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Drei Wochen hat mich der EX90, Volvos Luxus-SUV mit E-Antrieb, im Alltag begleitet. Jetzt kann ich sagen: Das Elektro-Schlachtschiff bringt euch (fast) problemlos von A nach B – aber begeistert hat es mich nicht.
Fazit: Volvos EX90 ist zu teuer – oder nicht gut genug
Drei Wochen und nur einige Hundert Kilometer mit dem EX90 – danach ist mir klar: Für mich würde dieser Luxus-Stromer von Volvo nicht infrage kommen, selbst wenn ich das Geld dafür übrig hätte.
Für genau 101.630 Euro kann der EX90 kaum etwas besser als deutlich günstigere – wenn auch nicht billige – Elektro-SUVs, die ich schon unter die Lupe genommen habe.
Nur zwei Punkte, auf die es mir ankommt, haben mich wirklich positiv überrascht: Die solide Ladeperformance, selbst ohne Superschnelllader, und das angenehm unaufgeregte Warnen des Tempoassistenten, wenn ihr mal ein paar km/h über dem Limit fahrt. Im Gegensatz zu teils penetranten, blinkenden und piependen „Assistenten“ anderer Hersteller war das eine Wohltat.
Für mich überwiegen allerdings die Schwächen des EX90, allen voran die für meinen Nutzungsgewohnheiten mehr als gewöhnungsbedürftige Software. Unübersichtliches Design, teils fehlerhafte Informationen in der eigenen Gebrauchsanweisung und – ich könnte es nicht glauben, wenn ich nicht selbst vergeblich danach gesucht hätte – nicht einmal die Möglichkeit, die Stärke der Bremsenergierückgewinnung manuell anzupassen. Das in einem 100.000-Euro-E-Auto – für mich einfach unvorstellbar.
Letztlich habe ich nichts am EX90 finden können, dass mehrere 10.000 Euro Aufpreis gegenüber zum Beispiel einem Nio EL6 (zu meinem Test) rechtfertigen würde. Das E-SUV ist unaufgeregt, was für den ein oder anderen Volvo-Stammkunden sicher ein zentrales Plus ist, aber er ist eben auch kein bisschen aufregend.
Wer unbedingt viel Geld ausgeben will, kann auch bei BMW gut ausgestattete Elektro-SUVs finden – oder sich in der gehobenen Mittelklasse anderer Hersteller umschauen. Einen Unterschied würde das in meinen Augen nicht machen.
EX90: Was mir an Volvos Spitzenstromer gefallen hat
Eines der besten Features, mit dem Volvo wirklich alles richtig macht, ist die Integration der Google-Dienste ins eigene Bordsystem. Die Navigation per Google Maps funktioniert einwandfrei, auch beim Finden von Ladestationen und Einplanen von Ladestopps auf längeren Routen. Den Umweg, den manche Hersteller wählen, hier auf eigenentwickelte Navigation zu setzen, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Volvo schlägt hier ganz klar den richtigen Weg ein.
Neben Google Maps findet ihr die üblichen Verdächtigen an vorinstallierten Apps im Fahrzeug, darunter Spotify und YouTube. Auch hier funktioniert der nahtlose Übergang gut, ihr könnt euch direkt mit eigenen Zugangsdaten anmelden oder das Smartphone verbinden – sowohl Android Auto als auch Apple Car Play werden unterstützt.
Der EX90 ist komfortabel, aufgeräumt und unaufgeregt im Innern. (Bildquelle: GIGA)
Im Cockpit fühlt man sich beim EX90 wohl. Die Bedienung ist – mit einigen Ausnahmen – intuitiv. Wichtige Funktionen erreicht ihr vor allem über den zentralen Touchscreen im Hochformat, aber auch dank Lenkradtasten und einiger klassisch-haptischer Tasten könnt ihr euch während der Fahrt auf das Wesentliche konzentrieren: die Straße.
Solltet ihr doch mal zu sehr abgelenkt sein, greift Volvo ein: Müdigkeits- und Ablenkungserkennung gibt es – und funktioniert, soweit ich das feststellen konnte, zuverlässig.
Das Handschuhfach lässt sich tatsächlich nicht einfach so öffnen, sondern nur über das zentrale Touch-Displayn – ohne Not wirft euch Volvo hier im Alltag Steine in den Weg. (Bildquelle: GIGA)
Als Fahrer und weitere Insassen im Volvo EX90 seid ihr entspannt unterwegs. Den Premiumanspruch merkt man vor allem an der Ruhe, die im Fahrzeug herrscht. Das ist allerdings für ein E-Auto – gerade in der Preisklasse – heute mehr eine Selbstverständlichkeit als ein Kaufargument. Schließlich braucht es keine hochwertige Schallisolierung mehr, wenn der laute Verbrennungsmotor wegfällt. Die paar Umgebungsgeräusche vernünftig zu isolieren, kriegen auch Modelle in der Mittelklasse problemlos hin.
