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Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Gäufelden!
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ (Apostelgeschichte 1,11)
Diese Frage steht am Ende des Himmelfahrtsberichts in der Apostelgeschichte. Himmelfahrt – das haben wir vor ein paar Tagen miteinander gefeiert. Jesus, der vom Himmel gekommen ist, der für uns am Kreuz gestorben ist, wurde von Gott auferweckt. Als der Lebendige, als Sieger über Sünde, Tod und alles Böse, kehrt er zurück zu Gott. Er sitzt jetzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Auf dem Thron. Als Herr. Die Mission ist erfüllt: Er kam für uns. Er starb für uns. Er ist wirklich auferstanden. Und er regiert – jetzt und für immer.
Und wir stehen auch heute, an einem der letzten Sonntage in der Österlichen Freudenzeit, noch staunend da. Staunend über die Größe Gottes. Staunend über Jesus, den Auferstandenen. Staunend über die Hoffnung, die er uns gibt. Staunend über das, was er für uns getan hat. Und während unser Blick nach oben geht, zum Himmel, wo er zur Rechten Gottes sitzt, staunen wir auch über das, was uns für die Zukunft noch versprochen ist.
„Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1,11) Das bekennen wir auch im Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Und unsere Hoffnung malt uns schon aus, was das heißt: Gerecht gesprochen werden im Gericht – allein aus Gnade, allein durch Glauben, durch Jesus Christus, der unsere Gerechtigkeit ist. „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Unsere Herzen sehnen sich nach dem Moment, wenn er wiederkommt, wenn Gott alle Tränen abwischt, wenn kein Leid und kein Tod mehr sein wird und wir für immer bei Gott sein werden.
Unsere Herzen sehnen sich nach Frieden, nach einem Ende der Kriege und der Gewalt, überall auf der Welt.
Unsere Herzen sehnen sich nach Gerechtigkeit – danach, dass Menschen fair behandelt werden, dass niemand ausgeschlossen, unterdrückt oder vergessen wird.
Unsere Herzen sehnen sich danach, dass niemand mehr hungern muss, dass jedes Kind in Sicherheit aufwachsen kann.
Unsere Herzen sehnen sich nach Heilung, dort wo Menschen krank sind oder innerlich verletzt.
Unsere Herzen sehnen sich nach Versöhnung, dort wo Beziehungen zerbrochen sind.
Unsere Herzen sehnen sich nach einem Leben, das gelingt, nach Freude, nach Hoffnung, nach Liebe, die bleibt.
Aber bis dahin bleibt diese Zwischenzeit. Zwischenzeit ist Sehnsuchtszeit.
An Himmelfahrt geht unser Blick nach oben, nach vorne, auf das, was noch kommt. Und dann werden wir ganz schnell wieder zurückgeholt – auf den Boden der Tatsachen. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Kein langer Ausflug in die Wolken, sondern wieder zurück ins Hier und Jetzt. Wir leben aus der Hoffnung. Wir haben eine Gewissheit für die Zukunft. Und diese Hoffnung trägt uns – manchmal ist sie das Einzige, was uns bleibt, besonders in schwierigen Zeiten. Aber unsere Berufung ist nicht, im Himmel zu schweben. Unsere Berufung ist das Leben hier und jetzt. Die konkrete Realität – unser Alltag. Wir haben kein anderes Leben als dieses.
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Kommt zurück! Lebt im Hier und Heute! Dazu hat Gott uns gerufen. Das ist auch die Botschaft von Himmelfahrt: Jesus entzieht sich unseren Augen, aber nicht unserer Welt. „Himmel“ – das ist nicht einfach ein anderer Ort irgendwo weit weg. In der Bibel bedeutet Himmel: Gottes Gegenwart, Gottes Wirklichkeit. Jesus ist nicht mehr sichtbar da, aber Gott bleibt uns ganz nahe. Und wir? Wir leben mit einer Hoffnung, die bleibt, mit einem festen Erbe und mit einer Zukunft, die uns sicher ist. Aber wir leben weiterhin im Alltag, im ganz normalen Leben. Und doch dürfen wir wissen: Gott bleibt uns nahe – mitten in unserem Leben, auch wenn wir ihn nicht sehen.
