Christoph predigt

Zeitenwende


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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Da ist sie wieder: Die Weihnachtsgeschichte. Alt-vertraut sind die Worte. Es gehört einfach dazu, dass das gelesen wird: "Es begab sich aber zu der Zeit...". So fängt der Heiligabend an. Das muss so sein.

In manchen Jahren klingen die vertrauten Worte anders. Da wird einem nicht einfach warm ums Herz von den romantischen Krippenszenen, die im Kopfkino auftauchen. Da können selbst die vielen glitzernden Lichter nicht so einfach für Stimmung sorgen. Ich glaube, 2022 ist so ein Jahr. Spätestens seit dem Überfall auf die Ukraine im Februar. Kaum aus dem größten Coronaschreck heraus, ist der Krieg uns ganz nahe gerückt. Wir haben gehofft und gebangt, dass er nicht auch zu uns kommt. Wer zu uns gekommen ist, sind viele, die vor dem Krieg geflüchtet sind. Die sich jetzt erst einmal sortieren müssen und schauen, wie es überhaupt weitergehen kann. Und wir diskutieren darüber, wie man helfen kann: Hier bei den Geflüchteten und dort in der Ukraine. Soll man Waffen liefern? Soll man eingreifen?

Gemeinsam haben wir das Jahr über gebangt. Der Winter war schon ganz früh Thema. Ich kann micht nicht erinnern, dass die Füllstände der Gasspeicher vorher schon einmal ständiger Gesprächsstoff waren. Und die Inflationszahlen. Wir haben um unseren Wohlstand gefürchtet. Um unsere Zukunft. Um Gas und Strom und die Preise für Lebensmittel. Manche frieren schon jetzt im eigenen Wohnzimmerr.

Manche plagt auch das ganz große Zukunftthema "Klimawandel" immer mehr. Der Begriff "Letzte Generation" wurde nicht von einer Umweltorganisation geprägt, sondern schon lange zuvor von Barack Obama: "Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommt", hat der damals gesagt, "und die letzte, die noch etwas tun kann." Dass viel zu wenig getan wird, das frustiert zunehmend mehr Menschen, die aus Protest auf die Straße gehen. Oder sich daran festkleben.

Auf der Straße in Ebingen wurde diese Woche ein junger Mann erschossen. 23 war er. Das ganze Leben noch vor sich. Völlig sinnlos ausgelöscht. Und es sieht so aus, als sei auch seine zwanzigjährige Freundin gewaltsam umgebracht worden. Ganz nahe bei uns. Auch das lässt manche zittern.

Nicht weniger gewaltig haben es die erlebt, die dieses Jahr einen lieben Menschen verloren haben. Für die es jetzt das erste Weihnachtsfest ohne diese ganz wichtige Person ist. Es wird niemals mehr das selbe sein. Da fehlt jetzt jemand. Dieses Loch kann niemand einfach flicken. Es drückt dir schmerzhaft auf die Seele, gerade jetzt an Weihnachten, wo doch eigentlich alles friedlich und besinnlich sein sollte.

Wie soll man so Weihnachten feiern?

"Eine Zeitenwende" hat unser Bundeskanzler im Februar gemeint. So hat es sich für viele angefühlt. Ob der Begriff zu hoch gegriffen ist?

"Eine Zeitenwende", da bin ich mit Olaf Scholz einig. Nur dass ich die schon viel früher entdeckt habe. In der Weihnachtsgeschichte.

Die beginnt, von vielen unbeachtet, mit Kaiser Augustus. Mit politischem Machtkalkül, mit Fremdbesatzung und Willkürherrschaft. Mit einer Steuerlast, die die Menschen bis aufs Letzte auspresst. Mit militärischer Übermacht, gegen die sich niemand behaupten kann. Der Imperator ist der uneingeschränkte Herrscher seines Machtbereichs. Der Stärkste der Starken. Einer, den die Geschichtsschreibung (und er sich selber) für die "pax romana", den römischen Frieden, preist. Für Wohlstand und Sicherheit. Der sich mit Titeln wie "Herr" und "Heiland" schmückt. Die Realität der kleinen Leute, vor allem im fernen Judäa, sieht ganz anders aus.

Doch genau bei diesen kleinen Leuten beginnt die Zeitenwende:

Bei einem jungen Paar in prekären Umständen, ohne feste Bleibe und ohne eine Wiege für ihr Kind. Bei einem kleinen Baby, unter fragwürdigen Umständen ins Leben gekommen, für das es keinen Platz gibt. Und nachts, weit draußen auf dem Feld bei den Hirten.

Da beginnt die Zeitenwende.

"Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie."

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

So sieht die Zeitenwende aus.

