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Der Mann am StraĂenrand
Der Morgen des 2. Januar 1990 war kalt. Ein grauer Wintertag lag ĂŒber dem Westen des Bundesstaates New York. Entlang der StraĂen sĂŒdlich von Rochester hatten sich Schneereste in den GrĂ€ben gesammelt. Die Landschaft wirkte verlassen, beinahe friedlich. Doch die Ermittler, die an diesem Tag unterwegs waren, suchten keinen gewöhnlichen VerdĂ€chtigen.
Seit Monaten hatte die Polizei eine Spur verfolgt. Frauen verschwanden. Einige tauchten nie wieder lebend auf. Ihre Leichen wurden an abgelegenen Orten gefunden â entlang von Flussufern, auf Feldern, in WaldstĂŒcken. Die Opfer kannten einander nicht. Doch die Tatorte schienen miteinander verbunden.
An diesem Morgen beobachteten Beamte einen Mann, der bereits seit lÀngerer Zeit im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit stand: Arthur John Shawcross.
Die Ermittler hatten ihn beschattet. Sie wussten, dass er regelmĂ€Ăig mit Prostituierten Kontakt aufnahm. Sie wussten auch, dass mehrere Opfer zuletzt in Gegenden gesehen worden waren, die Shawcross hĂ€ufig aufsuchte.
Als die Beamten eingriffen, befand sich eine Frau in seinem Fahrzeug. Sie lebte noch.
FĂŒr die Ermittler war dies der Moment, auf den sie gewartet hatten. Die Ăberwachung endete. Die Festnahme begann.
Wenig spĂ€ter sollte sich herausstellen, dass sie möglicherweise einen der berĂŒchtigtsten Serienmörder der amerikanischen Kriminalgeschichte gestoppt hatten.
Eine schwierige Kindheit
Arthur John Shawcross wurde am 6. Juni 1945 in Kittery im US-Bundesstaat Maine geboren. Die Familie zog spÀter nach Watertown im Norden des Staates New York.
Viele Jahre spĂ€ter schilderte Shawcross seine Kindheit als von Misshandlungen und DemĂŒtigungen geprĂ€gt. Einige seiner Aussagen konnten nie eindeutig bestĂ€tigt werden. Wie bei vielen spĂ€teren Serienmördern verschwimmen in seinen Schilderungen Wahrheit, Ăbertreibung und Selbstinszenierung.
Fest steht, dass seine Schulzeit problematisch verlief.
Lehrer beschrieben ihn als durchschnittlichen SchĂŒler. MitschĂŒler erinnerten sich an einen Jungen, der hĂ€ufig AuĂenseiter war. Er wirkte oft sozial isoliert und entwickelte Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen.
Schon frĂŒh zeigten sich VerhaltensauffĂ€lligkeiten. Berichte aus seinem Umfeld deuteten auf Aggressionen, mangelnde Impulskontrolle und eine wachsende Neigung zu Gewaltfantasien hin.
Nach dem Schulabschluss trat Shawcross in die US-Armee ein.
Vietnam und die Legendenbildung
Zwischen 1967 und 1970 diente Shawcross in Vietnam.
SpÀter behauptete er immer wieder, im Krieg schwer traumatisiert worden zu sein. In Interviews schilderte er brutale Kampferlebnisse und stellte ZusammenhÀnge zwischen seinen Kriegserfahrungen und seinen spÀteren Verbrechen her.
Historiker, Journalisten und Ermittler begegneten diesen Aussagen jedoch mit Skepsis.
Zahlreiche Behauptungen Shawcrossâ lieĂen sich nicht belegen. Einige erwiesen sich sogar als nachweislich falsch.
Viele Experten kamen deshalb zu dem Schluss, dass Shawcross seine MilitĂ€rzeit teilweise ausschmĂŒckte, um seine Taten zu erklĂ€ren oder zu rechtfertigen.
Dennoch blieb die Frage bestehen, welche psychischen Folgen seine Dienstzeit tatsÀchlich gehabt hatte.
