» Video ansehen: Android aufräumen: So geht’s richtig
Android-Handys haben haufenweise Apps vorinstalliert. Diese knabbern an Systemleistung und Akkulaufzeit. Schlimmer noch: Viele spionieren ihre Nutzer aus. Schluss damit! Wir zeigen euch eine einfache Methode zum Debloaten von Android. Dafür braucht ihr nur zwei kostenlose Apps.
Die gesamte Anleitung findet ihr oben im Artikel als Video. Unten alle Schritte in Textform zum Nachvollziehen.
Dein Handy ist voller Müll! Und damit meine ich nicht (nur) die Minions-Witzbilder und KI-Schlopp-Videos aus deiner WhatsApp-Familiengruppe. Sondern: Apps und Features. Solche, die Hersteller auf Telefonen vorinstallieren, obwohl sie fast niemand braucht. Also weg damit!
Warum Android debloaten?
Aber warum sollte man solche Apps überhaupt entfernen? Eine App, die man nicht nutzt, schadet doch nicht, oder? Falsch.
Denn auch eine App, die nicht aktiv genutzt wird, kann im Hintergrund aktiv sein, dabei an der Systemleistung knabbern, den Akku leersaugen oder gar Daten abschöpfen. Hier sei auf die vom Local-Mess-Team entdeckte Schnorchelmasche von Yandex und Meta verwiesen, mit der Nutzer ohne ihr Wissen umfassend ausgeforscht wurden.
Vielleicht nervt euch auch, dass Handy-Hersteller – egal ob Samsung, Xiaomi, Honor oder Nothing – ihre Telefone vollstopfen mit Apps und Funktionen, nach denen niemand gefragt hat. Das im Video gezeigte Honor-Telefon zeigte beispielsweise nach einem Update plötzlich einen Screen, laut dem man Microsoft Copilot nutzen sollte/konnte.
Apps und Funktionen, die ein Gerät „aufblähen“, nennt man Bloatware. Debloating ist dementsprechend eine Schlankheitskur, bei der Bloat-Apps entfernt werden. Und für die gibt’s noch mehr mögliche Gründe: Vielleicht wollt ihr statt der Hersteller-Apps lieber die Pendants von Google nutzen, etwa beim Kalender, dem Wecker oder der Telefon-App. Vielleicht wollt ihr aber auch andersherum ein komplett Google-freies Smartphone haben. All das ist mit der Methode umsetzbar, die wir euch hier zeigen.
Wichtig zu wissen
Debloating ist ein Thema für fortgeschrittene Nutzer. Ihr solltet eine grobe Vorstellung davon haben, was ihr tut. Schaut euch das Video am besten bis zum Ende an und / oder lest den Text komplett durch. Entscheidet dann, ob ihr euch das zutraut.
Seid vorsichtig und deaktiviert nicht einfach wahllos Apps. Gut zu wissen ist auch, dass die Tools zwar grundsätzlich einfach zu bedienen, aber nur auf Englisch zu verstehen sind. Entsprechende Sprachkenntnisse sind von Vorteil.
Wir zeigen euch den Weg, durchführen müsst ihr das selbst – also alles auf eigene Verantwortung.
Android: (Fast) alles ist App
Apps sind bei Android nicht nur die Programme, die ihr im Play Store herunterladet und wie ein Programm am Computer nutzt – WhatsApp, Instagram, Candy Crush und dergleichen. Auch ein großer Teil des Android-Systems besteht aus Apps, also APK-Dateien. Die findet ihr nicht im App-Drawer, sie liegen in Systemverzeichnissen und stellen eine Vielzahl an Funktionen bereit.
Android ist relativ modular aufgebaut – wenn ihr also eine App deaktiviert, ist das in der Regel nicht so wild, weil der Rest des Systems weiter funktioniert. Es gibt aber kritische Komponenten, von denen ihr lieber die Finger lassen solltet. Wenn ihr die deaktiviert, könnt ihr schlimmstenfalls euer Smartphone nicht mehr richtig nutzen.
Der Launcher zum Beispiel stellt den Homescreen dar. Wenn der weg ist, kann man auf normalem Weg keine App mehr starten. Wenn ihr jedoch vorher einen alternativen Launcher installiert, sollte es gehen. Zumindest wenn der Hersteller nicht noch irgendwelche zusätzlichen systemkritischen Komponenten in den eigenen Launcher hineingebacken hat.
Ähnliches gilt für die Telefon-App, oder die Tastatur-App. Die könnt ihr normalerweise gefahrlos ersetzen, wenn ihr dafür vorher eine Alternative installiert.
Also: Bevor ihr mit dem Prozess anfangt, solltet ihr euch vergewissern, dass alle wichtigen Daten gesichert und etwaige Alternativen zu Apps installiert sind. Ihr solltet euren gesunden Menschenverstand einsetzen und euch auch immer informieren, wofür eine bestimmte App benötigt wird, bevor ihr sie deaktiviert.
