Christoph predigt

Volle Bude


Listen Later

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Burladingen,

Die Bude ist voll. Das kann man sich kaum vorstellen, wenn man hier so großzügig verteilt in der Kirche sitzt, aber dort ist das Haus voll. Knallvoll. Es ist kein Durchkommen mehr. Vorne sitzen wahrscheinlich die, die immer in der ersten Reihe sitzen. Die, die wichtig sind. Denen man vielleicht auch unwillkürlich Platz macht, wenn sie kommen. Sie sitzen da wahrscheinlich ganz selbstverständlich, als würde ihnen das ganze Haus gehören. Vielleicht gehört es ja sogar einem von ihnen -- das wissen wir nicht. Passend wäre es ja schon, dass der Rabbi bei einem von ihnen einkehrt. Sie sitzen da, breit und aufrecht und wichtig, vielleicht auf Kissen gestützt, wie es ihrem Rang gebührt. Und hinter ihnen drängen sich die niedrigeren Ränge, die Kinder finden in den Raumecken auch noch Platz. Wer zu spät kam, der kann vielleicht noch einen Blick durch die Tür werfen, schräg vorbei an denen, die da stehen, vielleicht auf Zehenspitzen. Wer nicht so glücklich war, der steht zwei Schritte weiter um die Ecke und spitzt angestrengt die Ohren, um etwas zu hören von dem, was drinnen geredet wird. Wehe, wenn jetzt ein Hund bellt oder die Ziegen blöken oder gar ein Esel es wagt, sein "I-Ah" zu schreien. Man hört ja so kaum noch was. Und jeder Ansatz eines geflüsterten Kommentars wird mit bösen Blicken im Keim erstickt, weil man ja sonst verpassen würde, was Jesus drinnen von Gott erzählt. "Das Wort" sagte er ihnen, erzählt Markus. "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!"

Das hat er inzwischen schon oft erzählt. In der Synagoge war er damit, am Schabbat, und die Zuhörer sind erschrocken, weil sie so vollmächtige Predigten nicht gewohnt waren von den üblichen Schriftgelehrten. (Das sind übrigens wohl die, die in der ersten Reihe sitzen). Er hat geredet und gebetet und plötzlich war da ein Eklat: Ein Mann -- sie sagen, er sei besessen von einem unreinen Geist -- der schrie und den Gottesdienst störte und sich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Jesus sprach nur einen Satz: "Verstumme und fahre aus von ihm!" Dann war Ruhe. In ganz Galiläa erzählt man sich davon.

Simons Schwiegermutter hat er wohl auch noch geheilt und am Abend schon konnte er sich kaum mehr retten vor dem Zustrom derer, die Gottes heilende Kraft erleben wollten. "Die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.", weiß Markus. "Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus." So ging das in ganz Galiläa. Inzwischen kann er sich öffentlich kaum mehr sehen lassen, weil sonst sofort die Menschenmassen über ihn herfallen. Meistens ist er draußen irgendwo, in der Einsamkeit. Nur heute, da kam er wieder in die Stadt. Und sie sind dabei. Fast exklusiv, sozusagen.

Und jetzt sitzen sie drin, in der ersten Reihe oder dahinter, und lauschen und analysieren und fällen ihr Urteil über seine Theologie -- mit ihren wichtigen Mienen und reichen Gewändern, mit ihrem Einfluss und ihrem Wohlstand und ihrer Position in der Gesellschaft. Die Bude ist voll von ihnen.

Nur er hat nicht mehr hineingepasst. Er hätte ja auch gar nicht hingehen können. Er ist gebrochen. Kaputt. Sein Leben funktioniert nicht so, wie man es sich vorstellen würde. Er ist gelähmt. Be-hindert. Er kann sich die erste Reihe nicht leisten. Er kann sich eigentlich gar nichts leisten. Und als seine wohlmeinenden Freunde ihn hinbringen, da ist es längst zu spät. Die Bude ist voll. Mit Leuten, denen es gut geht und die sich für wichtiger halten. Keiner macht ihm Platz. Warum auch? Sie nehmen ihn nicht einmal wahr.

Müssten nicht eigentlich Menschen wie er am allerdringendsten zu Jesus? Ist Gottes Sohn nicht gerade für die gekommen, deren Leben gelähmt und behindert ist? Für Menschen wie ihn, deren Beine nicht funktionieren. Und all die anderen, die auch manches lähmt? Gestern saß ich mit Heidi im Pfarrbüro drüben und wir haben überlegt, wer das sonst noch sein könnte. Heute zum Beispiel:

Durch Krankheit. Besonders physische und psychische Krankheiten sind für uns oft schwer zu verarbeiten. Durch Kriegszeiten, auch dann, wenn sie uns gar nicht direkt betreffen. Durch Zeiten von Armut, hohen Kosten, Inflation und hohen Gaspreisen. Durch Vorurteile oder Diskriminierung.Durch das Klima. Vor allem den jungen Generationen bereitet der Anstieg des Klimas und die oft fehlenden Maßnahmen Zukunftsangst.