Nach seiner RĂŒckkehr in die Vereinigten Staaten begann ein unstetes Leben.
Er heiratete mehrfach. Beziehungen scheiterten. ArbeitsverhÀltnisse hielten selten lange. Gleichzeitig hÀuften sich Konflikte mit dem Gesetz.
Die ersten bekannten Morde
Im Jahr 1972 verschwand ein zehnjÀhriger Junge namens Jack Blake.
Das Kind war zuletzt in der NÀhe seines Wohnorts gesehen worden. Die Suche blieb zunÀchst erfolglos.
Erst spÀter wurde bekannt, dass Arthur Shawcross den Jungen getötet hatte.
Die Tat erschĂŒtterte die Region. Noch gröĂer war der Schock, als wenige Monate spĂ€ter ein weiteres Kind verschwand.
Diesmal handelte es sich um die achtjÀhrige Karen Ann Hill.
Auch sie wurde Opfer von Shawcross.
Die Ermittler konnten schlieĂlich eine Verbindung zwischen den FĂ€llen herstellen. Die Beweislage verdichtete sich.
1973 bekannte sich Shawcross schuldig.
Die Ăffentlichkeit erwartete eine lebenslange Haftstrafe.
Doch das amerikanische Justizsystem der damaligen Zeit funktionierte anders, als viele BĂŒrger annahmen.
Ein Urteil und seine Folgen
Shawcross wurde wegen der Tötung von Karen Ann Hill verurteilt.
Im Gegenzug wurde die Anklage im Fall Jack Blake zunÀchst nicht weiter verfolgt. Das Vorgehen entsprach einer damals nicht ungewöhnlichen Praxis: StaatsanwÀlte konzentrierten sich auf die Anklage, die die höchste Strafe versprach.
Das Gericht verhÀngte eine lange Freiheitsstrafe.
FĂŒr viele Angehörige der Opfer schien der Fall abgeschlossen.
Doch hinter den Mauern des GefÀngnisses begann eine Entwicklung, die spÀter heftig kritisiert werden sollte.
Psychologische Gutachten bescheinigten Shawcross Fortschritte. Er galt als kooperativ. Therapeuten und Gutachter diskutierten seine GefÀhrlichkeit unterschiedlich.
WĂ€hrend einige Experten weiterhin vor ihm warnten, hielten andere eine spĂ€tere Entlassung fĂŒr vertretbar.
Die Debatte zog sich ĂŒber Jahre hin.
Dann fiel eine Entscheidung, die spÀter zu den umstrittensten BewÀhrungsentscheidungen der amerikanischen Kriminalgeschichte gezÀhlt werden sollte.
Die Freilassung
1987 wurde Arthur Shawcross nach rund vierzehn Jahren Haft entlassen.
FĂŒr die Familien der Opfer war dies kaum nachvollziehbar.
Ein Mann, der wegen der Tötung eines Kindes verurteilt worden war, kehrte zurĂŒck in die Gesellschaft.
Shawcross zog in die Gegend von Rochester im Bundesstaat New York.
Dort schien er zunĂ€chst ein unauffĂ€lliges Leben zu fĂŒhren.
Er arbeitete zeitweise. Er heiratete erneut. Nach auĂen entstand das Bild eines Mannes, der seine Vergangenheit hinter sich gelassen hatte.
Doch dieses Bild hielt nicht lange.
Rochester in den spÀten 1980er-Jahren
Rochester befand sich damals in einem wirtschaftlichen Wandel.
ArbeitsplÀtze verschwanden. Bestimmte Viertel litten unter Armut, Drogenproblemen und sozialem Abstieg.
Besonders gefĂ€hrdet waren Frauen, die auf der StraĂe lebten oder der Prostitution nachgingen.
Viele kÀmpften mit Suchterkrankungen.
Viele hatten kaum Kontakt zu ihren Familien.
Und viele verschwanden zunÀchst, ohne dass ihr Fehlen sofort bemerkt wurde.
Genau in diesem Umfeld begann Shawcross erneut zu töten.
