IMAGINE - Gemeinde Grossgrabe

Weihnachten – Es bleibt kompliziert


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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Manchmal bleibt es kompliziert, gerade zu Weihnachten, obwohl da ja genau alles stimmen soll: das Essen, die Getränke, die Gäste, die Geschenke, der Baum, der Schmuck. Friedlich soll es in unseren Familien sein, und dann ist es gerade manchmal ausgerechnet nicht friedlich, wenn alle aufeinander hocken und man mit denen zusammen ist, mit denen man übers Jahr manchmal auch eine schützende Distanz pflegt. Weihnachten – manchmal ist es eben auch kompliziert, ausgerechnet zu Weihnachten.

Josef und Maria: Von Anfang an kompliziert

So mag es auch für Maria und Josef gewesen sein. Von Anfang an war es da durchaus kompliziert. Da stimmt vieles nicht an dieser Szene, wie sie friedlich da im Stall um die Krippe stehen. Die ganzen Umstände der Geburt – kurz zuvor noch droht alles zu zerbrechen. Der Friede, der von der heiligen Nacht ausgeht: von Anfang an ein gefährdeter Friede.

In der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus spielt das eine Rolle. Das haben wir gehört im Evangelium: wie Josef mit sich ringt – mit seiner Maria, die einfach so schwanger ist, plötzlich nicht von ihm. Und das während dieser Verlobungszeit.

Er ringt mit der Situation, mit seinen Vorstellungen, was gut und richtig ist, und mit seiner Zuneigung zu Maria. Und Gott sei Dank: Ein Engel redet ihm gut zu. Das ist sehr notwendig, denn es ist kompliziert für ihn. Und in seiner Haut möchte ich nicht unbedingt stecken.

Der Gerechte und die vielen Stimmen

Josef ist ein Gerechter, und so möchte er auch ein anständiger junger Mann sein: ein frommer Jude, der versucht, nichts falsch zu machen. Und sein Leben verläuft bis hierher offensichtlich auch unauffällig. Er verhält sich so, er lebt so, wie man es von ihm erwartet. Er hat einen ordentlichen Beruf, ist Zimmermann. Er ist dabei, eine junge Frau zu ehelichenund eine Familie mit ihr zu gründen: Maria.

Alles ist so, wie es Generationen vor ihm gemacht haben. Er hat Maria vor der Ehe nicht angerührt, nicht mit ihr geschlafen. Bald aber wird es anders sein. Er freut sich schon auf das neue Leben mit ihr gemeinsam.

Dann doch plötzlich ist alles infrage gestellt. Die heile, vertraute Welt des frommen und gerechten Josef gerät ordentlich ins Wanken. Maria ist schwanger. Das muss den Josef wie so ein Paukenschlag getroffen haben, umgehauen haben: schwanger, aber nicht von ihm.

Stell mir vor, wie manch einer vielleicht auch im Dorf auf ihn eingeredet hat – vielleicht auch aus der Familie, aus dem Freundeskreis, in diesem kleinen Nest Nazareth: Das geht doch nicht. Wie kannst du mit einer solchen Frau zusammen sein, wenn das schon so losgeht? Sie war doch erst so nett, und alles in Ordnung – und nun das. Haben wir uns in ihr getäuscht. Und vielleicht auch: Du weißt doch, was das Gesetz in diesem Fall fordert – nach altem jüdischem Recht: Steinigung für Maria. Schließlich war sie dir versprochen, Josef. Ihr seid doch ein verlobtes Paar. Was für eine Schande für die Familie ist das. Weg mit ihr.

Josef wird ganz verschiedene Stimmen gehört haben in dieser Zeit. Vielleicht ist er verzweifelt. Vielleicht spürt er auch: „Ich liebe diese Frau Maria.“ Und vielleicht weiß er auch – wie es nur ein Liebender wissen kann – Maria ist eine Gute. Er hat sich in ihr nicht getäuscht. Sie ist und bleibt seine geliebte Frau, seine Verlobte – immer noch.

