
Sign up to save your podcasts
Or


„Straßenbahn fahren Linie 10“
In den 90er-Jahren war eines meiner (wenigen) Hobbys, mit der Straßenbahn zu fahren.
Gut, das mag nicht so interessant klingen wie vielleicht das Paragleiten, aber für mich war es ein schönes Hobby.
Die bevorzugte Straßenbahn war die Linie 10. Sollte diese Betrachtung jemals irgendjemand lesen, der nicht aus Wien stammt, dann sei erwähnt, dass die Straßenbahn der Linie 10 von der Kennedybrücke, also der U-Bahn-Station Hietzing, den sehr langen und langsamen Weg bis nach Dornbach schleift.
In den 90ern waren darin sehr wenige Fahrgäste anzutreffen. Der Weg der Straßenbahn war auch ein seltsamer. Welcher Mensch, der zu einem Termin eilt, würde freiwillig so viel Lebenszeit in der Bim vertrödeln? Aber für mich war es ideal – ein harmloses Hobby, welches ich in Monaten perfektionierte.
Das war bekannt, das wusste jeder: Von der einen Endstation bis zur anderen war eine langsame Fahrt mit vielen Unterbrechungen von ungefähr einer Stunde zu erwarten. Und wieder zurück und wieder zurück ...
Wenn ich wollte, hörte ich Musik mit einem Discman, den mitgenommenen CDs und einem ausreichenden Vorrat an Batterien. Dann war da noch meine Gitarre, die in einer schwarzen Plastiktasche neben dem Platz lehnte, ein Rucksack mit Büchern, lose weiße Blätter, um irgendetwas zu notieren, und unzählige Kugelschreiber, von denen die meisten schon leer waren.
Natürlich waren da auch Coladosen und etwas zum Knabbern. Manchmal platzte die Plastikverpackung mit den Chips, und diese verursachten eine Sauerei im Rucksack. Das war mir schon damals egal.
Bei der Endstation versorgte ich mich mit neuem Reiseproviant, kaufte mir etwas zum Lesen oder neue Batterien. Es war eigentlich sehr einfach, so zu leben.
Ich denke, dass ich damals mit keiner einzigen Menschenseele in der Straßenbahn gesprochen habe.
Manchmal, so nach einigen Stunden des im Grunde genommen sinnlosen Hin- und Herfahrens, des Pendelns zwischen dem 17. und 14. Bezirk, da überkam mich das Gefühl, einfach jemanden Fremden anzusprechen und ihm zuzuhören.
Aber dann war es irgendwie gut, wie es nun einmal war. Was hätte ich auch antworten sollen, wenn mich jemand gefragt hätte, wohin ich fuhr oder was auf mich wartete? Wobei die anderen Fahrgäste wahrscheinlich auch nicht viel sinnvollere Ziele hatten ...
Vielleicht muss man es erlebt haben: das Gefühl der Geborgenheit, wenn die Straßenbahn langsam von Hietzing losfuhr, es draußen schneite und stürmte und man so ohne Verbindung zur Außenwelt (damals kannten wir noch keine Mobiltelefone) nach draußen sah; wenn man einfach froh war, nichts zu tun zu haben, um seinen Gedanken und Gefühlen nachzuhängen. Wenn dann vertraute Melodien einen beruhigten und man so mancher Schwärmerei nach hing und versuchte, etwas Wärme in oft trostlose Stunden im kalten Winter zu finden.
Es war für mich beruhigend, dass die Straßenbahn zu jeder Tageszeit, bei jedem Wetter, an allen Tagen des Jahres ihre monotone Strecke fuhr. Hier drinnen fühlte ich mich sicher und warm. Wer würde schon eine Straßenbahn entführen? Im Sommer war die Fahrtluft erfrischend und im Winter eben warm.
Oft fuhr ich des Nachts alleine in dem hinteren Abteil und hörte die monotone Ansage der einzelnen Straßenbahnstationen. Das mag verwundern, aber mich beruhigte es; da gab es keine Änderung der Stationen oder deren Namen, alles war klar und einfach.
