Warum fällt es Deutschland so schwer, Macht, Interessen und langfristige Ziele zusammenzudenken?
Mit dem Historiker und Publizisten Muamer Bećirović sprechen wir über die strategischen Traditionen Europas – von Metternich und Bismarck bis zur Gegenwart. Bećirović unterscheidet zwei Typen von Außenpolitikern: die „Mathematiker“, die Machtfaktoren gegeneinander aufrechnen, und die wenigen „Künstler“ mit einem Gespür für Geschichte und Macht, das sich nicht messen lässt. Metternich zählt für ihn zur zweiten Kategorie, die Entscheidungsträger von 1914 zur ersten.
Was lässt sich aus der Geschichte über erfolgreiche Staatskunst lernen, und wie viel davon ist überhaupt erlernbar? Fehlt Deutschland eine strategische Elite? Bećirović sieht die Versäumnisse vor allem nach 1989: keine Neuorientierung nach der Wiedervereinigung, kein eigenes Gewicht zwischen Washington und Moskau – und auch nach der Zeitenwende noch kein echter Aufbruch.
Seine Schlussfolgerungen sind bewusst provokant: eigene Atomwaffen, eine Konsolidierung Mitteleuropas unter deutscher Führung und ein Umbau der strategischen Kultur über zehn bis zwanzig Jahre. Wir halten mit dem Völkerrecht, den diplomatischen Kosten und der gewachsenen strategischen Kultur der Bundesrepublik dagegen und fragen, warum Litauen oder Polen einem solchen Deutschland folgen sollten – und ob Europa sicherheitspolitisch eigenständiger werden kann, solange es bei zentralen Fähigkeiten von den USA abhängig bleibt.
Eine kontroverse Diskussion über historische Urteilskraft, deutsche Führung, militärische Macht und nukleare Abschreckung – und über die Frage, ob Europa noch rechtzeitig aus seinem strategischen Halbschlaf erwacht.
Muamer Bećirović ist Historiker, Publizist und Metternich-Biograf. Derzeit forscht er als Military History Fellow an einer Universität in Texas zur Diplomatiegeschichte von 1848 bis 1914.
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Shownotes:
WELT: Was Schröder und Merkel von Metternichs Außenpolitik hätten lernen können
Frankfurter Allgemeine Zeitung: Das außenpolitische Berlin ist am Ende – über Bećirovićs Autorenarchiv
IPG-Journal: Kein Beifall – warum Europa den Preis für das Chaos im Nahen Osten zahlen könnte
Kapitel:
(00:00) Mathematiker und Künstler
(00:38) Warum European Fault Lines
(02:17) Zu Gast: Muamer Bećirović
(03:57) Metternich und die Staatskunst
(08:19) Staatskunst: Lernbar oder Talent?
(09:55) Große Staatsmänner als Historiker
(12:00) Wie Großmächte Ordnung schaffen
(16:11) Was Deutschland heute fehlt
(19:14) Deutsches Denken ohne Grautöne
(21:10) Strategische Fehler seit 1989
(26:43) Atomwaffen und Völkerrecht
(30:30) Würde Frankreich uns schützen?
(31:25) Warum sollte Litauen folgen?
(34:31) Konsolidieren die USA Europa?
(35:41) Strategische Kultur im Wandel
(38:51) Eine Mitteleuropäische Union?
(40:01) Zeitenwende: Noch im Halbschlaf
(40:52) Mit Russland als Nachbarn leben
(42:30) Subjekt oder Objekt der Geschichte