Christoph predigt

Wachet und betet


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,

Ich bin mir sicher, so hätten sie sich das nicht vorgestellt mit Jesus. Als sie drei Jahre vorher alles verlassen haben, um ihm nachzufolgen, da hatte er sie beeindruckt mit seinem Reden von Gott. In den drei Jahren danach hat er sie noch mehr beeindruckt, weil er nicht nur redete, sondern handelte. Und was er tat, das zeugte von seiner göttlichen Sendung: Blinde sehen, Lahme gehen. Taube hören. Aussätzige hat er geheilt. Tote auferweckt. Den Sturm hat er gestillt, auf dem Wasser ist er gelaufen und 5.000 Menschen wurden satt von fünf Broten und zwei Fischen. An jedem Tag schien es sich neu zu bestätigen: Dieser Jesus von Nazaret ist tatsächlich "Immanuel", Gott mit uns. Denn wer anders als Gott könnte diese Dinge tun.

Wenn er dann redete vom Reich Gottes, ganz nahe gekommen, dann hatten sie große Visionen vor Augen. Visionen, die sie nicht selbst erfunden hatten, sondern die genährt wurden von den Verheißungen der Propheten der vergangenen Jahrhunderte. Von Gott als Herrscher der Welt auf dem Zionsberg. Vom Gericht über seine Feinde. Von Freiheit für sein Volk. Vom Friedensreich, das die ganze Welt umfassen würde. Wo selbst Löwe und Lamm einträchtig beieinander leben könnten.

Natürlich war das noch keine Realität. Noch herrschten ja die römischen Besatzer in Judäa. Noch gab es ja auch innerhalb Israels Menschen, die in diesem Jesus nicht den versprochenen Retter sahen. Die ihm sogar nach dem Leben trachteten. In der Woche in Jerusalem hatte sich die Lage noch einmal zugespitzt. Die Spannung stieg mit jeder Begegnung mit den Mächtigen, eine große Volksmenge drum herum. Wieder und wieder ließ Jesus seine Gesprächspartner sprachlos zurück. Sprachlos und entsetzt, das sahen auch seine Freunde ein. Sie wussten längst, dass es in dieser Woche um alles oder nichts ging. Rein objektiv betrachtet sprach viel gegen ihren Jesus. Schließlich liefen alle Fäden der Macht auf der anderen Seite zusammen. Aber aus ihrem Blickwinkel muss das anders ausgesehen haben. Sie vertrauten ja auf Gottes Verheißungen. Sie hatten alles auf eine Karte, auf diesen Jesus gesetzt. Immanuel. Gott mit uns.

Die Spannung, die jeden Moment zur Katastrophe zu werden drohte, konnte also nur eines heißen: Bald würde er triumphieren. Bald würde das Blatt sich wenden. Sichtbar und mächtig und unüberbietbar würde sich Gott auf die Seite seines Sohnes stellen. Die Schlacht wäre in einem Augenblick geschlagen. Dann würde es keinen Zweifel mehr geben, wer er war: Immanuel. Gott mit uns.

So oder ganz ähnlich müssen sie es sich vorgestellt haben, die Sache mit Jesus.

Doch der Jesus, der hier im Garten betet, passt gar nicht zu diesem Bild. Verzweifelt und schwach, traurig und geplagt erscheint er hier. Ohnmächtig. Ja, das ist das richtige Wort: Ohnmächtig ausgeliefert. Gar nicht der triumphierende Sieger.


