Christoph predigt

Vom Tailfinger Weinberg


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Ich habe einmal bei Jesus Anleihe genommen, bei diesem Gleichnis, das zum heutigen Sonntag gehört und dass wir alle schon so oft gehört haben. Ich liebe dieses Gleichnis, weil es von der Gnade Gottes redet; von dem, der nicht auf Verdienst und Leistung schaut, sondern auch die zu spät gekommenen einlädt in sein Reich, in seinen Weinberg, zu vielleicht unverdientem, aber von ihm gerne, reichlich gegebenen Lohn.

Heute möchte ich mir dieses Gleichnis ausleihen von Jesus und mit euch auf diesen Weinberg schauen, als läge er in Tailfingen -- vielleicht nicht unbedingt gerade "Stiegel Nordhang". Mittendrin eben, und überall, und ich finde das auch legitim, denn Jesus beginnt seine Rede mit dem Vergleich von Himmelreich und Weinberg und ein Stück vom Himmelreich, diesem Reich Gottes, das mit Jesus zu uns gekommen ist und das seither wächst auf seine Vollendung hin -- ein Stück von diesem Himmelreich lässt sich ja auch in Tailfingen verorten, weil da Menschen sind, die zu diesem Jesus gehören, die sich zu ihm zählen dürfen. "Die zum Herrn gehören". Kyriake auf griechisch. Kirche, auf deutsch.

Wir sind also mitten in unserem Thema.

Unser Stück Himmelreich gleicht einem Weinberg und da muss man am Anfang erstmal innehalten und kurz drüber nachdenken. Auch wenn hier im Gleichnis der Schwerpunkt ja auf der Arbeit liegt, die so ein Weinberg macht -- Arbeit, für die man viele Arbeiter braucht und noch mehrmals am Tag Verstärkung holt -- so darf man dabei nicht vergessen, wogüt so ein Weinberg noch steht. Wein ist nicht nur Grundnahrungsmittel, Wein ist Genußmittel. Die Weinlese, so viel Arbeit sie auch sein mag, trägt in sich das Versprechen von Feierabend und Fest, von neuem Wein, von Singen und Tanzen, von Überfluss und Freude. Und natürlich vom Lohn der Arbeit, ausbezahlt vom Herrn des Weinbergs. Auch der ist Grund zur Freude und -- bereits während der Arbeit -- zur Vorfreude.

Kommt also mit mir in den Tailfinger Weinberg und seht mit mir, was dort geschieht. Vielleicht ist das das Vorrecht des KGR, einfach durchspazieren zu dürfen und nach dem Rechten zu sehen.

Wenn wir am frühen Vormittag hinkommen, dann finden wir eine Gruppe bereits bei der Arbeit. Schon in den frühen Morgenstunden waren sie im Weinberg fleißig. Wie sie es eben immer waren. Die, die schon immer dabei waren. Die sich immer rufen lassen haben, wenn es um Kirche, um den Weinberg ging. Manche von ihnen können noch erzählen, wie sie gemeinsam die Kirchenbänke gezimmert haben. Andere sind praktisch zwischen den Kirchenbänken aufgewachsen. Der Weinberg der Kirche ist Teil ihres Lebens, nicht wegzudenken. Und das würden sie auch nicht wollen. Kirche ist ihnen wichtig. Sie waren immer bereit, Opfer dafür zu bringen, sich einzusetzen mit ihren Kräften. Sie stehen früh auf, um zu beten und das Gebet hat sie und den Tailfinger Weinberg schon durch manche spannende Zeit gebracht. Sie tragen einen Schatz von Lebenserfahrung und Weisheit in sich, haben vieles schon längst erlebt, was uns neu und aufregend erscheint. Sie tragen die Sicherheit des Glaubens mit sich, gestählt durch die Jahre, aber ungebeugt durch deren Last. Viele von ihnen sind alt geworden, aber sie sind immer noch da, treu wie eh und je, und nie käme es in Frage, nicht zu kommen; nicht dabei zu sein, nicht nach den Kräften, die sie noch haben, mit anzupacken. Oder wenigstens mit Rat zur Seite zu stehen, wo man sie braucht. Ohne sie wäre der Weinberg in Tailfingen nicht das große, reiche Schmuckstück, dass er heute ist. Ich wage mir gar nicht auszudenken, was wir ohne sie vorfinden würden.

Und [der Hausherr] ging aus um die dritte Stunde und sah andere... und sprach zu ihnen "Geht ihr auch hin in den Weinberg."

