Wer nach Thailand auswandert, hat den schwierigsten Teil noch vor sich, wenn das Flugzeug gelandet ist. In Folge 85 des Auswandern Thailand Podcast sprechen Stefan Fabbro und Wolfgang Payer darüber, womit Integration eigentlich beginnt und wann sie als abgeschlossen gelten kann. Beide berichten aus eigener Erfahrung und stellen dabei klar, dass es sich um keine Anleitung handelt, an die sich jeder halten muss. Es geht um die Frage, warum manche Auswanderer nach zwei Jahrzehnten immer noch außen vor stehen und andere nach kurzer Zeit dazugehören.
[mg8p_podcast][mg8p_podcast_abo][mg8p_youtube ytid="HLBFdx0Q_mo" caption="Warum du nach 20 Jahren in Thailand immer noch Außenseiter bist"]
Was Integration bedeutet und was nicht
Integration bedeutet in keinem Fall, die eigene Identität aufzugeben. Es geht darum, das Land, seine Menschen und die Kultur zu verstehen und zu respektieren. Dabei muss niemand alles gutheißen oder selbst so umsetzen, wie es vor Ort üblich ist. Entscheidend ist ein gegenseitiges Verständnis dafür, warum andere Menschen tun, was sie tun.
Der Unterschied zwischen Urlaub und Auswandern
Urlauber bleiben bei diesem Thema bewusst außen vor. Wer für zwei Wochen kommt, sieht nur die schönen Seiten des Landes und blendet alles andere aus, weil ihn die Probleme des Landes schlicht nicht betreffen. Sobald jemand dauerhaft in Thailand lebt, sieht die Lage vollkommen anders aus. Dann geht es um Wohnung, Visum, Bankkonto, Versicherungen und ärztliche Versorgung, also um Themen, die im Urlaub keine Rolle spielen.
Ohne Sprache funktioniert es nicht
An diesem Punkt widersprechen sich die beiden Gesprächspartner ausdrücklich. Aus einem Sollte wird ein Muss, denn Integration führt ausschließlich über die Sprache. Wer dauerhaft auf Hilfssprachen ausweicht, produziert Missverständnisse und stößt spätestens bei traditionellen Anlässen an eine Grenze, die sich anders nicht überwinden lässt. Niemand erwartet dabei das Niveau eines Muttersprachlers, aber ohne eine gemeinsame Basis bleibt der Zugang zur Kultur verschlossen.
Das Leben in der Blase
In Pattaya, in Patong auf Phuket oder in Teilen Bangkoks kommen Ausländer mit Englisch und häufig sogar mit Deutsch problemlos durch den Alltag. Dieses Phänomen ist keine thailändische Besonderheit, denn auch in europäischen Städten gibt es Viertel, die von einer Sprachgruppe geprägt sind. Wer sich dort einrichtet, lebt völlig legitim, und niemand muss in Pattaya oder Bangkok Thailändisch sprechen. Nur ist das eben keine Integration, sondern eine Parallelwelt mit besserem Wetter.
Ein Alltag, der sich nicht verändert hat
Als Beispiel dient ein guter Bekannter, der seit Jahrzehnten in Thailand lebt und die Sprache nicht spricht. Sein Alltag unterscheidet sich kaum von dem, den er in seiner Heimat geführt hat, denn er isst jeden Tag europäisch und schaut deutsches Fernsehen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er nicht mehr arbeitet und das Wetter besser ist. All das ist zulässig und niemand muss sich dafür rechtfertigen, doch es stellt sich die Frage, warum jemand überhaupt ausgewandert ist.
Ist das Essen ein Teil der Integration
Über dieses Thema wird in Auswanderer-Gruppen auf Facebook regelmäßig gestritten. Wer nach Jahren in Thailand Lust auf ein Schnitzel oder eine Pizza hat, tut nichts Verwerfliches, denn auch in Österreich isst niemand täglich Wiener Schnitzel. Auf dem Land wird es allerdings schwierig, weil dort schlicht keine europäische Küche verfügbar ist und der nächste größere Supermarkt vierzig Kilometer entfernt sein kann. Für den einen ist die thailändische Küche deshalb ein kleiner Baustein der Integration, für den anderen reine Geschmackssache.