Schade eigentlich. Es war ein schöner Ausflug, nach oben zu schauen. Ich wäre gern einfach hinterhergeflogen. Aber jetzt bin ich wieder hier.
Die Hoffnung, die wir haben, kann uns niemand nehmen. Die Zukunft, die Gott uns verspricht, ist uns gewiss. Gottes Reich ist mit Jesus schon angebrochen. Wie ein Senfkorn – ganz klein fängt es an, wächst und beginnt zu blühen. Aber wir warten noch auf die ganze Erfüllung. Wir warten noch auf den großen Baum, der aus dem Senfkorn wächst. Wir sind noch hier. Es ist noch Zwischenzeit. Neues ist schon da, aber noch nicht vollendet. Zwischenzeit. Hier bei uns, wo das Leben stattfindet. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“
Mitten in diese Zwischenzeit hören wir heute den Predigttext aus dem dritten Kapitel des Epheserbriefs. Es ist ein Gebet. Ein Gebet für Menschen in der Zwischenzeit, für alle, die sehnsüchtig zum Himmel schauen und trotzdem noch hier auf der Erde leben. Hören wir die Worte aus Epheser 3,14-21:
14 Deshalb beuge ich vor dem Vater meine Knie. 15 Jeder Stamm und jedes Volk im Himmel und auf der Erde erhält seinen Namen von ihm. 16 Er soll euch so ausstatten, wie es dem Reichtum seiner Herrlichkeit entspricht: Durch seinen Geist soll er euch in eurer innersten Überzeugung fest machen. 17 Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet bleiben. 18 So könnt ihr sie zusammen mit allen Heiligen in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen. 19 Ihr werdet auch in der Lage sein, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. Auf diese Weise werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes. Sie wird euer Leben ganz erfüllen. 20 Dank sei Gott, der die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles, was wir von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So groß ist seine Macht, die in uns wirkt. 21 Er regiert in Herrlichkeit in seiner Gemeinde – das heißt: in der Gemeinschaft derer, die zu Christus Jesus gehören. Das gilt für alle Generationen auf immer und ewig. Amen. (Epheser 3,14-21)Was soll man dazu noch sagen – außer Amen? Genau das könnte unser Gebet sein, heute an Exaudi. Oder an jedem Tag dieser Zwischenzeit. Genau das brauchen wir.
Der Betende beschreibt, welche Menschen es braucht in dieser Zwischenzeit, auf dem Weg zum Himmel, der uns versprochen ist, der aber noch nicht da ist:
Es braucht Menschen, die innerlich Kraft haben in dieser Zwischenzeit. Wer auf die letzten zweitausend Jahre Kirchengeschichte schaut, sieht: Es gab viele schwere Zeiten, dunkle Täler, viele Herausforderungen. Niemand bleibt davon verschont. Es gibt Stimmen, die sagen, als Christ:in sei alles leichter – Sorgen, Ängste, Probleme verschwinden, wenn man nur genug glaubt. Aber geerdete Christ:innen merken schnell: Das Leben sieht meistens anders aus. Wie im Psalm 23 gibt es nicht nur grüne Auen und frisches Wasser, sondern auch viele dunkle Täler – auch im Leben von Glaubenden. Deshalb braucht es Menschen mit innerer Kraft. Durchhaltevermögen. Stärke. Genug Widerstandskraft, um nicht unterzugehen in den Wellen der Zwischenzeit.
