Abdul B. sei dahingehend aufgeschlossen gewesen, dass er pünktlich zu den Terminen gekommen sei, sagt Thomas Mücke, Mitgründer dieses Projekts, in SWR Aktuell: "Allerdings wirkte er in seinen Aussagen sehr kontrolliert. Er war für uns nicht fassbar gewesen." Nach Ansicht des Pädagogen sei deshalb nicht erkennbar gewesen, dass sich hier wirklich eine authentische Arbeitsbeziehung aufbauen lässt.
Man kann nicht in den Kopf einer Person hineinschauen, aber wir merken schon, wenn sich jemand so verhält, dass wir das Gefühl haben, dass wir die Person nicht fassen können - und dann wird es schwierig.
Quelle: Thomas Mücke, Pädagoge und Geschäftsführer des Violence Prevention Network
Wenn Abdul B. sich in einem geplanten dritten Gespräch weiter so verhalten hätte, hätten Mücke und seine Mitarbeiter "ihm offengelegt, dass wir die Anforderung haben, dass er sehr offen darüber redet, wie es zu dem Radikalisierungsprozess kam, und dass er sich offen auf den Prozess einlässt." Abhängig von seiner Reaktion hätte man dann entschieden, ob man mit ihm arbeiten kann oder nicht.
"Was nicht zum Bild des 'wahren Islams' gehört, ist feindlich"
Die Liste der Feindbilder von jungen radikalisierten Menschen, die zum Violence Prevention Network kommen, ist lang, erklärt Mücke. Im Prinzip seien es alle, die nicht zu ihrer Ideologie dazu gehörten. "Das heißt, alle, die jenseits des Bildes des 'wahren Islams' sind, sind aus ihrer Sicht Feinde."
Ein häufiges Feindbild: Schwule und Lesben
Homophobie gibt es auch in der nichtmuslimischen Gesellschaft. Allerdings gibt es nach Meinung von Eren Güvercin von der Alhambra Gesellschaft auch unter Muslimen, die in Deutschland geboren sind und als nicht radikal gelten, "eine latente Abwertung von queerem Leben". Diese sei, wie Güvercin im Deutschlandfunk sagte, in der muslimischen Community in Deutschland sehr weitverbreitet.
Auch bei Thomas Mücke und dem Violence Prevention Network ist Queerfeindlichkeit ein großes Thema und Teil des Deradikalisierungsprogramms. In der Arbeit lasse man junge radikalisierte Menschen sich selbst hinterfragen, warum sie Menschen mit einem anderen Lebensstil feindlich gesinnt gegenüberstehen.
Bis sich am Ende einschätzen lässt, ob eine Deradikalisierung gelungen ist, vergeht viel Zeit. "Es ist ein langjähriger Prozess. Wir haben ganz klare Kriterien." Welche das sind und wie wirksam die Programme seiner Ansicht nach sind, darüber hat Thomas Mücke im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Christian Hauck gesprochen.