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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Burladingen,
Es ist Nacht auf dem See.
Nicht, dass sie das beeindruckt hätte. In ihrer Nussschale von einem Boot fühlten sie sich sicher in der Dunkelheit auf dem Wasser. Kein Grund zur Sorge. Schließlich waren einige von ihnen routinierte Fischer. Die fuhren eigentlich immer nachts raus, um Fische zu fangen. Die kannten den See und seine Launen, seine Untiefen, seine Strömungen. Den kannten sie blind. Auch bei Nacht. Kein Grund zur Sorge.
Aber dann gibt es die Nächte, in denen alles anderes ist. Die Nächte, in denen der Wind dir ins Gesicht pfeift und das Boot nicht vorwärts kommt. Die Nächte in denen du ruderst und machst und doch nichts erreichst. Die Nächte, in denen das Boot nicht mehr nur sanft schaukelt, sondern sich hebt und senkt, auf und ab. Immer höher. Immer steiler. Immer schneller. Die Nächte, in denen es in alle Richtungen schaukelt, wild und planlos und du merkst, du hast es nicht mehr unter Kontrolle. Der Regen prasselt von oben, die Gischt hat dich völlig durchnässt und im fahlen Mondlicht türmen sich immer höhere Wellenberge vor dir auf.
Es gibt die Nächte, in denen du keinen Schlaf findest. Die Nächte, in denen du dich hin- und herwälzt und keine Position findest, die dich zur Ruhe kommen lässt. Die Nächte, in denen es dich juckt und kratzt. In denen dir heiß und kalt wird und das liegt nicht an einem fehlenden Paar warmer Socken. Die Nächte, in denen du daliegst und im Mondschein an die Decke starrst, denn wenn du die Augen schließt, dann türmen sie sich vor dir auf -- die schwarzen Berge all dessen, was vor dir liegt. Prüfungen. Sorgen. Probleme, und keine Lösung in Sicht. Krankheit. Zukunftsangst. Der leere Platz im Bett neben dir, wo sonst immer ein geliebter Mensch lag. Die Bilder, die Gedanken prasseln auf dich herab. Du bist völlig nassgeschwitzt. Es fühlt sich an, wie in einem Boot auf dem See Genezareth.
Donner kracht. Blitze zucken.
Dort in Galiläa geht das ganz schnell. Die besondere Lage des Sees, eingebettet zwischen Bergen, hat schon für manche Überraschung gesorgt. Die steilen Schluchten des Berglands wirken wie Trichter, die den Wind einfangen und bündeln und so konzentriert auf den See lenken, dass in Minutenschnelle ein Sturm aufziehen kann. Wo vorher ruhiges Wasser war, wogen dann plötzlich die hohen Wellen. Auch manch routinierter Fischer kommt da ganz unerwartet in Seenot.
Es gibt die Nächte und Tage, da ist das weit weg von Galiläa nicht anders. Da weht mir die steife Brise ganz unerwartet ins Gesicht. Da scheint sich plötzlich alles auf mich zu konzentrieren. Mein Bett und mein Sofa, mein Haus, mein Leben, werden zu einer tanzenden Nussschale im tobenden Sturm des Lebens.
Ich bin in Not. Ich brauche Hilfe.
Und keiner ist da, der mir hilft.
Der Platz von Jesus im Boot der Jünger ist leer. Der, der den Sturm mit einem Wort und einer Handbewegung stillen kann, ist nicht da in dieser Nacht. Nach einem langen Tag, nach einer großen Volksmenge, hat er die Ruhe gesucht. Allein. Die Jünger hat er vorausgeschickt im Boot.
Hat er denn nichts von dem Sturm geahnt?
War ihm denn nicht klar, dass sie seine Hilfe brauchen würden?
In meinen unruhigen Tagen und Nächten fühlt es sich oft an, als wäre sein Platz leer. Als wäre ich ganz allein auf mich gestellt, mit meinen kleinen Möglichkeiten, meinem winzigen Boot im Sturm.
