Christoph predigt

Wahrheit


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Aus dem Johannesevangelium, aus dem 18. und hinein ins 19. Kapitel:

28 Die Vertreter der jüdischen Behörden brachten Jesus von Kaiphas zum Sitz des römischen Statthalters, dem sogenannten Prätorium. Es war früh am Morgen. Sie selbst gingen nicht ins Prätorium hinein, um nicht gegen die Reinheitsvorschriften zu verstoßen. Sie wollten ja bald darauf am Passamahl teilnehmen.  29 Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: »Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann?«  30 Sie gaben ihm zur Antwort: »Wenn er kein Verbrecher wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert!«  31 Pilatus entgegnete ihnen: »Nehmt ihr ihn doch und verurteilt ihn nach eurem eigenen Gesetz.« Da sagten die Vertreter der jüdischen Behörden: »Wir dürfen aber niemanden hinrichten!«  32 So ging das Wort in Erfüllung, mit dem Jesus vorausgesagt hatte, welchen Tod er sterben musste.  33 Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein. Er ließ Jesus rufen und fragte ihn: »Bist du der König der Juden?«  34 Jesus antwortete: »Fragst du das von dir aus oder haben andere dir das über mich gesagt?«  35 Pilatus erwiderte: »Bin ich etwa ein Jude? Dein Volk und die führenden Priester haben dich zu mir gebracht. Was hast du getan?«  36 Jesus antwortete: »Das Reich, dessen König ich bin, stammt nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, hätten meine Leute für mich gekämpft. Dann wäre ich jetzt nicht in den Händen der jüdischen Behörden. Aber mein Reich stammt eben nicht von dieser Welt.«  37 Pilatus fragte weiter: »Also bist du doch ein König?« Jesus antwortete: »Du sagst es: Ich bin ein König! Das ist der Grund, warum ich geboren wurde und in die Welt gekommen bin: Ich soll als Zeuge für die Wahrheit eintreten. Jeder, der selbst von der Wahrheit ergriffen ist, hört auf das, was ich sage.«  38 Da fragte Pilatus ihn: »Wahrheit – was ist das?« Nach diesen Worten ging Pilatus wieder zu den Vertretern der jüdischen Behörde hinaus. Er sagte: »Ich halte ihn für unschuldig.  39 Es ist aber üblich, dass ich euch zum Passafest einen Gefangenen freigebe. Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden freilasse?«  40 Da schrien sie: »Nein, nicht den, sondern Barabbas!« Barabbas war aber ein Verbrecher.  1 Daraufhin ließ Pilatus Jesus abführen und auspeitschen.  2 Die Soldaten flochten eine Krone aus Dornenzweigen und setzten sie ihm auf den Kopf. Sie hängten ihm einen purpurroten Mantel um.  3 Dann stellten sie sich vor ihn hin und riefen: »Hoch lebe der König der Juden!« Dabei schlugen sie ihm ins Gesicht.  4 Pilatus ging wieder zu den Leuten hinaus und sagte: »Ich lasse ihn zu euch herausbringen. Ihr sollt wissen, dass ich ihn für unschuldig halte.«  5 Jesus kam heraus. Er trug die Krone aus Dornenzweigen und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu den Leuten: »Seht her! Da ist der Mensch!«  (Johannes 18,28-19,5)


Stille. Ganz lange Stille.

Was hörst du?

Stille.

An was denkst du jetzt?

Stille.

Was beschäftigt dich, wenn es still wird? Was starrt dir ins Gesicht? Was lässt dich unruhig auf deinem Sitz hin- und her rutschen? Warum ist Stille so unangenehm?

Stille.

Was ist Wahrheit?

Stille.

Wahrscheinlich ist es ein ganz normaler Tag beim Prokurator. Die üblichen, nicht besonders wichtigen Geschäfte in der noch nicht ganz so drückenden Frühjahrshitze in Jerusalem. Ein leichter Wind aus Westen, der alles noch ein wenig angenehmer macht. Schreibkram. Kleinigkeiten. Die 10. Legion hat wieder irgendeine Beschwerde. Die Geldeintreiber haben die üblichen Ausreden, warum sie bisher nur einen kleinen Teil des jährlich an Caesar abzuliefernden Steueraufkommens abgeliefert haben. Immer das gleiche hier in der Provinz. Ein frisch angekommener Offizier liefert den neuesten Klatsch aus der Hauptstadt. Nachrichten von militärischen Erfolgen in der Ferne. Irgendein Tüftler hat einen aberwitzigen Plan, wie man die Wasserversorgung Jerusalems durch ein Aquädukt sicherstellen könnte. In einem der eng bebauten Vororte ist eine Seuche ausgebrochen. Ein paar Schlägereien gab es in der Nacht auch. Ein paar Hitzköpfe durften jetzt über Nacht in einer Zelle abkühlen. Das Übliche eben. Schon am Sonntag gab es ja Scherereien drunten am Tor. Wieder so ein Möchtegern-Revolutionär, der sich für die Wiedergeburt König Davids hält. Ein paar Idioten lassen sich immer hinreißen, das zu glauben und für die Hand Gottes zu halten.

