Wie es ist

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By Nachklang FMFictionDrama
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Wie es ist episodes

  • Wie es ist, mit sechsundvierzig lesen zu lernen

    Jochen ist sechsundvierzig, Vorarbeiter einer Gerüstbau-Kolonne in Schwaben, und sitzt an einem Winterabend im Hobbykeller über einem dünnen Kinderbuch. Den Zollstock legt er unter die Zeile, das Handy nimmt auf. Morgen will er seiner Tochter Lene die Geschichte von der Maus im Kirchturm vorlesen, zum ersten Mal Wort für Wort.

    Jahrzehntelang hat Jochen verborgen, dass er kaum lesen kann: mit einem leeren Brillenetui in der Jackentasche, einem verbundenen Daumen, wenn es eng wurde, und Unterweisungen auf der Baustelle, die er aus dem Kopf hält. Seit gut einem Jahr geht er abends in einen Kurs der Volkshochschule. Offiziell macht er Rückenschule.

    Eine Folge über lange Wörter, die gebaut sind wie Gerüste, über eine Gute-Nacht-Geschichte, die jahrelang anders ging, und über einen Vater, der morgen nichts dazuerfinden will. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

    Wie es ist... ist eine Sendung von Nachklang FM. Alle Folgen unter https://nachklang.fm

    10 min
  • Wie es ist, als Bestatterin jemanden ohne Angehörige zu verabschieden

    Tomke ist vierundvierzig und Bestatterin in dritter Generation in Ostfriesland. Es regnet seit einer Woche, und in der Halle, die früher die Tischlerwerkstatt ihres Großvaters war, stellt sie Stühle, Kerzen und die letzten Dahlien aus dem Garten ihrer Mutter auf. Dabei redet sie mit Remmer Onken, neunundsiebzig, früher Melker, der im geschlossenen Sarg vor ihr liegt.

    Für ihn hat das Amt die Bestattung veranlasst, weil sich niemand gefunden hat. Die Gemeinde zahlt den schlichten Kiefernsarg, Blumen stehen nicht auf der Liste. Aus seiner Wohnung hat Tomke ein paar Dinge geliehen: eine abgewetzte Boßelkugel, eine braune Mütze, ein altes Foto von fünf Männern im Schnee. Um zehn beginnt der Abschied, und ob jemand kommt, weiß sie nicht.

    Eine Folge über einen Abschied, den eine Gemeinde bezahlt und ein Mensch gestaltet, über eine Bestatterin, die selbst nie Tschüss sagt, und über zwei Wörter mit Bleistift. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    10 min
  • Wie es ist, mit sechsundfünfzig den eigenen Imbiss zu eröffnen

    Steffen ist sechsundfünfzig und steht an einem Frühlingsmorgen um halb sechs in seinem eigenen Imbiss, einem achteckigen Holzpavillon am Kreisel vor einem Gewerbegebiet in Westsachsen. Er schmilzt das Fett, schneidet fünf Kilo Zwiebeln, setzt die Soljanka an und redet dabei mit seiner Bude. Um elf schließt er zum ersten Mal auf.

    Dreiundzwanzig Jahre lang war Steffen Disponent einer Spedition und wusste zu jeder Stunde, wo seine Lastzüge stehen, bis die Firma pleiteging. Den Krallengriff hat er am Küchentisch an zwanzig Kilo Zwiebeln geübt, sein Reinigungsplan sieht aus wie früher die Wochenplanung, und über den Preis der Bockwurst grübelt er immer noch.

    Eine Folge über einen Neuanfang mit Fritteuse, über eine gerahmte Preisliste aus D-Mark-Zeiten und über einen Mann, der jahrelang die Pausen anderer geplant hat. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    11 min
  • Wie es ist, jeden Morgen für die Tafel Lebensmittel einzusammeln

    Bernd ist achtundsechzig, war ein Arbeitsleben lang Betriebselektriker an der Walzstraße und fährt jetzt für die Tafel im Ruhrgebiet. An einem heißen Morgen im Hochsommer holt er mit dem alten Kühlwagen Brot, Joghurt und Erdbeeren von den Rampen der Bäckereien und Supermärkte. Dabei redet er mit dem Wagen, den alle Kalte Sophie nennen, und Sophie antwortet mit Piepen.