Hat Gott mich vergessen? Im Stich gelassen? Ist er überhaupt jemals da, wenn man ihn braucht? Ist da wirklich jemand, hinter den grauen Wolken des Himmels -- jemand, der mich sieht und hört? Und liebt?
Im schaukelnden Boot, mit dem Wind im Gesicht und den rollenden Wellenbergen, habe ich keine Zeit für theologische Fragen.
Da bleibt nur der verzweifelte Kampf ums Überleben. Irgendwie den Sturm durchstehen, ohne unterzugehen.
In der vierten Nachtwache kommt Jesus.
Mit ihm hat keiner mehr gerechnet. "Ein Gespenst", schreien die Jünger.
Vier Nachtwachen gibt es in der römischen Zeiteinteilung. Jesus kommt irgendwann nach 3:00 Uhr. Wenn die Nacht am tiefsten ist. Am dunkelsten.
Die Stunden im Sturm ohne ihn müssen sich wie Jahre angefühlt haben. Seltsam, wie die Zeit sich in die Länge zieht, wenn wir am Verzweifeln sind.
In der vierten Nachtwache kommt Jesus.
Über das Wasser. Durch den Sturm. Über die Wellenberge und durch die Wellentäler. Durch den Wind und die peitschende Gischt.
Schon hier wird klar: Er steht über den Problemen. Ihm macht das alles nichts aus. Mittendrin im Toben der Elemente ist es, als mache er einen Abendspaziergang.
Im Denken der jüdischen Antike hatte Wasser immer etwas bedrohliches. Der See, das Meer, waren Sinnbild der Chaoskräfte dieser Welt. Unbändig, übermächtig. Unberechenbar und gefährlich.
Die Schöpfungserzählung beginnt mit Gott, der die Wasser in seine Schranken weißt. Der die Fluten bändigt.
Jesus geht auf dem Wasser. Er braucht keine menschlichen Hilfskonstruktionen. Kein Boot, dass doch nur wenig hilft in diesem Sturm.
Er ist der Herr über das Chaos. Er ist der Meister über den Sturm.
Und trotzdem fällt es beim Lesen der Geschichte oft gar nicht auf, dass Jesus hier nicht -- wie anderswo -- den Sturm einfach stillt. Ein Wort. Eine Handbewegung. Das würde doch reichen. Aber das tut er gar nicht.
Mich haben Geschichten von Menschen immer beeindruckt, die erzählen konnten von Stürmen des Lebens, die Gott einfach so in einem Augenblick weggewischt hat. Als wäre nichts gewesen.
Meine Stürme dauern oft viel länger. Kein Sturmstillungswunder in Sicht.
Aber Jesus. Der ist da. Mitten im Sturm, in den Wellen, in der Angst. Der ist da und geht auf dem Wasser. Er kommt auf mich zu. Das ist mir mehr wert als jedes andere Sturmwunder.
Habt ihr denn wirklich gedacht, er hätte euch vergessen?
Der Sturm geht weiter. Erst am Ende der Erzählung wird er sich legen. Von selbst, übrigens. Wie die meisten Stürme das irgendwann tun.
Jesus ist da.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht!"
Angesichts seiner Gegenwart schöpfen sie neue Hoffnung.
Ein Lichtstrahl, ein Loch in den schwarzen Wolken!
Jesus ist da.
Die einen klammern sich jetzt mit neuer Kraft an die Bretter ihres Boots. Unsere menschlichen Hilfen und Anstrengungen, unsere Problemlösungsversuche plus ein bisschen himmlischer Beistand -- das sollte doch reichen!
Ich will sie ja gar nicht zu sehr kritisieren. Mir ist das zu bekannt. Es erinnert mich an so viele eigene Versuche, die Stürme irgendwie zu überstehen.
Meine menschliche Kraft plus ein bisschen Himmel.
Ist das die Lösung?
Einer steigt aus dem Boot.
Weil er gleich untergehen wird, wird das oft nur ungenügend gewürdigt.
Einer steigt aus dem Boot.
