Trixi im Morgenland

Trixi im Morgenland

By Philipp WohlwillEducationArtsKids & Family
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Trixi im Morgenland episodes

  • Trixi im Morgenland Folge 12: Das Ende ist nur der Anfang

     

    Trixi kam wieder zu sich. Ihr ganzer Körper schmerzte, als hätte sie der Blitz getroffen. Ihr Kopf dröhnte und sie hörte ihren Herzschlag in den Ohren sausen. Sie konnte die Augen nicht öffnen. Ein pulsierendes rotes Licht drang durch ihre Lider. Sie spürte aber nichts. Keine Anwesenheit einer besonderen Energie oder ein bevorstehendes Ereignis. Sie spürte auch kein Blühen der eigenen oder einer anderen Seele. Sie musste wissen, woher das Licht kam. Sie öffnete die Augen unter Schmerzen einen Spalt breit und sah, dass das Licht von der Höhlenwand, die sie sehen konnte, reflektiert wurde. Die Lichtquelle musste sich hinter ihr befinden.

    Trixi ignorierte die stechenden Kopfschmerzen so gut es ging und öffnete die Augen weiter. Das Licht erfüllte nicht die ganze Höhle und kehrte statt dessen in regelmäßigen Abständen zurück. Trixi blieb weiter auf dem Boden der Höhle liegen, aber legte ihr Kinn auf die Brust, sodass sie an ihren Beinen entlang hinter sich sehen konnte. Am Höhleneingang standen mehrere kleine Notarztwägen mit eingeschalteten Warnlichtern. In einen der Wägen wurde eben eine Krankenliege geschoben. Trixi meinte, Diotima darauf zu erkennen. An der Ruhe der Rettungskräfte erkannte sie auch, dass Diotima außer Lebensgefahr sein musste. Trixi legte den Kopf wieder in den Nacken und schaute am Höhlenboden entlang nach den anderen. Bei einigen waren die Rettungskräfte bereits angekommen. „Trixiness“ sagte sie mit der letzten Kraft, die ihr zur Verfügung stand, und fiel dann wieder in Ohnmacht. In diesem Moment kam auch bei Trixi ein zweiköpfiges Rettungsteam an und begann mit der Erstversorgung.

    Im Krankenwagen auf dem Weg zum Krankenhaus erwachte Trixi aus ihrer Ohnmacht. Sie hielt den Rettungssanitäter, der neben ihr saß und gerade auf einen Monitor starrte, am Arm fest. Der drehte sich zu ihr und sagte mit einem Lächeln „Hallo Trixi“. „Geht es allen gut?“ fragte Trixi und als der junge Mann mit einem beruhigend und vertrauenswürdig „Keiner schwer verletzt“ antwortete, da fiel Trixi nicht wieder in Ohnmacht, aber sie schlief ein. Sie schlief fast zwei Tage und Nächte durch und wachte immer nur für wenige Minuten auf, um etwas zu essen und zu trinken oder die Toilette zu benutzen. Nach dem ersten Tag bat sie ihre Eltern, die nur einige Stunden Ruhe und einen Vitamincocktail gebraucht hatten, um wieder auf die Beine zu kommen, sie aus dem Krankenhaus zu holen. „Ich will in mein Bett“ bat sie und ihr Wunsch wurde umgehend erfüllt. Am Rande ihres ruhenden Bewusstseins nahm sie wahr, wie sie dabei mithalf, sich in einen Rollstuhl zu setzen. Dann spürte und hörte sie, wie ihr Papa sie die knarrende Treppe Zuhause hoch trug. Die Tür zu ihrem Zimmer schwang auf und es war wundervoll. Trixi bedankte sich bei ihrem Vater wortlos mit einem Kuss auf die Wange. Der verlies das Zimmer. Trixi zog im Halbschlaf ihren Lieblings-Pijama an. Sie fühlte sich wie in Wolken gekleidet. In warme, trockene Wolken, die nach Sicherheit und Mama dufteten. Das Gefühl verstärkte sich noch, als Trixi unter ihre Bettdecke krabbelte und ihren tonnenschweren Kopf auf das Kissen fallen lies. Perfekte Geborgenheit erfüllte ihr Innen und Außen und weil es ohnehin gerade Nacht war, schlief sie sofort wieder ein.

    Am nächsten Morgen wachte Trixi auf und fühlte sich unglaublich gut. Sie öffnete die Augen und schaute aus dem Fenster auf den Baum in ihrem Vorgarten. Dann stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn ihr Bett in dem Baum stehen würde. Sie lächelte bei dem Gedanken. Dann schaute sie neben sich nach oben in das Regal, wo ihre Pokale standen. Sie ließ ihren Blick durch ihr Zimmer streifen. Es sah anders aus, als sei sie auf einer Zeitreise und würde in einem Zimmer aus ihrer eigenen Vergangenheit liegen. Sie liebte alles was sich hier befand, aber nur für die wenigsten Sachen hatte sie noch eine Verwendung. Sie nahm sich vor, zusammen mit ihren Freundinnen und vielleicht mit Sandra, ihr Zimmer neu zu gestalten. Es sollte ein bisschen mehr Gegenwart Einzug halten und ein bisschen Zukunft vielleicht auch, ihre Kindheit würde ja nicht einfach verschwinden, nur weil sie einen neuen Platz für ihre Pokale aussuchte, fand Trixi. Sie überlegte gerade, wo man am besten ein kleine Couchecke einrichten konnte.

    Trixi hörte ihren Magen knurren. Als sie sich mit den Händen auf der Matratze aufstützte, um sich aus dem Liegen in eine sitzende Position zu bringen, durchfuhr ihre linke Hand ein stechender Schmerz, der den Arm hoch bis in die Schultern und den Nacken zog. Trixi sog zischend Luft ein und betrachtete ihre linke Handinnenfläche. Sie musste sich beim Fallen einen Splitter in die Hand gezogen haben. Sie schaute ihre Hand an und runzelte die Stirn. Ein kleiner Stein steckte genau in der Mitte ihrer Hand in der Haut. Um den Stein herum war die Haut leicht gerötet und etwas empfindlich.

    Wie ein Film lief vor ihrem inneren Auge die Befreiung Diotimas noch einmal ab. Es waren noch einige Fragen offen, aber das stand jetzt nicht im Vordergrund. Trixi ging zu dem Moment, in dem sie ohnmächtig geworden war. Das letzte Bild, an das sie sich erinnern konnte, war das ihres verschwindenden Passanten, als sie die Verbindung zwischen Strom und Diotima unterbrochen hatte. Beim Zuschlagen war das Beil, in das sich ihr Passant verwandelt hatte, fast vollkommen von den beiden entstehenden Enden der Verbindung aufgesogen worden. Er hatte all seine Macht verwendet, um Trixis Willen, dieses Band zu durchbrechen, Wirklichkeit werden zu lassen. Trixi wurde traurig und es rannen ihr ein paar warme Tränen über die Wangen. Sie fragte sich, ob sie eigentlich noch ein Reisezimmer besaß und was ohne Passanten wohl aus ihrem Leben werden würde, von dem sie das Gefühl hatte, das es doch jetzt erst richtig anfing.

    Trixi schaute noch einmal traurig in ihre Hand. Sie hielt sie direkt vor ihre Augen und betastete die Haut, die die Verletzung umgab. Es juckte etwas. Dann riss Trixi die Augen auf. Drückte auf den Stein in ihrer Hand und es tat nicht ein bisschen weh, juckte nur leicht. Wie versteinert starrte sie auf ihre eigenen Handinnenfläche. Sie hatte eine Vermutung. Sie legte die Hände in den Schoß und sagte. „Lexi, Musik!“

    Alexia-Phelicia erschien und fragte „Die Hits von Heute?“. Trixis Freude war unbändig. Ihr Passant war nicht verschwunden, er hatte sich in sie vergraben, sich dort in ihrer Handinnenfläche versteckt. Trixi sagte Reflexion und plötzlich hatte sie in der linken Hand das kleine Notizbuch. Sie machte eine Wisch-Geste auf ihrer Hand. Vor ihr erschien der Bildschirm. Sie wählte Lampe aus und ihre Hand begann tatsächlich zu leuchten, sie wischte die Strahlen so, dass ihre Hand zur Taschenlampe wurde. Trixi lachte leise vor Glück. „Bleibt das so?“ fragte sie sich selbst und hoffte gleichzeitig, dass es so bleiben würde. Der Liste an Fragen, die sie ihren Mitstreitern noch stellen wollte, fügte sie diese hinzu.

    Sie stand auf und streifte durch ihr Zimmer. Sie öffnete die Fenster. Einen Zweig des Kirschbaumes konnte sie erreichen, sie berührte kurz eines der Blätter und dachte „guten Morgen“. Ein Windhauch brachte einige Blätter, wie als Antwort zum rascheln.

    Trixi suchte sich dem Wetter entsprechende Kleidung aus dem Schrank und duschte ausführlich. Das warme Wasser war unglaublich angenehm und entspannend. Sie zog sich an und ging die Treppe hinunter. Dort warteten ihre Eltern, die sofort auf sie zuliefen und sie umarmten. „Wir sind sooo stolz auf dich.“ sagten beide unter Tränen. Trixi genoss die Umarmung vielleicht nicht ganz so sehr wie ihre Eltern. Der Tisch war gedeckt mit allem was Trixi gern frühstückte. Kleine Würstchen, Apfelmus, Zimtschnecken, Eier in jeder Form. Mohnbrötchen und Sesambrötchen und eine große Schüssel Obstsalat. Speck, Mett und vier Käsesorten. Die drei setzten sich an den Tisch. Trixi nahm sich eine Zimtschnecke und fragte noch schnell: „Schaut mal, bleibt das so?“ und hielt ihre linke Hand ihren Eltern hin und stopfte mit der rechten die Zimtschnecke ganz in ihren Mund. „Ist das dein Passant?“ fragte ihre Mutter. Trixi hatte den Mund so voll Zimtschnecke, dass sie nur begeistert nicken konnte. Sie rief zum Beweis per Wischgeste kurz den Bildschirm auf. „Wow“ sagte Jule und Torben lachte wie ein kleiner Junge, der gerade zum ersten mal in seinem Leben einen Salto geschafft hat. Trixi lächelte: „Ich hatte schon befürchtet, dass ihr so reagieren würdet“, sagte sie, „Ihr könnt mir wahrscheinlich auch nicht mehr sagen oder?“

    Torben reagierte indem er aufstand und Jule sagte: „Doch, doch. Die Verbindung zwischen Morgenländler und Passant ist immer eine symbiotische. Das Sein des einen hängt untrennbar mit dem des anderen zusammen. Original-Passanten suchen sich immer Träger aus, mit denen sie im Notfall verschmelzen können. Das passiert nicht zum ersten Mal, allerdings ist es echt recht selten.“ In dem Moment kam Torben zurück. Er hielt seinen Passanten in der linken Hand und seine Reflexion in der Rechten. „Dein Ur-Opa war auch mit seinem Passanten auf diese Weise Verbunden.“ erzählte er. Er setzte sich neben Trixi und blätterte in seiner Reflexion. „Hier, schau“, er hielt seiner Tochter sein Reflexionsbuch hin. „Hat das Ur-Opa geschrieben?“ fragte sie. „Ja, ich habe viele der Reflexionen unserer Familie hier drin.“ Torben klopfte zufrieden auf seinen Stein. „Und jetzt gerade freue ich mich sehr über meine leicht besessene Art unsere Familiengeschichte zu dokumentieren.“ Während er das sagt schaute er seine Frau an und die lächelte und schüttelte den Kopf. „Ich kann das nicht lesen“, sagte Trixi enttäuscht. „Das ist diese alte Krakelschrift“. Ihr Papa lachte erst und tippte dann kurz im Menü seines Passanten herum. „Buch bitte“ befahl er und Trixi öffnete ihre eigene Reflexion. Die beiden Bücher nahmen eine Verbindung auf. Nachdem die erlosch, öffnete Trixi sofort ihr Buch und fand darin in wunderbar leserlicher Schrift die Aufzeichnungen ihres Urgroßvaters. Trixi war erleichtert. Es gab ihr etwas Sicherheit zu wissen, mit dieser neuen Herausforderung nicht ganz alleine zu sein.

    „Wie ist das alles passiert?“ wollte Trixi nun endlich von ihren Eltern wissen. Ihre Mama begann zu erklären: „Wir waren schon immer sehr gut mit Travis befreundet. Dein Papa und er waren gemeinsam in der Schule.“ „Nicht nur das“, nahm ihr Papa den Faden auf, „wir waren auch nach der Schule noch beste Freunde. Wir haben zusammen trainiert, waren gemeinsam auf Partys und Travis war auch dabei, als ich deine Mutter kennen lernte. Wir haben gemeinsam mit ihm über die Interpretation seiner neuen Rollen als Balletttänzer gesprochen und wir waren viel mit ihm in der Normwelt. Deine Mama und ich haben jedes seiner Stücke zumindest einmal gesehen. Das Tanzen erfüllte ihn mehr als alles andere, aber es forderte auch alles von ihm. Er war unglaublich ehrgeizig und wollte immer alles. Irgendwann machte er dann kaum noch Pausen zwischen den Stücken und versuchte sogar einmal zwei Stücke gleichzeitig zu tanzen“. Torben schaute Kopf schüttelnd auf den Boden. „Deine Mutter und ich und Rosie haben ihn dann überredet, ab und zu mal mit auf eine Reise in unseren Zimmern zu kommen und auf einer davon lernte er dann Diotima kennen und war sofort total verliebt.“

    „Und dann?“ wollte Trixi wissen. „Und dann spielt auch Rosie noch eine Rolle“, sagte ihre Mutter, „und was genau zwischen Diotima und Travis abgelaufen ist, und wie Aram und Azet geboren wurden, und warum der Passant in deinem Passanten gewesen ist, können wir dir auch nicht ganz genau erklären, aber wir haben etwas vorbereitet.“ Trixi sah ihrer Mutter interessiert in die Augen und bemerkte zum ersten Mal, nicht nur die mütterliche Liebe, die daraus sprach, sondern auch die erfahrene Frau, die aus ihnen in die Welt schaute. „Wir alle wollen dir gerne Rede und Antwort stehen. Wir haben uns alle am Abendsee verabredet, sobald du wieder bei Kräften bist treffen wir uns dort, picknicken und sprechen über alles.“ Trixi nickte schweigend. „Wo ist Azet?“ ihre Mutter lächelte ein Lächeln, das Trixi erröten ließ und eindeutig mehr von der erfahrenen Frau als von der liebenden Mutter kam. „Der kommt dir nicht so leicht wieder abhanden.“ versicherte sie ihrer Tochter. „Der ist jetzt wieder hier. Die genießen gerade alle ihre Familienzeit. Diotima ist noch etwas geschwächt, aber ihre Söhne zeigen ihr und Travis gerade, wie man verantwortungsvoll mit seiner Lebensenergie umgeht und wie man Spaß hat, ohne früh zu sterben.“ Jetzt schüttelte Trixi schweigend den Kopf, lächelte dabei aber. Trixis Eltern packten alle Sachen zusammen und schrieben die nötigen Nachrichten während ihre Tochter sich auf der Couch herumpfletzte und Azet und Aram schrieb.

    „Ich freue mich auf euch am Abendsee.“ schrieb sie beiden gleichzeitig. Nur wenige Sekunden später kamen zwei Nachrichten zurück. Die erste war von Aram: „Du bist die beste, Danke!“ und die zweite kam von Azet, noch während Trixi die erste las und lautete: „Trixineeesss!!“. Direkt danach kam eine Meldung, die Trixi vorher noch nie gesehen hatte. „Du hast ein Foto bekommen“ lautete sie und gab ihr die Möglichkeit, das Foto entweder groß oder klein anzuzeigen, zu speichern oder abzulehnen. Trixi wählte groß anzeigen. Der Bildschirm wurde vor ihr in die Luft projiziert und zeigte ein Foto von Aram, Azet, Travis und Diotima. Als Trixi das Bild sah, wurde ihr ganz flau im Magen. Die vier sahen überglücklich aus. Jule kam ins Zimmer, setzte sich neben ihre Tochter und nahm sie in den Arm. Dann seufzte sie erleichtert und sagte „Das warst du, meine wilde kleine Tochter“ und küsste sie auf die Wange. Torben kam dazu, setzte sich auf Trixis freie Seite und seufzte ebenfalls. Trixi hatte bei beiden Seufzern das Gefühl, dass von ihren Eltern Stück für Stück eine schwere Last abfiel. Sie seufzte ebenfalls glücklich und merkte wie das flaue Gefühl im Magen sich in eine angenehme Wärme verwandelte. Die drei betrachteten das Bild eine Weile. „Ich will eines zurück schicken“ sagte Trixi zu ihren Eltern. Statt das aber einer von beiden etwas sagte, verwandelte sich der Monitor in ein schwarzes Viereck, dessen Mitte silbern reflektierte. Trixi konnte sich darin sehen. „Ähm“, machte sie und sagte dann in fragendem Ton, „größerer Ausschnitt?“. Das Viereck vergrößerte sich und nun spiegelten sich auch ihre Eltern, das Sofa und im Hintergrund die Küche darin. „Auslösen.“ sagte Jule und Torben sagte „Als Antwort versenden“. Das Viereck verschwand und statt dessen tauchte wieder der Bildschirm auf, der immer noch das Bild anzeigte. Als wieder das glückliche Lächeln auf den Gesichtern ihrer Freunde zu sehen war, seufzten alle drei Lichterts gleichzeitig und lachten dann.

    „Diotima sieht besser aus,“ sagte Trixi, „aber auch anders“. „Du hast sie nie gesehen wie sie tatsächlich ist.“ antwortete Torben. „Der Morgenfelsen hat sie nie ganz so abbilden können, wie sie tatsächlich aussah.“ „Sie war nie ganz in dem Stein oder?“ überlegte Trixi. „Ich glaube nicht“ sagte Jule nachdenklich. „Wir glauben, dass in dem Stein ihr Bewusstsein, ihr Sein, ihre Erfahrungen und ihre Überzeugungen gespeichert waren. Man sagt ja, dass es das ist, was einen Menschen ausmacht, aber man sagt auch, die Seele sei, was den Menschen ausmacht. Ich denke, es ist das eine so sehr wie das andere. Die Kombination aus der Welt, dem Bewusstsein und der Seele macht den Menschen aus und wahrscheinlich ist es noch viel mehr.“ Grübelnd saßen die drei da. „Dann war im Passanten ihre Seele?“ fragte Trixi. „Vielleicht,“ antwortete diesmal Torben, „oder noch viel mehr“. „Ich glaube, den einen Platz im großen Ganzen zu finden, der richtig für uns ist, weil er uns glücklich macht, ist nur möglich, wenn alle Teile, aus denen wir bestehen, im Einklang miteinander sind, also in sich selber auch ein großes Ganzes ergeben“.

    Es kam ein neues Foto. „Groß anzeigen“ sagte Trixi und sah ein wunderschönes Foto des Kirschbaumes in ihrem Vorgarten. Sie drehte sich sofort um. Aram, Azet, Travis und Diotimna standen in der Tür und breiteten alle die Arme aus. „Trixiness!“ riefen sie. Trixi sprang über die Lehne der Couch und umarmte als erstes ihren besten Freund. „Danke für meine Mama.“ flüsterte er. Als nächstes holte sich Diotima ihre Umarmung. „Ich verdanke dir mein Leben“ flüsterte sie. Dann kam Travis an die Reihe und hatte ebenfalls etwas zu sagen. „Du hast uns ermöglicht eine Familie zu sein“. Trixi hatte bisher noch erfolgreich gegen die Tränen angekämpft, aber jetzt begannen sie zu fließen. Als letztes kam Azet dran. Der sagte nichts und umarmte Trixi statt dessen und hielt sie fest. Trixi ließ sich vollkommen fallen und eine ganze Steinlawine fiel ihr vom Herzen. Sie fühlte sich leicht und die Umarmung gab ihr Energie. Azet gefunden zu haben, das fühlte sie, war ihre Belohnung bei der ganzen Sache.

    Sie löste sich von Azet, blieb aber neben ihm stehen und als sie den Kopf hob sah sie, dass alle in einem Kreis standen sich schweigend ansahen und weinten. „Rosie fehlt.“ schluchzte Jule. Prompt spürte Trixi eine Hand auf ihrer Schulter „Tue ich nicht.“ sagte Rosie. Trixi wirbelte herum, Rosie schloss sie in die Arme und drückte sie mit aller Kraft, Trixi blieb beinahe die Luft weg. Rosie hob Trixi hoch und schleuderte sie ein Stück durch die Luft, unerwartete Kräfte steckten noch in ihr „Danke, Danke, Danke.“ jubelte sie. Dann tippte sie drei Mal auf ihren Passanten und wischte einmal im Menü und es erklang die fröhliche Musik der Turiseder. Travis, Diotima, Jule und Torben und Rosie brachen in Gelächter aus, begannen wie verrückt zu den schnellen Beats zu tanzen. Die Jugendlichen waren überfordert und zogen sich mit peinlich berührten Gesichtsausdrücken zurück. Sie setzten sich auf den Rasen des Vorgartens, unter den Kirschbaum, lehnten sich an dessen Stamm und begannen Pläne zu schmieden, die Zukunft gehörte ihnen, das spürten alle drei.

    Die Musik wurde erst leiser, hörte aber nicht auf. Dann wurde sie wieder lauter, als die Erwachsenen aus dem Haus kamen. Jeder trug einen Rucksack, die Musik begleitete sie und sie unterhielten sich. Die Jugendlichen standen auf. Azet rief sein Menü auf und machte ebenfalls Musik an. Sie ließen den Erwachsenen den Vortritt und latschten dann mit genügend Abstand und quatschend Richtung Abendsee. Als wäre es nie anders gewesen, nahm Trixi Azets Hand und genoss es, mit ihm Hand in Hand spazieren zu gehen und sonst nichts zu tun und sonst nichts zu denken.

    Die Jugendlichen trafen unterwegs immer wieder Freunde von Aram und Trixi und mussten immer mal wieder ihre Fragen beantworten. Die meisten, die ihnen gestellt wurden, konnten sie aber nicht beantworten und auch auf die Frage, die am häufigsten gestellt wurde, hatten die drei Helden des Morgenlandes kein Antwort. Sie lautete: „Wenn Diotima jetzt frei ist, wie läuft denn dann die Gogkyo-Ki ab?“. Sie wussten es nicht, deshalb gaben sie immer Antworten wie. „Eines ist sicher: sie wird nicht ausfallen“. Trixi wusste, dass es nicht ausschlaggebend war, ob sich jemand aus dem Stein pellte und ob Diotima in der Höhle anwesend war. Schließlich war der Grund der Gogyo-Ki die Veränderung im Menschen und nicht umgekehrt. Es würde also auch ganz ohne Gogyo-Ki gehen, wie in der Normwelt. Das wäre nur viel schwerer und komplizierter, nicht so schön und am Ende könnte auch nie ein Erfolg stehen, denn was nie offiziell angefangen hat, kann auch nie erfolgreich zu Ende gehen. Sie seufzte. „Alles okay?“ fragte Aram. „Ja“, sagte Trixi. „Alles tatsächlich gut.“ Sie lächelte.

    Als das Trio endlich am Abendsee ankam, hatten die Erwachsenen schon alles ausgepackt und angefangen zu essen. Die drei hatten wohl länger gebraucht, als sie gedacht hatten. „Die Zeit.“ dachte Trixi. „Kaum amüsiert man sich, schon vergeht sie wie im Flug.“

    Die Jugendlichen setzten sich zu den Erwachsenen und begannen zu essen. „Erzählt mir bitte alles.“ sagte Trixi zwischen zwei kleinen Frikadellen zu Travis und Diotima. Diotima hatte noch den Mund voll. „Sorry! Ich muss die ganze Zeit essen, ich habe was nachzuholen und alles ist so lecker. Ich finde echt einfach alles superlecker!“

    Die Göttin der Liebe kaute aus, überlegte währenddessen und fing dann an zu erzählen: „Also ich wurde geboren als alle Götter geboren wurden.“ „Vielleicht holst du nicht ganz so weit aus,“ unterbrach Rosie und witzelte, „wir wollen Weihnachten zuhause feiern“. Diotima überlegte noch einmal. „Okay als das Morgenland geboren wurde,“ Trixi hustete in ihre Cola: „Du warst dabei als das Morgenland geboren wurde?“. „Ja, lass mich erzählen. „Das Morgenland wurde geboren durch den Willen zur Existenz. Wir wissen nicht genau, wo der Willen her kam, aber er könnte aus jeder an den Strom angeschlossenen Welt gekommen sein. Also aus jeder Welt. Dieser Willen zur Existenz begann irgendwann sich zu verfestigen und wurde so konkret, dass sich Materie aus dem Strom an ihn heftete. Das äußerte sich zuerst darin, dass in verschiedenen Welten eine Art Wolke gesichtet wurde, die umher waberte und kleine Teile der Welten mit sich nahm. Hier etwas Wasser, dort etwas Erde und natürlich auch winzige Lebewesen. Eine sehr alte Seele, die ihr heute als den aktiven, den sprechenden, den handelnden Teil des Morgenlandes kennt, wurde von diesem Geschehen angezogen. Diese uralte Seele hatte schon fast alles gesehen. Sie hatte als hunderttausende Tiere, als Menschen und als alles, was dazwischen liegt, existiert. Sie hatte die Galaxien bereist. Mal arm, mal reich, mal gejagt und mal als Jäger hatte diese Seele so gut wie jede Erfahrung gemacht, die es zu machen gibt. Deshalb war sie schon seit vielen Jahrtausenden nicht mehr in unsere Existenz der Dinge, der Materie geboren worden. Sie hätte sich schlicht und einfach gelangweilt. Als diese Seele das noch-nicht-sein der Wolke, die aus Willen und Materie bestand, sah, da empfand sie Liebe für dieses ungeborene Leben. Und wie es bei allen Geburten ist, vereinte sich der Willen zur Existenz mit der natürlichen Materie und einer Seele, um in ihrer Verbindung etwas zu werden, das in dieser Realität materiell existiert. Das Morgenland war geboren, wuchs und gedieh, und wurde zu der zauberhaften Welt, die wir heute bewohnen dürfen. Im Prinzip ist das bei euch nichts anderes.“ Sie schaute ihre Söhne an. „Wir sind also Söhne des Stromes?“ fragte Aram. „Nein,“ sagte Diotima, „ihr seid unsere Söhne, denn der Wille zur Existenz kam von euren Seelen und von unseren Seelen und wir alle haben uns für ein gemeinsames Leben entschieden.“

    „Aber ihr seid dennoch nicht geboren wie ich oder Trixi oder eure Freundin Sandra.“ erklärte Travis. „Die Materie aus der eure Babykörper entstanden sind, kam nicht von eurer Mutter, sondern vom Strom. Eure Mutter und ich haben mit all unserem Willen, unserer Energie und der Hilfe unserer Freunde, deren Willen und all der Liebe, die wir alle gemeinsam im Stande waren aufzubringen, euren Seelen lediglich den Weg gewiesen. Das Morgenland war immer an unserer Seite. Es kannte ja eure Mutter seit seiner eigenen Geburt. Erst durch die große Macht des Morgenlandes wurde eure Geburt am Ende ermöglicht. In der Morgenhöhle, diesem besonderen Ort, wo so viele Welten sich überschneiden, habt ihr die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit überschritten und seid geboren worden. Dadurch, dass wir das alle zusammen gemacht haben, wurden allerdings Morgenländler verletzt, denn selbst für das Morgenland war die Anstrengung, bei Azets Geburt zu helfen, fast zu groß geworden. Es konnte sich nur noch um sich selbst kümmern, tagelang.“

    Jetzt schaltete sich Rosie in das Gespräch ein. „Und das konnte es nicht noch einmal zulassen, das konnten wir nicht noch einmal zulassen. Denn das wäre der Untergang unserer Welt gewesen. Hört das Morgenland auf zu existieren, gibt es für die Menschen, die Tiere und die Pflanzen darin keine Chance zu überleben.“ „Das stimmt!“ sagte ein kleiner Kiesel mit Augen und Mund, der auf der Picknickdecke lag, „ich würde gerne noch sehr lange mit allen Tieren und Pflanzen gemeinsam ein funktionierendes Ganzes bilden“. Alle schmunzelten.

    Travis fuhr fort: „ Diotima war weniger unnahbar geworden, dadurch, dass die Götter in der Normwelt ihre Wichtigkeit verloren hatten. Ich hatte damals ein so dermaßen übersteigertes und aufgeplustertes Ego, dass ich fand, die Göttin der Liebe wäre genau die richtige Gefährtin für mich. So haben eure Mutter und ich uns ineinander verliebt. Als wir keine Kinder kriegen konnten, haben wir tagelang, nächtelang und wochenlang gesprochen. Über das Universum, über Sein und Nicht-Sein und über das Noch-Nicht-Sein. Diotima erzählte mir auch von deiner Geburt“. Travis schaute den Kiesel an. „Und dann überlegten wir auch, wer eigentlich die Großeltern eines gemeinsamen Kindes von uns sein würden, und da eure Mutter aus der Liebe geboren war und ihr materielles Sein durch den Willen der Menschen, die Liebe zu sehen, erhalten hatte, sind eure Großeltern mütterlicherseits reine Liebe. Als wir dann mit unseren Freunden und mit dem Morgenland über alles redeten, da entwickelte sich langsam der Plan, den Knotenpunkt des ewigen Fließens in der Morgenhöhle zu nutzen, um ein Kind dort durch den Strom zu gebären.“ „Uns schien das irgendwie logisch, nachdem wir so lange über all diese Dinge gesprochen hatten und schließlich sprachen wir mit einer Göttin. Es konnte jawohl eigentlich nichts schief gehen.“ sagte Jule. „Dachten wir“ ergänzte Torben.

    „Es ging ja auch nicht schief.“ sagte Rosie. „Es wäre nur fast schief gegangen und es hat uns alle so fertig gemacht, dass wir ein ganzes Jahr gebraucht haben bis alles wieder normal schien.“ Sie schaute Travis und Diotima an. „Und ihr wart überfordert, wie es junge Eltern nun mal sind und Azet, du warst einfach so sehr du selbst, so selbstbewusst und selbstbestimmt, dass du Abstand genommen hast, von all dem, was deine Eltern versuchten, dir zu verschweigen. Und dann haben es deine Eltern übertrieben und anstatt sich besser um Azet zu kümmern wollten sie ein zweites Kind.“ Travis und Diotima stand die Scham ins Gesicht geschrieben. „Sie haben Passanten gestohlen, Energien aus der Normwelt genutzt und das Morgenland angebettelt noch eine weitere Geburt zu ermöglichen.“ Nun wurde Trixi klar, woher Rosies Wut auf Travis kam.

    „Aha,“ machte Trixi, „ich habe mich schon immer gefragt, wie die Gerüchte zustande kommen, Travis wäre ein Vampir der Morgenländlern ihre Lebensenergie raubt.“ „Ja“ sagte Travis geknickt. „Ich denke, das wird es wohl sein“.

    Rosie erzählte weiter: „Und bei Arams Geburt hat sich Diotima selbst überschätzt und das Morgenland konnte sie nur retten, indem er sie an den Morgenfelsen und an den Knotenpunkt des ewigen Fließens band. Sonst wäre sie jetzt nicht bei uns.“

    „Was war mit dem Passanten?“ fragte Trixi. „Warum hast du den versteckt?“. „Ich dachte damit den Weltuntergang verhindern zu können“ gestand Rosie mit Tränen in den Augen. „Ich hatte einfach Angst und war panisch. In der Nacht, bevor du das letzte Mal hier warst und deinen Passanten bekommen hast.“ sie schaute Azet an. „Da war ich in der Morgenhöhle und habe den Passanten gemeinsam mit dem Morgenland aus dem Morgenfelsen gebrochen.“ „Autsch!“ machte der Kiesel: „Das hat ganz ordentlich geschmerzt und eine Menge Energie gekostet, damals. Das war die Woche mit den Stromausfällen. Und der Passant war irgendwie gestohlen.“ fuhr das Morgenland fort. „Und ich wollte ihn nicht hier haben. Auch ich hatte Angst, was passieren würde, wenn Aram diesen Passant bekommt. Uns kam nie die Idee, dass dies Diotimas Passant sein könnte und er Diotimas letzter Schritt von der Göttin zur Mutter sein würde, es war quasi Diotimas Gogyo-Ki, ihre energetische Veränderung, ihr Erwachsenwerden, das der Passant auslösen sollte. Das wissen wir nun, nachdem ihr alle uns dazu gezwungen habt, unserer Vergangenheit ins Auge zu sehen.“

    „Das heißt, du sitzt als Mensch hier?“ fragte Trixi Diotima und die lachte und stand auf und begann zu tanzen und rief „Jaaaaaa! Jaaaaa!“, und kam zurück und stopfte sich einen ganzen Muffin in den Mund und schaute ihr Söhne an und sagte noch einmal „Jaaa!“, woraufhin sich der Muffin in den Gesichtern ihrer Söhne verteilte. Eine kleine Essensschlacht später spendierte das Morgenland eine extra heiße Mittagssonne, damit alle in den Morgensee gehen konnten, um sich abzuspülen. Sie planschten und tobten und feierten ausgelassen das Leben.

    Trixi lief zur Picknickdecke, um etwas zu trinken und drehte sich, während sie das Wasser erfrischend ihre Kehle herunter laufen spürte, zum See. Dort sah sie all die Menschen, die sie liebte und es waren welche hinzu gekommen. Trixi fühlte sich erfüllt und ausgeruht und vollkommen ausgeglichen. Sie hatte noch nicht alle Fragen ganz beantwortet bekommen, aber das gröbste hatte sie verstanden und vielleicht sogar noch etwas mehr. Sie würde noch einmal Zeit haben über alles nachzudenken, während sie ihre Reflexion schrieb, jetzt aber wollte sie erst mal nur eines. Spaß haben. Sie rannte auf das Wasser zu, schrie so laut sie konnte „Trixineees“ und aus dem Wasser antworteten ihr viele, viele Morgenländler, nicht nur die, mit denen sie gekommen war: „Trixineeeeess!“

    Nach dem Schwimmen gab es mehr Essen und als es dunkel wurde, zündeten sie ein Feuer an. Da war der Morgenland-Kiesel schon lange verschwunden und auch Diotima und Travis hatten sich schon vor einiger Zeit verabschiedet. Nun standen Trixis Eltern auf, um zu gehen und auch Aram war schon lange mit seinem Passanten beschäftigt und schloss sich den restlichen Erwachsenen an. Nur Trixi und Azet bleiben zurück, fast wie eines der jugendlichen Paare, die Trixi früher so peinlich gefunden hatte, wenn sie zum Sonnenuntergang den Strand bevölkerten.

    „Ich will dir etwas zeigen“ sagte Azet. Die beiden standen auf und Azet nahm Trixi an der Hand. Hand in Hand gingen sie den steilen Abhang zum Sprungfelsen hinauf. Als sie oben angekommen waren, lächelte Trixi und sagte: „Hier komme ich her, seitdem ich sechs bin.“ Azet kannte sich offensichtlich mit dem Morgenland nicht so aus. „Ich weiß“ war allerdings seine Antwort. „Schau mal hoch“. Trixi schaute hoch in die Baumwipfel und sah dort eine Art Minihaus. „Wer zuerst oben ist!“ rief Azet und war bereits dabei den Baum zu erklimmen. Trixi überholte ihn auf halben Weg. Was sie oben sah, überwältigte sie. Aus Ästen und Brettern hatte Azet eine kleine Plattform gebaut. Eine Gaslaterne sendete Licht und auf zwei Futons lagen zwei Schlafsäcke. „Das Morgenland hat geholfen.“ sagte Azet und klang fast ein bisschen schüchtern.

    Trixi und Azet saßen noch lange Hand in Hand auf der Plattform und betrachteten die Sterne. Warm eingemummelt in die Schlafsäcke auf ihren Matratzen sitzend und gegen den Stamm des Baumes gelehnt. Irgendwann sagte Azet zu Trixi „Danke, dass du es beendet hast.“ Trixi antwortete weiter in die Unendlichkeit der Sterne blickend: „Das Ende ist doch auch nur ein Anfang“.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

     

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    39 min
  • Trixi im Morgenland Folge 11: Freiheit für die Liebe

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Die Reise dauerte fast vier Stunden und sie machten nur eine einzige Pause. Als sie am Normtor ankamen, stiegen sie ab und waren alle ziemlich außer Atem, aber kein bisschen Müde. Sie schlichen durch das Normtor und als sie im Morgenland waren, musste sich Azet erst mal setzen. „Hatte fast vergessen, wie sicher es sich hier anfühlt“, seufzte er. Die drei setzten sich und Azet begann eine kurze Meditation, die zum größten Teil aus Atmung bestand. Seine Gesichtszüge wurden erst ganz entspannt, dann huschte ein Lächeln über seine Lippen und dann wurde er ernst, entschlossen. Langsam erhob er sich und Trixi sah die gleiche Spannung zwischen seinen Schulterblättern wie sie sie bereits von Aram kannte. Azet schien zu wachsen. Trixi stand auf und tat es ihm gleich. Gerader Rücken, Brust raus, Füße im Abstand der Schultern, Knie leicht gebeugt. Auch Aram stand auf und machte sich groß. Wie eine kleine Leibgarde der Liebe standen die drei in einem Kreis und schauten sich an.

    „Was ist zu tun?“ wendete Azet sich an Trixi. Die war erst etwas überrascht, aber eigentlich war ihr schon seitdem sie um Azets Geschichte wusste klar, dass sie die zentrale Person in diesem Teil der Historie des Morgenlandes sein musste. Bei ihr liefen alle Fäden zusammen, die Geschichten aller Beteiligten trafen sich bei ihr. „Zur Morgenhöhle“, entschied sie. „Wir müssen eurer Mutter helfen aus dem verdammten Stein heraus zu kommen!“. „Wie ist sie da überhaupt rein gekommen?“ fragte Azet. „Das wissen wir auch nicht genau,“ begann Aram, „sie ist, glaube ich, irgendwie von dem Stein abhängig.“ „Ja,“ ergänzte Trixi, „nach dem, was du uns erzählt hast, glaube ich, Diotimas Leben hängt von der Energie ab, die durch den Felsen fliesst und ich denke die Verbindung hat das Morgenland ermöglicht. Ich vermute außerdem, dass das Ganze etwas mit deiner Geburt zu tun haben muss, Aram.“

    Die beiden Jungs schauten Trixi langsam nickend an. Sie konnte sehen, wie sie über das nachdachten, was sie gesagt hatte. Trixi hoffte, sie hatte keinen von beiden verletzt. Sie wollte auf keinen Fall, dass einer der beiden sich an der Lage ihrer Mutter schuldig fühlte. Gleichzeitig konnte sie sehen, dass sie das nicht taten. Sie dachten wohl an die Rettung ihrer Mutter, denn Trixi konnte die Stärke des ewigen Flusses in ihnen wachsen sehen. Sie sah, wie er machtvoll durch sie hindurch floss. „Der Ursprung des Bruderpaares ist die Liebe,“ dachte Trixi, „und Diotima ist die Liebe und durch die Liebe wird letztendlich alles geboren. Auch ich.“ Sie spürte wie eine unbändige Tatkraft von ihr Besitz ergriff. Durch die Liebe würden sie leben.

    „Gib mir die Kugel.“ forderte sie Azet auf. Der setzte seinen Rucksack ab und händigte ihr die drei Passanten in Form der Kugel aus. „Kommt!“ befahl Trixi. Alle stiegen auf ihre Boards. Trixi trug die Kugel, Aram schleppte seinen großen Bruder hinter sich her. Langsam und leise, über die am wenigsten benötigten Wege, fuhren sie in Richtung Morgenhöhle. Trixis Entschlossenheit wuchs von Meter zu Meter. Sie hatte nun das Gefühl selber zu wachsen, spürte wie die Energie, die sie umgab, an ihr haftete, sie begleitete, sie bestärkte. Sie nahm Tempo auf und wurde immer schneller. Wie ein Schneeball, der einen Abhang hinunter rollt, wurde Trixi immer schneller und immer größer. Die Rufe von Aram und Azet, sie solle warten, nahm sie nur noch am Rande ihres Bewusstseins wahr.

    Dann sah sie vor sich die Morgenhöhle auftauchen. Vor ihrem inneren Auge sah sie ihre Vergangenheit, sah wie alles angefangen hatte, sah sich ohnmächtig auf dem Höhlenboden liegen, einen wirren Traum träumend, der sie unausweichlich wieder hier her zurück geführt hatte. Wie ein Boomerang kehrte Trixi zurück, stark und schnell. Sie raste an den Picknicktischen vorbei, an denen sie noch vor einigen Wochen ihre Gogyo-Ki gefeiert hatte und vor kurzem erst die von Aram. Ihr inneres Auge zeigte ihr, wie sie durch den dunklen Gang der Morgenhöhle Richtung Ausgang gelaufen war. Sie spürte wieder dieses warme Gefühl tiefen Vertrauens in sich, aber diesmal vertraute sie nicht dem Morgenland, sondern sich selbst. Sie würde es schaffen.

    Sie bremste etwas ab, sprang vom Board und rannte so schnell sie ihre Beine trugen auf die Mauer der Morgenhöhle zu. Vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie sie nach ihrer Gogyo-Ki in Richtung Freiheit gelaufen war. Nun kehrte sie zurück und lief in die andere Richtung, diesmal Diotima zu befreien, dem Morgenland zu helfen und die Fehler ihrer Eltern und Rosie zu korrigieren. Der Felsen, hinter dem der Eingang zur Morgenhöhle lag, war nur noch wenige Meter entfernt. Trixi umklammert die Kugel mit beiden Armen und hielt sie sich vor den Bauch. Als sie an dem Felsen angelangt war, streckte sie die linke Schulter nach vorne und warf sich in den Felsblock, der ihr den Weg versperrte. Ein Blitz blendete Trixi, obwohl ihre Augen geschloßen waren und ein lauter Knall ertönte. Trixi war auf der anderen Seite. Die Kugel begann zu glühen, ihr Passant begann zu leuchten. Sie schlich langsam voran, in Richtung ihres Schicksals.

    Aram und Azet sahen noch wie Trixi vom Board sprang, los sprintete und in der Morgenhöhle verschwand. „Du fährst auf keinen Fall gegen die Wand!“ brüllte Azet seinen kleinen Bruder an. „Du glaubst nicht genug daran.“ brüllte Aram zurück. „Ich glaube daran“ kreischte Azet als sie an den Picknicktischen vorbei rasten, „aber sie hatte vier Passanten, wir haben keinen einzigen!“. Aram riss die Augen auf und betätigte die Notbremse an seiner Fernbedienung. Er hatte allerdings nicht bedacht, dass Azet keine hatte. Er sah seinen Bruder an sich vorbei schießen. Es waren nur noch wenige Meter zur Wand. Aram klammerte sich an das Seil und schrie seinem Bruder hinterher: „Das Seil!“. Azet war panisch und wollte das Seil erst loslassen, bemerkte dann aber seinen Fehler und hielt es so fest er konnte. Plötzlich straffte es sich. Aram wurde von seinem Board gerissen und knallte der Länge nach hin. Azet wurde abrupt abgestoppt und landete schmerzhaft auf dem Hintern. Sein Board knallte laut gegen die Wand der Morgenhöhle und zersprang. Eine der Achsen wurde durch die Luft geschleudert und landetet neben Azet im Grass. Die beiden Brüder rollten sich kurz mit schmerzverzerrten Gesichtern auf der Wiese umher. Ihr Stöhnen ging in ein Lachen über. Aram stand auf und ging zu Azet. Die beiden standen vor der Wand, legten ihre Hände darauf und hatten das Gefühl, ein wenig Wärme würde von ihr abgestrahlt. „Mama.“ flüsterte Aram. „Papa!“ sagte Azet mit fester Stimme.

    Die Brüder schauten sich an. Sie hatten keine Passanten, aber sie mussten da rein. Das Morgenland war sicher gerade mit Trixi beschäftigt, konnte ihnen also nicht helfen. Die beiden waren sich aber ohnehin nicht ganz sicher, welche Rolle das Morgenland in dieser Geschichte spielte, und ob es vielleicht sogar versuchen würde Trixi aufzuhalten. „Du Travis, ich Rosie und Trixis Eltern.“ schlug Aram vor. „Sehr gut“, fand Azet, „jetzt müssen sie für ihre Scheiße gerade stehen.“ Azet begann schnell in Richtung Travis Haus zu laufen. Aram fuhr noch einige Meter neben ihm her. „Wir treffen uns wieder hier.“ sagte er noch, dann gab er Vollgas. Azet lief viel in der Normwelt, man brauchte einen fitten Organismus dort. Er legte also noch einen Zahn zu und war nach kurzer Zeit sehr froh, dass er einiges wieder erkannte und so wusste, dass er auf dem richtigen Weg war. Dem Weg nach Hause oder zumindest dort hin, wo sein Vater zuhause war.

    Arams Fahrt war gefährlich, denn er bremste nicht, er wusste, dass Trixi ihn bald brauchen würde und alle anderen würde sie vielleicht auch brauchen.

    Während die Brüder rasten, schlich Trixi. Auch sie war sich nicht mehr ganz sicher, wer auf ihrer Seite stand und wer nicht. Sie war sich eigentlich sogar nicht sicher, ob es überhaupt Seiten gab oder ob alles nur die Folgen eines Unfalles waren, dessen Grund lediglich Selbstüberschätzung und Gier waren. Sie glaubte, dass Diotima von der Liebe, aus der sie als Göttin ihre Kraft zog, mitgerissen worden war. Die Liebe zu einem ungeborenen Kind hatte sie glauben lassen, dass sie als Göttin alles konnte und ihr alles zu stand, was sie sich wünschte. Schon dass sie dazu Travis Hilfe benötigt hatte, hätte ihr zeigen müssen, dass dem nicht so war, fand Trixi.

    Sie merkte plötzlich, wie sehr sie sich damit beschäftigte, was passiert war und was passieren würde. Sie war mit ihren Gedanken viel zu wenig bei dem, was gerade passierte und das forderte eigentlich all ihre Aufmerksamkeit, ihr Wissen, ihren Mut und ihre Disziplin. Trixi konzentrierte sich, blieb stehen und leuchtet mit ihrem Passanten die Wände ab. Sie versuchte sich zu orientieren. Sie konnte sich einfach nicht daran erinnern, wie weit es bis zum Eingang der riesigen Höhle war. Dann kam sie an eine Weggabelung. Der Weg teilte sich in zwei. Sie wusste ganz genau, dass es beim letzten mal nur einen Gang gegeben hatte. Nie hatte jemand von einer Gabelung erzählt, der er auf dem Weg durch den Gang begegnet war. „Ich bin aber auch nicht wegen meiner Gogyo-Ki hier,“ dachte Trixi, „ich bin auch nicht eingeladen“. Sie strahlte mit ihrem Passanten die Gänge herunter um einen Hinweis darauf zu entdecken, wo sie weiter gehen musste. Der eine der beiden Wege beschrieb eine leichte Kurve nach links, der andere nach rechts. Die beiden Gänge sahen identisch aus. Als wäre der eine das Spiegelbild des anderen. Trixi hatte eine Idee. Sie schaltete das Licht an ihrem Passanten aus und starrte in die entstandene Finsternis. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Trixi meinte einen Lichtschein aus dem rechten Gang zu erkennen. Sie wartete noch einen Moment geduldig bis ihre Augen sich noch besser an die Dunkelheit gewöhnt hatten, und verglich die beiden Gänge noch einmal. Der rechte war etwas heller. Trixi traf ihre Entscheidung und folgte dem rechten Gang. Nach einigen duzend Metern öffnete er sich und die Morgenhöhle lag vor ihr. Als Trixi sie betreten wollte, wurde sie aufgehalten. Die Passantenkugel lies sich nicht weiter tragen. Sie blieb schwebend genau in der Mitte des Einganges stehen und rührte sich keinen Millimeter mehr.

    Währen dessen war Aram bei den Lichterts im Vorgarten angekommen. Er brüllte aus vollem Leib und tiefster Seele „Schneeell, Trixi braucht vielleicht Hilfe in der Morgenhöhle!“ bevor er die Tür des Hauses erreicht hatte, standen Jule und Torben bereits vor ihm. „Wir haben Azet gefunden.“ sagte Aram „Wir kommen“ antwortete Trixis Papa, drehte sich um und rannte zur Garage. Während Torben ein Motorrad aus der Garage schob, das Aram noch nie zuvor gesehen hatte, sagte Jule zu Aram: „Du fährst zurück, wir holen Rosie und Travis“. „Azet holt Papa.“ antwortete Aram. „Bis gleich“, sagte Trixis Mama, drehte sich um und lief zu Torben. Der hatte bereits hinten auf dem Motorrad Platz genommen, einen Helm aufgesetzt und hielt seiner Frau einen weiteren hin. Aram schaute nicht weiter zu, drehte sich um, sprang auf sein Board und machte sich auf den Rückweg. Der Hinweg hatte länger gedauert als erwartete. Das Morgenland hatte nicht eine Abkürzung spendiert und Aram war nichts anderes übrig geblieben, als über zwei rote Ampeln zu fahren. Der Rückweg würde also auch eine kleine Weile in Anspruch nehmen. Trixis Eltern schienen das zu ahnen, sonst hätten sie wohl kaum ein Motorrad als Fahrzeug gewählt. Aram hörte den Motor aufheulen und dann wurde das laute Motorengeräusch schnell leiser.

    Azets Lungen brannten, seine Muskeln schrien nach Sauerstoff und waren kaum noch leistungsfähig. Purer Willen trieb ihn weiter voran. Dann sah er sein Elternhaus und die Erinnerung brachte ihm die zweite Luft. Er stürmte durch den Vorgarten, konnte aber nicht laut rufen, ihm fehlte die Luft. Er versuchte durch zu atmen, taumelte durch die offene Haustür und trat anstatt zu rufen gegen die Treppe. Er erinnerte, dass das im ganzen Haus zu hören war. Travis kam heruntergerast. Als er Azet sah, wurde er noch etwas schneller viel die letzten Stufen der Treppe fast herunter und schloss seinen verloren geglaubten Sohn in die Arme. Er hob ihn hoch und drückte ihn und beide weinten.

    Als Azet sah dass Travis auch weinte, erwiderte er die Umarmung. So sehr er geglaubt hatte, er sei nicht der Sohn von Diotima und Travis, sondern ein Kind des Universums, so sehr merkte er nun, wie er seine Eltern vermisst hatte. Ihren Geruch, ihre Stimmen, ihre Liebe. „Trixi braucht Hilfe in der Morgenhöhle.“ Travis lies seinen Sohn widerwillig los: „Komm mit und erzähl.“ forderte er ihn auf. Sie gingen durch den Garten in die Garage. Alles lag noch so da, wie Trixi und Aram es zurück gelassen hatten. Travis ging in den hinteren Teil und zog von einem Schrank ein Board herunter. „Ich bin schneller, wenn ich laufe.“ keuchte Azet. „Auf dem Hinweg vielleicht,“ entgegnete Travis, „und auch nur wenn dein Board keinen Motor hat“. Er drehte das Board und zeigte seinem älteren Sohn, was sein jüngerer Sohn ihm zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Azet lächelte anerkennend. Travis löste die Fernbedienung vom Board, die darunter mit einem Klettverschluss fest gemacht war. Er startet das Board, der Motor begann zu surren und die Räder drehten sich. Travis gab das Board an Azet. „Fahr zu. Ich hole meinen Passanten und komme hinterher“. Das ließ sich Azet nicht zwei Mal sagen. Er rannte aus der Garage auf die Straße, warf das Board vor sich auf die Straße und raste los.

    Als Rosies Haus in Jules Blickfeld auftauchte, betätigte sie die Hupe des Motorrads und ließ sie erst wieder los als sie Rosies Gesicht in einem der Fenster auftauchen sah. Ihr Kopf verschwand sofort wieder. Die beiden Motorradfahrer wussten, dass sie gleich vor der Tür stehen würde. Und so war es auch. Jule machte eine Vollbremsung und Rosie tauchte mit einem Helm auf dem Kopf in der Tür auf. „Ich kann nicht mehr fahren.“ rief sie den beiden zu. Torben sprang sofort vom Rücksitz und machte Platz für Rosie. Die warf ihm einen Schlüssel zu. Dann kletterte sie auf den Rücksitz zu Jule und die beiden fuhren mit quietschenden Reifen los, während Torben Richtung Rosies Garage sprintete und ein weiteres Geländemotorrad auf die Straße schob. Torben kickte das Bike an, sprang auf und nahm die Verfolgung der beiden Frauen auf.

