Von Dagmar Henn.
Woran kann man es erkennen, ob ein Mensch wirklich für den Frieden eintritt? Dann, wenn er auch unter schwierigen Bedingungen bereit ist, zu seinen Überzeugungen zu stehen.
Ein solcher Mensch ist der ukrainische Journalist Ruslan Kotsaba. Er war ursprünglich ein Anhänger des Maidan, einer von vielen ukrainischen Journalisten. Als der Bürgerkrieg begann, wagte er es aber, nach Donezk und Lugansk zu reisen; er sah die Folgen des Krieges mit eigenen Augen, und seine Einstellung änderte sich. Anfang 2015 veröffentlichte er ein Video (1), mit dem er die angekündigten Einberufungen kommentierte:
„Bitte schicken Sie mir kein Schreiben zur Mobilisierung, wegen der Tatsache, dass es eine vierte und fünfte Stufe der Mobilisierung gibt. Wie ich gerade sage: Ich kenne klar die Gesetze, ich weiß, dass die Mobilisierung unter dem Kriegsrecht erklärt wird. Ich warne euch alle: ich bleibe lieber im Gefängnis (zwei bis fünf Jahre), als jetzt in den Bürgerkrieg zu gehen und meine Landsleute, die im Osten leben, zu töten. Und selbst wenn sie anders denken und wenn sie glauben, dass die Kiewer Machthaber es nicht wert sind, ihnen zu gehorchen. Also, auch wenn ich ein Spion genannt werden werde, ein Agent Putins, gesagt wird, ich helfe Putin, ich werde alles sagen. Alle, die mich hören! Ich sage, ich verweigere die Mobilisierung und ich rufe alle anständigen Leute auf, die Mobilisierung zu verweigern, weil diese Hölle, dieser Horror gestoppt werden muss. Es ist Unsinn, wenn im 21. Jahrhundert Leute Leute umbringen, weil sie getrennt leben wollen.“
Wegen dieser Sätze wurde er verhaftet und wegen Spionage und Hochverrats angeklagt, mit einem Strafmaß von fünfzehn Jahren.
Seine Verhaftung blieb damals nicht unbemerkt; Bernd Großheim, damals Hörfunk-Korrespondent der ARD in Moskau, sah allerdings keinen Grund, seinem ukrainischen Kollegen beizustehen.
„Einige halten ihn für einen russischen Spion, viele mindestens für einen Nestbeschmutzer, andere schätzen seine Arbeit.“
Schon mit diesen einleitenden Sätzen stellte Großheim klar, dass er die Pressefreiheit hier nicht bedroht sah. „Kotsaba hatte sich in einem YouTube-Video gegen die Mobilisierungsaktion der ukrainischen Armee ausgesprochen, gegen die Fortsetzung des Krieges im Osten des Landes. Schon vorher war er dadurch aufgefallen, dass er nicht die Meinung der Regierung und auch nicht die Bevölkerungsmehrheit wiedergibt.“
Journalismus, so gab es Großheim damit zu erkennen, ist keiner mehr, wenn er weder die Meinung der Regierung noch die der Bevölkerungsmehrheit wiedergibt.
Großheims damalige Reaktion ist geradezu ein Paradefall im Umgang mit gefährdeten ukrainischen Journalisten, daher lohnt es sich, seinen Gedankenverrenkungen noch ein wenig weiter zu folgen. Er hält es für legitim, einen Pazifisten ins Gefängnis zu stecken:
„Kotsaba vertritt auch die Meinung, es gebe keine regulären russischen Truppen im Osten der Ukraine. Über russische Soldaten, die angeblich im Urlaub auf Seiten der Separatisten kämpfen, äußerte er sich im Gerichtssaal nicht. Auch nicht dazu, dass es selbst russische Militärexperten inzwischen für erwiesen halten, dass nur Russland für den schier unendlichen Nachschub an Material und Munition verantwortlich sein kann. Für seine Überzeugung ist Kotsaba nun im Gefängnis gelandet.“
Nun, im Gegensatz zu Herrn Großheim war Kotsaba tatsächlich vor Ort, hat mit den Beteiligten geredet und kam zu dem Schluss, der Bruderkrieg sei verwerflich; Herr Großheim in seinem Moskauer Korrespondentenbüro, durch dessen Familie die ukrainische Front gewiss nicht verläuft, konnte sicher besser erkennen, ob da 'reguläre russische Truppen' im Einsatz waren.
Die Pressefreiheit in der Ukraine jedenfalls sei nicht gefährdet. Das klärte Großheim damals durch eine Nachfrage beim ukrainischen Journalistenverband, dessen Sprecher Sergij Tomilenko ähnlich solidarisch antwortete,