    Bernd weiß, warum Joghurt nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum mitdarf und Hack nach dem Verbrauchsdatum nie, warum die belegten Brötchen in der Bäckerei bleiben, und er kann die fünf Sicherheitsregeln der Elektriker auch rückwärts. Seit Montag gilt bei seiner Tafel ein Aufnahmestopp, und auf dem Beifahrersitz fährt ein laminierter Zettel mit.

    Eine Folge über einen Mann, der lauter redet, als er müsste, über einen Kühlwagen mit Vergangenheit und über eine Tür, an der heute jemand stehen muss. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    11 min
  • Wie es ist, als Krankenschwester nicht mehr zu können

    Birgit ist zweiundfünfzig und seit zweiunddreißig Jahren Krankenschwester auf einer internistischen Station im Rheinland. Es ist halb sieben am Morgen, draußen liegt der erste Frost, und hinter ihr liegt die vierte Nachtschicht in Folge. Unten im Keller sitzt sie in der Umkleide auf der Bank, einen Clog noch am Fuß, und neben ihr steht ein Ableger der Grünlilie, die seit neunzehn Jahren auf der Fensterbank im Stationszimmer wächst.

    Eigentlich hatte sie frei. Der Anruf kam am Sonntag, als sie bei ihrer Mutter im Heim saß, und seit zwei Uhr in dieser Nacht war Birgit allein für die ganze Station da. Neunzehn Jahre lang hat sie die Ableger der Grünlilie verschenkt, an Schülerinnen, an den Pförtner, an den Notarzt. Heute nimmt sie zum ersten Mal einen für sich mit.

    Eine Folge über Nächte, in denen eine Frau für neunundzwanzig Menschen da ist, über ein Versprechen, das Birgit sich vor langer Zeit gegeben hat, und über das kleine Wort gleich. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    11 min
  • Wie es ist, mit fünfundsiebzig noch Taxi zu fahren

    Nach Hause, hat der junge Mann gesagt, und dann ist er auf dem Rücksitz eingeschlafen. Moni hat in seinen Ausweis geguckt, nicht in sein Portemonnaie gegriffen, und hält in der Weserstraße in Neukölln. Die Uhr stellt sie aus, Schlaf ist umsonst, auch im Taxi. Während er schläft, redet sie mit ihm.

    Fünfundsiebzig ist sie und fährt seit neunzehnhundertneunundsiebzig, mit derselben Thermoskanne. Sie hat die Ortskundeprüfung noch mit Kärtchen gemacht, drei Heiratsanträge auf dem Rücksitz erlebt und in der Nacht, als die Mauer fiel, keine Uhr angestellt. Mit ihrem Horst hat sie sich dreißig Jahre lang jeden Morgen um sechs an der Zapfsäule in der Seestraße geküsst, beim Schichtwechsel. Heute Nacht sagt sie dem schlafenden Fahrgast etwas, das noch keiner weiß.

    Eine Folge über eine Frau, die nachts nie allein war, über ein Taxi als Beichtstuhl auf Rädern und über einen Sonnenaufgang über der Spree, den sie sich noch einmal gönnt. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    9 min
  • Wie es ist, nach sechs Jahren wieder trinken zu dürfen

    Das Glas läuft über, und Dennis lässt den Hahn einfach weiterlaufen. Er ist 37, Koch in einer Versicherungskantine in Deutz und trommelt im Karneval. Um halb fünf steht er in der Küche, Ayla schläft, und er redet mit seiner neuen Niere. Sie sitzt unten rechts im Bauch und stammt von seiner Frau.

    Sechs Jahre Dialyse liegen hinter ihm: dreimal die Woche, je vier Stunden, mit 89 Fliesen an der Decke. Jeden Morgen hat er 750 Milliliter in einen Messbecher gefüllt und mit Edding Striche auf die Flasche gemalt. Die Soßen für 300 Essen hat er abgeschmeckt und wieder ausgespuckt. Gegen den Durst halfen gefrorene Weintrauben. Jetzt soll er 3 Liter am Tag trinken. Am Kühlschrank hängt eine Strichliste für jeden Gang zum Klo, und 3 Bananen liegen bereit.

