Lieber Miko,
heute habe ich dir einen kleinen Vorgeschmack auf ein Radio-Programm mitgebracht, welches morgen, am 16. September um 18.03 Uhr auf osradio.de ausgestrahlt wird. Ich beantworte meinem Kollegen Siggi Ober-Grefenkämper die Frage nach dem Wert der Klassik. Dabei geht es um die Wirkung von Schönheit auf unser Denken und unser Gemüt. Ich beschreibe auch, dass Klassik keine kulturgeschichtliche Epoche ist, sondern Prinzipien und Gesetze beschreibt, die zeitlos gültig sind. Zeitlosigkeit, das ist das, was man neudeutsch Flow nennt, wenn die Zeit still steht. Dann, wenn man frei von Gefühlen des Zorns, der Gier, der Angst und der Unaufmerksamkeit ist (so definiert nämlich die fernöstliche Philosophie die Zeitlosigkeit, also die Klassik).
Im Beitrag gehe ich dann auch auf die Besonderheit des Erhabenen ein und das möchte ich heute noch etwas weiter ausführen. Doch zunächst dazu das passende Gedicht von Friedrich Schiller. Er hat es 1795 veröffentlicht und es trug zunächst den Titel “Schön und Erhaben”, später dann “Die Führer des Lebens”:
Die Führer des Lebens
Zweierlei Genien sinds, die dich durchs Leben geleiten,Wohl dir, wenn sie vereint helfend zur Seite dir stehn!Mit erheiterndem Spiel verkürzt dir der eine die Reise,Leichter an seinem Arm werden dir Schicksal und Pflicht.Unter Scherz und Gespräch begleitet er bis an die Kluft dich,Wo an der Ewigkeit Meer schaudernd der Sterbliche steht.Hier empfängt dich entschlossen und ernst und schweigend der andre,Trägt mit gigantischem Arm über die Tiefe dich hin.Nimmer widme dich einem allein. Vertraue dem ersternDeine Würde nicht an, nimmer dem andern dein Glück.
Dazu schreibt Schiller in seiner Ausführung “Über das Erhabene” fast wortgleich, aber etwas ausführlicher:
Zwei Genien sind es, die uns die Natur zu Begleitern durchs Leben gab. Der eine, gesellig und hold, verkürzt uns durch sein munteres Spiel die mühvolle Reise, macht uns die Fesseln der Nothwendigkeit leicht und führt uns unter Freude und Scherz bis an die gefährlichen Stellen, wo wir als reine Geister handeln und alles Körperliche ablegen müssen, bis zur Erkenntniß der Wahrheit und zur Ausübung der Pflicht. Hier verläßt er uns, denn nur die Sinnenwelt ist sein Gebiet; über diese hinaus kann ihn sein irdischer Flügel nicht tragen. Aber jetzt tritt der andere hinzu, ernst und schweigend, und mit starkem Arm trägt er uns über die schwindlichte Tiefe.
In dem ersten dieser Genien erkennt man das Gefühl des Schönen, in dem zweiten das Gefühl des Erhabenen. Zwar ist schon das Schöne ein Ausdruck der Freiheit, aber nicht derjenigen, welche uns über die Macht der Natur erhebt und von allem körperlichen Einfluß entbindet, sondern derjenigen, welche wir innerhalb der Natur als Menschen genießen. Wir fühlen uns frei bei der Schönheit, weil die sinnlichen Triebe mit dem Gesetz der Vernunft harmonieren; wir fühlen uns frei beim Erhabenen, weil die sinnlichen Triebe auf die Gesetzgebung der Vernunft keinen Einfluß haben, weil der Geist hier handelt, als ob er unter keinen andere als seinen eigenen Gesetzen stünde.”
Diese Zeilen sind sicher nicht sehr gewöhnlich und vielleicht auch nicht sofort zu verstehen. Immerhin liegen 230 Jahre zwischen dem Zeitpunkt ihres Entstehens und unser heutigen Zeit.
Doch ich glaube, es lohnt sich, diesem Aspekt des Erhabenen, den Schiller uns nahebringen will, etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Denn, so lernen wir aus dem Gedicht, das Erhabene trägt uns dann, wenn wir mit den “gefährlichen Stellen” konfrontiert werden, an denen wir als “reine Geister” handeln müssen. Also wenn wir gewaltigen Kräften gegenüberstehen, denen wir körperlich-physisch nicht (oder noch nicht) gewachsen sind. Wo es um Leben und Tod geht. Dabei wird das Erhabene von Schiller noch näher beschrieben:
Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äußert, und von Frohsein, das bis zum Entzücken steigen kann und, ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von seinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird. Diese Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl beweist unsere moralische Selbständigkeit auf eine unwiderlegliche Weise. Denn da es absolut unmöglich ist, daß der nämliche Gegenstand in zwei entgegengesetzten Verhältnissen zu uns stehe, so folgt daraus, daß wir selbst in zwei verschiedenen Verhältnissen zu dem Gegenstand stehen, daß folglich zwei entgegengesetzte Naturen in uns vereiniget sein müssen, welche bei Vorstellung desselben auf ganz entgegengesetzte Art interessiert sind. Wir erfahren also durch das Gefühl des Erhabenen, daß sich der Zustand unsers Geistes nicht nothwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, daß die Gesetze der Natur nicht nothwendig auch die unsrigen sind, und daß wir ein selbständiges Principium in uns haben, welches von allen sinnlichen Rührungen unabhängig ist.
