Lieber Miko,
wie du weisst, bewegt mich das Nachdenken über die Glückseligkeit als höheres Prinzip (im Unterschied zum Wohlergehen, das man Glück nennt).
Heute habe ich dir einen Text eingesprochen, der “Das Erstrebenswerte” zum Gegenstand, und der mit dem Rat endet, nach Glückseligkeit zu streben.
Desiderata
Geh gelassen inmitten des Lärms und der Hektik, und denk daran, welchen Frieden die Stille dir schenken kann * Sei, soweit möglich, ohne dich selbst zu verleugnen, mit allen Menschen im Reinen * Sprich deine Wahrheit leise und klar; und höre den anderen zu, selbst den Einfältigen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte * Meide laute und aggressive Menschen; denn sie zehren an deiner Seele * Wenn du dich mit anderen vergleichst, könnte das zu Eitelkeit oder Verbitterung führen, denn es wird immer Menschen geben, die bedeutender oder unbedeutender sind als du * Freue dich über deine Leistungen genauso wie über deine Vorhaben * Behalte das Interesse an deinem beruflichen Werdegang, wie bescheiden er auch sein mag; er ist ein wahrer Besitz in den wechselnden Geschicken der Zeit * Sei vorsichtig in deinen geschäftlichen Angelegenheiten, denn die Welt ist voller Täuschungen * Doch lass dich davon nicht blind machen für das, was an Vortrefflichem vorhanden ist * viele Menschen streben nach hohen Idealen, und überall ist das Leben voller Heldentum * Sei du selbst * Vor allem täusche keine Zuneigung vor * Sei auch nicht zynisch in Bezug auf die Liebe, denn trotz aller Kargheit und Enttäuschung ist sie so unvergänglich wie das Gras * Nimm den Rat der Jahre freundlich an und gib die Dinge der Jugend mit Anmut auf * Pflege die Stärke des Geistes, damit er dich vor plötzlichem Unglück schützt * Aber quäle dich nicht mit dunklen Vorstellungen * Viele Ängste entspringen der Ermüdung und Einsamkeit * Sei, jenseits einer gesunden Disziplin, sanft zu dir selbst * Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne; du hast ein Recht, hier zu sein * Und ob es dir klar ist oder nicht, zweifellos entfaltet sich das Universum so, wie es sein soll * Sei daher im Frieden mit Gott, wie auch immer du ihn dir vorstellst * Und was auch immer deine Mühen und Bestrebungen sein mögen, bewahre in der lärmenden Ungewissheit des Lebens den Frieden in deiner Seele * Mit all ihrem Schein, ihrer Mühsal und ihren zerplatzten Träumen ist es immer noch eine schöne Welt * Sei fröhlich * Strebe danach, glückselig zu sein *
Das Besondere an diesem Text ist seine oft falsch verstandene Entstehungsgeschichte.
Die Desiderata, so lautet die lateinische Überschrift, die im Deutschen mit “Erstrebenswertes” oder “Das Erstrebenswerte” übersetzt wird, sind mir erstmals bewusst begegnet, als mir ein lieber Freund einen großformatigen Kunstdruck mit dem Text als Erinnerung an unsere Freundschaft schenkte.
Die Entstehungsgeschichte dieses Textes wird nun regelmäßig mit der Old St. Paul’s Church in Boston und mit dem Jahr 1692 in Verbindung gebracht. Dies liegt daran, dass gewöhnlich der Text ohne Urheber verbreitet wird, so dass die Angabe unter dem Text “Aus der Alten St. Pauls Kirche Baltimore, 1692” als Hinweis auf die Entstehung des Textes gewertet wird.
Ich habe diese auch noch Jahre nach dem Erhalt des Drucks gedacht, der, wie du weisst, lieber Miko, in unserem Esszimmer in einem schönen Bilderrahmen einen Ehrenplatz erhalten hat.
Doch tatsächlich ist der Text deutlich jüngeren Datums, wenn auch doch schon fast 100 Jahre alt: Er wurde im Jahr 1927 von dem deutschstämmigen Amerikaner Max Ehrmann verfasst, wie aus der englischen Fassung auch hervorgeht.
Ist also die Deutsche Fassung eine plumpe Fälschung, um den Text “auf alt zu trimmen”?
Nein, das ist so auch nicht richtig, denn auch in Englischer Sprache wurde der Text viele Jahre und oft mit der selben Angabe versehen verbreitet: “Aus der Alten St. Paul’s Kirche Baltimore, 1692”. Allerdings gibt es die Hinweise auf die St. Paul’s Kirche in Baltimore erst seit dem Jahr 1956.
