Der Medienbote - Vor 20 Jahren

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Der Medienbote - Vor 20 Jahren episodes

  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 06.10.2006 | #026
    Bernt von zur Mühlen | Siemens-Rhetorik

    Siemens-Rhetorik

    Der Regierungssprecher der Adenauer-Regierung, Felix von Eckart, pflegte sich als der „…schlechtestinformierte Mitarbeiter des Kabinetts…“ vorzustellen. Dieser Zustand scheint auch bei dem krisengeschüttelten Konzern Siemens der Fall zu sein, denn der Kommunikationschef scheint keine Gelegenheit zu haben, den offensichtlich kommunikativ sehr unbegabten Chef Klaus Kleinfeld zu beraten. Wer einen Tanker wie Siemens führt, muss entweder begabt exaltiert sein und die Medien lieben oder wie ein Schüler Kommunikation üben, sich hineindenken in dieses Metier, denn Konzernchefs sind in erster Linie Verkäufer des Firmen-Images. Ein Verkäufer, der unrasiert, unhöflich und schlecht angezogen seine Ware an den Mann bringen will, kann es gleich lassen. Kleinfeld kann von Glück sagen, dass in den vergangenen Tagen bei ARD und ZDF keine knallhart nachfragenden Nachrichtenmoderatoren Dienst hatten, als die Wogen der BenQCausa hochschlugen. Es ist so wie mit dem Wetter: es gibt kein schlechtes oder gutes, es gibt nur falsche Kleidung. In der Unternehmenskommunikation hat schon der Pressechef verloren und sollte den Job wechseln, der einen Chef hat, der ihn nicht vorab unterrichtet beziehungsweise idealerweise auch proaktiv fragt, wie geplante Maßnahmen in der Öffentlichkeit wirken werden. Und Aufsichtsräte sollten bei Benennungen von Vorständen auch bewerten, ob der Kandidat den Mehrwert „Kommunikation“ beherrscht. Betriebswirtschaftlich begabte Autisten haben wir in der Industrie genug. Auch sollten Vorstände, wenn sie gerne mit teuren Uhren auftreten wollen, dazu stehen und sich geschmackvolle kaufen, denn die fallen nicht auf. Dass Siemens-Kleinfeld seine Presseabteilung anwies, auf einem Foto die Rolex retuschieren zu lassen, erinnert an die Zeit in China, wo missliebige Regierungsmitglieder auf Fotos wegretuschiert wurden.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 05.10.2006 | #025
    Bernt von zur Mühlen | TV-Sender als Handyanbieter

    TV-Sender als Handyanbieter

    Es gehört zu den Besonderheiten des deutschen Markts, dass sich bisher alle TV-Sender nicht in dem Megamarkt Handy engagiert haben. Ganz anders in Frankreich, wo der RTL-Ableger M6 aus dem Stand heraus mit seinem M6 Mobile Erfolg hatte, schon im ersten Jahr Gewinne schrieb und nach 16 Monaten bereits 600.000 Kunden mit der TV-Marke M6 telefonieren. Eine Million sollen es in drei Jahren sein. Obwohl die TV-Handy-Anbieter kleine Marktanteile in Frankreich halten, stellen sie das Mobile-Phone-Segment mit den kräftigsten Zuwächsen. Diese so genannten virtuellen Mobilfunkbetreiber bringen dem TV-Geschäft, was in Zukunft noch mehr wert sein wird und das Stammgeschäft nicht generieren kann: adressierbare Endkunden. Auch die Radiomarke NRJ hat sich in Frankreich unter die Handyanbieter gemischt und fährt gut mit diesem Geschäft. Zum Weihnachtsgeschäft werden die virtuellen Handyanbieter bereits 20 Prozent vom Mobile-Phone-Markt ausmachen. Warenhausketten, TV-Sender und andere starke Konsumentenmarken sind prädestiniert in diesen Markt einzusteigen. Die Investitionen in das technische Netz entfallen, Gerätehersteller gibt es zuhauf weltweit und das Megatool Handy ist bei jungen Menschen das Statussymbol Nummer 1. Auch die Integration des Handy-TV-Bildschirms in der Generation der neuen Geräte hat die Fernsehsender in Deutschland nicht in Trab gesetzt. Eine Produktionsgesellschaft wie die UFA scheint sich hier zu Lande intensiver mit Handy- TV und den damit einhergehenden Inhalten zu beschäftigen, als die TVSenderfamilien. In der ersten Welle der Handywelt waren die TV-Stationen in Deutschland nicht dabei. Werden sie die zweite Welle auch verpassen?