Sollten sie alle nicht eigentlich bei Jesus sein?

Die Bude ist voll. Vielleicht die Köpfe und Herzen auch? Oft nimmt man sie, die Gelähmten, gar nicht mehr wahr.

Bis dann der Staub von der Decke rieselt.

Ein kleiner Stein fällt runter. Dann noch einer. Risse werden sichtbar. Hammerschläge hörbar. Erschrocken weichen die aus der ersten Reihe zurück. Macht Platz! Die hinter ihnen wissen gar nicht wohin. Ein Raunen geht durch die Menge. Ein Ruck, eine Welle, weil alle wegwollen von der Mitte. Von dort, wo Jesus sitzt. Da klafft inzwischen ein ganz schönes Loch in der Decke. Mit offenen Mündern schauen sie nach oben, auf das Bündel, das da heruntergelassen wird.

Jetzt liegt es am Boden. Die Decke entrollt sich. Er liegt dort. Ein Mann. Der Gelähmte. Der Behinderte.

Jetzt liegt er direkt vor Jesus. Und der schaut ihn an.

"Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."

Erschreckte Blicke aus der ersten Reihe. Haben sie richtig gehört? Hat er das ernsthaft gerade gesagt? Was soll das? Schon wird wieder analysiert. Die Köpfe rauchen. Sie sind sich einig: Das ist ein Sakrileg! Nur Gott kann Sünden vergeben.

"Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."

Auch für uns klingt die Geschichte seltsam. Die könnte hier nämlich zu Ende sein. Eine typische Wundergeschichte: Da kommt einer zu Jesus. Der sieht seinen Glauben. Er spricht ein Wort und das Wunder geschieht.

"Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."

Dafür ist er doch gar nicht gekommen. Er hätte doch viel lieber seine Beine...

"Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."

Im Sprachgebrauch der Bibel ist "Sünde" mehr als eine Liste von einzelnen Taten, die jemand verbotenerweise begangen hat. "Sünde" ist wörtlich zunächst einmal "Zielverfehlung". Wie beim Fußball, wenn der Schuss des Stürmers an den Pfosten knallt. Knapp vorbei ist auch daneben. Sünde ist dieser Zustand, wenn ich das gute Leben, zu dem mein Schöpfer mich geschaffen hat, verpasse. Oft genug bin ich selbst dran schuld. Ich selbst, und die Welt, deren Teil ich bin. Das ungerechte System, das verhindert, das Menschen leben können, wie der gute Gott sich das vorgestellt hat. Sünde steht für alles, was da "knapp vorbei" oder auch "völlig daneben" ist. Was kaputt ist. Verbogen. Was beschädigt ist an meinem Leben. Viel mehr als die Summe aller Fehler, die ich schon gemacht habe.

"Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."

Ich bin mir sicher, Jesus hat die gelähmten Beine längst gesehen. Aber sein Blick geht weiter. Sein Erbarmen reicht tiefer. Bis zum größten aller Probleme: Mein Sohn, meine Tochter, da läuft etwas falsch in deinem Leben. So kann es nicht weitergehen. Gott hat sich doch viel mehr vorgestellt, als er dich geschaffen hat. Lass mich das wieder in Ordnung bringen.

"Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben."

Jesus will nicht nur heilen. Er will "heil machen". "Heil" bringen dorthin, wo die Dinge im Argen liegen. Er tut viel mehr, als nur die Funktion von Beinen wiederherstellen.

Die entsetzten Zuschauer haben das nicht verstanden. Ob es der Gelähmte gleich begriffen hat?

Zum Glück ist Gottes Heil viel umfassender als das, was wir so fabrizieren können. So geht der Mann am Ende auf eigenen Beinen heim. Die Matte, Sinnbild seines gelähmten Lebens, trägt er jetzt unter seinem Arm. Er braucht sie nicht mehr. Gott hat ihn heil gemacht.

Eine Wundergeschichte.

Zu Jesus kommen. Glauben, das heißt: vertrauen. Heil finden. Heil werden. Heim gehen und Gott preisen.

Die wahren Helden dieser Geschichte stehen immernoch auf dem Dach. Längst hat die Erzählung sich von ihnen abgewandt. Sie kommen fast nur am Rande vor. Dabei ist es so wichtig, was sie getan haben.

Die wahren Helden dieser Geschichte bleiben für immer namenlos. "Einige" sagt Markus, "brachten einen Gelähmten zu ihm, von vieren getragen." Wie viele es insgesamt waren in dieser Gruppe, das wissen wir nicht. Männer? Frauen? Alte? Junge? Fromme? Bekannte Gesichter aus der Stadt? Der genaue Umriss der Gruppe bleibt undefiniert. Vielleicht hättest du auch dazugehören können?

