Nicht dass Sie denken, ich hätte den Frühjahrskoller. Sei also entsprechend körperlich und geistig durcheinander von steigenden Säften, knospenden Emotionen und sprießenden Trieben. Nicht doch. Aber zugegebenermaßen kann man sich schon den jahreszeitlich mächtig wuchernden Sprachbildern und Metaphern nicht entziehen. Ob nun romantisch flatternde blaue Bänder, brachial ausschlagende Bäume oder martialisch aus dem Erdreich schießende Schößlinge. Alles steht im Zeichen des Aufbruchs und des Neuanfangs. Was sich jetzt nicht streckt und aufsteht, bleibt lange liegen. Passend fügt sich so ja auch das Osterfest in diesen allgemeinen Aufbruch, als christliches Fest der Auferstehung, das seinerseits wieder lange Tradition als Feier des Frühlings aus heidnischer Zeit hat. Wie die Etymologen uns verraten, hat das Wort "Ostern" etwas mit der "Morgenröte" zu tun, die ja ihrerseits den täglichen Neustart aus der Dunkelheit verkörpert. Alles auf Anfang also. Wunderbar passend, dass sich nun auch der Neustart unserer Regierung in diese Zeit einbettet und wahrlich, da knospt es noch aus dem letzten Altholz, dass einem die Augen übergehen möchten. Nehmen wir nur den alten CSU-Knorzen Seehofer, aus dem es frisch und mächtig nach draußen drängt. Kaum als Innen- und Heimatverweser inauguriert, keimt es kraftvoll aus der bajuwarischen Borke: Gleich erst mal dem Islam als Teil Deutschlands eine Abfuhr erteilt, dann stolz eine Männermannschaft präsentiert, bei der einem schon aus dem Foto ein kräftiger Hauch von ungesteuertem Testosteron anweht und dann noch schnell einen "Masterplan für schnellere Asylverfahren und konsequentere Abschiebungen" ins Nest geschmettert, dass die Osterglöckchen nur so bimmeln. Dass es nun ausgerechnet ein "Masterplan" sein musste – ein Wort, dass ähnlich wie "Handy" ein pseudoenglischer Begriff ist, der so im Englischen gar nicht existiert – das will so recht nicht zum neuen Heimatgefühl passen. Flugs also wurden auch im Seehofer-Ministerium die Sprachbildhauer an die Wortmeißel gerufen und siehe, die frühlingshaft beflügelten Mitarbeiter schufen aus dem doch eher unfreundlichen Wortmonster der vom Alten geplanten "Ankunfts-, Entscheidungs- und Rückführungseinrichtungen" das großartige Akronym "Ankerzentren". Das klingt doch nach Landung, Sicherheit, Schutz. Denn was ist ein "Ankerzentrum" anderes als ein Hafen, in den man nach langer mühevoller Irrfahrt einläuft? Noch dazu, wenn der Hafenmeister den Namen "Seehofer" trägt. Ist doch auch ein See-Hof wiederum nichts anderes als – ein Hafen? Ja! Wie passend auch für Menschen, die ja in nicht geringer Zahl ganz konkret nach gefahrvoller Seefahrt ins gelobte Deutschland gelangt sind. Nur schade, dass den meisten Geflüchteten diese wunderschönen und heimeligen Bedeutungszusammenhänge dank fehlender Sprachkenntnisse wohl eher nicht zugänglich sein werden. Und das auch so bleiben wird, weil ja Sprachunterricht wie auch andere integrative Angebote im Ankerzentrum eben gerade nicht stattfinden sollen. Also wird bei den dort vor Anker Gegangenen der schlichte Eindruck eines Lagers bleiben, in das sie eingeliefert werden und in dem sie verbleiben müssen, bis der christsoziale Dreischritt an ihnen exekutiert worden ist: Ankunft – Entscheidung – Rückführung. Im günstigsten Falle ohne dass je ein direkter Kontakt zur christlich-abenländischen Wertegemeinschaft stattfinden müsste. Aber vielleicht gibt's ja wenigstens bunte Eier im Ankerzentrum. Meine Nachbarin Barscheck wird wohl in diesem Jahr ein paar Extra-Gläschen Rum in ihren traditionellen Eierlikör zum Oster-Fest rühren. Stroh-Rum. Zur Betäubung der Reste von christlich-abendländischem Schamgefühl.