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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 12. Kapitel:
1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs nähme. 3 Da nahmen sie ihn, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 5 Und er sandte einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. 6 Da hatte er noch einen, den geliebten Sohn; den sandte er als Letzten zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! 8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. 9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. 10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon. (Markus 12,1-12)Geliebte Gottes in Burladingen,
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Am steilen Hang in der prallen Sonne pflanzt er sorgfältig die Reihen der Reben. Er setzt Stützstäbe, so dass sie gerade wachsen. Er bewässert sorgfältig jedes kleine Pflänzchen und reißt mühsam das Unkraut aus, das den jungen Weinstöcken Licht und Nahrung wegnehmen will. Er beschneidet die Triebe, wie er es gelernt hat. Jahre investiert er so, bevor es überhaupt ein einziges Mal etwas zu ernten gibt. Dein Weinstöcke wachsen langsam und man kann ahnen, dass eines Tages in der goldenen Sonne im Spätsommer die Reben leuchten werden. Er lebt von dieser Hoffnung. Er plant schon voraus für den Ertrag, den er sich von seinem Weinberg erhofft. Er schützt seine Investitionen mit einem langen Zaun, jeder Pfosten mühevoll in den Boden geschlagen. Er gräbt eine Kelter, bevor er noch eine einzige Traube hat, damit alles bereit ist für den Tag der Ernte. Wie viel Schweiß da geflossen sein mag! Wie oft er sich wohl abends mit schmerzendem Rücken schlafen gelegt hat. Das war es ihm wert, genauso wie der Turm, der befestigte Lagerraum für den fertigen Wein. Das wird es alles wert sein, das weiß er, wenn dann erst der süße Wein in Strömen fließt. Wie freut er sich auf diesen Tag.
Doch es kommt anders, als er sich dachte. Zum einen, weil er außer Landes muss. Er wird gar nicht da sein, wenn es zum ersten Mal die Früchte seiner Arbeit zu genießen gibt. Er muss das mühvolle Werk seiner Hände anderen anvertrauen. "Vertrauen", wohl gemerkt. Vertrauen darauf, dass sie sich genauso hingegeben um seinen Weinberg kümmern werden wie er. Er sucht nach aufrichtigen, ehrlichen Pächtern. Verträge werden geschlossen und mit Handschlag besiegelt. Beide Seiten freuen sich. Vielleicht trinkt man da schon einen Becher Wein, auch wenn der dann noch aus einem anderen Weinberg kommt.
Und dann kommt die erste Ernte. Die Sonne hat die Reben groß werden lassen. Die Trauben hängen prall voll an Zweigen, die sich biegen unter ihrer Last. Von früh bis spät sind die Arbeiter in der Hitze des späten Sommers im Weinberg, um die saftigen Reben zu schneiden. Abends wird dann gefeiert, wenn die Kelter voll ist und bei fröhlichen Liedern nackte Füße darin tanzen und die Trauben pressen, dass der gute Wein nur so sprudelt. Endlich fließt der Lohn der ganzen harten Arbeit in Strömen. Ein wahrer Genuss!
Natürlich will auch er daran teil haben. Weil er immer noch nicht vor Ort sein kann, schickt er einen seiner Sklaven -- ganz so, wie es vereinbart war. Und es ist da, dass sich das Blatt wirklich wendet in dieser so fröhlichen Winzergeschichte. Denn der Bote kommt mit leeren Händen zurück. Schlimmer noch: Man hat ihn nicht nur abblitzen lassen. Man hat ihn ausgelacht. Geschlagen hat man ihn. Ganz deutlich gezeigt, wie unerwünscht er war. Die Pächter führen sich auf, als seien sie selbst die alleinigen Herren des Weinbergs. Sie sind nicht bereit, von dem guten Wein auch nur einen Schluck abzugeben. Sie nehmen den Weinberg, das Produkt seiner vielen Mühen, und berreichern sich ausschließlich selbst daran!
Es bleibt nicht bei einem Versuch. Fast wird die Geschichte immer absurder: Sie nimmt uns mit hinein in eine Gewaltspirale. Vom Spott zur körperlichen Gewalt, dann geschehen sogar Morde. Als ob die Geschichte nicht brutal genug wäre, ergänzt das Markusevangelium die ursprünglich kürzere Erzählung um den Vers 5: "Und er sandte einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie." Wer weiß, wie viele am Ende ihr Leben lassen mussten? Zum Schluss ist es sogar der "geliebte Sohn" des Weinbergbesitzers, der der Unverschämtheit des Pächters zum Opfer fällt.
