Alte Märchen

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Alte Märchen episodes

  • #60 Alte Märchen - Die Hochzeit der Frau Füchsin
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Der alte Herr Fuchs hat einen Verdacht: Er glaubt seine Frau betrügt ihn. Daher heckt er einen listigen Plan aus, um die Frau Füchsin zu überführen. Ob es ihm gelingen wird?

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    Die Hochzeit der Frau Füchsin

    Es war einmal ein alter Fuchs mit neun Schwänzen, der glaubte, seine Frau wäre ihm nicht treu, und er wollte sie in Versuchung führen. Er legte sich unter die Bank, regte kein Glied und stellte sich, als wenn er mausetot wäre. Die Frau Füchsin ging auf ihre Kammer, schloß sich ein, und ihre Magd, die Jungfer Katze, saß auf dem Herd und kochte. Als später dann bekannt wurde, dass der alte Fuchs gestorben war, so meldeten sich die Freier. Da hörte die Magd, dass jemand vor der Haustüre stand und anklopfte. Sie ging und machte auf, und da wars ein junger Fuchs, der sprach

    "was macht sie, Jungfer Katze?

    schläft se oder wacht se?"

    Sie antwortete

    "ich schlafe nicht, ich wache.

    Will er wissen, was ich mache?
    Ich koche warm Bier, tue Butter hinein:
    will der Herr mein Gast sein?"

    "Ich bedanke mich, Jungfer," sagte der Fuchs, "was macht die Frau Füchsin?" Die Magd antwortete

    "sie sitze auf ihrer Kammer,

    sie beklagt ihren Jammer,
    weint ihre Äuglein seidenrot,
    weil der alte Herr Fuchs ist tot."

    "Sag ihr doch, Jungfer, es wäre ein junger Fuchs da, der wollte sie gerne heiraten." "Schon gut, junger Herr."

    Da ging die Katz die Tripp die Trapp,

    Da schlug die Tür die Klipp die Klapp.
    "Frau Füchsin, sind Sie da?"
    "Ach ja, mein Kätzchen, ja."
    "Es ist ein Freier draus."
    "Mein Kind, wie sieht er aus"

    "Hat er denn auch neun so schöne Zeiselschwänze wie der selige Herr Fuchs?" "Ach nein," antwortete die Katze, "er hat nur einen." "So will ich ihn nicht haben."

    Die Jungfer Katze ging hinab und schickte den Freier fort. Bald darauf klopfte es wieder an, und es war ein anderer Fuchs vor der Türe, der wollte die Frau Füchsin heiraten. Er hatte zwei Schwänze; aber es ging ihm nicht besser als dem ersten. Danach kamen noch andere, immer mit einem Schwanz mehr, die alle abgewiesen wurden, bis zuletzt einer kam, der neun Schwänze hatte wie der alte Herr Fuchs. Als die Witwe das hörte, sprach sie voll Freude zu der Katze

    "nun mach mir Tor und Türe auf,

    und kehrt den alten Herrn Fuchs hinaus."

    Aber gerade als die Hochzeit gefeiert werden sollte, da regte sich der alte Herr Fuchs unter der Bank, prügelte das ganze Gesindel durch und jagte es mit der Frau Füchsin zum Haus hinaus.

    5 min
  • #59 Alte Märchen - Daumesdick
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Ein gutes Ehepaar wünscht sich unbedingt ein Kind und als es dann endlich kommt, ist es ihnen auch egal, dass es nur so groß wie ein Daumen ist. Welche spannenden Abenteuer das winzige Männlein erlebt, erfahrt ihr in unserem heutigen Märchen.

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    Daumesdick

    Es war ein armer Bauersmann, der saß Abends beim Herd und schürte das Feuer, und die Frau saß und spann. Da sprach er "wes ist so traugi, dass wir keine Kinder haben! Es ist so still bei uns. In den andern Häusern gehts so laut und lustig zu." - "Ja," antwortete die Frau und seufzte, "wenns nur ein einziges wäre, und wenns auch nur ganz klein wäre, nur so groß, wie ein Daumen, so wollt ich schon zufrieden sein; wir hätten unser Kind doch von Herzen lieb." Nun geschah es, dass die Frau schwanger wurde und nach sieben Monaten ein Kind gebar, das zwar aussah wie ein Kind, aber nicht länger als ein Daumen war. Da sprachen sie "es ist, wie wir es uns gewünscht haben, und es soll unser liebes Kind sein," und nannten es nach seiner Gestalt Daumesdick. Sie ließen es dem Kind nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind wurde nicht größer, sondern blieb genauso groß, wie es in der ersten Stunde war; doch schaute es verständig aus den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behendes Ding, dem alles glückte, was es anfing.