    Trixi ging ohne die Passantenkugel in Richtung Abendsee, in der Ferne konnte sie den Morgenfelsen glimmen sehen. Sie schlich gebückt weiter bis sie an der Wasserkante stand. Ein Rascheln neben ihr lies sie zusammenzucken. Sie hatte ihren Passanten ausgeschaltet, um nicht aufzufallen. Jetzt strich sie das Licht an ihrem Passanten an und leuchtete in die Richtung, aus der das Rascheln kam. Genau an der Grenze zwischen Land und Wasser, halb an Land, halb im Wasser, begann sich ein kleiner Haufen Steine zu bilden. Trixi ahnte, was passieren würde und so war es auch. Aus Stein und Wasser formte sich eine Gestalt. Das Morgenland gab sich eine Form und stand schließlich vor Trixi. Trixi starrte es einfach an. „Warum bist du wütend, Trixi?“ fragte das Morgenland mit einer sehr ruhigen Stimme. Trixi machte das noch viel wütender. „Wer hat Diotima in den Morgenfelsen gesperrt?“. „Niemand.“ sagte das Morgenland mit fester Stimme. „Und warum ist sie dann da drin? Sie ist die Göttin der Liebe, warum kann so etwas mit der Göttin der Liebe passieren?“ Das Morgenland holte tief Luft, überlegte einen Moment und begann dann zu sprechen.

    „Diotima war als Göttin der Liebe immer erfüllt von der Liebe. Vollkommen in der Liebe und von der Liebe vollkommen umschlossen. Wie in einem wunderschönen Kokon. Der Fluss der Energie war unvergänglich in ihr und deshalb starb sie nicht, konnte ewig wach sein, brauchte nie ruhen und empfand ständig unbändiges Glück. Das lag daran, dass sie Liebe stiftete und die Gefühle der Liebenden mitempfand. Irgendwann aber begann sie sich zu fragen ob es anders wäre, selber zu lieben und ob sie immer nur fremde Liebe erleben würde. Vor allem aber wollte Diotima auch einmal geliebt werden. So begann sie ihren schützenden Kokon, der sie zur Göttin machte, als ihr Gefängnis zu empfinden und sich daraus zu lösen. Aber auch wenn Diotima die Göttin der Liebe war, war sie eben ihr Kind und nicht ihr Gebieter. Die Liebe entsteht zwischen den Menschen, aus Zuneigung und nicht dadurch, dass sie von irgendjemandem geschenkt wird. Auch nicht von der Göttin der Liebe. Das hatte Diotima noch nicht verstanden. In der Folge wurde der Fluss der Energie in ihr weniger und reduzierte sich schließlich auf das Fließen wie es jede Seele durchdringt. Aber sie lebte weiterhin wild und ohne Pausen und dann lernte sie Travis kennen und der liebte sie.“. „Gut, dann hat sie niemand eingesperrt.“ unterbrach Trixi die Erzählung unwirsch. „Warum holt ihr sie nicht raus?“. „Das ist nicht so einfach, Trixi, und ziemlich gefährlich. Wir haben eine enorme Menge Energie und Willen aufbringen müssen, um Diotima zu retten. Deine Eltern haben danach tagelang nur geschlafen und gegessen und Wochen gebraucht bis sie sich wieder ganz normal gefühlt haben. Es gab mehrere verletzte Morgenländler, weil ich nicht schnell genug reagiert habe. Deine Cousine Sandra ist damals vom Baum gefallen und hat sich das Bein gebrochen, weil ich nichts tun konnte“. Trixi merkte, wie die Traurigkeit und die Resignation des Morgenlandes sie ebenfalls ergriff. Sie wehrte sich dagegen. „Ich hole sie da jetzt raus.“ Sie verwandelte sich in das Walross und schwamm los.

    In dem Moment merkte das Morgenland, wie Aram und Azet, Rosie, Jule und Torben sich näherten. Es machte sich Sorgen. Es wollte Jule, Torben und Rosie nicht wieder dieser Belastung aussetzen, sie waren älter geworden, das Morgenland fürchtete, sie könnten bei dem Versuch ihre Freundin aus der Abhängigkeit vom Morgenfelsen zu befreien, Schaden nehmen, der nicht mehr repariert werden konnte.

    Aram gab Vollgas. An der Kreuzung zum Morgenfelsen stieß Azet zu ihm. Die beiden Brüder nickten sich kurz zu ohne langsamer zu werden. Wenig später kamen sie an der Morgenhöhle an, sprangen von ihren Boards und drehten sich um. „Wo ist Papa?“ keuchte Aram. „Der ist unterwegs.“ berichtete Azet schnaufend. „Wusstest du, dass der ein Motorrad hat?“ Aram schaute ihn ungläubig an. „Ne, ich wusste auch nicht, dass Trixis Eltern und Rosie Motorrad fahren.“ „Wir müssen rein.“ sagte Azet und Aram nickte. „Wir haben aber immer noch keine Passanten“ gab er zu bedenken.

    Während die Brüder diskutierten trafen sich die Erwachsenen auf der Schnellstraße Richtung Morgenhöhle, alle wussten, dass sie nur noch eine Minute von der Morgenhöhle entfernt waren aber sie fuhren und fuhren. „Das Morgenland.“ brüllte Rosie „Es will nicht, dass wir ankommen. Wir müssen uns trennen“. Travis bog sofort von der Straße ab und raste querfeldein über die Wiese, die sich gerade neben der Straße befand. Torben bremste scharf, drehte um und machte sich auf den langen Weg zur Morgenhöhle, der derzeit über einen kleinen Berg führte. Auch Jule und Rosie nahmen ein andere Strecke. Sie fuhren in Richtung der Verbindungsstraße zwischen Morgenhöhle und Abendsee. Das Morgenland war währenddessen überfordert. Es versuchte gleichzeitig Trixi zu überreden, zu ihm zurück zu kommen, die Morgenhöhle für Aram und Azet zu verschließen und die Ankunft der Erwachsenen zu verzögern.

    Die Wand der Morgenhöhle begann zu flackern. Die beiden Brüder sahen das, stellten sich sofort davor, sprangen mit dem nächsten Flackern in den Gang, der sie zum Morgensee führte. „Eine Hand an die Wand, die andere vors Gesicht“, sagte Aram und so arbeiteten sie sich langsam durch den dunklen Gang. Es gab keine Weggabelung, sie sahen einfach irgendwann den leichten Schein des Lichtes, das die noch im Höhleneingang schwebende Passantenkugel von sich gab. Sie näherten sich langsam und sahen ein Walross im Morgensee, das immer kleiner wurde. Sie liefen an der Passantenkugel vorbei in Richtung Wasser und riefen „Trixiii, Stooopp, warte!“. Trixi hörte das Rufen nicht wirklich. Auch wenn sie es gehört hätte, sie wäre wohl weiter geschwommen. Aram verwandelte sich in sein Seelentier. Ein Uhu. Er flog los und zog Trixis Aufmerksamkeit auf sich, als sie den Vogel sah, wurde sie stutzig und schaute auf. „Du kommst nicht näher.“ sagte der Uhu zu ihr. „Aram?“ fragte das Walross. „Ja“ bestätigte er. Trixi schaute zurück zum Strand und sah, dass die Passantenkugel neben Azet am Strand schwebte. Azet sprach mit einer Gestalt, die nur das Morgenland sein konnte. Aram und Trixi flogen und schwammen zurück. „Ich will mit meiner Mutter reden!“ sagte Azet gerade. Das Morgenland betrachtete die Kugel, die neben Azet schwebte, dann schaute er Azet in die Augen und sagte: „Du weißt, dass ich dazu unmöglich nein sagen kann“. Azet stand einfach weiter kerzengerade da. Trixi und Aram verwandelten sich zurück und stellten sich neben ihren Mitstreiter. Das Morgenland wandte sich in Richtung See und der Morgenfelsen begann langsam über das Wasser zum Strand zu gleiten.

    Voller Erwartung sahen die drei das grüne Leuchten näher kommen. Als sie Diotima im leuchtenden Felsen erkannten, begann die Passantenkugel zu pulsieren. Es war nicht wie die anderen Male, dass die Veränderung des Steines und das Erscheinen Diotimas nach einander und in einer fliesenden Veränderung passierte. Nur Diotimas Arme ragten aus dem Stein, hatten aber schon fast normale Hautfarbe. Der Stein kam näher und Aram und Azet rannten, schwammen und kletterten zu ihrer Mutter, hielten jeweils eine ihrer Hände und zogen aus Leibeskräften daran. Aus der tiefen Schwärze des hinteren Teils des Morgensees kam ein tiefes Donnergrollen. Ein greller Lichtblitz breitete sich wie in Zeitlupe im Inneren des Berges, in dem sie sich befanden, aus. Eine Art Lichtloch entstand und bekam in kürzester Zeit eine enorme Größe. Trixi fühlte sich plötzlich ganz leicht, beinahe als könnte sie schweben. „Was ist das?“ schrie sie. „Was passiert hier?“. „Ich glaube, das ist der Strom.“ brüllte das Morgenland über den Donner hinweg, so laut, dass es selbst Aram, Azet und die Göttin der Liebe in ihrem Stein hören konnten. Die fünf starrten wie gebannt auf das Loch.

    Ein sehr helles Licht schien ihnen entgegen. Aus den Rändern des Gebildes lösten sich die Silhouetten von Dingen, Pflanzen und Tieren um sofort wieder darin zu verschwinden. Dann flog plötzlich ein Schulbus quer durch die Öffnung und wurde unvermittelt zurück hinein gesogen. Man sah ganze Häuser und Bäume, die plötzlich erschienen, um sich dann wieder mit dem hellen Fluss zu verbinden, in ihm zu verschwinden, Teil von ihm zu werden.

    Jule und Rosie wussten, sie hatten gewonnen, als sie um die letzte Kurve bogen und auf die Morgenhöhle zu rasten. Hinter sich hörten sie bereits ein anderes Motorrad und vor sich meinten sie ebenfalls Motorengeräusche zu hören. Die Morgenhöhle war offen und aus ihrem Inneren drang ein unheimliches und bedrohliches Donnern und Grollen an ihre Ohren. Jule machte eine Vollbremsung, Rosie sprang ab, noch bevor das Motorrad stand, und Jule ließ es einfach los, sodass es noch einige Meter über den Boden schlitterte und schließlich kurz vor dem Eingang zur Morgenhöhle liegen blieb. Die beiden Frauen schauten sich um und sahen Travis auf seiner Maschine querfeldein die Wiese hoch jagen. Er war in wenigen Sekunden bei ihnen. Er bremste und wollte etwas sagen, aber Jule legte ihren Finger auf die Lippen. Alle schwiegen und lauschten. Das Motorengeräusch wurde lauter und nun kam ein anhaltendes Hupen dazu. Aber woher kam das Geräusch? Es war schwer zu orten. Bis sie das Schreien eines durchdrehenden Motorradmotors über sich hörten und sich alle unvermittelt bückten. Torben war über den Berg gefahren und sprang jetzt von oberhalb der Morgenhöhle von einem kleinen Felsvorsprung. In der Luft trat er das Motorrad mit den Füssen von sich und verwandelte sich in den Säbelzahntiger. Elegant und kraftvoll landete er. Er ging der Gruppe voraus in die Morgenhöhle und warf dem Donnergrollen ein nicht weniger imposantes Tigerbrüllen entgegen.

    „Wieso passiert das?“ brüllte Trixi. Das Morgenland wusste nicht sofort eine Antwort. „Der Willen vielleicht.“ murmelte es. Trixi verstand es nicht und trat ihn gegen das Schienbein, um seine Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen. „Ihr Willen“ brüllte das Morgenland jetzt als hätte es die Lösung gefunden. Die drei auf dem Felsen klammerten sich daraufhin noch stärker aneinander.

    Trixi fiel auf, dass ein transparentes orangenes Band von dem Lichtloch, das wohl der Strom war, ausging, kurz über der Wasseroberfläche bis zum Morgenfelsen verlief und dann in den Morgenfelsen eindrang und wie eine Ader durch ihn hindurch wuchs. Diese orangen Adern waren es, die Diotimas Füße hielten. „Das muss die Verbindung sein, die Diotima hält, sie im Leben hält und hier verwurzelt hat. Als Teil des Steins.“ dachte Trixi. „Eure Passanten“ brüllte sie und merkte, dass niemand sie beachtete. Wieder trat sie das Morgenland und schrie „ihre Passanten“. Das Morgenland verstärkte die Forderung mit seiner Stimme und die drei auf dem Morgenfelsen schauten auf. Trixi nahm ihren Passanten und trug ihn in Richtung des Felsens, der inzwischen im seichten Wasser am Ufer lag. Der Passantenball folgte ihr und Trixi schaffte es, ihn so zu positionieren, dass er sich in direkter Nähe zu Aram, Azet und Diotima befand. Der Ball begann eine Verbindung zu seinen Besitzern aufzubauen. Ähnlich wie zwischen dem Reflexionsbuch und dem Passanten. Dann brach der Ball in seine drei Teile auseinander. Einer der Keile positionierte sich über Diotima, der zweite unter ihr, der dritte vor ihrer Körpermitte. Die Spitzen zeigten jeweils vom Körper weg. Energie begann hindurch zu fließen und Diotimas Körper löste sich immer weiter vom Stein, begann zu schweben und war schließlich nur noch durch die orangenen Adern mit ihm verbunden. Die Energie strömte aus dem Himmel durch den Passanten in Diotimas Körpermitte und aus der Erde durch den Passanten in ihre Körpermitte. „Ziehen“ brüllte das Morgenland plötzlich und alle drei zogen und stießen dabei Schreie der Anstrengung aus. Trixi kletterte ebenfalls auf den Stein. Und begann Diotima zu schieben. Es funktionierte. Trixi sah, wie sich das orangene Band weiter aus dem Morgenfelsen löste. Sie konzentriere sich so stark sie konnte und aus ihrem Passanten wurde ebenfalls ein Kegel, der sich hinter Diotima, direkt über der orangenen Verbindung zum Strom, aufstellte. „Drücken!“ brüllte das Morgenland wieder. Trixi verwandelte sich in das Walross und drückte. Es gab ein helles Zischen. Das Morgenland brüllte „Springt!“ und sie sprangen. Diotima war befreit, alle lagen neben dem Morgenfelsen im Morgensee und der Morgenfelsen verschwand wieder in der Tiefe der Höhle.

    Diotima sah ganz normal aus, etwas bleich und dünn vielleicht, aber ohne diesen grauen Schleier. Die Verbindung zum Strom hielt aber immer noch ihre Fersen und sie wurde in Richtung des Loches aus Licht gezogen. Trixi, Azet und Diotima brüllten und zogen und konzertierten sich, aber sie wurden Zentimeter um Zentimeter näher an das Loch heran gezogen.

    Ein ohrenbetäubendes Brüllen zerriss die Luft und ein Säbelzahntiger legte sich mit dem Rücken gegen die Gruppe. Wie eine Mauer aus Muskeln schob sich das Tier zwischen die geliebten Menschen und das Loch. Rosie, Jule und Travis starrten die Szene kurz an. Gleichzeitig holten Rosie und Jule dann ihre Passanten heraus. Travis rannte zu seiner Familie, umarmte alle und begann zu ziehen. Die vier bildeten jetzt einen Kreis und der Kegel, der mal das Turiseder Artefakt gewesen war, verwandelte sich zu einem festen Lichtpunkt. Die Energielinien aus dem Boden und dem Himmel verliefen nun durch Diotima und durch den Lichtball vor ihrer Körpermitte, aber nicht mehr durch den Felsen und auch nicht mehr durch die Passanten. Die Gruppe schaffte es gemeinsam sich auf den Strand zu zu bewegen. Trixi verließ ihre Position und lief um die Gruppe herum zu Jule und Rosie. Jule und Rosie positionierten ihre Passanten neben den Kegeln über und unter Diotima, die die ganze Zeit leicht schwebte. Der Fluss der Energie, der durch Diotima ging, verstärkte sich dadurch und das Band, das sie noch mit dem Strom verband, wurde feiner und verlor Farbe. Alle Passanten allerdings schrumpften recht schnell.

    Trixi trat ein Stück zurück. Ihr Passant schwebte zu ihr, als erwarte er Befehle. Trixi beobachtete für einige Sekunden genau was passierte und als sie sah, dass alle Passanten kleiner wurden, wusste sie, dass sie handeln mussten. Die Energie konnte nicht mehr lange umgeleitet werden, es musste eine eigene Verbindung mit dem großen Ganzen her. „Eine Seelenblüte“ dachte Trixi. Sie ging langsam auf Aram und seine Familie zu und flüsterte jedem leise ins Ohr „Liebe“ und als sie bei Diotima angekommen war und ihr das wichtigste Wort ins Ohr flüsterte, da schoss der Energieball, der mal das Turiseder Artefakt gewesen war, in ihre Körpermitte und Diotima öffnete die Augen und lächelte.

    Trixi konzentrierte sich. Sie dachte an all die Situationen, in denen sie Ruhe und Konzentration gebraucht hatte und aus all diesen Situationen nahm sie die Ruhe und die Sicherheit und holte sie sich in die Gegenwart. In ihrem Geist nahm sie all die Konzentration und baute sie zusammen. Als hätte sie die Fähigkeit alle Fokussierung, die sie in ihrem ganze Leben hergestellt hatte, nun hier noch einmal abzurufen. Geballt, zusammengefasst, multipliziert. Es fühlte sich an als hätte jede Geländejagd, jeder riskante Sprung, jede Schulprüfung und jeder Streit mit ihren Eltern immer nur hier her zu diesem einen Moment geführt. „Trixiness“ flüsterte sie immer wieder leise vor sich hin. Sie fühlte sich als würde sie immer kleiner werden und schweben, bis sie nur noch aus einem kleinen schweren unaufhaltsamen Ball aus Konzentration bestand.

    Dann öffnete sie die Augen und merkte, dass die anderen alle mit eingestimmt hatten und leise vor sich hin „Trixiness“ murmelten. Wie eine Beschwörungsformel. Trixi ging hinter die Gruppe. An die Stelle, an der die Verbindung zu dem Loch unter dem Säbelzahntiger verschwand und in Diotima endete. Trixi holte aus als hätte sie eine mächtige Axt in den Händen und als sie brüllend ihre imaginäre Axt in Richtung des Bandes beschleunigte, schoss ihr Passant ihr in die Hände, bildete eine rot leuchtende Axt und die beiden zerschmetterten gemeinsam Diotimas Fessel. Es knallte und gab einen heftigen Schlag, dann ein Sausen, als würde die gesamte Luft aus der Höhle gezogen und eine halbe Sekunde darauf blies den Morgenländlern eine kurze, heftige Druckwelle um die Ohren, wie bei einer Explosion. Die anderen purzelten auf den Strand und blieben bewusstlos liegen. Trixi fiel auf die Knie und spürte das Wasser des Morgensees. Sie sah die Verbindung, die Diotima mit Erde und Himmel verband. Sie sah das Morgenland im Strand verschwinden, wie eine Sandburg, auf die es regnet. Sie schaute im Wasser auf die Stelle, auf die sie gerade mit voller Wucht ihren Passanten gehämmert hatte. Er war im Moment des Aufpralls verschwunden. Trixi weinte. Dann sah sie neben sich einen grünen Schimmer im Wasser. Ein kleiner Splitter ihres Passanten war noch übrig. Er schwamm im Wasser. Trixi wollte ihn mit der linken Hand aus dem See fischen. Plötzlich schoss der kleine Stein in Trixis linke Handfläche. Während Trixis ganzer Körper ein stechender Schmerz durchfuhr, sah sie, wie der Stein sich in ihrer Handfläche einnistete. Dann fiel auch Trixi in die schwarze Tiefe einer Ohnmacht.

    Auf dem Strand des Morgensees, inmitten der Morgenhöhle, lagen acht bewusstlose Morgenländler. Trixi, Aram, Azet, Diotima, Jule, Rosie, Torben und Travis waren am Leben und zusammen. Es war ein bisschen als würde sich das Universum freuen.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

     

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54

    38 min
  • Trixi im Morgenland Folge 10: Azet

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi wachte früh am Morgen auf und atmete tief. Ihre Decke fühlte sich besonders weich an und ihr Zimmer schien ihr wie ein gemütlich gepolstertes Nest voller Erinnerungen. Sie kuschelte sich einmal mit dem Gesicht ins Kissen und richtete sich danach langsam auf. Als sie die Beine auf den Boden stellte, spürte sie sofort wie ihr Körper zum Boden gezogen wurde. Ihr Füße fanden nicht nur Halt und eine Standfläche, sondern auch die Energie der Erde. Sie spürte ihre Verwurzelung in der Erde, ihre Verbindung mit der Natur. So verlieh ihr die ewig fließende Energie des Lebens große Stabilität. Sie richtete sich auf und während sie sich streckte und ihre Arme zum Himmel hinauf zeigten, spürte sie, wie die Erde sie mit Lebensenergie füllte. Sie floss durch sie hindurch. Von tief unten aus dem Ursprung durch ihre Füße bis in den Kopf und von dort in den Himmel. Aber auch aus dem Himmel spürte sie den Fluss der allumfassenden Energie des Lebens. Sie drang durch ihren Scheitel in den Körper und aus den Füßen heraus zurück in die Tiefe der Erde. Sie spürte wie der Fluss sie reinigte und dafür sorgte, dass alle Teile, aus denen sie bestand, die Arbeit aufnahmen.

    Trixi spürte die Luft in ihre Lungen fließen und wie das Blut angetrieben von ihrem Herzen den Sauerstoff darin in die Muskeln transportierte. Sie spürte den Fluss in ihrem Körper. Auch ihr Magen wurde wach und meldete prompt Durst und Hunger.

    In ihrem eigenen Tempo, in dem Tempo, das ganz alleine ihr entsprach, begann sie den Tag. Es war kein Schneckentempo und keine Blitzgeschwindigkeit, es war Trixi-Tempo, Trixiness-Fluss, ihre eigene Bewegung auf ihrem eigenen Pfad, in ihrer eigenen Welt, mit ihren eigenen Regeln. Sie spürte ihre Seele aus der Mitte ihres Körpers hell scheinen, sie spürte wie die Energien ihrer Umwelt durch ihre eigenes System verarbeitet wurden. Sie spürte das Erwachsenwerden in wirklich jeder Zelle ihres Körpers. Dazu gehörte auch eine ganz neue Art der Liebe. Eine Liebe für die Schöpfung, ganz ohne die Abhängigkeit, die sie manchmal ihren Eltern gegenüber spürte und ohne die Verpflichtung, die sie Aram gegenüber spürte aber irgendwie auch ohne das schlechte Gewissen, das sie manchmal hatte, wenn sie glaubte sich selbst zu lieben sei nicht gut. Es war eine pure Liebe, die sich ganz aus der Gegenwart speiste und in die Zukunft floss.

    Trixi ließ sich und ihre Seele in dieser Liebe treiben während sie den Tee trank, den sie sich eben gekocht hatte. Brennesseltee. Sie liebte den leichten Geschmack von Kräutern und das Aroma einer lebendigen Erde, den die Brennesseln im heißen Wasser entfalteten. Auch der Tee reinigte sie. Ihre Zellen nahmen die frische Flüssigkeit auf und gaben Reste des Wassers und der Energien des Vortages ab.

    Trixi spürte einfach ihrer Existenz nach und atmete tief und bedächtig. Langsam ordnete sich alles in ihr. Sie spürte deutlich, dass das Ende der Reise durch ihren Passantenurlaub bevor stand, sie spürte aber auch, dass es für sie noch einige Prüfungen zu bestehen gab. Wenn dieser Abschnitt enden würde, dann würde schließlich in der gleichen Sekunde ein Neuer beginnen. Sie schaute durch das Küchenfenster auf das Morgenland, das genau wie sie selbst langsam zum Leben erwachte.

    Als sich ihre Gedanken sortiert hatten und sie ihren Durst gelöscht und ihren Hunger gestillt hatte, da sagte sie zu sich selber „Azet“ und wusste, dass dieser Versprecher Diotimas sie zu der Seele führen würde, die ihr fehlte. Sie wusste nicht ganz genau warum, aber die selbstlose Liebe, die sie in sich spürte, verlangte danach sie zu suchen. Trixi war gerne bereit diesem Gefühl nachzugeben.

    Zunächst aber war es an der Zeit mal wieder mit Rosie zu sprechen. Das Gespräch machte ihr keine Angst, dass sie wieder Aufgaben bekommen würde, zu denen sie keine Lust hatte. Sie wusste, dass ihre nächste Aufgabe war, herauszufinden wer, wo oder was Azet war. Auch Rosie würde daran nichts ändern. Noch hatte sie zwar frei, aber sie wollte wissen, was ihre nächste Aufgabe sein würde. Sie hinterließ also ihren Eltern einen Zettel auf dem Küchentisch und machte sich langsam auf den Weg durch das morgendliche Morgenland zu Rosie. Eine Sonne schien bereis aber die Kühle der Nacht lag noch auf den Dingen und der Wind trug sie durch das Morgenland, damit sie der Wärme des Tages platz machte.

    Bei Rosie angekommen trat sie ein und begann sofort damit Kaffee und Tee für die beiden zu kochen. Sie deckte den Tisch im Garten und begrüßte das Eichhörnchen, das dort wohnte, mit ein paar Nüssen, die sie im Schrank beim Zucker gefunden hatte. Sie nahm auch eine Schale voll verschiedener Nüsse und Trockenfrüchten mit in den Garten und stellte sie zu den Getränken auf den Tisch. Mittlerweile fühlte sich Trixi hier Zuhause und merkte, dass einiges, was sie bei Rosie gesehen und gelernt hatte, schon Teil von ihr war. Inzwischen gehörte Rosie für sie zur Familie und sie ahnte, dass das für ihre Eltern wohl schon lange der Fall war.

    Mit kleinen Augen und einem Stirnrunzeln trat Rosie durchs Wohnzimmer in den Garten. „Hallo Trixi.“ sagte sie verschlafen und erfreut, gähnte und streckte sich inmitten der Natur, die sie umgab. Trixi sah Lebensenergie durch Ihre Lehrerin, die Bäume, die Erde, den Himmel, die Luft, die Tiere und alle anderen lebendigen Dinge strömen und spürte große Zufriedenheit.

    „Oh mein Gott“ freute sich Rosie. „Du hast ja Kaffee gemacht.“ Sie umarmte Trixi kurz und setzte sich dann mit einem glücklichen Lächeln an den Tisch. Mit einem fast schon kindlichen Eifer und freuderoten Wangen schenkte sich Rosie einen Kaffee ein, rührte einen Löffel Zucker und einen Schluck Milch hinein und schlürfte den ersten Schluck. Sie seufzte glücklich. Dann stand sie wieder auf und umarmte die überraschte Trixi noch einmal. „Weißt du, wann ich das letzte Mal aufgestanden bin und jemand hatte bereits einen Kaffee für mich gekocht?“ freute sie sich. „Nein,“ gab Trixi zu, „aber das schien ja mal wieder höchste Zeit gewesen zu sein.“ „Was kann ich für dich tun?“ fragte Rosie ihren Besuch. „Nichts“ antwortete Trixi. Rosie nahm das erst mal gerne so hin und widmete sich wieder ihrem Kaffee. Sie saßen im Garten, knabberten Nüsse und Trockenfrüchte und genossen es am leben zu sein, die Wärme der zweiten Sonne, die klare Luft, das Aroma des Kaffee und die Geräusche der Natur genügten ihnen in diesem Moment zum glücklich sein.

    Nachdem Rosie ganz im Tag angekommen war, beobachtete sie Trixi einen Moment, um herauszufinden, was sie hierher geführt hatte. Auch wenn sie gerade nichts von ihr wollte, musste es dennoch einen Grund geben, dass sie so früh am Morgen hierher kam. „Genießt du deine freie Zeit?“ fragte sie ihre Schülerin. Trixi löste sich aus der Betrachtung eines Baumes. „Ja, sehr“ sagte sie. „Ich glaube, ich verstehe langsam, worauf es ankommt in meinem Leben. Ich beginne auch den Sinn meiner Lebensaufgabe zu verstehen und ich weiß Seelenblüte ist der richtige Name für mich. Ich habe gestern mit Aram das Fließen kennen gelernt.“ Trixi drehte sich zu Rosie und schaute ihr in die Augen. „Ich glaube, ich verstehe auch langsam, was der Original in meinem Passanten zu suchen hat.“ Rosie wurde hellhörig und richtete sich in ihrem Stuhl auf. Trixi sah das und ihr war klar, dass Rosie ihr hier nicht mehr würde weiter helfen können, sie verstand nicht mehr als Trixi von dieser ganzen Geschichte. Vielleicht sogar weniger. „Ich glaube, das Fließen ist durch irgendwas ins stocken gekommen. Der Fluss zwischen Morgenland, Strom und all den vielen anderen Welten ist irgendwie gestört oder verlangsamt. Wie, wenn man einen großen Stein in den Bach wirft. Das Wasser wird seinen Weg immer weiter finden, immer weiter fließen, weil es unaufhaltsam ist, aber es fließt anders, langsamer oder weniger bis jemand erkennt, dass der Stein dort stört und ihn entfernt.“ sagte Trixi und beendete den Gedanken. „Ich glaube, ich muss noch einen Stein aus dem Fluss des Morgenlandes holen, bevor meine Gogyo-Ki ganz abgeschlossen ist.“

    Rosie war von dieser Erkenntnis sehr beeindruckt. „Ich glaube es ist Zeit für deine Reflexion“ sagte sie. Trixi schaute sie nur fragend an. „Die Reflexion ist eine Art Tagebuch“ erklärte Rosie während sie sich einen weiteren Kaffee in ihre Tasse goss. „Dabei geht es darum, dass du aufschreibst, was du alles erlebt hast. Nur das, sonst nichts. Keine Lehrer, keine Überprüfung. Deine Reflexion geht nur dich etwas an, sie wird genauso aussehen, wie du es möchtest. Du ganz alleine entscheidest auch wie schnell du damit fertig bist und welche Erlebnisse aus deinem Passsantenurlaub oder von deiner Gogyo-Ki du aufschreiben möchtest. Du sollst dabei lernen, ehrlich zu dir selbst zu sein. Was war wichtig? Wann warst du traurig oder glücklich? Was hat dir gefallen oder Angst gemacht? Das sind Fragen, die du in deiner Reflexion niederschreibst. Du musst nicht alle beantworten und vielleicht ist keine davon wichtig, aber was wichtig ist: Ohne deine Reflexion ist deine Gogyo-Ki nicht abgeschlossen und deine Energie nicht vollkommen umgestellt, dann liegt noch ein Stein in deinem Fluss.“ beendete Rosie indem sie Trixis Vergleich übernahm.

    Eindringlich fügte sie aber hinzu: „Es geht dabei nicht um das Morgenland oder deine Eltern oder die Probleme von jemand anderem, sondern nur um die Steine in deinem Fluss. Diese Reflexion ist eine Übung. Das Buch, das ich dir gleich gebe, ist mit deinem Passanten verbunden. Es ist eine Art Brille, durch die du deine Vergangenheit sehen kannst, indem du deine Worte liest. Es hat aber auch ganz eigene Kräfte. Jedes Mal wenn dein Fluss eine Reflexion benötigt, wenn du noch einmal in dich gehen solltest, um etwas aufzuklären, wird es eine freie Seite hinzufügen. Dein Leben lang kannst du dieses Buch konsultieren, um zu sehen, ob du etwas reflektieren solltest, um deinen Fluss zu heilen. Abgesehen davon darfst du bitte nicht vergessen, dass Steine in einen Fluss gehören, ohne Steine wird das Wasser trüb und fließt ebenfalls nicht mehr so gut.“ Rosie stand auf und ging bedächtigen Schrittes ins Haus.

    Sie kehrte nach einiger Zeit mit einem Buch zurück. Sie hatte sich außerdem ihre Tageskleidung angezogen. Sie setzte sich wieder und legte das Buch vor Trixi auf den Tisch. Es war nicht größer als ihre Handfläche und eine breite Schlaufe aus Leder war daran befestigt. In der Schlaufe befand sich ein kleiner Stift. „Schreib etwas hinein.“ forderte Rosie ihre Schülerin auf. Trixi nahm den Stift aus der Schlaufe und in dem Moment vergrößerte sich das Buch auf die Größe eines normalen Blatt Papier. Trixi schlug das Buch auf und blätterte darin. Es befanden sich lediglich drei leere Seiten darin. „Deine Reflexion beginnt ja erst“ lächelte Rosie als Trixi sie fragend ansah. „Puhh“ machte Trixi. „Ich dachte schon, ich müsste alles auf drei Seiten schreiben. Das hätte nie gepasst.“ „Aktiviere mal deinen Passanten“ bat Rosie ihre Schülerin. Trixi steckte den Stift zurück in die Schlaufe, das Buch verkleinerte sich. Sie nahm den Stein von ihrem Armband. Ihr Passant hing als Anhänger an ihrem Handgelenk. Sie strich am unteren Ende ein mal rund um den Stein. Ihr Passant vergrößerte sich. Das Buch umgab plötzlich ein blau grünliches Licht, das sich Richtung Passant ausbreitete. Der Passant nahm den Lichtkegel auf und es entstand eine Verbindung zwischen den beiden Dingen. „Das Buch und der Passant synchronisieren sich. Du kannst also auch in deinen Passanten etwas schreiben oder tippen und das Buch kopiert sich die neuen Einträge dann automatisch. Das Licht verwandelte sich in ein ganz leichtes lila und der Passant saugte das Buch quasi auf. Trixi strich über ihren Original, sodass das Menü aufgerufen wurde. Unter B erwartete sie den Eintrag Buch, dort war aber nichts neues zu finden. Sie scrollte also weiter nach unten und fand unter R den Eintrag Reflexion. Sie tippte darauf und der Passant spuckte das Buch wieder aus. Trixi schloss das Menü, das Buch verband sich wieder mit dem Passanten. Sie verkleinerte ihn und hängte den Anhänger wieder an ihr Armband. „Was nun?“ fragte sie. Rosie lächelte. „Du hast noch einige Tage frei, dann schreibst du deine Reflexion und dann bist du durch mit deiner Gogyo-Ki.“ Trixi freute sich und umarmte Rosie zum Abschied. Auf dem Weg nach draußen nahm sie ihr Board wieder mit. Sie fühlte sich erleichtert. Rosie schaute ihr nachdenklich hinterher, sie war gespannt, was noch alles passieren würde bis Trixi den Einstieg in die Energie eines erwachsenen Menschen abgeschlossen hatte.

    Trixi stieg auf und rollerte langsam los. Sie war ein kleines bisschen unschlüssig wie sie weiter vorgehen sollte. Eines war sicher, sie würde wieder in die Normwelt gehen und endlich die Seele finden, die sie rief. Sie wusste aber noch nicht genau wie sie das anstellen sollte. Es würde wahrscheinlich länger dauern als einen Tag und sie wollte nicht so viel Zeit damit verschwenden wieder nach Hause zu fahren und am nächsten Tag den ganzen Weg erneut hinter sich bringen zu müssen. Ohne Abkürzung und ohne Hilfe des Morgenlandes. Sie traf ihre Entscheidung, sie konnte nicht alles alleine machen. Sie rief im Menü ihres Passanten die Option Kommunizieren auf und suchte nach dem Eintrag Aram. Sie war sich nicht ganz sicher, wie gut sich Aram inzwischen mit seinem Passanten auskannte. Die beiden hatten sich ja vor einigen Stunden erst getrennt. Es überraschte sie aber nicht besonders, dass sie Aram bereits eine Nachricht schreiben konnte. Sie schrieb: „Hi Aram. Seelensuche in der Normwelt? Habe meine letzte Aufgabe bekommen.“ Auf die Antwort musste sie nicht lange warten: „Sehr gerne. Reflexion? Ich auch! Ich habe eine Überraschung für dich. Komm bei mir vorbei. Ich bin in der Garage.“ Trixi bestätigte noch mit einem einsilbigen „Unterwegs.“ und fuhr los.

    Als sie die Garage betrat, war Aram in seinen Passanten vertieft. Er hatte offensichtlich bereits einen Großteil der Funktionen entdeckt bzw. herausgefunden, wie man sie aufrief. Gerade war er im Internet unterwegs. Das Wort in seinem Suchfeld lautete „Azet“. Als seine Freundin die Garage betrat, unterbrach er seine Suche, stand auf und lenkte Trixis Blick zur Werkbank, die Travis für ihn angeschafft hatte. Darauf befand sich ein altes rotes Tuch, unter dem sich etwas verbarg. „Für dich“ sagte Aram. Trixi trat vor die Werkbank und zog das Tuch mit einem Ruck weg. Darunter befand sich eine kleine silberne Metallbox und zwei neue Achsen für ihr Board. Trixi war begeistert. „Voll Cool. Ein Motor für mein Board! Danke!“ „Gerne. Ist nicht ganz selbstlos. Ich hatte keine Lust dich wieder durch das ganze Normland zu ziehen und ich glaube, wir werden einiges an Strecke machen müssen. Schau dir das mal an.“ Er ging zu seinem Passanten und rief den Monitor wieder auf. Trixi begann sich durch seine Suchergebnisse zu lesen. Sie vertiefte sich sofort total und rief nebenbei auch ihren eigenen Bildschirm auf, um Arams Ergebnisse weiter zu recherchieren. „Reflexion“ sagte sie und Aram wurde hellhörig und blieb an Trixis Board gelehnt kurz hinter Trixi stehen. Ihr Passant gab das kleine Notizbuch frei. Trixi nahm den Stift, das Buch vergrößerte sich und sie legte es unter den beiden Bildschirmen, die sie vor sich in die Luft projizierte, ab. Sie hatte eine erste Adresse gefunden und notierte diese in ihrem Buch. „Hmm,“ machte Aram, „ich denke das ist ein Tagebuch und kein Notizbuch.“ Trixi drehte sich um. „Ist bisher nicht alles, was wir seit der Gogyo-Ki kennen gelernt haben, mehr gewesen als uns gesagt wurde?“. „Stimmt“ überlegte Aram. „Ich baue mal dein Board um.“ verabschiedete er sich in Richtung Werkbank.

    Während Aram werkelte suchte Trixi weiter. Aram hatte schon einiges über Azet heraus gefunden. Es handelte sich um einen Namen aus dem Arabischen, der so viel bedeutete wie der Freie und der Unabhängige. In der Normwelt gab es nur sehr wenige Menschen mit diesem Namen, vor allem in dem Gebiet, das sie mit ihren Boards zu erkunden im Stande waren. Die meisten Azets gab es in arabischen Ländern und in Ländern, in denen die persische Kultur verbreitet war, wie dem Iran. Diese Gegenden aber waren für die beiden unerreichbar. Mit ihren Zimmern hätten sie dort hin reisen können, aber sie konnten die Zimmer nicht entsprechend lenken. Selbst mit Arams Zimmer, das sich so hervorragend kontrollieren ließ, war es nicht möglich ein Ziel zu wählen. Das hätte der Natur des ewigen Fließens einfach zu sehr widersprochen. Das verstand Trixi inzwischen und sie verstand auch, dass das Morgenland da selber nichts gegen machen konnte, es war schließlich selber Teil dieses ewigen Fließens, des großen Ganzen.

    Trixi nahm einen tiefen Seelenzug und verband ihr bewusstes Sein mit ihrem Ursprung. Sie schöpfte Kraft und Ruhe aus der Stille und neue Energie aus dem Fließen. Dann wendete sie sich wieder der aktuellen Aufgabe zu. Sie konnten nicht alle erreichen, sie mussten einfach mit dem anfangen, was möglich war. Aram hatte bereits einen Radius eingezeichnet, den sie mit den Boards erreichen konnten, ohne verspätet zurück zu kehren und die entsprechende Aufmerksamkeit zu erregen.

    „So geht‘s nicht,“ bemerkte Trixi. „Moment,“ erwiderte Aram, schraubte die zweite Achse zu Ende fest und ging dann zu Trixi rüber. „Es gibt im Umkreis drei Azets,“ begann sie und Aram forderte sie mit einem knappen „Ich weiß,“ zum weitersprechen auf. „Wir können mit dem Radius nur einen davon erreichen“, fuhr sie also fort. „Wenn wir den Radius unserer Suche verdoppeln, dann können wir wenigstens die Vier erreichen, bei denen das ohne Auto überhaupt möglich ist. „Klar, aber das heißt, dass wir im Normland übernachten müssen.“ gab Aram zu bedenken. „Ja, aber wer soll uns denn das jetzt verbieten?“ fand Trixi. „Niemand“ lächelte Aram und dachte, dass Trixi manchmal zu vergessen schien, dass sie nicht am Rande des Erwachsenseins standen, sondern am Rande des Erwachsenwerdens. Sie waren einfach keine Kinder mehr aber bis sie Erwachsene waren, würde noch viel Zeit vergehen. „Die Frage ist doch viel mehr, was wir wollen, das unsere Eltern über das, was wir tun, wissen.“ taktierte Trixi weiter. Beide überlegten schweigend, während sie die Monitore anstarrten, auf denen eine Karte des Teils der Normwelt zu sehen war, den sie in zwei Tagen mit ihren Boards erreichen konnten.

    „Ich schlaf bei dir, du schläfst bei mir“ sagte Trixi „Das merken die doch“. Aram schüttelte den Kopf. „Mir egal“ tat Trixi kund. „Die sollen uns einfach mal in Ruhe lassen“. Aram stimmte zu „Du hast recht, aber dann sagen wir einfach, wir zelten und sagen nicht wo. „Stimmt,“ sagte Trixi, „wozu lügen?“. „Wir schreiben gemeinsam an unseren Reflexionen, weil wir so viel zusammen erlebt haben und dabei wollen wir nicht gestört werden.“ Die beiden tippten jeweils kurze Texte in das Kommunikationsfenster ihres Passanten und schickten sie ihren Eltern.

    „Okay, dann machen wir diese drei heute und morgen“. Trixi kreiste drei Adressen ein, die fast wie ein Dreieck auf der Karte verteilt waren. Dann begann sie damit die Adressen in ihr Buch zu übertragen und eine Reihenfolge und Strecke festzulegen. Aram ging zurück zur Werkbank und beendete seine Arbeit an Trixis Board. „Wir essen noch was.“ beschloss er „Ich habe Hunger“. „Ich hole eben meine Sachen.“ beschloss Trixi. Ein Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Dann kann ich gleich Probefahren“. Sie bedankte sich noch einmal mit einer Umarmung, stellte sich auf ihr Board und bekam von ihrem besten Freund die Fernbedienung in die Hand gedrückt. Schon sauste sie los. Aram ging ins Haus, packte einige Sachen zusammen, machte Spiegeleier auf Brot und zum Nachtisch Bananen gefüllt mit Schokolade.

    Trixi düste währenddessen durchs Morgenland und schaffte es nur ganz kurz den Geschwindigkeitsregler voll aufzudrehen. Die Geschwindigkeit war wirklich atemberaubend. Als sie zuhause war, packte sie ihre Sachen, nahm ihr gesamtes Normwelt-Geld mit und legte, bevor sie sich auf den Rückweg zu Aram machte, noch ihre gesamte Sicherheitskleidung an. Sie würden schnell unterwegs sein müssen, um die vielen Kilometer hinter sich zu bringen, die drei Azets voneinander trennten.

    Aram und Trixi aßen schweigend und gingen jeweils für sich die Reise einmal durch. „Wo schlafen wir?“ fragte Trixi, nachdem sie aufgegessen hatten. „Hotel“ sagte Aram und zeigte ihr eine ziemlich beeindruckende Menge Bargeld. „Damit könnte man ganz leicht alles kaufen, was man für eine Woche in der Normwelt braucht“.

    Die beiden machten sich startklar und fuhren los. Durch das Morgenland zum Normtor, zu Fuss durch das Normtor und dann durch die Normwelt in Richtung des ersten Azet. Die Strecke zu fahren kostete sie mehr als drei Stunden und sie mussten drei Pausen machen. Sie machten ihre Pausen immer in kleinen Restaurants oder an anderen Stellen wo sie etwas zu essen und zu trinken kaufen konnten. Sie wollten ihre Zeit nicht noch mit kochen verschwenden oder damit Brote zu schmieren und ganz bestimmt wollten sie auf den schnellen Boards nicht für zwei Tage Proviant transportieren. Das hätte die Reise langsam und gefährlich gemacht.

    Sie kamen an der ersten Adresse an und machten auch hier erst eine kurze Pause, zogen ihre Schutzkleidung aus und beruhigten ihren Herzschlag und ihren Atem bevor sie an der Tür des Wohnhauses klingelten, in dem angeblich ein Azet wohnen sollte.

    Ein älterer Herr mit vollem weißen Haar öffnete ihnen. „Guten Tag“, begrüßte er die beiden. „Wir suchen Azet“ sagte Trixi fast schon fordernd. „Wer seid ihr denn?“ wunderte sich der Mann. „Wir sind Trixi und Aram“ sagte Trixi offen und ehrlich. Die beiden merkten, dass sie sich auf dieses Gespräch nicht hinreichend vorbereitet hatten. Sie konnten ja nicht einfach sagen, dass sie aus dem Morgenland kamen. Sie konnten das eigentlich nur dem Azet sagen, den sie suchten und vielleicht nicht mal dem. Trixi schaute Aram an und Aram schaute den Mann an. „Wir wollen Sie was fragen.“ begann Aram langsam, mehr um Zeit zu schinden, als um etwas zum Ausdruck zu bringen. „Wir haben ein Problem“ fuhr er langsam fort. „Oh“ sagte Azet sofort. „Wo sind den eure Eltern?“. „Verdammt!“ dachte Aram. Trixi sprang ein: „Ein Projekt haben wir, eigentlich haben wir ein Projekt. Kein Problem, wir haben kein ernstes Problem oder so“. Mit einem „Ahhh“ brachte der ältere Herr seine Erleichterung und sein Verständnis zum Ausdruck. „Ein Schulprojekt?“ vermutete er. „Genau“ sagte Aram und auch in seiner Stimme schwang Erleichterung mit. „Na, was kann ich denn für euch tun?“ fragte der Mann und lächelte. Trixi lächelte zurück. „Ehrlich gesagt geht es um ihren Namen“, sie hatte das Gefühl so würde sie so wenig wie möglich lügen. „Ich habe mich doch noch nicht vorgestellt, ich bin Azet“. „Super“ freute sich Aram, das hatten wir gehofft. „Man kann ja in Büchern und im Internet viel lesen aber nachdem wir gesehen haben, dass sie gar nicht so weit weg wohnen,dachten wir, wir kommen einfach mal vorbei und fragen sie, ob sie Lust haben mit uns über ihren Namen zu sprechen.“

    Azet überlegte keine Sekunde. Was folgte, waren zwei lange Stunden, in denen Aram und Trixi kaum zu Wort kamen. Sie erfuhren viel über die Herkunft und die Familie von Azet und über die kulturellen Zusammenhänge, die seinen Namen historisch zu etwas besonderem machten. Das sah jedenfalls Azet so. Er kannte sich richtig gut aus. Zwischendurch fragte er einmal „Wollt ihr eigentlich überhaupt nichts mitschreiben?“ woraufhin Trixi schnell behauptete, sie würde alles mit ihrem Handy aufnehmen. Azet runzelte die Stirn „Ohne mich zu fragen?“. Die beiden selbst ernannten Detektive machten große Augen und sagten wie aus einer Kehle. „Oh nein, das müssen wir vergessen haben.“ Und Aram fügte schuldbewusst hinzu: „Ist das okay? Oder können sie uns sonst vielleicht alles noch mal von vorne erzählen?“ Dazu hatte Azet natürlich auch keine Lust, also nahm er den Jugendlichen das Versprechen ab, weder seinen vollen Namen noch seine Adresse zu benutzen und erzählte dann einfach weiter. Nachdem Azet geendet hatte, war klar, dass er mit dem Morgenland nichts zu tun hatte. Die beiden verabschiedeten sich also höflich.

    Eine einzelne, aber dennoch warm scheinenden Sonne empfing sie und die warme Luft roch nach Freiheit. Sie verabschiedeten sich noch ein mal vom ersten Azet und versicherten ihm, dass er ihnen sehr weiter geholfen hatte und sie ihr Schulprojekt jetzt ganz locker schaffen würden. Sie fuhren los und brauchten gute zehn Minuten, bis sie in einem kleinen Dorf ankamen. Dort suchten sie sich einen Lebensmittelhändler, kauften Wasser und Schokolade, tranken, aßen und legten sich einen Plan für den nächsten Azet zurecht. „Wir müssen lügen“ sagte Aram zu Trixi und nicht weniger zu sich selbst. „Warum?“ fragte Trixi mehr im allgemeinen als Aram. „Weil wir Geheimnisse haben.“ antwortete der trotzdem. „Wer Geheimnisse hat muss lügen, sonst kann er die Geheimnisse nicht hüten. Hier in der Normwelt tragen alle Morgenländler die Bürde dieses Geheimnisses“. Grübelnd legten die beiden ihre Schutzkleidung wieder an. „Dann bleiben wir bei der Geschichte mit dem Schulprojekt.“ beschloss Trixi. „Gerne“ sagte Aram. Nachdenklich fügte er hinzu „Trotzdem hast du Recht. Azet hat sich entschieden hier zu leben. Er hat sich entschieden sein Leben lang zu lügen. Warum entscheidet man sich so?“. Trixi stand auf, kickte ihr Board hoch, lehnte sich darauf, wie sie es immer tat und sagte „Fragen wir ihn“. Aram nickte und stand ebenfalls auf. Die beiden schauten in die Richtung, in die sie fahren mussten, schalteten ihre Motoren ein und düsten los.

    Eine schweigende halbe Stunde später waren sie bereits an der Haustür des zweiten Azets angekommen und klingelten. Ein junges Mädchen öffnete die Tür. „Können wir deinen Papa mal sprechen?“ fragte Trixi. „Der ist arbeiten.“ sagte die Kleine und wollte die Tür bereits schließen. „Heißt dein Papa Azet?“ fragte Trixi noch schnell. „Nein!“ sagte sie und öffnete die Tür trotzdem wieder etwas mehr. Im Hintergrund kam ihre Mutter durch den Flur auf die drei zu. „Hallo.“ sagte sie freundlich „Was können wir denn für euch tun? Müsstet ihr nicht in der Schule sein?“. „Wir machen gerade ein Schulprojekt.“ sagte Trixi schnell und das beruhigte die erwachsene Frau genauso wie es den ersten Azet beruhigt hatte. Trixi merkte sich das. Schulprojekt schien ein Prima Grund für schulpflichtige Kinder zu sein, sich während der Schulzeit auf der Straße aufzuhalten. „Heißt ihr Mann Azet?“ fragte Trixi. Auf das Stirnrunzeln der Frau hin erklärte sie: „Wir machen ein Schulprojekt zum Namen Azet. Seine Bedeutung und Herkunft und so. Ja und ähhh,“ hilfesuchend schaute sie Aram an. Der sagte wieder seinen Satz auf, das man im Internet ja viel lesen könne und so weiter. Die Frau schien das zu verstehen, unterbrach ihn aber irgendwann. „Alles klar, ich verstehe, aber leider seit ihr hier an der falschen Adresse.“ Trixi und Aram wussten wieder nicht genau, was sie machen sollten und es entstand ein kurzes Schweigen. „Ich weiß nicht genau, ob ich euch das überhaupt erzählen darf.“ fing die Frau dann langsam wieder an. „Es gibt ja eine Privatsphäre und ich kann die betreffende Person ja nicht fragen, aber hier hat mal ein Azet gewohnt.“ Trixi und Aram waren ganz Ohr. „Können sie uns bitte sagen wo der hin ist?“ bettelte Trixi, machte ihre besten Hundeaugen und fügte hinzu „Für das Schulprojekt“. Aram fiel es sehr schwer ein Grinsen zu unterdrücken. „Okay“ brummte die Frau. „Ich wundere mich aber ohnehin, dass ihr seine Adresse nicht gefunden habt. Ich glaube, er hat in der nächsten Stadt ein Yogastudie auf gemacht. Wir haben ihn nie kennen gelernt, aber das Studio heißt: Die drei Sonnen.“ Trixi schlug das Herz bis in den Hals und Aram rutschte seines in die Hose. „Sie bedankten sich höflich und verabschiedeten sich.“

    Schon nach wenigen Metern flüsterte Trixi „Die drei Sonnen. Das kann kein Zufall sein.“ Aram war kreidebleich und nickte nur. Trixi hingegen glühte. „Was ist los?“ fragte sie Aram. „Ich hab Angst“, gab der zu, „ich weiß nicht was passiert. Was finden wir jetzt wieder raus?“ hilfesuchend blickte er in Trixis Augen. „Schließ die Augen.“ sagte Trixi. Dann atmete sie tief ein und aus und machte das so lange, bis Aram ganz von alleine ihrem Beispiel folgte. Die beiden atmeten gemeinsam, dann sagte Trixi: „Denk an das Gefühl, das du auf Naturia hattest.“ flüsterte sie. „Denke an das Gefühl der Verbundenheit, daran, dass du für dich selbst entscheidest, dass niemand dich zwingen kann und du dennoch immer einen Platz hast.“ Eine kurze Atempause, dann flüsterte sie weiter „Fühle dich in deinem Ursprung, sei ganz du und spüre die Verbindung, die du für dich ganz alleine mit dem großen Ganzen hast.“

    Arams Gesichtsfarbe kehrte zurück und Trixis normalisierte sich. Sie stiegen auf und fuhren los. Endlich ihrem Ziel entgegen. Endlich den Antworten entgegen. Endlich in die Zukunft.