Und vielleicht gab es auch jemanden, der ihm die andere Seite gezeigt hat. Vielleicht ein Freund, vielleicht auch eine alte wissende Frau, die genau weiß, dass das früher auch nicht anders war – mit den Kindern und mit der Heirat – und dass das manchmal auch anders läuft. Eine wissende Frau, die sagt: „Josef, was die Leute für anständig halten, ist nicht das Wichtigste. Maria braucht dich. Das Kind braucht dich. Opfere sie nicht der Anständigkeit wegen. Wir haben immer eine Wahl. Hör auf dein Herz.“

Und Josef liebt diese Maria. Das weiß er. Aber da ist auch die Aussage: Er darf es nicht mehr. Nicht diese Frau – da ist das Gesetz ganz klar. Was bleibt ihm da also noch für eine Möglichkeit? Er könnte sie heimlich verlassen, seine Verlobung auflösen. Dann wäre Maria allein, aber zumindest wieder frei. Und er auch. Die Härte des Gesetzes könnte abgewendet werden. Vielleicht die beste Option.

Der Engel im Traum

All diesen Gedanken hat er sich schlafen gelegt. Und mitten in seine Zerrissenheit kommt Gott im Traum, schickt einen Engel. Und dieser Engel ist kein goldener, hausbackener mit Flügeln. Er kommt daher als ein Engel mit viel Klarheit und Wahrheit. Er spricht kurz und knapp die entscheidenden Worte, und er hat einen eindeutigen Auftrag an Josef:

„Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“

Was der Engel von ihm will: eine ziemlich klare Ansage. Er will, dass er die Moralvorstellungen seiner Mitmenschen, seiner Zeit hinter sich lässt und das tut, was jetzt hier dran ist. Er sagt: Dieses Kind ist von Gott. Das ist kein Fehlschlag, das ist kein Fehler, das ist kein Ausrutscher. Dieses Kind kommt von Gott. Schön, wenn man das heute auch auf jedes Kind übertragen kann: Kein Kind ist ein Fehlschlag, sondern kommt von Gott.

Für Josef hier noch mal ganz besonders: Vertrau darauf, dass das hier Gottes Plan ist. Gegen die Sitten, gegen das Gesetz soll sich Josef stellen und Maria zu sich nehmen – so tun, als sei er der Vater.

Und Josef gewinnt Klarheit: Dieses Geschenk, dieses Kind ist tatsächlich ein Geschenk Gottes, und er soll ihm den Namen Jesus geben – Gott rettet. Und das ist wie so oft in der Bibel Programm. Also: Joshua im Hebräischen heißt nichts anderes als „Gott rettet“ – und ein Name, der Programm sein wird für das ganze Leben von Jesus.

Ein Kind von Gott. In Maria wächst es heran. Josef soll der Vater auf Erden sein. Wir erfahren nicht so richtig, was Josef dazu denkt, aber wir erfahren, was er tut: Denn er trifft seine Entscheidung und nimmt Maria zu sich, und die beiden bleiben zusammen.

In Bethlehem stehen sie nebeneinander. Das Kind ist da. Werden all diese Gefühle, diese Gedanken noch in Josef gewesen sein in der heiligen Nacht? Ich denke schon. Ich denke, es bleibt kompliziert – auch für ihn.

Hoffnung für heute

Und das ist etwas, was mir auch Hoffnung macht für unsere heutige Zeit. So viele Familien, wo ich weiß: Da ist eine Trennungsgeschichte da, da ist immer die Frage: Wie machen wir das mit den Kindern? Wo sind die an Weihnachten? Ähm, wie kann irgendwie jeder damit leben? Genau. Familien, die sagen: Wir leben getrennt, aber zu Weihnachten kommen wir zusammen, und das feiern wir zusammen – für die Kinder. Äh, es ist alles nicht so ganz einfach.

„Fürchte dich nicht, das wird schon. Alles wird gut mit Gottes Hilfe“, sagt der Engel dem Josef.

In wilden Zeiten hoffe ich darauf, dass Gott spricht, dass er einen Engel schickt, der mir hilft, die vielen Stimmen zu ordnen und meinen Blick auf das Wesentliche zu wenden. Der Engel zählt auf, was Josef tun soll – im Namen Gottes, im Namen der Liebe: Gib Maria nicht preis, entreiße sie der drohenden Schande. Nimm die Geliebte zur Frau.