    Der Bauer machte sich eines Tages fertig, um in den Wald zu gehen und Holz zu fällen; da sprach er so vor sich hin "nun wollt ich, dass einer da wäre, der mir den Wagen nach zieht." - "O Vater," rief Daumesdick, "den Wagen will ich schon bringen, verlasst euch drauf, er soll zur bestimmten Zeit im Walde sein." Da lachte der Mann und sprach "wie soll das zugehen, du bist doch viel zu klein, um das Pferd mit dem Zügel zu leiten." - "Das tut nichts zur Sache, Vater, wenn nur die Mutter es anspannen wird, ich setze mich dem Pferd ins Ohr und rufe ihm zu, wie es zu gehen hat." - "Nun," antwortete der Vater, "dann wollen wir es einmal versuchen." Als die Stunde kam, spannte die Mutter an und setzte den Daumesdick dem Pferd ins Ohr: da rief der Kleine, wie das Pferd gehen sollte, "jüh und joh! hott und har!" Da ging das Pferd ganz ordentlich genau wie bei einem Meister, und der Wagen fuhr den richtigen Weg in den Wald. Es trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog, und der Kleine "har, har!" rief, dass zwei fremde Männer daher kamen. "Nein," sprach der eine, "was ist das? da fährt ein Wagen, und ein Fuhrmann ruft dem Pferde zu und ist doch nicht zu sehen." - "Das geht nicht mit rechten Dingen zu," sagte der andere, "wir wollen dem Karren folgen und sehen, wo er anhält." Der Wagen aber fuhr vollends in den Wald hinein und genau zudem Platz, an dem das Holz gehauen wurde. Als Daumesdick seinen Vater erblickte, rief er ihm zu "siehst du, Vater, da bin ich mit dem Wagen, jetzt hol mich herunter." Der Vater faßte das Pferd mit der linken und holte mit der rechten sein Söhnlein aus dem Ohr, das sich dann ganz froh auf einen Strohhalm niedersetzte. Als die beiden fremden Männer den Daumesdick erblickten, da wussten sie nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Da nahm der eine den andern zur Seite und sprach "hör, der kleine Kerl könnte unser Glück sein. Wir könnten ihn in einer großen Stadt für Geld zeigen: wir wollen ihn kaufen." Sie gingen zu dem Bauer und sprachen "verkauf uns den kleinen Mann, er solls gut bei uns haben." - "Nein," antwortete der Vater, "es ist mein Herzblatt für alles Geld und Gold in der Welt werde ich ihn nicht verkaufen." Daumesdick aber, als er von dem Handel hörte, kroch an den Rockfalten seines Vaters hinauf, stellte sich ihm auf die Schulter und sagte ihm ins Ohr "Vater, gib mich nur hin, ich will schon wieder zu euch zurück kommen." Da gab ihn der Vater für viel Geld den beiden Männern. "Wo willst du sitzen?" sprachen sie zu ihm. "Ach, setzt mich nur auf den Rand von eurem Hut, da kann ich ab und an spazieren und die Gegend betrachten und ich falle doch nicht herunter." Sie taten ihm den Gefallen, und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie sich mit ihm fort. So gingen sie, bis zur Dämmerung. Dann sprach der Kleine "hebt mich einmal herunter, es ist nötig." - "Bleib nur droben," sprach der Mann, auf dessen Kopf er saß, "ich will mir nichts draus machen, die Vögel lassen mir auch manchmal was drauf fallen." - "Nein," sprach Daumesdick, "ich weiß doch auch, was sich gehört: hebt mich nur schnell herab." Der Mann nahm den Hut ab und setzte den Kleinen auf einen Acker am Weg, da sprang und kroch er zwischen den Schollen hin und her und schlüpfte dann auf einmal in ein Mausloch das er gesehen hatte. "Schönen Abend die Herren, geht nur ohne mich heim," rief er ihnen zu und lachte sie aus. Sie liefen herbei und stachen mit Stöcken in das Mausloch, aber das war eine vergebliche Mühe. Daumesdick kroch immer weiter zurück; und da es bald ganz dunkel wurde, so mussten sie mit Ärger im Bauch und mit einem leeren Geldbeutel wieder heim wandern.