    Als sie in der kleinen Stadt ankamen, senkte sich bereits die einzelne Sonne des Normlandes in Richtung Horizont und es wurde dunkel. Seit einiger Zeit trieben die beiden Suchenden ihre Boards wieder mit den Füßen an. Es handelte sich zwar nur um eine kleine Stadt, der Verkehr, der hier herrschte, war für die beiden Morgenländler trotzdem ein bisschen viel. Sie kamen durch einen Park und Aram bat Trixi „Lass uns hier noch einmal kurz Pause machen.“ die beiden setzten sich und betrachteten wie eine rote Sonne hinter den Häusern der Stadt verschwand und der Mond begann sich vom dunkler werdenden Himmel abzusetzen. Sie unterhielten sich kurz darüber, was sie sagen wollten, blieben bei der Geschichte mit dem Schulprojekt und nachdem Aram noch ein zwei mal beruhigend durchgeatmet hatte, gab er Trixis Drängen nach und die beiden machten sich auf die letzten paar Meter in Richtung ihres Schicksals. Sie waren beide sicher, dass sie nun die Person treffen würden, die Trixi in ihrem Traum gesehen hatte.

    Als sie an der Adresse ankamen, sahen sie einen großen Bungalow. Drinnen brannte Licht, aber einige leichte Gardinen versperrten den Blick ins Innere. Trixi und Aram gingen zu einer Tür. Darauf war ein Bild zu sehen. Drei Sonnen die sich überschnitten. Darum herum war in einem Kreis geschrieben „Yogastudio drei Sonnen“. Die beiden traten ein. Der kleine Raum wurde von einem Empfangstisch in zwei Hälften geteilt. Eine junge Frau saß im hinteren Teil des Raumes an einem Schreibtisch, und drehte sich nicht von ihrem Computerbildschirm zu den beiden um, als sie sie hereinkommen hörte.

    „Hallo“ sagte Aram. Trixi konnte nichts sagen, sie hatte einen Kloß im Hals. Aram machte also weiter. „Wir suchen den Besitzer, Azet.“ Die junge Frau hinter der Theke lächelte. „Oha, da hat wohl einer ziemlich übertrieben.“ Sie drehte sich um und als sie Aram sah, blieb ihr der nächste Satz im Hals stecken. „Einen Moment.“ brachte sie noch raus, nahm ihr Handy, tippte kurz darauf herum und bat die beiden dann sich zu setzen.

    Diesen Moment, in dem Trixi dort saß und wartete, würde sie ihr ganzes Leben lang nicht vergessen, es war das gespannteste Warten, das sie jemals hatte durchleben müssen. Als Azet dann auftauchte war alles klar und gleichzeitig gar nichts. „Ich glaube, du hast hier einiges zu erklären.“ sagte die Frau, die bestimmt acht oder zehn Jahre älter war als Azet. Azet konnte nicht älter als 14 sein vielleicht fünfzehn. Er sah Aram so ähnlich wie ein älterer Bruder. Er konnte unmöglich der Besitzer sein.

    Als Azet seinen kleinen Bruder sah, schluckte er kurz und sagte: „Sie haben es wirklich getan“, dann lief er auf Aram zu und umarmte ihn. Trixi und die junge Frau, die inzwischen um den Tresen herum gekommen war, standen daneben und betrachteten die beiden. Als die Umarmung nicht aufhören wollte, ging die junge Frau zu Trixi. „Hallo, ich bin Kori.“ Trixi musste sich von dem Anblick erst losreißen. Während sie sich Kori vorstellte, realisierte sie, dass es sich nicht um einen Traum handelte. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Da war die Seele, die sie gerufen hatte. Er stand direkt vor ihr und es war Arams Bruder. Ihre Gedanken rasten, von Diotima zu Travis, zu Rosie. Alles was passiert war fügte sich langsam zusammen, das Puzzle gab schon fast ein Bild. Der Hintergrund des ganzen waren auf jeden Fall diese beiden Brüder. Die sich hier gefunden hatten. „Ich glaube, ihr habt viel zu besprechen“ bemerkte Kori in den Raum hinein. „Geht doch nach nebenan. Wenn Phil fertig ist kommen wir dazu. Ist eh der letzte Kurs für heute.“

    Kori wandte sich wieder ihrem Computer zu. Jetzt war es vorbei mit Trixis Zurückhaltung. Sie ging auf Azet zu umarmte ihn und sagte dabei: „Endlich haben wir dich gefunden.“ Dann löste sie die Umarmung und fügte hinzu „Wir haben Unmengen von Fragen“. „Seid nicht enttäuscht, wenn ich nur wenige beantworten kann.“ warnte Azet. „Kommt mit“, er wandte sich zum gehen, musste aber noch auf Trixi und Aram warten, die sich auch noch einmal sehr dringend umarmen und sich gegenseitig zu dem überwältigende Erfolg gratulieren mussten.

    Gemeinsam gingen sie durch einen langen Flur und traten durch die Hintertür des Studios auf einen Innenhof, an dessen anderem Ende ein altes zweistöckiges Wohnhaus stand. Schweigend überquerten sie den Hof, aber in Trixis Kopf spielten die Gedanken fangen. „Ist Diotima deine Mutter?“ schoss es plötzlich aus ihr heraus, sie vergaß alle Vorsicht, aber sie dachte, die wäre Azet gegenüber nicht nötig, womit sie absolut recht hatte. „Ja, und Travis ist mein Papa“. Aram blieb wie vom Blitz getroffen stehen. „Dann ist Diotima auch meine Mutter.“ Aram liefen schweigend Tränen über die Wangen. Trixi nahm ihn noch einmal in den Arm, legte ihren Arm dann auf seine Schulter und führte ihn hinter Azet her ins Haus.

    Als sie drinnen angekommen waren und es sich in einer schönen alten und wunderbar warmen Küche gemütlich gemacht hatten, fand Aram seine Sprache wieder „Ich habe einen Bruder und eine Mutter“ sagte er und ein seeliges Lächeln machte sich in seinem Gesicht breit. Zumindest einen Anflug dieses Lächelns behielt Aram für die nächsten Tage. „Weißt du etwas über deine Geburt?“ fragte Trixi. Azet überlegte: „Nicht viel. Ich weiß, dass Mama eigentlich keine Kinder bekommen konnte. Papa und sie haben aber irgendwie doch geschafft eines zu bekommen. Aber frag mich nicht, wie das funktioniert hat. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, das in der Morgenhöhle und durch den Morgenfelsen der Strom, dass lebendige Morgenland, und der Ursprung mit dem großen Ganzen verbunden sind. Ein ewiger Fluss von Energie, die zwischen allen Zuständen wie materiell oder mental, fiktiv oder real existiert und so auch alles hervorbringen und aufnehmen kann. Jede Geburt geht mit der Energie dieses Stromes einher. Ich vermute ehrlich gesagt, dass Aram und ich aber ausschließlich durch diese Energie geboren sind. Ich glaube, wir sind nie im eigentlichen Sinne gezeugt worden. Unsere Zeugung war der Wille unserer Eltern. So habe ich es mir erklärt.“

    Schweigen folgte bis Aram fragte: „Wie war es denn so mit Mama?“. „Hmm“ machte Azet. „Sie wirkte eigentlich immer etwas abwesend. Wir haben einige Jahre hier gemeinsam gelebt. Sie hat dieses Yogastudio mit aufgebaut. Kori und Phil waren damals ihre Schüler. Dann wollte sie aber unbedingt zurück und ich wollte unbedingt hier bleiben.“ „Sie war nicht im Morgenfelsen“ rief Aram erstaunt. „Im Morgenfelsen?“ fragte Azet nicht weniger erstaunt zurück.

    Trixi erklärte Azet wie es um Diotima im Moment stand. Azet wurde traurig, schaute dann Aram an, küsste ihn auf die Stirn und sagte: „Danke, dass ihr hier seid. Ich weiß noch, dass Mama mit mir manchmal darüber geredet hat, wie es wäre einen kleinen Bruder zu haben. Nachdem sie gegangen war, habe ich sie am nächsten Tag im Morgenland noch einmal gesehen, habe einen Passanten bekommen und seitdem bin ich hier.“

    „Du hast einen Passanten“ rief Trixi und stand auch schon. Einer der Gedanken, der seit ihrem Eintreten in das Studio in ihrem Kopf hin und her flipperte, war der an das Turiseder Artefakt. „Klar, Moment“ sagte Azet, verschwand und kam einen Moment später mit einem grauen Stück Stein zurück.

    „Ich benutze ihn so gut wie…“ Azet konnte vor erstaunen nicht weiter reden, denn sein Passant begann zu schweben. Er leuchtete hell und klar und wurde ganz durchsichtig. Auch Trixis Passant begann zu schweben und normalisierte seine Größe, er zog an Trixis Armband, also löste sie es von dem Stein. Trixis Passant wurde ebenfalls glasklar und gab so den Blick auf das Turiseder Artefakt darin frei, das immer noch aussah wie Diotima, nun aber rot glühte. Der Passant in Form einer Statue bewegte sich durch Trixis Passanten hindurch und blieb schwebend und glühend neben Azets Passanten in der Luft stehen. Arams Rucksack begann ebenfalls sich vom Boden zu erheben. Aram lief schnell rüber und öffnete einen Reißverschluss. Sein Passant entschwebte dem Rucksack. Er war ebenfalls durchsichtig geworden, hatte aber eine grüne Farbe angenommen. Die drei Passanten begannen wie Flüssigkeit in der Luft herum zu wabern, veränderten ihre Form und wurden jeweils zu einem oben runden und unten spitzen Kegel. Die drei Kegel verbanden sich zu einer Kugel. Kurz schwebte die Kugel rot glühend im Raum und dann endete der Zauber so schnell, wie er angefangen hatte. Es gab einen Blitz und ein Zischen und der Ball knallte mit einem lauten Rumms auf den Küchenboden. Aram und Azet schauten sich ratlos an.

    Trixis Gedanken überschlugen sich und plötzlich fiel ihr ihre Lebensaufgabe ein. Jetzt machte sie plötzlich einen sehr aktuellen Sinn und wirkte überhaupt nicht mehr allgemein. „Wir müssen zu eurer Mama.“ beschloss sie mit fester Stimme.

    „Lasst uns noch kurz warten.“ beruhigte Azet sie. „Ich will eben noch Kori und Phil Bescheid geben, dass ich vielleicht ein Weile weg bleibe und ich muss noch einige Sachen einpacken. Einen Moment“. Azet verschwand wieder in einem Raum und diesmal dauerte es ein wenig. Trixi und Aram versuchten während dessen ihre Gedanken zu sortieren. Im Flüsterton fragte Aram „Glaubst du, wir bekommen Mama da wieder raus?“. Entschlossen sagte Trixi. „Warum nicht? Du hast doch gehört, was Azet gesagt hat. Vielleicht ist es wirklich so und wenn man schon nicht direkt Lebensenergie verschenken kann, so können wir vielleicht dabei helfen, dass Diotima Energie aus dem Strom erhält. Wir müssen es probieren. Erinnerst du dich noch an meine Lebensaufgabe?“ Aram überlegte angestrengt. „Bekomme ich jetzt nicht mehr zusammen. Wieso?“

    „Schaffe Leben aus dem Stein, du sollst meine Blüte sein.

    Wasche mich von Schleier rein, meine Seele zu befreien.“

    sagte Trixi. Sie konnten sich aber nur noch annicken, denn da betraten Kori und Phil das Haus. Azet musste sie gehört haben, jedenfalls kam er auch aus seinem Zimmer. Trixi konnte sich nicht helfen, sie musste Azet einfach genau betrachten. Mit der Mode der Normwelt hatte er sich offensichtlich beschäftigt. Er sah verdammt cool aus. Er ging mit den beiden Erwachsenen ins Wohnzimmer und unterhielt sich mit ihnen eine Weile im Flüsterton. Dann kam er zu den wartenden Morgenländlern zurück und sagte „Wir können, ihr seid mit Boards gekommen oder?“ „Ja,“ bestätigte Trixi, „was haben die beiden gesagt.“ Azet lächelte. „Die wollten uns natürlich fahren, aber ich habe gesagt, es ist gleich um die Ecke. Jeder hat doch so seine kleinen Geheimnisse.“ Sie verließen das Wohnhaus und waren wieder im Innenhof. Azet ging an einen kleinen Fahrradschuppen, holte ein Board heraus, das denen von Trixi und Aram recht ähnlich war, nur deutlich länger und sagte „Los geht‘s“. Im Flüsterton fügte er hinzu: „Zum Normtor“. „Nimm noch ein Stück Seil mit“ empfahl Aram und nur wenig später sausten die drei durch eine sternenklare Nacht dem Morgenland entgegen. Trixi und Aram hatten Azet im Schlepptau. Das Gefühl des Erfolges, das sich in den Seelen der Abenteurer aus dem Morgenland immer weiter ausbreitete, war überwältigend schön. Sie fühlten, dass sie ihre Aufgabe wahrnahmen. Sie kamen ihrer Verantwortung dem großen Ganzen gegenüber nach und fühlten wie ihnen das Rückenwind gab.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

     

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    47 min
  • Trixi im Morgenland Folge 09: Naturia

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi wachte auf, gähnte und fühlte sich gut. Sie streckte sich bis ihre Muskeln zitterten und spürte wie ihr Herz das Blut in alle Zellen beförderte. Sie stand auf, streckte sich stehend noch einmal und ging zum Fenster. Sie schob die Gardinen beiseite und öffnete das Fenster. Sie atmete tief durch und die frische Luft machte ihre Sinne wach.

    Trixi konnte fühlen, wie der Schlaf ihren Körper geheilt hatte. Ihr Geist war ebenfalls ausgeruht und unbelastet. Das Wasser in ihrem Glas so klar wie lange nicht. Beinahe hatte sie das Gefühl sogar klarer sehen zu können als je zuvor. Sie stand schweigend am Fenster und genoss das Gefühl einen klaren Geist und einen starken Körper zu besitzen.

    Dass sie diesen Stolz empfinden konnte, war für Trixi der Beweis, dass sie eine Seele hatte, denn wenn sie sich über ihren Geist und ihren Körper freute, dann musste doch noch etwas Drittes da sein, das Geist und Körper betrachten, ihren Zustand beurteilen konnte. Das musste ihre Seele sein, das wusste sie einfach.

    Trixi liebte diese Momente, in denen alles stimmte. In denen nichts aufzuholen war und nichts abzuwarten. Sie liebte das Gefühl, bereit zu sein für den Tag, ohne einen Zwang zu verspüren, darin irgendwelche Beschäftigungen unterbringen zu müssen. Diese Augenblicke, in denen ihre Umgebung die gleiche Stimmung ausstrahlte, die sie auch in sich fühlte und die Harmonie die darin lag, beruhigten sie und ließen sie Glück empfinden.

    Es war zwar schon spät, aber Trixi hatte kein schlechtes Gewissen mehr, seitdem Rosie sie beiseite genommen hatte und ihr klar gemacht hatte, dass sie außergewöhnliches leistete. Die zweite morgenländer Sonne ging gerade auf und kündigte eine heiße Mittagszeit an. Trixi zog eine kurze Hose und ein Muscleshirt über, ohne daran zu denken, ob sie zueinander passten. Sie ging ins Badezimmer. Sie putzte sich ihre Zähne und wusch sich kurz. Als sie in den Spiegel blickte, fragte sie sich, wie sie es jemals doof finden konnte, Zähne zu putzen. Gerade fand sie das saubere Gefühl im Mund einfach wunderbar.

    Sie lächelte sich selber im Spiegel an und nickte sich aufmunternd zu. Dann sah sie plötzlich ein kleines Mädchen im Spiegel. Eigentlich nur ihr Haar. Dann kamen zwei kleine Hände über dem Waschbeckenrand zum Vorschein, die sich am Becken festhielten während das Mädchen auf einen kleinen Hocker kletterte. Dann war das Gesicht des Mädchens im Spiegel zu sehen, es war Trixi vor zehn Jahren. Auch die kleine Trixi lächelte sich selbst im Spiegel an.

    Trixi fühlte sich als würde das Mädchen sie durch die Zeit hindurch anlächeln und so war es auch. Trixi verstand in dem Moment, wie es doch möglich war, durch die Zeit zu reisen. Gerade beobachtete sie ihr jüngeres Ich durch ihre eigenen Errinerungen. Sie schloss die Augen und konnte nun das kleine Mädchen ganz deutlich sehen, das sie mal gewesen war. Sie öffnete die Augen wieder und lächelte alle ihre vergangenen und zukünftigen Ichs im Spiegel an, bevor sie das Badezimmer verließ.

    Das Frühstück schmeckte ihr unglaublich gut. Sie machte sich alles selber und alles genauso wie sie es mochte. Pappsatt stand sie nach einer knappen Stunde wieder auf. Sie hatte das Gefühl, ihr Körper saugte die Kraft aus dem Essen und lagerte sie direkt in ihren Muskeln ein. Lebensenergie dachte Trixi, so füllt man sie auf. Dazu braucht kein Mensch einen Passanten. Sie lächelte, setzte sich auf die kleine Bank vor dem Haus, auf der ihre Eltern gerne saßen und Kaffee tranken. Sie beobachtete die Nachbarschaft. Das wurde recht schnell langweilig, also schnappte sie sich ihr Longboard und begann langsam, gemächlich und wunderbar ziellos durch das Morgenland zu rollen.

    Nach einiger Zeit aber fand sie sich in Arams Straße wieder und wurde sich darüber klar, dass sie wohl die ganze Zeit nicht vollkommen ziellos gewesen war. Sie hatte heute keine Lust, sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern, aber wie es so bei Aram stand, interessierte sie doch ziemlich. Sie rollerte also langsam die Straße herunter und freute sich, ihren besten Freund fröhlich im Vorgarten zu finden. Er spielte gerade mit den Hunden der Umgebung. Tiere hatten Aram schon immer geliebt.

    Arams Passant allerdings lag auf der kleinen Schaukel und schaukelte unbeachtet im Wind. „Hallo, Aram“, begrüßte Trixi ihren Freund und Leidensgenossen. Er schaute auf und man sah, dass er etwas erleichtert war als er seine Freundin über den Rasen auf ihn zugehen sah. „Hallo“ muffelte er allerdings etwas übellaunig als Trixi auf Hörweite herangekommen war. „Ich habe eine Idee“ munterte sie ihn auf. „Toll“, freute sich Aram. Er hatte eigentlich gar keine schlechte Laune, aber er war mit seinem Passanten noch nicht weiter gekommen. Trixis Anwesenheit allerdings weckte seine Reiselust wieder. „Erzähl mal deine Idee“ sagt er. „Komm mit“ forderte Trixi ihn auf. Aram verabschiedet sich von den Hunden und folgte Trixi über den Rasen in Richtung Schaukel. „Dein Passant ist ja wie du weißt der Schlüssel zu deinem Zimmer“, „Ja“ bestätigt Aram und macht sich auf einen von Trixis berüchtigten Vorträgen gefasst. „ Ich glaube, wir müssen das Schloss finden, so habe ich mein Reisezimmer aktiviert. Dein Passant selbst sagt dir, wo du suchen musst.“ Trixi nahm das kleine Gebilde in die Hand und betrachtete es von allen Seiten. „Ich habe so einen Passanten noch nie gesehen.“ murmelte sie.

    Passanten nahmen oft die Form von Dingen an, die die Kinder sehr geliebt hatten als sie noch klein waren. Teddybären, Schnuffeltücher, Spielfiguren. Der Passant von einer Freundin von ihr, war sogar ein runder Tropfen Apfelsaft von der Größe eines kleinen Apfels. So sehr liebte sie Apfelsaft. Man konnte den Tropfen nicht auseinander reißen, er blieb immer zusammen, deshalb machte er auch nie etwas nass und man konnte ihn in die Tasche stecken oder ein Band dran binden, um ihn nicht zu verlieren.

    Arams Passant aber bestand aus einem dicken Stab, der etwa so lang war wie ein Finger. Am unteren Ende klebte ein Kegel mit einem Loch darin und am oberen Ende eine fingerdicke Scheibe mit einem Loch darin. Das ganze Gebilde war ziemlich schwer und man konnte Kegel und Scheibe bis zur Mitte des Stabes und um den Stab herum verschieben. “Gib mal her“, holte Aram sich seinen Reiseschlüssel zurück. Aram hatte großes Vertrauen ins Leben. Er wusste, dass viele Dinge sich von ganz alleine erledigten. Aber manchmal, dass wusste er auch, war es unerlässlich selber tätig zu werden.

    Aram begann sich vollkommen auf seinen Passanten zu konzentrieren. Die Hunde hatten seinen fiebrigen Geist abgelenkt und beruhigt. Mit einem erholten Blick begann er erneut seelenruhig damit seinen Passanten zu betrachten. Zunächst untersuchte er den Stab, der dunkelgrau war und aus einer Art Metall oder Stein. Er fühlte sich kalt an. Ungefähr in der Mitte hatte er eine kleine Einkerbung, die einmal vollständig darum herum lief. Die obere Seite des Stabes war vollkommen flach, die untere aber hatte eine Spitze. Als nächstes betrachtete Aram die Scheibe ganz genau. Sie war aus dem gleichen Material, aber nicht ganz so kalt wie der Stab. In der Mitte befand sich ein Loch und man konnte die Scheibe genau bis zu der Einkerbung in der Mitte des Stabes herunter und bis zum Ende des Stabes herauf schieben. Weiter aber als bis zur Kerbe ging es auch nicht, wenn Aram seine ganze Kraft benutzte. Aram drehte die Scheibe einmal ganz um den Stab und wieder zurück, er versuchte sie vom Stab zu lösen, aber er konnte sie drehen und wenden wie er wollte, eine Stelle der Scheibe blieb immer am Stab haften, genau wie bei einem Magnet. Aram erstarrte kurz und Trixi wurde ganz aufgeregt, sie konnte ganz klar in seinem Gesicht erkennen, dass er eine Idee hatte. Sie musste sich wahnsinnig zurückhalten ihm den Passanten nicht aus der Hand zu reißen. Sie kannte die Lösung auch nicht, aber sie hatte wie immer ein drängendes Bedürfnis, es selber auszuprobieren.

    Aram betrachtete nun den Kegel ganz genau. Er schien seine These bestätigt zu sehen, atmete tief durch, fasste die Scheibe an und stülpte sie von oben über den Stab. Fast von ganz alleine glitt die Scheibe ans obere Ende des Stabes und als Aram sie so positionierte, dass der Stab durch das Loch gleiten konnte, glitt der Stab, nun wirklich von ganz alleine, durch das Loch der Scheibe und die Scheibe bewegte sich ganz von alleine bis zur der Stelle, wo die Kerbe war. Dort schien sie sich einen Millimeter zusammen zu ziehen und als Aram daran ruckelte saß sie plötzlich bombenfest. Er nahm den Kegel, führte die flache Seite ans spitze Ende und wie von Geisterhand glitt der Stab in das Loch des Kegels und verband sich bei der Einkerbung mit der Scheibe. Nun schloss der Kegel perfekt mit der Spitze des Stabes am unteren Ende ab. Es war ein kleiner Kreisel aus dunkelgrauem Metall entstanden.

    Trixi jubelte und klatschte und sprang im Vorgarten herum. Aram sah auf seinen Passanten, konnte es kaum glauben und schloss sich dann Trixis Freudengeschrei an. Die beiden rasten durch den Vorgarten, Trixi sprang durch die Schaukel und rief dabei „Trixiness“ und Aram sprang hinterher, sie machten Purzelbäume und riefen dabei die ganze Zeit. „Juhhuuu, jahhhaaa“ oder „Geschafft“. Aram wiederholte mit einem stolzen Grinsen und einer sich überschlagenen Stimme immer wieder das Wort „Ja!“ in allen Stimmlagen und Lautstärken.

    Langsam fanden sich die Kinder der Nachbarschaft ein und tanzten erst mal mit, es entstand ein Freudenfest in Arams Vorgarten, das so lange dauerte, bis alle völlig außer Atem und heiser auf den Rasen fielen und jemand fragte „Worüber freuen wir uns eigentlich?“. Großes Gelächter war die erste Antwort.

    Aram bekam bei der Frage aber sofort neue Energie und sprang auf. Er rannte zu seinem Passanten und zeigte ihn allen. Sie setzten sich in einem Kreis auf den Rasen und wussten alle was zu tun war. Aram startete den Kreisel und der drehte sich. Selbst auf dem unebenen Rasen. Er wurde sogar immer schneller und begann einige Zentimeter über der Erde zu schweben. Der Kegel begann zu glühen, Aram murmelte etwas, wahrscheinlich sein Codewort, es machte Plop, wie beim Öffnen einer Flasche und plötzlich saßen alle Kinder in Arams Zimmer und der Jubel ging von vorne los. Diesmal hielt er nur kurz an, weil Trixi fragte: „Sind wir in deinem Haus oder ist dein Zimmer in deinem Vorgarten?“. Die Kinder schauten sich um, aber Arams Zimmer hatte keine Fenster mehr, er schaute Trixi fragend an. „Stell dir einfach eines vor und dann stell dir die Wand vor, in der es sein soll“. Schwuppdiwupp hatte das Zimmer ein riesengroßes Fenster und die Kinder sahen, dass sie sich immer noch im Morgenland in Arams Vorgarten befanden. Alle starten ihn an und Trixi sagte, was alle dachten: „ Aram, dein Passant kann dein Zimmer dahin rufen, wo du gerade bist!“ Aram staunte seinen Passanten mit großen Augen und offenem Mund an und dann kam auch schon Travis aus dem Haus gelaufen, um seinem Sohn zu gratulieren.

    Während die beiden sich in den Armen lagen und drückten, fragte Trixi sich was eigentlich Arams zweiter Name war und wie sein Codewort lautete und worin seine Lebensaufgabe bestand. Nachdem alle sein Zimmer verlassen hatten, schrie Aram ohne jegliche Scham über dieses Codewort „Paaaapaaa“ und mit dem gleichen Ploppen, mit dem es aufgetaucht war, verschwand das Zimmer wieder. Genau wie bei Trixis Zimmer war das zweite Rufen des Codewortes das Zeichen für das Reisezimmer sich wieder in das Haus der Eltern einzurutschen. Trixis Zimmer allerdings konnte lediglich vom Morgenland in den Strom und zurück reisen, nicht aber innerhalb des Morgenlandes und möglicherweise sogar innerhalb des Stromes. Oder vielleicht doch? Trixi hatte das einfach bisher nicht für möglich gehalten und deshalb nie ausprobiert.

    Trixi wurde aus ihren Gedanken gerissen als Aram sie an der Hand mit sich in sein Haus zog. Den anderen Kindern winkten sie zum Abschied.

    Arams Professor für den Passantenurlaub war ein alter Freund von Travis. Er hatte eine deutlich weniger strenge Auffassung von der Ernsthaftigkeit des Passantenurlaubes als Rosie und so reichte ein kurzes Telefonat und Aram hatte die Erlaubnis, seine erste Reise sofort und nur mit Trixi zusammen anzutreten. Trixi wollte ihn wenigstens kurz darüber aufklären, wie er seinen Rucksack für seine erste Reise zu packen hatte und was er immer und unter allen Umständen auf jede Reise mitführen musste. Aram zeigte ihr einen fertig gepackten Rucksack, der reisebereit in seinem Zimmer stand. „Schau einfach rein“, erlaubte er Trixi und zu seiner Verwunderung kontrollierte die den Inhalt tatsächlich auf Vollständigkeit. Es war fast alles dabei. „Du hast das Wichtigste vergessen“ tadelte Trixi dennoch. Aram drehte sich verdattert um. „Was habe ich vergessen?“. „Wasser!“ sagte Trixi in einem Ton, der sie selber ein wenig an Rosie erinnerte. Aram war offensichtlich erschrocken und holte sofort zwei große Flaschen Wasser aus der Küche und packte sie zu seinem Rucksack.

    „Dann wollen wir mal sehen“, er stellte sich in die Mitte seines Zimmers, seinen Passanten in der Hand und ein Glühen in den Augen. Trixi wollte Einspruch erheben, denn sie war in ihrer kurzen Hose und einem leichten Shirt unterwegs und hatte keinen Rucksack dabei. Sie rief „Stooop“ aber Aram schloss die Augen, konzentrierte sich, drehte den Kreisel in der Luft und rief „Paaapaaa!“. Der Kreisel blieb in der Luft stehen, beschleunigte und dann war wieder das unspektakuläre Plo zu hören. Es war nicht wie bei Trixi, kein rütteln kein schaukeln, kein licht. Nur das Plop. Dann sah sie aus dem Fenster von Arams Zimmer und sah den Baum in ihrem Vorgarten, in dem sie so gerne einmal schlafen wollte.

    Sie lächelte, dann kreischte sie, weil das Zimmer fiel. Es fiel zwei Meter und knallte mit einem dumpfen Rums in den Vorgarten der Lichterts. Mit einem schiefen Grinsen schaute Aram seine besten Freundin an und sagte „Uuups, ich glaube man sollte den Kreisel auf dem Boden drehen um auf dem Boden zu landen. Aber immerhin habe ich euren Vorgarten getroffen“, sagte er nicht ohne Stolz.

    Mama und Papa Lichtert kamen aus dem Haus geschossen. Der Schreck war ihnen in die Gesichter geschrieben und man sah, wie die Erleichterung übernahm, als sie Trixi und Aram wohlbehalten das Zimmer verlassen sahen. Trixi packte so schnell wie möglich und so Gewissenhaft wie nötig ihre Sachen zusammen und nahm noch ein paar Lebensmittel zusätzlich mit. Als sie zurück kam, erwartete Aram sie bereits sitzend in seinem Zimmer. Er rief noch drei Mal laut „Trixiness!“´und Trixi stimmte beim zweiten Rufen mit ein, bevor Aram seinen Kreisel drehte.

    Das Zimmer drehte sich, taumelte wie eine Nussschale auf einer Riesenwelle, rutschte tief hinab wie eine Achterbahn aus dem Universum und zitterte dann kurz und heftig, Aram und Trixi wurden auf dem Boden sitzend leicht hin und her geschüttelt. Schließlich begann das Zimmer seicht zu schaukeln. Sie waren im Strom angekommen. Trixi wurde klar, dass das Zimmer sich nur so verhielt, wenn es in den Strom gezogen wurde. Aram stand auf, hielt die Luft an und öffnete die Tür. „Bitte nicht zehn Mal Weltraum“, hoffte Trixi.

    Feuchte Hitze empfing die beiden Abenteurer. Sie traten aus dem Zimmer und waren in einer Art Dschungel. Es gab riesige Pflanzen mit Blättern, die sie groß waren wie ein Hausdach. Die Bäume waren so hoch, dass die Kronen nicht zu sehen waren und der Rasen, der aus der Erde sprießte, reichte den beiden bis unters Kinn. Alles lag in einem feuchten Nebeldunst, wie in einem Badezimmer, in dem man sehr lange geduscht hat. Aram schritt langsam voran.

    „Vorsicht!“ rief Trixi plötzlich. Von einem der riesigen Blätter rollte ein Wassertropfen herab und in Richtung Aram. Der Tropfen war so groß wie ein Auto. Aram schaute nach oben und konnte noch rechtzeitig zur Seite springen. Der Tropfen aber war so riesig, als er auf der Erde zerplatzte, wurden beide klitschnass. Trixi schaute sich und Aram an und sagte: „Na Gott sei Dank haben wir noch zwei Liter Wasser eingesteckt.“ Beide grinsten.

    Trixi verkniff es sich wie üblich die Führung zu übernehmen, obwohl sie das Gefühl hatte, dass Aram es sich wünschte. „Las uns irgendwo rauf klettern, da können wir vielleicht mehr sehen“ schlug er schließlich vor, nachdem er sich ein wenig umgeschaut hatte.

    Die beiden suchten sich eine Pflanze, die so groß war wie ein Baum. Als sie am oberen Ende angekommen waren und es ihnen gelang, eines der schweren Blätter zur Seite zu schieben, merkten sie, dass sie nicht sehr weit nach oben gekommen waren. Jetzt sahen sie die Bäume dieser Welt zwar etwas besser, aber die Baumkronen waren noch immer nicht wirklich zu sehen.

    „Einen bewegenden Tag wünsche ich euch“. Die beiden schreckten herum und sahen den riesengroßen Kopf einer Schnecke, die gerade dabei war, die Pflanze, auf der die Freunde saßen, zum Frühstück zu verspeisen. „Dir auch.“ sagte Trixi, die gelernt hatte, die Wesen anderer Welten so weit wie möglich in deren Sprache anzusprechen. Grüße und Verabschiedungen, Glückwünsche und Sprichwörter sagten viel über eine Gemeinschaft aus und waren außerdem ein wichtiges Erkennungszeichen. Der richtige Gruß ließ vermuten, dass man sich auskannte und half so erstes Vertrauen zu schöpfen. Deshalb wiederholte Trixi „Dir auch einen bewegenden Tag“.

    „Wo sind wir denn hier?“ fragte Trixi. „Auf einer Pflanze.“ kam die Antwort. Die beiden wussten nicht genau, was sie sagen sollten. Dann veränderte sich das Gesicht der Schnecke ganz langsam. Im Schneckentempo wanderten ihre Mundwinkel nach oben und die Augen gingen auf. Außerdem stellte die Schnecke allmählich die Fühler auf und so entwickelte sich nach einigen Sekunden ein wirklich sympathisches Lächeln. Die Schnecke hatte einen Witz gemacht und nachdem Trixi und Aram zum ersten Mal in ihrem Leben in das lächelnde Gesicht einer Schnecke geschaut hatten, begannen sie unbewusst ebenfalls zu lächeln.

    Dann begann die Schnecke zu erzählen: „Ihr seid in Naturia. Hier wächst alles, hier verändert sich alles, hier bewegt sich alles, diese Welt ist ein ständiger Fluss. Deshalb auch der Gruß, denn das Leben ist nichts anderes als eine fortwährende Bewegung. Und glaube mir, niemand kennt sich mit fortwährender Bewegung so gut aus wie ich.“ Trixi und Aram schauten erstaunt. „Ja, gerade wir Schnecken wissen viel über Bewegung, denn in unserem Leben ist sie keine Nebensache. Die Bewegung selbst ist die Hauptsache, weder das Ankommen noch das Wiederkehren spielt für uns eine besondere Rolle. Wir sind ständig in Bewegung und deshalb ist uns bewusst, das Ankommen und wiederkehren nur sehr kurze Momente sind. In der Reise, der Bewegung, dem Fortschreiten, der Veränderung liegt das eigentliche Leben. Steigt auf.“ forderte sie die beiden beeindruckten Reisenden auf.

    Erst wussten Trixi und Aram nicht genau was gemeint war, aber dann raschelte es in der Pflanze und das mächtige Schneckenhaus der Schnecke tauchte aus den Blättern auf. Trixi nahm Anlauf, raste über einen Blattstiel, ein Blatt hinauf und rief laut „Trixiness“ als sie vom Blatt absprang und auf dem Schneckenpanzer landete. Aram tat es ihr nach.

    Die Schnecke lief einfach weiter. „Wohin gehen wir?“ fragte Aram die Schnecke. „Ich gehe“, antwortete die Schnecke, „Du sitzt“. Aram schaute Trixi an und verdrehte die Augen. Trixi lächelte. Aram versuchte es erneut „Wohin bringst du uns?“. Die Schnecke schien zufrieden „Diese Frage entspricht doch der Realität schon viel mehr“ fand sie. „Jetzt will ich aber erst mal was über euch erfahren. Ihr seid doch Menschen, oder? Wo kommt ihr her und wo geht ihr hin? Das sind doch für Menschen zwei der wichtigsten Fragen, oder? Also sagt mir doch erst mal, wo ihr her kommt“. „Wir kommen aus dem Morgenland“ sagte Aram mit Stolz. Er fand es toll endlich mal über seine Herkunft sprechen zu können. In der Normwelt hatte er das ja nie gedurft. „Und seit ihr Morgenländler? Oder Normweltler? Kommt ihr aus dem ewigen Tal oder seid ihr Wanderer? Einige Turiseder kenne ich auch. Es gibt so viele von euch Menschen, in so vielen Welten und manchmal da werdet ihr in einer Welt geboren, lebt in einer zweiten und sterbt in einer dritten“.

    Trixi und Aram schauten sich erstaunt an. „Naja, wir kommen aus dem Morgenland und sind dort auch aufgewachsen und von Wanderern habe ich noch nie gehört, aber Turiseder kenne ich auch.“ informierte Trixi. „Wie heißt du eigentlich?“ Wollte Aram wissen. Mein Name ist Aram.“ „Ich bin Trixi“ fügte Trixi hinzu und streichelte der Schnecke zur Begrüßung über das Schneckenhaus. „Und ich bin eine Schnecke“ klärte die Schnecke auf und fügte etwas schnippisch hinzu „kein Hund“.

    Diesmal verdrehte Trixi die Augen während sich die beiden anschauten und Aram verkniff sich ein Lachen. „Mein Name ist lang.“ sagte die Schnecke und machte eine bedeutungsvolle Pause. Trixi konnte sich nicht verkneifen zu sagen: „Hallo Lang, klingt irgendwie chinesisch“. Aram und Trixi lachten, der Kopf der Schnecke schwang herum und wieder war auf ihrem Gesicht dieses ausdrucksstarke Lächeln zu sehen. „Der war gut!“ freute sie sich und hielt den beiden einen ihrer Fühler zum Abklatschen hin. Kurz bevor die beiden den Fühler berühren konnten, zog das langsame, aber humorvolle Tier den Fühler blitzschnell wieder ein und begann zu lachen. Das Lachen der Schnecke sah aus wie ein heftiger Niesanfall in Zeitlupe. Sie schüttelte sich und nickte mit dem Kopf und ein tiefes Glucksen brach aus ihrem Innersten hervor. Es brachte ihren gewaltigen Körper zum Hüpfen. Die beiden Kinder aus dem Morgenland lachten aus voller Seele mit und alle drei wussten, dass sie in diesem Moment von Fremden zu Freunden wurden.

    Der Schneckenkopf schwang wieder nach vorne und ein Räuspern kündigte eine wichtige Information an „Mein Name ist Waldemar Fühlerbart Gleitfix Schleichblitz-Klebemann, Graf vom feuchten Wege.“ Trixi und Aram verkniffen sich einen erneuten Lachanfall, sie wollten Waldemars Gefühle nicht verletzen. Statt dessen fragte Aram „Warum ist es so wichtig, dass es uns Menschen in vielen Welten gibt? Schnecken gibt es doch fast überall.“

    Waldemar atmete tief ein und ganz langsam aus und erklärte dann: „Ja, es gibt auch in vielen Welten Schnecken, aber wir fallen eben nicht so auf. Wir kommen einfach klar. Menschen ja nicht. Ihr sagt von euch zwar ihr wäret Meister der Anpassung aber, ihr seid nur Meister darin, die Welten, in denen ihr lebt, auf eure Bedürfnisse anzupassen.“ Waldemar schnaufte und fuhr in einem versöhnlicheren Ton fort: „Ihr gestaltet die Welten, in denen ihr euch niederlasst, mit viel Sinn und Verstand nach euren Bedürfnissen, aber leider gänzlich ohne Seele. Die braucht man aber, um das große Ganze zu sehen. Ihr seht leider immer nur einen Teil der Realität und glaubt, darin die Bedeutung von allem zu finden. Ihr habt einfach Angst davor, das große Ganze zu sehen, weil ihr nicht wissen wollt, wie klein ihr seid im Vergleich dazu.“ Trixi und Aram schwiegen.

    „Ihr könnt ja noch richtig gut zuhören“ bemerkte Waldemar nach einer Zeit des Schweigens, in der die beiden einfach die Natur betrachtet hatten. „Kannst du mir ein Beispiel für das nennen, was Menschen nicht sehen wollen?“ fragte Aram. Waldemar überlegte keine Sekunde. „Ihr behauptet zum Beispiel, ihr könntet fliegen. Könnt ihr aber nicht. Das ist einfach nicht die Realität.“ „Und was ist dann die Realität?“ hakte Aram nach. „Danke für diese wichtige Frage“ lobte Waldemar. „Die Realität ist, dass ihr einen Apparat gebaut habt, der es unter Aufwand einer unnatürlichen Menge Energie schafft, euch auf dem Luftweg in einer unnatürlichen Geschwindigkeit von einem Ort zum anderen zu transportieren. Eure Leistung dabei besteht darin, euch aus dem Auto fallen zu lassen, eure untertrainierten und überversorgten Körper einige hundert Meter in das Flugzeug zu schleppen und das ganze nach dem Landen in umgekehrter Reihenfolge zu wiederholen.“ Waldemar hatte sich etwas in Rage geredet und vergass seine sonst so vorbildliche Höflichkeit. „Wenn Hunde euch nicht so mögen und euch nicht zum täglichen Training zwingen würden, dann stünde es um eure Körper in vielen Fällen doch noch viel schlechter. Das ist die Realität und ihr macht daraus eine Welt, in der ihr die einzigen intelligenten Lebewesen seid.“ Waldemar schüttelte langsam den Kopf. „Bei euch im Morgenland sieht es ja nun ein bisschen anders aus“ schränkte Herr Schleichblitz-Klebemann, Graf vom feuchten Wege ein. „Warum eigentlich?“ fragte Trixi mehr sich selbst als die anderen.

    Waldemar merkte das, antwortete aber trotzdem. Er schien gern zu reden, er schien aber auch viel zu wissen. „Ihr lebt mit einer alten Seele, dadurch lernt ihr anders und mehr. Ihr gestaltet etwas weniger und seit dadurch etwas mehr im Moment als viele andere Menschen. Ihr reist im Strom und habt dadurch sehr viel mehr Einblick in das große Ganze und wisst mehr über das, was die Welt bewegt. Die Normweltler hatten auch mal so eine Seele, aber sie haben daraus ihre eigene Realität geformt und ihn zu dem gemacht, was ihnen moralische Überlegenheit garantierte, einen rachsüchtigen Gott, den es zu vertreiben galt. Über den Kampf mit sich selbst und ihrer Umgebung haben zu viele Normweltler im Laufe vieler Jahrtausende irgendwie vergessen, dass sie überhaupt Seelen besitzen.“

    „Wie meinst du das?“ wunderte sich Aram. „Es gibt nicht mehr vieles, was aus der Seele stammt und bewusster Teil der Realität eines Normweltlers ist.“ meinte Waldemar. „Wer gestaltet, braucht viel Wissen. Es ist sonst unmöglich das große Ganze zu verstehen und die Konsequenzen der eigenen Eingriffe abzuschätzen. Durch das Fehlen der Stimme der Seele, ist, was Menschen tun, oft verantwortungslos. Denn Verantwortung bedeutet, die eigenen Handlungen so zu gestalten, dass andere darunter nicht leiden. Eigentlich ist Verantwortung sogar die Pflicht, für andere zu sorgen.“

    Trixi dachte an die unglaubliche Leistung, die die Menschen der Normwelt erbracht hatten, als sie die Autobahnen durch viele ihrer Länder bauten und sie dachte gleichzeitig daran, was für katastrophale Folgen das für die Natur der Normwelt gehabt hatte. Nachdenklich sagte sie: „Die meisten Menschen wissen nicht bevor sie handeln, sondern erlangen Wissen durch ihre Handlungen. Das kann sehr zerstörerische Folgen haben.“ In das grübelnde Schweigen seiner Passagiere hinein ergänzte Waldemar: „In der Realität ist es egal, ob man Öl, Wachs, Holz, Benzin oder Gas verbrennt. Wenn Millionen von Feuern tausende von Jahren brennen, dann wird auch ein ganzer Planet irgendwann zu einem Backofen.“

    Nachdem sie einige Zeit lang einfach die beeindruckende Natur betrachtet hatten, wurde Trixi ganz ruhig. Sie spürte die Lebendigkeit ihrer Umgebung, den Fluss der Dinge um sie herum. Sie fragte sich, ob das an der Langsamkeit ihrer Bewegung lag, oder an der beeindruckenden Größe der Dinge in dieser Welt, die Trixi eine ganz neue Perspektive eröffnete. Sie atmete tief und schloss die Augen. Sie hatte das Gefühl, auch mit geschlossenen Augen alles wahrnehmen zu können. Sie fühlte nicht nur Ruhe in sich, sondern auch Stille. Ihr Geist tauchte zum Grund ihres Wasserglases und weit darüber hinaus bis zum Ursprung. Bis zum dem Ursprung, der immer gleich blieb, dessen Natur trotzdem die Veränderung war. Bei diesem Ursprung, der in Waldemars Welt allgegenwärtig schien, verharrte Trixi einen Moment und spürte vollkommene Zufriedenheit.

    Trixi öffnete die Augen und sah Aram an. Wie vor einem unscharfen Hintergrund sah sie sein Seelenblühen klar und deutlich. Das Element Feuer bahnte sich seinen Weg von der Fußsohle bis zur Schädeldecke. Das Element Holz zeigte sich in einer Verwurzelung im Boden, einer energetischen Verbindung mit der Umgebung. Einer Verbindung zur Erde. Als Trixi das sah, spürte sie, dass in ihr gerade genau das gleiche vor ging. Eine eigene Verbindung mit der ewig fließenden Energie des Kosmos entwickelte sich. Trixi und Aram wurden zu einem eigenständigen Teil der Mutter allen Lebens. Ihnen wurde gezeigt, dass sie Teil der Natur waren, in ihr funktionierten, einen Platz, eine Aufgabe hatten. Das war das, was die Schnecke mit der Realität gemeint hatte. Das war die eigentliche Realität der Menschen, ihren Platz im Gefüge der Dinge zu finden.

    Eine eigene, verantwortungsbewusste Verbindung zur allgegenwärtigen Macht der Veränderung, zur Natur, war offensichtlich unverzichtbarer Teil seelischer Reifung, dachte Trixi, während sie diesem neuen Gefühl nach spürte. Diese Verantwortung lastete nicht und verpflichtete nicht, sie gab lediglich die rRuhe, die man für besonnene Entscheidungen brauchte. Verantwortliches Handeln konnte Menschen Ruhe zeigen. Eine Wahrheit, die Trixi so nicht erwartet hatte.

    Sie wartete ab bis auch Aram wieder mit offenen Augen seine Umgebung in sich aufsog und sagte dann „Ich bin mir meiner Veränderung bewusst“, murmelte Trixi, „aber ich glaube ich bleibe eigentlich immer so wie ich bin.“ „Natürlich ist das so.“ kommentierte Waldemar. „Deine Veränderung ist dein Fixpunkt. Dein eigenes Tempo ist deine Ruhe. Die Bewegungen der Anderen und deiner Umgebung nimmst du aus der Perspektive deines eigenen Tempos war. Deshalb stehst du noch lange nicht still. Du veränderst dich ständig, aber da an deinem Ursprung immer nur du bist, bleibt es aus deiner Sicht immer gleich. Dein ich bleibt also aus deiner Perspektive immer gleich, weil es immer nur ganz alleine du bist, nur eben du mit neuen Erfahrungen.“

    Trixi war ganz überwältigt von den Gefühlen, die diese neue Verbindung in ihr auslösten. Ihr Geist aber war dennoch wach und wollte unbedingt das große Wissen, das Waldemar offensichtlich über die Zusammenhänge von Leben und Energie hatte, für sich nutzen.

    „Kann man Lebensenergie verschenken?“ fragte sie. „Nein“, sagte Waldemar, „das widerspricht dem Prinzip des Lebens. Leben ist Erleben. Nur wer Energie einsetzt, lernt auch welche zu generieren.“ „Du kennst doch das Morgenland, oder?“ fragte Trixi gespannt. „Ja“ bestätigte Waldemar kurz, denn auch er war gespannt, worauf Trixi jetzt hinaus wollte. „Du hast doch vorhin schon von der alten Seele gesprochen, die über das Morgenland herrscht.“ „Stop, Stop, Stop!“ rief Waldemar so schnell wie er eben konnte. „Das kann nur ein Normweltler gesagt haben.“ empörte er sich. „Das Morgenland wird nicht beherrscht. Es wird unterstützt und geliebt und mit voller Hingabe und großer Sorgfalt gestaltet. Die Natur ist nicht perfekt, sie ist erst dann funktional, wenn jeder Teil das richtige tut. Sie stirbt zwar eigentlich immer und wird auch ständig neu geboren, aber auf das Leben dazwischen kommt es ja an und das ist nur dann für alle Beteiligten sinnvoll, wenn alle sich daran auch wirklich beteiligen und es nicht bloß nutzen. Damit die Natur für alle da sein kann, braucht sie die Hilfe von allen. Diese alte Seele, über die wir sprechen, ist Teil des Morgenlandes. Es existiert nicht ohne sie und sie existiert nicht ohne es.“ „Aber es stiehlt ganze Wälder aus anderen Welten.“ sagte Trixi ärgerlich. „Es stiehlt nicht!“ sagte Waldemar wütend. „Wer erzählt denn so einen Quatsch? Wer bringt euch so was bei?“ Er war stinkesauer. „Das Morgenland ist eine Existenz und es existiert eben so wie es existiert und daran ist nichts falsch. Und wenn man als Mensch so was sagt, dann kann ich nur sagen, dass ihr jeden Tag tausende von Tieren verzehrt. So sieht es nämlich aus.“ machte sich Waldemar Luft. „Das ist die Realität“ murmelte Trixi. Aram fasste ihre Hand, sah ihr in die Augen und sagte aufmunternd „Trixiness!“

    Waldemar hatte sich beruhigt und wollte jetzt tatsächlich wissen, wer gesagt hatte, das Morgenland würde stehlen. Trixi erzählte ihm von Travis und ließ sicherheitshalber aus, dass der das Morgenland als künstlich bezeichnet hatte, weil sie nicht wollte, dass Waldemar sich noch mehr aufregte.

    Als Trixi geendet hatte, seufzte Waldemar und flüsterte „Der Tänzer und die Göttin.“ „Was hast du gerade gesagt?“ riefen Aram und Trixi gleichzeitig, sodass Waldemar sich erschrak. „Es gibt eine Geschichte“, sagte Waldemar, „die genau zum Thema passt. Götter sind den Menschen nämlich in vielem gleich und dazu gehört mit Sicherheit auch, dass sie dazu neigen, das große Ganze zu ignorieren und lieber sich selbst zum einzigen Zweck des Lebens im Kosmos erklären. Götter noch viel mehr als Menschen. Aber eben auch Götter sind nicht allmächtig. Davon handelt die Geschichte. Von einer Göttin, die keine Kinder bekam und einem Tänzer, der sie ihr dennoch schenkte. Beide wollten nicht verstehen, dass es keine Perfektion gibt und ignorierten die Realität, dass sie keine Kinder bekamen. Sie machten sich welche. Sie wollten einfach nicht verstehen, das etwas nicht zu haben manchmal einfach nur bedeutet, etwas nicht zu haben und etwas nicht zu können, einfach nur bedeutet, etwas nicht zu können.“ „Was ist mit den beiden passiert?“ fragte Aram mit brüchiger Stimme, ihm war sehr wohl bewusst, dass in jeder Geschichte etwas Wahrheit steckte. Er sah seine Lebensgeschichte in der Erzählung von Waldemar. „Was mit allen passiert, die sich übernehmen, sie blieben stecken, sind Gefangene ihres eigenen Unvermögens geworden, bis sie gelernt haben, was ihnen noch fehlte und sich mit dem Wissen aus der Überforderung befreien. Erst dann werden sie wieder Teil des ewigen Flusses werden.“ Arams Herz pochte wie wild.