Es braucht Menschen, in deren Leben Christus wohnt, in dieser Zwischenzeit. Menschen, bei denen sichtbar wird, dass Jesus, der „Gott mit uns“, nicht einfach an Himmelfahrt verschwunden ist und uns allein zurücklässt. Dass „Christus in uns“ nicht nur ein schöner Gedanke für die Zukunft ist, sondern Realität im Hier und Jetzt. Dass seine Zusage gilt: „Ich bin bei euch, alle Tage.“ Geerdete Christ:innen leben im Bewusstsein, dass Jesus da ist. Dass alles, was sie tun, vor Gottes Augen geschieht. Wo Gott gegenwärtig ist, verändert sich etwas. Menschen verändern sich. Die Welt verändert sich. Das Reich Gottes wächst – der kleine Trieb von damals wird größer und stärker, wo Christus in Menschen wohnt. Deshalb braucht es solche Menschen in dieser Zwischenzeit.
Es braucht Menschen, die in Gottes Liebe verwurzelt und gegründet sind. Daran erkennt man die Menschen im Reich Gottes, sagt Jesus selbst. Seine Nachfolger:innen, die, bei denen er wohnt. Das Erkennungszeichen ist nicht Frömmigkeit oder besondere Gesten, sondern die Liebe. Menschen, die von Gott geliebt sind und andere lieben. Wo sich diese Liebe ausbreitet, da wächst Gottes Reich. Da werden andere berührt, da bekommt das Evangelium Hände und Füße. Wo wir uns von Gottes Liebe erfassen lassen, verändert sich auch in uns etwas: Wer Gott finden will, braucht keine gewaltigen Visionen. Es reicht, in seiner Liebe verwurzelt zu sein, um ein bisschen zu begreifen, wie groß Gottes Liebe ist – breiter, länger, höher, tiefer als alles, was wir verstehen können. Wo die Liebe ist, da ist Gott. Wenn wir Gott entdecken wollen, braucht es Menschen, die in seiner Liebe verwurzelt und gegründet sind, hier in der Zwischenzeit.
Jetzt könnte der Predigende sagen: „Merkt euch das und lebt danach. Seid stark und unerschütterlich! Lebt, als wäre Christus bei euch. Seid verwurzelt in Gottes Liebe!“
Aber sobald wir überlegen, wie das konkret im Alltag funktionieren soll, merken wir schnell: Das ist gar nicht so einfach.
Wer von uns kann ehrlich sagen, dass ihn nichts erschüttert? Dass er oder sie immer standhaft bleibt? Vielleicht ist das Leben bisher auch einfach gnädig gewesen. Wenn ich sehe, was andere Menschen erleben müssen, in all den Extremen, dann kann ich nicht behaupten, dass ich immer mutig und stark wäre. Es braucht Menschen mit innerer Kraft – aber bin ich wirklich so jemand?
Wer kann sagen, dass Christus immer im Herzen wohnt? Dass nie Zweifel kommen? Nie Angst? Nie Einsamkeit? Dass jedes Denken, Reden und Handeln so passiert, dass es vor Gott bestehen könnte? Ich kann das nicht immer. Es braucht Menschen, in denen Christus wohnt. Aber das kann ich nicht einfach selbst machen. Da braucht es mehr, als ich geben kann.
Wer kann sagen, dass die Liebe Gottes alles im eigenen Leben durchdringt? Dass alles Denken, Reden, Handeln immer aus Liebe geschieht? Dass andere immer etwas von Gottes Liebe spüren, wenn sie mir begegnen? Ich freue mich über viele liebevolle Momente, aber ich kenne auch die anderen Seiten in mir. Es braucht Menschen, die in Gottes Liebe verwurzelt sind. Aber wie soll ich das schaffen?
„Können wir das schaffen?“, fragt Bob der Baumeister. „Yes, we can“, sagt Barack Obama. „Wir schaffen das“, ruft Angela Merkel. Ich selbst bin mir da nicht so sicher.
Wer bereit ist, ehrlich in den Spiegel zu schauen, merkt schnell: Wenn wir jetzt einfach mit „Seid stark!“, „Lebt in Gottes Gegenwart!“, „Liebt bedingungslos!“ nach Hause gehen, bleibt das nur eine weitere Moralpredigt. Sie macht vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber bringt wenig Veränderung.