    Als Daumesdick merkte, dass sie fort waren, kroch er aus dem unterirdischen Gang wieder hervor. "Es ist hier auf dem Acker in der Finsternis so gefährlich," sprach er, "wie leicht bricht sicher einer hier Hals und Bein!" Zum Glück stieß er an ein leeres Schneckenhaus. "Gottlob," sagte er, "hier kann ich die Nacht sicher zubringen," und setzte sich hinein. Nicht lang, als er eben einschlafen wollte, so hörte er zwei Männer vorüber gehen. Davon sprach der eine "wie wir es nur anfangen, und den reichen Pfarrer um sein Geld und sein Silber zu bringen?" - "Das könnt ich dir sagen," rief Daumesdick dazwischen. "Was war das?" sprach der eine Dieb erschrocken, "ich hörte jemand sprechen." Sie blieben stehen und horchten, da sprach der Daumesdick wieder "nehmt mich mit, so will ich euch helfen." - "Ähm - Wo bist du denn?" - "Sucht nur hier auf der Erde und merkt, wo die Stimme herkommt," antwortete er. Da fanden ihn endlich die Diebe und hoben ihn in die Höhe. "Du kleiner Wicht, was willst du uns helfen!" sprachen sie. "Seht," antwortete er, "ich krieche zwischen den Eisenstäben in die Kammer des Pfarrers hinein und ich reiche euch heraus, was immer ihr haben wollt." - "Wohlan," sagten sie, "dann wollen wir mal sehen, was du kannst." Als sie bei dem Pfarrhaus ankamen, kroch Daumesdick in die Kammer, schrie aber gleich aus Leibeskräften "wollt ihr alles haben, was hier ist?" Die Diebe erschraken und sagten "sei doch leise, damit hier niemand aufwacht." Aber Daumesdick tat, als hätte er sie nicht verstanden und schrie von neuem "was wollt ihr? wollt ihr alles haben, was hier ist?" Dieses Geschrei hörte die Köchin, die in der Stube nebenan schlief, richtete sich im Bett auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schrecken ein Stück zurückgelaufen, endlich fassten sie wieder Mut, dachten "der kleine Kerl will uns necken," kamen zurück und flüsterten ihm hinein "nun mach Ernst und reich uns etwas heraus." Da schrie Daumesdick noch einmal, so laut er konnte, "ich will euch ja alles geben, reicht mir nur die Hände herein." Das hörte die Magd ganz deutlich, sprang aus dem Bett und stolperte zur Tür herein. Die Diebe liefen fort und rannten, als wäre der wilde Jäger hinter ihnen: die Magd aber, als sie nichts bemerken konnte, ging ein Licht anzünden. Als sie damit in die Stube kam, machte sich der Daumesdick, ohne dass er gesehen wurde, hinaus in die Scheune: die Magd aber, nachdem sie alle Winkel durchgesucht und nichts gefunden hatte, legte sich wieder zu Bett und glaubte, sie hätte mit offenen Augen und Ohren einfach nur geträumt.

    Daumesdick war in den Heuhälmchen herumgeklettert und hatte einen schönen Platz zum Schlafen gefunden. Ja, da wollte er sich ausruhen, bis es Tag wäre, und dann zu seinen Eltern wieder nach Hause zu gehen. Aber er musste noch andere Dinge erfahren! Ja, es gibt viel Trübsal und Not auf der Welt! Die Magd stieg, wie gewöhnlich, als der Tag graute, schon aus dem Bett und wollte das Vieh füttern. Ihr erster Gang war in die Scheune, wo sie einen Arm voll Heu packte und zwar gerade das, in dem der arme Daumesdick lag und schlief. Er schlief aber so fest, dass er es nicht merkte, und auch nicht eher aufwachte als bis er in dem Maul einer Kuh war. "Ach Gott," rief er, "wie bin ich in die Walkmühle geraten!" merkte aber bald, wo er war. Da hieß es aufpassen, dass er nicht zwischen die Zähne kam und zermalmt ward, aber er musste doch mit in den Magen hinabrutschen. "In diesem Stübchen sind die Fenster vergessen," sprach er, "und es scheint keine Sonne hinein: ein Licht wird sich aber auch nicht finden!" Überhaupt gefiel ihm das Quartier schlecht, und was das schlimmste war, es kam immer mehr neues Heu zur Tür herein und der Platz wurde immer enger. Da rief er endlich in der Angst, so laut er konnte, "bringt mir kein frisches Futter mehr, bringt mir kein frisches Futter mehr." Die Magd melkte gerade die Kuh, und als sie jemanden sprechen hörte, ohne dass jemand zu sehen, und es dieselbe Stimme war, die sie auch in der Nacht gehört hatte, erschrak sie so, dass sie von ihrem Stühlchen herab glitt und die Milch verschüttete. Sie lief in der größten Hast zu ihrem Herrn und rief "ach Gott, Herr Pfarrer, die Kuh hat geredet." - "Du bist verrückt," antwortete der Pfarrer, ging aber doch selbst in den Stall um nachzusehen, was da vor sich ging. Aber kaum hatte er den Fuß hineingesetzt, so rief Daumesdick eben aufs neue "bringt mir kein frisches Futter mehr, bringt mir kein frisches Futter mehr." Da erschrak der Pfarrer selbst, meinte, es wäre ein böser Geist und befahl die Kuh zu töten. Nun wurde die Kuh geschlachtet, der Magen aber worin Daumesdick steckte, wurde auf den Mist geworfen. Daumesdick versuchte sich hindurch zu arbeiten, und hatte große Mühe damit, doch endlich brachte er es so weit, dass er Platz bekam, aber, als er eben seinen Kopf herausstrecken wollte, kam ein neues Unglück. Ein hungriger Wolf sprang vorbei und verschlang den ganzen Magen mit einem Schluck. Daumesdick verlor den Mut nicht, "vielleicht," dachte er, "lässt der Wolf mit sich reden," und rief ihm aus dem Wanst zu "lieber Wolf, ich weiß wo es einen tollen Fraß gibt." - "Wo ist der denn zu holen?" sprach der Wolf. "In dem und dem Haus, da musst du durch die Gosse hinein kriechen und wirst Kuchen, Speck und Wurst finden, so viel du essen möchtest," und beschrieb ihm genau seines Vaters Haus. Der Wolf ließ sich das nicht zweimal sagen, drängte sich in der Nacht zur Gosse hinein und fraß in der Vorratskammer nach Herzenslust. Als er satt war, wollte er wieder fort, aber er war so dick geworden, dass er denselben Weg nicht wieder hinaus konnte. Damit hatte Daumesdick gerechnet und fing nun an in dem Leib des Wolfs einen gewaltigen Lärmen zu machen, tobte und schrie, was er konnte. "Willst du stille sein," sprach der Wolf, "du weckst die Leute auf." - "Ach was," antwortete der Kleine, "du hast dich satt gefressen, ich will jetzt auch meinen Spaß haben," und fing von neuem an aus allen Kräften zu schreien. Davon wachte endlich sein Vater und auch seine Mutter auf, liefen an die Kammer und schauten durch die Spalte hinein. Wie sie sahen, dass ein Wolf darin war, liefen sie davon, und der Mann holte die Axt, und die Frau die Sense. "Bleib dahinten," sprach der Mann, als sie in die Kammer traten, "wenn ich ihm einen Schlag gegeben habe und er davon noch nicht tot ist, so musst du auf ihn einhauen und ihm den Leib zerschneiden." Da hörte Daumesdick die Stimme seines Vaters und rief "lieber Vater, ich bin hier, ich stecke im Leibe des Wolfs." Da sprach der Vater voll Freude "gottlob, unser liebes Kind hat wieder nach Hause gefunden," und befahl der Frau die Sense wegzulegen, damit Daumesdick nicht beschädigt wird. Danach holte er aus und schlug dem Wolf einen Schlag auf den Kopf, sodass dieser tot niederstürzte: dann suchten sie Messer und Scheere, schnitten ihm den Leib auf und zogen den Kleinen wieder hervor. "Ach," sprach der Vater, "was haben wir Sorge um dich ausgestanden!" - "Ja, leiber Vater, ich bin viel in der Welt herumgekommen; gottlob, dass ich wieder frische Luft schöpfe." - "Wo bist du denn gewesen?" - "Ach Vater, ich war in einem Mauseloch, in dem Bauch einer Kuh, in dem Bauch eines Wolfes und jetzt bin ich wieder bei euch." - "Und wir verkaufen dich um alle Reichthümer der Welt nicht wieder." Da herzten und küßten sie ihren lieben Daumesdick, gaben ihm zu essen und trinken und ließen ihm neue Kleider machen, denn die, die er an hatte, waren auf der Reise schmutzig geworden.