Das Land jenseits des eigenen Wohnorts
Schwerer nachvollziehbar ist der Fall jener Auswanderer, die sich nach zwanzig Jahren nur im Umkreis von fünf Kilometern um ihre Wohnung bewegen. Wer sich stattdessen auf das Motorrad, ins Auto oder in den Bus setzt und ein paar hundert Kilometer in die Provinzen fährt, erlebt ein völlig anderes Land. Dort zeigt sich, wie die Menschen tatsächlich leben und wie ihr Alltag aussieht. Die Reaktionen fallen dabei durchweg positiv aus, denn die Neugier auf den Besucher ist groß und die Fragen wollen kein Ende nehmen.
Tempel, Feste und Zeremonien
Auch wer selbst nicht religiös ist, kann an Tempelbesuchen und Zeremonien teilnehmen und tut damit einen wichtigen Schritt. Nach zwei oder drei Besuchen fällt der Fremde nicht mehr auf, die Menschen sprechen ihn von sich aus an und auch die Mönche stellen ganz normale Fragen. Genau daraus entsteht Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Eine Hauseinweihung mit rund hundert Gästen macht nur dann Freude, wenn man sich mit den Anwesenden unterhalten und mittendrin dabei sein kann.
Wenn Vergleiche mit der Heimat beginnen
Ein häufiger Kritikpunkt betrifft die Lautstärke bei Tempelfesten, Hochzeiten und Beerdigungen, denn die Lautsprecher werden nicht auf ein angenehmes Maß eingestellt, sondern bis zum Anschlag aufgedreht. Sobald daraus jedoch der Vergleich entsteht, dass in Deutschland früher alles besser war, ist der Zug bereits abgefahren. Man muss schlicht akzeptieren, dass es hier so ist. Wer das nicht kann, sollte sich einen anderen Wohnort suchen, wobei auch die abgelegenste Lage keine Garantie dafür bietet, dass dort in drei Jahren nicht doch Nachbarn wohnen.
Gesichtswahrung und Konfliktvermeidung
Wer in Mitteleuropa jemanden beleidigt, hat am nächsten Tag meist wieder Ruhe. In Thailand kann es passieren, dass der Betroffene nie wieder ein Wort mit Ihnen wechselt, besonders wenn der Gesichtsverlust vor anderen stattfindet. Die klare Empfehlung aus eigener Erfahrung lautet deshalb, Konflikte zu vermeiden, wo immer es möglich ist. Das fällt vielen schwer, weil wir dazu erzogen wurden, eine Meinung zu haben und diese notfalls bis zum Ende zu verteidigen, doch genau diese Stärke kann hier schnell nach hinten losgehen.
Die Rolle der Hierarchie
Wer in Thailand lebt, sollte jederzeit wissen, wo er in der Rangordnung steht, insbesondere auf Behörden. Man betritt eine Behörde grundsätzlich in dem Bewusstsein, dass man in diesem Moment etwas von seinem Gegenüber möchte und deshalb untergeordnet ist. In Mitteleuropa gilt die Vorstellung, dass Beamte dem Volk dienen und von diesem bezahlt werden, doch gesellschaftlich wird das in Thailand vollkommen anders gesehen. Viele Eltern zahlen erhebliche Summen dafür, dass ihre Kinder eine Beamtenlaufbahn einschlagen können, weil der gesellschaftliche Stellenwert entsprechend hoch ist.
Kreng Jai und das Land des Lächelns
Kreng Jai bedeutet Rücksichtnahme und gehört zu den zentralen Begriffen der thailändischen Kultur. Im Alltag heißt das auch, gelegentlich auf den eigenen Vorteil zu verzichten, damit das Gegenüber sein Gesicht nicht verliert. Viele Probleme werden hier weggelächelt, was nicht bedeutet, dass sie nicht vorhanden sind. In Europa lernen wir das Gegenteil, nämlich Probleme früh anzugehen, damit sie klein bleiben, weshalb es darum geht, für sich selbst den richtigen Mix zu finden.
Gesetze, Regeln und Pflichten
Zur Integration gehört auch, die Gesetze und Regeln des Landes zu akzeptieren und danach zu leben. Für Ausländer betrifft das in erster Linie Visa und Meldepflichten, daneben aber auch Verkehrsregeln, die für alle gleichermaßen gelten. Wer die thailändische Gesetzeslage etwa im Bereich Drogen unterschätzt, findet sich schneller vor Gericht wieder, als ihm lieb ist. Problematisch wird es immer dann, wenn jemand auf seinem Recht beharrt, weil jeder nach dem lebt, was er von zu Hause kennt.