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 04.10.2006 | #024
    Bernt von zur Mühlen | Uterus TV

    Uterus TV

    Am kommenden Sonntag will der weitgehend glücklos agierende britische Privatsender Five mit einer neuen Variante von Reality TV Quote machen. Aus der Klinik Queens Medical Center in Nottingham überträgt der Sender eine Geburt live. Die „Big Brother“-Firma Endemol produziert und, um den Tabubruch zu kaschieren, soll das „Wunder der Geburt“ gezeigt werden. Natürlich fließt Geld an die Klinik. Die Gruppe von 18 schwangeren Frauen, die alle auf diesen Zeitpunkt hin pressen und hecheln, werden nicht einfach vor laufender Kamera gebären, sondern auch einen Kaiserschnitt soll das TV-Publikum miterleben. Was passiert, wenn es zu Komplikationen kommt, wenn Gefahr für Mutter und Kind droht? Sind Kameras und Beleuchtung im Kreißsaal förderlich für Entspannung und Ruhe? Warum macht das eine Klinik mit? Welcher Chefarzt ist so weit weg von ärztlicher Umsicht und Anstand? Reality TV ist schon seit Jahren brutal in das Territorium der Medizin eingebrochen. Zum Jahresbeginn zeigte Channel 4 in England vor Live-Publikum Autopsien, die von Gunther von Hagens zelebriert wurden. Der moderne Dr. Mabuse hat darüber hinaus angekündigt, im Fernsehen zu zeigen, was mit einem Körper geschieht, der gekreuzigt wird. Five zeigte 2004 live, wie Frauen sich Brust- und Gesichtsoperationen unterzogen. Ist der Tagebuchschreiber prüde? Nein, er ist gelangweilt und abgestoßen von so viel Unfähigkeit, Kreativität zu entwickeln, während sexistisch letzte Intimitäten zerstört werden.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 02.10.2006 | #023
    Bernt von zur Mühlen | Wunschzettel an Stiftung Warentest

    Wunschzettel an Stiftung Warentest

    Die Themenpalette der Stiftung Warentest scheint endlos und vollständig. Wer eine Hilfestellung für Versicherungen braucht, kann aus einem Füllhorn an Tests aussuchen. Und so ziemlich jedes Gerät, jede Ware ist von den Prüfern durch die Mangel genommen worden und in seinen Leistungsdetails für die Nutzer und Käufer transparent geworden. Mutig sind die Macher der Stiftung Warentest auch, denn als sie kurz vor der Fußball-WM manchen Stadien den notwendigen Sicherheitsstandard absprachen, bellten viele zurück. Neutralität ist das oberste Gebot der Einrichtung und nahezu jeder Deutsche kennt die hoch renommierte Marke. Gibt es also noch weiße Flecken im Test-Atlas der Stiftung? Ist alles, was neutral beobachtet und ausgewertet werden kann, im Fokus der Stiftung? Nicht ganz, denn um die uns demnächst vollständig umgebende Internet-Welt und die klassische Medienwelt macht die Stiftung einen großen Bogen. Wenn Bildung einen solchen Stellenwert hat, wie wir alle wissen, warum werden die Unis in Deutschland und die Gymnasien nicht getestet? Dort fließt viel Geld von Jedermann hin und man wüsste doch gerne, ob das gut angelegt ist. Natürlich gibt es die Webseite www.meinprof.de, wo über 25.000 Uni-Lehrende beurteilt werden. Aber da geht es oft arg, wenngleich amüsant, subjektiv zu. Auch TV-Sender, Zeitungen, Zeitschriften, Radiosender und Internetseiten sollten von der Stiftung Warentest untersucht werden. Ob ein von VOX gesendeter Krimi gut oder schlecht ist, muss unter Publikumsgeschmack verbucht werden, ob aber der Sender eine gute oder schlechte Internetseite hat, ob sein Zuschauertelefon gut oder schlecht funktioniert, ob sein Sendeschema umfassend oder spartig ist, all das könnten Warentest-Highlights werden. Ist die Qualität einer Tageszeitung, einer Agentur, eines Radiosenders, einer Internetseite nicht objektiv messbar? Wenn das nicht möglich ist, sollte man sofort alle Studiengänge dazu schließen und im Fach Esoterik unterbringen.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 29.09.2006 | #022
    Bernt von zur Mühlen | Wir sind Konfuzius