    20 min
  • #58 Alte Märchen - Der Schneider im Himmel
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Der alte Schneider aus unserem heutigen Märchen muss auf die harte Weise lernen, dass man niemanden bestrafen sollte, der es nicht ganz sicher auch verdient hat.

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    Der Schneider im Himmel

    Es trug sich zu, dass der liebe Gott an einem schönen Tag in dem himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen mitnahm. Niemand blieb mehr im Himmel außer dem heiligen Petrus. Der Herr hatte ihm befohlen, während seiner Abwesenheit niemand einzulassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht lange, so klopfte jemand an. Petrus fragte, wer da wäre und was er wolle. "Ich bin ein armer ehrlicher Schneider," antwortete eine feine Stimme, "der um Einlass bittet." - "Ja, ehrlich," sagte Petrus, "ehrlich wie der Dieb am Galgen, du hast betrogen und den Leuten zu wenig Tuch für ihr Geld verkauft. Du kommst nicht in den Himmel, der Herr hat mir verboten, solange er draußen ist. Ich darf niemanden einlassen." - "Seid doch barmherzig," rief der Schneider, "Diese kleinen Lappen, die vom Tisch herabfallen, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen, ich kann unmöglich wieder umkehren. Laßt mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die Windeln waschen, die Bänke, auf denen sie gespielt haben, säubern und abwischen und ihre zerrissenen Kleider flicken." Der heilige Petrus ließ sich aus Mitleiden bewegen und öffnete dem lahmen Schneider die Himmelspforte so weit, dass er mit seinem dürren Leib hineinschlüpfen konnte. Er musste sich in einen Winkel hinter die Türe setzen und sollte sich da still und ruhig verhalten, damit ihn der Herr, wenn er zurückkäme, nicht bemerkte und zornig würde. Der Schneider gehorchte, als aber der heilige Petrus einmal zur Türe hinaustrat, stand er auf, ging voll Neugierde in allen Winkeln des Himmels herum und besah sich die Gelegenheit. Endlich kam er zu einem Platz, da standen viele schöne und köstliche Stühle und in der Mitte ein ganz goldener Sessel, der mit glänzenden Edelsteinen besetzt war. Er war auch viel höher als die übrigen Stühle, und ein goldener Fußschemel stand davor. Es war aber der Sessel, auf welchem der Herr saß, wenn er daheim war, und von welchem er alles sehen konnte, was auf Erden geschah. Der Schneider stand still und sah den Sessel eine gute Weile an, denn er gefiel ihm besser als alles andere. Endlich konnte er den Vorwitz nicht bezähmen, stieg hinauf und setzte sich in den Sessel. Da sah er alles, was auf Erden geschah, und bemerkte eine alte häßliche Frau, die an einem Bach stand und wusch und zwei Schleier heimlich beiseite tat. Der Schneider erzürnte sich bei diesem Anblicke so sehr, dass er den goldenen Fußschemel ergriff und durch den Himmel auf die Erde hinab nach der alten Diebin warf. Da er aber den Schemel nicht wieder heraufholen konnte, so schlich er sich sachte aus dem Sessel weg, setzte sich an seinen Platz hinter die Türe und tat, als ob er kein Wasser getrübt hätte.

