ERF Plus - HERZ+MUND

„Wach auf, mein Herz“


Listen Later

© Frank Wiesen

Wussten Sie, dass eines der berühmtesten deutschen Sommerlieder von einem Pfarrer geschrieben wurde? Es erschien 1653 in Johann Krügers Gesangbuch „Praxis Pietatis Melica“ und heißt „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. 15 Strophen lang besingt der Dichter und Pfarrer Paul Gerhardt in fast kindlicher Begeisterung die Schönheiten der Schöpfung. Von „Narzissus und Tulipan“ über Glucke, Storch und Schwälblein bis zur „hochbegabten Nachtigall“.

Als der Pfarrer diese heiteren Zeilen schrieb, war der brutale 30-jährige Krieg gerade mal fünf Jahre vorbei. Ein Krieg, in dem auch Paul Gerhardt zahlreiche Verwandte verloren und unfassbare Grausamkeiten erlebt hatte. Mitten in den Wirren des Krieges schrieb er einige seiner bewegendsten Lieder der Zuversicht über das trotzige „Dennoch“ des Glaubens. Und später auch die fröhlichen Verse von „Geh aus, mein Herz, und suche Freud!“

Paul Gerhardt hat das Leid nicht verdrängt, konnte aber auch die Freude besingen. Wie hat er das hingekriegt? Wie passt das zusammen? Geht beides? – Ja, das geht, wenn ein Mensch bereit ist zu üben, die krassen Widersprüche des Lebens irgendwie auszuhalten. Und dem alten biblischen Rat zu folgen: Alles hat seine Zeit, das Weinen und das Lachen.

Psychologen nennen das heute „Ambiguitätstoleranz“. Und die werden auch wir brauchen in der Zeit, die wir gerade erleben und auf die wir zugehen. Wie unbeschwert und „sicher“ unser Leben in Deutschland in den letzten Jahrzehnten war, merken wir wohl erst jetzt, wo die Welt in den Dauerkrisenmodus umgeschaltet hat. Kriege, Klimakrise, Artensterben, Flüchtlingsströme, Sie wissen, wovon ich rede.

Die Frage an uns lautet: Wie gelingt uns beides? Vor der Not um uns herum die Augen nicht zu verschließen und die Hochzeit von Freunden, die Geburt eines Kindes, die Schönheit des Sonnenuntergangs und das unverhoffte Meeresleuchten dennoch froh und dankbar zu feiern? Natürlich habe ich dazu auch keine fertige Lösung, empfehle aber, bei der Suche nach Antworten auch auf die Erfahrungen derer zu hören, die lange vor uns geglaubt, geliebt und gehofft haben. Menschen wie Paul Gerhardt zum Beispiel.

Mit dem folgenden Lied haben Timo Böcking und ich versucht, ihm ein kleines Denkmal zu setzen, frei nach dem Motto: „Komm und denk mal mit, was wir heute von ihm lernen können.“

Der Song zum Impuls
Wach auf, mein Herz

Autor: Martin Buchholz

Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden

...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

ERF Plus - HERZ+MUNDBy ERF - Der Sinnsender / Martin Buchholz