    Wir sind Konfuzius

    Während die Goethe-Institute weltweit aus Kostengründen sich selbst auf den Prüfstand stellen und einige Schließungen vornehmen, gründet China unaufgeregt, aber stetig überall so genannte „Konfuzius- Institute“. Der Zeitgenosse des Pythagoras (ca. 580-500 v. Chr.) starb ungefähr 50 Jahre vor Platon (428 v. Chr.) und etwa 100 Jahre vor der Geburt von Aristoteles. Über den chinesischen Groß-Lehrmeister weiß man biografisch nichts Genaues. Man geht davon aus, dass er 551 vor Christus geboren wurde, in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und kleinere Verwaltungsposten im Staat als Aufseher über Getreidespeicher und Weiden innehatte. Vieles ist Legende. So soll er Laotse getroffen haben und als erfolgloser Mahner und Lehrer soll er 479 vor Christus gestorben sein. Zweifelfrei ist seine Leistung, eine große Denkschule etabliert zu haben. In dem von seinen Schülern wiedergegebenen Hauptwerk Lun-yu („Gespräche“) sind die großen Gedanken des Erziehers nachzulesen. Das offizielle China hat den von Mao verachteten und mit Leseverbot belegten Konfuzius wieder entdeckt. Alt-Kanzler Helmut Schmidt ist so hingerissen vom Meister, dass er in seinem neuen Buch „Nachbar China“ ganze 26 Seiten der konfuzianischen Tradition widmet, und im ARD-Programm Beckmann den „Chinakenner aus Leidenschaft“, so der Text im Buchdeckel, fragt, ob er nicht inzwischen Konfuzianer geworden sei. Schmidt antwortet „jein“ und lässt Beckmann ausschweifend an der Konfuzianismus- Euphorie teilhaben. Die staatlich kontrollierte Nachrichtenagentur Chinas, Xinhua, setzt jetzt die Meldung in die Welt, es gebe 1,5 Millionen Nachkommen des Philosophen. Genau aufgelistet, einschließlich der weiblichen Nachfahren, die früher nicht so viel taugten. Wie die Chinesen auf diesen Stammbaum kommen bei der unklaren Ausgangslage der Fakten, wird ihr Geheimnis bleiben. Aber im Sinne einer wandelbaren Staatsräson zu schönen und zu fälschen hat eine lange Tradition im Reich der Mitte. Mode wird es auf alle Fälle werden im Party-Talk, nachdem wir schon alle Buddhisten waren, jetzt Konfuzianer zu werden.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 28.09.2006 | #021
    Bernt von zur Mühlen | Hyperkonvergent

    Hyperkonvergent

    Was noch Handy heißt, ist schon längere Zeit ein hyperkonvergenter Alleskönner. Die Mehrheit benützt statt Uhr, Kalender und Kamera ihr Mobiltelefon. Im Monatsrhythmus erweitern sich die dem Handy einverleibten Fähigkeiten. Navigation und Musikbereitstellung werden die nächsten Domänen werden. Dem Laptop werden immer mehr Zwischenschritte abgenommen. Es ist nur noch eine Frage von wenigen Monaten, dann ist die Möglichkeit, direkt vom Handy aus Musik zu kaufen und einzusaugen state of the art. Nokia schickt jetzt ein Smartphone ins Rennen, das sich an die weltweite Laufgemeinde wendet. Schritte zählen, Distanzen registrieren und verbrannte Kalorien messen, steckt jetzt in einem neuen Modell der Finnen drin. Weg mit der Uhr am Handgelenk, die speziell dem Läufer diese Daten meldete, denn auch das kann jetzt das Handy. „Text-to- Speech“ wird auch integriert. Ohne auf das Display des Handys zu schauen, kann man sich Texte vorlesen lassen. Die Pixelzahl der eingebauten Kamera hat schon längst die Fünf-Millionen-Grenze überschritten und die Integrierung der Browser-Welt hat Nokia ebenfalls angekündigt. Nur Handys herzustellen ist den Finnen nicht mehr genug. Der Konzern wird auf einen integrierten Service- und Unterhaltungskonzern getrimmt. Design-Pannen wie den jungen Käufern keine Klapp-Handys anzubieten sind ebenfalls überwunden und auf Einkaufstour war man kräftig. Vor kurzem kaufte Nokia den Web-Musikdienstleister Loudeye und hat damit den Apple-Kollegen den Fehdehandschuh vor die Füße geworfen. Die Grenzen zwischen mobilem Multimedia-Computer und banalem Telefon sind verschwunden. Motorola, Sony, Microsoft, Apple und Nokia sind die Konvergenz-Ritter der Neuzeit.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 27.09.2006 | #020
    Bernt von zur Mühlen | Die große Mozart-Zensur in Berlin