Da pflanzt einer einen Weinberg. Dass Jesus nicht nur eine zuerst nette, dann immer seltsamer werdende Geschichte aus der Welt der damaligen Agrargesellschaft erzählt, muss jedem seiner Zuhörer sofort klar gewesen sein. Zu vertraut klingen die Worte, die sie hier hören. Schließlich kennen sie alle das Lied, das der Prophet Jesaja Jahrhunderte zuvor gesungen hatte.
Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte;... (Jesaja 5,1-5ff).In Jesajas Lied ist der Weinberg ein Bild für Israel, das weiß jeder der Zuhörer. Jesajas Weinberg ist ein Bild für das Volk, das Gott sich erwählt hat und in das er so viel Liebe investierte. Über Generationen hat er sie begleitet, sie zu einem großen Volk gemacht. Aus der Sklaverei in Ägypten hat er sie geführt und das Rote Meer geteilt. Er hat die Feinde vernichtet, einen ganz persönlichen Bund seiner Liebe mit ihnen geschlossen. Er wohnt mitten unter ihnen, zuerst im Zelt und dann im Tempel, in dem schönen, neuen Land, das er ihnen gegeben hat. Er schafft Recht, mit Gerechtigkeit für alle. Er setzt Könige ein, die das Volk recht führen sollen. Er ist bereit zu Vergebung, Güte, und Gnade, wo Fehler geschehen sind. Weinberg, Zaun, Kelter und Turm. Wie viel er doch investiert hat! Doch die Menschen danken es ihm nicht. Das Volk geht seine eigenen Wege -- eins ums andere Mal. Wieder und wieder warnen die Propheten vor dieser völlig falschen Richtung. Jesaja ist einer davon. Er sing das Lied von Gottes schönem Weinberg, der nur saure Trauben trägt. Das muss in den Köpfen der Zuhörer Jesu sofort angeklungen sein.
Als in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts die Evangelien nach und nach geschrieben werden, erschien es vielen in der frühen christlichen Gemeinde ganz logisch, dass mit der Winzergeschichte Jesu nur Israel gemeint sein kann. Die Pächter sind dann die Führer des Volkes, Pharisäer und Schriftgelehrte, die sich immer wieder gegen Jesus stellten. Nachdem sie bereits die Warnungen der Propheten in den Wind geschlagen hatten, töteten sie zuletzt auch noch Jesus, den Christus, Gottes "geliebten Sohn." Kein Wunder, dass Gott nun Gericht über sie hält. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 schien das nur zu bestätigen. Und hatte Gott sich nicht ein "neues Volk" erwählt, eine Gemeinde, nicht eine Ethnie, aus Menschen aus Israel und aus der ganzen Welt? "Er wird den Weinberg andern geben." Alle Evangelien, die den Text erzählen, deuten diese Richtung zumindest an. Und machen den Text damit zu einem der schwierigsten, die das Neue Testament zu bieten hat, weil in den Jahrhunderten, die folgten, immer wieder der Hass auf die Juden mit dieser angeblichen kompletten Verwerfung durch Gott begründet wurde.
Darf man es sich wirklich so einfach machen? Zumal diese Auslegung für uns ja völlig ungefährlich ist, weil sie nur vom Gericht gegen andere redet und wir uns höchstens im Rückblick daran freuen können, heute Teil der "anderen" zu sein, die den Weinberg nun erben.