Wenn wir am späten Vormittag nach dem Weinberg sehen, ist eine zweite Gruppe hinzugekommen. Auch sie haben sich rufen lassen. Auch ihnen ist Kirche wichtig. Viele von ihnen sind die Generation nach den "Vätern" aus der Frühe. Sie sind aufgewachsen mit Kirche, mit dem Weinberg, in der guten Tailfinger Tradition, mit all seinen Reichtümern. Manche sind hinzugekommen in dieser Zeit mit ihrer Blüte. Der Weinberg liegt ihnen am Herzen. Kirche hat eine Bedeutung für sie gewonnen, die sie nicht missen möchten in ihrem Leben. Trotzdem machen sie vieles anders, als die vor ihnen. Sie feiern Gottesdienste auf andere Weise. Sie singen andere Lieder, lieben andere Musik. Sie bringen neue Ideen mit sich und die braucht es auch für ihre Generation, für die Menschen um sie her. Sie sind überzeugt, dass Kirche mit der Zeit gehen muss, dass Methoden, Formen und Erscheinungsweisen sich anpassen müssen an die Umgebung, in der sich der Weinberg Gottes befindet; auch wenn die Inhalte, das Evangelium, unveränderlich bleiben. Sie träumen von Neuem und sind bereit, nicht nur zu träumen, sondern mit anzupacken.

Ist denn im Weinberg Raum für beide? Hat es da Platz für Neues, neben dem alten, bewährten, das so lange getragen hat. Was werden die sagen, die schon seit früh morgens an der Arbeit stehen, wenn da jetzt plötzlich andere kommen, und Dinge anders machen? Werden sie Raum gewähren, auch wenn dann Kirche plötzlich anders aussieht, als das immer der Fall war? Werden sie sich mitfreuen, an dem was geschieht? Werden sie weiterhin da sein, mit Tatkraft und Ratkraft, vielleicht auch manchmal einen Schritt zurück im Hintergrund? Und wird es noch Raum für sie geben? Wird das noch ihre Kirche, ihr Weinberg sein, in all den Veränderungen? Wird man noch nach ihnen fragen? Wird man ihre Leistung würdigen? Wird man ihren Rat suchen?

Ist im Weinberg Raum für Altes und Neues, für "Groß und Klein", wie gestern auf einem der roten Kreise stand?

Abermals ging der Hausherr aus um die sechste Stunde und tat dasselbe.

Abermals ging der Hausherr aus. Und abermals. Und abermals.

Abermals ging der Hausherr aus, und wieder füllt ein neuer Konfijahrgang die Kirchenbänke. "Das ist auch euer Weinberg", erzählen wir ihnen ein Jahr lang. Das ist auch eure Kirche. Durch die Taufe seid ihr ein Teil davon. Nun auch ein mündiger Teil. Wir freuen uns auf euch! Kommt, macht mit. Seid dabei. Bringt euch ein. Gestaltet eure, unsere -- seine -- Kirche, seinen Weinberg hier in Tailfingen. Findet einen Platz für euch, für eure Generation. Wir laden euch ein, dazuzugehören. Ihr müsst nicht alles genau so machen, wie wir es machen oder die vor uns es gemacht haben. Seid kreativ, wagt Neues. Sucht Gottes Geist, der das Evangelium in euch lebendig macht, so wie es zu euch passt. Wir werben und hoffen und beten. Für viele ist es ein ganz neuer Gedanke in diesem intensiven Jahr. Werden sie ihren Platz finden? Gibt es Raum für sie? Müssen sie sich einfügen, anpassen, kirchenbank-förmig werden um auch da sitzen zu dürfen? Wollen sie da überhaupt sitzen oder werden sie ganz eigene Ideen von dem haben, wie sie sich das mit dem Weinberg vorstellen? Gibt es Freiraum, nicht nur die Wege von vorher zu lernen, sondern auch eigene, neue gehen zu dürfen?

Abermals ging der Hausherr aus, und wir mit ihm und wir zählten durch und machten eine Statistik im Tailfinger Weinberg. Und siehe, das Alter zwischen 25 und 50 fehlte verdächtig und so ging der Hausherr hin nach Stuttgart und fand das Ohr des Oberkirchenrats und redete und sprach, "Siehe, ein Diakon soll nach Albstadt Nord gehen und Wege finden, auch diese Menschen zu gewinnen für den Weinberg." Und Olaf Hofmann sprach: "Hier bin ich. Sende mich."

