Warum Mikropolitik nicht das Problem, sondern Teil der Lösung ist – ein Gespräch mit Gregor über Macht, Interessen und Win-Win.
„Eigentlich bin ich bekennender Mikropolitiker." – Gregor
Mikropolitik ist wie das Wasser für die Fische bei David Foster Wallace: allgegenwärtig und genau deshalb kaum sichtbar. In dieser Folge macht die MS Calypso im Stuttgarter Hafen fest, und ich spreche mit Gregor darüber, warum Mikropolitik kein schmutziges Nebenphänomen ist, sondern ein
legitimes Analyseinstrument, um Organisationen zu verstehen.
Das Beispiel Homeoffice-Regel: Geschäftsführung verkündet „2 Tage Homeoffice, 3 Tage vor Ort". Team A ignoriert es, Team B ist sowieso da, Team C arrangiert sich informell. Was passiert wirklich – und wer sitzt am längeren Hebel?Macht als neutrales Analyseinstrument – nicht als Schimpfwort. Mit Max Weber und Stefan Kühl im Gepäck.Lokale Rationalitäten: Die Zahl der Menschen, die anderen pathologisch schaden wollen, ist mikroskopisch klein. Der Rest handelt aus Interessen und Verantwortungsstrukturen.Unsicherheitszonen besetzen: Wer Blocker-Argumente hat (Datenschutz, Legal, Finance), übt Macht aus – auch von unten.Win-Win statt Auseinandersetzung: Warum brillante PowerPoint-Decks scheitern, wenn man die Perspektive der Stakeholder nicht mitdenkt.Brauchbare Illegalität und die Mikropolitik des Stillstands in weniger dynamischen Kontexten.Trend-Mikropolitik: Warum „KI-Projekte" oft eine Schauseitenfunktion erfüllen.Kritische Momente schaffen – wann Transparenz hilft und wann sie schadet. „Mikropolitik ist kein Pflichtding – aber wer nicht hinschaut, sieht nur Symptome."
„Such nicht die Auseinandersetzung. Du zwingst den Gegenüber, deine Perspektive einzunehmen – die hat er aber gar nicht."
„Erkenntnis entsteht durch Handeln. Aber vorher lohnt sich das Vordenken."
Eure Aufgabe bis zur nächsten Folge
Beobachtet in den nächsten Tagen in eurer Organisation, wo formale Regeln existieren, aber kreativ interpretiert werden. Fragt euch:
Wäre die Organisation besser, wenn sich alle strikt an die Regeln hielten – oder wäre sie handlungsunfähig?Wer profitiert davon, dass die Dinge so sind, wie sie sind?Wer profitiert davon, dass sie so interpretiert werden, wie sie interpretiert werden?Literatur- und Denkanstöße*
Max Weber – Wirtschaft und Gesellschaft (1922), §16 „Macht und Herrschaft"
Klassische Machtdefinition: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht." (S. 28 der Erstausgabe, Mohr Siebeck, Tübingen 1922).
→ Zitatnachweis bei Wikiquote · Wikipedia: Wirtschaft und Gesellschaft
Stefan Kühl – Organisationen. Eine sehr kurze Einführung (2. Aufl. 2020, Springer VS)
Organisationssoziologische Einführung; Macht wird als Einflussmöglichkeit über Unsicherheitszonen gedacht (in der Crozier/Friedberg-Linie). Hinweis: Die in der Folge paraphrasierte Formulierung „Fähigkeit, bei anderen ein Verhalten zu erzeugen, das sie spontan nicht angenommen hätten" ist keine wörtliche Kühl-Stelle, sondern eine didaktische Zuspitzung in der Tradition Weber/Crozier.
→ Springer Nature: Buchseite · ISBN 978-3-658-29831-9
David Foster Wallace – This Is Water (Commencement Speech, Kenyon College, 21.05.2005)
Die Parabel der zwei jungen Fische, die nicht wissen, was Wasser ist – Bild für das Unsichtbare, in dem wir uns bewegen.
→ Volltext und Audio bei Farnam Street · Wikipedia (EN)
Bent Flyvbjerg & Dan Gardner – How Big Things Get Done (2023)
Empirische Analyse von Megaprojekten, u. a. die „Heuristiken des Masterbuilders". Kern-These: „Think slow, act fast".
→ Verlagsseite Penguin Random House · Bent Flyvbjerg · Oxford Saïd · ISBN 978-0-593-23951-8
Willi Küpper & Günther Ortmann (Hrsg.) – Mikropolitik. Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen (Westdeutscher Verlag 1988)
Das einschlägige deutschsprachige Standardwerk. Darin u. a. der Beitrag von Horst Bosetzky: „Mikropolitik, Machiavellismus und Machtkumulation".
→ Springer Nature: Sammelband
Niklas Luhmann – Macht (Enke 1975, aktuelle Auflage UTB)
Macht als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium.
→ UTB: Macht · Wikipedia: Niklas Luhmann
Niklas Luhmann – Funktionen und Folgen formaler Organisation (Duncker & Humblot 1964)
Hier prägt Luhmann den Begriff der „brauchbaren Illegalität" – das produktive Abweichen von formalen Regeln als stille Voraussetzung funktionierender Organisationen.
→ Verlag Duncker & Humblot · Wikipedia: Brauchbare Illegalität
Haier – Rendanheyi-Modell
Zhang Ruimins radikales Organisationsmodell: Haier ist in rund 4.000 selbstverwaltete Mikrounternehmen zerlegt; Mitarbeitende können ihre Leads abwählen.
→ Rendanheyi Research Center · Gary Hamel & Michele Zanini:
The End of Bureaucracy, HBR Nov/Dez 2018 · Wikipedia: Haier