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Am steilen Hang in der prallen Sonne pflanzt er sorgfältig die Reihen der Reben. Die ganze Welt könnte dieser Weinberg sein. Die Welt, die Gott so wunderbar geschaffen hat. Ein Garten, in den Schöpfungserzählungen vom Anfang der Bibel. So viel Gutes, das Gott uns anvertraut hat. So viel Schönes, das daraus hätte werden können. Ihr hört es schon -- ihr wisst es schon, weil ihr ja selbst in dieser Welt lebt -- die Geschichte nimmt ganz schnell eine Wendung. Was machen wir denn mit dieser Welt, die er uns gegeben hat? Wo wir in Harmonie und Frieden miteinander leben könnten? Wo wir die guten Gaben Gottes genießen, hegen und pflegen könnten? Wo alles, was wir tun und sind, zu seiner Ehre dienen könnte? Die ganze Welt könnte der Weinberg sein und wir... sind dann wohl die unverschämten Pächter. Wer die Zeitung aufschlägt, Radio und Fernsehen einschaltet, mit dem Internet verbunden ist oder schlicht und einfach nicht sein ganzes Leben einsam in einer Höhle im Wald verbringt, der weiß wohl, wie es aussieht im Weinberg. Gegen die Gewaltspirale auf dieser Welt sind die Pächter in Jesu Winzergeschichte fromme Musterknaben. Das Maß an Zerstörung, das Menschen auf dieser Welt anrichten, kann man gar nicht mehr in Worte fassen. Wie viel vom Weinberg überhaupt noch übrig bleibt für die nächsten Generationen, das kann im Moment kaum einer mehr einschätzen. Vom Schöpfer und Herrn des Weinbergs reden wir da noch gar nicht. Die ganze Welt könnte der Weinberg sein, und wir sind die die ihn zugrunde richten. Die Gewaltspirale aus der Geschichte ist ein Muster, das wir überall wiederfinden können.
Vielleicht müssen wir die Geschichte aber sogar noch ein mal einen Schritt näher bei uns selbst lesen.
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Ich könnte dieser Weinberg sein. Hat er mir nicht das Leben anvertraut? Hat er mich nicht mit ganz viel Liebe einzigartig geschaffen? Hat er mir nicht ganz viel mitgegeben an Gaben und Fähigkeiten -- manches darunter, das nur ich kann? Das nur ich der Welt zu geben habe? Und hat er nicht von Anfang an seine Begleitung zugesagt? Seine Liebe und Annahme? Hat er mir nicht in der Taufe zugesprochen, dass ich sein sei, Kind und Erbe, und nie ohne ihn, allein? Hat er sich nicht um mich gemüht, mich gehegt und gepflegt, mir Schutz und Güte und Segen gegeben durch Höhen und Tiefen meines Lebens? Was habe ich gemacht mit seinem Weinberg? Was mache ich mit dem Leben, das er mir anvertraut hat? Wie würde die Geschichte lauten, wenn man sie über mich erzählt? Mein Leben könnte der Weinberg sein.
Am Ende der Jesusgeschichte steht das Gericht. Irgendwie kann es jeder nachvollziehen, dass der Besitzer die Nase voll hat von den Pächtern. Die Antwort, die Jesus vorraussagt, ist scharf und eindeutig: "Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben." Fertig aus. Basta. Und keine Überraschung für jeden, der weiß, wie diese Welt so tickt. Wenn man die Geschichte nur als Winzererzählung liest, oder nur mit Bezug auf andere, dann ist das einfach die logische Konsequenz. Wenn man bereit ist, ehrlicherweise auch sich selbst in Verbindung mit der Geschichte zu bringen, ist es überhaupt keine gute Nachricht. Dann droht ja auch mir dieses schreckliche Gericht!
Aber muss die Geschichte denn zwangsweise so zu Ende gehen?
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Meint ihr wirklich, er will da unbedingt ein Blutbad anrichten?
Am Ende der Geschichte bricht Jesus aus dem Weinbergbild aus und zitiert einen Psalmvers, der zunächst gar keinen Sinn zu machen scheint im Zusammenhang dessen, was er zuvor erzählt hat: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden." (aus Psalm 118). Der erste Hoffnungsvers in dieser Episode. Aus etwas, das alle längst aufgegeben haben, wird etwas Neues, was keiner erwartet hätte. "Ein Wunder vor unseren Augen", heißt es schon im Psalm. Es gibt also doch noch Aussehen, dass das Ende der Geschichte nicht zwangläufig so vorprogrammiert ist, wie es alle dachten. Wenn der neue Eckstein, wie überall sonst im Neuen Testament, auf Christus hindeutet, dann gibt es in ihm eine echte Möglichkeit, dass die Geschichte des uns, des mir anvertrauten Weinbergs ganz anders endet.