Das Verschwinden der Frauen
1988 wurden erste Vermisstenmeldungen registriert.
Anfangs erkannten die Ermittler kein klares Muster.
Die Opfer stammten aus Àhnlichen sozialen VerhÀltnissen, doch ihre Lebenswege unterschieden sich.
Einige arbeiteten im Rotlichtmilieu.
Andere bewegten sich in Drogenszenen.
Viele waren gesellschaftlich marginalisiert.
Als die ersten Leichen entdeckt wurden, nahm die Sorge zu.
Die Körper lagen hÀufig in abgelegenen Gebieten.
Mehrere Fundorte befanden sich entlang des Genesee River, der Rochester durchquert.
Mit jedem neuen Opfer wuchs der Druck auf die Polizei.
Der Genesee River als Verbindung
Der Fluss wurde zum geografischen Mittelpunkt der Ermittlungen.
Immer wieder tauchten dort Hinweise auf.
Die Ermittler kartierten Fundorte, analysierten Bewegungsmuster und versuchten, Gemeinsamkeiten zu erkennen.
Bald entstand die Vermutung, dass ein einzelner TÀter verantwortlich sein könnte.
Die Opfer waren ĂŒberwiegend Frauen.
Viele hatten zuletzt in denselben Stadtteilen gearbeitet.
Mehrere Zeugen erinnerten sich an einen Mann mittleren Alters, der in einem Fahrzeug unterwegs gewesen war.
Doch die Hinweise blieben zunÀchst vage.
Die Ermittler standen vor einem Problem, das bei Serienmorden hÀufig auftritt:
Es gab viele Opfer.
Aber kaum verwertbare Zeugen.
Die Angst wÀchst
Mit jedem weiteren Leichenfund verbreitete sich Angst in Rochester.
Zeitungen berichteten regelmĂ€Ăig ĂŒber die FĂ€lle.
Fernsehsender warnten Frauen vor unbekannten MĂ€nnern.
Polizeibehörden richteten Sonderkommissionen ein.
Gleichzeitig entstand öffentliche Kritik.
Warum gelang es den Ermittlern nicht, den TĂ€ter zu finden?
Waren die Opfer zu lange ĂŒbersehen worden?
Wurde zu wenig getan, weil es sich um Frauen aus dem Rotlichtmilieu handelte?
Diese Fragen begleiteten die Untersuchung ĂŒber Monate.
WĂ€hrenddessen bewegte sich der TĂ€ter weiter durch dieselben StraĂen.
Und jedes neue Verbrechen erhöhte den Druck auf die Behörden.
Die entscheidende Spur
SchlieĂlich konzentrierten sich die Ermittler auf eine Reihe möglicher VerdĂ€chtiger.
Darunter befand sich Arthur Shawcross.
Seine Vergangenheit machte ihn interessant.
Seine Bewegungen passten teilweise zu den Tatorten.
Hinzu kamen Beobachtungen aus dem Umfeld der Opfer.
Die Polizei begann mit einer intensiven Ăberwachung.
Beamte dokumentierten seine Fahrten.
Sie zeichneten Kontakte auf.
Sie analysierten ZeitablÀufe.
Je lÀnger die Observation dauerte, desto stÀrker verdichtete sich der Verdacht.
Der ehemalige Kindermörder rĂŒckte in den Mittelpunkt der Ermittlungen.
Die Festnahme
Anfang Januar 1990 griffen die Beamten schlieĂlich zu.
Die Ăberwachung hatte genĂŒgend Hinweise geliefert, um ein Eingreifen zu rechtfertigen.
Nach der Festnahme begannen umfangreiche Durchsuchungen.
Ermittler untersuchten sein Fahrzeug.
Sie ĂŒberprĂŒften persönliche GegenstĂ€nde.
Sie verglichen Spuren mit den Ergebnissen der Tatortuntersuchungen.
Nach und nach entstand ein immer klareres Bild.
Die Indizienlage wurde erdrĂŒckend.
Was zunÀchst als Vermutung begonnen hatte, entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Serienmordverfahren der Vereinigten Staaten.