Wenn der Tag in den Abend und der Abend in die Nacht fiel und die künstlichen Lichter auf die Straßen schienen, da saß ich unverändert auf dem Platz – inmitten von allen anderen Beleuchtungen – und schuf in mir meine von vertrauten Melodien berührte Innenwelt, die niemand von außen wahrnahm. Es war mir auch nicht wichtig, dass irgendjemand Notiz von mir nahm, es war mir eine Freude, so für mich durch die scheinbare Sicherheit der Nacht zu fahren und das meist unbedeutende Treiben der Menschenwelt draußen zu beobachten.
Manchmal stieg ich im Sommer früher aus, saß mit der Gitarre auf dem frischen Erdboden des Auer-Welsbach-Parks oder flanierte in der Nähe der Endstation Dornbach durch die Wälder.
Am liebsten waren mir aber die Spaziergänge rund um die Linzer Straße. Ich sinnierte vor der AHS oder dachte an Bekannte. Da spielte sich viel im Kopf ab, in den Gedanken oder im Inneren, oder wie immer man es benennen mag. Was etwa „der …“ und „die …“ und jener gesagt, getan oder nicht getan hat. Und dann saß ich wiederum in der Straßenbahn und dachte weiter, wie die gesprochenen Worte wohl gemeint waren, und ob „sie …“ etwas mit einem Satz oder einer Handlung meinte, oder ob es nur ein gedankenloses Wort, ein leeres Lächeln oder ein unbedachter Blick war.
Gewiss habe ich damals zu viel über im Grunde genommen gar nichts Wichtiges nachgedacht, und wenn mich die Gedanken ermüdeten, dann nahm ich wiederum die anfahrenden Haltestellen, die Kioske und die anderen Shops wahr, um wieder zu mir selbst zu finden.
Dann hatte alles wieder seine Ordnung, und wenn es mir später wiederum zu langweilig war, dann dachte ich an einzelne Personen, die mir Wärme vermittelten – nur an solche, denn andere haben mich nur verstört oder geärgert, während sie wahrscheinlich keinen einzigen Gedanken an mich verschwendeten.
Oder ich ließ die Musik oder die Literatur in mir erklingen. Das waren wirklich viele Eindrücke, und mein Sein war oft geordnet und in geraden Bahnen.
Ich weiß nicht, wann diese Lebensfahrten endeten. Es gab nie diese berühmte „letzte Fahrt“, das Hobby verlor irgendwann an Freude, und dann war ich wieder zu Fuß unterwegs und fand mich woanders wieder.
Ich habe keinen Termin, ich will einfach nur einmal wieder mit der Straßenbahn fahren.
Die nächste Straßenbahn wird laut der modernen Anzeige in 10 Minuten auf sich warten lassen. 10 Minuten! Meine Güte, das ist heutzutage eine lange Zeit, um einfach nur so herumzusitzen.
Also gehe ich zu Fuß von der Kennedybrücke auf die Linzer Straße, mache ein Bild, sehe in die untergehende Sonne und werde vielleicht in eine nachfolgende Straßenbahn der Linie 10 einsteigen und meinen Erinnerungen freien Lauf in einer gesicherten Umgebung lassen, die ansonsten nicht so leicht zu finden ist.
"Der kranke Klinikclown"
Als bei einer Routineuntersuchung das Ergebnis „unheilbar, voller Metastasen“ beim Klinikclown diagnostiziert wurde und der Arzt ihm dies in Fachlatein erklärte, sah der Clown aus dem geschlossenen Fenster der hohen Ordination und nuschelte dann: „Ich habe keine Zeit zum Sterben, ich möchte noch für die anderen leben.“ Dann drückte er auf seine Plastiknase und sie begann zu quietschen. Unabsichtlich lehnte er sich nach hinten und fiel vom Stuhl.