Vielleicht stört sich mancher daran, wenn an Weihnachten auch politische Themen ihren Anklang finden. Der möge sich beim Evangelisten Lukas beschweren. Dessen Botschaft ist zutieft politisch subversiv. Die Weihnachtsgeschichte stellt dem übermächtigen Imperator eine andere Figur gegenüber. Geschickt greift die Botschaft des Engels gängige Kaisertitel auf. "Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus" -- das heißt, der Gesalbte Gottes -- "der Herr".

Und das ist die Zeitenwende: Das Gegenüber des großen Imperators ist ein kleines Kind, "in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen."

Ich glaube, in einer Zeit, in der sich die Rüstungsspirale wieder schneller zu drehen beginnt, in der hunderte von Milliarden in Waffen gesteckt und offen mit Atomwaffen gedroht wird, müssen wir das noch einmal ganz bewusst machen. Das Gegenüber des großen Imperators ist ein kleines Kind.

Die Zeitenwende beginnt, indem Gott sich ganz klein macht. Die Zeitenwende beginnt, indem einer -- der Allmächtige, der Mächtigste von allen -- nicht mit Gewalt und Waffen und Drohungen kommt. Er bombt die anderen nicht nieder. Er zerquetscht den Feind nicht unter seinen Stiefeln. Er macht überhaupt nicht mit bei dem großen Spiel von "wer ist der Größte und Stärkste". Er wird der Kleinste. Er tut das, worauf die anderen keine Antwort mehr haben.

Zeitenwende.

Die Zeitenwende beginnt, indem Gott einer von uns wird. Ein Mensch, wie wir. Er setzt sich dem allem aus, was uns Menschen so umtreibt. Er kommt mit hinein. Er nimmt sich nicht heraus. Er sendet nicht unbeteiligt aus der Ferne gute Wünsche und warme Gedanken. Er bringt sich selbst ein ins Menschsein, ganz wörtlich "mit Haut und Haar" nimmt er alles an, was auch uns begegnet.

Zeitenwende.

Die Zeitenwende beginnt, wo Gott den Menschen nahe ist. Näher als je zuvor. Er ist da in der hoffnungslosen Lage von Josef und Maria. Er ist da, wo die ärmlichen Hirten sich fürchten in der Nacht. Er ist da, wo Menschen Not leiden und krank sind und sterben. Er ist da, wo Menschen einsam sind und trauern um die, die nicht mehr da sind. Er ist da in kalten Wohnzimmern, in Tailfingen und in Kiev und Donetsk. Er ist da, wo Menschen um ihre Zukunft bangen. Wo Menschen nicht wissen, wie es weiter geht. Er ist da, wo sonst überhaupt keiner da ist; da, wo ihn keiner erwarten würde. Er ist da.

"Immanuel". Gott mit uns.

Das ist die Zeitenwende.

"Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr."

Und diese Zeitenwende hat Konsequenzen:

"Fürchtet euch nicht", sagt der Engel zu den Hirten in der Nacht. "Fürchtet euch nicht", hat er schon zu Maria gesagt. Und zu Josef. "Fürchtet euch nicht" sagt er heute noch zu denen, die Grund zum Fürchten haben. Die sich übermächtigen Problemen und Sorgen hilflos ausgesetzt sehen.

Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.

Wo der kommt, da geschieht eine echte Zeitenwende: Wo vorher Furcht war, keimt jetzt Hoffnung auf. Nicht leere Hoffnung auf Macht und Stärke. Nicht leere Hoffnung auf menschliche Rettung, die doch nur wieder enttäuscht wird. Nicht leere Hoffnung auf leere Worte und warme Gedanken und besinnliche Sprüche auf der Ferne.

Nein: Euch ist heute der Heiland geboren.

Wo Menschen auf ihn hoffen, da geschieht die Zeitenwende.

Wo Menschen neu entdecken, dass Immanuel, dass Gott da ist bei uns, da geschieht die Zeitenwende.

Wo Menschen nicht nach Macht und Stärke suchen, sondern nach dem Gott, der zu uns kommt, da schweißt uns das zusammen mit Maria und Josef und den Hirten, zusammen weltweit mit Christ:innen zu einer Hoffnungsgemeinschaft.

Immanuel. Gott mit uns.

Das ist die Zeitenwende: Wir sind nicht stark. Wir sind nicht Herren der Lage. Wir haben nicht alle Lösungen. Wir haben jede Menge Grund zur Angst. Wir fühlen uns immer wieder einsam, allein und ungenügend. Wahrscheinlich sind wir es auch. Aber wir haben eines, was alles übertrumpft. Wir haben das, was alles ändert. Ein Licht in der Nacht, das niemand je wieder ausknipsen kann.

Wir haben Hoffnung. Wir haben Gott mit uns.

Im Kind von der Krippe liegt die Antwort auf alles.

Deshalb fürchten wir uns nicht!

Amen. Und: Frohe Weihnachten!

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Christoph predigtBy Christoph Fischer


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