Einer setzt den Fuss über die gitschige, glitschige Bordkante.
Einer steigt mitten hinein in die wogenden Wasser.
Einer geht schnurstracks hinein in den Wind.
Einer lässt alles zurück, was ihn bisher gerade noch gehalten hat.
Jesus ist da.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht."
Das reicht ihm.
Er steigt aus.
Er steigt aus aus dem Vertrauen auf das, was Menschen scheinbar hält. Er steigt aus aus dem eigenen, verzweifelten Rudern. Er steigt aus aus den fruchtlosen Bemühungen, die Situation doch noch irgendwie zu retten. Boot plus ein bisschen Himmel, das ist ihm nicht gut genug.
Jesus ist da. Das ist seine Lösung.
Er setzt alles auf eine Karte.
Er setzt seinen Fuß aufs Wasser.
Er lässt die vertrauten Bretter zurück.
Er... geht.
Er tut einen unsicheren Schritt.
Noch einen.
Er geht!
Er geht auf dem Wasser.
Er geht auf Jesus zu.
Er geht weg von dem schwankenden Boot.
Er geht zuversichtlich hinein in die Probleme.
Er geht zielstrebig auf seine Hilfe zu.
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er geht, Schritt für Schritt.
Er geht hinweg über die Fluten, die ihm gerade noch so viel Angst bereitet hatten.
Er geht hinein in eine neue Zeit, hinein in ein Morgen mit Jesus.
Er geht... unter.
Er rudert, er schlägt um sich. Er schluckt Wasser. Er hustet und prustet.
Plötzlich sind da nur noch Wellen, Wasser, Wind und schwarze Nacht.
Was ist passiert?
Er hat den Wind gesehen.
Er hat sich an die Not erinnert und den Blick auf Jesus verloren.
Und dann war gar nichts mehr da: Kein Boot. Keine Bretter. Kein Himmel und kein Jesus.
"Kleingläubiger", nennt ihn Jesus, der ihn gerade noch vor dem Absaufen rettet.
Der ihn packt und nach oben zieht.
Kleingläubiger. Dabei hat er doch am meisten geglaubt in dieser Geschichte.
Die anderen rudern immer noch.
Das Boot reicht nicht aus. Die menschlichen Anstrengungen retten uns nicht.
Boot plus ein bisschen Himmel ist besser als nur Boot. Aber nicht genug.
Glaube, der wagt, auszusteigen, ist super. Das muss man erst mal schaffen!
Aber das reicht nicht, um dich vor dem Untergehen zu bewahren.
Es reicht nicht, sich auf den eigenen Glauben zu verlassen. Darauf, was für ein toller Christenmensch ich bin. Was ich alles weiß. Was ich alles erlebt habe mit Gott. Was für ein frommer Mensch ich bin. Das wird schon reichen, wenn der Sturm kommt!
Es reicht nicht. Nichts, was ich tun kann und habe, reicht aus.
Nur Jesus kann mich retten.
Und er ist da.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht."
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. (Ps 66, 5)
Kommt und seht -- ihn!
So kommt ihr durch den Sturm.
"Kleingläubiger", nennt ihn Jesus, der ihn nun fest an der Hand hält.
Hat sich eigentlich schon einmal jemand gefragt, wo sich diese Unterhaltung abspielt? Auf den nassen Brettern des Boots? Später, am sicheren Ufer?
Der nächste Satz verrät es: "Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich."
Merkt ihr was? Die Unterhaltung mit Jesus findet auf dem Wasser statt. Mitten in den Wellen. Mitten im Wind.
Da stehen sie nun. Jesus und der nasse Jünger.
Da stehen sie, ganz ohne Boot und Bretter.
Da stehen sie, trotz Wind und Wellen.
Da stehen sie, als ob nichts ihnen etwas anhaben könnte.
Da stehen sie, weil nichts ihnen etwas anhaben kann.
Weil Jesus da ist.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht."
Das ist das einzige, worauf es ankommt im Sturm.
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Burladingen,
Es ist Nacht auf dem See.
