Christoph predigt

Wie soll man sich da freuen?


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Begnadete,

Sagt mal: Wie soll man sich da eigentlich freuen?

Wie soll man sich da freuen? Wie soll das gehen?

Da kommt ein Engel. Überraschend. Ich meine, wer wäre da nicht überrascht? Plötzlich steht der Bote Gottes vor ihr. Aus dem Nichts. Einfach so.

"Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mir dir!"

Sie versteht das nicht.

Natürlich kennt sie die Geschichten. Die Erzählungen von Menschen, die Gott beauftragt hat, in seinem Namen zu reden und zu handeln. Sie kennt die alten Traditionen von Elia und GIdeon, von Abraham und Jakob und all den anderen. Das hat man ihr von Kind auf erzählt. Die von Gott beauftragten, das sind die Helden ihrer Kindheit und Jugend. Vielleicht hat sie sich damals manchmal gefragt, wie es wäre, wenn ihr plötzlich so ein Engel erschiene, in himmlischer Mission. So wie wir uns ja auch in die Helden unserer Geschichten hineinversetzen und hineinträumen.

"Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mir dir!"

Plötzlich steht er da. Ihr Herz setzt einen Schlag aus.

Sie versteht das nicht.

Was soll denn Gott mit ihr schon anfangen?

Fürchte dich nicht.

Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Ganz Großes hat Gott vor: Ein Sohn. Sohn des Höchsten. Jesus. Jeschua. "Gott rettet." "Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit und sein Reich wird kein Ende haben."

Vor ihrem inneren Auge tauchen Bilder auf. Bilder aus vergangenen Zeiten. Bilder, die sie auch nur aus Geschichten kennt. Bilder von Glanz und Größe, von den Königen aus alter Zeit. Und Bilder von Verheißung: Von Gott, der sein Volk nicht vergessen hat. Von Gott, der die Treue hält und der eingreift in die Weltgeschichte, zu Gunsten des Volks, das er sich erwählt hat. Ihrem Volk. Von Gott, der seinen ewigen König schickt. Immer größer sind sie geworden, diese Verheißungsbilder, über die Jahrhunderte. Von Gottes Versprechen, bei den Königen des kleinen Volks Israels zu sein bis hin zu den riesigen Bildern von dem, den wir heute "Tritojesaja" nennen -- von Gott, der die ganze Welt regiert.

Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.

Einen... Sohn... Wie bitte, was?

Jäh reißt sie die Botschaft aus den herrlichen Verheißungsbildern zurück in die Realität.

Ein Sohn? Wie soll das gehen?

In ihrem Kopf läuft jetzt ein ganz anderer Film. Sie sieht sich in Nazareth, ihrem Dorf. Ein kleiner, unbedeutender Flecken, wo jeder jeden kennt. Maria, das junge Mädchen. Kaum ein Teenager nach unserem heutigen Verständnis. Eine junge Verlobte, in ihrer Zeit. Das heißt, ihre Eltern haben schon einen ausgesucht, den sie einmal heiraten wird. Bald sollte es soweit sein.

Sie sieht sich die Dorfstraße hinunterlaufen mit einem wachsenden Babybauch. Sie fühlt die stechenden Blicke der anderen, die sie verfolgen. Sie kann das Getuschel hinter vorgehaltenen Händen schon hören. "Maria... das ist doch die... und dabei ist sie noch gar nicht verheiratet." "Hast du schon gehört, was sie erzählt?... Ein Engel... der Heilige Geist ... lächerlich." Sie sieht sich dem Spott der anderen preisgegeben. Sie sieht die enttäuschten, verletzten Blicke ihrer Eltern. Sie kann schon spüren, wie sie sich von ihr zurückziehen. Die Scham. Die Einsamkeit. Die Leere.

Sie sieht die verschlossenen Türen. Sie ahnt, dass es hier kein zu Hause mehr geben wird. Sie sieht sich schon gehen, mit einem kleinen Bündel und einem großen Bauch. Wohin? Wohin geht man denn, wenn man kein Leben mehr hat? Keine Freunde, keine Ehre, keine Zukunft?

Fürchte dich nicht.

Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Ganz Großes hat Gott vor.

Begnadete,

Sagt mal: Wie soll man sich da eigentlich freuen?

2021 hören wir diesen Text in einer ganz anderen Zeit. Wir wissen, wie Marias Geschichte zu Ende geht. Wir kennen das Kind in der Krippe, den König und Gottessohn. Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er in die Welt gekommen, hat Fleisch angenommen von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit zu richten die Lebenden und die Toten. Seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Nun jauchzet, all ihr Frommen, in dieser Gnadenzeit, weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit, zwar ohne stolze Pracht, doch mächtig zu verheeren und gänzlich zu zerstören des Teufels Reich und Macht.

2021 hören wir auch diese Worte in einer ganz anderen Zeit. Weihnachten steht vor der Tür, aber so vieles ist anders als sonst. Klar, letztes Jahr waren wir auch in der Krise. Da mussten sogar die Weihnachtsgottesdienste abgesagt werden. Aber wir hatten Hoffnung, dass im Sommer alles vorrüber wäre. Und jetzt?

Wie soll man sich denn freuen, wenn wieder so viel abgesagt wird?

Wie soll man sich denn freuen, wenn sich viele wieder nicht treffen können?

Wie soll man sich freuen, wenn die Oma auf der Intensivstation liegt?

Wie soll man sich freuen, wenn die Mutter gerade gestorben ist?

Wie soll man sich freuen, wenn der Job auf der Kippe steht?

Wie soll man sich freuen, wenn man einsam zu Hause sitzt?

Wie soll man sich freuen, wenn kein Ende in Sicht ist?

Wie soll man sich freuen, wenn sich nahe Verwandte und Freunde völlig unzugänglich in irgendwelche abstrusen Verschwörungserzählungen flüchten?

Begnadete,

Sagt mal: Wie soll man sich da eigentlich freuen?

Begnadete...

Das ist vielleicht genau der entscheidende Punkt.

Begnadete,

lasst uns mit Maria auf den Engel hören. Der bringt nämlich auf den Punkt, warum Maria am Ende nicht in Depression versinkt, sondern sich tatsächlich freuen kann.

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich über Gott meinen Heiland.

Begnadete. Das ist es was der Engel sagt.

Begnadete. Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Ist das allein nicht Grund zur Freude?

Begnadete. Gott schaut dich mit Liebe an. Und wo zeigt er das deutlicher als gerade in dem Sohn, der da für uns gekommen ist. Wir sind Begnadete!

Begnadete, der Herr ist mit dir! Das ist es doch, was uns Gott in Jesus zeigt. Dass er mit uns geht. Dass es nie so dunkel ist, dass Gott nicht mit seinem Licht kommen würde und alles hell macht. Dass es keine Situation und keine noch so schwierigen Momente gibt, in die Gott nicht bereit wäre, mit uns hineinzugehen.

Begnadete: Gott ist mit uns!

Und: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Begnadete, lasst uns auf ihn schauen und auf den Jesus aus der Krippe, den König, dessen Reich kein Ende hat. Auch 2021 nicht. Gott ist mit uns.

Darüber kann man sich freuen.

Amen.

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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