Mir kommt es so vor, als gäben manche Christen Gefühlen wie Ärger, Enttäuschung und Traurigkeit keinen Raum. Diese Gefühle "sind nicht gut" oder "kommen nicht von Gott" wie sie sagen, deshalb werden sie unterdrückt oder "weggebetet". Ob's klappt? Manchmal vielleicht.
Steckt vielleicht auch die Angst dahinter, von diesen Gefühlen überwältigt zu werden? Ist man deshalb bemüht, sie möglichst schnell zu bekämpfen? Wäre es nicht reifer auch diese Emotionen zuzulassen? Sich und anderen nicht zu "verbieten" traurig, wütend oder ärgerlich zu sein?
Gott schenkte uns ein riesiges Repertoire an Gefühlen. Weshalb befinden wir einige für gut und richtig, andere für schlecht und falsch?
Ist es richtig, jeglichen Schmerz und Leid aus unserem Leben so schnell wie möglich beseitigen zu wollen?
Ich bin der Überzeugung, wir sollten in jeder Lebensituation und in welcher Stimmung wir uns gerade befinden, zu Gott gehen – mit ihm drüber sprechen. Doch vielleicht ist es manchmal dran, nicht wild zu kämpfen und sich mit Händen und Füßen zu wehren, sondern sich darauf zu besinnen was wir fühlen und sich Gedanken zu machen, wozu bestimmte Gefühle da sein können und was wir daraus lernen können?!
Jesus sagt: "Gott segnet die, die traurig sind, denn sie werden getröstet werden." - Matthäus 5, 4 NLB
Gott tröstet uns wie eine Mutter ihr Kind (Jesaja 66, 13) – er nimmt uns in seine Arme, wenn wir traurig sind – er redet uns Gefühle nicht aus. Wir Christen sollten das genauso machen.
Gott kann mit den dunkelsten Gefühlen des Menschen umgehen.
Elia fühlte sich so schwach, dass er sogar sterben wollte. - 1. Könige 19, 4
Jeremia war so fertig, dass er den Tag seiner Geburt verfluchte. - Jeremia 20, 14-15
David erzählte Gott ohne jegliche Zurückhaltung, wie es in seinem Inneren aussieht. - Psalm 88
Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Du kannst aber auch gleich die 5 Kapitel vom Buch der Klagelieder lesen …
Auffällig dabei, dass viele Menschen durch dunkle Zeiten mussten, um danach etwas Großartiges zu erleben. Wahrscheinlich hätten sie das ohne diese "Wüstenzeit" nicht zu schätzen gewusst.
Ich frage mich und auch Dich:
Würden sich Menschen wie Elia, Jeremia oder David bei uns wohlfühlen? Haben wir Platz für Menschen, die unsere Liebe so sehnlichst brauchen?? Oder sind wir nur ein Verein für Menschen, die es "geschafft" haben?
Im 1. Thessalonicher 5, 14 steht:
"Baut die Mutlosen auf, helft den Schwachen, und bringt für jeden Menschen Geduld und Nachsicht auf."
Schaffen wir das? Schaffen wir es Menschen zu unterstützen, die durch schwierige Zeiten gehen? Oder verlangen wir, dass sie sich "zusammenreissen"? Wollen wir direkt alles "wegbeten"? Lieben wir sie durch dunkle Zeiten hindurch, oder sehen wir sie als "Reperaturfälle"?
In Römer 12, 15 steht:
"Sind andere Menschen glücklich, dann freut euch mit ihnen. Sind sie traurig, dann begleitet sie in ihrem Kummer."
Freuen wir uns mit den Fröhlichen und weinen wir mit den Traurigen? Hören wir ihnen zu? Oder drücken wir ihnen nur eine "Zehn-Schritte-Anleitung zum siegreichen Christen" in die Hand?
Haben wir Angst vor ungefilterten Gefühlen? Haben wir Angst jemandem zuzuhören, der von Gott enttäuscht ist? Haben wir Angst, uns dem zu stellen, weil wir befürchten keine Antworten zu haben? Können wir Fragen, auf die es ke[...]