Lehrjahre sind keine Herrenjahre – 1947 bis 1950: In dieser Episode erzählt Dolfi Eder von seinem Einstieg ins Arbeitsleben – und davon, wie ein Jugendlicher in der russischen Besatzungszone versucht, sich aus Armut, Hunger und Perspektivlosigkeit herauszuarbeiten.
Nach den Kriegs- und Nachkriegsjahren ist Kindheit längst kein geschützter Raum mehr. Dolfi beschreibt, wie er mit vierzehn die Schule beendet und unbedingt einen Handwerksberuf erlernen will. Tischler wäre sein Traum gewesen – wegen seiner Liebe zum Holz und zum Geruch frisch gesägter Bretter. Doch er gilt als „zu klein“ und „zu schwach“. Erst durch Beziehungen und Hartnäckigkeit seiner Pflegefamilie bekommt er einen Lehrplatz als Zimmermann – ein Glücksfall in einer Zeit, in der Lehrstellen rar sind.
Der erste Arbeitstag im September 1947 wird zur Initiation: Hobelmaschine, Staub von oben bis unten, kein Essen, kein Durchatmen – und die Erkenntnis, was es heißt, ein arbeitender Mensch zu sein. Dolfi erzählt von der Vielseitigkeit des Zimmererhandwerks, von Dachstühlen und Turmkreuzen, von Stallungen und Zäunen – aber auch von der Härte im Umgang: manche Gesellen erklären geduldig, andere schlagen zu, weil Beschwerden in der Realität keine Option sind.
Ein besonderer Einschnitt ist der Josefstag, der traditionelle Feiertag der Zimmerleute: Umzug, Gasthaus, Freisprechungen – und ein Ritual, das für Lehrlinge schnell zur Demütigung werden kann. Dolfi berichtet von Alkohol, Spott und einem Rausch, der ihn so erschüttert, dass er sich ein Versprechen gibt: nie wieder die Kontrolle über sich zu verlieren.
Gleichzeitig öffnet sich ein Fenster in eine andere Welt: Auf Radtouren wagt Dolfi mit Freunden den Zonenwechsel in die amerikanische Besatzungszone. Zum ersten Mal sieht er das Sternenbanner – und erlebt die Unterschiede unmittelbar: weniger Angst, mehr Waren, andere Haltung, andere Stimmung. Später versteht er, was dieser Moment bedeutet: Marshallplan, Hilfslieferungen, und die Rolle der USA dabei, Österreich nicht in den Ostblock kippen zu lassen.
Als Dolfi 1950 nach Lehrabschluss gekündigt wird, gilt Arbeitslosigkeit im Dorf als Makel. Doch statt sich abzufinden, entscheidet er sich für den Aufbruch: mit Passierschein, Rucksack und dem Gefühl, zum ersten Mal wirklich allein zu sein, fährt er nach Steyr – und findet Arbeit und Quartier. Der Schritt in die Selbstständigkeit beginnt.
Der vorletzte Zeitzeuge – Ein Podcast mit Dolfi Eder
Produktion: STUDIO DREIVIERTEL
Dolfi Eder - Erzähler
Oliver Sartena - Moderation
Maria Radutu - Redaktion
Andreas Mühlmann - Audioproduktion
Kristina-Josefin Bigler - Art Direction
Eine Produktion von STUDIO DREIVIERTEL.
Copyright © 2025 STUDIO DREIVIERTEL. Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltliche Verantwortung gemäß § 55 RStV: STUDIO DREIVIERTEL.
Musik, O-Töne und sonstige verwendete Inhalte sind urheberrechtlich geschützt.
Mehr Informationen zu diesem Podcast und weiteren Produktionen auf den Kanälen von STUDIO DREIVIERTEL und auf StudioDreiviertel.at
Hosted on Acast. See acast.com/privacy for more information.