Wirtschaft hacken

Wirtschaft hacken

By Büchner Verlag, MarburgEducation
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Wirtschaft hacken episodes

  • 9 In welcher Welt könnten wir leben?

    »Das System funktioniert doch gut!« wird mir manchmal ent-

    gegnet, wenn ich von einer anderen Wirtschaftswelt schwärme,
    in der wir leben könnten. Stimmt das? Ich bin nicht überzeugt.
    Wir sehen eine starke Ungleichverteilung von Ressourcen, die sich
    in der Pandemie noch verschlechtert hat: Drei Männer besitzen
    nun so viel Reichtum wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung
    zusammen. Zugleich leiden weltweit rund 700 Millionen Men-
    schen an Hunger. Viele Länder versagen bei der Eindämmung
    dieser Pandemie, weil wirtschaftliche Interessen und kurzfristi-
    ge ökonomische Ziele von der Politik höher gewichtet werden
    als die Leben von Menschen. Es sind dieselben Interessen, die
    in der Vergangenheit einen wirksamen Tier- und Umweltschutz
    verhindert haben, weswegen weitere Pandemien folgen werden.
    Es gibt weltweit Kriege um Ressourcen und diese werden zuneh-
    men, ebenso wie die globalen Fluchtbewegungen von Menschen.
    Die Lebenserwartung von Menschen in Ländern mit einer ho-
    hen wirtschaftlichen Ungleichheit wie Brasilien oder Russland ist
    deutlich geringer als in Ländern mit einem für alle geringeren
    Lebensstandard wie Kerala in Indien. Und ganz nebenbei hei-
    zen wir den einzigen Planeten, auf dem wir als Menschheit leben
    können, konsequent immer weiter auf, sodass das Leben für viele
    zukünftigen Generationen von Menschen drastisch erschwert bis
    unmöglich wird. Ohne Menschen gibt es auch keine Wirtschaft
    mehr. Ein System, das die eigene Lebensgrundlage zerstört, kann
    ich nicht als funktionierend bezeichnen.

    9 min
  • 8 Wie ich wurde, was ich bin

    Ich habe früh angefangen zu arbeiten und viele verschiedene Jobs

    gemacht. Das musste ich auch, denn das Geld war bei uns zu
    Hause immer knapp. Nicht nur das Geld, sogar das Essen. Meine
    Mutter war alleinerziehend, wir bezogen Sozialhilfe und mussten
    alles rationieren, auch Lebensmittel. Käse, Brot, Milch – das war
    alles eingeteilt. Für andere Sachen war schon mal überhaupt kein
    Geld da. Ich habe den Blumenladen ums Eck geputzt, um mir
    das Geld für ein Skateboard zu verdienen und mit dem Board
    dann die Blumen ausgefahren, um ein bisschen Taschengeld zu
    haben.

    Später war ich Handlanger auf dem Bau, Barkeeper, Gabelsta-

    plerfahrer und Universitätsdozent. Tatsächlich war die Arbeit auf
    dem Bau aber entscheidend für mich. In der Schule war mir ein
    vielleicht traditionelles, aber für mich negatives Gesellschaftsbild
    vermittelt worden. Es gab »die Guten und die Kümmels«, wie es
    bei uns hieß. Die Guten, das waren die Kinder der leitenden An-
    gestellten, der Sparkassendirektoren und höheren Beamten. Die
    »Kümmels« das waren die Kinder von Einwanderern, Handwer-
    kern und einfachen Angestellten.