Der Arzt fand die Situation skurril, aber er war Außergewöhnliches gewohnt und half unserem Clown wieder auf die Füße – zumindest für diesen Moment.
Dieser fand sich wenige Tage später im Spital wieder. Denn was lange in ihm wuchs, war etwas, das sich gegen ihn selbst richtete, und es gewann von Minute zu Minute die Oberhand.
Der Clown hatte Glück – sofern man dieses Wort in seiner Situation passend findet –, denn er fand sich in einem Einzelkrankenzimmer wieder. Der Krankenhausvorstand kannte ihn schon sehr lange. Alle kannten ihn in diesem Spital, denn er spendete den Kindern und den „großen Kindern“ schon seit über zwanzig Jahren regelmäßig Trost. Sie kannten ihn auf der Onkologie und auf allen anderen Stationen des Krankenhauses, denn er war ein freundlicher Mann, der mit seinem Talent das Leben anderer lebenswerter machte. Es war Talent, aber da war noch mehr, viel, viel mehr: Er hatte Empathie für die Menschen; er liebte sie auf eine Weise, wie nur derjenige liebt, der das Leben liebt. Er brachte Ablenkung und Kinderlachen, das davor voller Tränen gewesen war. Er tat das alles kostenfrei, aber nicht umsonst.
So nahmen sich die Krankenschwestern und die Krankenpfleger, die behandelnden Ärzte und sogar das Reinigungspersonal alle Zeit und Mühe, um ihm in seiner Situation zu helfen.
Der Clown war müde, und es tat ihm einmal das eine, dann das andere sehr weh. Er konnte manchmal nicht so gut atmen, nicht so gut schmecken, und dann war er auch viel mit sich allein und einsam. Manchmal in der Nacht, wenn er große Schmerzen hatte, gaben sie ihm eine Überdosis von etwas, das die Schmerzen vergessen ließ, und er konnte schlafen.
Aber wisst ihr was? Das alles war gar nicht so schlimm, denn da war mehr an ihm als die Metastasen und seine Krankheit. Er dachte daran, was er alles für andere tun durfte, und er war in seinem Dasein nicht allein. Jeden Tag – und manchmal auch während der langen Nacht und des langen Tages – besuchten ihn die Kinder, denen er selbst damals Trost und Lachen gespendet hatte, sowie deren dankbare Eltern. Sie lasen ihm vor und er erklärte jedem Einzelnen, wie man Luftballontiere formte. Dann erzählte er Witze, und vor lauter Lachen vergaß er all das Dunkle um und in ihm. Dann löste sich sein Geist und er konnte schweben und fliegen; er besuchte all die Orte und Menschen, denen er in den letzten Jahren begegnet war.
Dann, viel zu früh, wurde es immer leiser um ihn. Die Krankenpfleger spielten auf seiner Gitarre vertraute Lieder, während andere seine Hand streichelten.
Einmal wurde er noch wach und sah eine leuchtende Gestalt vor sich. War es ein Engel mit einer gelben Clownsnase? Oder ein Doktor in seinem weißen Kittel?
Was oder wer auch immer es war: Zum Schluss sah und fühlte der Clown ein liebevolles Lächeln. Und er lächelte auch noch einmal – so breit und voll waren seine zärtlichen Lippen, so herzlich sein Mund, so weich sein Herz und so sanft seine leuchtenden Augen. Es wurde alles so warm und vertraut in ihm, während sein Zimmer voller gebastelter bunter Ballons, echter Blumen und schöner Geschichten war, die nur du verstehst – du, der das Leben liebt.
„Patricia“
Als mir vor Jahren ein Bekannter seine Frau im Rahmen eines Geschäftsessens vorstellte, musste ich ein wenig lächeln. Ihr Name war und ist Patricia, eigentlich heißt sie Patrizia, und sie und ihr Mann sind nach wie vor glücklich und essen jeden Tag.
Mein Lächeln begründete sich auf der Tatsache, dass ich zuvor und danach keinen Menschen kennengelernt habe, der so wie meine ehemalige Katze heißt.