Man mag über die Jünger denken, was man will: Wir hätten es uns doch eigentlich auch ganz anders vorgestellt, die Sache mit Gott. Sei es in zwei Jahren Coronapandemie, oder jetzt, wo wir die Kriegsnachrichten aus der Ukraine hören -- der Christus, den wir jetzt brauchen könnten (eigentlich schon längst brauchen könnten), ist doch auch der triumphierende Siegertyp, der die Probleme und Nöte, die Leiden und die mächtigen Feinde mit einem einzigen Handstreich zur Seite wischt. Jetzt (wenn nicht jetzt, wann dann?) bräuchten wir doch den strahlenden Christushelden, der unser gläubiges Gebet erhört und beantwortet, indem er endlich mit Macht kommt und zeigt, dass er stärker ist als Krankheit und stärker als Armeen und als Vladimir Putin und egal wer sonst noch hinter den Nöten dieser Welt stehen mag. Wenn er damals Blinde sehend machen konnte, dann kann er doch auch mit einem Virus fertig werden, oder? Wenn er die Mächte der Finsternis austreiben konnte, dann dürften doch auch die Kriegstreiber heute kein Problem für ihn sein, oder? Wenn er selbst die Toten lebendig macht, dann kann es doch gar nicht sein, dass er mit den Dingen, die mich heute umtreiben, überfordert ist, oder?

Wann zeigt er sich denn endlich als der, der wir glauben, dass er ist, und den wir jetzt so dringend brauchen? Immanuel. Gott mit uns.


Sie können schon gar nicht mehr hinsehen. Jeder Blick auf den betend ringenden Jesus scheint ihren fragend gewordenen Glauben noch ein Stück kleiner zu machen. Ohnmächtig kniet er dort. "Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen"? "Nicht mein Wille geschehe, sondern deiner"?

Sie haben sich zurückgezogen von diesem erbärmlichen Schauspiel. Ihre Müdigkeit kann man sicher nicht nur auf den langen Tag zurückführen, auf den lauen Abend bei nahöstlichen Temperaturen und den Wein, den es vorher beim Abendessen gab. Ihr Schlaf ist die Apathie, die teilnahmslose Zurückgezogenheit derer, die das Leid, das sie sehen, überfordert. Die das, was sie erleben, nicht mehr einordnen können und irgendwann alles nur noch teilnahmslos an sich vorbeiziehen lassen. Ein Schutzmechanismus der menschlichen Psyche angesichts furchtbarer Bilder, die uns überfluten.


Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn in die Hände der Sünder überantwortet wird.

Keine Spur von Sieg und Triumph. Keine Spur vom starken Christushelden.

Immanuel? Gott mit uns?


Wachet und betet.

"Wachet und betet", sagt er. "Damit ihr nicht in Anfechtung fallt." Dabei ist es doch seine untätige Ohnmacht, die die größte Anfechtung zu sein scheint in dieser tragischen Zeit.

Immanuel? Gott mit uns?


Wachet und betet.

Wenn sie doch nur dazu in der Lage gewesen wären in dieser Zeit. Wenn sie doch nur genau hingesehen hätten, mit wachem Blick auf das Unerklärliche, dann hätten sie es vielleicht gesehen.


Wachet und betet.

Hinterher weiß man es immer besser. Wie leicht es ist, aus der Entfernung von 2.000 Jahren von der sicheren Kirchenbank aus Urteile über die angefochtenen Jünger zu fällen.


Wachet und betet.

Wir müssen uns das heute sagen lassen. Wir, die wir ja auch an manchen Gottesbildern verzweifeln, die wir so gerne vor uns hertragen und die an den Situationen, die uns gerade begegnen, zerbrechen.

Immanuel? Gott mit uns?


Wachet und betet.

Wer mit wachem Auge hinschaut, der sieht mehr als den ohnmächtigen Gottessohn. Der sieht etwas anderes als einen gescheiterten Messias, den seine Feinde in Kürze ans Kreuz nageln werden. Wer genau hinschaut, mitten hinein in diese ohnmächtige Agonie des betenden Jesus, der sieht das wahre Gesicht Gottes an dieser Stelle vielleicht deutlicher als an den meisten anderen Orten. Immanuel. Gott mit uns.

Gott mit uns. Bei uns. Eben nicht nur in unseren starken Stunden, in unseren Siegen und Triumphen. Eben nicht nur da, wo es gut geht und wo es einfach ist, zu glauben und Gottes Hand am Werk zu sehen.

