Dr. Alexandra Wolf über Kinderzahnmedizin, Flugbegleitung, Zahnarztangst und ein Berufsleben zwischen Behandlungsstuhl und Bord.
Morgens Kinderzähne behandeln, wenig später mit einer Crew Richtung Asien oder Amerika starten: Dr. Alexandra Wolf verbindet zwei Berufe, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Sie ist Kinderzahnärztin in Berlin und gleichzeitig Flugbegleiterin. Für sie ist das kein Widerspruch, sondern genau die Mischung, die zu ihrem Leben passt. Denn in beiden Welten geht es um Menschen, Vertrauen, Empathie – und manchmal auch darum, jemandem die Angst zu nehmen.
Aufgewachsen ist Alexandra auf dem Land, später studiert sie in Dresden Zahnmedizin. Vorher zieht es sie jedoch hinaus in die Welt: Sie verbringt Zeit unter anderem in Neuseeland, Frankreich, den USA und Ecuador. Bei einem Freiwilligendienst in Quito arbeitet sie sogar in der zahnmedizinischen Abteilung eines Krankenhauses. Die Entscheidung für die Zahnmedizin entwickelt sich nach und nach. Gleichzeitig bleibt ein anderer Kindheitstraum bestehen: Flugbegleiterin zu werden. Irgendwann beschließt sie, ihn nicht länger aufzuschieben – und beginnt, beide Berufe miteinander zu kombinieren.
Als Kinderzahnärztin erlebt Alexandra täglich, wie wichtig Vertrauen und Fantasie sein können. Kinder sagen sehr direkt, wenn sie Angst haben, etwas unangenehm schmeckt oder sie schlicht keine Lust auf eine Behandlung haben. Genau diese Offenheit schätzt sie. In ihrer Praxis wird Zahngesundheit deshalb spielerisch vermittelt: mit einem Krokodil namens Kroko, kleinen Zaubertricks und sogar einer besonderen Fantasiereise. Der Zahnarztstuhl wird zum Cockpit, Kroko zum Copiloten und die Behandlung zur Reise ans Meer, in die Berge oder nach Madagaskar. Geräusche wie die Absaugung können dabei plötzlich zum Meeresrauschen werden.
Besonders wichtig ist Alexandra der Umgang mit Zahnarztangst. Sie versucht nicht, Kindern ihre Angst auszureden, sondern nimmt sie ernst. Gemeinsam wird herausgefunden, was eigentlich beunruhigt: ein Geräusch, mögliche Schmerzen oder eine unbekannte Situation. Instrumente werden erklärt, Abläufe nachvollziehbar gemacht und bei Bedarf kann auch Lachgas eingesetzt werden, um längere oder belastendere Behandlungen angenehmer zu gestalten. Entscheidend sei, dass Kinder möglichst früh positive Erfahrungen beim Zahnarzt machen – statt erst dann zu kommen, wenn bereits Schmerzen vorhanden sind.
Ihre zweite Arbeitswelt beginnt dort, wo andere in den Urlaub starten. Als Flugbegleiterin erlebt Alexandra ständig neue Crews, Destinationen und Begegnungen. Gerade dieses Wechselnde fasziniert sie: Menschen, die sich vorher oft noch nie gesehen haben, müssen innerhalb kürzester Zeit als Team funktionieren. Gleichzeitig eröffnet ihr der Beruf die Möglichkeit, die Welt weiterzuentdecken. Und manchmal treffen beide Berufe sogar unmittelbar aufeinander: Einem Kind fällt beim Biss in einen Muffin ein Wackelzahn aus, ein anderer Passagier braucht wegen Zahnschmerzen Eis zur Kühlung – dann ist die Zahnärztin an Bord zumindest schon einmal nicht weit.
Doch Alexandra nutzt ihre zahnmedizinischen Fähigkeiten auch dort, wo eine gute Versorgung alles andere als selbstverständlich ist. Mit einem Team reist sie regelmäßig nach Südafrika, um Kinder einer Grundschule kostenlos zu behandeln. In einem einfachen Kirchenraum entsteht dafür eine provisorische Zahnarztpraxis mit mobilen Geräten, Liegen und improvisierter Ausstattung. Viele Kinder haben dort einen erheblichen Behandlungsbedarf. Für Alexandra ist das eine Arbeit, bei der sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln sehr viel bewirken lässt: Schmerzen lindern, Zähne erhalten und Kindern wieder ein unbeschwerteres Lächeln ermöglichen.
Auch beim Teddykrankenhaus in Dresden, bei den Special Olympics und zeitweise in einer Berliner Zahnarztpraxis für obdachlose Menschen engagiert sich Alexandra. Immer wieder geht es dabei um dasselbe Thema: Zugang zu medizinischer Versorgung und die Bedeutung von Vorsorge. Denn gute Zahngesundheit beginnt für sie nicht erst bei der Behandlung eines schmerzenden Zahns, sondern viel früher – mit Aufklärung, regelmäßigen Kontrollen und einem möglichst entspannten Verhältnis zum Zahnarztbesuch.
In dieser Folge von „Schüchtern bis nüchtern“ spricht Dr. Alexandra Wolf über Milchzähne, Weisheitszähne und Zahnarztangst, über Kinder als besonders ehrliche Patienten und über die besondere Atmosphäre einer Flugzeugcrew. Und sie zeigt, dass man sich nicht zwangsläufig für nur einen beruflichen Traum entscheiden muss. Solange ihr beide Welten Freude machen, möchte sie weder den Zahnarztstuhl noch das Flugzeug aufgeben.