
Sign up to save your podcasts
Or


In Hamburg trug Alfred Ludwig der Agnes seinen Kummer vor. Der Junior hatte damals von einfacher Straßenkleidung und Konfektionsware gesprochen, die er nach dem Umbau produzieren wollte. Gedacht hatte er aber längst an die Uniformen der NSDAP. "Das war die Konfektionsware, die er meinte. Gesagt hat er das nicht," meinte Agnes. "Er wusste, dass ich es sonst nicht gemacht hätte." Diese bittere Wahrheit sprach Alfred-Ludwig jetzt aus, aber damals hatte er sie übersehen, vielleicht auch nicht wahrhaben wollen. …
Als Professor Hansen diesmal mit dem Zug nach Elberfeld fuhr, rechnete er mit allem. Er traf auf dem Fabrikgelände ein und da war schon die Gestapo. Ihm fiel der große schwarze Fleck auf dem Hof auf, auf dem Platz vor den Garagen. „Dort werden sie die nassen Uniformen verbrannt haben“, dachte er. Er traf auch auf ein paar Männer der Reichszeugmeisterei. Sie standen auf dem Hof und sprachen miteinander. Kaum 15 Minuten, nachdem der letzte Arbeiter durch das Fabriktor gelaufen war, um bald sein Tageswerk zu beginnen, postierten sich Wachen an den Ein- und Ausfahrten des Geländes. …
Wenn die letzten Gäste sich verabschiedet hatten erholte sich nach solchen Abenden Hans-Johannes Stock im Blauen Salon. Der Raum grenzte an die Bibliothek. Das war sein Refugium. Unordnung herrschte da. Niemand durfte etwas bewegen, nur den Staub ließ er sie vorsichtig wischen. Auch hier unzählige Bücher, beinahe wie nebenan, dazu an den Wänden Jagdtrophäen des Vaters, Rehköpfe und ein Dachs mit starrem Blick. Dann eine Landkarte an der Wand, in Orte hatte er Nadeln mit Fähnchen gesteckt, wenn sie von ihm bereist wurden, auch Fotografien hingen da. Die auch in den Regalen, er und der Vater mit indischen Tuchhändlern, dann noch zahllose kleine Gegenstände, viele Kuriositäten, die beide von Geschäftsreisen mitgebracht hatten, alles stand umher. …
Allen war die Ruhe recht, wenn die Herrschaften verreist waren. Die Leitende schrieb „Mutzenmandeln“ auf die Tafel. „Nach der Rückkehr von der Beerdigung ihres Vaters wird sie das trösten“, meinte sie mitfühlend. Erst in drei Tagen seien sie wieder im Haus. Bis dahin wurde viel geputzt und nur wenig gekocht. An das strenge Gebot alle Aufgaben in den Wohnräumen möglichst leise zu verrichten, hielten sich die Hausangestellten auch jetzt. Die Leitende wollte es so. …
Nur wenig Freizeit war ihr zugestanden und weit konnte sie nicht laufen, um die Natur zu durchstreifen. Nun trieb es sie häufig durch die nahen Wälder, sie suchte, auch durch kleine Waldstücke lief sie und an Straßengräben entlang, sie überquerte einige Wiesen auf der Jagd nach ihrem Retter, die Augen immer am Boden. Das tat sie sehr früh am Morgen, noch vor Dienstbeginn, wenn die Sonne gerade aufgegangen war. Nirgends konnte sie ihn finden. Jedes Mal ging das so. Sie fand andere Pilze und nahm sie manchmal aus dem Boden. Aber den Knollenblätterpilz fand sie nicht. …
Anna war auf den Dachboden gestiegen. Dort hatte sie ihre geheimnisvolle Waldesfrucht in dünne Scheiben geschnitten, das Dachfenster geöffnet und die Scheibchen draußen auf einer schmalen Dachkante aufgereiht, die sie leicht erreichen konnte. Die Sonne hatte sie tagelang beschienen und nachdem sie ihnen mit ihren warmen Strahlen die Feuchtigkeit entzogen, waren die Scheiben sehr trocken und leicht geworden. Der Wind musste schon einige davongetragen haben. …
Zwei Männer waren Magdalena und Anna beim Verstauen der Koffer und Taschen behilflich gewesen. Jetzt saßen sie ihnen im Abteil gegenüber, beide lächelten manchmal und einer blätterte im Völkischen Beobachter. Der Zug rollte für eine Weile langsam durch das Stadtgebiet. Dann wurde er schneller. …
Es war schon dunkler geworden in den Bergen. Er saß immer noch an ihrem Bett. Dann sprach sie für ihn unvermittelt über das, was zwischen ihnen war. "Als ihr Hamburg verlassen habt, deine Eltern und du, da hast du auch mich verlassen. Warum bist du weggelaufen? Du bist vor mir weggelaufen. Du hättest mir eine weitere Nachricht in die Bücher legen können, die sie mir aus der Schule mitgebraucht haben. Ich wäre dann schnell in ein schönes Sommerkleid gesprungen und wir hätten uns bei unseren Bäumen getroffen." Rolf hörte nur zu. "Als ich endlich den Mut hatte an eurem Haus vorbeizufahren, da war es schon leer. Das war Wochen nach meiner Rückkehr. Ich habe mich so über dich geärgert, dass mir die Tränen einfach so über's Gesicht gelaufen sind. Ich konnte nichts dagegen tun."
"Ich bin nicht überrascht, dass jetzt ein Scherbenhaufen vor mir liegt. Ich glaube nur, dass ich zu bewegungslos bin und am Ende einsam und allein dastehen werde, nur um den Preis, das Leben so zu fühlen, wie ich es mit Dir fühlen durfte. M."
From the publisher's feed