SWR Aktuell: Herr Laps, Sturmtief "Elli" war doch nicht so schlimm, viele beklagen Panikmache. Wie ungerecht fühlt man sich da behandelt?
Stefan Laps: Ja, da fühlt man sich schon ein klein wenig ungerecht behandelt. Auf der einen Seite kann man sich natürlich freuen, dass nicht viel passiert ist.
Man muss aber immer differenzieren: Der Deutsche Wetterdienst gibt die offizielle Unwetterwarnung heraus. Er ist dem Bundesministerium für Verkehr und Bildung unterstellt und er hat die staatliche Hoheitsgewalt dazu. Das wird in keiner Weise leichtfertig passieren.
SWR Aktuell: Wie gehen sie bei kritischen Wetterlage vor?
Laps: Da muss man sich immer die Gesamtzutaten des Wetters anschauen: Wir Meteorologen schauen uns natürlich die Wetter-Vorhersage-Modelle sehr genau an. Wir verfügen über langjährige Erfahrungen und tauschen uns natürlich auch untereinander immer sehr, sehr ausgiebig aus, gerade wenn es so prekäre Lagen gibt.
SWR Aktuell: Wie entsteht eine Wetterlage wie beim Sturmtief "Elli"?
Laps: Beim Glatteisregen gibt es Frost, also eine kalte Vorgeschichte. Wir brauchen einen Tiefausläufer mit wärmerer Luft, damit sicher gestellt ist, dass flüssiger Niederschlag, sprich Regen, in diese Frostluft oder auf gefrorene Böden treffen kann.
Und dann muss man schauen: schneit es vorher noch? Dann ist die Glättesituation vielleicht nicht ganz so stark. Ist es sofort der Eisregen, der herunterkommt? Dann entwickelt sich sofort eine spiegelglatte Eisfläche und die ist dann wirklich lebensgefährlich.
Und so kommen dann zahlreiche Informationen zusammen - und die müssen wir dann natürlich einordnen. Wir müssen dann gucken: ist das jetzt wirklich informationswürdig, wie bringen wir das herüber? Vor allen Dingen so, dass es leicht verständlich ist, gleichzeitig wollen aber auch keine Panik schüren.
Keine Bevormundung, sondern Empfehlungen
Wir geben lediglich Handlungsempfehlungen heraus. Das hat auch in keiner Weise etwas mit Bevormundung zu tun - oder so nach dem Motto mit dem erhobenen Zeigefinger: oh, oh, oh, sie müssen jetzt, sie müssen jetzt - sondern es sind wirklich Handlungsempfehlungen und der Rest obliegt dann natürlich der Eigenverantwortung der Menschen.
SWR Aktuell: Es gab viele Vergleiche mit dem Jahrhundertwinter 1978/79. Lässt sich das Wetter überhaupt vergleichen?
Laps: Ja, natürlich, Wetter lässt sich immer vergleichen und das hilft natürlich auch bei der Einordnung eines Ereignisses. Der Winter 1978/79 war speziell im Norden Deutschlands absolut verheerend und seither auch beispiellos und wirklich nie wieder erreicht.
Auch das Sturmtief "Elli" hat ja den Schnee vor allem in den Norden Deutschlands gebracht. Da war der Vergleich ganz gut, da musste man schauen, wie ordnet man das ein? Wann hat es zuletzt solche Schneeverwehungen gegeben? Das war 2010, da gab es das Sturmtief "Daisy".
Das hilft den Menschen auch unheimlich, einzuordnen: Ja okay, wie schlimm ist das Ganze jetzt? Ist das ein Ereignis, was noch nie dagewesen ist, seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Oder eben: Ja, das hatten wir alles schon mal, aber das geht auch deutlich schlimmer.
SWR Aktuell: Mit dem Klimawandel nehmen die Extremwetterereignisse und auch die Warnungen zu. Wie entgeht man der Gefahr, dass die Menschen abstumpfen ?
Laps: Das ist eben genau das Problem durch die Erderwärmung. Die Wetterextreme nehmen in beide Richtungen zu: Zum einen, wenn es um Trockenheit, sprich, Dürre geht - wie im Jahr 2018, dem bisher wirklich heftigsten Dürrejahr.
Das andere Extrem ist, wenn mehr Feuchtigkeit in der Atmosphäre ist, durch wärmere Luft, kann das auch mehr Niederschlag und im Winter teilweise auch deutlich mehr Schnee verursachen.
Also das sind diese beiden Extreme, mit denen wir lernen müssen, umzugehen. Das führt natürlich dazu, dass es auch über die Jahre hinweg mehr Unwetterwarnungen geben kann bei den entsprechenden Ereignissen.
SWR Aktuell: Nach dem medialen Hin und Her über die Unwetter-Warnungen - was würde ihre Arbeit leichter machen?
Laps: Ich würde gar nicht mal sagen, dass meine Arbeit schwierig ist. Es ist ja unsere Aufgabe im öffentlich-rechtlichen Bereich, zu informieren.
Vielleicht würde es das Ganze hinterher einfacher machen, wenn sich Menschen ein kleines bisschen mehr darüber freuen, wenn tatsächlich keine Katastrophen passiert sind und sehen: Okay, ich bin jetzt informiert worden.
Klassisches Präventions- oder Warnparadoxon
Es wird gewarnt, und viele Menschen nehmen das auf und sind vorsichtiger unterwegs, dann passiert auch weniger. Und wenn dann weniger passiert, hat man medial darüber weniger zu berichten und dann wird daraus der falsche Schluss gezogen: War ja alles nicht so schlimm, ist doch nichts passiert. Obwohl natürlich vieles erst durch die Warnungen verhindert worden ist.
Gekürzte Fassung des Interviews von SWR Aktuell Radio. Das ganze Interview können Sie im Audio hören.