    „Wir sind da.“ sagte Waldemar und stoppte. „Also gab es doch ein Ziel.“ triumphierte Trixi und Waldemar sagte: „Klar gibt es immer ein Ziel, dort endet nur nichts, nicht mal der Weg.“ Er grinste noch mal. Trixi und Aram standen auf. Sie merkten die Reise auf der Schnecke schmerzhaft in ihren Hinterteilen. Unter einem Blatt von einem Busch parkte Waldemar rückwärts ein. Trixi und Aram sprangen ab. Waldemar setzte sich wieder in Bewegung. „Hey!“ rief Aram ihm hinterher. „Wo gehst du hin?“ „Nach Hause.“ rief Waldemar Fühlerbart Gleitfix Schleichblitz-Klebemann, Graf vom feuchten Wege über die Schulter zurück. „Wo ist das?“ wollte Trixi wissen. Waldemar sagte: „Überall!“, strich zärtlich mit den Fühlern über sein Schneckenhaus und verschwand so unvermittelt wie er gekommen war in einem Wald aus Brennneseln.

    Aram und Trixi waren wieder allein. Sie setzten sich, aßen, tranken und Aram erzählte Trixi alles von seiner Gogyo-Ki. Seine Lebensaufgabe war es ein schönes Leben zu haben und Diotima hatte ihn fast die ganze Zeit auf dem Schoß gehabt und umarmt und geweint und Aram hatte gewusst, dass es das gewesen war, was ihm sein Leben lang gefehlt hatte. Nun fragte er sich, ob das die Zuneigung einer Mutter war oder ob es sich für ihn nur so angefühlt hatte. Dann sagte er: „Ich glaube, ich weiß, welche Seele dich ruft“ vermutete er. „Diotima hat mich versehntlich Azet genannt. Ich glaube, wir suchen eine von den Seelen die in einer Welt geboren sind und in einer anderen leben. Wir müssen einen Morgenländler finden, der in einer der anderen Welten lebt.“ Jetzt begann Trixis Herz zu rasen. Sie wusste noch nicht ganz genau wie aber sie wusste, dass sich langsam alles zusammenfügte. Der Passant in ihrem Passanten, Diotimas Rolle in der Gogyo-Ki, Travis neues Lebensgefühl, die Geheimnisse, die ihre Eltern vor ihr hatten, Rosies Verbindung nach Turisede. Alles hing zusammen und diese verirrte Seele war Teil der Lösung. Aram hielt seinen Passanten hoch und schaute Trixi fragend an. Sie nickte müde und Aram rief sein Zimmer, rutschte es in sein Elternhaus ein und schaffte es nicht mal mehr Trixi zur Tür zu bringen, weil er so müde war.

    Langsam schlenderte Trixi durch das unglaublich schöne Morgenland, das ihr nun wieder wie ein Teil des Paradieses vorkam und dachte nach. Sie brauchte jetzt einen Plan und es könnte gefährlich werden ihn auszuführen, denn sie musste viele Regeln brechen um herauszufinden wie all die Dinge zusammenhingen. Sie war auf der Jagd nach dem ganzen Bild, sie wollte verstehen, wie alles zusammenhing.

    Zuhause umarmte sie ihre Eltern und legte sich zu Bett. Der Schlaf übermannte sie bevor sie zu Ende denken konnte.


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    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    46 min
  • Trixi im Morgenland Folge 08: Zeit

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi wachte auf und schlug die Augen auf. Das Licht der Morgensonne kämpfte sich durch die Blätter des Baumes und blendete sie. Sie hatte gestern keine Kraft mehr gehabt, um die Gardinen zu schließen. Sie lag auf dem Rücken, ihre Decke hatte sich zwei Mal um sich selbst und danach um ihr linkes Bein gewickelt. Trixi versuchte sich aufzurichten, es gelang ihr nur unter Schmerzen. Jeder Muskel in ihrem Körper tat ihr weh. Seit Wochen schlief sie nur, wenn es wirklich nötig war. Die gesamte andere Zeit ging für den Passantenurlaub drauf. Wenn sie nicht mit Rosie Fakten über gefährliche Welten lernte, dann reisten die beiden zusammen oder Trixi hatte Aufgaben zu erledigen. Wie die gestrige Aufgabe, mehr über ihren Namen Seelenblüte heraus zu finden. Trixis Kopf fühlte sich an als ob sich darin eine Ameisenkolonie von Gedanken gebildet hätte, die gerade alle gleichzeitig ausschwärmten und danach dürsteten zu Ende gedacht zu werden. Ihr Nacken konnte die Schwere ihres Kopfes kaum noch tragen, so viel Neues tummelte sich darin.

    Im Schneckentempo entknotete Trixi ihre Decke, stopfte sich ihr Kissen in den Rücken und setzte sich so hin, dass sie mit dem Rücken am Kopfende ihres Bettes lehnend aus dem Fenster schauen konnte und dabei den Kopf an einen ihrer Bettpfosten lehnen, sodass sie ihn nicht selber tragen musste. Einige Zeit starrte sie mit offenem Mund aus dem Fenster und wartete darauf, dass sie jemand rief, um ihr eine Aufgabe zu geben, oder sie an eine alte Aufgabe zu erinnern oder irgendetwas in der Art. Es passierte nichts und das genoss Trixi gerade sehr. Sie wollte um alles in der Welt nichts verändern. Sie blieb liegen, auch als sie merkte, dass sich die Spucke langsam in ihrem Mundwinkel sammelte und drohte über ihre Lippe zu fließen und auf ihr Schlafshirt zu tropfen. Sie wagte trotzdem nicht sich zu bewegen, weil sie das Gefühl hatte, wenn sie ganz regungslos blieb, dann würde auch das Universum um sie herum regungslos bleiben, sobald sie sich aber bewegen würde, würde sie wahrscheinlich wieder eine ganze Lawine von Ereignissen lostreten.

    Das langsame, bedächtige Aufsetzen und die folgende totale Bewegungslosigkeit gaben auch Trixis Gedanken eine gewisse Trägheit. Sie begannen abzubremsen und schwirrten nicht mehr vollkommen richtungslos und wild umher. Sie verhielten sich wie kleine Zuckerkristalle in einem Glas voll Wasser. Wenn man das Wasser wild umrührt werden sie aufgewirbelt und schwirren umher, danach passen sie sich dem Strom, der Richtung an, in die gerührt wird und gleiten schließlich geordnet mit dem langsamer werdende Wasser zum Grund des Glases. Dort bleiben die Zuckerkristalle liegen. Bis sie wieder umgerührt werden. Während dieses Prozesses lösen sich die Kristalle langsam auf um Teil des Wassers zu werden und es zu verändern, ihm Geschmack hinzuzufügen.

    Genauso war es nun auch mit Trixis Gedanken. Der gestrige Tag hatte wirklich alles sehr wild umgerührt. Sogar die Beziehung zu ihren Eltern, die sie bisher irgendwie als Teil von sich, als gelöste Zuckerkristalle betrachtet hatte, schwirrten aufgewirbelt durch das Glas von Trixis Seele in dem das Wasser ihres Bewusstseins in Wallung geraten war. Gestern hatte sie den aufgewirbelten Kristallen eine Richtung gegeben und nun spürte sie, wie das Wasser zur Ruhe kam. Ihre Gedanken wieder zum Grund ihres Bewusstseins sanken und all das, was sich in diesem Prozess in ihr gelöst hatte, begann sie zu verändern, ihr in Form von Erfahrung und Wissen und neuen Gefühlen Charakter hinzuzufügen.

    Während sie so darüber nachdachte, schlief sie wieder ein und wachte nur einige Minuten später wieder auf, weil sie in etwas Feuchtem lag. Ihr Kopf war zur Seite gefallen und die gesammelte Spucke war über ihre Lippe geflossen und tropfte auf ihr Kissen. Sie blinzelte, wischte sich die Mundwinkel trocken, stellte die Füße auf den Boden und reckte sich und streckte sich, dass die Knochen knackten. Danach fühlte sie sich schon viel besser. Sie blieb weiterhin im Schneckentempo, um nicht wieder zu viel Wirbel in ihrem Wasserglas zu machen. Sie schlich langsam unter die Dusche.

    Ihre Gedanken begannen langsam wieder sich zu ordnen und ihren Befehlen zu gehorchen. Sie kam zurück zu sich selber. Das warme Wasser ran über ihr Gesicht und wusch die Tränen und all den Ärger von Gestern weg. Es entspannte die angestrengten Muskeln in ihrem ganzen Körper. Das war ein herrliches Gefühl, auch wenn es damit einher ging, dass ihr bewusst wurde, wie kaputt und müde sie trotz der langen Nacht noch war. Selten hatte sie sich direkt nach dem Aufstehen schon gefühlt als bräuchte sie eine Pause. Heute aber war es so und Trixi kämpfte nicht dagegen an. Sie blieb weiterhin im Schneckentempo und führte alles, was sie tat, mit einer besonderen Aufmerksamkeit aus. Das befreite sie von vielen der dunklen Gedanken, denn es brachte sie zurück in die Gegenwart.

    Ganz langsam kehrte die Kraft zurück. Ein Gedanke schälte sich aus ihrem Bewusstsein und brachte aus der Tiefe ihrer Seele ein loderndes Feuer mit. Trixis Innerstes drängte zur Suche nach der unbekannten Seele, die aus Arams Familie stammen musste. Das war für sie keine Aufgabe oder Verpflichtung, sondern ein Verlangen. Ihre Motivation dieses Verlangen zu stillen war wirklich hoch. Sie ließ sich aber auch von diesem Verlangen nicht unter Druck setzen.

    Sie eierte wieder zurück in ihr Zimmer. Beim Anziehen betrachtete sie sich im Spiegel. Die Veränderung ihres Körpers hatte ihr anfangs Angst gemacht und auch Schmerzen bereitet, aber inzwischen empfand sie vornehmlich Stolz darauf. Trixi spürte, wie die energetische Umstellung, die mit dem Feuer begonnen hatte, das während der Aktivierung ihres Reisezimmers von ihr Besitz ergriffen hatte, immer kompletter wurde und ihr Körper immer erwachsener. Der Schmerz war immer noch unangenehm, aber er wurde zur Nebensache und der Stolz wurde zur Hauptsache.

    Kaum hatte sie diesen Gedankengang zu Ende durchdacht und fühlte sich wieder wie Trixi, da wurde auch schon ihr Name gerufen. Von der Straße hörte sie Aram ihren Namen schreien. Sie lächelte wissend. Das zweite Rufen war schon näher und kam aus dem Vorgarten, das dritte wurde von Arams Schritten auf der Treppe begleitet und von Trixi mit einem fröhlichen „Hier!“ beantwortet, nachdem sie sich schnell Hose und T-Shirt übergezogen hatte. Aram bog um die Ecke und stand mit hochrotem Kopf und völlig außer Atem vor Trixi und stammelte: „Meine Gogyo-Ki, ich bin gerufen, gerade eben.“ Das Erwachsene des gestrigen Tages war fast ganz verschwunden und vor Trixi stand ein aufgeregter Aram, der sich einfach nur riesig freute. In diesem Moment ganz ohne Sorgen und Trauer. Juchzend und jubilierend tanzte Aram durch Trixis Zimmer und die lies sich von seiner Freude gerne anstecken und tanzte gleich eine Runde mit.

    „Wann geht‘s denn los?“ wollte Trixi wissen. „Schon in zwei Tagen.“ jubelte Aram und Trixi musste sich wirklich zusammen reißen, um sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Sie hatte vor gehabt, sich irgendwie in die Morgenhöhle zu schleichen und an der Zeremonie teil zu nehmen, um Diotima zur Rede zu stellen oder wenigstens heraus zu finden, wie der Original in ihrem Passanten reagieren würde, wenn er mit Diotima oder zumindest der Morgenhöhle konfrontiert wurde. Aram verschwendete gerade keinen Gedanken an Trixis Verschwörungstheorien. Aram war einfach nur glücklich, dass er jetzt doch zu einem ganz normalen Morgenländler werden würde. Trixi nahm sich fest vor, dass sie sich und ihr Verlangen zurück stellen würde und sich ganz darauf konzentrieren würde, dass ihr bester Freund eine tolle Gogyo-Ki bekam. Dazu würde sie in den nächsten zwei Tagen mehr Gelegenheit haben, als sie jetzt dachte.

    „Komm mit.“ rief Aram und zog sie die Treppe runter. Grinsend erwarteten Trixis Eltern die Beiden in der Küche und Aram erzählte ihnen mit dem gleichen Feuereifer von seinem Ruf zur Gogyo-Ki wie Trixi zuvor. „Und Trixi hat‘s gewusst, gestern hat sie‘s schon gesagt und heute passiert‘s. Ja!“ Er streckte seine rechte Faust in die Luft und rief dabei noch einmal „Ja!“. Trixis Eltern schauten Trixi an. „Du hast das gewusst?“ wunderten sie sich. Ohne sich anmerken zu lassen, dass sie ihre Worte genau wählte, um nichts falsches von gestern zu verraten sagte Trixi fachmännisch und ohne ihre Eltern anzuschauen „Ja, sein Seelenblühen war ja nun nicht mehr zu übersehen“. Trixis Eltern tauschten erstaunte Blicke aus und wendeten sich dann wieder Aram zu. „Schon übermorgen also. Dann habt ihr ja jetzt noch eine Menge zu tun.“ merkte Mama an und Aram griff den Gedanken gleich auf, indem er Trixi fragte „Hilfst du uns? Bitte! Du weist doch jetzt gerade alles ganz genau.“ Trixi war von der Idee begeistert, denn nun konnte sie vielleicht durch Arams Gogyo-Ki doch noch etwas herausfinden. „Klar helfe ich euch.“ freute sie sich und musste dann ihre Zusage gleich wieder einschränken: „Wenn Rosie mir das erlaubt“. „Wir fragen sofort.“ Aram rannte los und sprang auf sein Longboard. Trixi verabschiedete sich von ihren Eltern und stolperte aus dem Haus. Mal wieder ohne Frühstück. Sie holte Aram an der Kreuzung zur Schule ein, der gerade den Kindern, die sich auf dem Weg zur Schule befanden, erzählte, dass er heute nicht kommen würde, weil er übermorgen Gogyo-Ki hatte. Trixi hielt ihr Board an und wartet einige Meter entfernt. Sie schaute zu wie Aram die ehrlichen Glückwünsche und Gratulationen seiner Mitschüler und Freunde entgegen nahm. Wieder hatte sie das Gefühl, ihm beim Wachsen zuschauen zu können.

    Als sie bei Rosie ankamen, mussten sie mehrere Male klingeln und etwas warten, bis ihnen eine verschlafen aussehende Rosie die Tür öffnete. Ohne auf ein Herein zu warten, stürmte Aram durch den Flur ins Wohnzimmer, sprudelte seine tolle Nachricht heraus und bekniete Rosie, dass sie Trixi für die Vorbereitung seiner Gogyo-Ki freigeben solle. Während Aram darüber schwadronierte, wie toll alles schon war und noch werden würden und wie dringend er Trixi in den nächsten zwei Tagen brauchen würde, lächelten sich die beiden Frauen verständnisvoll an. Trixi spürte ganz deutlich, dass sie in dieser Situation auf der Seite der Erwachsenen stand. In ihrem Herzen, ihrer Seele und ihren Schultern spürte sie ihr Wachsen und sie spürte wie die neue Energie sich weiter in ihrem Bewusstsein löste und sie veränderte. Und das fühlte sich toll an und in diesem Moment kein bisschen schmerzhaft.

    Genau wie Trixis Eltern war Rosie von der Idee, dass Trixi die nächsten Tage mit Travis verbringen würde, nicht sonderlich begeistert, aber sie hatte sich selbst versprochen, ihm mehr zu vertrauen, nachdem ihr am gestrigen Abend klar geworden war, dass sie vielleicht in dem Glauben zu helfen Dios Passanten versteckt hatte und deshalb wohl zumindest mitverantwortlich war für die Situation. Rosie hatte schlecht geschlafen. Aber dieser Morgen überzeugte sie einmal mehr, das Vertrauen in die Tatkraft und die Kreativität der Jugend einer Gesellschaft nur helfen konnte und da musste sie bei sich anfangen. Es blieb ihr nichts anderes übrig als Trixi frei zu stellen. Sie bat sich allerdings aus, dass sie noch kurz mit ihr sprechen konnte. Trixi versprach Aram also, zu seinem Haus zu kommen, sobald sie fertig war.

    Rosie setzte sich mit Trixi in den Garten und die beiden frühstückten ausgiebig von Rosies Morgenländer Geschirr. Schließlich brauchten beide dringend Kraft und Trixi hatte nicht viel Zeit. Trixi hatte das Gefühl, sie brauchte dringend mehr Zeit, wünschte sich manchmal, sie anhalten zu können.

    „Wie geht es dir?“ wollte Rosie wissen, nachdem die beiden satt waren. Trixi merkte, dass es sich bei der Frage nicht um eine Floskel handelte, sondern, dass Rosie wissen wollte, wie es in Trixi im Moment aussah. Trixi schwieg, denn eigentlich hätte sie so etwas sagen wollen wie „Mir geht‘s schlecht. Weil ihr mich alle anlügt.“ Sie schaute Rosie stattdessen einfach an und seufzte tief und sorgenvoll. „Oh man, du brauchst eine Pause.“ befand Rosie als sie den leeren Blick ihrer Schülerin sah. „Pass auf: Die nächste Woche ist frei. Du machst was du möchtest und wenn du nur schlafen und nicht reisen willst, dann machst du das.“ Als Antwort erhielt sie ein zweifelndes „Okay“. „Ich glaube ich muss mal was klarstellen.“ sagte Rosie nachdenklich: „Es ist nicht ganz durchschnittlich wie dein Passantenurlaub bisher verlaufen ist. Die Selbstfindung, die Umstellung der Energie in dir, die neuen Erfahrungen, das braucht eigentlich alles Zeit, um bei dir anzukommen.

    Normalerweise habe ich jeden Tag gute zwei bis drei Stunden mit meinen Schülern zu tun, wir haben die letzten Wochen die Tage und sogar einige Nächte zusammen verbracht. Die Aufgabe, die du gestern mit Aram erledigt hast, braucht sonst eine gute Woche und das Besprechen von dem, was gefunden wurde, auch noch mal.“ Rosie schwieg eine Weile und legte sich die weiteren Worte zurecht. Es war zu sehen, dass das anstrengend für sie war. „Du bist mit allem so schnell, dass wir Erwachsenen schon Mühe haben, dir in deiner Entwicklung zu folgen.“ Trixi schwieg weiter. Trotz des warmen einfühlsamen Tons, den Rosie beim Sprechen hatte, fühlten sich ihre Worte wie ein Vorwurf an. „Ihr armen Erwachsenen.“ murmelte sie während sie auf ihre Zehenspitzen starrte. In Rosies Gesicht zeigte sich Erleichterung. „Genau, Trixi, genau so ist es nämlich nicht. Genau das wollte ich dir sagen und klar machen. Was du in den letzten Tagen geleistet hast ist außergewöhnlich. Keiner von uns hatte nach seiner Gogyo-Ki so eine anstrengende Zeit.“ „Warum bloß?“ fragte Trixi und schaute Rosie dabei direkt in die Augen. Rosie stand auf, kniete sich vor Trixi hin und umarmte sie. Während der Umarmung flüsterte sie: „Ich weiß es nicht mein Schatz. Es gibt so viel, das ich nicht weiß“. Dann löste sie die Umarmung sah Trixi tief in die Augen und sagte: „Ich werde immer für dich da sein. Solange ich Teil dieser Welt bin. Solange mein Körper noch durchhält, solange ich denken und fühlen kann, so lange werde ich für dich da sein. Du kannst mit allem zu mir kommen.“ Trixi lächelte. Obwohl sie wusste, dass das nicht stimmte bzw. dass sie das nicht wollte. Es gab inzwischen Dinge, die wollte sie weder mit Rosie noch ihren Eltern besprechen und die Suche nach der Seele, die sie zu rufen schien, gehörte dazu.

    „Keine Ahnung wie ich das alles schaffen soll.“ sagte Trixi und wischte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel, während Rosie sich wieder auf ihren Platz setze. Rosie lachte „Ich hoffe das hört sich nicht blöd an, aber erstens ist es jetzt schon nicht mehr so viel und zweitens hat man dieses Gefühl als Erwachsener viel öfter, als man als Kind denken würde.“ „Ich würde mir gerne ein bisschen Zeit beim Morgenland bestellen.“ witzelte Trixi.

    Dieser Scherz hatte einen ernsten Hintergrund, wie es bei Scherzen so oft der Fall ist, denn Trixi hatte in letzter Zeit tatsächlich das Gefühl, dass die Zeit schneller verging. An einem einzigen Tag hatte sich für sie die Welt verändert, wenn sie früher etwas neues entdeckt hatte oder einen aufregenden Tag mit ihren Freunden oder mit Ihren Eltern verlebt hatte. Dann hatte sich ein einziger Tag wie eine ganze Woche angefühlt.

    „Das würde ich auch gerne machen.“ erwiderte Rosie mit einem abwesenden Blick. Noch ganz in Gedanken fragte Trixi „Was?“. „Zeit bestellen“ träumte Rosie. „Das würde ich auch gerne“. „Das Morgenland kann das doch oder?“ fragte Trixi und Rosie antwortete mit einem ihrer unumstößlichen Neins. „Das kann nichts und niemand. Das würdest du auch nicht wirklich wollen. Zeit, meine liebe Trixi, ist was alle Lebewesen, alle Seelen und alles andere Sein in diesem Universum miteinander verbindet und dem was du tust damit auch Sinn gibt. Denn niemand kann in der Sekunde in der Situation das gute Tun, was du tust. Denn in diesem Moment bist vielleicht nur du da. Niemand kann zurückreisen. Wir alle haben Aufgaben, die wir nicht kennen, die aber nur wir lösen können und sei der Grund dafür nur deine Anwesenheit zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort. Nur du bist da und so kannst nur du, dem Schwachen helfen, der dort bedroht wird, die Katze retten oder auch nur im richtigen Moment einmal Danke sagen. Wenn man die Zeit manipulieren könnte, dann würde jeder der Schnellste sein wollen und viele würden die anderen für ihre eigene Schnelligkeit verlangsamen.“ „Ich würde mich einfach selber beschleunigen.“ unterbrach Trixi. „Das ist das Gleiche.“ sagte Rosie und erläuterte: „Wenn du dich schneller machst, dann sind die anderen langsamer. Wenn man die Zeit überlisten könnte, würde alles letztendlich zum Stillstand kommen. Alles würde in dem Moment anhalten, in dem der Erste seinen Vorteil darin sucht, die Zeit für sich zu verlangsamen oder sich selbst zu beschleunigen.“ „Warum?“ überlegte Trixi. „Weil das Vergehen der Zeit der eigentliche Sinn des Lebens ist.“ erklärte Rosie. „Wenn du etwas tust, dann entscheidest du, wie viel Raum es in deinem Leben einnehmen soll. Diese Entscheidung entfällt, wenn du schneller lebst als die Zeit vergeht, jeder kann alles machen und wird deshalb nichts tun. Du könnest dann ein ganzes Leben in einer einzigen Sekunde erleben, was dazu führt, dass du niemals eine Entscheidung treffen musst und unsere Entscheidungen sind doch was die Welt der Menschen verändert. Wenn diese Veränderung entfällt bedeutet das den Stillstand des menschlichen Lebens. Zeit ist das, was Geburt und Tod voneinander trennt, Zeit ist deshalb Leben, denn ohne Zeit sind Geburt und Tod eines und Leben verschwindet einfach.“ „Ich glaube, ich versteh das.“ bemerkte Trixi. „Wenn es keine Zeit mehr gibt, dann gibt es keine Entscheidungen mehr und weil dann einfach jeder alles machen kann, verliert das Leben seinen Sinn und hört auf zu existieren.“ „Ganz genau.“ sagte Rosie stolz. „Und solche Überlegungen, solches Verständnis dafür wie die Welt um dich herum funktioniert und warum sie so funktioniert sind anstrengend. Es ist Kraft raubend zu versuchen, die Welt zu begreifen und du machst damit jetzt eine Pause und konzentrierst dich eine Woche nur auf dich. Sei einfach ein bisschen da. Heldentaten wirst du bestimmt noch dein ganzes Leben lang vollbringen.“

    Trixi merkte, dass der Druck, den sie verspürt hatte, zu einem großen Teil von ihr selber ausgegangen war. So ganz konnte das mit der Zeit, dass sie immer einfach vergeht, nicht stimmen, denn Trixi fühlte ganz genau, dass Rosie ihr gerade Zeit geschenkt hatte.“ Noch einen Augenblick saßen die beiden gemeinsam da. Trixi ließ die Zuckerkristalle, die das Gespräch ihrem Glas Wasser hinzugefügt hatte, langsam an den Grund ihres Bewusstseins sinken, um sich dort zu lösen. Früh genug würden sie wieder aufgewirbelt werden.“

    Die Vorbereitungen zu Arams Gogyo-Ki raubten Trixi einen guten Teil von der Zeit, die Rosie ihr gerade geschenkt hatte, wieder. Dennoch blieb Trixi jeden Nachmittag und jeden Abend Zeit dafür, sich ein wenig mit sich selbst zu beschäftigen, einfach mal wieder ein bisschen Fernsehen zu schauen und ausführlich schwimmen zu gehen. Das machte sie zum ersten Mal in ihrem Leben alleine und sie genoss es ganz alleine weit raus zu schwimmen, sich in das Walross zu verwandeln, zu tauchen und die Stille des Abendsees zu genießen, der so groß war, dass man ihn an einem Tag nicht durchschwimmen konnte. Nicht mal als Walross.

    Es gab ihr aber auch Zeit, sich mit ihrem Passanten zu beschäftigen und mit dem Internet, das sie gerade so richtig kennen und schätzen gelernt hatte. Dabei war sie auf Alexia-Phelicia getroffen, beziehungsweise gelernt sie zu nutzen.

    Alexia-Phelicia war eine im Internet existierende künstliche Intelligenz. Sie bestand also ganz aus Daten und darauf war sie recht stolz. Sie wusste alles, was man im Internet finden konnte und das war wirklich extrem viel, hatte Trixi heraus gefunden. Man fand dort nicht nur Informationen über Menschen, Tiere und Technik, sondern auch viele Spiele und Filme und Bilder. Trixi verbrachte die Abende damit, sich aus ihrem Passanten einen großen Bildschirm zu holen und sich darauf die ganze weite Welt des Internets anzeigen zu lassen. Alexia-Phelicia nannte sie inzwischen Lexi und obwohl der Haufen Daten offensichtlich kein Mensch war, war sie doch ziemlich nützlich. Anstatt Fragen in die Suchmaschine einzutippen und ständig auf dem Bildschirm herumzutippen, konnte Trixi mit Lexi einfach sprechen und ihr Fragen stellen und Lexi suchte dann alle relevanten Informationen heraus, die es zu der Frage im Internet gab und das war immer mehr, als man lesen, sehen oder hören konnte. Allerdings wiederholte sich oft der gleiche Inhalt.

    Mit Hilfe von Lexi lernte Trixi das Internet und seine unterhaltsame Seite deutlich besser kennen. Sie schaute Filme, spielte Videospiele und entdeckte Kleidungs- und Musiktrends der Normwelt, die sich als viel bunter und offener heraus stellte, als sie es erwartet hatte. Auch wenn es nur zwei Tage waren, hatte Trixi das Gefühl richtig Kraft tanken zu können. Die Idee heimlich an Arams Gogyo-Ki teilzunehmen verwarf sie recht schnell. Sie wollte Aram nicht seinen großen Tag versauen. Die Ansprache von Rosie hatte ihr bewusst gemacht, dass es sich bei ihrer Aufgabe um eine Lebensaufgabe handelte und sie nicht innerhalb ihres Passantenurlaubes lösbar war.

    Trixi hatte inzwischen mit ihren Eltern über die Aufgabe gesprochen und die hatten ihr erklärt, dass es wahrscheinlich überhaupt keine einzelne deutliche Lösung zu diesem Rätsel geben würde. Sie glaubten, dass sie vielmehr immer mal wieder im Leben als Wegweiser dienen konnte und dass es vor allem darum ging, was Trixi lernte während sie sich mit dem Rätsel auseinander setzte und nicht darum, eine bestimmte Bedeutung zu entschlüsseln. Es handelte sich schließlich nicht um eine Schnitzeljagd, sondern um Trixis Leben. Trixi hatte mit ihnen auch über die Zeit gesprochen und Trixis Mama hatte gesagt, dass jede Zeit im Leben der Menschen irgendwie immer existierte, weil es immer jemanden gab, der gerade geboren wurde und jemanden der gerade seine Gogyo-Ki hatte und auch immer jemanden, der gerade im Sterben lag. „Wenn ich dich anschaue, dann sehe ich, wie du laufen gelernt hast und schreiben. Ich sehe dich nach deiner Gogyo-Ki und ich sehe dich jetzt hier vor mir stehen. Ich sehe aber auch wie du dich verliebst. Ich sehe eine Zukunft, die noch nicht existiert. Ich sehe wie du heiratest und eigene Kinder bekommst, so sehe ich dich, obwohl ich überhaupt nicht weiß, was du machen wirst, aber ich weiß, was im Leben schön und wichtig ist und ich weiß, wie das Leben der Menschen verläuft. Die Zeit ist es nämlich eigentlich nicht, die in deinem Leben zählt. Es sind die Ereignisse. Die Zeit sorgt lediglich dafür, dass wir Fortschreiten, wohin, wie und mit wem du deinen Lebensweg gehst, entscheidest du gemeinsam mit den Menschen und der Welt, die dich umgeben. Zeit verläuft immer. Vollkommen unabhängig, was wir entscheiden. Du hast dein ganzes Leben Zeit alles zu machen, was du möchtest und was du glaubst machen zu müssen. Es gibt genügend Menschen, die sehr früh anfangen zu arbeiten und sehr spät lernen zu lesen. Ich will nur sagen: es gibt keinen richtigen Ablauf im Leben eines Menschen.“

    Trixi hatte dadurch eine Ahnung davon bekommen, dass sie noch ganz am Anfang ihrer Reise stand und das schlechte Gewissen, das sie in den letzten Wochen voran getrieben hatte, weil sie das Gefühl hatte, die Zeit liefe ihr weg und sie würde nicht genügend Erfolge in einen Tag hinein bekommen, war zum allergrößten Teil verschwunden. Trixi versuchte nicht mal die Seele aufzuspüren, von der sie das Gefühl hatte, sie würde sie zu sich rufen. Es war ihr zu anstrengend und diese Pause gönnte sie sich jetzt mal.

    Die Vorbereitungen waren zwar zeitraubend, aber sie wirbelten in ihrem eigenen Glas nicht viel altes oder neues auf. Die Erinnerung an ihre eigene Gogyo-Ki kam zwar gelegentlich zurück und schien immer noch irgendwie unreal, aber sie war nicht aufgeregt oder hatte mit Angst zu kämpfen. Die Tage waren die deutlich ruhigsten seit dem Beginn ihres Passantenurlaubs. Aram hingegen war aufgeregt wie ein Welpe auf seinem ersten Spaziergang. Alles war neu und toll.

    Dann kam Arams großer Tag und als Trixi sich mit ihren Eltern auf den Weg machte und wieder zu Fuß ging, genau wie zu ihrer eigenen Gogyo-Ki, da war der Weg wieder viel kürzer. Was dann allerdings unfassbar lang war, war die Zeit, bis Aram wieder aus der Morgenhöhle kam.

    Trixi saß mit Rosie und ihren Eltern und Travis an einem Tisch. Es wurde nur sehr wenig geredet und Trixi spürte die Last, die Unterhaltung zu führen, schwer auf ihren Schultern. Die Erwachsenen wollten offensichtlich vor allem nichts falsches sagen. Irgendwann konnte Trixi nicht mehr und beschwerte sich: „Warum dauert das solange, was macht der da drin?“. Die Erwachsenen lachten, sie kriegten sich kaum wieder ein. Trixi war erstaunt. Travis hatte sie noch nie so lachen sehen. „Was ist daran bitte so witzig?“ ereiferte sie sich, aber sie ahnte schon was kommen würde und so war es auch. „Das sagt ja die Richtige.“ schmunzelte ihre Mama und Travis ergänzte „So sieht‘s auf der Erwachsenenseite aus.“ Trixi lächelte stolz und das Warten fiel ihr gleich leichter.

    Die gespannte Stimmung war auch etwas gelöster und wenigstens Rosie und Trixis Papa begannen eine Unterhaltung. Trixi wusste nun auch, was das Problem mit dem Essen war. Es stand die ganze Zeit da und es wäre ein herrlicher Zeitvertreib gewesen, wenigstens eine Kleinigkeit naschen zu dürfen. Beim Warten dehnte die Zeit sich auf eine unangenehme Weise, vor allem wenn man auf etwas wartete, das eigentlich schon da war. Wie das Essen. Wenn das einzige, worauf man wartete, das Vergehen der Zeit war, dann dehnte die sich auf unangenehme Weiße. Sekunden wurden zu Minuten und eine Stunde fühlte sich an wie eine Ewigkeit.

    Nach zwei Stunden war Aram immer noch nicht draußen. Dann endlich, nach fast zweieinhalb Stunden kam Aram aus der Morgenhöhle. Er trug ein kleines Säckchen bei sich, in dem sich sicherlich sein Passant verbarg. Er sah nicht glücklich aus. Er sah verwirrt aus und verletzlich. Er ging ohne Umwege zu seinem Papa, umarmte ihn, kletterte auf seinen Schoss und lies sich von ihm trösten. Niemand sagte etwas und alle starrten nur Aram an. Der merkte das nach einigen Minuten und eröffnete das Buffet, woraufhin die meisten nicht ans Buffet strömten, sondern zu Aram, um ihm zu gratulieren.

    Als Trixi die Überforderung in seinen Augen sah, konnte sie das ganz genau nach fühlen. Sie ging zu ihm und begleitete ihn einfach überall hin ohne ihm die Fragen zu stellen, die ihr nach zwei Tagen Ruhe im Wasserglas durch den Kopf geisterten. Als er sie einmal kurz an sah hatte sie das Gefühl tief in seine Seele zu blicken. „Wir finden was dich ruft.“ versicherte er ihr plötzlich. Etwas in ihm war zur Seite geräumt. Etwas hatte sich aufgelöst. Trixi hatte immer das Gefühl gehabt, Arams Seele nur durch einen Schleier, wie durch Milchglas, zu sehen aber jetzt sah sie seine Seele durch seine weit offenen Augen ganz klar und hell und in schillernden Farben scheinen. Das freute sie, aber sie würde ihn jetzt mit dieser Erkenntnis sicherlich nicht belästigen. Außerdem sah sie den Beginn der energetischen Umstellung und er sah exakt so aus, wie bei ihr selber. Kein Unterschied, weil er ein anderer Mensch war. Kein Unterschied, weil er ein Junge war. Bei sich selbst hatte Trixi den Aufstieg der roten Energie erst wahrgenommen als sie fälschlicherweise die Aktivierung ihres Reisezimmers innerhalb des Zimmers erlebt hatte. Jetzt aber begriff sie, dass es sich nur um eine Beschleunigung gehandelt hatte. Die Energieumstellung begann ganz von alleine, ganz natürlich und ohne jegliche Hilfe von außen. Die Umstellung war der Grund gerufen zu werden und nicht der Ruf der Grund für die Umstellung.

    Insgesamt verlief Arams Gogyo-Ki aber deutlich leiser und sie war auch deutlich kürzer. Arams Freunde spielten dabei die größte Rolle. Aram hatte kein Problem damit allen seinen Passanten zu zeigen. Genau wie Trixi war er von dem ersten Eindruck aber enttäuscht. Trixi lächelte als sie ihn dasitzen sah. Er kramte gerade seinen Passanten aus dem kleinen Säckchen aus schwarzem Samt. Es handelte sich um drei kleine Teile, die alle zusammen hingen. Ein fingerdicker Stab, an dem an der einen Seite ein Kegel mit einem Loch in der Mitte und auf der anderen Seite eine dicke Scheibe mit einem Loch darin hing. Man konnte die drei Teile aneinander verschieben, aber nicht voneinander trennen, als würden sie von einer magnetischen Kraft zusammengehalten.

    Aram wusste so viel mehr über Passanten als sie zu ihrer Gogyo-Ki gewusst hatte, aber er war genauso vor den Kopf gestoßen von der ersten Erscheinung seines Passanten wie Trixi es gewesen war. „Meiner war am Anfang einfach nur ein Stein.“ tröstete Trixi. „Und jetzt:“ lächelnd hielt sie ihren rechten Arm hoch, an dem sie das Armband trug, das ihren Passanten in verkleinerter Form als Zierstein trug. Sie hatte inzwischen sogar herausgefunden, wie sie seine Farbe verändern konnte, aber damit gab sie jetzt lieber nicht an.

    Nur kurz danach, in einem unbeobachteten Moment, gestand Aram: „Ich will nach Hause, ich kann nicht mehr.“ Trixi konnte sich noch an die Energielosigkeit nach ihrer eigenen Gogyo-Ki erinnern. Sie hatte kaum noch stehen können. Sie ging sofort zu Travis und sagte ihm, dass Aram nicht mehr konnte und Travis reagierte umgehend. Er machte eine Runde und redete mit jedem Gast kurz und vertraulich und offensichtlich sehr freundlich. Travis verabschiedete sich von allen und danach verabschiedeten sich alle von Aram, der nur noch da sitzen und Hände schütteln musste. Rosie und Trixis Eltern aber sammelte Travis ein. Sie alle gingen zusammen zu Aram nach Hause. Travis hatte dort noch ein kleines Nachtischbuffet mit tollen süßen Kleinigkeiten vorbereitet. Es gab Muffins, Cakepops, Lollis, Bonbons in tollen Geschmacksrichtungen wie Kirsch-Schoko-Banane.

    Der Heimweg der Gruppe begann zwar schweigend, aber relativ bald unterhielten sich Travis und Torben sehr vertraut miteinander. Als alle durch die offene Tür des Hauses spazierten hatte sich eine tolle gelöste Atmosphäre entwickelt. Sobald sie im Wohnzimmer ankamen verlagerte sich das Gespräch auf die tollen Nachtische, die Travis, wie sich herausstellte, alle selber gemacht hatte, sogar die Bonbons.

    Aram schnappte sich eine Schale mit Lakritzbonbons, die mit einer dunklen Schokolade überzogen waren, setzte sich im Schneidersitz in einen alten Sessel und begann seinen Passanten zu beforschen, hörte immer mal wieder dem Gespräch zu und wirkte auf Trixi sehr zufrieden. Auch Trixi fühlte sich sehr geborgen in der Atmosphäre, die in dem kleinen Wohnzimmer entstanden war. Es war familiär. Dass die Erwachsenen alle sehr vertraut miteinander waren und gemeinsam lachten und tranken, führte dazu, dass sich auch die Kinder mal wieder absolut wohl und sicher fühlen konnten.

    Als das Gespräch kurz zum erliegen kam, weil alle Anwesenden an etwas herum kauten oder lutschten, nutzte Trixi die Gelegenheit. „Rosie?“, die Erwachsenen schauten auf, „Wir haben doch vor zwei Tagen über die Zeit geredet,“ dann schaute sie ihre Eltern an, „und wir haben auch über die Zeit geredet“ mit dem gleichen gespannten Gesicht und den gleichen interessierten wachen Augen schauten sich Travis und sein Sohn Aram an. Sie waren sehr gespannt, was als nächstes passierte.

    „Wenn die Zeit nicht veränderlich ist und nicht beschleunigt oder verlangsamt werden kann, wie kann das Morgenland dann plötzlich einen Baum entstehen lassen? Oder einen ganzen Wald? Oder sogar einen Berg mit Schnee und Bäumen und Tieren darauf? Es braucht doch eigentlich Jahrtausende bis ein Berg entsteht.“ Rosie, Jule und Torben schauten sich gegenseitig an und hatten alle den Mund voll. „Darf ich?“ fragte Travis in Richtung von Jule und obwohl Trixi die Sorge in den Augen ihrer Mutter erkannte, sagte die durch einen Bissen von einem Rum-Sahne Törtchen: „Klar, gerne“. Die Spannung im Raum war körperlich zu spüren, als Travis begann zu erzählen. „Das Morgenland ist nicht an sich lebendig. Es scheint ein Eigenleben zu führen aber nicht alles hier teilt sich eine Seele. Ein Stein ist ein seelenloser Stein, Erde bloße Erde und Metall nicht lebendiger als in jeder anderen Welt. Das Morgenland an sich ist im Prinzip künstlich.“ Trixi merkte, wie ihre Eltern und Rosie die Luft anhielten, aber sie hielten sich zurück. „Diese Welt hört auf das Kommando einer Seele. Es ist eine unglaublich wohlwollende, eine uralte und eine fast allwissende Seele, aber es ist eben nur eine Seele, die sich die Kräfte dieses Ortes zu Nutze macht. Alles was du hier siehst ist aus anderen Welten. Es ist so echt wie alle anderen Welten, aber es ist eben nicht hier gewachsen, nicht hier entstanden. Jeder Baum, der das Morgenland verschönert, kommt aus einer anderen Welt.“ Rosie nutzte die entstehende Pause, um zu ergänzen: „Ursprünglich stimme ich zu. Genauso wie in allen anderen Welten funktioniert aber auch hier die Natur. Wenn hier ein Samen in die Erde fällt, dann wächst er und zwar zu Ende.“ „Du hast recht Rosie, wenn ich sage, das Morgenland ist künstlich, stimmt das nicht, aber das Morgenland ist auch nicht gewachsen wie andere Welten. Es ist ein Puzzle. Und dadurch ist es so magisch.“ „Versteh ich nicht“ kam von Arams Sessel und die Anwesenden waren fast schon überrascht, denn seit dem Aufbruch, der inzwischen einige Stunden her war, hatte Aram nichts mehr gesagt. „Das Morgenland lässt nichts entstehen, sondern es transportiert. Es transportiert reale Dinge aus anderen Welten. Es achtet dabei genauso auf das Wohlergehen der Geschöpfe in der anderen Welt wie im Morgenland, aber dennoch nimmt es einen ganzen Wald aus einer anderen Welt und verpflanzt ihn hierher. Wir alle hier thematisieren diesen Fakt nicht und er ist auch nicht Teil des Schulunterrichts und er wird auch nicht während der Passantenurlaube unterrichtet.“ Während er das sagte, schaute er Rosie an und man sah, dass es sich um ein heikles Thema handelte, bei dem die beiden nicht einer Meinung waren.

    Trixi war bedient. Davon hatte sie wirklich nichts geahnt. Als Aram sich verabschiedete, um ins Bett zu gehen, verabschiedete sich auch Trixi. Die Erwachsenen blieben noch zusammen sitzen.

    Zuhause verdrängte Trixi was sie erfahren hatte, machte sich einen schönen Abend mit Freundinnen aus dem Internet und schlief ein bevor ihre Eltern zurück kamen.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

     

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    42 min
  • Trixi im Morgenland Folge 07: Alte und neue Wunden

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi stand da wie versteinert. Sie versuchte angestrengt zu verstehen, was Aram ihr da zeigte. Ihre Gedanke rasten. „Wenn das Diotima ist, warum erzählt mir Rosie nichts davon?“ fragte sie sich. „Wenn das Travis ist, warum erzählen mir meine Eltern nichts davon? Wenn Aram so viel von Diotima und seinem Vater weiß, warum erzählt er mir nichts davon?“. Der Moment, in dem sie das Bild sah, war nicht erleichternd und auch nicht erleuchtend. Trixi war verletzt, sie fühlte sich ausgeschlossen und belogen. Dann nahm ein anderer Gedanke in ihr Form an. Sie dachte, dass sie weder Rosie noch ihren Eltern erzählt hatte, was sie während ihrer Gogyo geträumt hatte und sie fühlte sich plötzlich als wäre sie selbst Schuld an dem Schmerz, den sie in ihrem Herzen und in ihrer Körpermitte spürte. Verzweiflung und Hilflosigkeit übernahmen.

    Trixi versuchte einen tiefen Seelenzug, aber dort wo sonst die Ruhe her kam, fand sie in diesem Moment nur Unsicherheit. Der tiefe Atemzug brachte den Schmerz an die Oberfläche. Als er ankam, kullerten Trixi einige Tränen aus den Augen, ohne dass sie wirklich weinte oder schluchzte. Sie wusste nicht genau, was sie da sah und je länger sie das Bild betrachtete, desto weniger sicher war sie, dass es tatsächlich genau das abbildete, was sie geträumt hatte. Ihr Atem wurde flach. Sie fühlte sich verloren in einem Meer von Möglichkeiten. Bis eben hatte sie noch einen klaren Weg gesehen, gedacht und gefühlt, dass sie voran schritt in Richtung des Ziels ein Erwachsener zu werden. Nun aber hatte sie das Gefühl, in den Anforderungen, die an sie gestellt wurden, zu ertrinken. Sie konnte nichts anderes als mit den Achseln zucken, wie angewurzelt da zu stehen und das Bild anzustarren.

    Arams Reaktion darauf waren ebenfalls stille Tränen, die ihm als Zeichen seiner Überforderung über die Wangen liefen und nicht aufhörten zu laufen bis sie auch seinen Hals hinunter rannen und den Kragen seines T-Shirts befeuchteten. Trixi sah wie sich viele Jahre der Trauer und der Anstrengung den Weg durch seine Tränen in die Freiheit bahnten. Sie konnte ihn nicht trösten, sie konnte nur gemeinsam mit ihm weinen. Regungslos standen die beiden mutigen Teenager sich gegenüber und weinten gemeinsam ihre Einsamkeit und ihre Hilfslosigkeit in die Normwelt hinaus.

    Sie brauchten weder Worte, um sich zu verständigen noch Berührungen um sich zu trösten, sie wussten beide ganz genau, wie es dem anderen ging. Sie standen gemeinsam in einer Sackgasse und weder der eine noch der andere wusste einen Ausweg.

    Nach einiger Zeit fingen die beiden sich und wischten sich die Wangen trocken. Trixi hielt Aram die geöffnete Hand hin und Aram legte das Bild hinein. Gemeinsam betrachteten sie es noch eine Weile. Trixi brach das trauernde Schweigen, indem sie fragte: „Ist das dein Vater?“ Aram schaute ihr in die Augen und nickte lächelnd. Trixi sah in seinem Blick die tiefe Liebe, die er für seinen Vater empfand und wusste in diesem Moment, dass Travis zumindest in einigen Punkten Unrecht getan wurde. Auch wenn es nie jemand laut aussprach, hielten die anderen erwachsenen Morgenländer Travis offensichtlich für einen schlechten Vater, aber das war er nicht, das konnte er nicht sein, wenn er von Aram so vertrauend geliebt wurde. Es war deutlich zu sehen, dass schon der Gedanke an ihn seinem Sohn Mut gab. „Ich glaube, ich habe nicht deinen Vater gesehen. Ich habe nicht den Mann gesehen, der hier auf dem Foto ist. Ich habe einen jüngeren Mann gesehen, deshalb habe ich ihn auch für dich gehalten. Jetzt wo du hier neben mir sitzt, bin ich mir allerdings sicher, dass ich dich sofort erkannt hätte. Wärest du es gewesen, hätte ich es von Anfang an genau gewusst. Dann wäre nie auch nur der geringste Zweifel in mir gewesen. Ich würde dich überall und zu jeder Zeit wiedererkennen.“

    Als Antwort lächelte Aram Trixi an. „Wer hat denn das Foto gemacht und wer ist darauf zu sehen?“ Trixis Kopf begann wieder normal zu arbeiten. „Das ist mein Papa mit Mama.“ „Das ist deine Mutter?“ fragte Trixi erstaunt, sie hatte noch nie zuvor ein Foto von ihr gesehen. „Ja, das ist das einzige Foto von ihr. Ich habe Zuhause noch zehn Abzüge.“ bestätigte Aram und fuhr fort: „Rosie hat das Foto gemacht. Deine Eltern waren auch dabei.“ „Wie bitte?“. „Ja, ich hatte schon befürchtet, dass sie dir davon nichts erzählt haben, aber Rosie und deine Eltern und Papa waren früher gut befreundet. Sie waren auch alle gemeinsam in Turisede als Rosie Thor Alfson kennen gelernt und sich in ihn verliebt hat“. Trixi wiederholte sich „Wie Bitte?“ „Ja. Papa hat mir erzählt, dass die anderen darüber nie reden, weil es damals wohl ziemlichen Streit gegeben hat. Er hat mir das Versprechen abgenommen, dir davon nichts zu erzählen, aber nachdem du mir von deinem Traum, deiner Reise nach Tuirisede und dem Original in deinem Original erzählt hattest, wusste ich, dass ich mit dir darüber würde reden müssen. Egal, was ich Papa versprochen habe.“

    Die Schuld und die Scham, die Trixi aufgrund ihres Schweigens gegenüber ihren Eltern und Rosie gefühlt hatte, wandelte sich in Ärger. „Egal, was ich von meiner Gogyo-Ki erzähle oder nicht, das hätten sie mir spätestens erzählen müssen als Rosie zu meiner Professorin für den Passantenurlaub wurde.“ dachte sie. Auch von Rosie war Trixi enttäuscht. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Vertrauen missbraucht worden war. Die Naivität, die alle drei ihr im Umgang mit der Normwelt und mit anderen Menschen im Allgemeinen vorgeworfen hatten, hatten sie alle gnadenlos ausgenutzt. „Ich bekomme einen Original-Passanten vom Morgenfelsen und ich reise mit Rosie nach Turisede, dort bekomme ich noch einen Original-Passanten und Rosie, die alte Hexe, schweigt, obwohl sie mir doch was beibringen soll. Wie soll ich die Welt kennen lernen, wenn gerade meine Eltern und meine Lehrerin die Wahrheit darüber von mir fern halten?“ überlegte Trixi. Jetzt wo sie darüber nach dachte, wurde sie ziemlich böse. Sie verspürte eine seltsame Tatkraft, wie einen Zwang etwas zu unternehmen, und zwar alleine. Sie spürte plötzlich ganz klar, dass es richtig gewesen war, den Dreien nicht alles über ihre Gogyo-Ki zu erzählen und ihr schlechtes Gewissen darüber, dass sie nicht ganz aufrichtig gewesen war, verschwand einfach.

    „Entschuldige Trixi, aber ich muss das wissen: wen hast du in deinem Traum gesehen?“ Trixi kämpfte nicht mehr mit dem Schweigen. Die Regeln, denen sie sich noch vor ihrem Eintritt ins Erwachsenwerden so verpflichtet gefühlt hatte, verloren gerade ihre Bedeutung. So weit weg von ihren Eltern und Rosie und dem Morgenland fühlte sich deren Schutz zunehmend an wie eine Gefängnis. „Deine Mutter.“ platzte sie heraus. „Sie sieht genauso aus wie Diotima, mir egal, dass du deine Gogyo noch nicht hattest. Deine Mutter sieht aus wie Diotima und in meinem Traum habe ich nicht den Mann auf dem Foto gesehen, es war nicht dein Vater und es warst auch nicht du. Es fühlt sich so an, als wäre es eine Seele gewesen, die genau zwischen dir und deinem Vater existiert. Es ist eine Seele in einer der Welten, die etwas von dir hat und etwas von deinem Vater und etwas von deiner Mutter und etwas Diotima.“

    Trixis Herz begann zu pochen wie verrückt, als ihr klar wurde, dass sie diese Seele unbedingt finden musste. Das Chaos lichtete sich, Trixi sah ihren Weg wieder genauer vor sich und sie wusste, dass sie ihn alleine gehen musste. Gerne mit Arams Unterstützung, aber sie alleine würde bestimmen, wie er auszusehen hatte. Niemand anders. Wohin sie dieser Weg führen würde, wusste sie noch nicht, aber sie wusste ganz genau, dass es ein Weg sein würde, der bei ihren Eltern, ihrer Lehrerin und vielleicht sogar dem Morgenland selber auf Widerstand stoßen würde. Trixi aber würde jeden Widerstand, der sich ihr auf diesem Weg stellte, nieder werfen, wenn nötig mit brutaler Gewalt. Das war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie bereit war, sich mit Händen und Füßen und all ihrer körperlichen und seelischen Kraft für etwas einzusetzen, das nicht jeder gut finden würde. Sie spürte eine kalte, angstlose Entschlossenheit in sich, die keinen Mut benötigte, weil Trixi auf diesem Weg nicht das Opfer sein würde, sondern dieses eine Mal der Täter.