Der Wochenspruch bestätigt diese Hoffnung: "Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren." (Römer 5,8) Er weist uns darauf hin, dass Gott in Christus nicht noch selbst einsteigt in eine immer weiter ausufernde Gewaltspirale bis hin zum endgültigen Gericht. Nein, Gott zeigt uns in ihm seine Liebe und seine Gnade. Er ist bereit, noch einmal in uns zu investieren -- mehr als je zuvor. Er gibt sich selbst im Leben seines Sohnes. Er kommt eben gerade nicht und haut voll glühenden Zorns in Rache alles nieder, sondern kommt und liebt uns selbst -- uns, die wir das nicht verdient haben. Mein Sünder-sein ist nicht der Grund für einen Rauswurf aus seinem Weinberg, aus seiner Welt oder gar aus dem Leben. Es ist der Grund für ihn, sich selbst einzusetzen dafür, dass die Geschichte ein neues Ende bekommt.
Was mache ich jetzt mit meinem Weinberg? Eigentlich ist die Frage schon falsch, denn sie muss ja lauten: Was mache ich jetzt mit seinem Weinberg? Ganz sicher nicht nur das, was ich schon immer gemacht habe. Wo ich bisher nur mich selbst bereichern wollte, da komme ich zu ihm. Ich sage: Herr, vergib. Ich brauche deine Gnade. Ich bitte noch einmal mit den Worten des 25. Psalms: "Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind." Ich brauche dich, damit die Geschichte anders endet, denn an mir liegt's sicher nicht, wenn sie sich zum Guten wendet. Aber du hast in Christus schon alles für mich getan. Schenk mir auch heute deine Gnade.
Was macht er dann mit mir, in seinem Weinberg? Ich sag's euch: Er lädt mich ein. Zu frischem Brot und gutem Wein. Er lädt mich ein, vom Guten, das ihm gehört zu einem Fest der Vergebung und der Gnade, mit Liedern von der Hoffnung in ihm. So schreibt er ein ganz neues Ende seiner Geschichte mit mir -- die ja längst noch nicht zu Ende ist. Zum Glück!
Amen.
By Christoph FischerGnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 12. Kapitel:
1 Und er fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 2 Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs nähme. 3 Da nahmen sie ihn, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 4 Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 5 Und er sandte einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. 6 Da hatte er noch einen, den geliebten Sohn; den sandte er als Letzten zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 7 Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! 8 Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. 9 Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. 10 Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 11 Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 12 Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon. (Markus 12,1-12)Geliebte Gottes in Burladingen,
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Am steilen Hang in der prallen Sonne pflanzt er sorgfältig die Reihen der Reben. Er setzt Stützstäbe, so dass sie gerade wachsen. Er bewässert sorgfältig jedes kleine Pflänzchen und reißt mühsam das Unkraut aus, das den jungen Weinstöcken Licht und Nahrung wegnehmen will. Er beschneidet die Triebe, wie er es gelernt hat. Jahre investiert er so, bevor es überhaupt ein einziges Mal etwas zu ernten gibt. Dein Weinstöcke wachsen langsam und man kann ahnen, dass eines Tages in der goldenen Sonne im Spätsommer die Reben leuchten werden. Er lebt von dieser Hoffnung. Er plant schon voraus für den Ertrag, den er sich von seinem Weinberg erhofft. Er schützt seine Investitionen mit einem langen Zaun, jeder Pfosten mühevoll in den Boden geschlagen. Er gräbt eine Kelter, bevor er noch eine einzige Traube hat, damit alles bereit ist für den Tag der Ernte. Wie viel Schweiß da geflossen sein mag! Wie oft er sich wohl abends mit schmerzendem Rücken schlafen gelegt hat. Das war es ihm wert, genauso wie der Turm, der befestigte Lagerraum für den fertigen Wein. Das wird es alles wert sein, das weiß er, wenn dann erst der süße Wein in Strömen fließt. Wie freut er sich auf diesen Tag.
Doch es kommt anders, als er sich dachte. Zum einen, weil er außer Landes muss. Er wird gar nicht da sein, wenn es zum ersten Mal die Früchte seiner Arbeit zu genießen gibt. Er muss das mühvolle Werk seiner Hände anderen anvertrauen. "Vertrauen", wohl gemerkt. Vertrauen darauf, dass sie sich genauso hingegeben um seinen Weinberg kümmern werden wie er. Er sucht nach aufrichtigen, ehrlichen Pächtern. Verträge werden geschlossen und mit Handschlag besiegelt. Beide Seiten freuen sich. Vielleicht trinkt man da schon einen Becher Wein, auch wenn der dann noch aus einem anderen Weinberg kommt.