Pilatus seufzt. Er hat die Juden noch nie verstanden. Wie kann man an einen Gott glauben -- einen unsichtbaren, noch dazu! --, der die Geschichte der Welt in der Hand hält. Jetzt, wo es doch jedem auf den ersten Blick klar sein muss, dass dieses "Volk Gottes" längst unter die Räder der Geschichte gekommen ist. Pilatus zuckt mit den Schultern. Er glaubt an Recht und Ordnung. Das bevorstehende Fest wird sowieso schon genügend Schwierigkeiten mit sich bringen. Die Pläne für die Wachen liegen noch auf seinem Tisch. Vielleicht sollte er die Schichten doch noch einmal verdoppeln?

Es könnte ein ganz normaler Tag bleiben. Eine banale Sache nach der anderen. Langweilig. Wahrscheinlich sind Pilatus' Gedanken längst abgeschweift. Vielleicht denkt er ans Mittagessen. Kalte Hühnerbrust, Brot. Oliven aus Galiläa. Dazu ein römisches Bier. Oder er denkt an die Zeit nach der Arbeit, an den Ruhestand, der nicht mehr so weit weg sein kann. Ein Landhaus in Ostia vielleicht, an der Küste, an der Adria, und doch nicht zu weit weg vom blühenden kulturellen Leben der Hauptstadt. Weit weg von dieser stinkenden Provinz, in die man ihn gesteckt hat. Zeit und Muße. Vielleicht würden sie sich sogar als Ehepaar wieder etwas näher kommen.

Pilatus wird jäh aus seinen Tagträumen gerissen. Da haben sie ihm einen angeschleift. Darauf hat er jetzt wirklich gar keine Lust. "Nehmt ihn doch, und verurteilt ihn nach eurem eigenen Gesetz!" Aber die jüdischen Anführer wollen offenbar sichergehen, um den Schwarzen Peter am Ende an Caesar abschieben zu können. "Revolution" lautet die Anklage. Hochverrat. Damit muss sich der römische Staatsapparat befassen. Unter den wachsamen Augen des Bilds von Tiberius Caesar an der Wand muss Pilatus nun eben doch den Vorschriften genüge tun. Er seufzt noch einmal. "Du bist also der König der Juden?" Innerlich verdreht er die Augen. "Du, und fünftausend andere. Haben die eigentlich nichts besseres zu tun?"

Der Mann steht vor ihm, die Hände auf den Rücken gefesselt. Man sieht im an, dass sie grob mit ihm umgesprungen sind. Dass er heute Nacht kein Auge zu getan hat. Er riecht auch so. Seine Füße sind barfuß. Der Dreck der Straße klebt daran. Er steht da, leicht gebeugt, einen Riss im Obergewand, ein geschwollenes Auge. Wären sie jetzt allein hier, dann hätte Pilatus vermutlich einfach Mitleid mit ihm und würde ihn seiner Wege schicken, diesen Möchtegern-Heiland, der einfach nicht sieht, wie chancenlos er ist. "Du sagst es: Ich bin ein König."

"Ich soll als Zeuge für die Wahrheit eintreten."

Pilatus horcht auf. Ist da ein bitterer Unterton in seiner Stimme? Ein zynisch-sarkastischer? Oder macht er sich einfach nur lustig?

"Wahrheit -- was ist das?"

Stille.

Stille.

Was ist Wahrheit?

Keine Antwort.

Stille.

Die Stille starrt Pilatus ins Gesicht.

Die Wahrheit starrt Pilatus ins Gesicht.

Stille.

Vielleicht kann man die Wahrheit gar nicht aussprechen.

Vielleicht kann man sie nur in der Stille hören.

Stille.

Wahrheiten kann man aussprechen. Leben ist besser als tot sein. Liebe ist besser als Hass. Draußen scheint die Sonne. Wasser ist chemisch H₂O und der DAX schloss am Freitag mit 20.641 Punkten -- übrigens ein Minus von 4,95%.

Wahrheiten kann man besprechen. Es hätte eine anregende Diskussion werden können, über Sokrates und Platon, über Aristoteles: "Zu sagen, dass das ist, was ist, und dass das nicht ist, was nicht ist, das ist wahr." Über Pyrrhon, den alten Skeptiker oder Epikur, über Cicero und Seneca den Älteren. Wahrscheinlich hätte er gut mithalten können, der kulturell bewanderte Römer und am Ende sogar lachen über diesen galiläischen Bauern, der sich ernsthaft einbildet, in der Oberliga mitspielen zu können. Völlig überfordert. Das ist echt drei Nummern zu groß für ihn.