Sie hätten drin sein können im Haus. Vielleicht sogar in der ersten Reihe. Sie sind ja nicht gelähmt. Sie sind nicht be-hindert. Niemand hat sie gehindert, sich einen guten Platz zu suchen. Sie hätten drin sein können und sich mit all denen an Jesu Worten freuen, die längst da sitzen und ihn so wenig brauchen, dass sie sich Urteile erlauben können.

Stattdessen sind sie auf dem Dach. Sie haben sich nicht aufhalten lassen von der Tatsache, dass es keinen Platz für den Gelähmten gibt. Sie sind den Wichtigen vorne buchstäblich aufs Dach gestiegen. Das Risiko müssen sie gekannt haben. Niemand reißt ungestraft das Haus eines Nachbarn ein.

Das hält sie alles nicht auf. Hauptsache, er kommt zu Jesus.

Als der Gelähmte dort unten auf seiner Matte liegt, schaut Jesus auf. "Da nun Jesus ihren Glauben sah", schreibt Markus, "sprach er zu dem Gelähmten: 'Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.'"

Als Jesus ihren Glauben sah.

Ihren Glauben.

Sie selbst hatten den eigentlich gar nicht so nötig. Sie haben für ihn geglaubt. Für den anderen. Sie haben sich nicht nur für ihr eigenes Wohl interessiert. Sie hatten Augen für den, der Jesus dringend brauchte. Augen. Und Hände. Ganz viel Mut. Und Glauben.

So einer möchte ich sein.

Als wir gestern im Pfarrbüro saßen, haben wir uns überlegt, wie das heute aussehen könnte.

Wir sind nie allein. Es gibt immer Menschen, die uns helfen, die Unterstützung zu bekommen, die uns zusteht. Jeder von uns kann auch selber ein Träger sein, anderen helfen, wenn sie gelähmt sind, und ihnen ihre Last nehmen. Wenn andere krank sind, können wir unseren Mitmenschen helfen, indem wir ihnen beistehen, nach Optionen und Möglichkeiten zu suchen, diese zu überwinden. Auch wenn der Krieg weit weg von uns ist, kann man dennoch anderen Halt geben, durch Spenden oder andere Hilfsaktionen. In Zeiten von hohen Kosten und Inflation können wir Zusammenhalt beweisen, indem wir sparsam mit unseren Ressourcen umgehen, und so gemeinsam eine schwere Zeit überstehen können. Wenn andere diskriminiert werden, können wir einer anderen Person Halt geben, wenn wir mitbekommen, dass dieser Unrecht geschieht, indem wir unsere Mitmenschen darauf hinweisen oder ein offenes Ohr für Betroffene haben. Wo der Klimawandel anderen Angst macht, können Menschen aller Generationen auf die Reduzierung von schädlichen Abgasen achten und somit eine Last nehmen.

Vermutlich löst nichts davon alle Probleme auf einen Schlag. Das haben sie auch nicht getan. Hätten sie auch nicht gekonnt. Sie haben das Ihre beigetragen und Gott tat den Rest.

"Da nun Jesus ihren Glauben sah", schreibt Markus, "sprach er zu dem Gelähmten: 'Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.'"

So einer möchte ich sein.


Ich weiß nicht, wo du gerade stehst. Vielleicht findest du dich selbst in der Rolle des Gelähmten wieder. Gründe dafür gibt es leider auch heute noch zuhauf. Dann musst du zu Jesus. Bei ihm ist Heil. Immernoch. Für dich auch.

Vielleicht bist du eine:r derer, denen es gut geht. Du könntest ganz gemütlich in der ersten Reihe sitzen. Tu's nicht. Mach die Augen auf: Es gibt andere, die brauchen dich. Die brauchen deine Solidarität. Die brauchen deinen Einsatz, mit Händen und Herz und Mut. Die brauchen deine Hoffnung. Die müssen zu Jesus. Vielleicht kannst du sie tragen.

Das ist nicht immer einfach. Manchmal muss man Dächer aufreißen -- und keiner mag die Leute, die das tun. Tu's trotzdem. Wo Menschen zu Jesus kommen, da geschieht Heil. Da wird die Welt ein wenig "heiler", vor unseren Augen.

Am Ende gehen wir heim und preisen Gott: "Wir haben solches noch nie gesehen."

Möge das noch ganz oft geschehen. Gerne auch durch mich.

Gott, hilf uns dazu!

Amen.

...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

Christoph predigtBy Christoph Fischer


More shows like Christoph predigt

View all
Hoffnungswort - Predigten von Pfarrer Andreas Roß by Andreas Roß

Hoffnungswort - Predigten von Pfarrer Andreas Roß

0 Listeners