Denn echte Veränderung kann man nicht einfach machen. Nicht mit noch so vielen Bibelversen als Motivation. Nicht mit der besten Predigt im Ohr. Nicht mit guten Vorsätzen. Veränderung scheitert oft an uns selbst.
Wirklich verändern kann nur Gott. Deshalb ist dieser Text aus dem Epheserbrief auch keine Liste von Aufforderungen. Es ist ein Gebet. Dieser Text richtet sich an den einen, der etwas tun kann, wenn es um starke, von Christus erfüllte, liebende Menschen geht. Dieser Text ist eine Bitte an den Vater, von dem alles Leben kommt. Er wird gebeten, uns zu stärken, uns zu erfüllen, in uns zu wirken.
Alles ist Gebet:
„… dass er euch Kraft gibt nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit.“
„… gestärkt zu werden durch seinen Geist.“
„… dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt.“
Nur so kann es geschehen. Ich kann das nicht. Aber Gott kann das.
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“
Vielleicht braucht gerade geerdetes Christ:sein in dieser Zwischenzeit immer wieder neu den Blick dafür, dass es nur in der Verbindung zu Gott gelingt. Wir warten – so wie die Jünger:innen damals gewartet haben. Wir stehen in der Zwischenzeit, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir wissen: Wir können uns nicht selbst verändern. Wir brauchen Gottes Kraft. Wir brauchen Gottes Geist.
Wir sehnen uns danach, dass Gottes Geist in uns lebt, uns Mut macht, uns Kraft gibt und unsere Herzen erfüllt. Wir warten, dass Gott uns bewegt, tröstet, belebt – hier, in unserem Alltag, in unserer Gemeinde, in unserer Welt.
Deshalb bleibt uns am Ende nur, offen zu werden für Gottes Geist. So wie damals die Jünger:innen gebetet und gewartet haben. So wie wir jetzt singen: „Atme in uns, Heiliger Geist.“
Amen.
By Christoph FischerGnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Gäufelden!
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ (Apostelgeschichte 1,11)
Diese Frage steht am Ende des Himmelfahrtsberichts in der Apostelgeschichte. Himmelfahrt – das haben wir vor ein paar Tagen miteinander gefeiert. Jesus, der vom Himmel gekommen ist, der für uns am Kreuz gestorben ist, wurde von Gott auferweckt. Als der Lebendige, als Sieger über Sünde, Tod und alles Böse, kehrt er zurück zu Gott. Er sitzt jetzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Auf dem Thron. Als Herr. Die Mission ist erfüllt: Er kam für uns. Er starb für uns. Er ist wirklich auferstanden. Und er regiert – jetzt und für immer.
Und wir stehen auch heute, an einem der letzten Sonntage in der Österlichen Freudenzeit, noch staunend da. Staunend über die Größe Gottes. Staunend über Jesus, den Auferstandenen. Staunend über die Hoffnung, die er uns gibt. Staunend über das, was er für uns getan hat. Und während unser Blick nach oben geht, zum Himmel, wo er zur Rechten Gottes sitzt, staunen wir auch über das, was uns für die Zukunft noch versprochen ist.
„Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt in den Himmel gehen sehen.“ (Apostelgeschichte 1,11) Das bekennen wir auch im Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Und unsere Hoffnung malt uns schon aus, was das heißt: Gerecht gesprochen werden im Gericht – allein aus Gnade, allein durch Glauben, durch Jesus Christus, der unsere Gerechtigkeit ist. „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“ Unsere Herzen sehnen sich nach dem Moment, wenn er wiederkommt, wenn Gott alle Tränen abwischt, wenn kein Leid und kein Tod mehr sein wird und wir für immer bei Gott sein werden.
Unsere Herzen sehnen sich nach Frieden, nach einem Ende der Kriege und der Gewalt, überall auf der Welt.
Unsere Herzen sehnen sich nach Gerechtigkeit – danach, dass Menschen fair behandelt werden, dass niemand ausgeschlossen, unterdrückt oder vergessen wird.
Unsere Herzen sehnen sich danach, dass niemand mehr hungern muss, dass jedes Kind in Sicherheit aufwachsen kann.