Rechtliche Integration ist möglich
Häufig ist zu lesen, Ausländer seien in Thailand lediglich geduldet und erhielten bestenfalls einen jährlich zu verlängernden Aufenthaltstitel. Das trifft so nicht zu, denn unter bestimmten Voraussetzungen gibt es die Permanent Residency als unbefristeten Aufenthaltstitel und für manche sogar die thailändische Staatsbürgerschaft. Beide Wege führen in der Regel über Arbeitsgenehmigung, Steuerzahlungen, Einkünfte und familiäre Bindungen, weshalb sie für Rentner meist nicht in Frage kommen. Thailand signalisiert damit klar, welche Menschen es dauerhaft einbinden möchte, nämlich jene, die dem Land einen Nutzen bringen.
Finanzielle Zurückhaltung zahlt sich aus
Wer sich einen Porsche leisten kann und möchte, soll das tun, sollte dann aber auch in eine entsprechende Gegend ziehen. In einer thailändischen Siedlung fällt ein solches Fahrzeug erheblich auf und löst Erwartungen und Empfindungen aus, die niemand kalkulieren kann. Der Neidfaktor unter Thailändern gilt dabei als deutlich geringer als unter Mitteleuropäern, weil Wohlstand häufig als Ergebnis guter Taten in einem früheren Leben verstanden wird. Trotzdem empfiehlt es sich, eine Nummer kleiner aufzutreten, weil man damit im Alltag deutlich besser zurechtkommt.
Soziale Medien und Thailand-Bashing
Mit sozialen Medien lässt sich viel Gutes bewirken, indem Menschen informiert, aufgeklärt und gewarnt werden. Ebenso lässt sich damit erheblicher Schaden anrichten, insbesondere wenn das Schlechtmachen des Landes zur Gewohnheit wird. Auffällig ist dabei, dass dieser Faktor bei manchen Auswanderern mit der Aufenthaltsdauer eher zunimmt. Natürlich ist Thailand nicht perfekt und manches funktioniert anders oder gar nicht, doch mit öffentlicher Zuspitzung verändert niemand das Land, sondern nur die Sicht anderer Menschen auf dieses Land und auf sich selbst.
Integration innerhalb der Partnerschaft
Als Beispiel dient der erste Besuch bei der Familie einer thailändischen Partnerin, die man bereits in Deutschland kennengelernt hatte. Die Einladung ins Haus der Familie war selbstverständlich, ein gemeinsames Zimmer für ein unverheiratetes Paar hingegen nicht. Die Eltern wussten genau, dass beide in Deutschland zusammenlebten, doch es ging um die Nachbarn und damit erneut um Gesichtswahrung. Wer in einer solchen Situation andere Erwartungen und Vorstellungen mitbringt, ist im Land schlicht falsch.
Ein Paradebeispiel gelungener Integration
In der Facebook-Gruppe ist eine Frau aktiv, die abseits jeglichen Tourismus in der Provinz lebt und sich dort außergewöhnlich gut eingefunden hat. Sie hat thailändischen Tanz gelernt, nimmt an Tanz- und Tempelveranstaltungen teil und trifft sich regelmäßig mit ihrer Tanzgruppe zum Üben. Über diese Gruppe entstehen laufend neue Kontakte, und die Sprache spricht sie ohnehin. Niemand muss in einen Tanzverein eintreten, doch allen gelungenen Beispielen ist eines gemeinsam, nämlich die thailändische Sprache.
Das Fazit der Folge
Thailand muss sich nicht an die Zugezogenen anpassen, sondern die Zugezogenen müssen sich an Thailand anpassen. Der Rat der beiden lautet deshalb, sich frühzeitig über Gesetze, Kultur und die wichtigsten Gepflogenheiten des Landes zu informieren. An erster Stelle steht dabei die Sprache, und auch ein erster Einstieg ohne Kurs ist besser als gar kein Anfang. Wer das verstanden hat, hat auch die Möglichkeit auf eine gute Zukunft in diesem Land.
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