Die GestÀndnisse
WĂ€hrend der Vernehmungen sprach Shawcross mit Ermittlern ĂŒber zahlreiche Taten.
Wie bei vielen Serienmördern waren seine Aussagen jedoch widersprĂŒchlich.
Manche Details stimmten mit bekannten Fakten ĂŒberein.
Andere erwiesen sich als falsch.
Wieder andere wirkten wie Versuche, Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Dennoch gelang es den Ermittlern, mehrere FĂ€lle eindeutig mit ihm in Verbindung zu bringen.
Die Zahl der Opfer wurde schlieĂlich auf elf Frauen festgelegt, die zwischen 1988 und 1989 im Raum Rochester getötet worden waren.
Zusammen mit den beiden Kindermorden aus den frĂŒhen 1970er-Jahren ergab sich das Bild eines TĂ€ters, dessen Gewaltkarriere sich ĂŒber fast zwei Jahrzehnte erstreckt hatte.
Die Ermittlungen werden konkreter
Als Arthur Shawcross Anfang Januar 1990 festgenommen wurde, bedeutete das nicht automatisch das Ende der Ermittlungen. Im Gegenteil: FĂŒr viele Beamte begann nun die eigentliche Arbeit.
Die Sonderkommission musste beweisen, dass der Mann, den sie seit Monaten beobachtet hatte, tatsĂ€chlich fĂŒr die Mordserie verantwortlich war.
Die Ermittler standen dabei vor einer schwierigen Aufgabe. Viele der Opfer waren ĂŒber lĂ€ngere ZeitrĂ€ume verschwunden gewesen, bevor ihre Leichen entdeckt wurden. Zahlreiche Fundorte lagen im Freien. Wind, Wetter und die Zeit hatten Spuren zerstört.
Dennoch verfĂŒgten die Behörden ĂŒber eine Reihe wichtiger Beweise.
ZunÀchst wurden sÀmtliche Bewegungen Shawcross' in den Monaten vor seiner Festnahme rekonstruiert. Die Ermittler analysierten Arbeitszeiten, Tankbelege, Aussagen von Bekannten und Fahrtrouten.
Besonders wichtig waren Zeugen aus dem Rotlichtmilieu von Rochester.
Mehrere Frauen berichteten, sie hĂ€tten Shawcross wiederholt gesehen. Einige erinnerten sich daran, dass er Prostituierte angesprochen oder mitgenommen hatte. Andere beschrieben ihn als einen Mann, der regelmĂ€Ăig in bestimmten StraĂen auftauchte.
FĂŒr die Ermittler entstand dadurch ein Muster.
Shawcross bewegte sich immer wieder in denselben Vierteln. Viele spĂ€tere Opfer waren dort ebenfalls regelmĂ€Ăig unterwegs gewesen.
Die Rolle der Observation
RĂŒckblickend galt die Ăberwachung Shawcross' als einer der entscheidenden Schritte des gesamten Verfahrens.
Monatelang hatten Beamte sein Verhalten dokumentiert.
Dabei war den Ermittlern aufgefallen, dass Shawcross ungewöhnlich hÀufig durch Gebiete fuhr, die mit den Opfern in Verbindung standen.
Er schien sich fĂŒr dieselben StraĂenzĂŒge zu interessieren.
Er hielt an Orten an, die fĂŒr AuĂenstehende wenig Bedeutung hatten.
Er verbrachte Zeit in abgelegenen Bereichen entlang des Genesee River.
FĂŒr sich genommen waren diese Beobachtungen nicht ausreichend.
In ihrer Gesamtheit ergaben sie jedoch ein Bild, das die Ermittler zunehmend alarmierte.
Einige Beamte berichteten spĂ€ter, sie seien ĂŒberzeugt gewesen, dass Shawcross erneut töten wĂŒrde, falls er nicht gestoppt wĂŒrde.
Diese EinschÀtzung verstÀrkte den Druck auf die Polizei erheblich.
Die forensischen Erkenntnisse
Die kriminaltechnischen Untersuchungen lieferten zusÀtzliche Hinweise.