Nicht, dass sie das beeindruckt hätte. In ihrer Nussschale von einem Boot fühlten sie sich sicher in der Dunkelheit auf dem Wasser. Kein Grund zur Sorge. Schließlich waren einige von ihnen routinierte Fischer. Die fuhren eigentlich immer nachts raus, um Fische zu fangen. Die kannten den See und seine Launen, seine Untiefen, seine Strömungen. Den kannten sie blind. Auch bei Nacht. Kein Grund zur Sorge.
Aber dann gibt es die Nächte, in denen alles anderes ist. Die Nächte, in denen der Wind dir ins Gesicht pfeift und das Boot nicht vorwärts kommt. Die Nächte in denen du ruderst und machst und doch nichts erreichst. Die Nächte, in denen das Boot nicht mehr nur sanft schaukelt, sondern sich hebt und senkt, auf und ab. Immer höher. Immer steiler. Immer schneller. Die Nächte, in denen es in alle Richtungen schaukelt, wild und planlos und du merkst, du hast es nicht mehr unter Kontrolle. Der Regen prasselt von oben, die Gischt hat dich völlig durchnässt und im fahlen Mondlicht türmen sich immer höhere Wellenberge vor dir auf.
Es gibt die Nächte, in denen du keinen Schlaf findest. Die Nächte, in denen du dich hin- und herwälzt und keine Position findest, die dich zur Ruhe kommen lässt. Die Nächte, in denen es dich juckt und kratzt. In denen dir heiß und kalt wird und das liegt nicht an einem fehlenden Paar warmer Socken. Die Nächte, in denen du daliegst und im Mondschein an die Decke starrst, denn wenn du die Augen schließt, dann türmen sie sich vor dir auf -- die schwarzen Berge all dessen, was vor dir liegt. Prüfungen. Sorgen. Probleme, und keine Lösung in Sicht. Krankheit. Zukunftsangst. Der leere Platz im Bett neben dir, wo sonst immer ein geliebter Mensch lag. Die Bilder, die Gedanken prasseln auf dich herab. Du bist völlig nassgeschwitzt. Es fühlt sich an, wie in einem Boot auf dem See Genezareth.
Donner kracht. Blitze zucken.
Dort in Galiläa geht das ganz schnell. Die besondere Lage des Sees, eingebettet zwischen Bergen, hat schon für manche Überraschung gesorgt. Die steilen Schluchten des Berglands wirken wie Trichter, die den Wind einfangen und bündeln und so konzentriert auf den See lenken, dass in Minutenschnelle ein Sturm aufziehen kann. Wo vorher ruhiges Wasser war, wogen dann plötzlich die hohen Wellen. Auch manch routinierter Fischer kommt da ganz unerwartet in Seenot.
Es gibt die Nächte und Tage, da ist das weit weg von Galiläa nicht anders. Da weht mir die steife Brise ganz unerwartet ins Gesicht. Da scheint sich plötzlich alles auf mich zu konzentrieren. Mein Bett und mein Sofa, mein Haus, mein Leben, werden zu einer tanzenden Nussschale im tobenden Sturm des Lebens.
Ich bin in Not. Ich brauche Hilfe.
Und keiner ist da, der mir hilft.
Der Platz von Jesus im Boot der Jünger ist leer. Der, der den Sturm mit einem Wort und einer Handbewegung stillen kann, ist nicht da in dieser Nacht. Nach einem langen Tag, nach einer großen Volksmenge, hat er die Ruhe gesucht. Allein. Die Jünger hat er vorausgeschickt im Boot.
Hat er denn nichts von dem Sturm geahnt?
War ihm denn nicht klar, dass sie seine Hilfe brauchen würden?
In meinen unruhigen Tagen und Nächten fühlt es sich oft an, als wäre sein Platz leer. Als wäre ich ganz allein auf mich gestellt, mit meinen kleinen Möglichkeiten, meinem winzigen Boot im Sturm.