Falls etwas fatal schiefgeht, könnt ihr euer Telefon immer noch auf die Werkseinstellungen zurücksetzen. Denn ihr deaktiviert die Apps nur, ihr löscht sie nicht.
Das heißt aber auch: Überprüft nach einem größeren System-Update immer mal wieder, ob alte deaktivierte Apps erneut aktiviert wurden, oder ob neuer Bloat hinzugekommen ist.
Canta
Der „normale“ Weg zum Debloaten wäre, in die Einstellungen des Android-Smartphones gehen, die Liste an installierten Apps aufzurufen und nacheinander bei allen Apps zu überprüfen, ob man die noch braucht. Machen wir aber nicht, das geht nämlich komfortabler, mit Canta.
Die App gibt’s bei GitHub, F-Droid und im Play Store. Ladet euch Canta im Zweifel von Github runter, da bekommt ihr sicher die neueste Version.
Canta auf einem Pixel 10: Links die lange App-Liste, in der Mitte die Erklärung zur Funktionsweise und Notwendigkeit einer App, rechts die Filtereinstellungen.
Canta präsentiert euch nach dem Start eine Liste an installierten Apps. Standardmäßig nicht nur die, die ihr im App Drawer findet, sondern auch System-Apps. Das Tolle ist, dass ihr hier für die meisten Apps eine kurze Beschreibung bekommt, was diese bewirkt.
Ihr könnt hier direkt die App-Info aufrufen und sie über einen separaten Bildschirm deaktivieren. Alle deaktivierten Apps findet ihr in einem separaten Reiter und könnt sie da auch wieder „hervorholen“, sprich: reaktivieren.
Die App-Liste ist ziemlich lang. Für mehr Übersicht kann man hier auch Filter einsetzen, etwa nach System-Apps filtern (was standardmäßig an ist). Oder auch nach Apps, deren Deaktivierung empfohlen „recommended“ ist. Ich finde das Label „Recommended“ ein wenig unglücklich, weil ich nicht grundsätzlich empfehlen würde, alle Apps mit diesem Label zu deaktivieren. Ein besserer Name wäre so etwas wie „safe to remove“, also „sicher entfernbar“.
Ein Beispiel ist Android Auto. Wenn ihr euer Smartphone im Auto als Navi und für Musik nutzen wollt, ist es eine sehr sinnvolle App, wenn nicht, dann nicht. Überprüft also immer, ob die jeweilige App für eure Zwecke notwendig ist oder nicht.
Aber geht die Liste jetzt noch nicht durch, denn komfortabler und mächtiger wird Canta dann, wenn ihr es zusammen mit einer anderen App nutzt. In Kombination mit Shizuku kann man in Canta gleich mehrere Apps markieren und auf einmal deaktivieren. Außerdem geht das dann auch bei jenen System-Apps, bei denen der Hersteller eine Deaktivierung eigentlich nicht vorsieht.
Shizuku
Über die sogenannte Android Debug Bridge (ADB) kann man ein Android-Smartphone von einem verbundenen Computer aus mit Terminal-Befehlen anpassen und fernsteuern – eine ziemlich mächtige Fähigkeit. Auf diesem Weg lassen sich unter anderem Dateien verschieben, Apps sichern, deaktivieren oder deinstallieren. Das ging schon immer so, alle Debloat-Lösungen für nicht gerootete Android-Smartphones setzen auf den ADB-Ansatz.
Die Besonderheit an der Canta-/Shizuku-Methode ist, dass man mit ihr nicht auf einen Computer angewiesen ist. Denn Shizuku simuliert den PC, von dem die ADB-Befehle per WLAN gesendet werden. Canta empfängt diese direkt und deaktiviert die Apps.
Zunächst müssen wir Shizuku von Github herunterladen und installieren. Dann die App starten – darin ist auch schon eine Anleitung zum Einrichten enthalten.
Jetzt gilt es, die Entwickler-Einstellungen im Smartphone freizuschalten, sofern noch nicht geschehen. Sucht über die Einstellungen die Build-Nummer des Betriebssystems. Wo sich die befindet, unterscheidet sich je nach Gerät. Oft in Menüpunkten wie „Über das Smartphone“ oder „Software“.
Links: Mit Terminal-Befehlen per Wireless ADB erhält die App „Superkräfte“. Wenn oben „Shizuku läuft“ steht (Mitte), kann man Canta autorisieren (rechts).
In den Einstellungen sollte jetzt ein neuer Menüpunkt „Entwickler-Einstellungen“ auftauchen (notfalls über die Suchfunktion in den Einstellungen nach „Entwickler“ suchen) – da hineingehen. Aktiviert hier die Optionen „USB-Debugging“ und „WLAN-Debugging“. Je nach Hersteller und Android-Version können diese auch etwas anders heißen.