    Als der Herr und Meister mit dem himmlischen Gefolge wieder zurückkam, ward er zwar den Schneider hinter der Türe nicht gewahr, als er sich aber auf seinen Sessel setzte, mangelte der Schemel. Er fragte den heiligen Petrus, wo der Schemel hingekommen wäre, der wußte es nicht. Da fragte er weiter, ob er jemand hereingelassen hätte. "Ich weiß niemand," antwortete Petrus, "der dagewesen wäre, als ein lahmer Schneider, der noch hinter der Türe sitzt." Da ließ der Herr den Schneider vor sich treten und fragte ihn, ob er den Schemel weggenommen und wo er ihn hingetan hätte. "O Herr," antwortete der Schneider freudig, "ich habe ihn im Zorne hinab auf die Erde nach einem alten Weibe geworfen, das ich bei der Wäsche zwei Schleier stehlen sah." - "O du Schalk," sprach der Herr, "wollt ich richten, wie du richtest, wie meinst du, dass es dir schon längst ergangen wäre? Ich hätte schon lange keine Stühle, Bänke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr hier gehabt, sondern alles nach den Sündern hinabgeworfen. Fortan kannst du nicht mehr im Himmel bleiben, sondern musst wieder hinaus vor das Tor: da sieh zu, wo du hinkommst. Hier soll niemand strafen denn ich allein, der Herr."

    Petrus musste den Schneider wieder hinaus vor den Himmel bringen, und weil er zerrissene Schuhe hatte und die Füße voll Blasen, nahm er einen Stock in die Hand und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen.

    7 min
  • #57 Alte Märchen - Das Waldhaus
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    In unserem heutigen Märchen geht es um drei Schwestern, einen alten Mann mit langem weißen Bart und ein Hähnchen, ein Hühnchen und eine bunte Kuh. Was es mit dem Waldhaus auf sich hat und ob für alle ein Happy End vorgesehen ist, hört ihr jetzt.

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    Das Waldhaus

    Ein armer Holzhauer lebte mit seiner Frau und drei Töchtern in einer kleinen Hütte an dem Rande eines einsamen Waldes. Eines Morgens, als er wieder an seine Arbeit wollte, sagte er zu seiner Frau: "Lass mir ein Mittagsbrot von dem ältesten Mädchen hinaus in den Wald bringen, ich werde sonst nicht fertig. Und damit es sich nicht verirrt, so will ich einen Beutel mit Hirse mitnehmen und die Körner auf den Weg streuen."

    Als nun die Sonne mitten über dem Walde stand, machte sich das Mädchen mit einem Topf voll Suppe auf den Weg. Aber die Feld- und Waldsperlinge, die Lerchen und Finken, Amseln und Zeisige hatten die Hirse schon längst aufgepickt, und das Mädchen konnte die Spur nicht mehr finden. Da ging es auf gut Glück immer fort, bis die Sonne sank und die Nacht einbrach. Die Bäume rauschten in der Dunkelheit, die Eulen schnarrten, und das Mädchen bekam Angst. Da erblickte es in der Ferne ein Licht, das zwischen den Bäumen hindurchblinkte. Dort sollten wohl Leute wohnen, dachte das Mädchen, die mich über Nacht behalten, und ging auf das Licht zu. Nicht lange, so kam es an ein Haus, dessen Fenster erleuchtet waren. Es klopfte an, und eine rauhe Stimme rief von innen: "Herein!" Das Mädchen trat auf die dunkle Diele und pochte an die Stubentür. "Nur herein," rief die Stimme, und als es öffnete, saß da ein alter, eisgrauer Mann an dem Tisch, hatte das Gesicht auf beide Hände gestützt, und sein weißer Bart floß über den Tisch herab fast bis auf die Erde. Am Ofen lagen drei Tiere, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine buntgescheckte Kuh. Das Mädchen erzählte dem Alten sein Schicksal und bat um ein Nachtlager. Der Mann sprach:

    "Schön Hühnchen, Schön Hähnchen und du schöne bunte Kuh, was sagst du dazu?"
    "Duks!" antworteten die Tiere, und das musste wohl heißen "wir sind zufrieden", denn der Alte sprach weiter: "Hier ist Hülle und Fülle, geh hinaus an den Herd und koch uns ein Abendessen." Das Mädchen fand in der Küche alles was es zum Kochen brauchte und kochte eine gute Speise, aber an die Tiere dachte es nicht. Es trug die volle Schüssel auf den Tisch, setzte sich zu dem grauen Mann, aß und stillte seinen Hunger. Als es satt war, sprach es: "Aber jetzt bin ich müde, wo ist ein Bett, in das ich mich legen und schlafen kann?" Die Tiere antworteten:
    "Du hast mit ihm gegessen, du hast mit ihm getrunken, du hast an uns gar nicht gedacht. Nun sieh auch wo du bleibst die Nacht."
    Da sprach der Alte: "Steig nur die Treppe hinauf, so wirst du eine Kammer mit zwei Betten finden, schüttle sie auf und beziehe sie mit weißem Laken, so will ich auch kommen und mich schlafen legen." Das Mädchen stieg hinauf, und als es die Betten geschüttelt und frisch bezogen hatte, da legte es sich in das eine, ohne weiter auf den Alten zu warten. Nach einiger Zeit aber kam der graue Mann, beleuchtete das Mädchen mit dem Licht und schüttelte den Kopf. Und als er sah, dass es fest eingeschlafen war, öffnete er eine Falltüre und ließ es in den Keller sinken.

    Der Holzhauer kam am späten Abend nach Haus und machte seiner Frau Vorwürfe, dass sie ihn den ganzen Tag habe hungern lassen. "Ich habe daran keine Schuld," antwortete sie, "das Mädchen ist mit dem Mittagessen hinausgegangen. Es muss sich verirrt haben. Morgen wird es schon wiederkommen." Vor dem Sonnenaufgang am nächsten Tag aber stand der Holzhauer auf und wollte in den Wald. Er verlangte, dass die zweite Tochter ihm diesmal das Essen bringen soll. "Ich will einen Beutel mit Linsen mitnehmen," sagte er, "die Körner sind größer als Hirse, das Mädchen wird sie besser sehen und kann den Weg nicht verfehlen." Zur Mittagszeit trug dann das zweite Mädchen die Speise hinaus, aber die Linsen waren verschwunden: die Waldvögel hatten sie, wie am vorigen Tag, aufgepickt und keine einzige übrig gelassen. Das Mädchen irrte im Walde umher, bis es Nacht wurde. Dann kam es ebenfalls zu dem Haus des Alten, wurde hereingerufen und bat um Speise und um ein Nachtlager. Der Mann mit dem weißen Barte fragte wieder die Tiere: "Schönes Hühnchen, schönes Hähnchen und du schöne bunte Kuh, was sagst du dazu?"

    Die Tiere antworteten abermals: "Duks!" und es geschah alles wie am vorigen Tag. Das Mädchen kochte eine Speise, aß und trank mit dem Alten und es kümmerte sich nicht um die Tiere. Und als es sich nach seinem Nachtlager erkundigte, antworteten sie:
    "Du hast, mit ihm gegessen, du hast mit ihm getrunken, du hast an uns gar nicht gedacht. Nun sieh auch wo du bleibst die Nacht."
    Als das Mädchen eingeschlafen war, kam der Alte, betrachtete es mit Kopfschütteln und ließ es in den Keller hinab.

    Am dritten Morgen sprach der Holzhacker zu seiner Frau: "Schick unser jüngstes Kind mit dem Essen hinaus, das ist immer gut und gehorsam gewesen, es wird auf dem richtigen Weg bleiben und nicht wie seine Schwestern, die wilden Hummeln, herumschwärmen." Die Mutter wollte das nicht und sprach: "Soll ich mein liebstes Kind auch noch verlieren?" - "Sei ohne Sorge," antwortete er, "dieses Mädchen verirrt sich nicht, es ist zu klug und zum Überfluss will ich Erbsen mitnehmen und ausstreuen, die sind noch größer als Linsen und werden ihm den Weg zeigen." Aber als das Mädchen sich mit dem Korb unter dem Arm aufmachte, so hatten die Waldtauben die Erbsen schon im Kropf, und es wusste nicht, wohin es sich wenden sollte. Es war voll Sorgen und dachte beständig daran, wie der arme Vater hungern und die gute Mutter jammern würde, wenn es weg blieb. Endlich, als es dunkel wurde, erblickte es das Lichtchen und kam an das Waldhaus. Es bat ganz freundlich, sie möchten es über Nacht beherbergen, und der Mann mit dem weißen Bart fragte wieder seine Tiere: "Schönes Hühnchen, schönes Hähnchen und du schöne bunte Kuh, was sagst du dazu?"