Unsere Herzen sehnen sich nach Heilung, dort wo Menschen krank sind oder innerlich verletzt.
Unsere Herzen sehnen sich nach Versöhnung, dort wo Beziehungen zerbrochen sind.
Unsere Herzen sehnen sich nach einem Leben, das gelingt, nach Freude, nach Hoffnung, nach Liebe, die bleibt.
Aber bis dahin bleibt diese Zwischenzeit. Zwischenzeit ist Sehnsuchtszeit.
An Himmelfahrt geht unser Blick nach oben, nach vorne, auf das, was noch kommt. Und dann werden wir ganz schnell wieder zurückgeholt – auf den Boden der Tatsachen. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Kein langer Ausflug in die Wolken, sondern wieder zurück ins Hier und Jetzt. Wir leben aus der Hoffnung. Wir haben eine Gewissheit für die Zukunft. Und diese Hoffnung trägt uns – manchmal ist sie das Einzige, was uns bleibt, besonders in schwierigen Zeiten. Aber unsere Berufung ist nicht, im Himmel zu schweben. Unsere Berufung ist das Leben hier und jetzt. Die konkrete Realität – unser Alltag. Wir haben kein anderes Leben als dieses.
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“ Kommt zurück! Lebt im Hier und Heute! Dazu hat Gott uns gerufen. Das ist auch die Botschaft von Himmelfahrt: Jesus entzieht sich unseren Augen, aber nicht unserer Welt. „Himmel“ – das ist nicht einfach ein anderer Ort irgendwo weit weg. In der Bibel bedeutet Himmel: Gottes Gegenwart, Gottes Wirklichkeit. Jesus ist nicht mehr sichtbar da, aber Gott bleibt uns ganz nahe. Und wir? Wir leben mit einer Hoffnung, die bleibt, mit einem festen Erbe und mit einer Zukunft, die uns sicher ist. Aber wir leben weiterhin im Alltag, im ganz normalen Leben. Und doch dürfen wir wissen: Gott bleibt uns nahe – mitten in unserem Leben, auch wenn wir ihn nicht sehen.
Schade eigentlich. Es war ein schöner Ausflug, nach oben zu schauen. Ich wäre gern einfach hinterhergeflogen. Aber jetzt bin ich wieder hier.
Die Hoffnung, die wir haben, kann uns niemand nehmen. Die Zukunft, die Gott uns verspricht, ist uns gewiss. Gottes Reich ist mit Jesus schon angebrochen. Wie ein Senfkorn – ganz klein fängt es an, wächst und beginnt zu blühen. Aber wir warten noch auf die ganze Erfüllung. Wir warten noch auf den großen Baum, der aus dem Senfkorn wächst. Wir sind noch hier. Es ist noch Zwischenzeit. Neues ist schon da, aber noch nicht vollendet. Zwischenzeit. Hier bei uns, wo das Leben stattfindet. „Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“
Mitten in diese Zwischenzeit hören wir heute den Predigttext aus dem dritten Kapitel des Epheserbriefs. Es ist ein Gebet. Ein Gebet für Menschen in der Zwischenzeit, für alle, die sehnsüchtig zum Himmel schauen und trotzdem noch hier auf der Erde leben. Hören wir die Worte aus Epheser 3,14-21:
14 Deshalb beuge ich vor dem Vater meine Knie. 15 Jeder Stamm und jedes Volk im Himmel und auf der Erde erhält seinen Namen von ihm. 16 Er soll euch so ausstatten, wie es dem Reichtum seiner Herrlichkeit entspricht: Durch seinen Geist soll er euch in eurer innersten Überzeugung fest machen. 17 Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet bleiben. 18 So könnt ihr sie zusammen mit allen Heiligen in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen. 19 Ihr werdet auch in der Lage sein, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. Auf diese Weise werdet ihr Anteil bekommen an der Gegenwart Gottes. Sie wird euer Leben ganz erfüllen. 20 Dank sei Gott, der die Macht hat, unendlich viel mehr zu tun – weit mehr als alles, was wir von ihm erbitten oder uns ausdenken können. So groß ist seine Macht, die in uns wirkt. 21 Er regiert in Herrlichkeit in seiner Gemeinde – das heißt: in der Gemeinschaft derer, die zu Christus Jesus gehören. Das gilt für alle Generationen auf immer und ewig. Amen. (Epheser 3,14-21)Was soll man dazu noch sagen – außer Amen? Genau das könnte unser Gebet sein, heute an Exaudi. Oder an jedem Tag dieser Zwischenzeit. Genau das brauchen wir.