Und dann kommt die erste Ernte. Die Sonne hat die Reben groß werden lassen. Die Trauben hängen prall voll an Zweigen, die sich biegen unter ihrer Last. Von früh bis spät sind die Arbeiter in der Hitze des späten Sommers im Weinberg, um die saftigen Reben zu schneiden. Abends wird dann gefeiert, wenn die Kelter voll ist und bei fröhlichen Liedern nackte Füße darin tanzen und die Trauben pressen, dass der gute Wein nur so sprudelt. Endlich fließt der Lohn der ganzen harten Arbeit in Strömen. Ein wahrer Genuss!
Natürlich will auch er daran teil haben. Weil er immer noch nicht vor Ort sein kann, schickt er einen seiner Sklaven -- ganz so, wie es vereinbart war. Und es ist da, dass sich das Blatt wirklich wendet in dieser so fröhlichen Winzergeschichte. Denn der Bote kommt mit leeren Händen zurück. Schlimmer noch: Man hat ihn nicht nur abblitzen lassen. Man hat ihn ausgelacht. Geschlagen hat man ihn. Ganz deutlich gezeigt, wie unerwünscht er war. Die Pächter führen sich auf, als seien sie selbst die alleinigen Herren des Weinbergs. Sie sind nicht bereit, von dem guten Wein auch nur einen Schluck abzugeben. Sie nehmen den Weinberg, das Produkt seiner vielen Mühen, und berreichern sich ausschließlich selbst daran!
Es bleibt nicht bei einem Versuch. Fast wird die Geschichte immer absurder: Sie nimmt uns mit hinein in eine Gewaltspirale. Vom Spott zur körperlichen Gewalt, dann geschehen sogar Morde. Als ob die Geschichte nicht brutal genug wäre, ergänzt das Markusevangelium die ursprünglich kürzere Erzählung um den Vers 5: "Und er sandte einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie." Wer weiß, wie viele am Ende ihr Leben lassen mussten? Zum Schluss ist es sogar der "geliebte Sohn" des Weinbergbesitzers, der der Unverschämtheit des Pächters zum Opfer fällt.
Da pflanzt einer einen Weinberg. Dass Jesus nicht nur eine zuerst nette, dann immer seltsamer werdende Geschichte aus der Welt der damaligen Agrargesellschaft erzählt, muss jedem seiner Zuhörer sofort klar gewesen sein. Zu vertraut klingen die Worte, die sie hier hören. Schließlich kennen sie alle das Lied, das der Prophet Jesaja Jahrhunderte zuvor gesungen hatte.
Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte;... (Jesaja 5,1-5ff).In Jesajas Lied ist der Weinberg ein Bild für Israel, das weiß jeder der Zuhörer. Jesajas Weinberg ist ein Bild für das Volk, das Gott sich erwählt hat und in das er so viel Liebe investierte. Über Generationen hat er sie begleitet, sie zu einem großen Volk gemacht. Aus der Sklaverei in Ägypten hat er sie geführt und das Rote Meer geteilt. Er hat die Feinde vernichtet, einen ganz persönlichen Bund seiner Liebe mit ihnen geschlossen. Er wohnt mitten unter ihnen, zuerst im Zelt und dann im Tempel, in dem schönen, neuen Land, das er ihnen gegeben hat. Er schafft Recht, mit Gerechtigkeit für alle. Er setzt Könige ein, die das Volk recht führen sollen. Er ist bereit zu Vergebung, Güte, und Gnade, wo Fehler geschehen sind. Weinberg, Zaun, Kelter und Turm. Wie viel er doch investiert hat! Doch die Menschen danken es ihm nicht. Das Volk geht seine eigenen Wege -- eins ums andere Mal. Wieder und wieder warnen die Propheten vor dieser völlig falschen Richtung. Jesaja ist einer davon. Er sing das Lied von Gottes schönem Weinberg, der nur saure Trauben trägt. Das muss in den Köpfen der Zuhörer Jesu sofort angeklungen sein.
