Schon seit dem 1. August 2013 besteht der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuungsangebote für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Das ist eine von vielen Herausforderungen in der Kommunalpolitik.
Die kennt Michael Salomo (SPD) gut. Er war im Alter von 25 Jahren Deutschlands jüngster hauptamtlicher Bürgermeister. Von 2014 bis 2021 bekleidete er dieses Amt in der baden-württembergischen Gemeinde Haßmersheim im Neckar-Odenwald-Kreis. Jetzt ist er Oberbürgermeister von Heidenheim an der Brenz. Der 36-Jährige ist Mitinitiator und Bundesvorsitzender des "Netzwerks Junger Bürgermeister*innen", dessen Jahreskonferenz am Mittwoch und Donnerstag in Berlin stattfindet.
SWR Aktuell-Moderator Jonathan Hadem hat mit Michael Salomo gesprochen.
SWR Aktuell: Was machen junge Bürgermeisterinnen und Bürgermeister anders als ältere, die bald in Rente gehen?
Michael Salomo: Der größte Unterschied zwischen erfahrenen und jüngeren Kollegen ist, dass man anders priorisiert. Themen wie Digitalisierung oder Nachwuchs werden anders behandelt. Ein Beispiel ist, dass 2030 insgesamt 1,1 Millionen Fachkräfte im öffentlichen Dienst fehlen werden. Da müssen Kollegen, die jetzt nachkommen, mit einem ganz anderen Druck umgehen als Kollegen, die in zwei Jahren in den Ruhestand gehen.
SWR Aktuell: Sie sind als Bürgermeister das letzte Glied in der Reihe hinter Bund, Ländern und Kreisen. Das ist häufig wahrscheinlich eine undankbare Arbeit. Was hat Sie motiviert, in die Kommunalpolitik zu gehen?
Salomo: Oberbürgermeister zu sein, ist einer der schönsten Jobs, weil man direkt am Menschen dran ist und die Projekte entstehen sieht. Wenn man auf Bundesebene unterwegs ist, sind das oft sehr abstrakte Regelungen - zum Beispiel: Wir bauen 2.000 Windräder in Deutschland. Aber wenn man über einen Beteiligungsprozess vor Ort die Planung macht und das Windrad dann baut, ist es greifbar. Das ist aus meiner Sicht das Schönere. Ich kenne beide Ebenen. Deswegen möchte ich das Amt des Oberbürgermeisters nicht missen.
SWR Aktuell: Das "Netzwerk Junge Bürgermeister*innen" hat letztes Jahr eine Befragung veröffentlicht. Fast vier von fünf Befragten haben geantwortet, an oder über der Belastungsgrenze zu arbeiten. Was macht diesen Job so anstrengend?
Salomo: Das sind einfach die vielen Themen. Man darf eins nicht vergessen: Die Stadt kommt in jeder Lebensphase mit den Bürgerinnen und Bürger in Kontakt. Das fängt im Standesamt an. Das betrifft Kitas, Schulen, Straßen, Krankenhäuser - also die komplette Infrastruktur. Und wenn man jetzt sieht, wie alt unsere Bundesrepublik geworden ist, kann man sich vorstellen, dass einiges an Sanierungen ansteht.
Mit immer knapper werdenden Mitteln und fehlenden Fachkräften, die ich vorhin schon erwähnt habe, ist es eine gewisse Herausforderung, das alles zu bewältigen. Man darf auch nicht vergessen: Sowohl die Industrie als auch der Anspruch der Bevölkerung verändern sich. Das heißt: Wir arbeiten nicht nur an der Sanierung, sondern auch an der weiteren Optimierung unserer Gemeinden. Das ist schon sehr vielseitig.
SWR Aktuell: Es ist immer wieder so, dass Kommunalpolitiker und -politikerinnen Ziel von Hass, Hetze und teilweise auch von Gewalt werden. Mussten Sie das auch schon erleben?
Salomo: Es gab in der ersten Flüchtlingsherausforderung (Grenzöffnung durch die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommer 2015, Anm.d.Red.) die Situation, dass Bürgerinnen und Bürger in Haßmersheim ihren Unmut ausgedrückt haben, dass wir über 200 schwarzafrikanische Menschen zu uns in den Ort bekommen haben.
Da wurde das Auto zerkratzt oder es sind nicht so nette Nachrichten bei mir im Briefkasten gelandet. Aber wenn wir über das Netzwerk abfragen, sind auch gravierendere Fälle vorgekommen. Zum Beispiel: tote Schweineköpfe vor der Tür oder ein im Garten betonierter Galgen. Das sind Dinge, wo man den demokratischen Boden schon weit verlassen hat.
SWR Aktuell: Spüren Sie manchmal irgendeine Form von Dankbarkeit in Ihrem Job?
Salomo: Auf jeden Fall. Ich würde sogar sagen, häufiger als die Angriffe. Denn die Menschen merken, wie wichtig es ist, dass die Kommune funktioniert. Das ist auch das tolle beim Netzwerk junger Bürgermeister: Wenn wir in Berlin unterwegs sind, wird unter anderem der Kanzleramtsminister zu Besuch sein oder auch die Staatssekretärin aus dem Bundespräsidialamt. Es ist wichtig, dass wir berichten können, wie es vor Ort läuft.
Was eine große Herausforderung ist, das sind natürlich die Kosten. Bund und Länder haben immer mehr Gesetze erlassen, die wir als Kommune umsetzen müssen und die uns viel Geld kosten. Im Grundgesetz steht in Artikel 104a das Konnexitätsprinzip. Das heißt: Wer bestellt, bezahlt. Das fängt bei den Kitas an. Wenn man Ganztageskindergärten per Gesetz verordnet, müsste der Bund die Kosten dafür übernehmen. Es würde einiges an Spannungen aus unseren kommunalen Haushalten herausnehmen, wenn Bund und Länder endlich ihre Verantwortung übernehmen würden.
SWR Aktuell: Was müssen junge Menschen mitbringen, um in einem Amt in der Kommunalpolitik zu bestehen?
Salomo: Viel Resilienz und gutes Zuhören. Dazu kommt Durchhaltevermögen, weil sie Projekte begleiten müssen, bis sie fertig sind. Denn es ist oft so, dass der Bürger in der Planungs- und Ausschreibungszeit nicht viel sieht. Resultate gibt es erst, wenn das Projekt eröffnet ist, und dann ist die Freude natürlich umso größer.