Und er ging hin und machte eine Umfrage und deren Ergebnisse kennen wir noch nicht. Die, die früh schon im Weinberg waren, haben nie eine Umfrage gebraucht, um sich zu engagieren. Manche halten sie gar für Zeit- und Energieverschwendung? Werden sie trotzdem bereit sein, hinzuhören? Die, die gerne Neues anpacken im Weinberg haben schon klare Ideen, was getan werden muss. Werden sie sich bestätigt finden? Wird es ganz andere Richtungen brauchen? Gibt es Raum im Weinberg für Neues, für das, was die bisher Vermissten brauchen? Werden auch wir bereit sein, manche uns lieb gewordenen Ideen und Vorstellungen in Frage zu stellen, um derer willen, die noch dazu gehören, aber die bisher nie den Eindruck hatten, der Weinberg sei ein Ort, wo sie ihre Zeit verbringen möchten?

Um die elfte Stunde ging der Hausherr aus und fand andere stehen. Um die elfte Stunde. 17 Uhr. Da ist der Arbeitstag im Grunde zu Ende.

Um die elfte Stunde ging der Hausherr aus und fand andere stehen. Wer steht denn da jetzt noch? Haben wir nicht längst alle Gruppen aufgezählt? Die Väter, die Urgesteine. Die nächste Generation, die Kirche neu denkt und weiterführt. Die zukünftige, neue Generation, die wir gerne einladen möchten, mit Kirche zu bauen. Die statistisch fehlende Generation auch. Wir haben ja schon nachgedacht, wer noch draußen, vor dem Weinberg an der Straße stehen könnte. Das gehört ja mit zu unserem Geschäft.

Um die elfte Stunde ging der Hausherr aus und fand andere stehen. Ganz bewusst habe ich mir keine bestimmte Gruppe für diese Uhrzeit ausgedacht. Das soll offen bleiben. Weil es immer wieder Überraschungen gibt. Weil wir nie alles auf dem Radar haben. Weil wir immer bereit sein müssen, zu erkennen, dass es außerhalb unserer Wahrnehmung Menschen gibt, die auch dazu gehören zu Gottes Weinberg. Wer weiß, wen er da noch alles findet...

Wird es Raum geben im Weinberg?

Wenn ich mich, uns, hineindenke in dieses Bild von den Arbeitern im Weinberg, dann gehen mir ein paar Dinge auf, die eigentlich selbstverständlich sind. Aber es tut gut, sich immer wieder bewusst daran zu erinnern.

Erstens: Ich bin nicht der Chef. Der Hausherr des Weinbergs ist ein anderer. Das heißt, mir gehört am Ende des Tages weder das Definitionsrecht darüber, wie der Weinberg zu sein und auszusehen hat, noch die Entscheidung darüber, wer sich in diesem Weinberg befindet. Es ist der Hausherr, der immer wieder hinausgeht und neue Arbeiter einlädt. Wahrscheinlich hat so mancher schon gedacht, jetzt würde es auch reichen. Was? Jetzt bringt er nochmal andere? Es ist seine Entscheidung, diese anderen einzuladen in seinen Weinberg und das ist gut so.

Zweitens: Ich bin einer von denen, die er in seinen Weinberg stellt. Da stehen wir nun. Seite an Seite. Schulter an Schulter. Mitten drin in den Reben. Jeder mit seiner Art, mit seiner Geschichte, mit seinen Bedürfnissen, mit seiner Arbeitsweise. Wir haben uns nicht jeden ausgesucht, mit dem wir da stehen. Aber es liegt an uns, wie wir das Miteinander im Weinberg gestalten. Wird es eng? Fliegen auch mal Ellenbogen, gar Fäuste? Kann ich mit Menschen arbeiten, die das ganz anders tun und sehen als ich? Gibt es Platz im Weinberg für unterschiedliche Gestalten und Formen? Wie wir umgehen mit dem Miteinander in Gottes Tailfinger Weinberg, wem wir Raum einräumen, wer seinen Platz findet, das liegt an uns.

Drittens: Der Abend kommt.

Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn.

Am Ende des Tages hat sich die Arbeit im Weinberg gelohnt. Für alle. Am Ende des Tages sieht der Weinberg sicher ganz anders aus, als vorher. Wahrscheinlich auch anders, als ich es mir vorgestellt hätte. Aber am Ende des Tages war es das alles wert. Am Ende des Tages steht Lohn. Und Wein. Und Fest und Freude. Mit ganz vielen, die inzwischen, so hoffe ich, Seite an Seite im Tailfinger Weinberg Freunde und Brüder und Schwestern geworden sind. Und mit Gott, der meinen Becher bekanntlich immer voll einschenkt.

Amen.

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