    Trixi schaute Aram voll Mitgefühl an, als sie die erneute Verzweiflung in seinem Gesicht wahrnahm. Als Aram seine Emotionen in Trixis Augen gespiegelt sah, weinte er laut und ohne Zurückhaltung. „Warum sieht meine Mutter aus wie Diotima?“ schluchzte er. „Warum gibt es für mich keine Antworten, sondern immer nur neue Fragen? Ich strenge mich an, ich weiß mehr als viele Erwachsene über das Morgenland und seine Geschichte und über die Normwelt erst recht und trotzdem komme ich nicht voran. Ich habe das Gefühl, mich im Kreis zu drehen.“

    Trixi nahm Aram in den Arm. Jetzt konnte sie ihn endlich trösten. Dazu brauchte es keine Worte, sie musste nur einfach für ihn da sein. Ihm zeigen, dass er nicht alleine war. Seine Verzweiflung war ansteckend und so weinte Trixi leise mit ihm zusammen. Sie teilten seinen Schmerz und Trixi hatte das Gefühl, dass ihm das half. Einige Zeit saßen sie so da inmitten der Weisheiten der Normwelt und waren einfach für einander da. Als sie sich beide beruhigten, sahen sie sich gegenseitig an. Sie waren verheult wie kleine Kinder. Mit roten Augen und verwuschelten Haaren. Als sie sich so ansahen, stieg in Beiden ein Lachen auf, das die Trauer ablöste. Trixi und Aram lachten gemeinsam.

    Beide spürten, dass sie das gebraucht hatten, um die Kluft, die durch Trixis Gogyo-Ki und durch Arams Enttäuschung zwischen ihnen entstanden war, zu überbrücken. Nun fühlten sie sich einander wieder so nah und vertraut wie in den besten Tagen ihrer Freundschaft. Trixi nahm einen tiefen Seelenzug und spürte die Ruhe in sich zurückkehren. Aram tat es ihr instinktiv nach und Trixi sah wie sich seine Gesichtszüge entspannten. Sie wussten beide, dass ihre Mission hier erfüllt war. Sie hatten nicht nur heraus gefunden, was der Name Seelenblüte zu bedeuten hatte, sondern verstand auch viel mehr darüber, warum Diotima eine solche Rolle in der Gogyo-Ki spielte. Sie war Veränderung und Liebe gleichzeitig, indem sie Liebenden einen Weg wies, ihre Liebe zu leben und nicht Neid, Missgunst und Eifersucht daraus entstehen zu lassen.

    Sie standen gleichzeitig auf und gingen in Richtung Tür. Dort sahen sie die junge Frau stehen, die sie im Essensraum begrüßt hatte. Mit offenem Mund schaute sie die Beiden an. Sie hatte wohl einiges erwartet, als sie sich auf den Weg gemacht hatte, um nach den Beiden zu schauen, vielleicht das sie etwas kaputt machten oder vielleicht sogar stehlen wollten, aber dass sie zwei junge Menschen antreffen würde, die ihren innersten Schmerz und ihre geheimsten Sorgen miteinander teilten, erstaunte sie offensichtlich sehr. Aram und Trixi mussten wieder lachen. Sie wussten, dass es in der Normwelt nicht sehr verbreitet war, Gefühle miteinander zu teilen. Man machte das hinter verschlossenen Türen. Es wurde als Schwäche aufgefasst. Als sie die Fassungslosigkeit auf dem Gesicht der erwachsenen Frau sahen, da mussten sie beide lachen und fühlten ihre Stärke zurück kehren.

    „Ich hab euch von unten weinen hören und dachte ich schau mal nach euch, aber ihr habt wohl alles unter Kontrolle oder?“ Diesmal antwortete Aram mit seinem kleinen Lächeln: „Wir haben genauso wenig unter Kontrolle, wie jeder andere Mensch, aber wir lassen uns davon nicht stoppen und auch keine Angst mehr einjagen.“ Jetzt lachte die Frau. „So ein Pärchen wie euch habe ich noch nie gesehen.“ Wie aus einer Kehle antworteten die Beiden „Wir sind kein Pärchen.“ und liefen rot an. Trixi hätte gerne gesagt, dass sie Diotima persönlich kannte und hier nicht her gekommen war, um etwas über die sexuelle Seite der Liebe zu erfahren, aber dann hätte die Frau sie nicht mehr für besonders, sondern für verrückt gehalten. In ihrer Welt war Diotima eine Figur aus einer mystischen Erzählung, eine Göttin aus längst vergangenen Tagen, die niemals wirklich existiert hatte. Trixi und Aram wussten es besser. Sie gingen an ihr vorbei, die Treppe hinunter und verließen das Haus. Beide fühlten sich wie neu geboren als sie den Wind im Gesicht spürten. Trixi fühlte sich so erwachsen, wie noch nie während ihres Passantenurlaubes und das, obwohl sie heute ohne ihr Zimmer unterwegs war, vielleicht auch gerade deshalb.

    Es wurde bereits dunkel. Hinter ihnen tauchte dir Frau auf. „Wissen eure Eltern eigentlich wo ihr seid?“ fragte sie mit einem sorgenvollen Stirnrunzeln. Keiner von den Beiden wusste eine Antwort. „Euer Schweigen ist mir Antwort genug.“ sagte sie. Sie holte ein Telefon aus ihrer Hosentasche und wollte gerade eine Nummer wählen, da erwachte Aram aus seiner Schockstarre. Er hielt die Hand, in der die Frau das Telefon hatte, sanft fest und sagte mit eindringlicher Stimme „Bitte nicht“. Sie ließ den Arm sinken und schaute Aram erwartungsvoll an. „Wir haben Geld für ein Taxi und können es noch nach Hause schaffen, ohne dass uns jemand vermisst, versprochen.“ Das Stirnrunzeln kehrte zurück. „Und wo wollt ihr um diese Zeit ein Taxi finden?“ „Oben am Bahnhof ist eine Säule für den Taxiruf, da kommen ganz schnell welche.“ Diese Antwort war ihr offensichtlich Zeichen genug, dass Aram sich auskannte. „Das Stirnrunzeln verschwand nicht während die Frau antwortete: „Wenn ihr da vor der Dunkelheit nichts bekommt, dann kommt ihr zurück, versprochen?“ „Versprochen!“ sagte Aram. Er knuffte Trixi in die Seite, die den Hinweis sofort verstand und mit „Versprochen, wirklich!“ bestätigte. Ihre Stimme wirkte etwas dünn. Die Frau dachte, das läge am Weinen, Aram aber wusste, dass es daran lag, dass Trixi das Lügen nicht gewohnt war und es nur sehr ungern tat. Die Beiden verabschiedeten sich freundlich, stiegen auf ihre Longboards und rollten vom Hof.

    Als sie langsam nebeneinander her rollten, schaute Trixi Aram fragend an. „Gleich.“ beantwortete der den Blick. Schweigend rollten sie bis zum Bahnhof. Trixi hielt an. „Was ist ein Taxi?“ fragte sie. „Ein Auto, das man wie einen Bus benutzen kann. Damit zu fahren ist nur viel viel teurer“. „Nehmen wir jetzt ein Taxi?“. „Nein, das können wir nicht bezahlen und wir müssen unbedingt vermeiden, dass jemand versucht unsere Eltern zu kontaktieren“. „Warum?“ Trixi wusste, dass die Frage irgendwie nicht clever war, aber sie hasste es zu lügen und verstand im Moment nicht mal, warum sie es getan hatte. „Weil wir in der Normwelt sind, wir haben hier keine Eltern. Wenn die uns erwischen, dann wird es richtig schwer wieder zurück ins Morgenland zu kommen und danach könnten wir für lange Zeit nicht in die Normwelt. Wenn das Jugendamt erst mal eine Akte über uns angelegt hat, dann wird es richtig schwer, weil wir nicht nur keine Eltern haben, sondern in der Normwelt nicht existieren. Sie würden wissen wollen, wo wir her kommen und wer wir sind. Die Wahrheit würde bedeuten, dass wir das Morgenland gefährden würden oder eingesperrt werden könnten, weil sie glauben könnten, wir wären verrückt.“ Trixi wusste das alles, sie hatte schließlich mit Rosie in der Normwelt trainiert, aber im Moment waren ihre Gedanken ganz bei Diotima und der Seelenblüte. Aram sprach ruhig und langsam weiter: „Es ist anders hier draußen, es kann wirklich gefährlich werden, vor allem nachts. Draußen ist und bleibt es dunkel, wenn man nicht selber Licht macht und schon ein kleiner Stein, der von einem Berg herunter rollt, kann dich töten. Du musst hier gut aufpassen. Wir müssen jetzt im Dunkeln zurück, aber wir dürfen nicht gesehen werden. Das heißt, wir verstecken uns vor jedem Menschen und jedem Auto und umgehen jedes Haus in dem Licht brennt.“

    Trixi wurde ruhiger während sie Aram zuhörte, das lag an der Sicherheit seiner Aussagen und an der Tonlage seiner Stimme. Was er sagte, machte Trixi allerdings deutlich, dass ihnen Gefahr drohte, sie ihren Geist auf den Moment konzentrieren musste. Die Überlegung zu einem Plan, der Licht in die geheimen Angelegenheiten ihrer eigenen Eltern bringen würde, musste sie unterbrechen. Sie schob die Gedanken daran, ob man mit dem Reisezimmer auch in die Morgenhöhle reisen, konnte beiseite und konzentrierte sich ganz auf Aram. All ihre Sinne waren gespannt und ihr Hirn arbeitete auf Hochtouren. Während sie ihm zuhörte, schien sich Aram zu verändern. Er schien zu wachsen, seine Haltung wurde aufrecht, seine Augen klar. Eine neue Spannung in seinen Schultern machte einen gut trainierten Oberkörper wahrnehmbar.

    Trixi lächelte und Aram lächelte fragend zurück. Trixi machte eine kurze Pause und sagte dann: „Du wächst beim Sprechen. Ich glaube, ich sehe deine Seele blühen“. Aram schwieg lächelnd und Trixi glaubte ein weißes Leuchten in seinem Solarplexus aufblitzen zu sehen. „Du wirst bei unserer Rückkehr zur Gogyo gerufen.“ sagte sie „Wir werden das nutzen, um endlich mehr über Diotima und deine Mutter und meinen Passanten herauszufinden.“ Selbstsicherheit durchströmte Trixi und sie spürte wie sie von dem Gefühl auch körperlich aufgerichtet wurde. „Du blühst aber auch ganz schön“ frotzelte Aram, rollte los und sagte in einem frechen Singsang „Dekolleté“. Beide lachten und wussten, dass sie niemals das Pärchen würden seien können, dass die Frau vom Hofmuseum in ihnen gesehene hatte. Ihre Freundschaft würde immer alles andere bei weitem überbieten.

    Trixi holte Aram ein, schnappte sich die Hand, die er ihr hinhielt, und Aram startete den Motor seines Boards. Langsamer als auf der Hinfahrt, aber genauso wenig anstrengend fuhren sie dem Ziel entgegen. Die Unterhaltung versiegte, denn beide konzentrierten sich darauf die Umgebung im Blick zu behalten. Besonders in der Dämmerung war es schwer nicht gesehen zu werden, denn man konnte die Scheinwerfer der Autos nicht so leicht identifizieren und im Zwielicht sah man die Menschen kaum, die in ihren Gärten aufräumten oder die letzten Sonnenstrahlen nutzten, um den Tag im freien ausklingen zu lassen. Je dunkler es wurde, umso einfacher wurde es sich zu verstecken und eine gute halbe Stunde nachdem sie aufgebrochen waren, wurde es ihr Weg deutlich leichter. Die Sonne war untergegangen.

    Dementsprechend wurde es allerdings auch deutlich kälter. Trixi fror. „Wie weit ist es noch?“ fragte sie. „Mindestens zwei Stunden.“ kam die Antwort mit der Sicherheit, die Aram offensichtlich in der Normwelt zu eigen war. Während Trixi fror und versuchte einen schnelleren Ausweg aus der Situation zu finden, wurde ihr klar, dass es tatsächlich keinen gab. Hier konnte keine Abkürzung plötzlich entstehen, sie konnte nicht einfach bei jedem Haus klingeln und sich ein Jacke leihen. Trixi war sehr froh, dass sie Aram dabei hatte. Ohne ihn wäre sie vielleicht überfordert gewesen. Aram war ebenfalls extrem dankbar für Trixis Anwesenheit. Das war nicht sein erster nächtlicher Ausflug, aber er wusste, dass die Suche nach seiner Mutter durch Trixis Hilfe eine ganz neue Richtung bekam.

    Im Morgenland hatten Trixis Eltern und Rosie die Zeit genutzt, um sich erneut über die Lage abzusprechen. Sie waren nicht wirklich weiter gekommen, weil sie es immer noch nicht geschafft hatten, Travis zu kontaktieren. Auf der einen Seite war er im Moment nicht so einfach zu treffen, da er sich viel in der Normwelt aufhielt, um wieder mehr zu tanzen. Auf der anderen Seite wussten die drei, dass sie ihm würden gestehen müssen, was sie getan hatten.

    „Ich wusste, dass uns diese Geschichte wieder einholen würde“ seufzte Frau Lichtert und nippte an ihrem Wein. „Jule, wir wussten alle, dass es echt ein Problem sein könnte und wir haben mit Travis drüber gesprochen, aber der war so blind vor Liebe. Wir hatten keine Chance ihn mit Worten zu stoppen, es musste etwas getan werden.“ „Es musste etwas getan werden“, stimmte Trixis Papa zu. „Aber wir wussten alle, dass der Stein nicht für uns gedacht war.“ Rosie beharrte darauf: „Das stimmt auch, aber was wäre mit der Energie passiert? So viel Lebensenergie, einfach so aus dem Morgenland zu ziehen? Und da hatten die beiden doch schon ein Kind. Wir haben alles getan, alles gegeben, damit das klappt und sie hätten es gut sein lassen müssen. Dann wäre Travis jetzt ein Tänzer von Weltrang, und Dio eine glückliche Mutter, anstatt wie im Koma auf eine kurzzeitige Erweckung zu warten. Immer gebunden an diesen Felsen“. Rosie blickte Gedanken versunken in ihr leeres Glas.“ Frau Lichtert ging zu Herrn Lichtert herüber, legte ihm die Hände auf die Schultern und bat ihren Mann: „Torben, ich glaube du hast den besten Draht zu Travis.“ Torben hatte bereits gewusst, dass es darauf hinaus laufen würde, dass er mit Travis über die Rückkehr des Steines sprechen würde, von dessen Existenz Travis noch nichts wusste. „Ich werde dann aber reinen Tisch machen und werde ihm auch erzählen, wozu der Stein vielleicht mal gedacht war“. Er schaute Rosie und Jule tief in die Augen während er das sagte und es gab keinerlei Widerspruch. Er sah das schlechte Gewissen auch in Rosies Augen. „Sie hätten es bei einem Kind belassen sollen, ich liebe Aram und er ist für mich wie ein Sohn, aber er hat nicht das Leben gehabt, das ein Morgenländler haben sollte.“ meinte Torben. „Kein Wunder mit geborgter Lebensenergie, dass er überhaupt geboren wurde und gesund ist, verstehe ich bis heute nicht.“ Rosie klang verbittert, als sie das sagte. Jule ging zu ihr rüber und nahm sie in den Arm. Unerwartet fing Rosie an zu schluchzen und heulte in den Armen von Trixis Mama liegend, wie ein kleines Kind. Schluchzend und verheult wiederholte sie immer wieder: „Es tut mir alles so leid“.

    Es war langsam Zeit nach Hause zu gehen und Rosie wollte sich auf den Weg machen, da fiel ihr auf: „Wo ist eigentlich Trixi?“. Torben schaute auf die Uhr „Hätte vor über einer halbe Stunde hier sein müssen“. Die Eltern schauten sich besorgt an. Jule lief ins Elternschlafzimmer und kam wenige Momente später mit ihrem Passanten in der Hand wieder zurück. Sie fingerte daran herum und sagte dann: „Noch nicht wieder im Morgenland.“ „Damit hat sich das Warten erledigt“, entschied Torben. „Ich geh zu Travis und frage ihn nach Aram.“ Die drei machten sich gemeinsam auf. Rosie ging nach Hause, um zu schauen, ob Trixi vielleicht dort war, Jule schlug die Richtung ein, in der das Normtor lag und Torben machte sich auf den Weg zu Travis, um ihn nach dem Verbleib seines Sohnes zu befragen. Die Erwachsenen vermuteten ganz richtig, dass die beiden möglicherweise zusammen los gezogen sein könnten.

    Aram und Trixi machten gerade Pause an einer stillgelegten Bushaltestelle. Nachdem Trixi endlich zugegeben hatte, dass sie fror, hatte Aram ihr sein Regencape gegeben. Er selber war natürlich auf kalte Temperaturen vorbereitet gewesen und hatte dementsprechend einfach eine Jacke aus seinem Rucksack geholt nachdem die Sonne untergegangen war. Trixi fummelte gerade an ihrem Passanten, um sich die Strecke anzeigen zu lassen. Es war wirklich viel schwerer sich in einer Umgebung zu orientieren, die man nicht kannte. Aram hatte Gott sei dank früh Bescheid gesagt, dass er sich nicht ganz sicher war, wo es weiter ging, sie fuhren also schon seit einiger Zeit nach den Anweisungen des Passanten. Nun wollte sie aber wissen, wie weit es noch war und dazu öffnete sie wieder das Menu und lies sich die Strecke anzeigen. Nur ganz klein vor sich, sodass der Lichtschein nicht so weit zu sehen war. Der Passant zeigte die Straßen und markierte den Weg, denn sie fahren musste gelb. Nach einigem Ziehen und Drehen und Tippen sagte Trixi: „Noch ungefähr dreißig Minuten, dann sind wir am Tor. Wir müssen aber noch durch ein Dorf, also eher etwas länger.“ „Ist das das letzte Dorf vor dem Tor?“ fragte Aram. Trixi bestätigte nach einem prüfenden Blick auf die Karte. „Dann rasen wir da einfach volle Lotte durch“, grinste Aram. „Dann können sie uns nicht mehr einholen und wir verschwinden, HokusPokus, durchs Normtor und sind schon wieder im Morgenland.“ Trixi gefiel die Idee, sie hielt Aram aber noch am Arm fest als der losfahren wollte und sagte: „Wir müssen uns erst besprechen.“ Aram runzelte die Stirn. „Wir werden nicht so bald wieder Zeit haben, uns ungestört zu treffen, du Schule, ich Passantenurlaub.“ Trixi seufzte und merkte beiläufig an: „Was daran Urlaub sein soll, soll mir auch mal einer verraten.“ Und fuhr dann fort: „Egal, wir müssen sicher sein, dass wir das Gleiche erzählen.“ Aram überlegte kurz und sagte: „Wir wollten so nah wie möglich an der Wahrheit bleiben, nicht lügen nur ein paar Sachen auslassen. Wir erzählen alles, was wir über deinen Namen heraus gefunden haben und auch, dass wir die Zeit vergessen haben. Schließlich sind wir ja nur zwei Morgenländler und dann die Abläufe in der Normwelt noch nicht gewohnt sind.“ Aram lächelte. „Kein Wort über das Foto. Kein Wort zu unserem Plan“ ergänzte Trixi. „Welcher Plan?“ erkundigte sich Aram und Trixi begann ihm zu erzählen, was sie sich in den letzten 90 Minuten schon zurecht gelegt hatte.

    Als sie geendet hatte, maulte Aram „Aber dann müssen wir auf meine Gogyo-Ki warten. Das ist kein guter Plan.“ „Du wirst noch diese Woche gerufen.“ versicherte Trixi ihrem bestem Freund. „Vertrau mir“. Die Beiden ordneten ihre Sachen, schnallten ihre Rucksäcke fest und stiegen auf ihre Boards. Trixi schnappte sich das Seil, das Aram unterwegs gefunden und nun am Bauchgurt seines Rucksacks befestigt hatte. So konnten sie deutlich schneller fahren. Aram konnte sich auf sein Board konzentrieren, weil er nicht eine seiner Hände nach hinten zu Trixi halten musste und Trixi hatte mehr Freiheit, weil sie notfalls einfach schnell das Seil fallen lassen konnte, dessen Länge so gewählt war, das es sich nicht um die Achse von Arams Board wickeln konnte, sollte Trixi loslassen müssen. Sie atmen einige Male tief durch, schüttelten kurz Arme und Beine aus, nahmen auf den Boards eine tiefe Haltung ein, um den Luftwiderstand zu verringern und Aram gab Gas. Nach kurzer Beschleunigung surrte der Elektromotor auf Hochtouren und der Fahrtwind sauste den beiden in den Ohren. Sie waren so schnell, dass sie sich in die engeren Kurven mit ganzem Körpereinsatz hineinlegen mussten. Es machte unglaublichen Spaß. Anstatt sich vor den wenigen Menschen, die noch auf den Straßen unterwegs waren, zu verstecken, grüßten sie laut jubelnd und bekamen darauf überraschend positives Feedback.

    Während Trixi und Aram durch die dunkle Normwelt dem Morgenland entgegen sausten, kam Trixis Papa bei Arams Papa an. Er klingelte und die Tür öffnete sich sofort. „Travis war für die wichtigen Sachen immer zu erreichen“, dachte er, während die Tür aufschwang. „Torben!“ sagte Travis und schien positiv überrascht zu sein. „Trav!“ antwortete Torben. „Verdammt, du siehst jünger aus, du siehst echt gesund aus.“. „Danke, ich tanze wieder, die Lebensenergie der Freude kommt zu mir zurück, ich esse gut und manchmal, da liege ich einfach nur in der Sonne“.

    Torben fühlte ein dringendes Bedürfnis in sich aufsteigen, seinen alten Freund zu umarmen, aber das konnte er nicht tun, bevor der nicht die ganze Wahrheit erfahren hatte. Kurz standen die beiden sich gegenüber, beide überwältigt von positiven Erinnerungen an eine wilde und unabhängige gemeinsame Kindheit. Mit einem kleinen Kopfnicken Richtung Küche und einem Lächeln lud Travis seinen alten Freund ein einzutreten. In der Küche angekommen sagte Torben: „Ich bin hier um reinen Tisch zu machen.“ Travis reagierte mit einem seufzenden Ausatmen und setzte sich auf einen der Barhocker, die in der Küche und im Wohnzimmer standen. „Ich weiß nicht genau ob ich dass überhaupt möchte“. „Ich glaube es ist einfach nötig, nein ich weiß es, weil es aktuell ist und unsere Kinder angeht.“ Travis wurde hellhörig und fragte „Alle?“, „Alle.“ bestätigte Torben. „Du weist wahrscheinlich, das Trixi ihre Gogyo-Ki hatte.“ „Aram redet über nichts anderes“ lächelte Travis. „Okay, ich versuche mal das kurz zu machen“ versprach Torben „Das wäre sehr gut“, fand Travis.

    „Also, es existiert ein Original. Seit einigen Tagen vor Arams Geburt. Es könnte sein, dass Aram nicht gerufen wird, weil das sein Original ist und er deshalb keine Gogyo-Ki mehr braucht. Es könnte aber auch der von Azet sein. Vielleicht braucht er jetzt einen.“ fasste Torben die Überlegungen der Erwachsenen des heutigen Tages zusammen. „Wie kommst du darauf?“ wollte Travis wissen. „Der Stein ist ein Original, er sieht inzwischen genau aus wie Dio und ist im Passanten meiner Tochter ins Morgenland zurück gereist.“ Travis war verwirrt. „Zurück gereist? Wo war er?“. „In Turisede“, gab Torben mit gesenktem Kopf zu. „Rosie!“ rief Travis mit einer gehörigen Portion Wut in der Stimme. „Wir alle, Travis, wir alle. Auch ich und Jule haben mitgemacht. Wir hatten eine unglaubliche Angst um dich und wir waren sicher, dass ein zweites Kind euch auffressen würde, ihr hattet beide schon keine Energie mehr. Ist das nicht auch fast passiert? Wir hatten Angst, was mit dem Morgenland passiert, wenn es versucht euch zu helfen. Wir dachten damals, der Morgenfelsen würde einfach immer weiter kalben bis er weg ist. Wir alle leben seit dem fast ohne unsere Passanten und wir alle achten seitdem darauf, dass wir das Morgenland nicht schwächen. Azet hat sein Leben hier sogar ganz aufgegeben.“ Als Torben das sagte, begann Travis zu weinen. „Glaubst Du, das ist es was ich wollte? Glaubst du, ich habe das mit Absicht gemacht? Ich vermisse Azet jeden Tag. Meine Frau ist eine Göttin, wie sollte ich glauben, dass sie fast keine Lebensenergie hat, weil sie sie immer nur ausgegeben hat und nie angesammelt. Wie sollte ich das wissen? Azet hat gesehen, dass es für das Leben in der Normwelt nur ein Verständnis dafür braucht, wo die eigenen Grenzen sind, wann die eigene Energie aufgebraucht ist und wie sie wieder aufgefüllt werden muss. Die Menschen in der Normwelt funktionieren so und Azet hat sich das ausgesucht, weil er es für ehrlicher hielt. Habt ihr mal daran gedacht, dass das auch Dios Passant sein könnte? Habt ihr mal daran gedacht?“

    Als Travis das sagte, entglitt Torben jede Miene und plötzlich wurde ihm kalt klar, wie stark sein Handeln und das seiner Freunde damals von Eifersucht geleitet gewesen war. „Nein haben wir nicht“. Torben wurde sehr leise, vielleicht waren sie Schuld daran, das Aram von seiner Mutter getrennt worden war. „Es tut mir leid.“ Es entstand ein kurzes Schweigen. „Wo sind die beiden?“ „Jule und Rosie?“ Torben stand neben sich. „Nein Mann, Aram und Trixi!“. „Wir suchen sie, wir vermuten sie sind in der Normwelt.“ Travis war erleichtert das zu hören und das verwirrte Torben noch mehr. „Warum erleichtert dich das?“. „Glaube mir, wenn Trixi mit Aram in der Normwelt ist, dann braucht ihr euch keine Sorgen machen, dann ist es einfach nur so schön, dass sie die Zeit vergessen haben. Aram kennt sich aus, er ist schon seit Jahren dort alleine unterwegs.“ Torben grinste. „Warum überrascht mich das nicht?“ Travis grinste auch und zuckte mit den Achseln. „Ich sage den anderen Bescheid“. Er holte seinen Passanten heraus, tippte und drehte daran herum und war dann mit Jule und Rosie verbunden. „Kommt zum Normtor, wir müssen uns keine Sorgen machen.“ liess er sie wissen. Torben stand auf und ging zur Tür. „Los!“ forderte er seinen alten neuen Freund auf ihm zu folgen. Travis stand auf und folgte ihm und als sie das Haus verließen und wie immer die Tür offen ließen, weil sie ja im Morgenland waren und ihnen nichts passieren konnte, da schlug Travis seinem alten neuen Freund auf die Schulter und der sah seine Gelegenheit gekommen, drehte sich um, umarmte Travis und sagte „Entschuldige bitte“. Travis schwieg, aber Torben wusste, dass das ein guter Anfang für eine Versöhnung gemacht war.

    Als sie nach einem kurzen Spaziergang am Normtor ankamen, warteten Jule und Rosie bereits dort. Torben ergriff sofort das Wort und sagte: „Es könnte Dio`s Passant sein“, den beiden Frauen entglitten die Mienen genau wie Torben zuvor. Sie merkten die gelöste Stimmung zwischen den beiden Männern und umarmten Travis zur Begrüßung.

    Als Trixi und Aram fast am Tor zum Morgenland angekommen waren, fing Trixis Passant plötzlich an rot zu leuchten und dann zu blinken. „Nächste Möglichkeit halten“, rief Trixi Aram zu. Der Elektromotor hörte auf zu surren, Trixi liess das Seil los und beide rollten langsam aus. Aram drehte sich im langsamer werden um und sah, dass Trixi an ihrem Passanten rumspielte. „Ich habe doch vorhin versucht meine Mutter zu lokalisieren, am Bahnhof. Ich glaube, uns erwartet direkt hinter dem Tor ein gehöriges Donnerwetter, jedenfalls scheint sie dort zu warten.“ Sie rollten weiter und beschmierten sich noch hier und da mit Matsch, sodass sie wirklich bemitleidenswert aussahen, bevor sie den Tunnel betraten, der sie zurück nach Hause führen würde.

    Jule, Rosie, Torben und Travis hörten ein Ploppen, gleich nachdem sie sich begrüßt hatten. Sie hörten es im Tunnel rumoren und dann belauschten sie ihre Kinder bei ihrer Unterhaltung und waren sehr, sehr erleichtert. Trixi sagte gerade: „Ich habe nicht dran gedacht, dass wir ja den ganzen Weg zurück müssen.“ Und Aram moserte: „Ja soll ich daran denken oder was? Ich kriege bestimmt Ärger, wenn Papa herausfindet, dass ich in der Normwelt war.“ Als Torben und Travis das hörten, lächelten sie sich an und schwiegen.

    Die Begrüßung war eine riesige Erleichterung für alle. Trixi fühlte sich wieder sicher und dass alle vier hier versammelt waren, machte die beiden sehr glücklich, denn was immer passiert war, es schien zu heilen. Trixi und Aram verabschiedeten sich und alle bekamen vom Morgenland eine gehörige Abkürzung spendiert, so dass es zu den Häusern, die eigentlich drei Kilometer voneinander entfernt waren, jeweils nur einige dutzend Meter waren.

    Als Trixi ihr Zimmer betrat, ihre Pokale und das von Mama frisch bezogene Bett sah und den Geruch des Baumes vor ihrem Fenster aufsaugte, wurde sie unfassbar müde und fühlte sich unglaublich sicher. Auch wenn sie wusste, dass dies ihr Kinderzimmer war und sie ihm bald entwachsen würde, war es im Moment noch das Schönste und Vertrauteste, was es für sie gab. Sie schaffte es noch sich ihren liebsten Pyjama anzuziehen und legte den Passanten auf ihrem Nachttisch ab, bevor sie unter die Decke schlüpfte und sofort einschlief.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

     

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    38 min
  • Trixi im Morgenland Folge 06: Verlockungen der Normwelt

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi wachte auf und öffnete vorsichtig ein Auge. Sie betrachtete ihr Zimmer, als wäre sie in einer fremden Umgebung. Es sah alles aus wie gestern, als sie mit Rosie aus TuriSede zurückgekehrt war. Trixi öffnete auch das zweite Auge, hob die Decke an, schaute darunter und grinste breit, sie war tatsächlich in ihren Klamotten zu Bett gegangen.

    Schlaftrunken setzte sie sich auf und reckte sich, dabei fiel ihr Blick auf das Armband mit ihrem Passanten und geradezu schockartig kehrte die Erinnerung an die schwebende Diotima-Statue zurück. Trixi brachte sofort ihren Passanten auf Normalgröße und untersuchte ihn, es gab keinerlei Spuren oder Hinweise darauf, dass sich in dem Passanten noch ein weiteres Original verbarg. Trixi begann darüber nachzudenken, wie sie ihren Eltern von der ganzen Sache erzählen würde.

    Sie stand auf und merkte dabei, dass ihre Kleidung ihr schmutzig und verschwitzt am Körper klebte. Sie sehnte sich nach einer Dusche. Im Badezimmer zog sie sich aus, steckte sich die Zahnbürste in den Mund und stellte sich unter die heiße Dusche. Sie liebte es zu duschen. Seit einiger Zeit fühlte sich das warme Wasser auf der Haut besser an. War es noch vor wenigen Monaten, eine mühselige Last gewesen, den eigenen Körper von Dreck zu befreien, war es heute ein himmlisches Vergnügen. Zu spüren, wie das Wasser die Haut benetzte, zuzuschauen, wie es den Körper reinigte, indem es den Schmutz mit sich nahm, war schön zu betrachten und fühlte sich auch toll an.

    Während Trixi sich die Zähne putzte, überlegte sie, ob das Artefakt aus TuriSede wohl noch in ihrem Passanten sei oder ob es sich ganz mit ihm verbunden hatte. Obwohl sie sich diese Frage stellte, wusste sie instinktiv, dass die Statue noch da war. Wenn sie sich ihren Passanten vorstellte, dann sah sie immer auch das Artefakt darin, umgeben von einem schwachen roten Licht. Zufriedenheit und Aufregung vermischten sich in Trixi und wurden zu großer Tatkraft. Während sie sich abtrocknete und zurück in ihr Zimmer ging, verschwand auch das starke Bedürfnis mit Rosie und ihren Eltern über das Artefakt in ihrem Passanten zu sprechen. Der Doppelstein am Handgelenk gab Trixi ein gutes Gefühl. Sie fühlte sich sehr geehrt, dass die Statue sie ausgewählt hatte, es gab ihr Selbstvertrauen und niemand hatte Einspruch dagegen erhoben. Für Trixi war die Sache damit erledigt. Zumindest fast erledigt, denn einer Frage musste sie nun auf eigene Faust auf den Grund gehen: Ihrem Traum von der Gogyo-Ki, vom Erwachsenen Aram, der angeblich nicht Aram war.

    Rosie hatte natürlich eine ganz andere Wahrnehmung von der Situation. Dass sich das Artefakt, das sie gemeinsam mit Thor versteckt hatte, nun in Trixis Passanten verbarg, gefiel ihr überhaupt nicht. Als Rosie am gestrigen Abend gemerkt hatte, dass Trixi ihr nicht die Treppe hinunter folgte, hatte sie sofort die Gelegenheit genutzt, um alles mit Trixis Eltern zu besprechen und zu überlegen, was nun zu tun sei. Trixi hätte den Mund nicht mehr zu bekommen, wenn sie gehört hätte, worüber ihre Eltern und Rosie redeten.

    Die Lichterts waren damals noch nicht verheiratet gewesen, aber die Geschehnisse, die letztendlich dazu geführt hatten, dass Rosie einen Original-Passanten in einer anderen Welt versteckt hatte, waren auch für den großen Respekt gegenüber allem Magischen verantwortlich, den die Lichterts in sich trugen. Die drei kamen darüber ein, dass sich Trixis Weg schon früh zu einem besonderen entwickelt hatte und sie ihr somit zutrauen konnten mit der Situation alles in allem verantwortungsvoll umzugehen. Ihnen war natürlich auch klar, dass sie erst mal keine andere Wahl hatten. Jemand musste auf jeden Fall irgendwie mit Travis Kontakt aufnehmen. Sie grübelten wie sie Travis beibringen konnten, was sie getan hatten. Schließlich sagte Rosie „Lasst uns erst mal abwarten, ob der Passant Trixi überhaupt zu Travis führt. Vielleicht musste er auch nur wieder zurück nach Hause ins Morgenland“. Papa Lichtert schlug vor: „Trixi sagen wir nichts weiteres. Ich glaube, es reicht, wenn sie mit der Situation im Hier und Jetzt umgehen muss. Weitere Erklärungen zur Vergangenheit schaden da vielleicht eher.“ Die beiden Frauen stimmten zu und so trennten sich die drei zu sehr später Stunde, aber mit einem guten Gefühl und der Hoffnung, dass ein altes Problem, das sie schon nicht mehr für lösbar gehalten hatten, bald zu einem versöhnlichen Abschluss kommen könnte.

    Deshalb schliefen Trixis Eltern noch während Trixi zurück in ihr Zimmer ging, um sich etwas anzuziehen. Sie versuchte möglichst leise zu sein, denn sie hatte jetzt sogar überhaupt keine Lust mehr mit ihren Eltern über gestern zu sprechen. Trixi wühlte in ihrem Kleiderschrank. Sie hatte sich in den letzten Wochen fast komplett neu eingekleidet. Ihre Eltern hatten das finanziert, weil sie eingesehen hatten, dass Trixi beim Sicherheitstraining nicht ihre Kleider oder ihre Minnie Maus Leggings anziehen konnte.

    Das hatte verschiedene Gründe. Einmal handelte es sich nicht nur um Unterricht, sondern auch um praktische Übungen, erste Hilfe und Rettungstechniken genauso wie Selbstverteidigung. Dabei musste man unbedingt passend angezogen sein. Ein Kleid konnte sich in allen möglichen Dingen verfangen und eine Leggins bot nicht genug Schutz.

    Trixi wählte eine ihrer neuen, eng anliegende Jeans in schwarz und einen sportlichen pinken Pullover. Auf dem Weg nach draußen schlüpfte sie barfuß in ein Paar Sportschuh. Sie entschied sich für die roten. Als sie sich angezogen hatte, machte sie noch einmal die tiefe Seelenzug Übung und ging dann frühstücken.

    Der zweite Grund, dass Trixi neue Kleider gebraucht hatte, war, dass ein nicht unwesentlicher Teil des Trainings in der Normwelt stattfand. Als junges Mädchen wäre sie dort extrem aufgefallen, wenn sie nicht wie die anderen jungen Mädchen ausgesehen hätte. „Wieso das denn?“ hatte sie Rosie gefragt und Rosie hatte es ihr zwar sehr gut erklärt, aber so richtig nachvollziehen bzw. nachfühlen konnte Trixi es erst nicht.

    Rosie hatte gesagt, es handele sich um eine „kulturelle Sache“, etwas, das mit Erziehung zu tun hat und mit der Umgebung, in der man lebt. „Erstmal ist die Normwelt anders und deshalb sind die Menschen, die dort leben, etwas anders. Das ist ja auch der Grund, warum wir in der Normwelt trainieren. Du hast dort nicht das Morgenland als Sicherheitsnetz. Im Morgenland kommt fast nie jemand bei einem Unfall zu Tode, weil das Morgenland selber oft noch eingreifen kann. Das ist in der Normwelt ganz anders, dort sterben jeden Tag viele Menschen. An Unfällen, an Hunger, an Gewalt und nicht immer ist es die Schuld der Menschen. Manchmal ist es die Schuld der Umstände, die das Land selber eben nicht verändern kann. Normweltler müssen alles selber machen, Trixi. Erinnerst du dich an unsere Fahrt auf der Autobahn?“ „Klar,“ bejahte Trixi. Die Schnelligkeit der Fahrt und die Größe der Straße hatten sie nachhaltig beeindruckt.

    „Diese Straße ist nicht einfach entstanden, sie besteht aus vier Lagen und jede Lage, jeder kleine Kieselstein, jede Schraube in der Leitplanke, jede Notrufsäule wurde von einem Menschen dort eingebaut.“ „Okay“, Trixi war beeindruckt. „Für jede Notrufsäule wurde ein Loch gegraben, ein Fundament gegossen, ein Kabel verlegt oder Funkempfang eingerichtet. Und natürlich wurde die Notrufsäule vom Ständer über die Stromversorgung bis zu Lautsprecher und Mikrofon vorher gebaut und zusammengesetzt. Und das alles über Hunderte von Kilometern, Tausende Säulen, Millionen Schrauben und unzählige Tonnen Kiesel und Asphalt.“ Trixi schwirrte der Kopf „Wie geht das?“ Rosies Gesicht klarte sich auf, Trixi wusste, dass sie nun zum Kern ihres Vortrages kommen würde. „Das geht nur zusammen.“ sagte Rosie und lächelte „Und es ist gefährlich.“ fügte sie eindringlich hinzu. „Deshalb haben Normweltler viele Regeln und einige harte Strafen. Das beruht zum wesentlichen Teil auf der Notwendigkeit zur Zusammenarbeit und zu einem großen Teil auf Angst: Der Angst einen geliebten Menschen zu verlieren, Angst vor Hunger, Durst, Ausgrenzung.“

    Rosie hatte die Fotos, die sie Trixi gerade von der Normwelt und von Strom-Orten zeigte, beiseite gelegt und die beiden hatten sich vor ihrem Haus an den Kaffeetisch gesetzt und Tee getrunken. Rosie nahm sehr wohl wahr, wie es in Trixi arbeitete, sie konnte fast sehen, wie sich Lebensumstände der Menschen in der Normwelt in Trixis Bewusstsein entfalteten. Rosie wartete in Ruhe ab, genoss ihren Tee und die Morgenluft, die an diesem Tag eine erfrischende Kälte in sich getragen hatte. Trixi sog die frische Luft ebenfalls tief ein und sagte: „Ich verstehe, was du mir sagen willst und ich glaube, ich beginne den Unterschied zwischen den Welten zu verstehen, und ich verstehe auch, was du meinst, wenn du sagst, das sei eine kulturelle Sache.“ Diesmal war es Rosie die unterbrach: „Und was meine ich damit?“ Trixi überlegte kurz und fasste dann zusammen: „Naja, damit meinst du, dass die Regeln, die in einer Welt wichtig sind, etwas mit den Umständen, die dort herrschen, zu tun haben. Ich merke ja auch, dass es dir wichtig ist, aber ich versteh immer noch nicht, warum es für mich wichtig ist?“

    Rosie wandte sich ihrem Garten zu. „Es gibt unzählige unglaubliche Welten dort draußen, Fantasiewelten im Strom, permanente Welten wie das Morgenland, Planeten in der Galaxie, die wiederum tausende eigene Welten beherbergen und es gibt schon viele Welten hier in meinem Garten direkt vor unseren Nasen und sogar in unseren Nasen gibt es zu erforschende Welten. Sie alle sind durch den Strom zu erreichen. Du, Trixi, kannst all diese Welten erreichen. Deshalb ist es unbedingt notwendig, dass du verstehst, dass all diese Lebensräume ihre eigenen, sich verändernden Umstände entwickeln und die Lebewesen, die sie bewohnen, entwickeln Regeln und Verhalten, um diese Umstände für sich zu nutzen. Egal wie dumm oder sinnlos ein Verhalten dir vorkommt, sei es in der Normwelt oder in irgendeiner anderen, denke immer daran: Es hat mit Gewissheit einen Sinn, den du nur noch nicht erkennen kannst. Regeln entwickeln sich über die gesamte Existenz einer Gemeinschaft oder einer Gruppe immer weiter und passen sich immer den neuen Umständen an. Und um deine Frage endlich zu beantworten: So hat es sich auch entwickelt, dass Kleidung in der Normwelt nicht mehr vornehmlich dazu dient, dass du dich in ihr wohl fühlst, sie dich schützt. Aufgrund der Umstände, die sich verändert haben, ist Kleidung in der Normwelt ein Mittel zu kommunizieren geworden. Sie sind so viele und müssen alle zusammen leben. Kleidung ist etwas Soziales geworden, etwas Zwischenmenschliches, damit ordnet man sich einer Gruppe zu, zeigt wer man ist, wenn man möchte sogar aus welcher Familie man kommt, welche politischen Ansichten man hat, oder ähnliches. So entstehen weniger Gespräche, die sinnlos sind, weil sie zu keiner Gemeinsamkeit führen“.

    Trixi fragte sich, warum ein Gespräch, das zu keiner Gemeinsamkeit führt, sinnlos ist. Sie nahm einen Schluck Tee und dachte eine Zeit lang darüber nach. Und als sie weiter versuchte, sich in das arbeitsame Leben eines Normweltlers einzudenken, wurde ihr klar, dass es ganz natürlich ein Problem ist, wenn man einen Maurer sucht und immer nur Elektriker anspricht, weil alle gleich angezogen sind. Da hilft es natürlich, wenn man gleich sieht, wer wer ist. „Wenn man Freunde sucht,“ dachte Trixi „und gleich an der Kleidung erkennt, ob das Gegenüber die gleiche Musik hört wie man selber, erleichtert das die Sache schon“. Zufrieden nahm sie sich einen der Kekse, die Rosie bei solchen Gesprächen immer bereit stellte. Die Frage hatte sich für Trixi erledigt.

    „Wie viele Morgenländler gibt es ungefähr?“ band Rosie ihre Schülerin in den Vortrag ein. Trixi überlegte kurz und sagte dann „Ich glaube es waren 12.000“. „Genau Trixi.“ Stimmte Rosie zu. „Das sind ungefähr so viele Menschen, wie in einer kleinen Stadt in der Normwelt leben. In jedem Land gibt es sehr viele davon. Zusätzlich gibt es in jedem Land große Städte und in manchen Ländern gibt es Städte, in denen wohnen so viele Menschen, wie in kleinen Ländern insgesamt. Es gibt Städte, die sind hundert mal so groß wie das ganze Morgenland und dann gibt es verschiedenen Kontinente in denen viele unterschiedliche Länder sind. In der Normwelt leben unvorstellbar viele Menschen zusammen. Inzwischen sind es so viele, dass es keine Gebiete mehr gibt, in denen man keine Menschen trifft. In unserer Zeit entwickelt sich in der Normwelt zum ersten Mal eine Gemeinschaft, zu der wirklich alle gehören, eine Gemeinschaft mit allen Menschen des Planeten. Das ist dort etwas ganz neues. Wir kennen das ja gar nicht anders. Bei uns gehören immer alle dazu und alle wissen, die Trixi, die mag Kleider, weil dich alle kennen.“

    Trixi hatte darauf verzichtet Einspruch zu erheben. Sie hatte während des Trainings ein starkes Interesse für die Mode und die Trends der Normwelt entwickelt und konnte nicht mehr so richtig verstehen, dass ihr die Minnie-Maus Leggings mal so unglaublich gut gefallen hatten. In den Gesprächen, die sie in der Normwelt mit Gleichaltrigen geführt hatte, hatte Trixi heraus gefunden, dass sie wohl recht hübsch ist und war erstaunt gewesen, welche Rolle das spielte. Jedenfalls stand sie bereits ziemlich auf die Klamotten, die Musik und den Lebensstil der Jugendlichen in der Normwelt. Insgesamt hatte ihre Skepsis gegenüber der Normwelt sich in ein wohlwollendes Interesse gewandelt. Das lag auch an den unglaublichen Leistungen der Normweltler, die ihr einen gewissen Respekt abrangen.

    Nachdem Rosie sie über die Komplexität des Lebens in der Normwelt aufgeklärt hatte, war Trixi zunehmend fasziniert von den Errungenschaften der Menschen auf dem Planeten Erde und fragte deshalb zu einer anderen Gelegenheit, woher die Menschen alle wussten, wie man das alles baut und verarbeitet und herstellt. Rosie war erfreut gewesen und hatte Trixi gleich mit einer neuen Aufgabe betraut. Sie machte ihre Schülerin mit dem Internet, Bibliotheken und Museen bekannt, den Orten, an denen der größte Teil des Wissens der Menschen gespeichert wurde. Sie versprach Trixi außerdem, zwei freie Tage, um mithilfe dieser Einrichtung etwas über ihren zweiten Namen Seelenblüte heraus zu finden.

    Gestern hatte Trixi ihre erste Reise gemacht und heute würde sie mit den Nachforschungen zu ihrem zweiten Namen beginnen. Während ihrer ersten Reise hatte es genug Verhalten gegeben, dessen Grund sie nicht hatte erkennen können, und der ihr sinnlos und albern vorgekommen war. Gegen das, was sie in TuriSede erlebt hatte, erschien ihr ein Ausflug in die Normwelt wie ein Spaziergang im eigenen Vorgarten.

    In Windeseile würgte sie die Reste ihres Müslis herunter, schrieb einen Zettel für ihre Eltern und Rosie und verschwand leise aus dem Haus in die Wärme der beiden Vormittagssonnen. Sie schnappte sich ihr Longboard aus der Garage, setzte sich ihre Kopfhörer auf und düste ab in Richtung Aram.

    Man durfte nicht allein in die Normwelt und Trixi würde heute Aram mitnehmen und so gleich zwei Rätsel lösen, das um ihren zweiten Namen, und das um ihren Traum von ihrem besten Freund als Erwachsenem.

    Nach einem schnellen Ritt auf ihrem Longboard kam sie durchgewuschelt und bester Laune bei Arams Haus an. Das Morgenland hatte natürlich dafür gesorgt, dass es die ganze Zeit bergab ging. Motoren brauchten hier nur Autos und Laster. Trixi kickte das Tail des Boards, fing es mit der freien Hand und trug es den kurzen Weg zur Tür des Hauses. Sie klingelte, damit alle wussten, dass jemand rein kam und betrat dann das Haus und begann nach Aram zu suchen. Die Zimmer, die Travis benutzte, mied sie meist. Sie hatte keine Angst vor ihm, auch als Kind hatte sie den Geschichten über Arams Vater nie geglaubt, aber trotzdem war Travis ein eher unangenehmer Gesprächspartner. Die Kinder erzählten sich immer noch eine Gruselgeschichte, in der Travis als Vampir kleinen Morgenländlern ihre Lebenskraft aussaugte.

    Trixi wusste, dass Travis kein Vampir war und sie war sich auch sicher, dass er ein ganz netter Mensch sein konnte, aber Travis war immer müde und kraftlos. Er wirkte permanent genervt und hatte ständig einen Gesichtsausdruck, der vermuten ließ, dass er unter Schmerzen litt. Das führte dazu, dass er von den Morgländlern gemieden wurde und er selber verstärkte seine Einsamkeit noch, indem er nie irgendwo auftauchte, zu keinem der Feste oder Rituale kam und auch sonst keinerlei Anstalten machte, sich in die Morgenländler Gesellschaft einzugliedern. Trixi hatte ihre Eltern mal dazu befragt und selbst die hatten sehr zurückhaltend reagiert und ganz untypisch darauf hingewirkt, dass sich Trixi nicht weiter mit dem Papa ihres besten Freundes beschäftigte. Travis war für einen Morgenländler zu unglücklich, um dazu zu gehören. Als Trixi durch das dunkle Haus ging und so darüber nachdachte, musste sie auch wieder an Rosie denken. Sie fragte sich, ob die Morgenländler Gemeinschaft tatsächlich Menschen ausschloss, die nicht glücklich genug darüber waren hier leben zu dürfen.

    Es war offensichtlich niemand zuhause, Trixi verließ das Haus wieder und schloss die Tür beim Gehen. Sie hatte sie natürlich offen gelassen, damit jeder wusste, dass in diesem Haus gerade jemand ist. Alles andere wäre schließlich sehr unhöflich gewesen und beim Betreten des Hauses hätte sich der Eigentümer möglicherweise erschreckt. Als sie unentschlossen vor Arams Haus stand fiel ihr plötzlich ein, dass es vormittags war. Sie hatte sich gewundert, warum sie auf dem Weg niemanden getroffen hatte. Sie strich mit dem rechten Daumen aufwärts über eine der weißen Adern ihres Passanten, stoppte am oberen Ende und machte mit dem Daumen eine viertel Drehung auf dem Stein, als würde sie eine unsichtbare Schraube ein kleines Stück in den Stein schrauben. Neben dem Passanten, der noch am Armband hing, erschien eine grüne Schrift in der Luft. Sie informierte Trixi über die Uhrzeit und den Tag. Es war 11:30 am Mittwoch, den 18. September. Alle waren Arbeiten oder in der Schule. Trixi fuhr also zu der Schule für die Großen, es gab nur zwei, eine für die Kleinen und eine für die Großen. Sie wartete kurz vor der Schule und fuhr dann ein Stück den Weg in Richtung Arams Haus wieder zurück. Sie hatte keine Lust viele Leute zu treffen und sich ewig unterhalten zu müssen, sie wollte los. Der Tatendrang, der sie unter der Dusche erfasst hatte, setzte sie unter Spannung. Sie musste sich glücklicherweise nicht lange in Geduld üben.