Als in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts die Evangelien nach und nach geschrieben werden, erschien es vielen in der frühen christlichen Gemeinde ganz logisch, dass mit der Winzergeschichte Jesu nur Israel gemeint sein kann. Die Pächter sind dann die Führer des Volkes, Pharisäer und Schriftgelehrte, die sich immer wieder gegen Jesus stellten. Nachdem sie bereits die Warnungen der Propheten in den Wind geschlagen hatten, töteten sie zuletzt auch noch Jesus, den Christus, Gottes "geliebten Sohn." Kein Wunder, dass Gott nun Gericht über sie hält. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 schien das nur zu bestätigen. Und hatte Gott sich nicht ein "neues Volk" erwählt, eine Gemeinde, nicht eine Ethnie, aus Menschen aus Israel und aus der ganzen Welt? "Er wird den Weinberg andern geben." Alle Evangelien, die den Text erzählen, deuten diese Richtung zumindest an. Und machen den Text damit zu einem der schwierigsten, die das Neue Testament zu bieten hat, weil in den Jahrhunderten, die folgten, immer wieder der Hass auf die Juden mit dieser angeblichen kompletten Verwerfung durch Gott begründet wurde.
Darf man es sich wirklich so einfach machen? Zumal diese Auslegung für uns ja völlig ungefährlich ist, weil sie nur vom Gericht gegen andere redet und wir uns höchstens im Rückblick daran freuen können, heute Teil der "anderen" zu sein, die den Weinberg nun erben.
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Am steilen Hang in der prallen Sonne pflanzt er sorgfältig die Reihen der Reben. Die ganze Welt könnte dieser Weinberg sein. Die Welt, die Gott so wunderbar geschaffen hat. Ein Garten, in den Schöpfungserzählungen vom Anfang der Bibel. So viel Gutes, das Gott uns anvertraut hat. So viel Schönes, das daraus hätte werden können. Ihr hört es schon -- ihr wisst es schon, weil ihr ja selbst in dieser Welt lebt -- die Geschichte nimmt ganz schnell eine Wendung. Was machen wir denn mit dieser Welt, die er uns gegeben hat? Wo wir in Harmonie und Frieden miteinander leben könnten? Wo wir die guten Gaben Gottes genießen, hegen und pflegen könnten? Wo alles, was wir tun und sind, zu seiner Ehre dienen könnte? Die ganze Welt könnte der Weinberg sein und wir... sind dann wohl die unverschämten Pächter. Wer die Zeitung aufschlägt, Radio und Fernsehen einschaltet, mit dem Internet verbunden ist oder schlicht und einfach nicht sein ganzes Leben einsam in einer Höhle im Wald verbringt, der weiß wohl, wie es aussieht im Weinberg. Gegen die Gewaltspirale auf dieser Welt sind die Pächter in Jesu Winzergeschichte fromme Musterknaben. Das Maß an Zerstörung, das Menschen auf dieser Welt anrichten, kann man gar nicht mehr in Worte fassen. Wie viel vom Weinberg überhaupt noch übrig bleibt für die nächsten Generationen, das kann im Moment kaum einer mehr einschätzen. Vom Schöpfer und Herrn des Weinbergs reden wir da noch gar nicht. Die ganze Welt könnte der Weinberg sein, und wir sind die die ihn zugrunde richten. Die Gewaltspirale aus der Geschichte ist ein Muster, das wir überall wiederfinden können.
Vielleicht müssen wir die Geschichte aber sogar noch ein mal einen Schritt näher bei uns selbst lesen.
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Ich könnte dieser Weinberg sein. Hat er mir nicht das Leben anvertraut? Hat er mich nicht mit ganz viel Liebe einzigartig geschaffen? Hat er mir nicht ganz viel mitgegeben an Gaben und Fähigkeiten -- manches darunter, das nur ich kann? Das nur ich der Welt zu geben habe? Und hat er nicht von Anfang an seine Begleitung zugesagt? Seine Liebe und Annahme? Hat er mir nicht in der Taufe zugesprochen, dass ich sein sei, Kind und Erbe, und nie ohne ihn, allein? Hat er sich nicht um mich gemüht, mich gehegt und gepflegt, mir Schutz und Güte und Segen gegeben durch Höhen und Tiefen meines Lebens? Was habe ich gemacht mit seinem Weinberg? Was mache ich mit dem Leben, das er mir anvertraut hat? Wie würde die Geschichte lauten, wenn man sie über mich erzählt? Mein Leben könnte der Weinberg sein.
