Die Lage im Gazastreifen ist weiterhin verheerend. Zwar hungern dort große Teile der Bevölkerung nicht mehr - weil Israel deutlich mehr Nahrungsmittel in das Gebiet lässt als in früheren Zeiten. Aber wer in den letzten Tagen die Bilder gesehen hat von im Regen weggeschwemmten Zelten, von Menschen, die in den Winterstürmen unter Zeltplanen im Schlamm leben, kann keinen Zweifel daran haben: Die Bewohner des Gazastreifens brauchen endlich eine menschenwürdige Zukunft. Und immerhin: US-Präsident Donald Trump hat einen Plan für diese Zukunft. Er sieht, nach der derzeitigen Waffenruhe, eine zweite Phase vor, in der die Terrororganisation Hamas entwaffnet wird, in der sich Israels Truppen, die immer noch über die Hälfte des Gebiets besetzen, weiter zurückziehen, in der eine internationale Truppe für Sicherheit sorgt und: In der eine Regierung für den Gazastreifen mit der Arbeit beginnt, die Lage der Menschen nachhaltig verbessert und der Wiederaufbau des weitgehend zerstörten Küstenstreifens organisiert wird.
Viele Fragen sind dabei noch unklar - dabei hat Donald Trump seinen 20-Punkte Plan schon Anfang Oktober verkündet - und eigentlich wollte er schon Mitte Dezember Phase Zwei ausrufen.
Aber: Es wird immer deutlicher, dass die derzeitige Hängepartie sowohl der Hamas als auch der israelischen Regierung in die Karten spielt - dass beide derzeit kein Interesse haben, am jetzigen Zustand etwas zu ändern.
Zunächst die Terrororganisation Hamas: Sie kontrolliert den Teil des Gazastreifens, in dem rund 2 Millionen Menschen im Elend leben und ist seit der Waffenruhe damit beschäftigt, ihre Kontrolle auszuweiten. Ihre Kämpfer sind auf den Straßen, von Entwaffnung kann keine Rede sein. Die Hamas nutzt diese Wochen, um neue Stärke zu gewinnen und will an der Macht bleiben.
Und auch Israels Regierung hat kein großes Interesse an einer Phase Zwei. Israels Militär greift derzeit immer noch fast jeden Tag Ziele im Gazastreifen an, fast jeden Tag sterben dort Menschen. Durch eine internationale Truppe im Gazastreifen wären Israels Soldaten in ihren Operationsmöglichkeiten deutlich eingeschränkt. Die rechtsextremen Teile der Regierung phantasieren bereits davon, dass Israels Truppen den Gazastreifen nie mehr verlassen werden - die Rede ist auch von neuen, jüdischen Siedlungen in Gaza. An Entwicklungsperspektiven für Palästinenser hat diese Regierung kein Interesse - sie stehen dem messianisch-zionistischen Traum von einem Groß-Israel im Weg.
Für die Menschen im Gazastreifen ist das eine schlechte Nachricht - und am Ende auch für die Perspektive auf Frieden im Nahen Osten. Die Voraussetzung dafür wäre, dass Israels Sicherheit garantiert wird, aber auch dass Palästinenserinnen und Palästinenser eine Zukunft haben. Doch weder Israels Regierung noch die Hamas haben daran ein Interesse. Es geht um Macherhalt und Kontrolle - aber nicht darum, dass Leid der Menschen zu beenden.
Benjamin Netanjahu ist in diesem Jahr nun schon zum fünften Mal zu Gast bei Donald Trump in den USA - so oft war kein Staats- und Regierungschef bei ihm. Man kann nur hoffen, dass der US-Präsident den notwendigen Druck ausübt, damit sich Israels Regierung bewegt - und dass arabische Staaten auf die Hamas einwirken, Macht und Waffen abzugeben. Nur so lässt sich das Leiden in Gaza dauerhaft beenden.