Patricia war eine außergewöhnliche Katze, aus vielerlei Hinsicht. Sie war dreifarbig (österr. auch: dreifärbig), sie war meine erste Katze, und sie war freundlich. Die meisten Katzen sind eher auf sich selbst fixiert, aber das war bei Tricia nicht der Fall. Natürlich nahm ich sie als altes Kind oder junger Jugendlicher (je nach Definition) ungefragt ins Haus. Der Nachbar hatte einen Wurf und fragte, ob wir auch eine Katze wollten. Ich sagte (stellvertretend für alle Mitbewohner) einfach Ja und nahm die süße Mieze in das obere Geschoss des alten Hauses.
Als ob es gestern gewesen wäre, kann ich mich noch an sie erinnern, als ich sie behutsam auf das Sofa setzte und sie anschaute. Sie schaute mich ebenfalls an und begann dann zu schnurren. Ich war entzückt über dieses lebende Geschenk und gab ihr diesen Namen.
Woher ich als Landmensch diesen englischen Namen kannte, ist wohl nicht mehr in Erfahrung zu bringen. War es aus einem Lied? Aus einem Comic? Aus einem Schulbuch? Wie so viele weitere Fragen wird auch diese nicht mehr geklärt werden. Wobei es wahrscheinlich nichts am weiteren Lauf der Weltgeschichte ändert, deren kleine Episode mir trotzdem viel bedeutete.
Nachdem die erste Begeisterung so wie der Sommerwind verflogen ist, war Tricia noch immer da. Sie hatte sich bei uns eingewöhnt und eroberte auch die Herzen der anderen Familienmitglieder.
Sie war eine echte „Dame“, wie Pa zu sagen pflegte, denn sie hatte in ihrer Anmut und in ihrer Bewegung etwas, das sie von irgendeiner wild dahergelaufenen Katze unterschied. Sie schnurrte und genoss ihr Katzendasein, und wir sahen ihr gerne beim Schlafen und Genießen zu.
In kalten Winternächten, die niemals warm sind, in dunklen Zeiten für die Seele und das Gemüt, in Rechnungen und leerer Reklame, in sinnlosen Wiederholungen von alten Fernsehserien (wobei ich ausdrücklich „Die Waltons“ und „Ein Engel auf Erden“ lobend erwähnen möchte), da war es die Katze, die durch ihr Lächeln, auch wenn sie schlief, ein wenig Freude brachte.
Sie konnte stundenlang am aktiven Heizkörper liegen und schnurrte wie ein warmgelaufener Motor vor sich hin. Oft kam sie ungefragt, kuschelte sich zu einem auf das Sofa oder auf die Bettdecke, und die Wissenschaft bestätigte nur unseren Eindruck, dass die Nähe und das Schnurren einer Katze auch gesundheitlich von Vorteil für den Streichelnden ist.
Dass sie uns aus Dankbarkeit arme kleine Mäuse brachte, machte mir manchmal Kummer. Besser als mit ihr zu schimpfen, war es, sie dafür zu loben. Dann kam sie näher, mit der oft noch lebenden Maus, man streichelte die Mieze, dann ließ sie manchmal die Maus aus dem Maul, man hielt sie fest, die Maus konnte entkommen und alle waren glücklich.
Unnötig zu erwähnen, dass Patricia oft auf einen am Eingang wartete; sie sah schon von Weitem, dass man langsam den Weg zur Haustüre fand. Dann hob sie ihren Schwanz, um sich größer zu machen, und kam einem entgegen. Wahrscheinlich war sie zu oft mit dem Hund zusammen, denn dieses Verhalten war für eine Katze wirklich ungewöhnlich.
Patricia hat einen Sonnenplatz in meiner Erinnerung, sie schnurrt sich manchmal durch meine Träume und wenn ihr Name in Verbindung mit einer anderen Person fällt, dann kommt mir heute noch ein Lächeln ins Gesicht.