Was mich hingegen abholt, sind – so merkwürdig es klingt – die Abblendlichter des EX90. Die Scheinwerfer im „Thors Hammer“-Design gefallen mir, dazu die einem Zwinkern nachempfundene Begrüßung – es hat etwas überraschend Verspieltes an einem so gesittet daher kommenden, stattlichen SUV:
» Video ansehen: So empfängt euch der EX90
Gefallen hat mir auch, wie Volvo die Pflicht umsetzt, alle möglichen Assistenzsysteme zu integrieren. Der Tempowarner lässt sich den Gesetzesvorgaben entsprechend nicht dauerhaft abschalten. Im Gegensatz zu anderen Herstellern stört mich das beim EX90 aber überhaupt nicht. Es erklingt ein angenehmer, unaufdringlicher Ton, wenn ihr 2 km/h oder mehr über dem Limit fahrt. Haltet ihr die Geschwindigkeit konstant, nörgelt der Wagen aber nicht permanent weiter.
Auch der Spurhalteassistent arbeitet zuverlässig, greift aber eher sanft ins Lenkrad, wenn es mal nötig ist. Da kenne ich andere Marken, bei denen man die ersten Male schon einen ordentlichen Schreck bekommt, wenn das Steuer rumgerissen wird.
An der feinen Abstimmung dieser Assistenten erkenne ich viel eher, dass es sich beim EX90 um ein Modell der Oberklasse handelt, als an edlen Materialien, dem Luxus-Soundsystem von Bower & Wilkins oder den zwei voll umlegbaren hinteren Sitzreihen, die für ein absurd großes – aber durchaus praktisches – Ladevolumen sorgen:
Billy-Regale in Überlänge und der typische „Was man sonst noch so findet“-Ikea-Einkauf – alles kein Problem für den EX90 – und auf den Vordersitzen müsst ihr euch noch lange nicht die Knie in den Bauch bohren. (Bildquelle: GIGA)
Eine gute Figur macht der EX90 übrigens gerade auch an der Ladesäule. Die Ladevorgänge starten zügig und gerade für seine heftige Akkugröße von rund 100 kWh ist der Riesenstromer zügig wieder aufgeladen. Das hat mich vor allem beeindruckt, weil Volvo beim EX90 zu Beginn nur auf eine 400-V-Bordarchitektur gesetzt hat. Inzwischen kommen 800 V an Bord, was ich vor meinem Test als Selbstverständlichkeit erwartet hatte. Ich muss aber feststellen: Auch mit 400 V Bordspannung kam der EX90 wunderbar zurecht – Hut ab.
Volvo hat eigentlich alle Verbindungen, um von China-E-Autos zu lernen
Was mich am Volvo EX90 am meisten gestört hat, sind eigentlich wohl Kleinigkeiten. In der Summe muss das in dieser Preisklasse aber deutlich besser sein, finde ich – und leider kenne ich auch Positivbeispiele, die deutlich weniger kosten, ohne Abstriche zu machen, die mich wirklich stören.
Dazu gehören Ungereimtheiten bei der Software: Die App-Darstellung ist in meinen Augen unübersichtlich und manche Funktionen, die man eigentlich regelmäßig nutzen würde, sind zu gut versteckt. Dazu gehört etwa das Anlegen der Außenspiegel – bei einem solchen Riesen-SUV im Stadtverkehr sollte das einfacher zu finden sein.
Die wohl augenfälligste Merkwürdigkeit dieser Art ist, dass der EX90 seine Zeit braucht, bis er „aufwacht“. Wenn ihr euch mit Bluetooth-Schlüssel, Schlüsselkarte oder Volvo-App auf dem Smartphone nähert, erkennt der EX90 euch und schließt auf. Sitzt ihr drin, erhaltet ihr auf dem Fahrerdisplay diese Nachricht:
Ja, bis der EX90 bereit ist, kann es wirklich auch mal einige Minuten dauern. Ihr wolltet doch hoffentlich nicht dringend irgendwo hin? (Bildquelle: GIGA)
Meistens hat es nicht so lange gedauert, bis der Volvo bereit war. Aber als ich einige Tage nicht gefahren bin, habe ich mich wirklich erschrocken, wie lange der Wagen braucht, um hochzufahren. Ja, Autos sind heute fahrende Computer oder Smartphones, jenachdem, welche Analogie euch lieber ist. Aber dass sie dann auch so lange brauchen, wie ein alter Windows-Tower, bevor man losfahren kann, hatte ich so bisher noch nicht erlebt.