An mehreren Tatorten fanden Ermittler Spuren, die mit Shawcross in Verbindung gebracht werden konnten.
Damals befand sich die moderne DNA-Analyse noch in einer frĂŒhen Entwicklungsphase. Viele Verfahren, die heute selbstverstĂ€ndlich erscheinen, standen den Behörden Ende der 1980er-Jahre nur eingeschrĂ€nkt zur VerfĂŒgung.
Deshalb spielten klassische kriminalistische Methoden eine wichtige Rolle.
Faserspuren, Bodenproben, Zeugenaussagen und die geografische Analyse der Tatorte wurden sorgfÀltig ausgewertet.
Besonders bedeutsam war die Erkenntnis, dass sich die Fundorte der Opfer entlang bestimmter Bewegungsmuster konzentrierten.
Shawcross kannte die Region auĂergewöhnlich gut.
Er wusste, welche StraĂen wenig befahren waren.
Er kannte abgelegene WaldstĂŒcke.
Er kannte Uferbereiche, die selten kontrolliert wurden.
Diese Ortskenntnis erklÀrte, weshalb viele Opfer erst Wochen oder Monate nach ihrem Verschwinden entdeckt worden waren.
Ein TĂ€ter ohne klares Profil
WĂ€hrend die Ermittlungen voranschritten, versuchten Psychologen und Profiler, das Verhalten Shawcross' zu verstehen.
Das erwies sich als schwierig.
Viele Serienmörder zeigen ĂŒber Jahre hinweg ein relativ konsistentes Muster.
Bei Shawcross schien dies weniger eindeutig.
Seine ersten bekannten Opfer waren Kinder gewesen.
Seine spÀteren Opfer waren erwachsene Frauen.
Die Zeitspanne zwischen den Verbrechen betrug mehr als ein Jahrzehnt.
Zudem wirkte Shawcross Ă€uĂerlich unscheinbar.
Nachbarn beschrieben ihn als freundlich.
Bekannte schilderten ihn als höflich.
Einige berichteten sogar, er habe hilfsbereit gewirkt.
Gerade dieser Kontrast faszinierte spÀter viele Kriminalpsychologen.
Wie konnte ein Mann mit einer derart schweren Vorgeschichte nach auĂen so gewöhnlich erscheinen?
Die Medien entdecken den Fall
Noch bevor der Prozess begann, hatte sich der Fall zu einer nationalen Nachricht entwickelt.
Fernsehteams reisten nach Rochester.
Zeitungen veröffentlichten ausfĂŒhrliche Reportagen.
Kriminalexperten diskutierten den Fall in Talkshows.
Besonders groĂes Interesse weckte die Tatsache, dass Shawcross bereits wegen der Tötung zweier Kinder verurteilt worden war.
Viele Menschen stellten dieselbe Frage:
Wie konnte ein Mann mit einer solchen Vergangenheit ĂŒberhaupt wieder freikommen?
Die Berichterstattung konzentrierte sich zunehmend auf die Entscheidungen der BewÀhrungskommission.
Dokumente wurden ĂŒberprĂŒft.
Gutachten wurden analysiert.
FrĂŒhere Prognosen gerieten unter Kritik.
In den Medien entstand das Bild eines Systems, das die Gefahr unterschÀtzt hatte.
Der Beginn des Prozesses
Der Prozess gegen Arthur Shawcross begann 1990.
Schon vor dem ersten Verhandlungstag war klar, dass das Verfahren enorme Aufmerksamkeit erhalten wĂŒrde.
Journalisten fĂŒllten die Zuschauerreihen.
Fernsehsender berichteten tÀglich.
Angehörige der Opfer verfolgten die Verhandlungen mit groĂer Anspannung.
Die Staatsanwaltschaft prÀsentierte Shawcross als einen Serienmörder, der gezielt besonders verletzliche Frauen ausgesucht hatte.
Die Verteidigung wÀhlte eine andere Strategie.
Sie bestritt nicht grundsÀtzlich, dass Shawcross an mehreren Taten beteiligt gewesen war.