    Die große Mozart-Zensur in Berlin

    Noch schreiben wir das Mozart-Jahr. In Salzburg konnten wir weltweit erstmalig die Aufführungen aller 22 Singspiele und Opern des Genies kompakt erleben. In vielen Opern von Mozart stecken große Gedanken zur Aufklärung, zu den Weltreligionen, zur Mystik und zum Humanismus. Worte und Gedanken, Charaktere auf der Suche nach Freiheit, Selbstbestimmung und Würde. Jetzt am Ende des Mozart-Jahrs zensiert sich die Deutsche Oper in Berlin selbst und zelebriert vorauseilenden Gehorsam vor dem Gespenst des theokratischen Islamismus und setzt die Mozart-Oper „Idomeneo“ am 4. November vom Spielplan ab. Warum dieser Wahnsinn? Nur weil in der am 4. November vorgesehenen Inszenierung von Hans Neuenfels am Ende die abgeschlagenen Köpfe der Religionsstifter Buddha, Jesus und Mohammed zu sehen sind? Ja, wegen dieser Szene. Gab es Drohungen gegen die Deutsche Oper? Nein. Gab es den Rat der Sicherheitsbehörden an die Intendanz, die Aufführung abzusetzen? Nein. Zuletzt wurde im Mai 2004 diese Inszenierung der Oper von Neuenfels gespielt und Kritik gab es wie immer bei einer profilierten Inszenierung. Eine Oper ohne Kritik ist wie ein BMW ohne Ledersitze. Schon Mozart war einem Feuerwerk aus echter Kritik, Intrige und Neid ausgesetzt. Das ist dem Kunstbetrieb inhärent. Auch empörte Buhrufe sind das Salz in der Suppe. Und wenn Religionsgemeinschaften sich über Theaterstücke, Romane, Bilder und Ausstellungen aufregen, ist das Teil der größten Freiheit, die wir haben. Was wird jetzt am 4. November in der Deutschen Oper gezeigt? „Die Hochzeit des Figaro“. Wann zensieren sich 3sat oder ARTE?

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 26.09.2006 | #019
    Bernt von zur Mühlen | Bitte recht freundlich wackeln

    Bitte recht freundlich wackeln

    Heute beginnt die Photokina in Köln und wir hören im Vorfeld, dass sich seit einigen Jahren jährlich rund sieben Millionen Deutsche eine Digitalkamera zulegen. Ohne komplizierten Dreisatz lässt sich schnell errechnen, dass sich - ähnlich wie im Handymarkt - bald in jeder deutschen Foto- Amateur-Hand ein digitaler Fotoapparat befinden wird. Ein gesättigter Markt also? Nein, denn jetzt kommen die Booster, die Raffinesse und das Tuning der Apparate. Alles, was der Laien-Fotograf nicht kann, alle seine Schwächen, wie seine Unfähigkeit, gutes Licht zu suchen, gleicht die neue Generation der Digitalkameras aus. Milliarden von Amateur-Fotos sind in den vergangenen Generationen trotz wunderbarer Motive, eines hinreißenden Sonnenuntergangs und einer perfekten Blende total versaut worden und einmalige Momente unwiederholbar verpatzt worden, weil der Hobby-Fotograf verwackelte, seine Hände jenen unkreativen Sekundenanfall von Tremenz bekamen, der aus jedem göttlichen Fotomoment miserablen Bild-Mist macht. Dieses Nano-Zittern hilft der auch bereits schwächelnden Digitalkamera-Branche aus dem Loch. Denn wenn nur jeder zweite Hobby-Fotograf beim nächsten Kamerakauf grübelnd sich selbst kritisch in die Mangel nimmt und nicht ausschließen kann, dass auch er zu den „Wacklern“ und „Zitterern“ beim Fotografieren gehört, ist wieder eine digitale Kamera verkauft - mit eingebautem Verwacklungsschutz. Diese Wackel-Software wird wieder ein paar Monate oder sogar Jahre dafür sorgen, dass weiter Digitalkameras verkauft werden. Schon der Erfinder des Mikado-Spiels hat auf diese Volkskrankheit gesetzt. Wer wackelt, fliegt raus. Jetzt heißt es: ordentlich wackeln beim Fotografieren.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 25.09.2006 | #018
    Bernt von zur Mühlen | Der Lauf-Gott Haile Gebrselassie

