Matthäus 27,46 ist einer der tiefsten, rätselhaftesten Sätze der Evangelien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Tradition und Reformatoren lasen ihn als Ausdruck des stellvertretenden Leidens und als Erfüllung von Psalm 22. Diese Folge legt den historischen Hintergrund frei: Textvarianten, Psalmkontext, Patristik und reformatorische Deutungen. Anhand dieser Grundlagen bereiten wir den Boden für eine ungewöhnliche Lesart vor — jene von Fausto Sozzini — die behauptet, Jesus habe hier nicht den einen Gott angerufen, sondern einen anderen. Der historische Rahmen zeigt, warum diese Behauptung so provokant war und welche theologischen Voraussetzungen sie herausforderte.