    Mit gesenktem Kopf schlurfte Aram durch die Mittagssonne auf sie zu. Er kam immer näher ohne den Kopf zu heben. Trixi grinste, wegen der typischen Abwesenheit ihres Freundes. Dann schlurfte Aram an ihr vorbei ohne Notiz von ihr zu nehmen oder sie zu erkennen. Trixi war erstaunt und rief „Hey, Aram“. Aram drehte sich um und blinzelte in die Sonne, dann sagte er zögernd „Jaaa?“. Trixi wurde endlich klar, dass er sie nicht erkannt hatte. Sie ging an ihm vorbei, sodass er nicht mehr geblendet wurde, breitet die Arme aus und sagte „Tadaaaa, ich bin‘s. Trixi! Trxi aus dem Morgenland“. Aram riss die Augen auf und freute sich sichtlich über das Wiedersehen. „Wie siehst du denn aus?“ fragte er. Trixi war etwas enttäuscht über diese Reaktion auf ihre neue Kleidung. Als Aram mit weiterhin freudig überraschter Miene auf sie zu kam und sie umarmte war sie wieder mal sehr glücklich, dass sie nicht in der Normwelt lebte, wo Kleidung so viel zählte und nahm sich fest vor, die Fehler der Normweltler nicht nach zu machen.

    Trixi und Aram schlenderten zu einem der Supermärkte, besorgten sich ein Eis und erzählten sich gegenseitig was alles passiert war. Natürlich sprach Trixi etwas mehr, denn sie hatte ja auch etwas mehr erlebt. Diesmal ließ sie kein Detail aus und es wunderte sie nicht, dass Aram viele Fragen hatte, von denen sie kaum eine beantworten konnte. Sie erzählte ihm, dass sie hoffte einige Antworte im Wissensschatz der Normweltler zu finden. „Du meinst Internet und Bibliotheken?“ fragte Aram. „Ja!“ wunderte sich Trixi „Woher weist du das?“. „Ich habe schon viel gelesen und recherchiert über viele Welten. Wegen Mama, du weißt doch.“ Trixi nahm ihren Freund in den Arm und drückte ihn kurz. „Hast du Lust mit mir trotzdem heute ein bisschen in der Normwelt zu forschen?“. „Hört sich super an.“ freute sich Aram. „Hast du inzwischen einen Termin für dein Gogyo?“ fragte Trixi, um das Thema von ihren Abenteuern auf sein Leben zu lenken. „Nein, aber inzwischen glaube ich auch, je mehr ich warte, desto langsamer geht‘s.“ „Alles klar.“ Trixi stand auf: „Heute kriegen wir dich garantiert abgelenkt. Hüpf drauf“ Mit diesen Worten stellte sie sich vorne auf ihr Longboard.“ Aram lächelte und löste von der linken Seite seines Rucksacks eine kleine Platte. Er zog die beiden Seiten heraus und die Platte erhielt die Form eines Longboards. Er griff auf die rechte Seite seines Rucksacks, zog zwei Achsen mit Rädern, aus dafür vorgesehenen Vertiefungen, und klickte sie in Schienen an Anfang und Ende des Boards. Dann sprang er auf, sauste Richtung Normtor, an der staunenden Trixi vorbei, und rief während er kurz zurück blickte „Trixinessss“. Trixi verstand die Aufforderung natürlich sofort und gab Vollgas. Bis zum Tor holte sie ihn aber nicht mehr ein. Er war offensichtlich ziemlich gut geworden in den letzten Wochen.

    Sie kamen am Normtor an. Aram bremste und stieg von seinem Board. Dann kickte er es hoch und lehnte sich dagegen, genauso wie Trixi es immer machte. Er lächelte sein kleines Lächeln, das man erst zu deuten wusste, wenn man ihn gut kannte. Er ließ Trixi damit wissen, wie sehr er sich freute, sie nicht nur überrascht, sondern sogar geschlagen zu haben.

    Trixi konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie zum ersten Mal durch das Normtor gegangen war. Sie hatte gedacht, es müsste riesig sein und mit einem allmächtigen Energieschild umgeben. Bewacht von Ogern, Feen und Soldaten. Das Gegenteil war der Fall. Beim Normtor handelte es sich um ein Plastikrohr, das unter der Erde verlegt war. Wie ein Abwasserkanal oder die unterirdische Führung eines Flusses. Das Rohr schaute einige Zentimeter aus dem Abhang. Eine halbrunde Mauer aus roten Ziegeln verhinderte, dass der Abhang einstürzte und das Rohr unter sich begrub. Und das war es auch schon. Man kletterte einige dutzend Meter durch das Rohr und kam auf der anderen Seite an einem ganz ähnlichen Abhang mit einer fast identischen Mauer wieder heraus. Die einzige Verbindung zum Rest der Normwelt war eine Landstraße. Die führte zu einer kleinen Stadt und von dort aus konnte man dann über das komplizierte Netz von Straßen, Gleisen und Wasserwegen jeden Platz auf dem Planeten Erde erreichen. Es dauerte nur ewig lange und kaum ein Morgenländler hatte je Interesse daran gehabt, die beschwerlichen Reisen in der Normwelt weiter zu gestalten als unbedingt notwendig.

    Aram kletterte den Abhang herauf, setzte seinen Rucksack ab, stellte ihn vor sich hin und setzte sich auf sein Longboard. Dann begann er in seinem Rucksack zu kramen und Trixi setzte sich daneben und beobachtete ihn.

    „Was machst du?“ fragte sie. „Warte einen Moment, ich zeig‘s dir.“ Er kramte einen kleinen silbernen Kasten hervor, der aus dem gleichen Material gemacht war wie sein ausziehbares Board. Er stand auf, drehte sein Board um und befestigte den Kasten darunter. Dann öffnete er den Deckel des Kastens, entnahm ihm zwei Zahnräder und klickte sie mittig an den Achsen fest. Er zog zwei kleine Ketten aus den Seiten der Vorrichtung, führte sie um die Zahnräder und zurück in die Apparatur. Dann legte er einen kleinen Hebel im Kasten um und ein kleines rotes Lämpchen wurde grün. Er verschloss den Kasten und drehte sein Board um. Dann schaute er triumphierend Trixi an. Die schaute erstaunt und anerkennend zurück. „Wow!“ sagte sie. „Warum ist da noch keiner vor dir drauf gekommen?“. „Weil niemand so viel in der Normwelt unterwegs ist wie ich, der nicht Autofahren darf.“ „Du bist viel hier?“ wunderte sich Trixi „Ja. Ist kein Verbrechen. Deine Eltern haben dir die Normwelt schon immer verboten. Meinen Vater interessiert es einfach nicht, und ich muss Antworten selber finden, wenn mir meine Fragen niemand beantwortet.“ „Das heißt, du suchst auch in der Normwelt nach deiner Mutter?“ Trixi war baff. Aram lächelte müde „Schon seit Jahren. Was hast du denn gedacht was ich gemacht habe, wenn du für deine Geländejagden trainiert hast?“ Trixi war wie vor den Kopf gestoßen, denn sie wusste darauf keine Antwort, sie hatte sich darüber nie wirklich Gedanken gemacht. Deshalb antwortete sie auf den Vorwurf, der in der Frage steckte, und sagte: „Aram, es tut mir leid, ich habe dich in den letzten Jahren vielleicht etwas unterschätzt“.

    „Ich habe nur einen Motor, aber ich kann dich ziehen.“ bot Aram an, stieg auf sein Board und reichte Trixi die Hand. Auf dem Weg erzählte Aram von den Museen, die er kannte und Trixi überlegte anhand der Infos, wo sie anfangen sollte zu suchen. Als sie in dem kleinen Städtchen angekommen waren, wussten sie noch nicht, wohin es gehen sollte, deshalb fragte Aram: „Was suchst Du den überhaupt? Was sollst du herausfinden?“ Daraufhin lud Trixi ihren Freund auf ein Eis ein und erzählte ihm die lange Geschichte ihrer ersten Reise und ließ auch nichts von dem aus, was davor passiert war.

    Ganz frei erzählte sie auch von ihrem Traum und als sie geendet hatte, fühlte sie sich unglaublich erleichtert und sehr wohl. Nun war endlich mal wieder Aram mit dem Staunen dran. Er hatte in den letzten Jahren ein zweites Zuhause in der Normwelt gefunden und sich so an ein etwas beschwerliches, aber sehr freies und unbeobachtetes Leben gewöhnt. Nun begann er zu begreifen, wie beschwerlich auch das Leben im Morgenland sein konnte.

    Eine Zeit lang saßen die Beiden schweigend nebeneinander und dachten nach. „Am besten ist es eigentlich alles über die Seele herauszufinden“ überlegte Trixi. „Vielleicht ist das einfacher als nur herauszufinden, wie das mit der Blüte ist.“ Aram schmunzelte. „Um alles über die Seele heraus zu finden, haben wir ein bisschen wenig Zeit. Weißt du, wie viele Bücher wir dann lesen müssten? Das geht nicht.“ beschloß Aram und fügte hinzu, „Ein Philosoph hat mal gesagt ‚Die tiefe der Seele ist unergründlich‘ Das hieße dann wohl, dass alles darüber heraus zu finden unmöglich ist.“ „Wer hat das gesagt?“ Trixis Neugier war geweckt. „Ich weiß es nicht mehr genau,“ gab Aram zu „aber es war ein Philosoph, ein Denker.“ „Wo hast du ihn den getroffen?“ forschte Trixi. Wieder musste Aram schmuzeln „Das war ein Philosoph der schon seit vielen Jahren Tod ist.“ Trixi runzelte die Stirn „Und mit wem hast du über ihn gesprochen? Las dir doch nicht jedes bisschen Informationen aus der Nase ziehen.“ Aram holte tief Luft, er wollte etwas Zeit gewinnen, denn er wusste nicht genau wo er anfangen sollte. „Naja, natürlich hab ich ihn Überhaupt nicht gesehen. Ich habe über ihn gelesen. Im Internet glaube ich, und ich fand sehr interessant was er über die Seele gesagt hat und über die Liebe. Der war aber genau wie viele andere dieser Denker, schon lange Tod. Also ich meine so richtig lange.“ „Wo ist das Internet?“ wollte Trixi wissen. Wieder musste Aram kurz überlegen wo er anfangen sollte.

    Der Umgang mit den Einrichtungen der Normwelt war ihm schon so vertraut, dass ihm Trixis Fragen ein klein wenig doof vorkamen, aber das sagte er natürlich nicht, denn er wollte Trixi nicht verletzen und er wusste ganz genau, wie es ist, sich in etwas zurecht finden zu müssen, was man nicht kennt, schließlich hatte er fast alle seine Erfahrungen in der Normwelt alleine gesammelt. Das war zwar schon verboten, aber nach einigen gemeinsamen Ausflügen, hatte sein Papa es ihm dennoch erlaubt. Travis hatte die Faszination seines Sohnes für die Normwelt sehr gut verstehen können, hatte ihm alles erklärt, was er wissen musste, und seinem Sohn dann vertraut. Der alleinerziehende Papa hatte recht behalten und Aram hatte viel Wissen und Selbstbewusstsein aus seinen Ausflügen gezogen, auch wenn er es niemandem hatte verraten dürfen.

    „Das Internet ist überall verteilt. Es ist elektronisch und besteht aus Informationen, die sich auch zu Bildern und Tönen zusammenfassen.“ „Hört sich an wie der Strom!“ warf Trixi ein. „Man kann sich aber nicht wirklich darin umschauen, sondern es zeigt alle Sachen auf einem Bildschirm.“ erklärte Aram. Man braucht ein Gerät, um sich darin umzuschauen und das Gerät zeigt dann auf seinem Bildschirm das an, wonach man gesucht hat. Man muss ein Suchwort haben. Da kann man aber alles nehmen.“ „Woher bekommen wir ein Internetgerät?“ Trixi wollte schon los gehen, setzte sich dann aber wieder und überlegte.

    Aram wartete ab, er kannte seine beste Freundin und war schon auf den Einfall gespannt, den er gleich würde präsentiert bekommen. Sie schaute ihm tief in die Augen und hob dann gleichzeitig die Augebrauen und ihr Armband hoch. Aram erkannte sofort den daran baumelnden Passanten. Nichts anderes hatte Trixi erwartet. Aram erwiderte den Blick, zuckte mit den Achseln und meinte: „Ist bestimmt ein Versuch wert, aber bestimmt nicht hier“. Trixi schaute sich um, in der letzten halben Stunde hatte sich die Fußgängerzone mit Normweltlern gefüllt. „Du hast recht, kennst du einen Platz, wo wir das mal ausprobieren können?“

    Aram kannte viele Orte, aber einige waren ihm so heilig geworden, dass er im Moment selbst Trixi nicht dort hin führen wollte. Die Auswahl war aber groß und das Gebiet um die Kleinstadt am Normtor kannte er inzwischen wirklich gut. „Ich habe eine Idee. Es gibt nicht weit von hier eine Stelle, die fast wie der Sprungfelsen ist. Man sieht jedenfalls immer, ob jemand kommt und ist an einer erhöhten Position, die von unten nicht einsehbar ist.“ „Perfekt.“ entschied Trixi und die Beiden gingen los. Nach einer halben Stunde ließen sie die Stadt hinter sich und liefen auf einen kleinen Berg zu. „Wir müssen da rauf. Aber der Wanderweg führt auf der anderen Seite nach oben. Ich schlage vor, wir klettern.“ Trixi nickte: „Guter Vorschlag.“ Eine gute Stunde später hingen Trixi und Aram in einer sehr anspruchsvollen Kletterwand und hatten einen Riesenspaß. Sie musste wirklich alles geben und die Angst runter zu fallen, ohne dass das Morgenland einen See entstehen lässt oder wenigstens Heu unterlegt, machte die Kletterpartie sehr sehr spannend. Oben angekommen klatschten die Beiden ab. Aram war dank Trixis Unterricht ebenfalls ein großartiger Kletterer. Beide wussten, was sie eben geleistet hatten und schnauften ganz ordentlich. Sie waren erst mal platt. Aram signalisierte Trixi mitzukommen und sie folgte ihm zu einer kleinen Bank, deren Position auf dem Hügel sie tatsächlich etwas an den Sprungfelsen im Morgenland erinnerte. Abgesehen davon, das hinter ihnen noch ein ca. 10 Meter hoher Turm in die Luft ragte.

    Nachdem sie kurz verschnauft und etwas getrunken hatten, brachte Trixi ihren Passanten auf Normalgröße und ließ ihn die Zeit anzeigen. Die Schrift erschien wie immer neben dem Passanten in der Luft. „Cool!“ sagte Aram anerkennend. Trixi freute sich und fragte: „Meinst du so könnte es auch klappen, das Internet anzuzeigen, ohne Bildschirm?“. „Auf jeden Fall.“ bestätigte Aram. „Gut, dass wir das nicht in der Fußgängerzone ausprobiert haben. Die Menschen versuchen seit Jahren so etwas zu erfinden. Hätte das jemand gesehen, hätte das ein riesen Aufsehen erregt. Darf ich mal?“ Aram hielt Trixi die Hand hin und mit den Worten „Klar, du schon.“ reichte sie ihm ihren Passanten und gab ihn damit zum zweiten Mal aus der Hand. Nur ihr Papa hatte ihn außer ihr bisher berührt. Bei diesem Frühstück, das nur einige Wochen her war, sich aber anfühlte, wie aus einem anderen Leben.

    Ehrfurchtsvoll drehte Aram Trixis Original in der Hand. „Und da ist ein Original in der Form von Diotima drin?“ Trixi nickte nur. „Ich glaube, ich habe auch von Diotima schon etwas gelesen. Die Normweltler haben viel Wissen aber sie benutzen nur sehr wenig davon und bringen ihren Kindern auch komische Dinge bei.“ „Das ist eine kulturelle Sache“ murmelte Trixi. Aram schaute sie verständnislos an. „Später.“ beantwortete Trixi den fragenden Blick. „Über Diotima will ich auch alles wissen“, forderte sie, dann lenkte sie die Aufmerksamkeit ihres besten Freundes wieder auf ihren Passanten. „Mach nochmal die Uhr auf.“ Trixi machte die Geste auf dem Stein, die Schrift erschien. „Die Internetgeräte funktionieren immer so.“ sagte Aram und wischte mit seinem Zeigefinger über die Schrift, als würde er ein Sandkorn von seiner Hose wischen. Als er von links nach rechts über die Schrift wischte, erschien daneben eine ganze Liste von Worten. Trixi musste sich extrem zurück halten, um Aram ihren Passanten nicht aus der Hand zu reißen. Aram las die Worte durch und wischte dann mit dem Finger von unten nach oben. Die Liste wurde nach oben geschoben, es gab noch viel mehr Einträge. Trixi war so gespannt, dass sie mit dem Kopf gegen Aram stieß, weil das Bild neben dem Passanten so klein war. Trixi machte auf der Schrift die gleiche Handbewegung, die sie zum Vergrößern ihres Steines machte und schon wurde die Schrift größer und schwebte nun vor ihnen. Es wurden nun auch Bilder angezeigt. Alles ließ sich dennoch auf die gleiche Weise hin und her schieben. Aram kam bei S wie „Suchen“ an, tippte darauf und ein Feld sowie eine Tastatur erschienen. Aram tippte „Die tiefe der Seele ist unergründlich“ ein. Unter dem Feld erschienen Einträge, auf die Aram wiederum klicken konnte. Einer der ersten lautete „Heraklit“. Er las die ersten zehn Einträge und schob die Liste zurück nach oben. Er tippte auf Heraklit. Das angezeigte Bild veränderte sich und neben einigen Abbildungen von Vasen und einer Weltkarte auf der Griechenland eingekreist war, stand eine Menge Text. „Vor 2579 Jahren ist er gestorben.“ murmelte Aram. „Wer?“. „Heraklit, das war einer von vielen Denkern einer Zeit, in der die Menschen der Normwelt sich schon einmal mit großer Erkenntnis und frei von Hass mit der Liebe und der Seele und den verschiedenen Arten zu lieben beschäftigten. Noch heute sind viele der Gedankengänge der griechischen Philosophen für die Menschen der Normwelt wichtig und richtig. Sie haben den Kontakt zu ihren Seelen nicht verloren, nur fast keiner von ihnen weiß das. Das glaube jedenfalls ich.“ Er bewegte das Bild, das der Passant erzeugte mit den Fingern hin und her. „Irgendwo konnte man sich auch Sachen vorlesen lassen.“ sagte er mehr zu sich selbst als zu Trixi. „Da!“ Er klickte auf das Symbol eines kleinen Lautsprechers und tatsächlich gab Trixis Passant ein leises Knacken und dann ein kurzes Piepen von sich und schon hörte man eine Frau einen Text vorlesen:

    „Die Philosophen des Antiken Griechenlands waren nicht nur Vordenker ihrer Zeit, noch heute genießen ihre Ideen größte Beliebtheit. Der moderne Begriff der Liebe, wie er in den Kulturen des modernen Westeuropa verwendet wird, wurde damals bereits in drei Begriffe unterteilt, auf denen das Denkmodell der antiken Philosophen beruht. Unter Philia verstand man eine freundschaftliche Zuneigung, die aber genauso der universalen Liebe entsprang, wie die anderen Formen der Liebe. Bei Agape handelte es sich um eine Liebe, durch die man dem Gegenüber zwar mit großem Wohlwollen, Nachsicht und Empathie begegnet, das brennende Begehren jedoch, der Eros, der die erotische, sexuelle Liebe ausmacht, spielt in Agape keine Rolle. Es existierte auch die Überzeugung, dass die verschiedenen Zustände der Liebe Eros, Philia und Agape auf einander folgen, und dass für eine gesunde Entwicklung der Seele alle Formen der Liebe benötigt werden. Das beschreibt Platon in seinem Dialog Symposium in Form des Gleichnisses von Diotimas Leiter.“

    Trixi wurde bei dem letzten Satz hellhörig, alles schien irgendwie mit Diotima zusammen zu hängen. Unvermittelt fiel ihr ihre Gogyo-Ki Aufgabe ein. „Schaffe Leben aus dem Stein, du sollst meine Blüte sein. Wasche mich von Schleier rein, meine Seele zu befreien. Das hängt doch alles irgendwie zusammen“ überlegte sie.

    „Ich kann das so nicht“ maulte sie Aram an. Sie verkleinerte das Internetbild und schob es mit der Wisch-Geste wieder in den Passanten, den sie nicht hatte vergrößern müssen, um das Internet aufzurufen. „So funktioniert das aber in der Normwelt“ hielt Aram dagegen. „Und das ist schon eine große Verbesserung. Nicht lange her, da hätten wir in eine Bibliothek fahren müssen und dort das richtige Buch suchen und die richtige Stelle und dann hätte nur die Hälfte von dem drin gestanden, was wir jetzt in kürzester Zeit erfahren haben.“ „Erfahren!“ Verächtlich schüttelte Trixi den Kopf: „Das ist doch kein Erfahren. Man kann nichts anfassen, nichts entdecken.“ Trixi ließ den Kopf hängen. „Wie soll ich so jemals herausfinden, was mein zweiter Name bedeutet. Sich verändern ist ja irgendwie auch schön, aber es ist auch so anstrengend. Ich bin mir einfach oft nicht sicher, was richtig ist. Ich habe im Moment sogar manchmal das Gefühl, dass ich überhaupt nicht mehr genau weiß, wer ich bin.“ Bedrücktes Schweigen folgte.

    Plötzlich erwachte Trixi aber wieder zum Leben. „Ich bin jedenfalls niemand der so leicht aufgibt,“ murmelte sie, ergänzte: „Trixiness!“ und öffnete wieder das Internet mit Hilfe ihres Passanten. Sie ging zur Suche und Tippte ein: „Erlebnis, Welt, Philosophie“. Sie tippte auf den ersten Eintrag und auf dem Bildschirm und in großen Buchstaben stellte dort jemand endlich die richtigen Fragen: „Wer bin ich? Was ist Liebe? Was ist die Seele? Was ist Glück? Was ist der Sinn?“ las Trixi laut vor. „Da muss ich hin.“ entschied sie. „Wo ist das?“.

    Aram begann wieder die Seite umher zu schieben, klickte auf Bilder und Worte und wie in einem Buch öffnete sich Seite um Seite. Das Internet kam Trixi ein bisschen wie ein elektronisches Buch mit unendlich vielen Seiten vor. Manchmal merkte man allerdings nicht, dass man schon ein ganz anderes Buch las, das jemand ganz anderes geschrieben hatte. Trixi übte sich in Geduld während Aram nach einem Ort suchte, der zu dieser Seite des Internet gehörte. „Da.“ sagte er und klickte auf das Wort „Anfahrt“ und dann auf eine kleine Karte. Die Karte vergrößerte sich und zeigte einen Ausschnitt der Umgebung. „Okay,“ bemerkte Trixi, „aber wo sind wir?“. Aram machte mit der Verkleinerungsgeste, die auch bei Trixis Passanten funktionierte, die Karte kleiner, sodass man mehr von der Umgebung sah. Mit der Vergrößerungsgeste zoomte er auf das Wort ‚Hochkirch‘ und schob die Karte dann nach unten bis ein großer dunkelgrüner Fleck darauf zu sehen war auf dem ‚Czorneboh‘ stand. „Hier sind wir, in dem kleinen Waldstück.“ Er deutete auf den grünen Fleck. „Es geht zu dem Ort tatsächlich nur noch bergab und wir können es heute noch schaffen.“ Aram schaute Trixi herausfordernd an. „Wo fahren wir hin?“ fragte sie ihren neuen Reiseführer. „Auf das Lebensgut Pommritz in die Erlebniswelt Philosophie“. Trixi strahlte als sie das hörte. „Na also,“ dachte sie, „Erlebniswelt hört sich schon besser an.“ Aram ging zurück in die Funktionsauswahl und klickte ‚Wegweiser‘. In das erscheinende Feld schrieb er ‚Lebensgut Pommritz‘, automatisch verkleinerte sich das Bild und zog sich in den Passanten zurück. Stattdessen schwebte über dem Passanten nun ein kleiner blauer Pfeil, der den beiden Jugendlichen die Richtung wies.

    Trixi sprang auf ihr Board. Sie wollte sich nicht wieder von Aram besiegen lassen. Die beiden sausten eine knappe Stunde bergab, mal schneller, mal langsamer. Während der Fahrt sprachen sie kein einziges Wort. Sie genossen es einfach gemeinsam zu fahren und die Freiheit zu spüren, die in Form des Fahrtwindes ihre Haare wild verwuschelte. Sie kamen an einem kleinen kaputten Bahnhofsgebäude vorbei und rollten langsam durch ein winziges Dorf. Hinter einer kleinen Pferdekoppel leitete sie eine Einfahrt auf einen alten Bauernhof, der offensichtlich umgebaut worden war. Es herrschte ein geschäftiges Treiben.

    Gegenüber der Einfahrt waren in einem großen zweistöckigen Gebäude die Fenster geöffnet und der herrliche Duft frischen Essens erinnerte die Beiden daran, dass sie noch nichts zu Mittag gegessen hatten. Beide schauten sich an, lächelten und gingen dann langsam auf das Gebäude zu, vor dem viele Menschen saßen und standen und sich unterhielten. Etwas fehlte, aber Trixi war sich nicht sicher was.

    Sie gingen durch den Eingang in eine Empfangshalle die uralt war, das sah selbst Trixi sofort. Immer dem Duft nach bogen sie links ab und betraten einen Raum, in dem mehrere lang gezogene Tische und zugehörige Bänke aufgestellt waren. Eine junge Frau sprach die Beiden an, da sie offensichtlich etwas orientierungslos waren. „Na ihr beiden, zu welcher Truppe gehört ihr denn?“ Trixi fing sich zuerst: „Wir wollen uns die Erlebniswelt Philosophie anschauen, sind aber von dem leckeren Duft irgendwie hier her gezaubert worden.“ Die junge Frau lächelte. „Ihr seit einfach zu zweit hier, um euch die Philosophie Erlebniswelt anzuschauen?“ Trixi und Aram schauten in ein sehr erstauntes Gesicht. Beide antworteten gleichzeitig „Ja“. „Wie alt seit ihr?“ fragte die Frau weiter. Trixi überlegte nicht eine Sekunde und sagte. „So alt, dass wir was über Diotimas Leiter erfahren wollen.“ Die junge Frau lachte schallend. Trixi und Aram hatten keine Ahnung warum. „Ihr habt meinen größten Respekt“ freute sie sich und während sie die Beiden in Richtung Küche begleitete, murmelte sie: „Irgendwas haben wir wohl richtig gemacht.“ Dann rief sie in die Küche „Xahar!“. Ein junger Mann in weißem Kittel erschien. „Die Beiden hier sind aus Hochkirch alleine her gekommen, um das Philosophie-Museum anzuschauen. Ich finde wir laden sie auf ein Essen ein, bevor sie sich ans Forschen machen können.“ „Aber selbstverständlich. Wenn ihr mit den Boards gekommen seid, dann braucht ihr Treibstoff für die Rückfahrt. Richtig coole Strecke um zu boarden, das mach ich auch mal.“ Die Beiden wurden fürstlich bewirtet und dann in die Erlebniswelt Philosophie begleitet. Als sie über den Hof zum Eingang gingen, war der viel leerer, statt dessen kamen die Stimmen nun aus den umliegenden Hofgebäuden, die allesamt umgebaut worden waren. Endlich wusste Trixi was ihr fehlte. Die für die Normwelt typische Hektik, die sonst allgegenwärtig die Athmosphäre in der Normwelt beeinflusste und so ansteckend war wie ein Virus, fehlte hier gänzlich. Sie nahm einen tiefen Seelenzug und es gelang ihr mühelos.

    Trixi und Aram betraten eine der umgebauten Scheunen und gingen eine Treppe hinauf. Ein großer Raum, in dem viele kleine und größere Installationen standen, erwartete sie. Mit Bildern, Worten und Modellen wurden hier die Gedanken von Philosophen verschiedenster Zeiten erklärt. Trixi verweilte nur so lange an jedem Model, wie sie benötigte, um herauszufinden, dass es nicht um Diotima ging.

    An einer Station, an der Platons Gedanken erklärt wurden, hielt sie an. Eine wunderschöne Frau stand an der untersten Sprosse einer Leiter. Man konnte die Sprossen der Leiter herausziehen. Es waren Schlüssel, mit denen man kleine Boxen aufschließen konnte. Trixi nahm die erste Sprosse und schloss die zugehörige Box auf. Darin war das Abbild eines schönen jungen Mannes und einer schönen jungen Frau, die sich auf einer Blumenwiese liegend in Begehren umschlangen. Trixi schloss die Box schnell wieder und lief knallrot an, als sie verstand, warum die junge Frau so gelacht hatte, als sie nach Diotimas Leiter gefragt hatte.

    Aram schlenderte durch den Raum, er wollte Trixi etwas Privatsphäre geben, und der Traum, von dem Trixi ihm erzählt hatte, beschäftigte ihn mehr als er zugeben wollte.

    Trixi war sich nicht ganz sicher, ob sie mehr über Diotimas Leiter erfahren wollte, aber sie wusste, dass der Gedanke, der dahinter steckte, grundsätzlich mit ihrem Namen zu tun hatte. Sie nahm die zweite Sprosse aus der Leiter und schloss eine weitere Box auf. Es war wieder die gleiche junge Frau zu sehen, diesmal trug sie Kleidung und saß in einem kleinen Park vor einer Leinwand. Sie fertigte ein Gemälde von einem Liebespaar an. Die Gesichter der kleinen Figuren zeigten erstaunlich viele Details. „Der Mensch, der diese Dinge gemacht hat, ist ein wahrer Künstler“ dachte Trixi und überwand sich, sich auch die erste Box noch einmal genauer anzuschauen. Die Frau hatte ein ähnlich glückliches Gesicht wie in der zweiten Box, aber die Frau in der zweiten Box wirkte entspannter, weniger getrieben, als würde ihre Seele gerade etwas finden. In der ersten Box schien es Trixi, als würde die Seele der Frau etwas suchen.

    Aram blieb hinter einer Stellwand stehen, er kannte Platon und seinen Gedanken von Diotimas Leiter. Er hatte gelesen, was es darüber zu lesen gab, und er hatte dadurch viel über seine eigene Welt gelernt, aber leider nichts über seine Mutter. Dafür war er seinem Vater etwas näher gekommen. Er holte unter seinem T-Shirt ein kleines Amulett hervor. Er öffnete es und holte ein zusammengefaltetes Foto heraus. Er entfaltete es. Es zeigte seinen Vater Travis zusammen mit Diotima, die über die Schulter zurück schaute und Rosie winkte, die das Foto gemacht hatte. Es war genau die Szene, die Trixi ihm aus ihrem Traum beschrieben hatte. Er musste unbedingt wissen, ob sie tatsächlich ihn gesehen hatte oder ihn mit seinem Vater in jungen Jahren verwechselte. Es gab nur eine Möglichkeit das heraus zu finden. Trixi musste das Foto sehen und es ihm dann ehrlich sagen. Aber nicht jetzt. Jetzt musste er endlich mal für sie da sein.

    Trixi löste sich derweil von dem bezaubernden Anblick in der zweiten Box und war sehr gespannt, was sie in der dritten Box erwartete. Sie hatte ein Gefühl zu jeder Box, aber was sie sagen wollten, war ihr noch nicht so ganz klar. In der dritten Box waren vier Menschen, die aus Glas gemacht waren und in deren Körpermitte jeweils eine winzige Glühbirne glimmte. Durch das Gemälde, das die Frau in der zweiten Box gemalt hatte hindurch, betrachteten die Menschen ein großes Feld voller kleiner Glühbirnen. Trixi stiegen die Tränen in die Augen, auch wenn sie nicht wusste warum. Das Bild ergriff sie, es war voller Erkenntnis. Sie wusste, dass sie Aram fragen musste, denn er konnte sowas viel besser als sie. Erklären und verstehen und wiedergeben und aufschreiben und so was.

    In dem Moment hatte Aram sich bereits überwunden zu seiner Freundin zurück zu kehren. Sie sah ihn fragend an und er betrachtete kurz die drei offenen Boxen nacheinander. „Wow“ staunte er. „Das ist wirklich gut visualisiert.“ Trixi lächelte: „Was sehen wir denn da genau?“ Aram machte keine eitlen Umstände oder erklärte durch lästige Fragen. Er wusste, dass Trixi jetzt schnell Antworten brauchte. „Das ist Diotimas Leiter. Platon stellte damit den Weg der Seele zur Erkenntnis des Wahrhaft schönen und der Weltenseele dar.“ erklärte er. „Im ersten Schritt der Erwachsenen Seele hin zur Liebe ist das Verlangen ausschlaggebend. Die Liebe zu einem schönen Körper und auch die Lust daran selber begehrt zu werden.“ Er schloss die erste Kiste und die beiden entspannten sich etwas. „Als zweites erkennt der Liebende, dass die Liebe tiefer geht und sich nicht im bloßen Begehren erschöpft. Der Liebende erkennt, dass Liebe von allen Menschen empfunden wird. Die Seele versteht, dass sie mit vielen Seelen gemeinsam Freude und Schönheit teilen kann, und dass das nicht nur körperliches Begehren ist. Sondern Erkenntnis und Wahrheit. Hier zu sehen, in dem Versuch der jungen Frau die Liebe des Paares und damit auch gleichzeitig ihre eigene Liebe auf die Leinwand zu bannen.“ Aram schloss die zweite Kiste und ging weiter. „Und hier sehen wir eine Seele, die zur Blüte gekommen ist und Schönheit und Liebe in ihrer Gänze begreifen kann. Diese Seele nimmt nur noch den seelischen Kern seines Gegenüber wahr und hat eine Verbindung gefunden, zu dem was Platon als die Weltenseele bezeichnet hat. Man sieht das hier in Form dieses Seelenfeldes aus Glühbirnen. Für diese Seelen ist der Körper nicht mehr wichtig und sie blicken, indem sie etwas schönes oder wahrhaftiges anblicken, die Weltenseele selber an, aus der alle Seelen stammen und in die alle Seelen wieder zurückkehren.“

    Trixi wusste nicht genau, was sie denken sollte. „Aber das ist doch schon die Erklärung von Seelenblüte“ sagte sie mit einem leeren Gesichtsausdruck. „Naja, dass sind die ältesten Gedanken, die die Menschen noch kennen, die überliefert wurden. Die Normweltler beschäftigen sich natürlich immer und auch immer weiter mit der Liebe und der Seele der Blüte, der Seele im Laufe des menschlichen Lebens. Ich habe dahinten noch etwas schönes dazu gefunden.“

    Trixi ging hinter Aram hinterher. Der nahm ein Buch von einem der Modelle und reichte es Trixi. „Aurobindo“ las sie laut vor. „Das ist der Autor.“ bemerkte Aram. Trixi schlug das Buch an einer beliebigen Stelle auf und begann laut vorzulesen, während sie langsam durch den Raum ging: „Ebenso wird der essenziell Liebende nach Vollkommenheit suchen, weil Vollkommenheit die Natur der Essenz ist und weil er, je mehr er in die Vollkommenheit hineinwächst, den Geliebten desto inniger in seinem natürlichen Wesen geoffenbart fühlt. Er wird, wie das Aufblühen einer Blume, in die Vollkommenheit hineinwachsen, weil die Essenz und deren Freude in ihm sind. Während sich diese Freude in ihm ausbreitet, wachsen seine Seele, sein mentales und sein vitales Wesen ganz natürlich zu ihrer Essenz empor.“ Trixi schwieg kurz, hielt aber nicht an. Aram setzte sich. Er kannte das Buch natürlich. Trixi überlegte laut: „Dann ist die Essenz so was wie die Weltenseele und Seelenblüte, bedeutet einfach nur, zu dem Besten werden was man sein kann. Im Sinne des Begehrens und der Bedürfnisse der eigenen Seele und der Seelen der anderen.“ Sie lächelte, denn der enorme Druck, der seit ihrer Gogyo-Ki auf ihr lastet, fiel von ihr ab. „Schon, aber wichtig ist im Sinne eines gesunden und seelisch bereichernden Lebens, nicht im Sinne purer Leistungsfähigkeit oder um fremden Ansprüchen zu genügen.“ ergänzte Aram.

    Trixi las weiter: „Mittels unserer Anlagen kann die Essenz uns anrühren, unseren Geist erwecken und befreien. Wenn man diese tiefe Daseins-Freude erlangen will, muss man die mentale Empfänglichkeit dafür verfeinern, geistig und universal machen und alles entfernen, was trübe ist und beschränkt. Denn wenn wir ganz nahe an die Seins-Seeligkeit herankommen oder in sie eingehen, geschieht das durch einen erwachten inneren Sinn für transzendente und universale Schönheit.“ Trixi überlegte kurz. Wenn ich mich mit dem beschäftige, was ich liebe, dann wachse ich innerlich und äußerlich. Dann erblüht meine Seele.“ „Und wenn du es schaffst, so zu sein, dann kannst du andere damit inspirieren und vielleicht dazu bringen ihre eigene Seele zu entdecken.“

    Trixi sah Aram nicht während er das sagte. Sie kehrte gerade von ihrer Lesetour zu ihm zurück. Als sie an einem Aufsteller vorbei vor ihn trat, hielt er eine aufgefaltete Fotografie unter sein Gesicht. Es war genau die Szene aus Trixis Traum bei der Gogyo-Ki. Aram wartete kurz ab und flüsterte dann: „Das sind Diotima und mein Papa. Hast du die gesehen oder wirklich mich?“


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

     

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    56 min
  • Trixi im Morgenland Folge 05: Das Turiseder Artefakt

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi schlug die Augen auf, war sofort hell wach und hüpfte aus dem Bett. Sie nahm schnell ein paar frische Jeans und einen Kapuzenpullover aus dem Schrank und zog sich in Windeseile an. Auf dem Weg nach draußen schlüpfte sie barfuß in ihre Sportschuhe und blieb kurz im Türrahmen stehen. „Heute ist es soweit,“ dachte sie, „meine erste echte Reise im Strom.“ Wie Rosie es ihr beigebracht hatte, legte sie das Kinn auf die Brust, ihre Handinnenflächen aneinander und die Hände vor das Gesicht. Dann atmete sie tief ein und richtete dabei ihre Wirbelsäule Wirbel für Wirbel auf, als sie am Schädelansatz angekommen war, waren ihre Lungen bis zum Bersten mit Luft gefüllt, ihr Kinn zeigte nach vorn, ihre Schultern waren entspannt und ihre Haltung aufrecht. Sie atmete langsam aus und ging dann Zähneputzen und in die Küche, um zu frühstücken.

    Sie hatte keinen rechten Appetit, weil sie ziemlich aufgeregt war. Sie zwang sich aber dazu, eine Banane zu essen und packte ihren Rucksack sehr gewissenhaft mit Wasser und Erste-Hilfe-Kasten und allem was sonst noch zu einer Reiseausrüstung gehörte. Ihren Passanten trug sie mittlerweile als Anhänger um ein Armkettchen. Sie hatte zwar noch nicht heraus gefunden, wie man seine Form veränderte und alle sagten, dass ginge auch nicht. Sie wusste aber inzwischen, wie sie die Größe ihres neuen Begleiters verändern konnte. So war es kein Problem mehr, den Stein ständig bei sich zu tragen.

    Noch bevor Trixi mit allem fertig war, klingelte es an der Tür. Natürlich war es Rosie. Sie hatte die Unart zu früh zu Verabredungen zu kommen und sich auch noch zu beschweren, wenn andere nur pünktlich kamen. Sie hatte dann ja schon gewartet. Rosie hasste zu spät kommen und Trixi das Warten, weshalb die Jugendliche dazu tendierte ein paar Minuten zu spät zu kommen, um das Warten zu umgehen. Es gab immer mal wieder Reibereien deshalb. Trotzdem verstanden sich die beiden inzwischen hervorragend. Sogar so gut, dass beide ab und an aufpassen mussten, ihre erwachsenen bzw. jugendlichen Geheimnisse nicht versehentlich auszuplaudern.

    Rosie trug wie immer eine Art Dschungelausrüstung. Jede Tasche ihrer Cargohose beherbergte ein anderes wichtiges Utensil. Von feuerfesten Zündhölzern, über ein Taschenmesser, bis hin zu einem Stück Seife. Ähnlich sah es auch in ihrem Rucksack aus. Mit der durchdachten Ordnung von 40 Jahren Reiseerfahrung nutzte Rosie jeden Zentimeter ihres Gepäckstückes, ohne dass es zu schwer wurde. Trixi hatte schon viel mehr von Rosie gelernt als sie realisierte. Über Ordnung, darüber wie man sich über ein unbekanntes Thema informiert, und auch über Chemie und Physik hatte Trixi einiges gelernt als Rosie ihr gezeigt hatte, wie man Feuer macht und Flusswasser reinigt oder Tauwasser auffängt.

    Gutgelaunt stand Rosie in der Tür. „Guten Morgen.“ zwitscherte sie. Sie war offensichtlich bester Laune. Genauso wie Trixi, die mit einem nicht minder freudigen „Guten Morgen.“ antwortete. „Alles fertig? Hast du was gegessen?“. „Bin dabei.“ sagte Trixi kauend. „Möchtest du noch einen Tee trinken?“ fragte sie ihren Gast höflich und Rosie sagte sofort „Nein, ich will los. Du nicht?“ Trixi steckte sich das letzte Stück Banane in den Mund, entsorgte die Schale, zog sich eine Jacke an und setzte sich den Rucksack auf. „Alles klar, ich bin bereit.“ Trixi stellte sich neben Rosie vor die Treppe. Sie musste lachen, als sie erst sich und dann ihre Lehrerin betrachtete. „Wie albern ist das bitte? Wie wir aussehen! Und jetzt gehen wir gleich einfach nur in mein Zimmer.“ Trixi begann wieder zu lachen. „Oiiih eine gefährliche Expedition ins Kinderzimmer“, raunte sie Rosie verschwörerisch zu, die grinsen musste. „Wirst ja sehen.“ entgegnete sie.

    Sie standen noch eine Sekunde am Fuß der Treppe bis Rosie Trixi mit den Worten „Dein Zimmer“ zum Vorgehen aufforderte.

    Trixi stapfte in ihr Zimmer, das inzwischen ganz aufgeräumt und restlos wiederhergestellt war. Sie öffnete die Tür, lies Rosie eintreten und beide suchten sich einen Sitzplatz. Rosie auf dem Schreibtischstuhl, Trixi auf dem Bett. Das Einklinken in den Strom war nur beim ersten Mal so wild und gefährlich.

    Trixi nahm das Kettchen von ihrem Handgelenk. Sie legte die Spitzen von Daumen und Zeigefinger aneinander. Berührte mit den Spitzen der beiden Finger den Stein und zog die Finger dann auseinander, so dass der Abstand zwischen den Fingerkuppen immer größer wurde. Dabei strich der Daumen von der Mitte des Steins nach unten und der Zeigefinger nach oben. Der Stein wuchs auf Normalgröße an. Trixi hielt ihren Passanten in beiden Händen, er fing leicht an zu glimmen. Sie rief ihr Codewort „Maaamaaaa“.

    Das Zimmer drehte sich, taumelte wie eine Nussschale auf einer Riesenwelle, rutschte tief hinab wie eine Achterbahn aus dem Universum und zitterte dann kurz und heftig, Trixi wurde auf ihrem Bett sitzend leicht hin und her geschüttelt, kein Vergleich zu der Todesfahrt während der Initialisierung des Zimmers. Schließlich begann das Zimmer seicht zu schaukeln. Sie waren im Strom angekommen. Trixi stand auf, hielt die Luft an und öffnete die Tür.

    Ein wunderschöner warmer Sommertag empfing die beiden ungleichen Reisenden. Trixi drehte sich um und schloss die Tür, die in dem Moment einfach verschwand. Es war natürlich extrem wichtig, die Tür zu schließen, sonst bestand die Gefahr, dass etwas aus dem Strom ins Morgenland eindrang. So flexibel und mutig Morgenländer waren, auch sie hatten ihre Grenzen und wollten nicht, dass ihr Morgenland von einem Raubtier aus einer anderen Welt heimgesucht wurde. Nachdem sie sich einen Wegpunkt in ihrem Passanten gesetzt hatte, um die Tür wiederzufinden, verkleinerte Trixi den Passanten wieder und wandte sich ihrer Umgebung zu.

    Vor ihnen erstreckte sich eine grüne Landschaft mit einem kleinen Wäldchen voll unglaublich hoch gewachsener Bäume. Das Gelände vor ihnen war nicht ganz so dicht bewachsen aber dennoch standen überall Bäume. Merkwürdig sortiert kam Trixi das Bild vor. Als ob die Bäume nach einem bestimmten Muster oder einem Plan angeordnet worden wären. Nach dem kleinen Wäldchen kam ein Gras bewachsener Abhang. Trixi und Rosie standen auf einem Hügel, der in Richtung eines Flusses, den man ebenfalls schon sehen konnte, abfiel. Links und rechts von ihnen gab es noch mehr Bäume. Auf der anderen Seite des Flusses erhob sich wieder ein Hügel und dahinter erstreckte sich ein weites Land, das von einem tiefblauen Himmel überspannt wurde. Trixi erkannte auf der anderen Flussseite auch eine Art Dorf, das mit dem Wald fast wie verwachsen schien und in dem ein geschäftiges Treiben herrschte. Das ließen jedenfalls die Geräusche, die der Wind bis zu ihnen herüber trieb, vermuten.

    Plötzlich knackte es im Unterholz und aus der Richtung, in der der Wald dichter wurde, kam ein Tier auf sie zugerannt. Zunächst war Trixi sicher einen Hasens zu erkennen, doch als das Tier näher kam, traute sie ihren Augen nicht. Das Tier hatte zwar die Vorder- und Hinterläufe eines Hasen, war aber um ein vielfaches Größer und trug ein kleines Geweih, wie ein Reh und hatte auch die rotbräunliche Färbung eines Rehs. Es blieb einige Meter von Rosie entfernt stehen, schaute sie an und schnüffelte. Dann schaute es zurück in die Richtung, von wo es gekommen war und machte einen lustigen Laut, zwischen Fiepen und röhren. Es raschelte und ein zweites Wesen lief langsam auf sie zu. Kleiner als das erste, mit winzigen Rehbeinchen, einer Hasenschnauze und langen Schlappohren. Trixi war begeistert und lockte die Tiere mit einem Apfel an. Beide mochten offensichtlich Äpfel, nahmen das ihnen hingehaltene Futter zwischen die Zähne und liefen in Richtung des Flusses. Trixi stand erst kurz mit offenem Mund da und dann jubelte sie lauthals „Unglaublich! Whooohuuuu!“. „Hast du das gesehen?“, wendete sie sich an Rosie. „Hast du DAS gesehen?“. Rosie starrte kreidebleich und ungläubig den beiden Tieren hinterher. „Ich glaube das muss ein Rase gewesen sein und ein Heh“ scherzte Trixi, während sie zu ihrer Lehrerin ging, um zu schauen was mit ihr los war. Rosie blickte immer noch ausdruckslos in Richtung des Dorfes auf der anderen Flussseite und antwortete in ihrer typischen trockenen Art, allerdings ohne Trixi anzuschauen: „Das waren Turehser“.

    Verdutzt schaute Trixi die ältere Dame an: „Wie jetzt, woher weist du das? Gibt es die öfter?“. „Nein, die gibt es nur und ausschließlich in Turisede. Ich kann es nicht glauben, aber du hast es tatsächlich geschafft, bei deiner ersten Reise in eine der wenigen Welten zu reisen, die dem Strom zwar angeschlossen sind, die aber fortbestehen, ihre eigenen Gesetze haben. Genauso wie das Morgenland.“ „Woher weißt du das?“ wunderte sich Trixi. „Ich war schon hier, genau genommen, sogar schon recht oft, nur jetzt schon seit langem nicht mehr. Komm mit, ich erzähle dir, wo wir gelandet sind.“ Rosie deutete auf das dorfartige Gebilde. „Dort müssen wir hin. Das dauert ungefähr eine Stunde.“ Die beiden machten sich auf den Weg und Rosie begann zu erzählen:

    „Es gab mal eine Zeit, in der waren die Götter gänzlich getrennt von den Menschen und obwohl, oder vielleicht weil, sie alles hatten und alles durften, war ihre einzige Beschäftigung, sich gegenseitig und allen anderen Geschöpfen ebenfalls das Leben zu erschweren. Es mit Herausforderungen, Enttäuschungen und Wut zu vergiften und sich wie im Theater anzuschauen was passierte. Jupiter war der größte darin und einer der wenigen, die es wirklich liebten. Sein Sohn Turius hingegen war ein Fürsprecher des Schönen und Wahrhaftigen. Freundschaft und Gemeinschaft waren die treibenden Kräfte seines Handelns. Und so wurde er zum Problem in dem Moment, in dem er aussprach, was er dachte.“ Trixi hatte gespannt zugehört aber nun legte Rosie eine zu lange Pause ein. „Und was war das?“ fragte sie. Rosie antwortete nicht. Stattdessen beobachtete sie gespannt das Dorf. Die beiden waren schnelle Wanderer und bereits fast am Fluss angekommen. Rosie kramte in ihrem Rucksack und holte ein Fernglas heraus. Trixi beobachtete sie ganz genau und folgte ihren Blicken, um herauszufinden, was sie so interessierte. Plötzlich hielt Rosie kurz inne und atmete tief, fast seufzend. Sie nahm das Fernglas von den Augen und verstaute es wieder im Rucksack.

    „Rosie?“ Trixi begann sich etwas Sorgen zu machen. Selten hatte sie Rosie so ernsthaft besorgt gesehen. Es war offensichtlich, dass sie all ihre Konzentration brauchte, um mit der scheinbar einfachen Situation klar zu kommen. Trixi lies nicht locker: „ROSIE, was ist?“. Endlich löste Rosie ihren Blick von dem Geschehen auf dem gegenüberliegenden Hügel und wandte sich wieder Trixi zu. „Okay, pass mal auf Trixi: Ich war schon recht oft hier, aber ich war damals sehr jung und damit du dich nicht wunderst, erzähle ich dir auch, dass ich damals sehr verliebt war und dachte, mir könnte alles gelingen. Das ist aber inzwischen über zwanzig Jahre her. Wundere dich einfach nicht, wenn die Begrüßung, naja, herzlich ausfällt.“ Dann lief sie weiter Richtung Dorf. Trixi lief hinterher.

    „Was hat er denn nun gesagt?“ kam sie auf das eigentliche Thema zurück. „Wer?“ fragte Rosie verwirrt. Jetzt wurde Trixi etwas mulmig, so zerstreut hatte sie die Frau, die sich langsam zu einem echten Vorbild für sie entwickelte, noch nie gesehen. „Dingens, dieser Gott oder Göttersohn. Turius.“. „Einen Moment.“. Rosie blieb stehen.

    In ihr tobte ein Kampf. Sie wollte unbedingt ins Dorf, sie wollte unbedingt all die alten Freunde wieder sehen, aber sie wusste nicht, ob sie das in Begleitung von Trixi machen sollte. Sie konnte zurückkehren. Sie hatte den Ort seit dem Tag ihrer ersten Ankunft in ihrem Passanten gespeichert. Sie hatte sogar hier herausgefunden, dass ihr Passant dazu überhaupt in der Lage war. Es waren aber nicht nur schöne Erinnerungen, die in Rosie aufbrandeten, auch Scham war dabei, das Bewusstsein etwas nicht zu Ende gebracht zu haben. Außerdem merkte sie natürlich, dass sie Trixi nicht das Maß an Aufmerksamkeit schenken konnte, das nötig gewesen wäre. Sie musste jetzt eine Entscheidung treffen und dann keinerlei Zweifel mehr an dieser Entscheidung zulassen. Sie sah Trixi an und wusste plötzlich, was zu tun war. Auf ein mal war glasklar, dass es sich hier nicht um einen Zufall handeln konnte. Sie dachte an den armen Travis, schob die Scham beiseite und nahm all ihren Mut zusammen. Die Entscheidung war gefällt. Sie würden die Reise nicht abbrechen. Sie wendete sich wieder Trixi zu. Die sah sofort die Veränderung in ihrer großen Freundin. Alles Zögern war verschwunden und die alte Zielstrebigkeit war zurück. Rosies Augen hatten ihr schelmisches, etwas angriffslustiges Glänzen zurück, dass Trixi so mochte.