Der Betende beschreibt, welche Menschen es braucht in dieser Zwischenzeit, auf dem Weg zum Himmel, der uns versprochen ist, der aber noch nicht da ist:
Es braucht Menschen, die innerlich Kraft haben in dieser Zwischenzeit. Wer auf die letzten zweitausend Jahre Kirchengeschichte schaut, sieht: Es gab viele schwere Zeiten, dunkle Täler, viele Herausforderungen. Niemand bleibt davon verschont. Es gibt Stimmen, die sagen, als Christ:in sei alles leichter – Sorgen, Ängste, Probleme verschwinden, wenn man nur genug glaubt. Aber geerdete Christ:innen merken schnell: Das Leben sieht meistens anders aus. Wie im Psalm 23 gibt es nicht nur grüne Auen und frisches Wasser, sondern auch viele dunkle Täler – auch im Leben von Glaubenden. Deshalb braucht es Menschen mit innerer Kraft. Durchhaltevermögen. Stärke. Genug Widerstandskraft, um nicht unterzugehen in den Wellen der Zwischenzeit.
Es braucht Menschen, in deren Leben Christus wohnt, in dieser Zwischenzeit. Menschen, bei denen sichtbar wird, dass Jesus, der „Gott mit uns“, nicht einfach an Himmelfahrt verschwunden ist und uns allein zurücklässt. Dass „Christus in uns“ nicht nur ein schöner Gedanke für die Zukunft ist, sondern Realität im Hier und Jetzt. Dass seine Zusage gilt: „Ich bin bei euch, alle Tage.“ Geerdete Christ:innen leben im Bewusstsein, dass Jesus da ist. Dass alles, was sie tun, vor Gottes Augen geschieht. Wo Gott gegenwärtig ist, verändert sich etwas. Menschen verändern sich. Die Welt verändert sich. Das Reich Gottes wächst – der kleine Trieb von damals wird größer und stärker, wo Christus in Menschen wohnt. Deshalb braucht es solche Menschen in dieser Zwischenzeit.
Es braucht Menschen, die in Gottes Liebe verwurzelt und gegründet sind. Daran erkennt man die Menschen im Reich Gottes, sagt Jesus selbst. Seine Nachfolger:innen, die, bei denen er wohnt. Das Erkennungszeichen ist nicht Frömmigkeit oder besondere Gesten, sondern die Liebe. Menschen, die von Gott geliebt sind und andere lieben. Wo sich diese Liebe ausbreitet, da wächst Gottes Reich. Da werden andere berührt, da bekommt das Evangelium Hände und Füße. Wo wir uns von Gottes Liebe erfassen lassen, verändert sich auch in uns etwas: Wer Gott finden will, braucht keine gewaltigen Visionen. Es reicht, in seiner Liebe verwurzelt zu sein, um ein bisschen zu begreifen, wie groß Gottes Liebe ist – breiter, länger, höher, tiefer als alles, was wir verstehen können. Wo die Liebe ist, da ist Gott. Wenn wir Gott entdecken wollen, braucht es Menschen, die in seiner Liebe verwurzelt und gegründet sind, hier in der Zwischenzeit.
Jetzt könnte der Predigende sagen: „Merkt euch das und lebt danach. Seid stark und unerschütterlich! Lebt, als wäre Christus bei euch. Seid verwurzelt in Gottes Liebe!“
Aber sobald wir überlegen, wie das konkret im Alltag funktionieren soll, merken wir schnell: Das ist gar nicht so einfach.