    16 min
  • 7 Das Beste aus zwei Welten

    Wenn ich gefragt werde, wie sich meine Arbeit zu den gän-

    gigen Ideen des Wirtschaftens verhält, antworte ich oft, dass ich
    versuche, das Beste aus zwei Welten zu verbinden, das heißt aus
    der Welt der konventionellen Wirtschaft und aus der Welt der
    alternativen Wirtschaft. Was das bedeutet, zeigt beispielhaft ein
    Beratungsauftrag, den mir die Vereinigten Arabischen Emirate er-
    teilt hatten, um ihnen bei der Neuorganisation einer Forschungs-
    einrichtung zu helfen. Ich hatte damit einige Erfahrungen, weil
    ich nach dem Studium an der Universität Lüneburg einen Studi-
    engang mitgeplant hatte und weil ich schon eine Reihe anderer
    Institutionen bei der Reorganisation unterstützt hatte – vor al-
    lem dann, wenn es darum ging, die Hindernisse abzubauen, die
    durch zu starke Hierarchien entstehen, Synergieeffekte zu stärken
    und die interne Kommunikation zu verbessern, an der oft vieles
    hängt. Das war auch hier der Fall. Die Emiratis hatten das Pro-
    blem, dass viele Forscherinnen – tatsächlich betraf dies sehr oft
    Frauen – die staatliche Forschungseinrichtung verließen, sobald
    sie ausreichend Erfahrungen und Reputation gesammelt hatten,
    um woanders arbeiten zu können. Die Verantwortlichen wussten
    nicht, woran das lag, und ich sollte das in Workshops herausfin-
    den.

    19 min
  • 6 BWL-Inseln

    Das Betriebssystem von Premium wird in meinen Vorlesungen

    an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW Berlin) in
    Berlin seit Jahren mit Studierenden der Betriebswirtschaftslehre
    (BWL) diskutiert. Ziel dabei ist es, der BWL, wie sie seit Jahr-
    zehnten gelehrt wird, einen Ansatz gegenüberzustellen, der aus
    meiner Sicht so radikal anders ist, dass er neue Perspektiven eröff-
    nen kann – vielleicht auch deshalb, weil die Studierenden oft erst
    einmal irritiert sind, wenn wir über einen Antimengenrabatt oder
    die »Arschlochfreie Kette« reden.
    Üblicherweise findet diese Diskussion am Ende des Semesters
    statt. Sie fordert die Studierenden heraus, sich mit eigenen Wer-
    ten auseinanderzusetzen, indem sie ein unmoralisches Angebot
    bekommen. Hier müssen sie entscheiden, ob sie im Team »Uwe«
    oder im Team »Jan« (Marsalek, Wirecard) spielen.

    43 min
  • 5 Sicherheit durch Unsicherheit

    Die Coronakrise hat uns alle verunsichert. Dass wir so gut

    durchgekommen sind, liegt auch daran, dass es uns gelungen ist,
    Sicherheit in der Unsicherheit zu schaffen. Indem wir uns mit un-
    seren Geschäftspartnerinnen zu Anfang jede Woche neu abspra-
    chen, konnten wir viele Zahlungen verschieben und ein Polster
    anlegen, aus dem wir dann nicht nur die bezahlen konnten, die
    dringend Geld brauchten, sondern auf dem wir auch selbst durch
    die Krise gerutscht sind, zumindest bisher. Dabei war dieses deli-
    berative Verfahren gar nicht neu. Im Grunde wende ich es schon
    lange an. Ich schließe keine schriftlichen Verträge, sondern treffe
    die Absprachen mit meinen Geschäftspartnerinnen immer unter
    dem Vorbehalt, dass der Konsens, den wir gerade gefunden haben,
    nur so lange gilt, wie alle damit zufrieden sind. Sollte sich da­
    ran etwas ändern, weil die Umstände oder Interessen sich ändern,
    verhandeln wir neu. Damit ist eine gewisse Unsicherheit verbun-
    den, denn wir können nicht so sicher für die Zukunft planen wie
    andere, die feste Verträge haben. Tatsächlich planen wir aber auch
    viel weniger als andere Unternehmen. Es gibt keine Umsatzziele,
    keine festen Terminpläne, wann etwas fertig sein muss, sondern
    bestenfalls offene Absprachen und Wünsche.