Wahrheiten kann man besprechen. Das könnten wir heute auch. Wir könnten über Weltpolitik reden, über Trumps Zölle, über die Ukraine, über Israel und Gaza, über Merz und die Schuldenbremse, über das Klima oder die Frage, ob Deutschland wieder in die Atomenergie einsteigen sollte. Wir könnten diskutieren, welches Auto man sich am besten kauft oder ob es sich gerade lohnt, in Aktien zu investieren. Wir könnten über den Zustand der Kirche diskutieren, über Pfarrpläne und Verwaltungsreform und über unsere Gebäude und das, was für die Zukunft, auch hier in Gäufelden, die beste Strategie sein könnte. Wir könnten uns gegenseitig mit Fakten informieren, denn die kann man aussprechen, gemütlich, bei einer Tasse Kaffee nach dem Gottesdienst, oder sich hitzig an den Kopf werfen oder gar um die Ohren hauen.

Wahrheiten kann man aussprechen. Manchmal vielfach und bunt und so unterschiedlich, "divergent", dass man sich am Ende fragt -- gerade im Zeitalter der KI -- ob wir es hier schon mit den berühmten "alternativen Fakten" zu tun haben.

Wahrheiten kann man aussprechen.

Was ist die Wahrheit?

Stille.

In der Stille starrt sie ihm ins Gesicht--und mir auch, und dir, denn wir sind doch alle Pilatus. Wir sind doch alle hier und lassen uns gerne ablenken mit banalen oder auch weniger banalen Fragen zu Wahrheiten, über die man nachdenken und diskutieren kann. Aber wenn uns die unangenehme Stille den Spiegel vorhält, dann drängt sich nach vorne, was wir lieber weiter verdrängt hätten. Im Spiegel starren wir selbst uns ins Gesicht.

Und im Gesicht dieses Mannes mit den bloßen Füßen und dem verhärmten Gesicht, vielleicht mit geschwollenem Auge und dem Geruch einer geraubten Nacht -- kann da nicht auch ein Pilatus sich selbst sehen: Seine Fragen. Sein Versagen. Seine Enttäuschungen. Seine zerplatzten Träume. Seine immer weiter aufgeschobenen Pläne. Was hätte sein können. Was wirklich war. Was nie sein wird. Die eigenen schlaflosen Nächte. Das, was dich schwitzend auf deiner Matratze herumwälzen lässt, wenn du ins Dunkel starrst und dir den Schlaf herbeiwünschst, der nicht kommen will. Deine unerfüllten Sehnsüchte, die du immer noch vor dir herträgst und die, die du längst fallen lassen hast. Das innere Kind in dir, das nach Hilfe schreit. Deine Selbstzweifel. Dein Gefühl, von den Erwartungen erdrückt zu werden. Und vor allem: Diese unendliche, gottverdammte Leere in dir!

Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht in dieser Stillepause und du wirst sie nicht losbekommen, selbst wenn du die Augen schließt. Du kannst sie nicht ausschließen, selbst wenn du dir die Ohren zuhältst.

Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht und du kannst sie nicht zum Schweigen bringen, indem du die Sache herunterspielst, Pilatus, wenn du sagst "Ich halte ihn für unschuldig" und vergeblich versuchst, ihn gegen Barabbas zu tauschen.

Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht und sie wird es weiter tun, wenn er dort am Kreuz hängt. Es ist dein tiefes Leid an seinem Körper. Es ist deine unsägliche Gottverlassenheit, die er von allen hörbar in die Welt hinausschreit.

Es ist dein Tod, den er stirbt.

Die Wahrheit starrt dir ins Gesicht und sie hat ein Gesicht: Seines. Das Evangelium, die gute Nachricht, beginnt mit dem Schocker dieser Wahrheit. Sie muss ankommen, auch wenn man sie nicht aushalten kann, damit ankommt, dass man sie nicht aushalten muss, weil er sie ausgehalten hat. Die Begegnung mit dir selbst wird zur Begegnung mit ihm, der an deine Stelle trat.

Wer sich der Wahrheit aussetzt, wer sich ihm aussetzt, ihm, der Wahrheit in Person, der entdeckt in ihm, dass sein Reich wirklich nicht von dieser Welt ist. Dass da, wo alle unsere Wahrheiten uns immer nur noch hilfloser und noch kleiner und noch verängstigter und verzweifelter zurücklassen, sein Reich dem allem etwas entgegensetzt, was keine Macht dieser Erde jemals anzubieten hätte. Der findet bei ihm Frieden und Gerechtigkeit und Hoffnung und Leben und Freude im Heiligen Geist.

"Ich bin der Weg, und die Wahrheit und das Leben.", sagt er von sich selbst (Johannes 14,6) und wer sich dieser Wahrheit aussetzt, dem steht die Tür zu Gott, dem Vater, offen.

Wer ihn sucht und anschaut, in der Stille, wer ihm zuhört, der Wahrheit, in der Stille, der hört dort auch das alte Lied vom Gottesknecht:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. (Jesaja 53, 4-5 LUT)

Das ist Wahrheit.

Das ist gute Nachricht. Evangelium.

Das ist Hoffnung und Leben.

Das ist er, Christus, unser Heiland.

Ihn will ich in der Stille hören.

Amen.

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