    "Duks!" sagten sie. Da trat das Mädchen an den Ofen, wo die Tiere lagen, und liebkoste das Hühnchen und das Hähnchen, indem es mit der Hand über die glatten Federn strich, und die bunte Kuh kraulte es zwischen den Hörnern. Und als es auf Befehl des Alten eine gute Suppe bereitet hatte und die Schüssel auf dem Tisch stand, so sprach es: "Soll ich mich sättigen, und die guten Tiere sollen nichts haben? Draußen ist die Hülle und Fülle, erst will ich für sie sorgen." Da ging es, holte Gerste und streute sie dem Hühnchen und Hähnchen vor und brachte der Kuh wohlriechendes Heu, einen ganzen Arm voll. "Lasst's euch schmecken, ihr lieben Tiere," sagte es, "und wenn ihr durstig seid, dann sollt ihr auch etwas zu trinken haben." Dann trug es einen Eimer voll Wasser herein, und Hühnchen und Hähnchen sprangen auf den Rand, steckten den Schnabel hinein und hielten den Kopf dann in die Höhe, so wie Vögel eben trinken. Und die bunte Kuh tat auch einen herzhaften Zug. Als die Tiere gefüttert waren, setzte sich das Mädchen zu dem Alten an den Tisch und aß, was er ihm übrig gelassen hatte. Nicht lange, so fingen das Hühnchen und das Hähnchen an, das Köpfchen zwischen die Flügel zu stecken, und die bunte Kuh blinzelte mit den Augen. Da sprach das Mädchen: "Sollen wir uns nicht zur Ruhe begeben?" "Schönes Hühnchen, schönes Hähnchen und du schöne, bunte Kuh, was sagst du dazu?"
    Die Tiere antworteten: "Duks, du hast mit uns gegessen, du hast mit uns getrunken, du hast uns alle wohlbedacht, wir wünschen dir eine gute Nacht."

    Da ging das Mädchen die Treppe hinauf, schüttelte die Federkissen und bezog die Betten mit frischen Leinen, und als es fertig war, kam der Alte und legte sich in das eine Bett, und sein weißer Bart reichte ihm bis an die Füße. Das Mädchen legte sich in das andere Bett, tat sein Gebet und schlief ein. Es schlief ruhig bis Mitternacht, dann wurde es so unruhig in dem Hause, dass das Mädchen erwachte. Da fing es an, in den Ecken zu knittern und zu knattern, und die Türe sprang auf und schlug an die Wand. Die Balken dröhnten, als wenn sie aus ihren Fugen gerissen würden, und es war, als wenn die Treppe herabstürzte, und endlich krachte es, als wenn das ganze Dach zusammenfiel. Dann aber wurde es wieder still ward und weil dem Mädchen nichts passiert war, so blieb es ruhig liegen und schlief wieder ein. Als es aber am nächsten Morgen bei hellem Sonnenschein aufwachte, was erblickten seine Augen? Das Mädchen lag in einem großen Saal, und ringsumher glänzte alles in königlicher Pracht: An den Wänden wuchsen auf grünseidenem Grund goldene Blumen in die Höhe, das Bett war von Elfenbein und die Decke darauf von rotem Samt, und auf einem Stuhl daneben stand ein Paar mit Perlen bestickten Pantoffeln. Das Mädchen glaubte, es wäre ein Traum, aber es traten drei reich gekleidete Diener herein und fragten, was das Mädchen zu befehlen hätte. "Geht nur," antwortete das Mädchen, "ich will gleich aufstehen und dem Alten eine Suppe kochen und dann auch das schöne Hühnchen, das schöne Hähnchen und die schöne bunte Kuh füttern." Das Mädchen dachte, der Alte wäre schon aufgestanden, und sah sich dann nach seinem Bette um, aber er lag nicht mehr darin, sondern ein fremder Mann. Und als es ihn betrachtete und sah, dass er jung und schön war, erwachte der Mann, richtete sich auf und sprach: "Ich bin ein Königssohn und war von einer bösen Hexe verwünscht worden. Ich musste als alter, eisgrauer Mann in dem Wald zu leben, niemand durfte um mich herum sein außer meinen drei Diener in der Gestalt eines Hühnchens, eines Hähnchens und einer bunten Kuh. Und nicht eher sollte die Verwünschung aufhören, als bis ein Mädchen zu uns käme, so gut von Herzen, dass es nicht nur für die Menschen alleine, sondern auch für die Tiere mitgefühl zeigt, und das bist du gewesen, und heute um Mitternacht sind wir durch dich erlöst und das alte Waldhaus ist wieder in meinen königlichen Palast verwandelt worden." Und als sie aufgestanden waren, sagte der Königssohn den drei Dienern, sie sollten hinausfahren und den Vater und die Mutter des Mädchens zur Hochzeit herbeiholen. "Aber wo sind meine Schwestern?" fragte das Mädchen. "Die habe ich in den Keller gesperrt, und morgen sollen sie in den Wald geführt werden und sollen bei dem Köhler so lange als Mägde dienen, bis sie sich gebessert haben und auch die armen Tiere nicht hungern lassen."

    16 min
  • #56 Alte Märchen - Der alte Sultan
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Ein Hund und ein Wolf schmieden einen raffinierten Plan, um dem Hund ein glückliches Leben zu bescheren. Doch wird dieser sich beim Wolf angemessen revanchieren, oder hält er zu seinem Herrchen?

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    ***Herr alte Sultan ***

    Es hatte ein Bauer einen treuen Hund, der Sultan hieß, der war alt geworden und hatte alle Zähne verloren, sodass er nichts mehr fest packen konnte. Eines Tages stand der Bauer mit seiner Frau vor der Haustüre und sprach: "Den alten Sultan, den schieß ich morgen tot, der ist zu nichts mehr zu gebrauchen." Die Frau, die Mitleid mit dem treuen Tiere hatte, antwortete: "Da er uns aber so lange Jahre gedient hat und ehrlich gedient hat, so könnten wir ihm wohl das Gnadenbrot geben." - "Ach was," sagte der Mann, "du bist nicht recht gescheit; er hat keinen Zahn mehr im Maul, und kein Dieb fürchtet sich vor ihm, er kann jetzt abgehen. Hat er für uns gedient, so hat er dafür sein gutes Fressen bekommen."