Stattdessen versuchte sie, seine geistige Verfassung in den Mittelpunkt zu stellen.
Die zentrale Frage lautete:
War Shawcross schuldfÀhig?
Der Kampf der Gutachter
Die folgenden Wochen entwickelten sich zu einem Duell der SachverstÀndigen.
Psychiater, Psychologen und Neurologen traten vor Gericht auf.
Jede Seite prÀsentierte Experten mit unterschiedlichen EinschÀtzungen.
Einige Gutachter beschrieben Shawcross als schwer gestörten Mann mit erheblichen psychischen Problemen.
Andere kamen zu dem Schluss, dass er sehr genau gewusst habe, was er tat.
Besonders kontrovers waren Diskussionen ĂŒber mögliche HirnschĂ€digungen.
Mehrere Experten verwiesen auf Verletzungen und neurologische AuffÀlligkeiten.
Die Staatsanwaltschaft argumentierte dagegen, dass diese Faktoren seine Taten nicht entschuldigen könnten.
Entscheidend sei, dass Shawcross seine Verbrechen geplant habe.
Er habe Opfer ausgewÀhlt.
Er habe Spuren zu vermeiden versucht.
Er habe seine Taten ĂŒber lĂ€ngere Zeit verborgen.
All dies spreche gegen eine fehlende SchuldfÀhigkeit.
Die Aussagen des Angeklagten
Arthur Shawcross selbst trat wÀhrend des Verfahrens mehrfach in Erscheinung.
Seine Aussagen sorgten fĂŒr Verwunderung.
Teilweise sprach er ruhig und sachlich.
In anderen Momenten wirkte er distanziert.
Gelegentlich Ă€uĂerte er bizarre ErklĂ€rungen fĂŒr sein Verhalten.
Manche Beobachter hatten den Eindruck, Shawcross versuche sich als Opfer seiner Vergangenheit darzustellen.
Andere sahen darin bewusste Manipulation.
Mehrere Journalisten bemerkten spÀter, dass er wÀhrend des Prozesses oft bemerkenswert emotionslos wirkte.
Insbesondere gegenĂŒber den Angehörigen der Opfer zeigte er kaum erkennbare Reaktionen.
Die Angehörigen der Opfer
FĂŒr die Familien der getöteten Frauen war der Prozess eine enorme Belastung.
Viele mussten Details hören, die sie nie erfahren wollten.
Viele hatten jahrelang auf Antworten gewartet.
Einige Angehörige berichteten spÀter, dass sie ihre Töchter, Schwestern oder Freundinnen in der öffentlichen Diskussion oft reduziert sahen.
Die Medien bezeichneten zahlreiche Opfer hauptsÀchlich als Prostituierte.
Familienmitglieder widersprachen diesem Bild.
Sie erinnerten daran, dass hinter jedem Namen ein Mensch gestanden hatte.
Frauen mit Hoffnungen.
Frauen mit Familien.
Frauen mit einer Geschichte.
Dieser Aspekt wurde spÀter zu einem wichtigen Thema der gesellschaftlichen Aufarbeitung.
Das Urteil
Im November 1990 fiel schlieĂlich die Entscheidung.
Die Geschworenen folgten nicht der Argumentation der Verteidigung.
Arthur Shawcross wurde fĂŒr schuldfĂ€hig erklĂ€rt.
Er wurde wegen zahlreicher Morde schuldig gesprochen.
Das Gericht verhĂ€ngte eine Strafe, die sicherstellen sollte, dass er niemals wieder freikommen wĂŒrde.
FĂŒr die Angehörigen bedeutete das Urteil zumindest einen gewissen Abschluss.
Viele erklÀrten spÀter jedoch, wirklichen Frieden habe es nicht gegeben.
Zu groĂ war die Zahl der Opfer.
Zu schwer wogen die Verluste.
Leben hinter Gittern
Nach dem Prozess verbrachte Shawcross den Rest seines Lebens im GefÀngnis.
Dort blieb er eine bekannte Figur.
