Ende 2019 habe ich an einem zweiwöchigen Gruppeninterview
der China Media Grupp in dem chinesischen uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang
teilgenommen. Als ich zurückkam, dachte ich oft, dass in Xinjiang zwar so viele
verschiedene Völker leben, sich ihre Bilder jedoch zu einem gemeinsamen Konzept
zusammenfügen – dem Xinjianger. Es muss eine gemeinsame Vitalität geben, die
sie zusammenhält.
Ich fragte die Einheimischen, wie ihr tägliches Leben aussehe. Eine
34-jährige uigurische Frau namens Merhaba ist Krankenschwester in der Abteilung
für Akupunktur des Krankenhauses für traditionelle chinesische Medizin im Kreis
Qitai. In diesem Krankenhaus arbeiten Ärzte und Krankenschwestern der
Nationalitäten Han, Uyghur, Usbek, Kasak und Hui zusammen. Merhaba sagte, sie
und ihre Kollegen hätten oft zusammen gegessen, gesungen und getanzt.
Ich fragte: „Meinst du Karaoke und Disco?“
Merhaba machte eine Pause: „Also ... du kannst das gerne
so verstehen.“
Als die lokalen Kollegen davon hörten, lachten sie und
sagten: „Du kennst die Xinjianger gar nicht!“ Li Dian, ein Mitarbeiter vom
Fernsehsender Xinjiang sagte: „Wenn wir auf einer Party glücklich sind, fangen
wir direkt an, neben dem Esstisch zu singen und zu tanzen. Meine Freunde und
ich bringen am Wochenende oft Gitarren und Dongbulas zum Barbecue in die Jurte.
Jeder beeilt sich, sich zu zeigen.“
Li Dian wurde in einer Familie der Han-Nationalität im
Bezirk Altai geboren. Die meisten Nachbarn gehören zur Kasak-Nationalität. Ihre
Ernährung und Lebensweise sind bereits sehr ähnlich. In der Mittelschule
tanzten Kinder verschiedener Nationalitäten während des Sportunterrichts
gemeinsam den kasakischen Tanz „das schwarze Pferd“. Li Dian hat das Gefühl,
dass der Tanz seine optimistische Einstellung und seinen geselligen Charakter herausgearbeitet
hat. Er war der Meinung, dass die Lieder und Tänze der chinesischen
Minderheiten im Vergleich zur der Han-Nationalität vergleichsweise direkter seien.
Am Anfang des Tanzes sieht man bereits den Höhepunkt, der den glücklichsten
Zustand völlig zeigt.
Tanz ist für die chinesischen Minderheiten ein kleiner
Spiegel des Lebens. Kasaken haben eine tiefe Beziehung zu Pferden: „Reiten auf
einem schwarzen Pferd“ kann die Männlichkeit des Jungen und die Zärtlichkeit
des Mädchens betonen. Die Tadschik-Nationalität züchtet Falken. Der „Adlertanz“
zeigt die Freiheit der Vögel am Himmel. In der Tamburinshow haben die Leute in Hami,
die bekannt für ihre Landwirtschaftstechnik sind, die Handlungen von Siebreis,
Servieren von Tellern und Ernten von Trauben gezeigt. Um die scharfen Augen und
Zähne von Wildtieren zu zeigen, verwenden die Tänzer im Wald Weizenstroh, um
ihre Augen zu erweitern und es in ihre Nasenlöcher einzuführen.
Die Tänzer, die ich zuvor im Fernsehen gesehen habe,
waren jung und schön, so gut wie Filmstars. Diesmal haben wir in Xinjiang viele
Tänzer gesehen, die ungefähr 50 Jahre alt waren. Sie sahen wie normale Nachbarn
aus, waren aber voller Vitalität und Selbstbewusstsein beim Tanzen. Sie waren
total schön. Was mich am meisten überraschte, war Abdulrahman, ein 80-jähriger
uigurischer Tänzer, der sehr beweglich und kräftig auf der Bühne war. Als ich
seinen grinsenden zahnlosen Mund und seinen Spaß am Tanzen betrachtete, konnte
ich meine Tränen nicht mehr unter Kontrolle halten. Ich frage mich oft, ob es
einen Zeitplan für ein „perfektes Leben“ gibt? Muss man sich mit dem
Älterwerden denn auch unbedingt verändern? Für Uiguren gilt: Solange sie sich
noch bewegen können, werden sie bis ans Ende ihres Lebens tanzen.
Ein uigurisches Sprichwort lautet: „Man kann die Oase nur
über die Gobi erreichen.“ In einem schwierigen und unbevölkerten Umfeld ist Musik
der beste Begleiter und der beste Weg, um die Gefühle der Xinjianger auszudrücken.
Der uigurische Junge Ayni hat früher viele Jahre in Beijing gelebt. Wir baten
ihn, seine Liebesgeschichte in Beijing zu erzählen. Er sagte: „Ich würde gerne
ein Lied für euch singen.“
Das war ein Lied in uigurischer und kasakischer Sprache. Wir
konnten die Texte gar nicht verstehen. Interessanterweise haben wir trotzdem in
dem Moment alles verstanden. Ayni sagte, dass das Lied „Das Mädchen mit
schwarzen Augen“ hieß. Er erklärte ein Paar Abschnitte des Liedes:
„Ich sitze auf einem Grashügel. Eine Schafherde kam auf
mich zu. Nur eines der Tiere ist schwarz.
Wenn Sie klug genug sind, verbringen Sie Ihr Leben mit
Weinen und Lachen. Wer wird sonst noch auf dieser Welt bleiben?
Ich lasse mein Lieblingsakkordeon in dem Berg hinter mir zurück
und nehme es nie wieder mit.“
Unter dem Eindruck jedes neuen Liedes und Tanzes habe ich
die Menschen in Xinjiang Schritt für Schritt besser verstanden: Ihre herzlichen
und ausdrucksstarken Aufführungen zeigen ihre Vitalität, verbinden Menschen
verschiedener Nationalitäten miteinander und erzählen die gleiche Geschichte.