Immanuel. Gott mit uns.

Gott mit uns. Bei uns. Eben gerade in der Ohnmacht, im Leiden. Eben gerade da, wo das Böse zu triumphieren scheint. Eben genau da, wo es keine Antworten mehr gibt, keine billigen Lösungen und auch keine teuren. Da, wo es gar nichts mehr gibt als das ohnmächtige, sprachlose Ertragen dessen, was zu mächtig ist, um auch nur von uns begriffen zu werden, geschweige denn überwunden. Genau da.

Immanuel. Gott mit uns. Gott mit uns. Bei uns.

Wer mit wachem Auge hinschaut, der beginnt zu begreifen dass diese Story vom "Immanuel" nicht nur ein romantisches Weihnachtsmärchen ist, irgendwo dort wo die Englein flöten und der "holde Knabe im lockigen Haar" selig lächelt.

Immanuel. Gott mit uns. Nie war er uns Menschen näher als dort, Auge in Auge mit dem unaussprechlichen Leid, aus dem es kein Entrinnen gibt. Nie war er uns näher als dort in der Ohnmacht, die wir so gut kennen. Just dieser Tage überfällt sie uns mit jeder neuen schlimmen Nachricht, diese Ohnmacht. Und alle versuchen, irgendetwas zu finden, was man tun kann in dieser Lage. Einen Ausweg. Eine Lösung. Zumindest ein kleines Stückchen Gutes, das ich irgendwie tun kann. Das ich dem Bösen, Dunklen entgegensetzen kann. Das verdrängt, was ich alles nicht tun kann. Die Ohnmacht.

Er war schon da. Lange vor mir. Er kennt diese Ohnmacht. Er geht da mitten hinein.

Immanuel. Gott mit uns. Gott mit uns. Bei uns.

Wer da mit wachem Auge hinschaut -- wer sich dem aussetzt und nicht teilnahmslos wegschaut in Trauer um ein gerade gestorbenes Gottesbild -- wer da hinschaut, der erkennt, dass der Immanuel, der Gott-mit-uns, gerade in unserer Ohnmacht zu finden ist. Dass er dann nicht nur damals dort im Garten war, sondern heute noch mitten drin sein muss: in den Trümmern von Kiew und Mariupol. Auf den Straßen voller flüchtender Menschen. In den russischen Gefängnissen, in die man die steckt, die für den Frieden demonstriert haben. In schaukelnden Schlauchbooten auf dem Mittelmeer. In den Wohnzimmern derer, die Angst haben und nicht wissen, was sie tun sollen. Die heute Hamsterkäufe machen und morgen vielleicht schon ihr Auto nicht mehr volltanken können. Dass er da ist, in den Schlafzimmern derer, die alleine weinen, weil ein lieber Mensch gestorben ist. Und auf den Intensivstationen, wo andere um ihr Leben kämpfen.

Wer schaut, wach und mit offenem Auge, der begreift, dass es genau da ist, wo er sein muss, wenn er wirklich der ist, der wir glauben, dass er ist.

Immanuel. Gott mit uns.


Wachet und betet.

Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?


Während andere die Augen verschließen vor der überwältigenden Ohnmacht lohnt sich für uns, wie für die Jünger damals, auch ein zweiter Blick auf den Christus, der dort im Garten mit Gott ringt.

Wachet und betet.

Wachet und betet. Das ist es ja, was er tut. In alles, was kommt, was ihn selbst zu überwältigen droht, geht er hinein im Dialog mit Gott, den er Vater nennt. Er trägt das Gewicht der Ohnmacht nicht alleine an diesem Abend. Er wendet sich an den, der versprochen hat, immer da zu sein. Den er sich immer zugewandt weiß. "Vater". Wie viel Vertrauen steckt in dieser Anrede. Vater. Nähe. Wärme. Liebe. Geborgenheit. Vater. Dein Wille geschehe.

Wachet und betet.