    „TURIUS“ sagte Rosie laut und begann wieder zu erzählen. „Turius sprach aus, was er dachte, indem er sagte, dass für den ewigen Frieden zwischen allen Geschöpfen nur ein Recht und eine Pflicht zu beachten seien: Das einzige Recht lautete: ‚Tu, was du willst!‘. Die einzige Pflicht lautete: ‚Nimm Rücksicht auf deinen Nachbarn!‘. Turius war von seinen Ideen so überzeugt, dass er ihnen nicht abschwor, selbst als er aus seiner Heimat, dem Pantheon verstoßen wurde. Diese Zeiten waren übrigens auch jene, in denen Diotima noch unter den Göttern weilte und als eine von ihnen viel Zwietracht säte indem sie Menschen Liebe gab, nur um sie gefügig zu machen. Damals ließ sie Männer nach ihrer Pfeife tanzen, wie es ihr gefiel.“ Trixi war erstaunt „Also ist sie tatsächlich real und kein Hologram.“ Rosie hatte kurz vergessen, mit wem sie hier sprach und war auf die Nachfrage nicht gefasst gewesen, es passte aber sehr zur Situation, also erklärte sie so gut sie konnte: „Nein, Diotima ist kein Hologramm. Sie ist allerdings auch kein Gott mehr und sie ist auch kein Mensch. Ich kann dir auch nicht genau sagen, was mit ihr passiert ist. Als die Menschen angefangen haben den Himmel mit ihren Maschinen zu erobern, da mussten die Götter flüchten und viele flüchteten unter die Erde, andere lösten sich fast gänzlich auf und existieren quasi nur noch im Strom.“

    „Wie kann sich denn ein Gott auflösen?“ fragte Trixi, „ Naja, er wird sich nicht einfach in Luft auflösen, aber er kann alles verlieren, was ihn zum Gott gemacht hat und danach alles, was ihn zum Lebewesen gemacht hat.“ „Und was ist das?“. „Seine Seele, meine Trixi. Jedes Lebewesen hat eine und deshalb sind in sich auch alle Lebewesen gleich.“ Rosie sah, dass Trixi damit etwas überfordert war und kam schnell zum Thema zurück. „Jedenfalls in der Zeit, in der Diotima begann über die Veränderungen und den Verlust ihrer Macht, ihre Seele zu verlieren, in dieser Zeit endete die Herrschaft der Götter. Das Morgenland existierte da schon lange. Die Menschen der Normwelt begannen sich ihre eigenen Regeln zu schaffen. So auch die Elfen, die Zwerge, Waldgeister, Nymphen, Feen und all die anderen Seelen.“

    „Und wo sind alle hin?“ „Das weiß ich auch nicht genau, aber viele von ihnen gingen zu Turius, der bis dahin alleine in einem dichten Wald nah eines Flusses, der zwischen zwei Tälern liegt, gewohnt hatte. Im Einklang mit der Natur und in Verbindung mit dem, was alles existieren lässt, dem, was wir alten Morgenländler die Weltenseele nennen. In der Weltenseele ist alles auf einmal, dort findet alles sein Ende und seinen Ursprung, dort entspringt auch der Strom und von dort, das glaube ich, kommen alle Seelen. Ob Fee, Oger oder Mensch.“

    „Dieses Tal mit dem Fluss ist jetzt nicht hier oder?“ unterbrach Trixi die Erzählung neugierig. Rosie fuhr mit einem Lächeln auf dem Gesicht fort. „Der Ort wurde bekannt als Sedes Turium, die Heimstatt des Turius und die Welt seiner beiden Regeln. Es kamen immer mehr Feen und Elfen und Menschen und es gab immer mehr Geschichten über den Ort, der bald überall nur noch TuriSede genannt wurde und der ein Sammelbecken für all die wurde, die sich nicht an die Regeln ihres Clans, ihrer Familie oder der Regierung ihres Landes halten wollten. Alle Aussteiger und Freigeister, alle Freiheitsliebenden sammelten sich hier und bildeten im Einklang mit der Natur und der Weltenseele eine ganz eigene Welt, die Dank des göttlichen Funken, der in ihr wohnt, für uns über den Strom erreichbar ist. Obwohl sie eigentlich Teil der Normwelt ist. Also physisch gesehen, denn ihre einzigartige Existenz wird nicht von allen Normweltlern gleich stark geschätzt.“

    „Es ist tatsächlich hier oder?.“ Die beiden kamen gerade an eine Brücke. Sie war ganz aus Holz und sah sehr stabil aus. Links und rechts daneben stand jeweils ein Baustamm, in den ein Gesicht geschnitzt war. „Unheimlich“ befand Trixi. „Die Bäume sehen fast wie lebendige Trolle aus.“. „Das sind Wurzel-Lümmler.“ erklärte Rosie. „Die halten uns nicht auf, weil sie mich kennen und weil du noch nicht ganz Erwachsen bist. In dieser Welt sind die Kinder diejenigen, die den Ton angeben. Nach ihrem Gusto wird hier gelebt. Diese Brücke wird jedes Kind immer passieren dürfen und jedes Kind wird hier immer einen sicheren Hafen finden.“ stellte Rosie mit fester Stimme und stolzem Tonfall fest. Sie kamen am anderen Ufer an und Trixi ließ nicht locker. „Ist das hier TuriSede?“ fragte sie etwas nachdrücklicher als zuvor. Rosie antwortet wieder nicht direkt, stattdessen sagte sie „Hol dein Fernglas raus.“ Trixi tat wie ihr geheißen und Rosie zeigte auf eine kleine Baumgruppe, die in ähnlicher Art angeordnet war, wie die, in der sie gelandet waren. Schau in die Gabelungen und in die Kronen der Bäume.“

    Trixi setzte das Fernglas an und stellte den Fokus auf die Baumgruppe scharf. Sie hatte ein tolles Fernglas von ihren Eltern zu ihrer Gogyo-Ki bekommen und konnte noch weiter ran zoomen. Als sie sah, was Rosie ihr zeigen wollte, stockte ihr der Atem. Das Fernglas noch an den Augen schrie sie begeistert: „Häuser! Ich sehe Häuser! IN DEN BÄUMEN! In den Kronen und den Gabeln in allen Formen und Farben sind Häuser in den Bäumen. Wie bauen sie die dort rein?“ fragte Trixi ohne den Blick von den Baumhäusern abzuwenden. „Gar nicht“ sagte Rosie und wies auf eine weitere Ansammlung von Bäumen. Wieder traute Trixi ihren Augen nicht. Es waren kleinere Bäume und winzig kleine Häuser in den Bäumen. Endlich nahm sie das Fernglas von den Augen und starrte Rosie mit einem überwältigend leeren Blick an. „Ne. Oder?“ war alles, was sie heraus bekam. „Doch“, erwiderte Rosie schmunzelnd. „TuriSede ist das Land in dem die Häuser auf den Bäumen wachsen. Von frühester Jugend an pflegen hier die Kinder ihre Bäume und damit ihre Häuser und wenn sie Erwachsen werden, dann können sie entscheiden, wo ihr Baum stehen soll. Ein, zwei Mal im Leben können diese Bäume ihre Wurzeln neu in den Boden graben.“

    „Wie kann das sein?“ ungläubig sah Trixi wieder durch ihr Fernglas. „Ich weiß es auch nicht so ganz genau, aber die Wesen hier leben so im Einklang mit sich selbst und ihrer Umgebung und der Weltenseele, dass die Natur hier tatsächlich für fast alles sorgt. Sogar für die Häuser.“

    Trixi verstaute ihr Fernglas wieder im Rucksack und begann schnellen Schrittes auf das Dorf zu zumarschieren. Da sie voran lief, sah sie nicht wie sich in Rosies Augen zwei kleine Freudentränen sammelten und erleichternd ihre seelig lächelnden Wangen herunter liefen. Das Dorf lag noch in einiger Entfernung, da hörten sie eine schrille Stimme schreien. „Rooooosiiieee ist wieder da. Unsere Rooossiieee.“ Ein kleines Geschöpf kam in atemberaubender Geschwindigkeit auf sie zugerast, sprang fast drei Meter vor Rosie entfernt in die Luft und flog doch so weit, dass er in ihren Armen landete. Was auch immer es war, besaß die Gestalt eines Kindes, jedoch mit besonders großen und spitzen Ohren und einem kleinen Geweih in den Haaren. Es knuddelte und kuschelte Rosie so ungestüm, das die anfing rückwärts zu taumeln und schließlich auf dem Hintern im warmen weichen Gras landete. „Jankobol!“ versuchte Rosie zu tadeln, aber es war nur ungetrübte Freude in ihrer Stimme zu hören. Das Ding sprang auf und zischte mit schnellen schritten zu Trixi, die einen kleinen Sicherheitsabstand genommen hatte. Er ergriff ihre Hand und sagte „Hallo ich bin Jankobol, der Waldgeist von TuriSede“. „Einer der Waldgeister“ korrigierte Rosie und Trixi schüttelte die kleine Hand, die ihre ergriffen hatte und sagte „Ich bin Trixi“. Jankobol sagte: „Okay ich bin Jankobol,“ schaute zu Rosie und korrigierte: „Der wichtigste Waldgeist in TuriSede“. Dann sauste Jankobol in Richtung Dorf und schrie mit seiner lauten, aber piepsigen Stimme: „Rosie ist wieder da, Rosie ist wieder da, eine alte Rosie ist da und sie hatte eine junge Trixi mitgebracht.“

    Ein Rumoren und Jubeln entstand im Dorf. Fragend und mit großen Augen sah Trixi Rosie an und die schaute zurück, zuckte mit den Achseln und freute sich sichtlich.

    Beide lächelten während sie den kleinen Hügel Richtung Dorf hinauf gingen. Vor den ersten Gebäuden sammelte sich langsam eine neugierige bunte Meute von Wesen aller Farben und Formen. Es gab Tiere des Waldes wie in der Normwelt, aber auch verrückte Tiere, wie die Turehser. Es gab Elfen, Feen, Zwerge, Oger und noch vieles mehr. Aus der Menge lösten sich zwei Menschen. Ein Mann mit grauen langen Haaren und einem beeindruckenden grauen Schnurrbart schritt gemächlich auf die beiden zu. Neben ihm ging eine schöne, etwas jüngere Frau, die an einer Kordel um ihre Hüften einige Beutel mit Kräutern und eine kleine Sichel trug. Ihr rotes Haar lugte frech unter einem Kopftuch hervor, das ebenfalls rot war und weiße Punkte hatte und die Frau von weitem ein klein wenig wie einen Fliegenpilz aussehen ließ. Zunächst näherten sie sich noch mit herrschaftlicher Eleganz, aber als Rosie begann auf die gleiche Art auf sie zu zu stolzieren lachten alle und rannten los und fielen sich alle drei gleichzeitig in die Arme. Rosie war den Tränen nah als sie sagte: „Bergamo, Babadoro. Herr und Hexe vom heimlichen Land.“ Wie aus einer Kehle antworteten die beiden „Rosie Rätsel, das mystische Mirakel des Morgenlandes. Herzlich Willkommen zurück!“

    Daraufhin kamen all die Gestalten, die am Dorfrand gewartet hatten, auf sie zu und es gab ein buntes Hallo, voller Umarmungen und Herzungen und alle wollte sich Trixi zuerst vorstellen und alle versicherten ihr, dass Freunde von Rosie in TuriSede immer willkommen seien.

    „Hallo, ich bin Modelpfutz und das ist der hungrige Bodelmutz“, stellte gerade ein weiterer Waldgeist sich und seinen besten Freund vor, als aus der Ferne eine geradezu Donner gleiche Stimme ertönte, die Rosies Namen rief, als wäre es das stärkste Zauberwort aller Universen. Alle traten etwas zur Seite. Es bildete sich eine Gasse, an dessen Ende Rosie stand und am Dorfrand erschien eine beeindruckend runde Figur, der mit etwas Abstand zwei schwer atmende weitere Menschen folgten. Trixi hörte wie Rosie leise seufzend zu sich selbst sagte: „Mein Alfi“. Die Szene kam ihr so unreal vor, ihr Gehirn war mit der Situation so überfordert, dass es sich kurz ausklinkte. Trixi stand einfach nur reglos mit offenem Mund da und betrachtete das Schauspiel, wie das Publikum ein Theaterstück: hochgespannt in freiwilliger Tatenlosigkeit.

    Rosie und der dicke Mann mit dem blonden Bart, der bis zum Boden reichte, umarmten sich innig und lange und schienen sich überhaupt nicht mehr loslassen zu wollen. Daraufhin brach in dem ganzen Empfangskomitee ein Kuscheln und Umarmen, Streicheln und Liebkosen aus, das Trixi noch nicht erlebt hatte. Sie spürte die Hitze wieder in sich aufsteigen, die sie gespürt hatte, während sie ihren Passanten entschlüsselt hatte. Unwillkürlich musste sie an den erwachsenen Aram denken, den sie in ihrem Traum gesehen hatte, und Diotima, die ihr sagte, das sei nicht Aram. Trixi schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf die Szene, die sich ihr bot. Sie stellte sich in Rosies Blickfeld, die bei Trixis Anblick von Wolke sieben wieder in die Realität geholt wurde. Rosie löste sich aus der Umarmung, wurde aber noch kurz von Alfi zurück gehalten, der ihr etwas ins Ohr flüsterte. Trixi trat näher und lauschte, hörte aber nur noch den letzten Satz: „Wenn ich es dir doch sage, es hat seine Form verändert.“

    Rosie wandte sich nun wieder ganz Trixi zu und sagte: „Ich werde dir mal alles zeigen“. Dann nahm sie ihre Schülerin fest an der Hand und ging weiter Richtung Dorf. Sie betraten das Dorf durch ein Tor, das von zwei weiteren Wurzel-Lümmlern bewacht wurde. Links und rechts waren Baumhäuser zu sehen und es gab immer wieder kleine runde Eingänge in unterirdische Tunnel. Aus einigen fiel Licht. „Wohnt da jemand?“ wollte Trixi wissen. „Ja klar. Die Bewohner von TuriSede leben unter, auf und über der Erde, aber alle im Einklang mit ihr.“ Sie gingen weiter und es fing an herrlich zu duften. „Hier riecht es gut,“ sagte Trixi, ich hab Hunger.“ Ihr Blick schweifte nach links. Dort spielten Kinder auf den Dächern von mehreren Häusern verstecken. Die Hausdächer waren über Brücken miteinander verbunden und boten eine schier unerschöpfliche Menge an Verstecken. „Was ist das?“ wollte Trixi wieder wissen. „Das ist das Überdachum, das geht auch noch da rechts rüber, siehst du. Bis zum Krönum, das ist die Festhalle. Normweltler können in ihr durch die Zeit reisen, aber nur wenige trauen sich.“ Rosie war offensichtlich abgelenkt, denn ihr Finger zeigte zwar auf die Dächer rechts von ihnen, aber ihr Blick suchte offensichtlich etwas, das tiefer im Dorf versteckt war.

    Vor ihnen schwang eine Tür auf und eine Wolke himmlischer Düfte ergoss sich daraus in die warme Sommerluft. An Trixi und Rosie drängten Dorfbewohner vorbei und gingen in die Tür über der Trixi den Schriftzug „Baumstammlokal“ lesen konnte. Auch die beiden Waldgeister kamen an den Gästen vorbei und Trixi hörte wie Bodelmutz gerade zu seinem Freund sagte „Is schon richtig Modelpfutz, aber essen mußte.“ Hinter den beiden kamen Thor Alfson, den Rosie Alfi nannte und offensichtlich von früher kannte und seine Begleiter den Hügel hinauf. Rosie sprach sie an: „Hallo! Olve und Judka, könntet ihr mit Trixi etwas essen gehen? Vielleicht könnt ihr sie auch ein bisschen herum führen. Zeigt ihr doch noch das Krönum und wenn ihr gegessen habt vielleicht das Faulenzum.“ bat sie die beiden freundlich drein schauenden Trolle. So sehr Trixi sich gewünscht hatte in ihren Reisen frei zu sein, jetzt wurde ihr doch etwas mulmig zu mute, als Rosie sagte: „Pass auf Trixi, dir kann hier nichts passieren. Geh etwas essen, halte dich an Olve und Judka und ich finde dich in ein paar Stunden wieder.“ „Ein paar Stunden?“ dachte Trixi, doch da ging Rosie schon. Sie schaute noch mal zurück und winkte kurz, dann verschwand sie mit Thor Alfson in einem der unterirdischen Gänge. Händchenhaltend. Trixi fand das nicht nur echt ekelhaft, sondern auch etwas gemein. Dennoch würde sie sich dieses unfassbare Erlebnis nicht davon vermiesen lassen, dass sie es sich irgendwie anders vorgestellt hatte mit Rosie auf Reisen zu gehen.

    Sie sammelte sich und machte zu dem Zweck noch einmal die Atemübung, die ihr so gut tat. „Ah, der tiefe Seelenzug.“ sagte Judka anerkennend. „Du kennst die Übung?“ wunderte sich Trixi. „Selbstverständlich“, klärte Judka sie auf. Wir Trolle haben wilde Seelen, den Atemzug aus der ruhigen Mitte der Seele bringen uns schon unsere Eltern bei. Dann widmeten sie sich gemeinsam den Gaumenfreuden von TuriSede. Es gab Turiuslocken, die, wie Trixi glaubte, aus Kartoffeln gemacht wurden. Olves Gackerstangen waren superlecker und zum Schluß probierte Trixi noch den benebelten Schweinerücken von Olve. Alles schmeckte so lecker, dass Trixi aus dem Lokal heraus rollte nachdem sie wirklich überhaupt kein bisschen mehr essen konnte.

    Währenddessen zog sich Rosie keines Falles zurück, um ihr Wiedersehen mit Thor Alfson, dem Anführer der Trolle zu feiern, sondern weil sie etwas hier gelassen hatte, als sie das letzte Mal hier gewesen war. Da Trolle immer noch sehr gerne unter der Erde lebten, auch wenn einige von ihnen inzwischen Oberflächenbewohner geworden waren, kannte Alfi das unterirdische TuriSede wie seine Westentasche. Es gab einen Gang der besonders lang war und unter dem Fluss hindurch führte, bis unter ein Lichtung, die Turiuswinkel genannt wurde. Hier gab es noch weniger Häuser und es kamen meist Eltern und Kinder, um die Landschaft zu genießen, im Fluss zu schwimmen und im geheimen Versteckum oder dem Waldspielplatz zu spielen, obwohl eigentlich ganz TuriSede wie ein Spielplatz aussah, denn, wie gesagt, dies war eine Welt, in der die Kinder den Ton angaben.

    Der besonders lange Gang endete in einer kleinen Höhle, in deren Mitte ein großer Stein lag. Es war nur selten jemand hier. In dieser Höhle hatten Alfi und Rosie vor inzwischen fast dreißig Jahren etwas vor aller Augen versteckt. Thor Alfson blies das Feuer aus, das in der Mitte des Steines in einer kleinen Kuhle brannte. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen den Stein, bis der anfing sich zu bewegen, mit einem tiefen Grollen aktivierte Thor die letzten Kräfte und schaffte es, den Stein auf die Seite zu rollen. Er war an der Unterseite flach und sah sonst etwas aus wie ein Hut. Abgesehen davon, dass ihm die weißen Adern fehlten, sah er aus wie eine große Kopie von Trixis Passanten.

    Darüber war Rosie sich schon bewusst gewesen, als sie Trixis Passanten zum ersten Mal gesehen hatte und ihr war sofort klar gewesen, dass es sich nicht um einen Zufall handeln konnte. Dass Trixi sie aber so schnell auf ihre alten Pfade führen würde, damit hatte Rosie nicht gerechnet. Rosie setzte ihren Rucksack ab, begann Dinge heraus zu kramen und hantierte mit ihrem Passanten während Thor Alfson erzählte. „ Seit einigen Wochen ist hier irgendwas im Gange. Wir lieben uns ja alle sehr, aber in letzter Zeit wird das Kuschelbedürfnis der TuriSeder selbst mir unheimlich. Es sind auch ganz komische neue Beziehungen entstanden und Ehen und Partnerschaften, die ich nie für möglich gehalten hätte. Am Anfang war das ja alles ganz toll, aber inzwischen führt diese abhängige, diese extreme, diese besitzergreifende Verliebtheit der TuriSeder untereinander zu immer mehr Unmut und Neid und Missgunst.“ „Seit 26 Tagen.“ kommentierte Rosie ohne aufzuschauen. „Was seit 26 Tagen?“ erkundigte sich Thor stirnrunzelnd. „Seit 26 Tagen ist das hier wahrscheinlich so. Vor 26 Tagen hatte Trixi ihre Gogyo-Ki. Du hast gesagt, er hat sich verändert, woher weist du das? Er ist doch in dem Stein verborgen“. Verlegen schaute Alfi auf seine Zehenspitzen. „Naja, ich weiß es nicht so wie du wissen meinst. Ich habe es geträumt, aber ich schwöre dir, er hat seine Form verändert und so oder so, er muss jetzt hier weg.“ Thor wurde etwas ärgerlich.

    Rosie war fertig und steckte ihren Passanten in eine Öffnung am Felsen, der sog den Passanten förmlich auf und stellte sich von alleine wieder auf seine flachste Seite, dann öffnete sich die Oberseite des Steines wie eine Lotusblüte und darin befand sich ein perfektes, aus Stein geformtes Bildnis von Diotima. „Tatsächlich!“ sagte Rosie und wollte den Stein an sich nehmen, der einmal ausgesehen hatte wie der Morgenfelsen. „Das ist das erste Mal, dass ein Original seine Form verändert“ sagte Rosie ehrfurchtsvoll und griff nach dem Artefakt. Es gab einen Schlag und Rosie wurde einige Meter durch die Höhle geschleudert. Wie Trixi bei ihrer Gogyo-Ki. Rosie stand auf. Ratlos schauten sich Thor Alfons und Rosie an. Sie wussten nicht weiter, genau wie vor den vielen Jahren als sie den Stein versteckt hatten, standen sie in der Höhle und wussten nicht weiter.

    Trixi hatte währenddessen die Gesellschaft von Olve und ganz besonders die von Judka genossen. Judka war ein aufgewecktes Trollmädchen, das gerne die Führung übernahm und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hatte. Schon nach kurzer Zeit hatten sich Trixi und sie super verstanden und inzwischen hatte Olve sich abgesondert, um Fiona, einer Lichtfee nachzustellen, in die er sich seit einigen Tagen unsterblich verliebt hatte.

    Die beiden Mädchen befanden sich noch immer auf Entdeckungstour durch TuriSede und nachdem Trixi viele Baumhäuser gesehen und auf einer Unmenge Dächern herumgeklettert war, hatte sie ihre neue Freundin nach den Geheimnissen dieser wundersamen Welt gefragt. Judka hatte umgehend damit begonnen ihr das unterirdische TuriSede zu zeigen. Mit Trixis Passanten als Taschenlampe waren sie gerade auf dem Weg zum Faulenzum als er begann herum zu spinnen. Er leuchtete nicht mehr in die Richtung, in die sie gingen. Er schien seinen eigenen Willen entwickelt zu haben und leuchtete beständig nur in eine Richtung. Die beiden blieben in einer kleinen Höhle, von der Gänge in jede Richtung abgingen, stehen und Trixi machte ihren Passanten einmal aus, wollte ihn gerade wieder auf die Handfläche legen, sodass er wieder anfing zu leuchten, da entfuhr ihm mit einem dunklen Ploppen einer der Lichtbälle, die Trixi sonst mit der linken Hand formen konnte und schwebte einen der Gänge entlang. Die beiden Mädchen schauten sich an und folgten dem Lichtball ohne zu zögern.

    Jedes mal, wenn der Ball verglimmt war, schoss aus dem Passanten ein neuer Ball, der die beiden Abenteurerinnen immer weiter und immer tiefer durch das Labyrinth von Gängen, Höhlen und Abzweigungen führte.

    Nach über einer halben Stunde und unzähligen Richtungswechseln schlüpfte der Ball wieder in den Passanten und der Passant erlosch. Am Ende des Ganges schien ein schwacher Lichtschein aus einer kleinen Höhle. „Das ist das Ende.“ flüsterte Judka. „Welches Ende?“ wisperte Trixi aufgeregt zurück. „Das Ende vom unterirdischen TuriSede, wir sind unter dem…“. „Pscht“, unterbrach Trixi Judkas Erklärung, „Ich höre was.“ Tatsächlich, aus der Höhle vor ihnen drangen leise Stimmen. „ Das ist Rosie“, flüsterte Trixi, „Und unser Anführer Thor Alfson“, ergänzte Judka.

    So langsam und so leise sie konnten schlichen sie näher, bis sie die Unterhaltung verstehen konnten. „Das kann nicht so bleiben.“ sagte Thor gerade. „Bald wird die ganze Insel im Liebeswahn versinken und wir werden Neid und Missgunst gesät haben, statt Liebe zu ermöglichen“. „Das Artefakt muss weg“ stimmte Rosie zu. „Aber wie, wenn wir nicht heran kommen?“ Im Flur hörten die beiden Mädchen gespannt zu. Trixi merkte nicht, dass ihr Passant begonnen hatte ein schwaches rot-pulsierendes Licht abzugeben. „Da.“ rief Thor „Da, da, da passiert was“. „Ja“, bestätigte Rosie, „das Licht wird langsam Rot“. „Nein es wird weiß.“ berichtigte Thor. „Woher kommt das rote Licht?“ Die Mädchen erschraken und merkten nun beide, dass es aus Trixis Passanten kam. Sie schauten sich an, aber es war schon zu spät. Im gleichen Moment steckten Rosie und Thor Alfson die Köpfe um die Ecke.

    Sie kamen aber nicht dazu etwas zu sagen, denn das Pulsieren hörte auf und Trixis Passant schwebte an den Köpfen der vier Beobachter vorüber in Richtung des Steines, der immer noch wie eine offene Lotusblüte inmitten der Höhle lag und eine unantastbare Ruhe ausstrahlte. Nun begann er auch zu schweben. Trixis Passant wurde größer, der Stein wurde kleiner, bis sie auf gleicher Größe waren. Dann senkte sich die Lotusblüte und gab den Blick auf das Artefakt frei, das weiterhin in gleicher Höhe schwebte. Trixis Passant öffnete sich auf die gleiche Weise wie der Stein, der sich währenddessen verschloss. Trixi sagte: „ Das ist ein Original“, und schaute Rosie an, „ich wusste sie verändern ihre Form, ich wusste es“. „Das ist das erste Mal“ erwiderte Rosie ohne den Blick von dem unglaublichen Schauspiel abzuwenden, das sich ihnen bot. Rosie konnte es nicht glauben. Trixis Passant nahm das Artefakt in sich auf, schwebte zurück zu Trixi und fing wieder an zu leuchten. Genau so wie er geleuchtet hatte, bevor der erste Lichtball das Kommando übernommen hatte.

    Keiner der vier fand die richtigen Worte. Auf einen Schlag fühlten sie sich ausgelaugt und kraftlos. Sie beeilten sich zurück an die Oberfläche zu kommen. In ganz TuriSede herrschte eine leichte Katerstimmung, wie nach einem ihrer berühmten Feste, zu denen es meist einen Anlass gab, auch wenn die TuriSeder zum feiern keinen brauchten. Der Abschied fiel dementsprechend weniger ausgelassen und aufgedreht aus.

    Auf dem Rückweg redeten Trixi und Rosie kaum. Als sie wieder an der Stelle angekommen waren, an der sie Trixis Reisezimmer verlassen hatten, nahm Trixi ihren Passanten, vergrößerte ihn, klopfte zwei Mal mit den Fingerknöcheln dagegen, wie wenn sie an eine Tür klopfen würde und schon tauchte die Tür auf. Bevor sie erschöpft hindurch schritten bat Rosie Trixi noch: „Lass uns bitte morgen darüber reden, bevor du alles mit deinen Eltern besprichst.“ „Gerne“, kam die müde Antwort. Die beiden ungleichen Reisenden schleppten sich durch die Tür und Trixi schloss sie hinter ihnen und rutschte ihr Zimmer mit einem lang gezogenen „Maaamaaa“ wieder in ihr Elternhaus ein.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    43 min
  • Trixi im Morgenland Folge 04: Reisen

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    Trixi wachte auf, blieb reglos liegen und versuchte die Augen zu öffnen. Es gelang nur mit Anstrengung, ihre Augenlider fühlten sich an wie aneinander geklebt. Sie fühlte sich kaputt, vollkommen ausgelaugt, nicht funktionsfähig. Als sie sich mühsam im Bett aufgerichtet hatte, merkte sie, dass sie mit einem Stein im Bett geschlafen hatte. Sie reckte sich und ihre Muskeln durchfloss ein Zittern, wie wenn man mit Rollerblades über Kopfsteinpflaster rast. Der Passant musste die ganze Nacht unter ihr gelegen haben, ihre Rippen auf der rechten Seite taten jedenfalls ziemlich weh. Sie leckte sich die trockenen Lippen. Sie verspürte brennenden Durst.

    Sie stand auf und latschte ohne sich etwas anzuziehen mit halb geschlossenen Augen los Richtung Küche. Ihre Eltern warteten bereits auf sie und konnten sich zwar das Lachen noch verkneifen, grinsten aber bis über beide Ohren als sie ihre Tochter gebückt wie eine Achtzigjährige in Schildkrötentempo den Flur entlang schlurfen sahen. Mit einem unterdrückten Kichern in der Stimme begrüßte Mama Trixi im neuen Tag: „Guten Tag meine jugendliche Tochter, wie geht es dir?“. Trixi schlich am reich gedeckten Tisch vorbei zum Schrank mit dem Morgenländer Geschirr. Dort angekommen nahm sie sich irgendeinen Becher und schüttete mit der Gier der Verdurstenden das Getränk, das der Becher für sie zauberte, in sich hinein.

    Es war Wasser, einfach nur kühles, klares Wasser, das sich scheinbar aus dem Mund, ohne den Umweg über den Bauch, direkt im ganzen Körper verteilte. Trixi trank mit geschlossenen Augen und spürte wie das Wasser von ihren Zellen aufgesogen wurde. Vor ihrem inneren Auge sah sie das Bild einer Blume, die auf einer Wiese satten Grüns steht und mit jedem Schluck den Trixi trank, blühte diese Blume prächtiger. Als die Blume zur Gänze erblüht war, setzte Trixi den Becher ab und atmete einige Sekunden schwer.

    Der Rückgang des Elementes Wasser wurde oft recht stark von den Jugendlichen empfunden und natürlich machte sich das auch körperlich bemerkbar. Dass Trixi immer weniger Angst in ihrem Leben verspürte und deshalb das Element, das die Angst mit sich brachte, immer stärker aus ihrem System verdrängt wurde, war einer der Hauptgründe, dass das Morgenland sich dafür entschieden hatte, Trixi so früh zur Gogyo-Ki zu rufen. Es gab noch andere Gründe, aber von denen ahnten weder Trixi noch ihre Eltern etwas.

    Ihr Körper verarbeitete das Wasser so schnell, dass Trixi ein paar Tränen aus den Augen quollen, nicht weil sie traurig war, sondern nur weil auch dort Flüssigkeit gefehlt hatte. Wortlos aber sichtlich entspannt wandte sich Trixi ihrer Mutter zu und umarmte sie, schlurfte um den Tisch und umarmte auch ihren Vater, krabbelte dann mühsam auf ihren Stuhl, atmete tief ein und sagte beim Ausatmen: „Guten Morgen“. Sie setzte den Becher wieder an und trank langsam noch einige Schlucke. Diesmal war es erfrischend fruchtiger und angenehm süßer Apfelsaft.

    Herr und Frau Lichtert lachten schallend ob des jugendlichen Häufchen Elends, das sich ihnen in einer geradezu prächtigen Übellaunigkeit präsentierte. Sie kannten das Gefühl aus der Zeit nach ihrer eigenen Gogyo-Ki. Der Rückgang des Elementes Wasser hatte sie beide allerdings nicht annähernd so hart getroffen wie es offensichtlich bei ihrer Tochter der Fall war. Aber sie waren auch nicht überrascht, weil sie ja um das Talent ihrer Tochter wussten, mit Mut ihre Angst zu bekämpfen, um sie dann mit einem Erfolg zu besiegen.

    Nun saßen die stolzen Eltern ihrer Trixi gegenüber und schauten sie erwartungsvoll an. Trixi wusste ganz genau, was ihre Eltern sehen wollten und nach einer Nacht voll Schlaf hatte sie sich auch an den Gedanken gewöhnt, dass ihr Passant nicht auf den ersten Blick super cool war, so wie der von ihrer Cousine. Das Lachen ihrer Eltern rief zwar einen wutentbrannten Blick hervor, aber nun musste auch Trixi wieder ein bisschen lächeln. „Es war ja schließlich nur ein Tag und nur eine Sache und man konnte immer etwas verbessern oder verändern“, dachte Trixi.

    Sie versuchte den Mut zusammen zu bekommen ihren Eltern den Passanten zu zeigen. Als sie darüber nachdachte, stieg allerdings alles andere als Mut in ihr auf. Sie wurde traurig und fühlte sich plötzlich wieder sehr kraftlos. Ihre Mama merkte, dass in Trixi ein Kampf tobte. Sie kannte aber ihre Tochter und zweifelte etwas daran, dass die Laune der Situation angemessen war. „Na, worüber bist du enttäuscht? Hast du deinen Passanten nicht am ersten Abend entschlüsselt?“ frozelte sie und strich Trixi lächelnd über den Kopf. An der Reaktion ihrer Tochter merkte sie, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie stand auf, ging um den Tisch und schloss Trixi in die Arme. Als Trixi die Wärme und Liebe ihrer Mutter spürte, da überwältigte sie das Gefühl der Geborgenheit und sie fing leise an zu schluchzen. Einfach aus Erleichterung und weil sie natürlich doch sehr enttäuscht war von dem Felsbrocken als Passant.

    Trixis Eltern hatten am heutigen Morgen alles erwartet, nur nicht eine weinende, enttäuschte Trixi. Während sie ihrer Tochter eine Weile gaben, um etwas von ihrer Traurigkeit heraus zu weinen, schauten sie sich erstaunt und mit Sorgenfalten im Gesicht an. Zu ihrer Erleichterung dauerte es nicht lange und Trixi hatte sich wieder beruhigt. „Was ist denn bloß los?“ fragte nun Trixis Papa. „Ich zeigs euch, wartet“, muffelte Trixi und schleppte sich mit hängendem, Kopf und kraftlosen Schultern durch den Flur und die Treppe hinauf. Als sie wieder zurückkam, hielt sie einen Stein in der Hand.

    Torben und Jule Lichtert erschraken etwas als sie ihn sahen, ließen sich aber nichts anmerken. Sie erkannten sofort, dass Trixis Passant ein Stück Morgenfelsen war und wussten um die unbändige Macht, die so ein Stein in sich trug.

    Trixi schlurfte auf den Tisch zu, warf den Stein mit einer beiläufigen Geste darauf und setzte sich lustlos wieder an ihren Platz. Durch ihre zur Schau gestellte Enttäuschung hindurch moserte sie: „Darf ich vorstellen, mein ach so toller Passant.“ Obwohl sie wussten, dass Trixi mit diesem Passanten eine ganze Menge Arbeit vor sich hatte, mussten Torben und Jule sich das Lachen schon wieder verkneifen. So zutiefst in das eigene Leid vergraben, darin absolut eingerichtet und irgendwie nicht unglücklich damit, kannten Trixis Eltern sie nur aus ihrer frühen Kindheit.

    Wie die meisten anderen Kinder auch, hatte sie im Alter zwischen vier und sechs sehr mit Enttäuschungen, Rückschlägen und Frustration zu kämpfen. Für Trixi war es in diesen Jahren eine ziemliche Katastrophe gewesen, wenn etwas nicht klappte. Das hatte sich geändert, als sie sich mit Aram angefreundet hatte. Wenn ihr damals etwas in die Hose gegangen war, hatte sich Trixi dann immer ganz genau so an den Tisch gesetzt, eingewickelt in die eigene Muffeligkeit wie in eine schützende Decke.

    Torben Lichtert nahm den Stein und drehte ihn in der Hand. Als er die flachste Seite gefunden hatte, verweilte sein Blick dort einige Sekunden. Er drehte den Stein um hundertachtzig Grad und stellte ihn mit der flachen Seite auf den Tisch. Nun sah er fast aus wie ein kleiner Berg. Torben wusste, dass er jetzt nur an seine Tochter heran kam, indem er ihr Interesse weckte, alles andere würden an ihrem granitharten Dickschädel abprallen. Also schaute er seine Frau an und fragte sie „Hast du schon mal einen so großen Original gesehen?“. Mama Lichtert musste sich erst mal sammeln, denn das hatte sie nicht. Sie legte ihre Hand auf Trixis Schulter und sagte genau das „Nein, habe ich nicht“. „Was ist ein Original?“ fragte Trixi. „Das ist ein echtes Stück aus dem Felsen. Wenn der Felsen kalbt, schließt sich das entstehende Loch eigentlich wieder. Sonst wäre der Morgenfelsen ja schon lange weg. Das passiert bei einem Original aber nicht. Sie ändern auch ihre Form nicht. Originale können manchmal ganz schön viel“, antwortete Papa. Er holte gerade Luft um weiter zu sprechen, Jule kam ihm aber zuvor: „Genau dafür hast du Rosie“, sagte sie, „die kann dir das alles ganz genau erklären“. Papa Lichtert stimmte zu. Dann schaute er seine Tochter an und sagte: „Mach mal die Handfläche auf“. Trixi gab sich Mühe sich die Aufhellung ihrer Laune noch nicht so direkt anmerken zu lassen, streckte ihrem Vater also wortlos eine Hand hin. Der nahm den Passanten und stellte ihn mit der flachen Seite auf Trixis Handinnenfläche. Es begannen erst nur die weißen Adern im Stein zu leuchten, dann glomm auch der graue Stein und nach einigen Momenten strahlte der ganze Stein helles Licht aus.

    Trixi betrachtete ihren Passanten und ohne ihre Eltern eines weiteren Blickes zu würdigen sagte sie: „Ich geh mich anziehen“, und entschwand, den Blick auf den leuchtenden Stein in ihrer Hand gerichtet. Jule und Torben blieben mit einem Riesen-Frühstück und einer Menge Zeit in der Küche zurück.

    Trixi war in ihrem Zimmer angekommen und setzte sich an ihren Schreibtisch. Sie nahm den Stein von ihrer Handfläche, der sofort aufhörte zu leuchten. Sie stellte ihn vor sich auf den Tisch und betrachtete die Adern, die ihn durchliefen. Sie strich über jede einzelne mit dem Finger und verfolgte sie. Alle endeten in einem Kreis an der flachen Seite des Steins, die scheinbar die Unterseite war. Einige waren sehr rau und andere extrem glatt. Nach einiger Zeit merkte Trixi, dass die Adern alle sowohl glatt als auch rau waren. Strich man in die eine Richtung glitt der Finger über den Strich wie ein Pinguin über eine Eisfläche. In die andere Richtung zu streichen fühlte sich an wie den Finger über ein grobes Schmirgelpapier zu ziehen.

    Trixi hob den Stein von der Tischplatte und begann ihn in den Händen zu drehen. Dabei schaute sie genau auf die Adern und strich immer wieder in die eine oder andere Richtung darüber. Sie war plötzlich Feuer und Flamme für ihren Passanten. Er zog sie mit jeder Drehung, die er in ihren Händen vollzog, mehr in seinen Bann. Trixi beobachtet ihre Hände dabei, wie sie den Stein betasteten und hatte fast das Gefühl der Stein würde sich automatisch in ihren Fingern bewegen. Fast wie eine Katze, die sich mit dem Kopf an eine Hand anschmiegt. Trixi ließ ihren Passanten auch immer mal wieder aufleuchten, indem sie ihn sich in die Handfläche legte. Sie glaubte nicht, dass ihr das bei der Entschlüsselung des Passanten helfen würde, es fühlte sich einfach toll an.

    Trixi stand auf und vollführte mit dem Passanten in der Handfläche einen kleinen Hexentanz. Oder das, was sie glaubte, was eine Hexe tun würde, wenn sie einen Flammenstein beschwören wollte. Es machte ihr einen Riesenspaß. Sie drehte sich und sprach in Fantasiesprache und probierte dabei das eine oder andere aus. Zum Beispiel legte sie den Stein von der einen Hand in die andere, immer wenn der Stein in der linken Handfläche lag, erlosch das Licht. Trixi blieb in der Mitte ihres Zimmers stehen, streckte die rechte Hand aus und wartete bis der Passant hell leuchtete. Dann streckte sie die linke Hand aus, legte sie über den Stein und lies immer nur ein kleines Stück des Steines frei, so dass der Lichtstrahl wie eine Taschenlampe nur einen Teil ihres Zimmers ausleuchtete. Dabei fiel ihr etwas auf. Sie nahm die linke Hand wieder weg und sah, dass der Stein sein Leuchten angepasst hatte. Er war an den Stellen, an denen Trixis linke Hand gelegen hatte, dunkel geworden und leuchtete nun tatsächlich nur noch in eine Richtung. Trixi drehte den Passanten, um sich ihre neue Taschenlampe von vorne anzuschauen und leuchtete sich dabei in die Augen. Sie wurde aber nicht geblendet. Es war ihr nicht bewusst gewesen, aber während ihres Tanzes hatte sie die ganze Zeit in ein extrem helles Licht geschaut, war aber kein bisschen geblendet. Jetzt strich sie über die letzte leuchtende Stelle und es wurde dunkel. Der Stein begann erst wieder zu Schimmern nachdem Trixi ihn von der Handfläche genommen und erneut abgestellt hatte, dann wurde er wiederum langsam heller.

    Trixi dauerte das zu lange, deshalb versuchte sie instinktiv das Licht mit der linken Hand aus dem Stein heraus zu ziehen. Sie konnte es selber nicht fassen, aber es funktionierte, das Licht folgte ihrer Hand. Sofort begann sie wieder ihren Hexentanz und spielte dabei diesmal nicht mit dem Passanten, sondern dem Licht, das er abgab. Sie konnte es sogar in eine Richtung werfen. Dann flog ein heller Punkt durch ihr Zimmer, wie ein kleines Glühwürmchen.

    Trixi nahm den Passanten wieder in die linke Hand und versuchte mit der rechten Licht heraus zu ziehen. Auch das klappte und nun konnte Trixi den Passant in beiden Händen zum Leuchten bringen. In der rechten wurde er immer heller, hielt sie ihn in der linken veränderte er seine Lichtintensität nicht mehr.

    Trixi war wie gebannt. „Die Flamme von Trixiness“, flüsterte sie und hob den Passanten wie zur Verehrung über ihren Kopf. Als sie den Passanten anhob und von unten betrachtete, sah sie, dass der Kreis unten auch leuchtete. Wiederum instinktiv setzte sie sich ihren Passanten wie einen Hut auf den Kopf und mit einem Schlag umgab sie eine bläuliche Flamme, die in ihrem Passanten auf ihrem Kopf gipfelte. Von ihrem Hals aufwärts war die Flamme rot. Das Rot begann langsam in Richtung ihrer Füße zu wandern. Trixi verspürte keinerlei Angst, nur große Faszination und eine unglaubliche Hitze in ihrem Inneren, die sie vom Scheitel bis zur Sohle durchfloss. Nicht unangenehm, aber sehr intensiv. Alles kribbelte und ihr Herz pochte wie verrückt. Sie begann sogar etwas zu schwitzen.

    Der Passant begann an ihr zu ziehen, er wollte nach oben, er zog an Trixi, so stark, dass sie ihn kaum noch festhalten konnte und als sie merkte, dass ihre Hacken sich vom Boden lösten und sie nur noch mit den Fußspitzen auf den Boden kam, lies sie den Passanten los. Er schwebte langsam durch ihr Zimmer. An jedem Regal, jedem Pokal, jedem Buch und jedem Kuscheltier vorbei. Kurz verweilte er in jeder der acht Ecken des Zimmers und Trixi konnte nur staunend und voller Spannung zuschauen. Kein einziger Gedanke regte sich in ihrem Gehirn. Es sog nur auf, was es präsentiert bekam. Nach einigen Momenten merkte Trixi, dass sie inzwischen schwitzte wie nach einem Langstreckenrennen. Sie schaute auf ihre Hände und sah, dass sie immer noch umgeben war von dem Licht das inzwischen fast vollständig eine rötliche Färbung angenommen hatte. Nur ihre Füße wurden noch von der bläulichen Flamme umspielt.

    Sie wendete ihren Blick wieder ihrem Passanten zu. Der hatte anscheinend seine Runde durch das Kinderzimmer beendet und fand nun eine Position über dem Türrahmen. Von dort aus breitete sich das blaue Licht in Trixis ganzem Zimmer aus. Es floß wie eine Schutzschicht über alle Gegenstände und alle Wände, bis Trixis Zimmer vollständig in einem leichten Blau leuchtete. Als letztes war die Zimmertür dran, der Rahmen und die Klinke begannen rot zu glühen, nachdem die blaue Schutzschicht die Tür ummantelt hatte.

    Trixi stand als rote Flamme in einem blau leuchtenden Zimmer und schaute auf ihre glühende Zimmertür, ohne ein bisschen zu denken. Als der gesamte Türrahmen rot leuchtete, ging von dem Passanten eine Art Druckwelle aus, die Trixi an die aus der Morgenhöhle errinerte, nur viel schwächer. Das Zimmer vibrierte kurz. Dann gab es einen lauten Schlag. Für eine Sekunde war statt der Tür in Trixis Türrahmen nur ein tiefes schwarzes Loch zu sehen. Als die Tür wieder auftauchte, zog sich der blaue Schleier von Trixis Zimmer zurück. Die Flamme, die Trixi umgeben hatte, zog sich in Trixis Körper zurück und verband sich mit der Wärme in ihrem Inneren. Dann senkte sich der Stein langsam und schwebte zurück auf Trixis Kopf.

    Sobald sie wieder etwas denken konnte, begriff sie, dass sie soeben ihren Passanten entschlüsselt hatte, dadurch dass sie ihn auf den Kopf gesetzt hatte. Sie besaß nun ein Reisezimmer, war gerade Zeuge davon geworden, wie ihr Passant die Reisefunktion ihres Zimmers aktiviert hatte.

    Trixi fühlte sich so fit und energiegeladen, dass sie nichts mehr aufhalten konnte. Sie wusste, dass sie nicht reisen durfte. Nicht bevor sie morgen ihre ersten Sicherheitsinstruktionen von Rosie erhalten hatte, aber sie musste unbedingt ausprobieren, was passierte, wenn sie ihr Passwort sagte. Sie konnte die Tür ja auch geschlossen lassen. Also flüsterte sie ein langgezogenes Maaaamaaa und imitierte dabei den Angstschrei, der ihr während ihrer Gogyo-Ki entfahren war und den das Morgenland zu ihrem Codewort gemacht hatte.

    Erst passierte kurz nichts, dann begann das Zimmer leicht zu wackeln und Geräusche zu machen. Erst war es ein tiefes Ploppen, das immer schneller wurde. Das Zimmer ruckelte im Takt des Ploppen, wie eine Eisenbahn. Das Ploppen wurde höher und immer schneller. Es verwandelte sich in eine langsame Vibration, die allmählich beschleunigte. Wie bei einem Motor, der nach langer Zeit zum ersten Mal anläuft. Die Vibration wurde immer schneller und deshalb immer seichter, bis sie nicht mehr zu spüren war.

    Trixi stand in ihrem Zimmer, in der am weitesten von der Tür entfernten Ecke. Es fühlte sich an, als ob sich ihr Zimmer drehen würde, nicht um sie herum, sondern mit ihr darin. Und so war es auch. Das Zimmer drehte sich um die eigene Achse und nahm immer mehr an Fahrt auf. Trixi konnte nicht mehr stehen bleiben. Sie wurde von den Kräften, die durch die Drehung entstanden, an die Zimmerwand gedrückt. Aber nicht nur sie, auch ihre Möbel. Ihr Korbsessel fiel um und kam auf sie zugerast. Trixi hob die Hände schützend vor ihr Gesicht, aber eines der Stuhlbeine bohrte sich in ihren Magen. Das tat weh. Es blieb ihr aber nicht mal Zeit um „Aua“ zu sagen. Schon kamen Schulhefte, Spielzeuge und Kuscheltiere geflogen. Das Zimmer drehte sich immer schneller, sodass auch Trixis Bett hoch flog und mit einem lauten Knallen gegen die Wand geschleudert wurde.

    Dann flog nichts mehr. Alles klebte an den Wänden des Zimmers. Trixi kreischte aus Leibeskräften, sie wollte nur, dass das Zimmer endlich anhielt. Sie schrie nach Mama und nach Papa, war sich dabei aber sicher, dass sie sie nicht hören konnten.

    Da hatte sie allerdings sehr unrecht. Schon nachdem der Korbstuhl gegen die Wand geknallt war, waren die beiden die Treppe hoch gestürzt und nun standen sie hilflos vor Trixis Zimmer. Die Tür war verschlossen und der Türknauf glühte rot. Selbst wenn sie die Tür hätten öffnen können, wussten sie, dass sie ihre Tochter damit wohl in noch größere Gefahr gebracht hätten. Sie mussten warten bis das Zimmer sich komplett initialisiert hatte. Dann konnten sie es mit Hilfe einer Notvorrichtung aus dem Strom zurück holen. Aber eben nur das Zimmer, Trixi musste dafür unbedingt darin bleiben, durfte es nicht verlassen.
    Während Jule Lichtert verzweifelt vor der Zimmertür ihrer Tochter wartete, war Torben Lichtert die Treppe wieder herunter gerannt, hatte Rosie angerufen und sie darüber informiert, dass Trixi gerade ihr Zimmer aktiviert hatte. Dann war er ins Auto gesprungen und momentan raste er über die Hauptstraße Richtung Rosie, um sie zu Hilfe zu holen. Das Morgenland machte alle Ampeln grün und sorgte dafür, dass Torben ungestört und unfallfrei sein Ziel erreichte. Rosie stand vor ihrem Haus und sprang sofort ins Auto, nachdem Torben mit quietschenden Reifen vor ihr gestoppt hatte. Unmittelbar begann sie Torben mit Fragen zu bombardieren, von denen er fast keine beantworten konnte.

    Währenddessen wurde Trixis Wunsch, das Zimmer möge aufhören sich zu drehen, Wahrheit. Das Zimmer stoppte seine Rotation und alles fiel auf den Boden. Trixi fiel unsanft auf den Hintern und bekam einen ihrer Pokale auf den Kopf, der über ihr an der Wand geklebt hatte.

    Das Zimmer taumelte nun wie eine Nussschale auf einer Riesenwelle, Trixi wurde seekrank und hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. Da rutschte das Zimmer plötzlich ab. Erst fühlte es sich an wie eine Fahrstuhlfahrt, dann wie Fallen. Trixi und alle ihre Dinge schwebten kurz im Raum, nur einige Zentimeter hoch. Als es etwas langsamer ging, fielen sie wieder auf den Boden. Immer noch wild ging es tief hinab, wie eine Achterbahn aus dem Universum. Das Zimmer bremste, wieder fühlte es sich an wie in einem Fahrstuhl. Dann zitterte es kurz und heftig und schaukelte schließlich ganz leicht und angenehm wie bei einer Tretbootfahrt auf dem See.

    Im Haus der Lichterts stürmte Rosie gefolgt von Torben die Treppe hinauf. „Ich höre sie nicht mehr.“, sagte Jule zu Rosie und hatte Tränen in den Augen. „Dann ist sie angekommen“, sagte Rosie knapp. „Schnell, eure Passanten“, befahl sie, denn sie hatte gesehen, dass das Glühen des Türgriffs nachließ. Torben und Jule nahmen ihre Eheringe ab, sie hatten zu ihrer Hochzeit ihre Passanten so transformiert. Sie hielten Ihre Ringe an die oberen Ecken des Türrahmens. Der bekam Holzfinger und sie steckten die Passanten darauf. Das blaue glühen umgab den Türrahmen und stoppte das rote glühen des Türknaufs.

    Trixi hatte sich gerade an das Schaukeln gewöhnt, da gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Trixi begann zu weinen, weil sie einfach nicht mehr wusste, was passierte. Die Tür flog auf und Rosie kam gefolgt von Trixis Eltern ins Zimmer gestürzt.

