspruch es zusammenfasst:
Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit. (Dan 9, 18)
Und wer sich darauf verlässt, der ist nicht verlassen.
Amen.

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