So hat er uns zu beten gelehrt: Unser Vater im Himmel. Dein Wille geschehe. So betet er selbst in dieser schweren Stunde. Wer hinschaut, der sieht an ihm, wie sehr das Beten trägt gerade in den schwersten Momenten.

Beten ist ja nicht irgendein magischer Wunscherfüllmechanismus. Manchmal denke ich, viele stellen sich Gott schon irgendwie vor wie einen Kaugummiautomaten. Gebet oben rein und unten kommt ein Wunder raus. Das ist genau das Gottesbild, das in diesen ohnmächtigen Momenten zerbricht. Das dem Leben nicht gewachsen ist.

Jesus stellt uns Gott nirgends als Kaugummiautomaten vor. Dafür aber immer als Vater. Als einen, mit dem ich über alles reden kann. Bei dem ich alles abladen kann. Der mich hört. Der mich versteht. Der mich liebevoll anhört und mich umgibt mit seiner Gegenwart.

Der genau das ist, was ich am dringendsten brauche:

Immanuel. Gott mit uns. Gott bei mir.

Selbst im allertiefsten Leid.


Wachet und betet.

Nachfolger:innen Christi in Bitz/Burladingen,

Ich will euch nichts vormachen. Es gibt o so viele Momente, in denen ich mir nichts sehnlicher wünschen würde als den mächtigen Triumphchristus, der mit allmächtiger Hand die Probleme wegfegt. Gott, vielleicht nicht als Kaugummiautomat (Ich persönlich mag sowieso kein Kaugummi), aber doch zumindest als einen, der auf unser Gebet Frieden vom Himmel wirft und Heilung. Der Panzer in Luft auflöst und Hass in geschwisterliches Miteinander. Wie wünschte ich mir so einen Gott.

Ohnmächtig sehe ich zu, wie der Friede auf sich warten lässt und Heilung und Miteinander auch.

Aber ich will meinen Blick nicht abwenden von diesem mir oft unverständlichen, leidenden Christus, sondern ich will noch einen dritten, wachen Blick auf ihn wagen.

Einen, der mit berücksichtigt, was ich heute weiß, aber was damals im Garten noch verborgen war. Denn ich kenne ja Teile der Christusgeschichte, die für die Jünger noch in der Zukunft lagen.

Wenn mein wacher Blick von diesem späten Donnerstagabend zum Freitag schweift -- zum Kreuz --, zum Samstag -- zum Grab --, und dann gar zum Sonntag, zur Auferstehung, dann blitzt plötzlich in all dem bedrückenden Dunkel ein Lichtschein der Hoffnung auf. Ich beginne zu ahnen, das mit diesem Christus und seinem ohnmächtigen Leiden tatsächlich das Friedensreich Gottes angebrochen ist. An dem was da geschieht, entdecke ich, dass sich die Macht des Bösen nur mit seiner Ohnmacht überwinden lässt. Das Stärke nur mit Schwäche zu besiegen ist und nie mit noch mehr Macht und Stärke. Dass die Antwort auf den Tod in seinem Sterben liegt. Dass er da erst hindurch muss, um in der Auferstehung das alles überwunden zu haben.

Wenn mein wacher Blick sich auf Christus richtet und auf den Gott, der diesen Weg mit ihm geht und ihn dann am Sonntag zu neuem Leben auferweckt, da sehe ich neu, was da noch alles auf uns zukommt -- hinter dem Dunkel, hinter dem Leid und dem Sterben. Da richtet sich mein Blick und meine Sehnsucht auf die Verheißung Gottes am Horizont und im Licht dieser Verheißung dämmert mir, dass es mehr gibt, als das, was mir hier so unumgänglich im Wege steht.

Wachet und betet.

Da bin ich plötzlich hell wach und voller Sehnsucht, voller Hoffnung und voll neuem Glauben an den Gott, der das, was er begonnen hat, auch vollenden wird.

Und der hier, in all dem tiefen Dunkel auf dem Weg zum Ostermorgen bei mir ist.

Immanuel. Gott mit uns.


Amen.

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