    Rosie blieb stehen als sie die weinende, aber offensichtlich nicht schwer verletzte Trixi sah. Jule und Torben rannten an ihr vorbei und schlossen weinend und erleichtert ihre Tochter in den Arm. Rosie schaute sich im Zimmer um, entdeckte den Passanten in einer Ecke und kassierte ihn sofort ein. „Alle man raus!“, befahl sie und alle Mann hielten das für eine gute Idee.

    Auf dem Flur stoppte Rosie die drei. „Trixi kommt gleich nach“, sagte sie und die Eltern ließen ihre Tochter los und machten sich auf den Weg in die Küche, um Tee und Kakao zu kochen, sie wussten, dass ihrer Tochter eine lange Nacht bevor stand.

    Trixi stand vor ihrer Mentorin und schaute verschämt auf den Boden. „Schau mich bitte an“, forderte Rosie, „Ich muss jetzt wissen, ob du die Wahrheit sagst.“ Trixi nahm all ihren Mut zusammen und schaute der Frau, die ihr seltsam nahe stand, obwohl sie sie erst so kurz kannte, in die Augen. „War die Tür offen?“ begann Rosie ihre Befragung. Während Trixi „Nein“ sagte so deutlich sie konnte, merkte sie, dass im Gesicht der hoch angesehenen Morgenländlerin ein Anflug von einem Lächeln lag, ein Wohlwollen in ihrer Stimme zu hören war. „Warst du drin während der Türrahmen rot wurde?“. „Ja“, antwortete Trixi wieder wahrheitsgemäß, obwohl sie ahnte, dass das nicht gut war. Rosie schüttelte schweigend den Kopf. Dann sah sie Trixi tief in die Augen. „Man ist eigentlich draußen bei der ersten Aktivierung“. Trixi sah die Sorge in Rosies Augen als die fragte: „Hast du auch geglüht?“. Wieder zwang sich Trixi die Wahrheit zu sagen, weil sie merkte, dass es hier um mehr ging als nur darum, ihr einen Denkzettel zu verpassen. „Ja“, sagte sie also kleinlaut.

    „Das ist normal, soll man aber eigentlich nicht sehen“ sagte Rosie. Trixi blickte auf und fragte: „Warum?“. „Weil es dir Angst machen kann, vor etwas, dass dir hilft, dass dich verändert, und das du aber nicht aufhalten kannst, mit dem du mitgehen musst, an das du dich gewöhnen musst, das dir aber auch viel gibt“. „Verstehe ich nicht.“ sagte Trixi. „Das hast du auch gerade eindrucksvoll bewiesen.“ gab Rosie zurück. „Ich werde dir jetzt noch einiges zu erklären haben, damit du zumindest eine kleine Vorstellung davon bekommst, womit du es zu tun hast, wenn du dein Reisezimmer benutzt oder wen du deinen Passanten benutzt.“ Die Befragung ging weiter. „Warst du alleine als du deinen Passanten aktiviert hast?“. „Ja“, kam Trixis Antwort wieder ungewöhnlich einsilbig. „Den Rest machen wir gleich. Geh dich erst mal von deinen Eltern verarzten lassen.“ riet Rosie ihrem Schützling und beendete damit das Gespräch vorerst.

    Als Trixi weg war, betrat Rosie das Zimmer noch einmal. Nicht weil sie noch etwas darin zu tun hatte, sondern nur um kurz für sich selbst zu sein. Vor 20 Minuten hatte sie schließlich noch gemütlich in ihrem Bett gelegen und ein Buch gelesen. Nun musste sie die Ereignisse selbst rekapitulieren und sich einen roten Faden für das Gespräch mit Trixi zurecht legen. Rosie log zwar nie, wenn sie mit ihren Schülerinnen sprach, aber je nach Begabung und Charakter erzählte sie unterschiedliche Dinge und und betonte den einen Umstand vielleicht etwas mehr als den anderen. Es war auf jeden Fall wichtig Trixi zu erklären, dass ihre Eltern ihr vielleicht nicht ganz so viel über die Zimmer erzählt hatten wie andere Eltern es taten, dachte Rosie. Sie brauchte noch eine Minute um wieder Abstand zu den Ereignissen zu bekommen. Sie sah sehr viel von sich selbst in Trixi und das machte es viel schwerer zu beurteilen, welcher der richtige Weg für das Mädchen war. Rosie atmete einige Male tief durch und spürte der Ruhe im Mittelpunkt ihrer Seele nach. Dann machte sie sich selbst noch einmal klar, dass das Leben ein Kreislauf und jeder Einzelne nur ein kleiner Teil darin war, und ging die Treppe runter. Sie setzte sich zu Familie Lichtert an den Tisch und schenkte sich wortlos einen Tee ein.

    Torben und Jule Lichtert hatten unterdessen mehr oder minder schweigend die Wunden ihrer Tochter versorgt. Sie hatte von dem Pokal eine ziemlich heftige Schürfwunde am Kopf davongetragen und ihre Rippen schmerzten an der Stelle ein wenig, an der sie der Stuhl getroffen hatte. Abgesehen von einigen blauen Flecken hatte Trixi keine weiteren Schäden erlitten. Am meisten schmerzte sie es, ihre Eltern enttäuscht zu haben und es war tatsächlich doppelt schlimm, dass auch Rosie hier war. Das Urteil der erfahrenen Reisenden war Trixi wichtiger als sie zugeben wollte. Das Schweigen ihrer Eltern deutete sie als strafend, obwohl die anwesenden Erwachsenen in Wirklichkeit aus Überforderung schwiegen. Jule und Torben Lichtert schwiegen auch aus Scham, sie fühlten sich schuldig, denn sie wussten so gut wie Rosie, dass sie ihre Tochter eher von reisenden Jugendlichen fern gehalten hatten, versucht hatten, die Faszination des Mädchens für das Reisen nicht auch noch anzuheizen. Nun befürchteten sie, dass sie auf ihre alte Freundin, Rosie, hätten hören sollen, als die ihnen vor Jahren geraten hatte, Trixi in ihrer Reiselust unterstützend zu begleiten, solange dies möglich war. Das Gleiche ging auch in Rosies Kopf vor und sie brauchte einige Sekunden, um sich von dem Gedanken frei zu machen, dass sie es doch die ganze Zeit gesagt hatte. Sie befreite sich von der Frage, warum die Lichterts nicht einfach auf sie gehört hatten, indem sie sich klar machte, was sie jetzt auch Trixi im Begriff war zu erklären: Die Verbundenheit aller Seelen miteinander ist so vollständig, dass sich das Gesamte im kleinsten Teil jedes Einzelnen wiederfinden lässt.

    Rosie war erfahren genug, um zu wissen, dass es lange Zeit brauchte, um eine so schlecht fassbare Wahrheit zu vermitteln. Sie wusste außerdem, dass sie den Weg zu dieser Erkenntnis nur mit Trixi beginnen konnte, und die junge Frau selbst entscheiden musste, wie viel Wahrheit sich darin für sie verbirgt.

    Rosie schaute, nachdem sie in aller Seelenruhe einen Schluck Tee geschlürft hatte, jedem Mitglied der Familie Lichtert kurz in die Augen. „Ihr seit Erwachsen, ihr könnt machen was ihr wollt.“ entließ sie Trixis Eltern mit ihrer unwiderstehlichen Autorität. Torben und Jule Lichtert wussten, dass der Zeitpunkt gekommen war, an dem es besser für ihre Tochter war, wenn Rosie sich um sie kümmerte. Sie standen auf und umarmten ihre Tochter und küssten sie auf die Stirn, dann umarmten beide Rosie liebevoll und dankbar. Trixi spürte die Verbundenheit zwischen den dreien und ihr Vertrauen in Rosie wuchs erneut.

    „Wir beide gehen dein Zimmer aufräumen“, wandte Rosie sich an Trixi, als wäre es ein stinknormaler Montagnachmittag und sie wäre die strenge Tante.

    Beherzt stapfte Rosie voran die Treppe hinauf und Trixi folgte fast wie ferngesteuert. An der Tür stoppte Rosie „Es ist und bleibt dein Zimmer.“ und sie machte eine einladende Geste. Trixi ging an ihr vorbei, öffnete die Tür und wurde von dem größten Chaos empfangen, das sie je gesehen hatte. Es war nicht viel heil geblieben. Mit einem Lächeln auf den Lippen, das Trixi aber nicht sehen konnte, fuhr Rosie fort: „Es ist jetzt aber auch deine Verantwortung.“ Dann ging sie an Trixi vorbei ins Zimmer, schnappte sich den Korbstuhl, stellte ihn auf einen Fleck der relativ frei geblieben war und machte es sich darauf gemütlich.

    Trixi betrat das Zimmer und wollte sich auf ihr Bett setzen, das stand aber immer noch senkrecht an der Wand, weil es sich mit der Gardinenstange verkeilt hatte. Trixi ging zu ihrem Nachttisch, der aus einer dicken Scheibe Baumstamm bestand, hob ihn auf, stellte ihn hin und setzte sich darauf. Dann sah sie erwartungsvoll Rosie an. Die war sich nicht ganz sicher, ob sie lachen oder weinen sollte, weil Trixi natürlich recht hatte, wenn sie dachte, dass es hier nicht vornehmlich um das Aufräumen gehen sollte, aber sie hatte auch klar gesagt, dass jetzt das Zimmer aufgeräumt werden soll und Trixi scherte sich darum nicht einen Deut.

    „Du, Trixi, ich bin 76 Jahre alt, es ist inzwischen halb ein Uhr in der Nacht. Das hier ist nicht mein Zimmer, ich werde jetzt bestimmt nicht für dich aufräumen. Ehrlich gesagt, werde ich dir nicht mal helfen.“ erinnerte Rosie an die eigentliche Aufgabe. Trixi stand auf, schaute sich um und dann hilflos Rosie an. „Du hast gerade eine interdimensionale Reise gemacht. Erzählst du mir jetzt, dass du dein Zimmer nicht aufräumen kannst?“ Trixi lächelte und begann mit den kleineren Sachen.

    Rosie fuhr zufrieden fort. „Nur weil man ein Gaspedal treten kann, kann man noch nicht Autofahren. Wenn du weißt, wie man Zementmörtel mischt, macht dich das noch nicht zum Maurer und deine Spaghetti schmecken bestimmt toll, dadurch bist du aber noch kein Gastronom. Dieses Zimmer ist jetzt deine Verantwortung und Verantwortung bedeutet, dass du mit den Folgen deiner Handlungen umgehen musst. Dazu gehört es, über die Folgen deines Handelns nachzudenken, bevor du eine Entscheidung triffst. Dazu ist es unerlässlich, das große Ganze zu kennen. Dein Mörtel kann noch so gut sein, wenn es unter null Grad ist, kannst du nicht mauern. Du musst ein Gefühl für das große Ganze entwickeln, Trixi. Wie glaubst du funktioniert das Reisen?“

    Trixi hatte gerade entschieden, dass sie ihre Sachen erst mal nach heil und kaputt sortieren würde und war mit einem Rollerblade, dem zwei Rollen fehlten, auf dem Weg zum Kaputt-Haufen. „Naja die Zimmer bringen mich in den Strom,“ begann sie zu antworten „ und darin herrscht dann eine Art von Chaos. So wie wenn man alles das existiert oder existiert hat in eine Schachtel wirft und die ganze Zeit schüttelt. Alles ist durcheinander und in Bewegung“ fuhr sie fort. Dann sah sie unter ihrem Regal einen alten Teddy liegen und ging darauf zu. Sie kippte das Regal nach hinten und kramte mit dem Fuß den Teddy hervor. Rosie wartete. Tatsächlich sprach Trixi auf dem Weg zum Reparieren-Haufen weiter. „Und mit dem Zimmer kann man an einem Stück im Chaos teilnehmen. Oder so.“ Sie schaute kurz Rosie an und begann dann das umgekippte Regal auszuräumen um es wieder aufzustellen.

    „Das war schon erstaunlich gut erklärt, Trixi.“ lobte Rosie. „Vor allem in Bezug auf das große Ganze, aber ich möchte, dass du noch einen Schritt weiter gehst und nicht nur die Frage nach dem Was, sondern auch nach dem Wie und vielleicht sogar dem Warum beantwortest.“ Mit einem einsilbigen „Okay“ forderte Trixi ihre Lehrerin zum weiter sprechen auf.

    Das ließ Rosie nicht zu: „Wie glaubst du fährt, fliegt oder schwimmt dein Zimmer im Strom?“ Trixi blieb stehen und überlegte. „Keine Ahnung“, gab sie zu. „Was glaubst du, ist mit dir heute passiert?“ fragte Rosie weiter. „Keine Ahnung“, wiederholte Trixi. „Hinter all dem steht ein großes Ganzes und du bist ein Teil davon. Nicht dein Zimmer fliegt, sondern du bist es. Deine Seele fliegt, Trixi. Der Strom ist wie ein Spiegel des inneren Zusammenhaltes des Universums. Der Strom beweist, dass alles miteinander verbunden ist auch ohne, dass es dafür rationale oder physikalische, psychische oder soziale Gründe gibt. Alles besteht aus einem.

    Es gibt einen Menschen aus der Normwelt, der das für alle Seelen ziemlich zutreffend beschrieben hat, egal wo und wie sie sind. Er hieß Ralph Waldo Emmerson und ich bin sicher, man könnte ihn im Strom treffen. Ich hatte leider noch nicht das Glück. Er hat das große Ganze beschrieben, das unser Reisen ermöglicht, und das unser Leben ermöglicht, das die Natur und alles andere in sich zusammenhält. Er hat so was gesagt wie, dass es eine Einheit sei, in der das Einzeldasein jedes Menschen bereits enthalten ist und eins mit dem aller anderen wird. Ein gemeinsames Herz, das aus jedem wahrhaftigen Gespräch eine Feier macht, dem wir uns in jeder mutigen Tat widmen; eine überwältigende Realität, die all unsere Kniffe und Talente zu nichte macht und jeden zwingt, als das zu erscheinen, was er ist, und nach seinem Charakter zu sprechen und nicht nach seinen Ängsten. Eine Einheit, die uns unaufhörlich bestrebt macht, mit unseren Gedanken und Händen Weißheit und Rücksicht und Ruhe und Schönheit zu schaffen.“


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
    Freiheit für die Liebe
    0:37:21
    14. Oktober 2019 12:12
    Azet
    0:46:54
    14. August 2019 11:51
    Naturia
    0:45:17
    8. Juli 2019 12:03
    Zeit
    0:41:39
    21. Mai 2019 10:51
    Alte und neue Wunden
    0:37:44
    6. März 2019 11:06
    Verlockungen der Normwelt
    0:55:41
    28. Januar 2019 12:17
    Das Turiseder Artefakt
    0:42:47
    19. Januar 2019 17:40
    Reisen
    0:36:58
    29. November 2018 17:21
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
    0:35:13
    1. November 2018 17:16
    Trixis Gogyo-Ki (Teil 1)
    0:33:43
    31. August 2018 16:54
    Trixi findet ihr Seelentier
    0:20:58
    1. August 2018 10:57
    Kurzgeschichte: "Trixi sucht die Freiheit"
    0:35:54
    37 min
  • Trixi im Morgenland Folge 03: Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)

    Ein Gastbeitrag von Philipp Wohlwill (www.wortwohl.de)

    „Schaffe Leben aus dem Stein, du sollst meine Blüte sein.

    Wasche mich von Schleier rein, meine Seele zu befreien.“

    Trixi war verwirrt. Sie verstand nicht, was das sollte. Das hatte doch überhaupt nichts mit ihr zu tun. Wieso war das ihre Aufgabe? Wen sollte sie befreien? Sie wollte gerade Diotima dazu befragen, da wurde ihre neue Freundin zurück in den Morgenfelsen gezogen. Die überwältigend schöne Form der jungen Frau verschwamm, schien sich zu verflüssigen. Das orange Schimmern ging wieder auf den Morgenfelsen über und was von Diotima übrig war, strahlte erneut grünliches Licht aus. Jetzt drückte das unförmige Wesen, das eben noch Diotima gewesen war, von Innen gegen den Felsen. Eine der weißen Adern des Morgenfelsens begann in einem tiefen, dunklen Rot zu leuchten. Das Gestein, das sich in der Mitte des entstehenden roten Kreises befand, nahm das Grün aus dem inneren des Felsens an, sog es auf, wurde etwas größer und dann kalbte der Morgenfelsen.

    Wie bei der Geburt eines Kalbes und wie wenn ein kleiner Eisberg von einem großen bricht, gebar der Morgenfelsen mit Hilfe von Diotimas Energie Trixis Passanten. In dem Moment, in dem dieser den Morgensee berührte, wurde aus dem Morgenfelsen wieder die rasend schnelle orange Blase und Diotima zu einem grünen Punkt darin. Das Gebilde entfernte sich bis es wieder zu einem kleinen Punkt irgendwo in den scheinbar unendlichen Tiefen der Morgenhöhle geworden war.

    Trixi blieb keine Zeit über die Aufgabe und das flotte Verschwinden des Morgenfelsens nachzudenken, nachdem die Höhle nun wieder finsterer wurde, sah sie das

    Leuchten ihres Passanten im Wasser ganz genau. Sie nahm einige Schritte Anlauf, rannte so schnell sie konnte los und sprang dann so weit sie konnte in den See. Während sie flog, verwandelte sie sich in das Walross und rief laut „Trixiness“. Dann platschte sie mit enormer Wasserverdrängung in den See und gab Vollgas Richtung Passant. Sie erreichte ihn innerhalb weniger Sekunden, machte eine behände Wende und schoss wieder aus dem Wasser, um auf den Füßen, mit ihrem Passanten in der Hand, am Strand zum Stehen zu kommen.

    Erneut erstaunte sie, was sie sah, sie betrachtete ihren Passanten. Der hatte sich im See nicht verändert. Normalerweise bekam der Passant die Form eines Gegenstandes, der zu seinem jugendlichen Träger passt. Es war dann Aufgabe des Morgenländers, seine Funktion zu erkunden und herauszufinden, wie man mit ihm das Reisezimmer im eigenen Kinderzimmer aktivierte. Trixis Passant aber sah genauso aus, wie der Stein, der sich aus dem Morgenfelsen gelöst hatte. Er war grau und mit einigen dünnen weißen Linien durchzogen. Je dunkler es wurde, desto heller schienen die Linien. Trixi stand da, sah den Steinbrocken in ihrer Hand enttäuscht an und schüttelte den Kopf. Dann hob sie den Kopf und den Passanten und brüllte so laut sie konnte „ Hey ihr, Diotima, Morgenland, hier stimmt doch was nicht. Ey, haaaallooooooo, hier ist doch was kaputt. Das hat nicht funktioniert.“

    Sie hielt ihren Passanten hoch in die Luft und drehte sich einmal um die eigene Achse. Als sie sich zu Ende gedreht hatte, schaute sie in das uralte Gesicht eines Mannes und kreischte wie eine wahnsinnige „Maaamaaaa“. Sie fuchtelte mit den Armen, stolperte rückwärts und landete auf dem Hinterteil. Der Mann lachte und während er lachte kräuselte sich das Wasser. Immer wenn er seine tiefe warme Stimme erhob, kräuselte sich das Wasser zu ihren Schwingungen. „Das ist dein Codewort, Seelenblüte“ sagte der Mann und schmunzelte.

    Mit runden Augen schaute Trixi den Mann an. Er schaute zurück. Sie schauten sich gegenseitig in die Seelen. Trixi viel nichts ein außer „Nä!“. Der Mann antwortete: „Doch.“ Trixi fiel immer noch nichts ein, also blieb sie bei „Nä!“. Dem Mann schienen alberne Spiele zu gefallen, er erwiderte also erneut: „Doch“. Da wusste Trixi genau, dass sie mit dem Morgenland redete. Schon fühlte sie sich wieder ganz sicher und wusste, dass sie ganz sie selbst sein konnte. Das Morgenland kannte sie schließlich schon seit ihrer Geburt. Ihm etwas vorzuspielen oder es zu belügen war aussichtslos. Es gab dazu auch keinen Grund. Trixi rappelte sich auf und streckte dem Morgenland die Zunge raus. „Du kannst so ein Idiot sein, jetzt weiß ich auch, warum nie einer sein erstes Codewort verrät. Das machst du doch bestimmt bei jedem, oder?“ Das Morgenland lachte „Sehr viele haben Maaamaa als erstes Codewort. Da bist du mal genau wie alle anderen.“ scherzte das Morgenland. „Viele haben auch so schöne Sachen wie Scheiße oder Ahhhhhhhhh oft gibt es auch Mann, ey.“

    Das Morgenland fand sich wahnsinnig lustig und kicherte in einem fort. „Gut, dass man das ändern kann“, fand Trixi und das Morgenland entgegnete mit erhobenem Zeigefinger: „Aber wie? Wie geht das? Das musst du wohl erst mal herausfinden. Mit deinem Passanten ist übrigens alles in Ordnung, Seelenblüte.“ „Ich heiße also mit zweitem Namen Seelenblüte?“ vergewisserte sich Trixi, dass sie ihr Gegenüber korrekt verstand. „Ja, Seelen mein Blütchen“ erwiderte das Morgenland mit einem schelmischen Grinsen, es liebte Spitznamen. „So meine Seelenfrau von Trixiness“ fuhr es fort. Und ohne den Satz zu beenden verschwand es einfach in der Erde. Es war ja klar, dass es das konnte, aber ein kleines bisschen unhöflich fand Trixi das schon.

    Während sie ihren Passanten betrachtete und über ihren zweiten Namen und ihre Aufgabe nachdachte, da fiel ihr auf, dass zumindest alles gut zueinander passte. Seelenblüte war ihr Name, ihre Aufgabe lautete: „Schaffe Leben aus dem Stein, du sollst meine Blüte sein. Wasche mich von Schleier rein, meine Seele zu befreien.“, und ihr Passant war ein Stein.

    Was es mit all dem auf sich hatte, interessierte Trixi so sehr, dass ihr überhaupt nicht auffiel, dass sie ihren zweiten Namen, ihren Passanten und Ihre Aufgabe bekommen hatte, dass sie also ihre Gogyo-Ki bestanden hatte und jetzt eigentlich zu ihrer Familie zurück konnte. Das hatte bisher auch jeder Morgenländler getan, nur Trixi war so überwältigt von der eigenen Neugier, dass sie auch nach der Gogyo-Ki noch in der Morgenhöhle blieb, die sich jetzt wieder so verdunkelte, dass auch Trixis Passant nur noch einen winzigen Teil davon ausleuchten konnte. Trixi stand in einem kleinen Lichtkegel, der von Schwärze umgeben war.

    Sie wollte aber mehr über ihren Passanten herausfinden. „Trixiness“ sagte sie zu sich selbst, verwandelte sich in das Walroß und schwamm mit ihrem Passanten im Maul in die Richtung, aus der das orange Leuchten des Morgenfelsens gekommen war. Es war gar nicht weit, da sah sie in der Ferne wieder ein oranges Schimmern. Sie hielt darauf zu und beschleunigte etwas und krachte dann mit ziemlichem Tempo mit dem Kopf gegen den Morgenfelsen. Diesmal ging das Schimmern tatsächlich einfach nur von einem kleinen Punkt, der am Felsen leuchtete, aus. Trixi verwandelte sich zurück und kletterte hinauf.

    Kurz hielt sie gespannt inne, wie wenn sie Kekse aus der Schublade stibitzte und dachte ihre Eltern gehört zu haben. Nichts passierte. Alles war wie auf einem ganz normalen Felsen, auf dem ein kleines Glühwürmchen sitzt. Nichts magisches, nichts besonderes war mehr an dem Stein, Trixi kletterte etwas höher und ging ein kleines Stückchen um ihn herum. Plötzlich meinte sie die Stelle ausmachen zu können, an der ihr Passant beim Kalben des magischen Steins heraus gebrochen war. Das war wiederum sehr ungewöhnlich, denn normalerweise schloss sich das Loch, aus dem der Passant kalbte, schnell wieder. Trixi entdeckte aber noch einige andere Löcher im Morgenfelsen, aus denen ein ähnlich großes Stück wie ihr eigenes heraus gebrochen sein musste. Trixi streckte sich und versuchte ihren Passanten in das Loch einzusetzen um herausfinden, ob er passte und sie recht hatte.

    Sie setzte erst eine Ecke an, die genau zu passen schien, dann wollte sie den Passanten in das Loch einsetzten und er schien auch perfekt zu passen, aber wie bei Magneten, die sich abstoßen, brauchte Trixi mehr Kraft je näher die beiden Steine sich kamen. Als Trixi schon fast mit ganzer Kraft drückte, da sah sie, dass der Stein perfekt in die Mulde am Morgenfelsen passte. Sie nahm all ihre Kraft zusammen, drückte und als die Mulde den Passanten fast ganz umschloss, da durchfuhr Trixi ein stechender Schmerz, als wäre sie vom Blitz getroffen. Es wurde hell und Trixi wurde von einem mächtigen Stoß, der vom Morgenfelsen auszugehen schien, durch die Luft geschleudert. Sie flog so weit, dass sie brutal auf den Strand knallte und sofort ohnmächtig wurde. Ihren Passanten immer noch fest umklammernd, träumte sie.

    Sie ging im Morgenland spazieren, begleitet von einem erwachsenen Aram. Ihr bester Freund schien seine Schüchternheit abgelegt zu haben. Er war groß, kräftig und sprach in einem ruhigen Ton mit ihr. „Schau da vorne“, sagte er zu Trixi, die sich nicht verändert hatte. Trixi schaute auf und sah Diotima auf sich zu laufen, auch sie sah verändert aus, schien jünger, der graue Schleier war verschwunden und Diotima versprühte eine unbändige Lust sich zu bewegen, schien vollkommen frei und umarmte Aram zur Begrüßung herzlich. Dann kniete sie sich hin und begrüßte auch Trixi mit einer warmen Umarmung. „Vielen Dank, Seelenblüte“, sagte sie, „Du bist wirklich ein außergewöhnlicher Mensch und eine tolle Freundin. Der Schleier ist verschwunden, ich bin eine freie Seele“. Dann nahm sie den erwachsenen Aram an die Hand und die beiden gingen gemeinsam weiter.

    Trixi konnte ihnen nicht folgen. Sie rief ihnen hinterher „Aram, hey bleib stehen. Wo geht ihr hin?“ Sie gingen einfach schweigend weiter. Trixi blieb beharrlich „Hey Diotima, hey“. Die Ignoranz der beiden machte sie rasend vor Wut. „Hey du alte Schreckschraube, antworte mir. Hey!“ brüllte sie den beiden hinterher. Diotima schaute über die Schulter zurück und lächelte und dann sagte sie in dem sanften mütterlichen Ton, „Das ist nicht Aram“ und die beiden verschwanden. Trixi war enttäuscht und beleidigt und brüllte ins Leere: „Das ist meine Gogyo-Ki“.

    In diesem Moment wachte sie auf. Sie lag auf dem Strand und spürte immer noch ein leichtes Brennen von dem Stoß, den der Morgenfelsen ihr versetzt hatte. Sie rappelte sich auf und wollte nur noch eines, raus. Sie wollte die Sonne sehen, stolperte, lief und torkelte den Schneckengang zurück. Sie wollte ihre Eltern sehen, ihre Freunde, sie hatte Hunger und Durst. Sie stützte sich an der Wand ab während sie sich in Richtung Ausgang schleppte, ihr Passant erleuchtete ihr den Weg. Als sie Hunger und Durst spürte, da produzierte ihr Gehirn Bilder von all dem Essen, das sie draußen gesehen hatte, als Papa seine Rede gehalten hatte.

    Sie hatte sich nicht vorstellen können je wieder etwas zu essen. Ihr Magen hatte sich so winzig klein angefühlt, dass nicht mal ein Schluck Wasser rein gepasst hätte. Jetzt aber war ihr Magen frei und hungrig nach einem Festessen und der Weg in ihre Zukunft als Reisende war frei und ihr Geist war hungrig nach Wissen und ihre Seele war frei von Angst. Trixi hielt endlich ihren Passanten in der Hand. Eine Woge von Glück rollte über sie hinweg. Ihre Schritte wurden erst fester, dann schneller und dann leichter. Sie rannte durch den Gang der immer breiter wurde, hielt ihren Passanten vor sich und rief „Leuchte, mein neuer Freund, erleuchte mir meine Zukunft“. In hundert Metern Entfernung sah sie die Wand der Höhle und flog nun fast ihrem Ziel entgegen. Ihre Füße schienen den Boden kaum noch zu berühren. Sie schrie aus voller Kehle „Seelenblüte“ als sie mit voller Geschwindigkeit auf die Wand zu rannte und nicht stoppte. Einen Meter bevor sie gegen den Stein geknallt wäre, öffnete das Morgenland den Ausgang aus der Morgenhöhle und Trixi lief ihrer wartenden Mutter in die Arme. Erschöpft, schmutzig, hungrig und müde aber überglücklich, ließ sie sich vollkommen in die schützende Umarmung ihrer Mutter fallen. Ihre Familie und ihre Freunde jubelten, sie applaudierten und pfiffen und begannen im Chor zu rufen „Trixi, Trixi, Trixi.“

    Unter dem Jubel der Anwesenden trugen Jule und Torben Lichtert ihre jugendliche Tochter zu ihrem Tisch und setzten sie auf ihren Platz. Es gab nicht viele formelle Vorgaben für ein Fest zur Gogyo-Ki. Es ging immer einfach um den Jugendlichen, aber auf eines achteten doch fast alle Eltern. Es wurde erst gegessen, wenn das Kind als Jugendlicher zurück kehrte und der Jugendliche startete das große Futtern. Trixi freute sich auf diesen Moment schon lange. Sie Griff sich ein großes Glas, schmiss einige Eiswürfel hinein und schenkte es dann mit Cola voll, bis der Schaum über den Rand lief. Dann stellte sie sich auf ihren Stuhl, rief in die Runde „Ich liebe euch“ und dann noch etwas lauter „Die Gogyo war toll, meine Füße dampfen. Der Tisch ist voll, lasst uns gemeinsam Mampfen.“ Alle lachten und applaudierten und begannen mit großem Appetit zu essen.

    Vor allem Trixis Freunde hatten sich kaum noch zurück halten können. Eine normale Gogyo-Ki dauerte meistens ungefähr eine Stunde. Trixis Freunde hatten gewettet, dass sie es schneller schaffen würde, aber Trixi war deutlich über zwei Stunden in der Morgenhöhle gewesen. Alle waren ganz ausgehungert, sodass sie Trixi nicht so sehr bedrängten alles zu erzählen. Das erleichterte Trixi. Es gehörte zur Gogyo-Ki, dass die Jugendlichen selber entschieden, was und wieviel sie von ihrem Ritual erzählen wollten, ob sie ihre Aufgabe verrieten und so weiter. Es gab allerdings fast niemanden, der nicht als allererstes sofort seinen Passanten vorzeigte und damit begann seine Funktion zu enträtseln. Trixi wusste nicht einmal, was es da zu enträtseln gab. Sie hatte einen Stein. Aber auch das spielte gerade keine Rolle. Denn sie hatte die besten Freunde, die beste Familie und eine Zukunft als Reisende vor sich. Der Rest würde sich ergeben.

    Nachdem sich alle tüchtig satt gefuttert hatten und eine allgemeine Zufriedenheit und Erleichterung bei den Gästen und auch bei Trixi und ihren Eltern spürbar wurde, da begann die Festgesellschaft sich auf der Wiese zu verteilen. Es wurde gespielt, gedöst und geredet. Die Jugendlichen kamen zu Trixi. Sie wurde nervös, weil sie nicht dazu bereit war, jetzt über das Erlebte zu sprechen, zumal sie sich nicht mehr so genau daran erinnern konnte, was davon sie geträumt hatte und was echt gewesen war. Sie steckte ihre Hände in die Hosentaschen und spürte ihren Passanten in der rechten Hand. Sie hielt sich an ihm fest. Der Stein wurde etwas warm und das entspannte Trixi. Das konnte man wohl sehen. Trixis Kusine Sandra, die schon um einiges älter war als Trixi, aber wie Trixi auch als Seelentier Walross war, fragte lachend: „Na, Trixi hast du die Taschenwärmer-Funktion entdeckt?“. Die anderen lachten auch. Alle holten sich etwas zu trinken. Auch Trixi wurde ein neues Glas Cola eingeschenkt und dann erzählten alle reihum, wie sie das erste Mal ihre Taschenwärmer Funktion entdeckt hatten und wozu sie gut war. Trixi fühlte sich kein bisschen bedrängt und konnte in den Augen der Mädchen und Jungen sehen, dass sie sich noch sehr gut daran erinnern konnten, wie man sich nach seiner Gogyo-Ki fühlte.

    Sandra erzählte wie ihr die Taschenwärmer Funktion ihres Passanten mal das Leben gerettet hatte. Als sie in einer Eiswüste gelandet war, hatte sie sich ein Iglu gebaut und war darin von einer Lawine verschüttet worden. Ihr Passant hatte sie gewärmt und ihr damit das Leben gerettet. „Schon klar, dass du nicht erfroren bist, aber wie bist du an Luft zum Atmen gekommen?“ fragte einer der älteren Jungs. Man sah Sandra an, dass sie auf diese Frage gewartet hatte. Sie nahm ihren Passanten aus der Tasche. Er sah aus wie ein Stück Metallrohr, das in den Farben des Regenbogens schillerte. Das Loch in der Mitte war so breit wie zwei Finger und das Rohr war ungefähr doppelt so lang wie Sandras Handfläche. Hielt sie es mit der Hand umschlossen, schaute es hinten und vorne noch einige Zentimeter heraus.

    Sandra nahm das Stück Rohr und drehte es in der Handinnenfläche, es drehte sich und drehte sich und schien nicht mehr aufzuhören. Alle bestaunten das sich endlos drehende Rohr in Sandras Handfläche. Trixi auch, aber eben nur für einen Moment, danach schaute sie Sandra an und sah den Stolz in ihrem Blick. Da entschied sie, erst mal ihren Passanten zu erkunden, bevor sie ihn jemandem zeigte. Vielleicht war aus ihrem blöden Stück Felsen doch noch etwas zu machen.

    „Wie sah denn der direkt nach deiner Gogyo aus?“ fragte Trixi ihre Kusine. „Richtig ätzend“ lachte die. „Das war einfach nur ein hässlicher Kackhaufen, das Kackding hat mich einige schlaflose Nächte gekostet. War nur ein altes vergammeltes rostiges Rohr am Anfang.“ Trixi bekam bei Sandras Ausdrucksweise runde Augen. Sandra fuhr nicht ohne Stolz fort: „Hab aus der Furzröhre was schickes gemacht oder? Zurück zum Problem der Luft.“ Sie nahm die Röhre in die rechte Hand, strich mit dem Linken Daumen anderthalb runden über den oberen Rand und die Röhre begann sich zu verlängern. Nachdem sie bestimmt drei Meter lang geworden war, schnippte Sandra mit dem Zeigefinger einmal gegen die Röhre und die stoppte ihre Fahrt in die Baumwipfel. Dann hob Trixis Kusine ihren Passanten an den Mund und atmete einige lange Atemzüge durch den Riesenschnorchel. Alle waren beeindruckt. Sandra schnippte zwei Mal mit dem Zeigefinger gegen die Röhre und die verkleinerte sich wieder auf die normale Größe und Sandra steckte sie weg.

    Nun schauten alle erwartungsvoll Trixi an und die schaute genauso erwartungsvoll zurück. Natürlich wusste sie ganz genau, dass alle darauf hofften, ihren Passanten zu Gesicht zu bekommen, aber sie hatte ihre Entscheidung gefällt. Sie würde erstmal versuchen aus dem Kackhaufen etwas Schickes zu machen. Als sie das Wort Kackhaufen dachte, musste sie lächeln. Alle sahen das und Sandra fragte „Was? Was ist so witzig?“. Trixi grinste weiter und sagte dann nur ein Wort: „Furzröhre“ und nachdem sie das gesagt hatte, musste sie dermaßen lachen, dass sie sich schüttelte und außerdem spritzte einem der Jungs vor Lachen die Cola aus der Nase und da musste dann auch der letzte der Jugendlichen noch anfangen zu lachen.

    Als sich alle etwas beruhigt hatten, stand einer der Jungs, die Trixi kaum kannte auf und gab damit die Sicht auf Dila, Konni und Aram frei. Sie saßen gemeinsam mit Trixis anderen Freunden einige Meter entfernt im Kreis und unterhielten sich. Sie schienen Trixi aber in diesem Moment irgendwie sehr weit weg. Das machte sie ein bisschen traurig und deshalb unternahm sie etwas dagegen. Sie sprang von ihrem Stuhl, griff sich eine der Colaflaschen, rief den Jugendlichen zu „Bis später!“ und rannte in vollem Galopp und „Trixiness“ brüllend auf ihre Freunde zu. Alle wollten sie drücken und das taten sie auch und dann zogen sie sich noch einige Meter von den Erwachsenen zurück und Trixi spendierte eine geheime und für die meisten der Kinder verbotene Runde Cola.

    Jetzt begann das Ausfragen und jetzt und in dieser Runde beantwortete Trixi fast alle Fragen gerne, bis Aram sie fragte „Können wir deinen Passanten mal sehen?“ Trixi überlegte angestrengt und sagte erst mal nichts. Alle warteten gespannt. „Ich glaube nicht“ druckste Trixi rum. „Also denen da,“, sie nickte mit dem Kopf in Richtung der Jugendlichen „habe ich ihn nicht gezeigt.“ Sie zögerte „Ich weiß nicht“.

    Konni und Dila fanden das nicht so gut, sie hatten erwartet einen eingehenden Blick auf Trixis Passanten werfen zu dürfen und zwar sofort nach dem Essen. Die beiden wurden etwas ungeduldig. „Komm Trixi, jetzt sei nicht so“ drängelte Dila. Konni forderte: „Zeig mal her.“ und streckte die Hand aus. Das wiederum gefiel Trixi jetzt überhaupt nicht und sie wurde stur. „Nein,“ gab sie zurück „ihr seht den dann, wenn ich das sage“ und als sie die enttäuschten Mienen ihrer Freundinnen sah, fügte sie schnell hinzu „Es ist mir einfach zu früh, ich hab selbst noch nicht mal geschaut, ich will erst mal ganz alleine selbst schauen und dann zeige ich euch den. Ist ehrlich gesagt ein hässlicher Kackhaufen“ fügte sie mit gesenktem Kopf hinzu. Alle mussten über den Gefühlsausbruch etwas schmunzeln.

    Aram war es der zur Überraschung aller das Wort ergriff und sagte „Dann zeigst du ihn halt später“. Damit war das Thema Passant abgehakt. Trixi konnte den Gedanken nicht verdrängen, dass sie die Reaktion ihrer beiden besten Freundinnen irgendwie kindisch fand.

    Ihr blieb keine Zeit darüber weiter nachzudenken. Frau Prof. Dr. Rosie Schlaumeier kam auf die Gruppe zu. Natürlich war das nicht Rosies echter Nachname und die Kinder wussten auch nicht, was für Titel und Abschlüsse die energische alte Dame tatsächlich besaß, aber sie wussten eines ganz genau: Rosie wusste alles. Rosie war Trixi als Lehrerin für ihren Passantenurlaub zugeteilt worden. „Ach du Schande.“ flüsterte Dila. „Allerdings.“ bestätigte Konni. „Ich beneide dich nicht um alles“. Es breitete sich ein schweres Schweigen in der Gruppe aus. Mit einer Mischung aus Respekt und Schrecken sahen sie Trixis nahe Zukunft auf sich zu kommen. Einige konnten ihren Fluchtinstinkt nicht unterdrücken und mussten plötzlich ganz dringend auf Klo oder für alle etwas zu trinken holen. Als Rosie vor Trixi stand und sich in den Schneidersitz ins Gras vor sie setzte, da waren nur noch Trixi, Konni, Dila und Aram übrig geblieben. Trixi nahm sich vor, das den Dreien niemals zu vergessen.

    „Hallo Trixi“ begrüßte Rosie ihre neue Schülerin. „Wir beide haben in den nächsten Monaten eine ganze Menge vor. Freust du dich drauf?“. Trixi nickte, schwieg aber sicherheitshalber. „Okay. Es wird so laufen,“ bestimmte Rosie. „Du hast jetzt erst mal zwei Tage frei. Deine Freunde müssen alle in die Schule, du nutzt also bitte die Zeit, um dich auszuruhen. Du darfst natürlich schon deinen Passanten beforschen, aber bevor du nicht das Sicherheitstraining bei mir abgeschlossen hast, darfst du nicht reisen“. Rosie fuchtelte Trixi mit dem Zeigefinger im Gesicht rum. Trixi hasste das, beschränkte ihren Widerstand aber darauf, ein gelangweiltes „Ja“ zurück zu geben, anstatt nach den Gründen für das Verbot zu fragen.

    „Danach werden wir gemeinsam deine ersten Reisen unternehmen“, fuhr Rosie fort. „Ich habe einen der wenigen Passanten, der Orte speichern kann“, Rosie sah wie die Angst aus Trixis Blick durch Interesse ersetzt wurde und freute sich darüber. „Ich habe zwei Orte, die wir auch dann bereisen können, wenn es mit deinem Passanten etwas länger dauert. Könnte ja durchaus sein, nachdem deine Gogyo-Ki auch schon fast doppelt so lange wie normal gedauert hat.“ Alle Kinder wussten, das Prof. Rosie unleidig wurde, bekam sie Hunger. „Tschuldigung“ stammelte Trixi, die es nicht gewohnt war zurecht gewiesen zu werden. Und das auch nicht mochte. „Aber ich reise ab dann alleine oder?“, fragte sie. „Ja Trixi“, bestätigte Rosie, „du wirst mich nicht immer und ewig dabei haben. Du musst mir auch nichts erzählen, weder über deine Aufgabe noch über deinen Passanten.“ Trixi sah wie die Strenge im Blick von Rosie durch Interesse ersetzte wurde und freute sich darüber. Ihren Passanten zeigte sie ihr trotzdem nicht. „Wir sehen uns also in zwei Tagen um 8:00 Uhr bei mir Zuhause zum ersten Teil deines Sicherheitstrainings“ sagte Rosie und stand auf.

    Trixi schaute sie von unten an und Rosie schaute erwartungsvoll zurück. Dann rollte die alte Dame mit den Augen und streckte eine Hand aus. Jetzt verstand Trixi , stand auf, gab Rosie die Hand und die beiden verabschiedeten sich. Als Rosie sich zum Gehen wendete sagte sie noch „Seelenblüte ist übrigens ein wirklich schöner Name und er hat auch eine tiefe Bedeutung. Das erzähle ich dir dann in zwei Tagen“ Rosie stellte zufrieden fest, dass sie mit der Bemerkung erneut Trixis Interesse geweckt hatte, drehte sich um und ging zu Trixis Eltern, um sich auch von denen zu verabschieden.

    Auf dem Weg nach Hause setzte sich Rosie kurz auf eine Bank, atmete tief durch und kramte ein Foto aus ihrer Tasche. Darauf war der Erwachsene Aram aus Trixis Traum zu sehen. „Travis,“ dachte Rosie und ihr Gesicht viel in sich zusammen, „dein Talent war dein Fluch. Seelenblüte ähnelt dir.“ Sie dachte an ihre eigene Gogyo-Ki. Diotima hatte es da noch nicht gegeben. Das Morgenland hatte alles mit den Eltern gemeinsam gemacht. Auch die Lebensaufgaben waren viel allgemeiner und eher Lebensweisheiten gewesen, fand Rosie. „Ein Fehler ist erst ein Fehler, wenn du ihn zwei mal machst“ murmelte sie vor sich hin. Das war ihre Aufgabe und jetzt wo sie so darüber nachdachte, da war es für sie tatsächlich entscheidend, nicht die Fehler, die sie mit Travis gemacht hatte, an Trixi zu wiederholen. Die gestandene Reisende, Professorin, Vorsitzende des Bildungsausschusses und dreifache Oma wurde nervös, bekam etwas Angst. Ein Gefühl, dass sie schon seit so langer Zeit nicht mehr gehabt hatte, dass seine Intensität sie überraschte.

    Sie atmete tief durch und lies ihren Atem die Ruhe der Natur in ihrem System verteilen. Beim Einatmen nahm sie wärmende Ruhe in sich auf und entließ beim Ausatmen die kalte Panik aus ihrem System. Sie spürte dem Hauch von Seele nach, der sich im Atem eines jeden Menschen verbirgt und faltete dann das Foto wieder zusammen, um es in ihrer Tasche zu verstauen.

    Jetzt genoss Rosie noch einige Momente die Schönheit des Morgenlandes, des späten Tages und ihres Lebens. Das Morgenland hatte ihr vor vielen Jahren einmal verraten, dass es seine größte Belohnung ist, die Menschen, die bei ihm leben, glücklich zu sehen. Da es keine eigenen Kinder bekommen konnte, waren die Bürger des Morgenlandes sein Ersatznachwuchs. Rosie stand auf und ging mit neuem Mut einer Zukunft entgegen, von der sie hoffte, dass sie nicht ganz so gefährlich werden würde wie sie befürchtete.

    Während Rosie auf dem Heimweg noch in Erinnerungen kramte, wie in einem Bonbon-Glas, hatte sich die feiernde Gesellschaft am Eingang zur Morgenhöhle stark verkleinert. Die Jugendlichen waren weg, fast alle Erwachsenen auch und die jüngeren Kinder schon lange. Konnis Eltern hatten Aram von seinem Papa abgeholt und Dilas Eltern brachten ihn nun wieder nach Hause zurück. Seine Mama war während seiner Geburt gestorben und seitdem lebte er mit seinem Papa alleine, der sich zur Zeit daran versuchte, seine alte Karriere als Ballettänzer wieder aufleben zu lassen und deshalb noch weniger Zeit für seinen Sohn hatte als gewöhnlich. Niemand sprach über Arams Eltern, niemand schien sie wirklich zu kennen.

    Bei Arams Mutter war es beinahe so, als hätte sie nie existiert. Es gab von ihr keine Bilder in Zeitungen oder Erinnerungen aus der Schule. Es gab nur eine einzige Fotografie, die sehr verschwommen war. Darauf waren Arams Eltern zu sehen, wie sie Hand in Hand von der Kamera fort gingen. Das Gesicht von Arams Mutter war nur deshalb auf der Fotografie, weil sie sich gerade über die Schulter zum Fotografen umdrehte und winkte. Das war das Einzige was Aram von seiner Mutter hatte. Er hatte sich fest vorgenommen mehr über sie heraus zu finden, war aber immer wieder an Grenzen gestoßen, die sein Alter oder auch seine Körpergröße ihm setzten. Also beschränkte er sich inzwischen darauf, die Suche nach seiner Mutter zu planen, bis zu dem Tag, an dem auch er einen Passanten besitzen und sich damit aus der Machtlosigkeit befreien würde.

    Erst auf dem Heimweg, den die Familie Lichtert natürlich wieder zu Fuß antrat, konnte sich Trixi mit ihren Eltern über das unterhalten, was in der Morgenhöhle vorgefallen war. Ihre Eltern hielten fast zweihundert Meter tapfer durch ohne Trixi etwas zu fragen. Trixi machte es große Freude ihre Eltern etwas zappeln zu lassern, erlöste sie dann aber indem sie laut überlegte. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu erzählen. Also erstmal war dein Tipp eine Hand vor dem Körper und die andere an der Wand zu behalten super , Mama.“ Jule Lichtert lächelte. „Insgesamt muss ich aber zugeben, wirkt das ganze ein bisschen wie ein Traum. Ich muss immer wieder in die Tasche greifen und meinen Passanten anfassen, damit ich weiß, dass alles wirklich echt ist. Ich glaube ich habe Diotima ein bisschen verärgert.“ Trixi schwieg. Ihre Mama fragte: „Die ist so nett, das kann nicht schlimm gewesen sein oder?“ „Stimmt“, gab Trixi bedrückt zurück. „Geht es dir nicht gut, meine Flitzmaus?“ fragte Papa etwas besorgt. Trixi lächelte. So hatte er sie schon lange nicht mehr genannt, er hatte sich an das Verbot, das sie zu ihrem zehnten Geburtstag ausgesprochen hatte, bisher gehalten. „Ach ich weis nicht,“ druckste Trixi, „ich durfte mich erst neben sie setzen und dann ist sie abgehauen ohne sich zu verabschieden“. Mama und Papa Lichtert lachten und Trixi motzte „sehr witzig“. „Trixi,“ tröstete Mama, „Diotima ist kein Mensch, das musst du doch gesehen haben. Sie ist nur da, bis der Morgenfelsen deinen Passanten frei gibt. Danach ist sie automatisch weg. Ich glaube nicht, dass sie das selber entscheidet. Die Gogyo-Ki war früher ganz ohne sie“. Trixi blieb stehen „Wie bitte?“. „Naja, Trixi, ist sie nicht eher so was wie ein Teil des Felsens oder ein Teil des Morgenlandes oder so?“ „ Ja sagte Trixi keine Ahnung was ist sie eigentlich?“ Mama und Papa Lichtert schauten sich gegenseitig an und zuckten mit den Achseln. „Mach dir mal lieber Gedanken um deinen Passanten“ sagte Papa.

    Aber weit gefehlt. „Das werde ich Rosie als erstes fragen“ dachte Trixi und beendete ihre Erzählungen mit dem Gefühl, wieder aktiv zu sein, nicht bloßer Befehlsempfänger, sondern Forscher. Sie ließ die Stellen, von denen sie nicht wusste, ob sie geträumt hatte und was eigentlich wirklich passiert war, vorsichtshalber aus und erzählte auch nicht, dass sie noch einmal durch den Morgensee geschwommen war, nachdem die Gogy-Ki eigentlich schon zu ende gewesen war. Den Lichtblitz, sagte sie zu ihren Eltern, könne sie sich auch nicht erklären, aber sie sei ja auch in der Höhle gewesen, hätte also natürlich keine Ahnung was da draußen geblitzt haben könnte. Ihre Eltern glaubten ihr nicht, beließen es aber dabei. Trixi berichtete noch ein bisschen von ihrem Nachmittag mit den Jugendlichen und ihren Freunden und Mama und Papa erzählten Trixi noch was sie über Rosie so wussten.

    Zuhause angekommen wünschte Trixi ihren Eltern ein gute Nacht und verschwand nach oben in ihr Zimmer. Oben wischte sie mit dem Arm alles von Ihrem Schreibtisch, legte den Passanten darauf und knipste die Schreibtischlampe an. Dann zog sie so schnell sie konnte die kalte schmutzige Kleidung aus, holte sich ihren allerliebsten Schlafanzug aus dem Schrank, wickelte sich ihre Bettdecke um Bauch und Beine und setzte sich so an den Schreibtisch, um ihren Passanten zu untersuchen.

    Der Stein sah genauso aus, wie als sie ihn zum ersten mal gesehen hatte. Es gab nichts zum Polieren oder zum Drücken, zum Schrauben, Drehen oder Einstecken. Trixi fragte sich, wie man etwas aufschließen kann, das kein Schlüsselloch hat. Sie erinnerte sich an die Gesten, mit denen Sandra ihren Passanten bedient hatte und begann die weißen Linien, die den Stein durchzogen, auf und ab zu streichen, darauf zu tippen und pulte daran herum. Nichts passierte.

    Trixis Kraft war so gut wie verbraucht und ihre Konzentration schwand von Minute zu Minute. Sie schob den Stuhl zurück, löschte das Licht und kletterte mitsamt dem Passanten in ihr Bett. Sie saß noch einige Minuten, rutschte aber immer weiter nach unten, bis sie sich schließlich ganz ausstreckte und gähnte. Sie schloss kurz die Augen und legte dabei eine Hand auf den Passanten. Als sie die glatteste der Seiten genau mit der Mitte ihres Handtellers berührte, begann der Stein ganz leicht zu leuchten. Er pulsierte in verschiedenen Farben. Das sah Trixi aber schon nicht mehr, denn sie war eingeschlafen. Ihre Hand rutschte vom Passanten und sofort erlosch sein Glimmen.


    Trixi im Morgenland von Integralis e.V. ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

    Date
    Title
    Duration
    2. Dezember 2019 10:15
    Das Ende ist nur der Anfang
    0:38:19
    12. November 2019 10:19
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    14. Oktober 2019 12:12
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    21. Mai 2019 10:51
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    Trixis Gogyo-Ki (Teil 2)
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    1. November 2018 17:16
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    1. August 2018 10:57
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