Hat Gott mich vergessen? Im Stich gelassen? Ist er überhaupt jemals da, wenn man ihn braucht? Ist da wirklich jemand, hinter den grauen Wolken des Himmels -- jemand, der mich sieht und hört? Und liebt?
Im schaukelnden Boot, mit dem Wind im Gesicht und den rollenden Wellenbergen, habe ich keine Zeit für theologische Fragen.
Da bleibt nur der verzweifelte Kampf ums Überleben. Irgendwie den Sturm durchstehen, ohne unterzugehen.
In der vierten Nachtwache kommt Jesus.
Mit ihm hat keiner mehr gerechnet. "Ein Gespenst", schreien die Jünger.
Vier Nachtwachen gibt es in der römischen Zeiteinteilung. Jesus kommt irgendwann nach 3:00 Uhr. Wenn die Nacht am tiefsten ist. Am dunkelsten.
Die Stunden im Sturm ohne ihn müssen sich wie Jahre angefühlt haben. Seltsam, wie die Zeit sich in die Länge zieht, wenn wir am Verzweifeln sind.
In der vierten Nachtwache kommt Jesus.
Über das Wasser. Durch den Sturm. Über die Wellenberge und durch die Wellentäler. Durch den Wind und die peitschende Gischt.
Schon hier wird klar: Er steht über den Problemen. Ihm macht das alles nichts aus. Mittendrin im Toben der Elemente ist es, als mache er einen Abendspaziergang.
Im Denken der jüdischen Antike hatte Wasser immer etwas bedrohliches. Der See, das Meer, waren Sinnbild der Chaoskräfte dieser Welt. Unbändig, übermächtig. Unberechenbar und gefährlich.
Die Schöpfungserzählung beginnt mit Gott, der die Wasser in seine Schranken weißt. Der die Fluten bändigt.
Jesus geht auf dem Wasser. Er braucht keine menschlichen Hilfskonstruktionen. Kein Boot, dass doch nur wenig hilft in diesem Sturm.
Er ist der Herr über das Chaos. Er ist der Meister über den Sturm.
Und trotzdem fällt es beim Lesen der Geschichte oft gar nicht auf, dass Jesus hier nicht -- wie anderswo -- den Sturm einfach stillt. Ein Wort. Eine Handbewegung. Das würde doch reichen. Aber das tut er gar nicht.
Mich haben Geschichten von Menschen immer beeindruckt, die erzählen konnten von Stürmen des Lebens, die Gott einfach so in einem Augenblick weggewischt hat. Als wäre nichts gewesen.
Meine Stürme dauern oft viel länger. Kein Sturmstillungswunder in Sicht.
Aber Jesus. Der ist da. Mitten im Sturm, in den Wellen, in der Angst. Der ist da und geht auf dem Wasser. Er kommt auf mich zu. Das ist mir mehr wert als jedes andere Sturmwunder.
Habt ihr denn wirklich gedacht, er hätte euch vergessen?
Der Sturm geht weiter. Erst am Ende der Erzählung wird er sich legen. Von selbst, übrigens. Wie die meisten Stürme das irgendwann tun.
Jesus ist da.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht!"
Angesichts seiner Gegenwart schöpfen sie neue Hoffnung.
Ein Lichtstrahl, ein Loch in den schwarzen Wolken!
Jesus ist da.
Die einen klammern sich jetzt mit neuer Kraft an die Bretter ihres Boots. Unsere menschlichen Hilfen und Anstrengungen, unsere Problemlösungsversuche plus ein bisschen himmlischer Beistand -- das sollte doch reichen!
Ich will sie ja gar nicht zu sehr kritisieren. Mir ist das zu bekannt. Es erinnert mich an so viele eigene Versuche, die Stürme irgendwie zu überstehen.
Meine menschliche Kraft plus ein bisschen Himmel.
Ist das die Lösung?
Einer steigt aus dem Boot.
Weil er gleich untergehen wird, wird das oft nur ungenügend gewürdigt.
Einer steigt aus dem Boot.
Einer setzt den Fuss über die gitschige, glitschige Bordkante.