    Eine Folge über einen Durst, der endlich gestillt werden darf, über eine Frau, die ihre Niere anbietet wie einen geliehenen Schirm, und über einen Mann, der vor Sonnenaufgang zum ersten Mal die Amsel im Hof hört. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    9 min
  • Wie es ist, den eigenen Vater mit Demenz zu pflegen

    Bei 70 Grad muss alles waschbar sein, so steht es auf der Liste von Haus Möwenblick, einem Flachbau hinter dem Edeka. Um halb vier bügelt Hauke Namensetiketten in die Unterhosen seines Vaters. Der schläft endlich, draußen geht der Herbststurm über den Deich, und Hauke redet leise mit ihm.

    Achtunddreißig Jahre war der Vater Maschinist auf der Fähre. Den Namen seines Sohnes weiß er nicht mehr, aber einen Palstek knüpft er in 5 Sekunden, ohne hinzugucken. Angefangen hat es mit der Fernbedienung im Kühlschrank. Bei der Begutachtung hat er so charmant geflirtet, dass ein Pflegegrad fehlte. Die Nachbarin bringt Butterkuchen, Schwester Anke schickt Leberwurst aus München. Und der Troyer, der nach Pfeife riecht, kommt mit, Wäscherei hin oder her.

    Eine Folge über die letzte Nacht in einem Haus am Deich, über Knoten, die die Hände behalten, und über einen Sohn, der beim Bügeln Abschied nimmt. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    9 min
  • Wie es ist, zu erfahren, dass der eigene Sohn gemobbt wird

    Neben der Tasse mit den Erdbeeren liegt um fünf nach fünf ein Handy, das nicht ihr gehört. Kerstin sitzt vor der Frühschicht an der Supermarktkasse in der Küche und liest den Zettel ihres Sohnes Levin: Code 4116, Ordner Vulkane. Er schläft nebenan, mit dem Hund Keks unter der Decke, und sie redet mit ihm.

    Im Ordner liegen 140 Screenshots mit Datum. Der erste stammt vom Tag seines Vulkanreferats im September, nachdem die Küche drei Abende lang voller Pappmaschee war und aussah wie Pompeji. Die meisten Kinder aus dem Klassenchat kennt Kerstin, zu seinem 10. Geburtstag hat sie ihnen Muffins mit Smarties gebacken. Dann findet sie ein Foto von sich selbst, in der Weste an der Kasse, und denkt an die Mutter, deren Katzenfutter sie jeden Freitag scannt.

    Eine Folge über eine Mutter, die im Morgengrauen zwei Monate zurückzählt, über Nachbarskinder auf der falschen Seite und über einen Jungen, der allein Beweise gesammelt hat. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    9 min
  • Wie es ist, das Cochlea-Implantat eingeschaltet zu bekommen

    Klack, klack macht der Blinker, und Sanne hört es zum ersten Mal. Sie ist Floristin mit eigenem Laden in der Hauptstraße, und heute Morgen wurde ihr Cochlea-Implantat eingeschaltet. Jetzt sitzt sie im Regen auf dem Klinikparkplatz und redet mit ihrem Autole, das sie seit dreizehn Jahren fährt und das nach dem Ausmachen offenbar noch tickt.

    Sechs Jahre war sie ganz taub, davor zwanzig Jahre halb. Die Wünsche ihrer Kundschaft hat sie vom Mund abgelesen: Tulpen, gelb, zum Siebzigsten, ohne Grünzeug. Überredet hat sie am Ende ihre Tochter Julia, mit einem Zettel. Nun klingt der Regen wie Fett in der Pfanne, alle Menschen wie Micky Maus unter Wasser, und ihr Mann Rolf soll ihr ab sofort jeden Abend vorlesen. Auf dem Handy wartet eine Nachricht von ihm, dreimal neu angefangen.

    Eine Folge über ein Gehirn, das erst wieder lernen muss, was was ist, über raschelndes Seidenpapier und über einen Parkplatz, auf dem plötzlich alles Geräusche macht. Eine erfundene Geschichte, gesprochen mit künstlicher Stimme.

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    9 min

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Thu sitzt nach Ladenschluss an ihrer Nähmaschine und kürzt die Anzughose ihres Sohnes für den nächsten Morgen im Rathaus. Olli hat nach neun Jahren auf der Straße wieder eine eigene Wohnung. Er sitzt neben einer Matratze auf dem Boden und spricht eine Nachricht auf sein Handy. „Wie es ist“ erzählt von solchen Momenten, jeweils aus der Sicht eines einzelnen Menschen.