Wenn es einen Katzenhimmel gäbe, dann wäre sie bestimmt darin und sie würde vielleicht froh sein, wenn über sie geschrieben wird. Obwohl ich nun wahrscheinlich nicht für die Mäusewelt spreche, war ich froh, dass es einmal so eine liebe Katze gab.
Lasst noch einmal die Sonne im Foto aufleuchten, um Patricia eine Bühne zu geben: Da sitzt sie schnurrend und sieht in ihre Zukunft, während nun die Gegenwart ihre leuchtende Vergangenheit ist.
„Schnee in Wien“
Weniges ist so einfach, wie sich an Schnee zu gewöhnen.
Es hat heute in der Nacht geschneit, hier in Wien, zumindest in der unmittelbaren Umgebung des vertrauten Bezirkes.
Auf den Wegen und den Flächen des nahegelegenen Parks, auf den Bäumen und den Häusern, den hohen und den niedrigen, auf den Lichtmasten und den Zäunen, den Mauern und der offenen Untergrundbahn-Station, hier und dort, nah und fern – Schnee auf Schnee und dazwischen Menschen, stumme Gestalten, die sich vereinzelt bewegen.
Aus der Ferne ist ein Kind mit seiner Mutter im Park zu sehen. Sie bauen mit dem Schnee einen Schneemenschen. Vielleicht nur ein Gesicht aus Eis, das wird die verschneite Zeit zeigen, lächeln wird es in jedem Fall.
Sie tun es, um mit dem Schnee zu spielen, diesem eine neue Form zu geben, sich die Zeit spielend zu vertreiben, sich ein bisschen zu bewegen und um an der frischen Luft etwas Kreatives zu vollbringen.
Liebe Schneeräumerinnen und Schneeräumer, erhitzt euch bitte nicht an dem vielen Schnee! Aus jahrelanger Mithilfe weiß ich, wie es ist, beim Schneeräumen Hand anzulegen. Trotz des frühen Aufstehens und der harten Arbeit ist es eine gute Tätigkeit, die ein sofortiges Ergebnis beinhaltet, Sinn macht, und dazwischen und danach schmeckt der warme Kaffee viel besser.
Schnee auf den Dächern, Schnee auf den Wegen, Schnee in meinen Augen – ein schöner Anblick, ein beruhigendes Gefühl, das das Betrachten des Schnees in mir auslöst, ein sich Einlassen auf eine zauberhafte Kulisse, die nichts Bedrohliches in sich hat.
Weiß wie Frieden, weiß wie Milch, weiß wie ein Blatt Papier, das unbeschriftet und harmlos auf dem Tisch liegt.
Der Schnee ist für alle da und nicht zu verbergen. Er ist da, und jeder kann damit machen und fühlen, was er möchte.
Sich darüber beklagen, ihn ignorieren, sich an ihm erfreuen – er wird nicht lange liegen bleiben, oh nein, aber solange er da ist und wir da sind, solange gibt er Wärme.
Wärme in einer kalten Welt und Zeit: Der Schnee wäre ohne die kalten Temperaturen nicht da, und somit sehe ich ihn als Tröster der unruhigen Seele, als Beruhiger und als einen weißen Freund an, der zu mir spricht, leise und beständig. Es schneit in die Seele und Schicht auf Schicht wird es wärmer in mir, denn ich – und so viele andere – nehmen und lassen sich die Zeit, um einfach das Schneetreiben zu beobachten und, leise und still, ruhig und mit Bedacht, an Kindertage erinnert zu werden, die voll von Schneemenschen und Schneespielen, Hundelachen und schulfreien Tagen aufgrund des Schneefalles waren.
Der Schnee ist dergleichen derselbe wie damals, das Herz, das pocht, ist dasselbe, und auch die Emotionen haben sich im Laufe der Zeit nicht verändert.