Am Ende der Jesusgeschichte steht das Gericht. Irgendwie kann es jeder nachvollziehen, dass der Besitzer die Nase voll hat von den Pächtern. Die Antwort, die Jesus vorraussagt, ist scharf und eindeutig: "Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben." Fertig aus. Basta. Und keine Überraschung für jeden, der weiß, wie diese Welt so tickt. Wenn man die Geschichte nur als Winzererzählung liest, oder nur mit Bezug auf andere, dann ist das einfach die logische Konsequenz. Wenn man bereit ist, ehrlicherweise auch sich selbst in Verbindung mit der Geschichte zu bringen, ist es überhaupt keine gute Nachricht. Dann droht ja auch mir dieses schreckliche Gericht!
Aber muss die Geschichte denn zwangsweise so zu Ende gehen?
Da pflanzt einer einen Weinberg. Die Erzählung lässt ahnen, wie viel Mühe er hineingesteckt hat. Meint ihr wirklich, er will da unbedingt ein Blutbad anrichten?
Am Ende der Geschichte bricht Jesus aus dem Weinbergbild aus und zitiert einen Psalmvers, der zunächst gar keinen Sinn zu machen scheint im Zusammenhang dessen, was er zuvor erzählt hat: "Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden." (aus Psalm 118). Der erste Hoffnungsvers in dieser Episode. Aus etwas, das alle längst aufgegeben haben, wird etwas Neues, was keiner erwartet hätte. "Ein Wunder vor unseren Augen", heißt es schon im Psalm. Es gibt also doch noch Aussehen, dass das Ende der Geschichte nicht zwangläufig so vorprogrammiert ist, wie es alle dachten. Wenn der neue Eckstein, wie überall sonst im Neuen Testament, auf Christus hindeutet, dann gibt es in ihm eine echte Möglichkeit, dass die Geschichte des uns, des mir anvertrauten Weinbergs ganz anders endet.
Der Wochenspruch bestätigt diese Hoffnung: "Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren." (Römer 5,8) Er weist uns darauf hin, dass Gott in Christus nicht noch selbst einsteigt in eine immer weiter ausufernde Gewaltspirale bis hin zum endgültigen Gericht. Nein, Gott zeigt uns in ihm seine Liebe und seine Gnade. Er ist bereit, noch einmal in uns zu investieren -- mehr als je zuvor. Er gibt sich selbst im Leben seines Sohnes. Er kommt eben gerade nicht und haut voll glühenden Zorns in Rache alles nieder, sondern kommt und liebt uns selbst -- uns, die wir das nicht verdient haben. Mein Sünder-sein ist nicht der Grund für einen Rauswurf aus seinem Weinberg, aus seiner Welt oder gar aus dem Leben. Es ist der Grund für ihn, sich selbst einzusetzen dafür, dass die Geschichte ein neues Ende bekommt.
Was mache ich jetzt mit meinem Weinberg? Eigentlich ist die Frage schon falsch, denn sie muss ja lauten: Was mache ich jetzt mit seinem Weinberg? Ganz sicher nicht nur das, was ich schon immer gemacht habe. Wo ich bisher nur mich selbst bereichern wollte, da komme ich zu ihm. Ich sage: Herr, vergib. Ich brauche deine Gnade. Ich bitte noch einmal mit den Worten des 25. Psalms: "Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind." Ich brauche dich, damit die Geschichte anders endet, denn an mir liegt's sicher nicht, wenn sie sich zum Guten wendet. Aber du hast in Christus schon alles für mich getan. Schenk mir auch heute deine Gnade.
Was macht er dann mit mir, in seinem Weinberg? Ich sag's euch: Er lädt mich ein. Zu frischem Brot und gutem Wein. Er lädt mich ein, vom Guten, das ihm gehört zu einem Fest der Vergebung und der Gnade, mit Liedern von der Hoffnung in ihm. So schreibt er ein ganz neues Ende seiner Geschichte mit mir -- die ja längst noch nicht zu Ende ist. Zum Glück!
Amen.

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