    Der Lauf-Gott Haile Gebrselassie

    Im Fernsehen einem großen Stadtmarathon zuschauen, hat eine eigene Faszination. In Berlin liefen am Sonntag 40.000 Marathon-Jünger los und der Sieger war wieder der beste Läufer der Welt, der 1973 in dem Dorf Asela geborene Äthiopier Haile Gebrselassie. Bei 2:04:55 liegt der Weltrekord. Haile Gebrselassie kommt aus einer Bauernfamilie. Geschwister: fünf Jungs und vier Mädchen. Der Großvater war Priester und heiratete neun Mal. 15 Jahre wohnte Haile mit seinen Geschwistern in einem Tukul, einer runden Lehmhütte ohne Fenster. Mit 3 Euro pro Monat wurde er mit 16 Jahren als Lauftalent von der Ethiopian Airline gefördert. In Adis Abeba gehört die Firma Haile&Alem International mit 200 Mitarbeitern dem Lauf-Genie. Viel Geld fließt dann in äthiopische Aufbauprojekte. Äthiopien - dreimal so groß wie Deutschland - hat die besten Läuferinnen und Läufer der Welt hervorgebracht. Im Hochland wird von Kindheit an natürlich trainiert. Erst seit 1995 hat das Land eine demokratische Verfassung und bei den Olympischen Spielen in Barcelona gewann die Läuferin Derartu Tulu als erste afrikanische Sportlerin eine olympische Goldmedaille. Barfuß gewann 1960 in Rom der Marathon-Läufer Abebe Bikila Gold. Haile Gebrselassie ist das bescheiden gebliebene Idol aller Äthiopier. Der zweifache Olympiasieger, fünfzehnfache Weltrekordler und zehnfache Weltmeister ist der größte Medien-Botschafter seines Landes.

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  • Der Medienbote - Vor 20 Jahren | 22.09.2006 | #017
    Bernt von zur Mühlen | Fotofälscher-Wettbewerb von Spiegel Online

    Fotofälscher-Wettbewerb von Spiegel Online

    Einem Bit ist es egal, ob es Bestandteil einer digital aufgezeichneten Wagner-Oper ist und einem Pixel ist es egal, ob es in einem manipulierten Bild drinsteckt oder in einem harmlosen Urlaubsfoto, auf dem Papa die Sandburg schaufelt. Digital ist, was auseinander genommen und wieder zusammengesetzt werden kann. Cut and paste beherrscht die Powerpointwelt der Wissenschaft und Spiegel Online ruft kess passend zur baldigen Photokina in Köln seine fotografierenden Leser auf, tief in die Fotomanipulation, also in die Fälschung, einzusteigen. Im Windschatten der amerikanischen Webseite www.worth1000.com, wo mit Fotos drauf los gebastelt wird, bis die Pixel qualmen, soll der Spiegel-Wettbewerb in die gleiche Kerbe hauen. Bildteile phantasievoll verwursten, bis Haare aus Autos wachsen oder Männer zu Drag Queens umgebaut werden. Alles ist erlaubt, so die Spielregeln des Wettbewerbs, solange der Pixel- Fälscher die Bildrechte besitzt und Personen, die er manipulativ umbaut, damit einverstanden sind. Um Appetit zu machen, zeigt der Spiegel eine Fotofälschung von Tony Blair, der mit Russ-Meyer-Brüsten ausgestattet wurde. Ein Schelm, der wirklich glaubt, Tony Blair habe sein Einverständnis zu diesem Grusel-Foto gegeben. Soft soll der Wettbewerb anfangen und vier Fotos zum Downloaden und Ausschlachten sind vorgegeben. Zurzeit tourt in Europa eine Fotoausstellung mit dem Namen „Wenn Bilder lügen“. Journalistisches Machwerk der großen Manipulationsklasse. Didaktisch soll die Lehre gezogen werden, nicht allem zu glauben, was uns fotografisch in den Medien erreicht. Natürlich ist die Spiegel-Aktion transparent und witzig gemeint. Aber hart am Rande des intellektuellen Zynismus.

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