Spotify kennt deinen Musikgeschmack. Jedenfalls glaubt Spotify das. Wenn Kinder oder Enkel*innen auf deinem Konto ihre Lieblingslieder in Dauerschleife hören, kann der persönliche Jahresrückblick allerdings aussehen, als hättest du zwölf Monate lang ausschließlich singende Prinzessinnen, Zeichentrickdrachen und Schlaflieder mit Tiergeräuschen gefeiert. Die abgespielten Titel wurden korrekt erfasst. Trotzdem erzählt das daraus gebaute Profil möglicherweise eine völlig falsche Geschichte über dich.
In Episode 42 von KIRRE … na hör mal! beschäftigt sich Sabine mit der Frage, was Daten über Menschen wissen können und was ihnen grundsätzlich fehlt. Daten zeichnen Handlungen auf: angeklickte Videos, gekaufte Produkte, gehörte Musik, besuchte Orte oder bezahlte Rechnungen. Sie kennen aber häufig weder den Anlass noch die Absicht dahinter. Ein Algorithmus sieht, dass jemand Einhornbettwäsche bestellt hat. Ob sie für die Käuferin, ihre Enkelin oder als Geschenk für eine Freundin gedacht ist, steht nicht im Datensatz.
Den humorvollen Einstieg liefert eine aktuelle Änderung bei Spotify. Seit September 2026 können Nutzer*innen Kinder- und Familienmusik aus ihrem sogenannten Geschmacksprofil ausschließen. Die Titel lassen sich weiterhin suchen, abspielen und in Playlists speichern, beeinflussen dann aber weder Discover Weekly noch Daily Mix oder Spotify Wrapped. Die Einstellung wirkt sogar rückwirkend. Spotify reagiert damit auf ein erstaunlich alltägliches Problem: Ein korrekt protokolliertes Verhalten ist noch lange keine korrekte Beschreibung der Person hinter dem Konto.
Bei Musikempfehlungen ist eine falsche Zuordnung meistens nur lästig oder komisch. Ernster wird es, sobald errechnete Profile darüber mitentscheiden, ob jemand einen Kredit, einen Handyvertrag, eine Wohnung, eine Weiterbildung oder staatliche Unterstützung bekommt.
Ein deutsches Beispiel ist der SCHUFA-Score. Die SCHUFA berechnet mit mathematisch-statistischen Verfahren, wie wahrscheinlich ein bestimmtes zukünftiges Verhalten erscheint, etwa die Rückzahlung eines Kredits. Banken und andere Unternehmen nutzen diesen Wert bei ihren Entscheidungen. Ein Score beschreibt jedoch keine Persönlichkeit und keine moralische Zuverlässigkeit. Er bildet eine statistische Prognose aus den Daten, die dem System zur Verfügung stehen.
Der Europäische Gerichtshof befasste sich 2023 mit der Bedeutung dieses Scores. Die SCHUFA argumentierte, sie treffe selbst keine Kreditentscheidung, sondern liefere lediglich einen Wert an ihre Kund*innen. Der Gerichtshof stellte klar: Wenn Banken dem Score eine maßgebliche Rolle bei der Kreditvergabe geben, kann bereits seine Berechnung als automatisierte Einzelentscheidung im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung gelten. Eine scheinbar vorbereitende Zahl sitzt dann praktisch mit am Entscheidungstisch.
Die Folge führt anschließend nach Österreich. Dort entwickelte das Arbeitsmarktservice ein System, das Arbeitssuchende anhand ihrer vermuteten Chancen auf dem Arbeitsmarkt in drei Gruppen einteilen sollte. In die Berechnung flossen unter anderem Alter, Geschlecht, Ausbildung, Betreuungspflichten, gesundheitliche Einschränkungen, Herkunftsgruppe und frühere Beschäftigung ein. Je nach Einstufung sollten unterschiedliche Förderungen und Weiterbildungen angeboten werden.
Forschende der Technischen Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften untersuchten das System. Ihre Kritik: Statistische Nachteile aus der Vergangenheit können durch eine solche Einteilung weiter befestigt werden. Menschen mit ohnehin schlechteren Ausgangsbedingungen landen möglicherweise in einer niedrigen Kategorie und bekommen gerade deshalb weniger von der Unterstützung, die ihre Situation verändern könnte. Das System beschreibt dann nicht nur bestehende Ungleichheit. Es hilft womöglich dabei, sie fortzuschreiben.