Schön denkt Josef vielleicht heimlich, dass genau das, was ich vielleicht tief in meinem Herzen eh machen wollte. Ich glaube, manchmal ist es schon ein Geschenk Gottes, wenn er mir Gewissheit gibt. Ich trage oftmals das Gefühl für das Richtige schon in mir. Dann ist es gut, einen Engel zu haben, der sagt: „Hab Vertrauen, fürchte dich nicht, ergreif das Gute, mach es – und nimm das andere in Kauf.“

Liebe als Maßstab

Es bleibt kompliziert. In der komplizierten Lebenssituation wird Josef zum stummen und großartigen Helden, der auf den Engel Gottes hört. Vielleicht, in gewissem Sinne, wird er zum Komplizen Gottes in diesem Ereignis – wie viele von uns immer mal wieder zu Komplizen Gottes werden dürfen.

Später wird sein Sohn Jesus („Gott rettet“) auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot antworten: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Die Liebe ist für Jesus der Maßstab für alle Gebote. Wichtiger als ein Gebot zu halten, ist es, der Liebe zu entsprechen: das zu tun, was der Liebe dient.

Und die Liebe dient immer als Maßstab, um zu überprüfen: Ist das Gebot noch sinnvoll? Passt das in der Situation? Oder ist es vielleicht in bestimmten Situationen sogar notwendig, Gebote, Regeln über Bord zu werfen, um nicht die Liebe dabei zu verlieren?

Das ist die Richtschnur gerade dort, wenn wir – wie so oft in unserem Leben – eben in Dilemmata stecken, wo es nicht so eindeutig und klar ist, was richtig ist, und verschiedene Regeln auch gegeneinander stehen.

Ich frage mich: Hat Josef, dieser Mann, der dieses Nächstengebot der Liebe gelebt hat – schon vor der Geburt Jesu, in seiner Liebe zu Maria – hat er das auch dem kleinen Jesus dann nahegebracht? War er der Lehrmeister Jesu in der Liebe?

Josef tut, was aus Liebe getan werden muss. Und die Liebenden verändern die Welt – und damit wird vieles gut. Nicht alles, aber vieles.

Frieden mitten im Kuttelmuddel

Und auch in dem zerrissenen Josef kehrt Frieden ein. Auch die kleine Familie findet Frieden inmitten des Kuttelmuddels. Das Leben bleibt kompliziert genug, aber es ist auch schön. Endlich hat Josef seine kleine Familie: Maria und Jesus – anders als geplant. Aber so ist es immer wieder, wenn Gott mitmischt.

Mitten in schwierigen Lebensumständen wird in der kleinen, von den Römern besetzten Provinz Judäa der Retter der Welt geboren. Weihnachten ist vieles kompliziert und doch ganz wunderbar. Durch alles hindurch wirkt Gott. In die komplizierten Beziehungen hinein spricht ein Engel. Als alles zu zerbrechen droht, wird alles gewendet. Es wird so gut, dass die Engel ihr Lied anstimmen:

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen ein Wohlgefallen.“

Da zieht Glanz ein auf der Erde, und auch Josef kann einstimmen in den Lobgesang. Und wir tun es in jedem Gottesdienst mit unseren Gesängen.

Das ist Weihnachten: wenn Frieden einkehrt inmitten von komplizierten Umständen.

Das erleben die Menschen, die zum ersten Mal ohne ihren geliebten Verstorbenen Weihnachten feiern müssen. Das erleben Familien, in denen es eben kompliziert zugeht. Das wissen diejenigen, die das schon als Kind erleben: dass die Welt eben manchmal komplizierter ist, als ich mir das wünsche.

Das fühlen alle, die sich nach Frieden und Harmonie sehnen und die den Streit und die Kriege in der Welt kaum ertragen; und alle, die sich Sorgen machen um eine Welt, die sich immer weiter erhitzt und manche Lebensräume unbewohnbar macht.

Es ist kompliziert. Es bleibt kompliziert, unsere Welt – auch zu Weihnachten. Trotzdem: Mit Gott kehrt Frieden ein in mein Herz, indem Gott kommt und mitmischt und da ist; und ich darauf vertrauen darf, dass er mit mir und uns allen durch diese Kompliziertheiten hindurchgeht.

Fürchte dich nicht. Amen.

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