Wunde und Wunder – Kultur in der Corona-Krise
Kultur als ‚Lebensmittel‘
Wenn Abstand die erste Bürgerpflicht ist, dann trifft
das die Kultur und die Kreativen besonders hart. Denn sie sind auf Nähe
angewiesen, auf die Gemeinsamkeit von intellektueller und körperlicher
Präsenz – sowohl die Künstler wie auch ihr Publikum. Dabei spüren wir
doch jetzt mehr denn je, wie dringend wir die Künste brauchen. Weil sie
uns helfen, diese Situation der Dauer-Distanz zu begreifen, uns über
ihre Folgen klarzuwerden, sie womöglich zu bewältigen – deshalb sind sie
unentbehrlich. Auch jetzt, und erst recht nach der Corona-Pandemie sind
wir angewiesen auf Theaterleute, Künstler, Musiker, die für unsere
Gesellschaft Motor und Korrektiv sind. Darum müssen diejenigen, die über
diese Möglichkeiten verfügen, alles in ihren Kräften Stehende tun, um
sie zu unterstützen, sie zu fördern und abzusichern. Dabei ermutigt die
Fördernden der Blick auf das, was sie trotz der allgegenwärtigen
Abstandspflicht schaffen.
Das kulturelle Leben findet auch in Corona-Zeiten seinen Weg. Bühnen
zeigen ihre Vorstellungen im Internet, Musikerinnen und Musiker machen
ihre Wohnzimmer zum Aufnahmestudio, und die Poesie überwindet
wunderbarerweise jede räumliche Distanz. Und manchmal auch die Zeit. Wie
aufschlussreich auf einmal Gedichte werden können, die aus der
Erfahrungen früherer Zusammenbrüche heraus, trösten: Gedichte wie Mascha
Kalekos „Rezept“, in dem es heißt: „Jage die Ängste fort / Und die
Angst vor den Ängsten“, und etwas später: „Die Wunde in dir halte wach /
Unter dem Dach im Einstweilen. / Zerreiß Deine Pläne. Sei klug / Und
halte dich an Wunder. / Sie sind lang schon verzeichnet / im grossen
Plan. / Jage die Ängste fort / Und die Angst vor den Ängsten.“
Das
ist auch unser Text – jetzt, da so viele Pläne zerrissen werden müssen,
da jede und jeder von uns unter dem eigenen Dach im Einstweilen verharrt
und die Wunde, ob wir wollen oder nicht, wachgehalten wird und uns
wachhält. Vielleicht könnten wir die Zeit nutzen, um klug zu werden und
lernen, uns an Wunder zu halten. Wunder, die im „großen Plan
verzeichnet“ sind.
Was die künstlerisch Schaffenden uns in diesen Wochen aus ihrem
Homeoffice zu sehen, zu hören und zu denken geben, das ist schon so ein
Wunder. Denn es verwandelt ausgerechnet den Bildschirm in einen Ort
persönlicher, vertraulicher Begegnungen – diesen Bildschirm, der sich in
unseren kunstfrei-profanen Alltagsversuchen von Woche zu Woche mehr als
Ort einer entfremdeten und entfremdenden visuellen Nähe erweist, in der
die tatsächliche Distanz nur immer schmerzlicher spürbar wird. Es muss
ja sein, niemand kann etwas dafür; und doch sind diese Meetings, bei
denen wir einander pausenlos in die reihenförmig angeordneten Gesichter
blicken müssen, alles Mögliche, nur keine Begegnung.
Katholikinnen und Katholiken in besonderer Weise für Kultur empfänglich?
Auch wenn vielen Künstlerinnen und Künstlern die Ausdrucksformen und
Ausdrucksforen genommen sind, die sie brauchen, und ihnen nur dasselbe
Warten und Sichgedulden bleibt wie uns anderen auch – einige erinnern
uns ausgerechnet über den Bildschirm daran, wie sehr wir Kunst, Musik
und Poesie nötig haben. Was die Berliner Philharmoniker in
abstandwahrend kleiner Besetzung, was Lady Gaga und ihre Mitstreiter im
ortsverteilten Popkonzert, was so viele Theaterleute, Artisten,
Spaßmacher über ihre Websites herzustellen vermögen, das ist inmitten
der virtuellen Welt und mit ihren eigenen Ausdrucksformen ein Geschehen
von Angesicht zu Angesicht. Es ist eines dieser Wunder, die wir jetzt
lernen.
Für dieses neue Erleben von, summarisch gesagt, ‚Kult...