    22 min
  • 4 Fusion

    Genau das, zusammen gute Lösungen zu finden und den Raum

    dazu frei zu machen, ist eines meiner Erfolgsrezepte. Es hat sich
    auch in der Getränkelogistik des Fusion Festivals bewährt und
    beschert mir seither ein Zimmer in einer Ferienwohnung, Frei-
    karten und Freibier für das Mecklenburger Festival.

    9 min
  • 3 Dilemma-Uwe

    — Fahad al Mosa, Mieter und inoffizieller Hausmeister

    Ich bin seit sechs Jahren in Deutschland und es war immer schwer,
    in Hamburg eine Wohnung zu bekommen, weil ich auch einen
    minderjährigen Neffen habe, um den ich mich kümmere. Die Woh-
    nungssuche hat mich viel Nerven und Zeit gekostet, was sich erst
    geändert hat, als ich Uwe traf. Wir konnten meinen Bruder und sei-
    ne Familie mit zwei Kindern aus Stuttgart holen und endlich eine
    Wohnung für sie finden, sodass wir als Familie wieder zusammen-
    kommen konnten. Eine Wohnung bedeutet ein Zuhause und damit
    auch, sein Leben im Griff zu haben. Für mich hat es bedeutet, dass
    ich alle Sprachkurse absolvieren und ein Studium beginnen konnte.

    19 min
  • 2 Führungsaufgaben in einem Kollektiv

    Was wer übernimmt, hat vor allem mit den Kenntnissen zu

    tun, die wir erworben haben, oder individuellen Stärken, die
    wir besitzen, zuweilen aber auch mit einem Gefühl von Verant-
    wortung, das eben nicht bei allen Kollektivistinnen gleich stark
    vorhanden ist.

    24 min
  • 1 Meine Grundannahmen und Menschen, mit denen ich zusammenarbeite

    Zu den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite und an

    deren Beispiel ich zeigen kann, wie wir arbeiten, gehört zum
    Beispiel Michael. Michael ist unser Spediteur. Er holt die Ge-
    tränke bei uns ab und bringt sie zu den Kundinnen. Das sind
    in der Regel Getränkehändlerinnen, die die Ware weiter an die
    Gastronomie verteilen. Als ich ihn das erste Mal anrief, um mit
    ihm eine Fuhre zu verabreden, war er ziemlich erstaunt, dass
    ich mit ihm nicht wie üblich verhandelte. Ich sagte ihm nicht,
    wann er die Ware bei uns abholen und wo er sie wann (mög-
    lichst auf die Stunde genau) abliefern sollte, sondern fragte ihn
    erst einmal, ob er die Lieferung überhaupt machen wollte und
    wann sie ihm zeitlich passen würde. Im nächsten Schritt startete
    ich keine Preisverhandlungen mit ihm, sondern fragte ihn, wie
    viel Geld er bräuchte, damit er die Fahrt machen könne. Au-
    ßerdem sagte ich ihm, wie viel die Getränkehändlerin bezahlen
    könne – vor dem Hintergrund des Verkaufspreises im Markt
    und des Einkaufspreises bei uns. Am Ende einigten wir uns auf
    einen Preis, mit dem jede gut leben konnte.

    26 min

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Was wäre, wenn man alles ganz anders machen könnte? Seit beinahe zwei Jahrzehnten ist dies für den Unternehmer Uwe Lübbermann keine theoretische Frage mehr, sondern ein anhaltendes soziales und ökonomisches Experiment. Erstmals hat er es umgesetzt zusammen mit seinem »Getränke-und-mehr«-Kollektiv Premium: Rabatte für diejenigen, die nur geringe Mengen abnehmen; gleiches Gehalt für alle; im Internet frei verfügbare Rezepte für die hergestellten Getränke; keine schriftlichen Verträge und die Klärung sämtlicher Unternehmensbelange in einer konsensdemokratischen Struktur.