Und da lichtet sich das Rätsel. Denn im Jahr 1956 hat in der Kirche in Baltimore ein neuer Pastor seinen Dienst angetreten, der Reverend Frederick W. Kates. Und Reverend Kates hatte die Angewohnheit, seiner Gemeinde in der Fastenzeit besondere Texte und Zitate zur Andacht in die Kirchenbänke zu legen. So kam die “Desiderata” aus dem Jahr 1927 auch nach Baltimore, wo sie dann von Reverend Kates ohne einen Hinweis auf den Urheber (Max Ehrmann) oder das Entstehungsjahr des Textes (1927) auf einen offiziellen Bogen der Alten St. Paul’s Kirche Baltimore gedruckt wurde. Dieses offizielle Papier der Pfarrei “Old St. Paul’s” enthielt den Hinweis auf das Jahr der Gründung dieser Kirche in Baltimore, nämlich: 1692. Daher stet zu vermuten, dass ein Gemeindemitglied die Desiderata Mitte der 1950er Jahre aus der Kirche mit nach Hause brachte. Und seither werden die Desiderata mit dem Gründungsjahr der Kirche, 1692, in Verbindung gebracht, weil auf dem Briefpapier die Angabe “Old St. Paul’s Church Baltimore, 1692” stand.
Bei genauerem Hinsehen hätte man allerdings auch darauf kommen können, dass die Desiderata nicht aus dem Jahr 1692 stammen können, denn die Formulierung “wie immer du ihn [Gott] dir vorstellst”, wäre wohl 1692 nicht in einem Text der Zeit erschienen.
Ich habe einige kleinere Anpassungen in der Übersetzung ins Deutsche vorgenommen — und eine größere: die Glückseligkeit. Im Englischen hat Ehrmann das Streben (strive) nach Glückseligkeit in der adverbialen Version (to be happy) gesetzt. Doch bin ich überzeugt, dass dies dem Umstand geschuldet war, dass er mit dem Streben nach Glückseligkeit, wie es in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als Pursuit of Happiness formuliert war, nur deswegen nicht enden konnte, da der Text durchgehend appellativ formuliert ist, also als Aufforderung und Ermunterung (strive to be happy), nicht als Sammlung von Ansprüchen oder unveräußerlichen Grundrechten (inalienable Rights … the Pursuit of Happiness).
In jedem Fall erschien es mir sehr viel wertvoller, den Appell von Ehrmann im Deutschen ausdrücklich als das Streben nach Glückseligkeit zu formulieren, und nicht der Tendenz zu folgen, das Glück zu individualisieren.
Denn, und das ist der Punkt, an dem ich mit der Desiderata nicht ganz glücklich bin: Das Streben nach Glückseligkeit ist nach meinem Verständnis eine wichtige Freiheit, die uns Menschen gegeben ist. Nutzen wir sie, indem wir tatsächlich nach Glückseligkeit streben, bedeutet das, dass wir dem Beispiel Jesu nachzufolgen aktiv anstreben. Dies bedeutet, den Vorteil des Nächsten zu suchen mehr als unseren eigenen Vorteil.
Leibniz hat dies auch so gesehen und er hat es als Notwendigkeit bezeichnet. Die Ordnung der Welt, der Kosmos ist nach Leibniz so geschaffen, wie es der größtmöglichen Vollkommenheit entspricht. Zwar ist der Mensch in seinem irdischen Leben unvollkommen, aber er ist in der Lage, diese Unvollkommenheit aktiv zu verringern. Sich selbst charakterlich und seelisch der Vollkommenheit anzunähern. Tun wir dies mit aufrichtiger Absicht, so hat dies eine Wirkung auf die Weise, wie sich die Welt entwickelt. Es wäre dann also genau nicht so, wie es Max Ehrmann 1927 in die Desiderata hineingeschrieben hat:
“Und ob es dir klar ist oder nicht, zweifellos entfaltet sich das Universum so, wie es sein soll.”
Das Universum entfaltet sich für Ehrmann also nach einem bestimmten Plan, ‘wie es sein soll’. Zweifellos, für ihn. Ich bezweifle das! Denn es würde bedeuten, dass es Gott egal wäre, was wir tun, und dass er einen bestimmten Ablaufplan für den Kosmos unbeirrt “wie es sein soll” durchsetzt. Das würde Gott zum Urheber von allerhand Leid machen, weil “es sein soll”. Und das würde sich für mich nur schwer mit der Liebe Gottes vereinbaren lassen.
Wenn es jedoch so sein sollte, wie Leibniz vermutet, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hat, die jedoch aus unzähligen freien Seelen besteht, die Leibniz “Monaden” nannte, dann kann sich Liebe nur darin ausdrücken, diesen Seelen die Freiheit der Entscheidung zu überlassen. Wie ein liebender Vater oder eine liebende Mutter dem Kind die Möglichkeit zu geben, selbst zu entscheiden.
In diesem Kontext, wäre es nicht egal, ob wir nun nach Glückseligkeit streben, oder nach etwas anderem. Je mehr Seelen diesen Aspekt verstehen, desto vollkommener würde diese Welt sich entwickeln. Die Desiderata sollte eigentlich daher so lauten: “Je besser du und alle anderen verstehen, wie sich das Universum entfaltet, desto eher wird es so, wie es sein soll. Das wäre Gottes Glückseligkeit. Daher: Strebe nach Glückseligkeit!”
Ich bin sicher, du weisst, wie ich das meine!
Bis zum nächsten Mal,Dein Opa!
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