Wer von uns kann ehrlich sagen, dass ihn nichts erschüttert? Dass er oder sie immer standhaft bleibt? Vielleicht ist das Leben bisher auch einfach gnädig gewesen. Wenn ich sehe, was andere Menschen erleben müssen, in all den Extremen, dann kann ich nicht behaupten, dass ich immer mutig und stark wäre. Es braucht Menschen mit innerer Kraft – aber bin ich wirklich so jemand?
Wer kann sagen, dass Christus immer im Herzen wohnt? Dass nie Zweifel kommen? Nie Angst? Nie Einsamkeit? Dass jedes Denken, Reden und Handeln so passiert, dass es vor Gott bestehen könnte? Ich kann das nicht immer. Es braucht Menschen, in denen Christus wohnt. Aber das kann ich nicht einfach selbst machen. Da braucht es mehr, als ich geben kann.
Wer kann sagen, dass die Liebe Gottes alles im eigenen Leben durchdringt? Dass alles Denken, Reden, Handeln immer aus Liebe geschieht? Dass andere immer etwas von Gottes Liebe spüren, wenn sie mir begegnen? Ich freue mich über viele liebevolle Momente, aber ich kenne auch die anderen Seiten in mir. Es braucht Menschen, die in Gottes Liebe verwurzelt sind. Aber wie soll ich das schaffen?
„Können wir das schaffen?“, fragt Bob der Baumeister. „Yes, we can“, sagt Barack Obama. „Wir schaffen das“, ruft Angela Merkel. Ich selbst bin mir da nicht so sicher.
Wer bereit ist, ehrlich in den Spiegel zu schauen, merkt schnell: Wenn wir jetzt einfach mit „Seid stark!“, „Lebt in Gottes Gegenwart!“, „Liebt bedingungslos!“ nach Hause gehen, bleibt das nur eine weitere Moralpredigt. Sie macht vielleicht ein schlechtes Gewissen, aber bringt wenig Veränderung.
Denn echte Veränderung kann man nicht einfach machen. Nicht mit noch so vielen Bibelversen als Motivation. Nicht mit der besten Predigt im Ohr. Nicht mit guten Vorsätzen. Veränderung scheitert oft an uns selbst.
Wirklich verändern kann nur Gott. Deshalb ist dieser Text aus dem Epheserbrief auch keine Liste von Aufforderungen. Es ist ein Gebet. Dieser Text richtet sich an den einen, der etwas tun kann, wenn es um starke, von Christus erfüllte, liebende Menschen geht. Dieser Text ist eine Bitte an den Vater, von dem alles Leben kommt. Er wird gebeten, uns zu stärken, uns zu erfüllen, in uns zu wirken.
Alles ist Gebet:
„… dass er euch Kraft gibt nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit.“
„… gestärkt zu werden durch seinen Geist.“
„… dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnt.“
Nur so kann es geschehen. Ich kann das nicht. Aber Gott kann das.
„Was steht ihr da und schaut zum Himmel?“
Vielleicht braucht gerade geerdetes Christ:sein in dieser Zwischenzeit immer wieder neu den Blick dafür, dass es nur in der Verbindung zu Gott gelingt. Wir warten – so wie die Jünger:innen damals gewartet haben. Wir stehen in der Zwischenzeit, zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir wissen: Wir können uns nicht selbst verändern. Wir brauchen Gottes Kraft. Wir brauchen Gottes Geist.
Wir sehnen uns danach, dass Gottes Geist in uns lebt, uns Mut macht, uns Kraft gibt und unsere Herzen erfüllt. Wir warten, dass Gott uns bewegt, tröstet, belebt – hier, in unserem Alltag, in unserer Gemeinde, in unserer Welt.
Deshalb bleibt uns am Ende nur, offen zu werden für Gottes Geist. So wie damals die Jünger:innen gebetet und gewartet haben. So wie wir jetzt singen: „Atme in uns, Heiliger Geist.“
Amen.

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