Jetzt wieder in die Shizuku-App wechseln, die Benachrichtigung freigeben und über eine aufploppende Benachrichtigung versuchen, den Kopplungscode einzugeben. Dann auf „Start“ klicken und kurz warten. Man sieht dann ein Terminal-Fenster, in dem Befehle ausgeführt werden.
Wenn das nicht sofort klappt, keine Panik. Je nach Gerät muss man es unter Umständen mehrfach probieren.
Wenn oben „Shizuku läuft“ steht, wisst ihr, dass ihr Erfolg hattet. Dann kann man in Shizuku Apps autorisieren. Dort bitte einmal Canta zulassen. Wenn die Apps gekoppelt sind: super, jetzt können wir …
Apps deaktivieren
Jetzt wechseln wir zurück zu Canta, gehen die App-Liste durch und deaktivieren Apps, die uns unnötig vorkommen.
Meine Empfehlung:
Zuerst prüfe ich, was als „Recommended“ markiert ist. Diese Apps kann man ziemlich sicher deaktivieren – sofern sie nicht gebraucht werden. Dann sehe ich alle als „Advanced“ markierten Apps durch. Vorsicht walten lassen, aber auch hier wird es einige Apps geben, die zu deaktivieren sich lohnt. Schließlich prüfe ich Apps des Herstellers, indem ich etwas „samsung“ oder „honor“ in die Canta-Suche eingebe. Hier natürlich besonders viel Vorsicht walten lassen, aber gerade diese Apps abzustellen, bringt oft auch viel. Zuletzt lösche ich andere nicht gebrauchte vorinstallierte Apps, sofern von denen noch welche vorhanden sind. Urlaubsbuchungsportale, Zweit- und Drittbrowser, Soziale Netzwerke – all so etwas.
Generell gilt: Geht nach bestem Wissen und Gewissen vor. Lest euch die Beschreibung der App in Canta durch und/oder recherchiert parallel im Netz, was die jeweilige App bewirkt und ob man sie sicher entfernen kann. Hier ist leider immer ein wenig „Fuzzy Logic“ nötig: Recherchieren, Einschätzen, Ausprobieren und notfalls App wieder aktivieren.
Als Beispiel: Natürlich deinstalliere ich die E‑Mail-App von Honor. Die brauche ich nicht, ich nutze ja Gmail, auch als App. Auch Theme-Stores, die gerne auf Handys chinesischer Anbieter installiert sind, sind für mich Bloat. Eine kurze Recherche im Netz zeigt aber auch: Hier muss man vorsichtig sein, denn nach der Deaktivierung kann man unter Umständen bestimmte Systemeinstellungen wie den Klingelton nicht mehr ändern, zumindest bei einigen Xiaomi-Handys ist das der Fall.
Wenn ihr feststellt, dass etwas nicht so funktioniert, wie es soll, könnt ihr die entsprechenden Apps in Canta problemlos wieder aktivieren. Wenn gar nichts mehr gehen sollte, müsst ihr das Gerät auf Werkseinstellungen zurücksetzen.
Und noch ein Hinweis: Nach der Deaktivierung vieler Apps werden Handys mitunter heiß. Ich vermute, dass hier Apps im Hintergrund optimiert werden und die CPU dafür ordentlich ackern muss. Ich habe das Smartphone immer noch mal neu gestartet, dann ging es und das Gerät lief wunderbar fluffig.
Anmerkungen und Alternativen
Wenn ihr jetzt schon mal Shizuku installiert habt und wisst, wie man es nutzt, könnt ihr euch auch die App SwiftBackup mal ansehen. Mit der könnt ihr Apps komplett sichern, inklusive aller Einstellungen und Daten – das geht bei vielen Android-Apps nach wie vor nicht auf anderem Wege. Es gibt auch noch andere Apps, die mit Shizuku verrückte Sachen machen können. Hier hat jemand eine Liste erstellt.
Sollte die Shizuku-Methode bei euch nicht funktionieren oder ihr Debloaten per Computer komfortabler findet, gibt es weitere Optionen zum Debloaten per PC.
Dafür benötigt ihr am PC erst mal die ADB-Anwendung und die entsprechenden Treiber. Um das in einem Rutsch zu installieren, nutze ich unter Windows seit vielen Jahren Universal ADB von Koush – funktioniert bis heute perfekt.
Zum Debloaten ist das Tool Universal Android Debloater Next Generation verbreitet und beliebt. Persönlich finde ich aber ein anderes Windows-Programm namens ADB AppControl viel besser. Für dieses muss man noch eine Helper-App auf dem Handy installieren, das eigentliche Programm ist dafür aber viel aufgeräumter und übersichtlicher.