Das war ein Extremfall und kam während meines dreiwöchigen Tests nur einmal vor. Was allerdings bei – wirklich – jedem Start passierte: Die Servolenkung war nicht bereit. Während ihr also schon alle Funktionen habt, der Motor läuft und ihr anfahren könnt, braucht die Lenkunterstützung geschätzt zwischen 1 und 3 Sekunden, bevor auf einmal alles ganz einfach geht. Bei einem Kleinwagen wäre das kein Problem, aber der EX90 ist nun einmal alles andere und kann auf die Servolenkung nicht verzichten. Dieses Problem hat mich schon bei der allerersten Fahrt irritiert – und danach bei jeder weiteren wieder.
Ebenfalls ein echtes Manko, bei dem gleich zwei eigentlich völlig unnötige Probleme aufeinandertreffen, findet sich am Kofferraum. Dessen Klappe lässt sich mit dem Fuß öffnen, über den Touchscreen im Cockpit oder ganz klassisch durch die Taste am Kofferraum. Blöd nur, dass diese Taste dermaßen merkwürdig platziert ist – und ihr nicht einmal in der Gebrauchsanweisung eine Erklärung findet, die euch bei der Suche hilft.
Wer jetzt denkt: Wie blöd muss man sein, um die Kofferraumverriegelung nicht zu finden? Ja, genauso blöd kam ich mir auch vor. Volvo scheint sich des Problems übrigens einigermaßen bewusst zu sein: Denn die Lösung fand ich schließlich auf YouTube, wo der Autobauer eigens ein Video bereitstellt, das euch hilft. Nur dank dieses Videos war ich letztlich in der Lage, die gut versteckte Taste zu finden. Sie befindet sich, anders als in der Gebrauchsanweisung beschrieben, nämlich nicht an der Kofferraumklappe selbst, sondern darunter, platziert unter der Kante als Teil der unbeweglichen Karosserie, direkt über dem Kennzeichen.
Falls euch die Beschreibung nicht weiterhilft:
Wenn ich geahnt hätte, dass die Kofferraumverriegelung so gut versteckt ist, hätte ich mich gleich unter den Wagen gelegt und von unten gesucht. (Bildquelle: GIGA)
Wie kann es sein, dass diese Platzierung durch alle Designprüfungsprozesse gekommen ist? Ich versteh’s nicht.
Mein Panikmoment im Volvo EX90
Ein letzter Problempunkt, der meiner Ansicht nach bei einem 100.000-Euro-Wagen nicht vorkommen sollte, sind Fehler der Assistenzprogramme. Schon bei meiner ersten Fahrt kam es dazu, dass ich an einer Ampel links abbiegen wollte. Während der Gegenverkehr vorbeirollte, wurden hinter mir jemand ungeduldig, hat etwas eingelenkt und ist rechts hinter mir vorbei, um geradeaus weiterfahren zu können.
Für den Kollisionswarner war das vermutlich eine zu knappe Geschichte. Denn obwohl der Volvo sich keinen Millimeter bewegt hat, wurde mir auf einmal der Sicherheitsgurt mit einem Ruck festgezurrt, dass es mich ordentlich in den Sitz gepresst und mir einen gehörigen Schreck eingejagt hat. Ich vermute hier nur, dass das Überholmanöver von hinten der Auslöser war. Etwas anderes will mir einfach nicht einfallen.
Natürlich will man im Ernstfall, dass der Gurt straff gespannt ist, wenn es darauf ankommt. Aber wenn eben nichts passiert und dann solche Fehlauslösungen auftreten, kann einem schon gehörig das Herz in die Hose rutschen. Solche Erfahrungen – gerade in dieser Preisklasse – hinterlassen einfach kein gutes Gefühl.
Nicht nur an der hölzernen Türverkleidung mit indirekter Beleuchtung erkennt man den Premiumanspruch des Elektro-Volvos. (Bildquelle: GIGA)
Und genau das hat sich mir vom EX90 letztlich eingeprägt: ein eigentlich gutes Auto, sogar sehr gut, ruhig und seinem Premiumanspruch absolut gewachsen, das sich in unvorhersehbaren Situationen aber unerklärliche Schnitzer leistet, die für 100.000 Euro nicht vorkommen dürfen.
Hinweis: Volvo hat uns den EX90 kostenfrei für den Testzeitraum von drei Wochen zur Verfügung gestellt. Das hat keinerlei Einfluss auf unsere Bewertung.