Immer wieder baten Journalisten um Interviews.
Dokumentarfilmer versuchten, Zugang zu ihm zu erhalten.
Kriminologen analysierten seine Aussagen.
Shawcross sprach hĂ€ufig ĂŒber seine Taten.
Doch viele Experten betrachteten seine Schilderungen mit Vorsicht.
Immer wieder widersprach er frĂŒheren Aussagen.
Immer wieder verÀnderte er Details.
Dadurch blieb unklar, wie viel Wahrheit in seinen spÀteren ErzÀhlungen tatsÀchlich steckte.
Der Tod eines Serienmörders
Am 10. November 2008 starb Arthur Shawcross im Alter von 63 Jahren im GefÀngnis.
Die Todesursache standen mit gesundheitlichen Problemen in Zusammenhang, unter denen er seit lÀngerer Zeit gelitten hatte.
Sein Tod beendete die Möglichkeit weiterer Befragungen.
FĂŒr Historiker und Ermittler blieben deshalb einige Fragen offen.
Warum hatte er nach seiner Entlassung erneut getötet?
Welche Rolle spielten psychische Störungen?
Welche Bedeutung hatten seine Kindheit und seine Kriegserfahrungen tatsÀchlich?
VollstĂ€ndig beantworten lieĂen sich diese Fragen nie.
Die groĂe Debatte nach dem Fall
Der Fall Shawcross beeinflusste weit mehr als nur die Kriminalgeschichte von Rochester.
Er wurde zu einem Beispiel fĂŒr die Schwierigkeiten der GefĂ€hrlichkeitsprognose.
Psychologen können Risiken einschÀtzen.
Doch sie können die Zukunft nicht vorhersagen.
Die Entlassung Shawcross' wurde deshalb hÀufig in Fachkreisen diskutiert.
War sie ein Fehler?
HĂ€tte man die Warnzeichen erkennen mĂŒssen?
Oder handelte es sich um ein Beispiel dafĂŒr, wie schwer menschliches Verhalten vorherzusagen ist?
Bis heute existieren unterschiedliche Antworten.
Die Opfer im Mittelpunkt
Viele moderne True-Crime-Autoren betonen heute einen anderen Aspekt des Falls.
Lange Zeit konzentrierte sich die öffentliche Aufmerksamkeit fast ausschlieĂlich auf Arthur Shawcross.
Sein Gesicht erschien in Zeitungen.
Seine Biografie wurde analysiert.
Seine Aussagen wurden zitiert.
Dabei gerieten die Opfer oft in den Hintergrund.
Inzwischen versuchen Historiker, Journalisten und Dokumentarfilmer bewusst, diesen Fokus zu verÀndern.
Denn die eigentliche Geschichte handelt nicht von einem Serienmörder.
Sie handelt von den Menschen, die durch seine Taten ihr Leben verloren.
Von Familien, die Angehörige verloren.
Von Freunden, die nie Antworten erhielten.
Und von einer Stadt, die lernen musste, mit den Folgen einer der bekanntesten Mordserien der amerikanischen Kriminalgeschichte umzugehen.
Nachwort
Arthur Shawcross gehört zu den berĂŒchtigtsten Serienmördern der Vereinigten Staaten. Sein Fall vereint viele Themen, die bis heute Kriminologen, Psychologen und Juristen beschĂ€ftigen: die Grenzen psychiatrischer Gutachten, die Frage nach Resozialisierung, die Gefahren fehlerhafter Risikoprognosen und die Verantwortung staatlicher Institutionen gegenĂŒber der Ăffentlichkeit.
Die Geschichte des sogenannten âGenesee River Killerâ endete nicht mit seiner Festnahme im Januar 1990. Sie wirkt bis heute nach â in FachbĂŒchern, Dokumentationen, Gerichtsanalysen und den Erinnerungen jener Menschen, deren Leben durch seine Taten fĂŒr immer verĂ€ndert wurde. Seine Verbrechen wurden aufgeklĂ€rt. Die Fragen, die sie aufwarfen, sind geblieben.