Für mich ist das sehr nachvollziehbar und vernünftig: Als Menschen, die daran glauben, dass wir nach Gottes Ebenbild geschaffen sind, gesegnet mit einer unsterblichen Seele, wissen wir, dass der Glaube das Erhabene in uns ausdrückt. Denn das Wissen darum, dass wir Kinder Gottes sind und sich Gott in uns offenbart, macht uns froh auf eine Art, die von allen Seelen jeder Lust vorgezogen wird, wie es Schiller ausdrückt. Natürlich ist da auch ein Wehsein, also ein Schmerz über das Unausweichliche (zum Beispiel den Übergang von dieser Welt, wo wir das Materielle zurücklassen müssen, durch den Tod in das Ewige Leben). Doch dieses Wehsein äußert sich im Glauben im höchsten Grad als Schauer, hat also auch etwas Ästhetisches.
Mir gefällt sehr, wie Schiller es dann auf den Punkt bringt: Die Gegensätzlichkeit der zwei Empfindungen, die das Erhabene ausmachen, beweist unsere moralische Selbständigkeit auf unwiderlegliche Weise! Was auch immer es sei, das das erhabene Gefühl in uns auslöst, es kann nur in einem Verhältnis zu uns stehen. Daher müssen, so Schiller, die zwei gegensätzlichen Gefühle ein Ausdruck (und damit der Beweis) der Vereinigung von Sinnlichkeit und Verstand im Menschlichen Wesen sein. Das Sinnliche in uns wird vom Gegenstand des Erhabenen ins Schaudern versetzt, der Verstand hingegen empfindet Lust auf die bevorstehende Transformation in die transzendente Welt des Ewigen Lebens.
Hier, lieber Miko, liegt eine ganz wesentliche Bedeutung in der Kunst, die sich — neben der theoretischen Schrift — für uns durch Schiller in seinem Gedicht “Die Führer des Lebens” anspricht: Sie macht kunstvoll klar, dass die Aufgabe des Mensch Seins darin besteht, die Glückseligkeit auf Erden zu finden. Also einen Beitrag zu Gottes Schöpfung zu leisten. Daher ist auch der eigentliche Führer durch das Leben die Schönheit und nicht das Erhabene.
Es ist die Schönheit, der wir unser Glück (unsere Suche nach Glückseligkeit) anvertrauen sollen, nicht dem Erhabenen! Denn das Erhabene begleitet uns ernst und entschlossen und schweigend (also voller Würde, und damit als ein gutes Vorbild), bevor es uns, dann, wenn es soweit ist, mit gigantischem Arm durch den Tod hinweg (über die Kluft des Meeres der Ewigkeit) ins Jenseits des Ewigen Lebens trägt. Das Erhabene ist also Garant unserer Würde als Kinder Gottes. Zum alleinigen Begleiter auf der Suche nach Glückseligkeit taugt das Erhabene nicht. Dazu braucht es das Paar “Schön und Erhaben”.
Übrigens hat Schiller auch in diesem Text “Über das Erhabene” einen weiteren Hinweis an den Jüngling aus dem Bild zu Sais versteckt: Die Erkenntnis der Wahrheit, das Schauen der Wahrheit, erfolgt tatsächlich erst dann, wenn wir als reine Geister handeln müssen. Also am Ende der Reise durch das Weltliche, an der Schwelle zum Meer der Ewigkeit. Daher war die Statue im Gedicht verschleiert! Die Erkenntnis der reinen, vollen Wahrheit ist uns als Menschen nicht vergönnt. Wenn wir als reine Geistwesen mit Gott wieder vereinigt werden, dann können wir die Wahrheit auch erkennen. Vorher können wir sie nach bestem Wissen und Gewissen suchen. Nicht besitzen! Daher war der Jüngling im Gedicht auch eben kein Held oder Genius. Er war noch auf der Reise zur Entwicklung seines Charakters. Die Ungeduld und Gier nach Besitz der Wahrheit hat ihm dann die Würde genommen. Und die Lebensfreude. Er hat das Erhabene bemüht, als er die Schönheit (den Schleier der Wahrheit) fallen ließ.
Ach hätte er doch “Die Führer des Lebens” gelesen!
Nimmer widme dich einem allein. Vertraue dem ersternDeine Würde nicht an, nimmer dem andern dein Glück.
In dem oben eingebetteten Audio-Beitrag für die Sendung Querbeet (sie wird am 16. September um 18.03 Uhr auf osradio.de ausgestrahlt) beantworte ich meinem Kollegen Siggi Ober-Grefenkämper die Frage nach dem Wert der Klassik zwar mit eigenen Worten, aber im Kern genau inhaltsgleich: Die Klassik ist das, was schön und erhaben ist. Es ist klassisch, also zeitlos gültig. Frei von Gefühlen des Zorns, der Gier, der Angst und der Unaufmerksamkeit (so definiert die fernöstliche Philosophie die Zeitlosigkeit, also die Klassik).
Bis zum nächsten Mal!
Dein Opa
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