Noch deutlicher werden die möglichen Folgen in der niederländischen Kinderbetreuungsgeld-Affäre. Die Steuerbehörde nutzte ein algorithmisches System, um Anträge auf mögliche Fehler und Betrugsrisiken zu prüfen. Laut Amnesty International gehörte die Nationalität zu den verwendeten Risikofaktoren. Zehntausende Eltern und Betreuungspersonen wurden fälschlich als Betrugsverdächtige behandelt. Besonders stark betroffen waren Familien mit geringem Einkommen und Menschen aus ethnischen Minderheiten.
Die Betroffenen mussten teils hohe Leistungen zurückzahlen. Familien gerieten in Schulden, verloren Arbeit oder Wohnung und litten unter gesundheitlichen Folgen. Die Geschichte zeigt, wie gefährlich eine berechnete Risikomarkierung werden kann, wenn Behörden und Mitarbeiter*innen ihr mehr glauben als den Menschen, deren Leben sie betrifft.
Algorithmen wirken oft neutral, weil ihr Ergebnis als Zahl, Kategorie oder Prozentwert erscheint. Doch jedes System wurde von Menschen gebaut. Menschen entscheiden, welche Daten hineinfließen, welches Ziel optimiert wird und ab welchem Wert jemand als auffällig gilt. Lernt ein System aus der Vergangenheit, übernimmt es möglicherweise auch die Vorurteile und Ungerechtigkeiten dieser Vergangenheit.
Das bedeutet nicht, dass Daten oder Algorithmen grundsätzlich schlecht sind. Medizinische Messwerte, Verkehrsanalysen, Wettermodelle und gute Empfehlungssysteme können sehr hilfreich sein. Problematisch wird es, wenn eine begrenzte Datenlage mit der ganzen Wahrheit über einen Menschen verwechselt wird.
Die Episode unterscheidet deshalb zwischen einer nützlichen Prognose und einem endgültigen Urteil. Eine Empfehlung darf danebenliegen. Bei Kredit, Arbeit oder staatlicher Hilfe kann dieselbe Fehleinschätzung jedoch ein ganzes Leben verändern. Menschen brauchen dann nachvollziehbare Gründe, eine Möglichkeit zum Widerspruch und ein Gegenüber, das ihren persönlichen Zusammenhang anhört. Ein Score darf eine Entscheidung vorbereiten. Er sollte einen Menschen nicht ersetzen und schon gar nicht so behandelt werden, als kenne er dessen Zukunft.
Sabine vergleicht Algorithmen deshalb mit sehr schnellen Praktikant*innen am ersten Arbeitstag. Sie sortieren riesige Mengen an Informationen und entdecken Muster, für die Menschen viel länger brauchen würden. Bevor sie über wichtige Lebenschancen entscheiden, sollte jedoch jemand hinschauen, der Zusammenhänge versteht, Rückfragen stellt und weiß, dass Menschen sich verändern können.
Der praktische Tipp der Folge ist kostenlos: In der mobilen Spotify-App lässt sich unter Einstellungen, Inhalte und Anzeige festlegen, ob Kinder- und Familienmusik das eigene Geschmacksprofil beeinflussen darf. Damit können Kinderlieder weiterlaufen, ohne die persönlichen Empfehlungen zu übernehmen.
Die Folge lädt außerdem dazu ein, das eigene Datenbild mit gesundem Misstrauen zu betrachten: Welche Käufe, Suchanfragen oder Hörgewohnheiten würden bei dir gerade eine herrlich falsche Geschichte ergeben über dein Leben?
KIRRE … na hör mal! ist ein deutschsprachiger Podcast über künstliche Intelligenz im Alltag, in kreativer Arbeit und in unserer Gesellschaft. Sabine, auch bekannt als Applebee, schaut neugierig, kritisch und mit Humor darauf, was KI und Algorithmen mit Menschen machen. Diese Episode richtet sich besonders an alle, die Personalisierung praktisch finden, sich aber nicht von einer Zahl, einem Score oder einer automatisch erzeugten Kategorie erklären lassen möchten, wer sie angeblich sind.
Weiterführende Links
Spotify zur neuen Einstellung für Kinder- und Familienmusik: https://newsroom.spotify.com/2026-09-15/exclude-kids-family-music-toggle/
Europäischer Gerichtshof zum SCHUFA-Scoring: https://curia.europa.eu/jcms/upload/docs/application/pdf/2023-12/cp230186en.pdf
Technische Universität Wien zum österreichischen AMS-Algorithmus: https://informatics.tuwien.ac.at/news/1956
Amnesty International zur niederländischen Kinderbetreuungsgeld-Affäre: https://www.amnesty.org/en/documents/eur35/4686/2021/en/ Kontakt: [email protected]
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