Wenn der Schnee schneit, wenn der neue Tag anbricht, dann kann es nur ein schöner Tag inmitten einer verschneiten Umgebung werden, denn das Umfeld ist in schneeweißer Ordnung. Die Stunden bringen uns bald wieder in die Nacht, die, auch wenn sie sich noch so bemüht, niemals zu dunkel werden kann, denn der Schnee leuchtet still bis in den nächsten Tag hinein, der hoffentlich wieder weiteren Schnee in Wien beinhalten wird.
"Betrachtungen aus dem Café Ritter"
An einem Sommertag sitze ich im Kaffeehaus. Es regnet seit dem Morgen, und das ist wunderschön.
Während draußen Menschen am Fenster vorbeigehen, genießt man seinen Nachmittag.
Gewiss, auch im Café ist eine gewisse Hektik, Neueintreffende suchen einen Sitzplatz, den die Sitzenden besetzen. Keiner macht Anstalten aufzustehen – wozu auch?
Draußen ist es nass, Schirme verdecken ihre Träger, von der U-Bahn-Station Neubaugasse hasten Menschen wohin, wohin es auch sein mag.
Der Fußgängerübergang hat acht Streifen, und es ist zu beobachten, dass manche zwischen den Streifen gehen, manche darauf und wieder andere auf und zwischen den Streifen sind.
Sie setzen einen Schritt nach dem anderen, flanieren auf die Seite des Cafés oder in Richtung Station. Die Schnürsenkel sind gebunden, manche sind in Sandalen unterwegs und die meisten Frauen tragen Sportschuhe, so wie die Männer. Ihre Schritte sind leise, die meisten gehen aufrecht. Ich schlafe gleich ein.
Das Beobachten der Passanten beruhigt auf eine Weise, so wie der Blick auf die Straßenuhr. Sie hat keinen Sekundenzeiger, während der Minutenzeiger minütlich in eine Richtung wandert. Tick-Tack-Tack.
In einer Stunde wird es 16:36 Uhr sein. Zumindest auf der Uhr. Die Zeit wird zeigen, ob es wirklich so sein wird. Der Nachbartisch ist frei geworden. Ein Mann las in einem Buch. Über ihm leuchtete ein künstliches Licht, daneben schien das Licht des Tages herein. Es ist langweilig, einem Menschen beim Lesen zuzusehen. Es ist langweilig, Menschen beim Sitzen und Stehen zuzusehen. Und auch ihr Gehen ist kein Krimi.
Soeben hat sich ein anderer auf den freien Platz gesetzt. Er liest die Speisekarte, das sieht genauso langweilig wie das Lesen eines Buches zuvor aus.
Ohne Menschen wäre es allerdings noch langweiliger.
Stühle neben Tischen, Sitzbänke reihen sich an weitere Bänke. Einige Meter weiter vorne (von der Seite gesehen) saß ich mit Papa vor 10 Jahren. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, aber es war ein angenehmer Nachmittag im Leben.
Ich fragte nie, wo er sich in zehn Jahren sieht, aber gäbe es eine Möglichkeit, in der Zeit zurückzugehen, in die Vergangenheit, da würde ich ihm wohl erzählen, was seitdem passiert ist. Vielleicht kommt er wider Erwarten durch die Eingangstür.
Wer weiß? Man sollte die Hoffnung nie aufgeben.
Die Bücher hätte ich mir sparen können, im Fluss des Schreibens werden Bücher daneben nass. Aber der Nachmittag ist lang. Zeit zum Lesen sollte sein, ich möchte auch einen gelangweilten Anblick für andere bieten.
Stimmgewirr, Kaffee, der in Tassen auf Tische gestellt wird, elektrische Lampen, die in der Helligkeit des Tages leuchten, Kellner, die hin- und herschwirren, neue Gäste, die fragend ihren Kopf bewegen – sie suchen einen Sitzplatz, während der kleine Ritter am Eingang sein kleines Schild hält.
Ich halte währenddessen den imaginären Stift hoch und schreibe und schreibe und schreibe in einem Café an einem Sommertag, an dem es von früh bis spät regnet.
From the publisher's feed