Einer steigt mitten hinein in die wogenden Wasser.
Einer geht schnurstracks hinein in den Wind.
Einer lässt alles zurück, was ihn bisher gerade noch gehalten hat.
Jesus ist da.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht."
Das reicht ihm.
Er steigt aus.
Er steigt aus aus dem Vertrauen auf das, was Menschen scheinbar hält. Er steigt aus aus dem eigenen, verzweifelten Rudern. Er steigt aus aus den fruchtlosen Bemühungen, die Situation doch noch irgendwie zu retten. Boot plus ein bisschen Himmel, das ist ihm nicht gut genug.
Jesus ist da. Das ist seine Lösung.
Er setzt alles auf eine Karte.
Er setzt seinen Fuß aufs Wasser.
Er lässt die vertrauten Bretter zurück.
Er... geht.
Er tut einen unsicheren Schritt.
Noch einen.
Er geht!
Er geht auf dem Wasser.
Er geht auf Jesus zu.
Er geht weg von dem schwankenden Boot.
Er geht zuversichtlich hinein in die Probleme.
Er geht zielstrebig auf seine Hilfe zu.
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er geht, Schritt für Schritt.
Er geht hinweg über die Fluten, die ihm gerade noch so viel Angst bereitet hatten.
Er geht hinein in eine neue Zeit, hinein in ein Morgen mit Jesus.
Er geht... unter.
Er rudert, er schlägt um sich. Er schluckt Wasser. Er hustet und prustet.
Plötzlich sind da nur noch Wellen, Wasser, Wind und schwarze Nacht.
Was ist passiert?
Er hat den Wind gesehen.
Er hat sich an die Not erinnert und den Blick auf Jesus verloren.
Und dann war gar nichts mehr da: Kein Boot. Keine Bretter. Kein Himmel und kein Jesus.
"Kleingläubiger", nennt ihn Jesus, der ihn gerade noch vor dem Absaufen rettet.
Der ihn packt und nach oben zieht.
Kleingläubiger. Dabei hat er doch am meisten geglaubt in dieser Geschichte.
Die anderen rudern immer noch.
Das Boot reicht nicht aus. Die menschlichen Anstrengungen retten uns nicht.
Boot plus ein bisschen Himmel ist besser als nur Boot. Aber nicht genug.
Glaube, der wagt, auszusteigen, ist super. Das muss man erst mal schaffen!
Aber das reicht nicht, um dich vor dem Untergehen zu bewahren.
Es reicht nicht, sich auf den eigenen Glauben zu verlassen. Darauf, was für ein toller Christenmensch ich bin. Was ich alles weiß. Was ich alles erlebt habe mit Gott. Was für ein frommer Mensch ich bin. Das wird schon reichen, wenn der Sturm kommt!
Es reicht nicht. Nichts, was ich tun kann und habe, reicht aus.
Nur Jesus kann mich retten.
Und er ist da.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht."
Unsere Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. (Ps 66, 5)
Kommt und seht -- ihn!
So kommt ihr durch den Sturm.
"Kleingläubiger", nennt ihn Jesus, der ihn nun fest an der Hand hält.
Hat sich eigentlich schon einmal jemand gefragt, wo sich diese Unterhaltung abspielt? Auf den nassen Brettern des Boots? Später, am sicheren Ufer?
Der nächste Satz verrät es: "Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich."
Merkt ihr was? Die Unterhaltung mit Jesus findet auf dem Wasser statt. Mitten in den Wellen. Mitten im Wind.
Da stehen sie nun. Jesus und der nasse Jünger.
Da stehen sie, ganz ohne Boot und Bretter.
Da stehen sie, trotz Wind und Wellen.
Da stehen sie, als ob nichts ihnen etwas anhaben könnte.
Da stehen sie, weil nichts ihnen etwas anhaben kann.
Weil Jesus da ist.
"Seid getrost, fürchtet euch nicht."
Das ist das einzige, worauf es ankommt im Sturm.
Amen.

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