    Der arme Hund, der nicht weit davon in der Sonne ausgestreckt lag, hatte alles mit angehört und war traurig, dass morgen sein letzter Tag sein sollte. Er hatte einen guten Freund, das war der Wolf, zu dem schlich er abends hinaus in den Wald und klagte über das Schicksal, das ihm bevorstände. "Hör zu, Gevatter," sagte der Wolf, "sei guten Mutes, ich will dir aus deiner Not helfen. Ich habe mir etwas ausgedacht. Morgen in aller Frühe geht dein Herr mit seiner Frau ins Heu, und sie nehmen ihr kleines Kind mit, denn niemand bleibt im Haus zurück. Sie pflegen das Kind während der Arbeit hinter die Hecke in den Schatten zu legen. Lege dich daneben, gleich so als wolltest du es bewachen. Ich will dann aus dem Wald herauskommen und das Kind rauben, du musst mir aber eifrig nachspringen, als wolltest du mir es wieder abjagen. Ich lasse es fallen, und du bringst es wieder zu den Eltern zurück, die glauben dann, du hättest es gerettet, und sind viel zu dankbar, als dass sie dir etwas Leid antun wollten. Im Gegenteil, du kommst völlig in Gnade, und sie werden es dir an nichts mehr fehlen lassen."

    Der geplante Anschlag gefiel dem Hund, und genau so wie er ausgedacht war, so wurde er auch ausgeführt. Der Vater schrie, als er den Wolf mit seinem Kinde durchs Feld laufen sah. Aber als es der alte Sultan zurückbrachte, da war er froh, streichelte ihn und sagte: "Dir soll kein Härchen gekrümmt werden, du sollst das Gnadenbrot bekommen, solange du noch lebst." Zu seiner Frau aber sagte er: "Geh gleich heim und koche dem alten Sultan einen Brei, den braucht er nicht zu beißen, und bring das Kopfkissen aus meinem Bette, das schenke ich ihm für sein Lager." Von nun an hatte es der alte Sultan so gut, wie er es sich nur vorstellen konnte. Bald darauf besuchte ihn der Wolf und freute sich, dass alles alles so gut gelungen war. "Aber, Gevatter," sagte er, "du wirst doch noch ein Auge zudrücken, wenn ich bei Gelegenheit deinem Herrn ein fettes Schaf weghole. Es wird heutzutage schwer, sich durchzuschlagen." - "Darauf rechne nicht," antwortete der Hund, "meinem Herrn bleibe ich treu. Das darf ich nicht zulassen!" Der Wolf meinte, das wäre nicht im Ernste gesprochen, kam in der Nacht herangeschlichen und wollte sich ein Schaf holen. Aber der Bauer, dem der treue Sultan das Vorhaben des Wolfes verraten hatte, lauerte ihm auf und kämmte ihm mit dem Dreschflegel garstig die Haare. Der Wolf musste wegrennen, schrie aber dem Hund zu: "Warte, du schlechter Geselle, dafür sollst du büßen!"

    Am andern Morgen schickte der Wolf ein Wildschwein und ließ den Hund hinaus in den Wald fordern, da wollten sie ihre Sache ausmachen. Der alte Sultan konnte keinen anderen Beistand finden als eine Katze, die nur drei Beine hatte, und als sie zusammen hinausgingen, humpelte die arme Katze daher und streckte zugleich vor Schmerz den Schwanz in die Höhe. Der Wolf und sein Beistand waren schon an Ort und Stelle, als sie aber ihren Gegner daherkommen sahen, meinten sie, er führte einen Säbel mit sich, weil sie den aufgerichteten Schwanz der Katze dafür ansahen. Und wenn das arme Tier so auf drei Beinen hüpfte, da dachten sie nichts anders, als höbe es jedesmal einen Stein auf, und die Katze wollte sie damit bewerfen. Da ward ihnen beiden angst: Das wilde Schwein verkroch sich ins Laub, und der Wolf sprang auf einen Baum. Der Hund und die Katze, als sie herankamen, wunderten sich, dass sich niemand sehen ließ. Das wilde Schwein aber hatte sich im Laub nicht ganz verstecken können, sondern die Ohren ragten noch heraus. Während die Katze sich bedächtig umschaute, wackelte das Schwein mit den Ohren. Die Katze, welche meinte, es regte sich da eine Maus, sprang darauf zu und biss herzhaft hinein. Da erhob sich das Schwein mit großem Geschrei, lief fort und rief: "Dort auf dem Baum, da sitzt der Schuldige." Der Hund und die Katze schauten hinauf und erblickten den Wolf, der schämte sich, dass er sich so furchtsam gezeigt hatte, und schloss gemeinsam mit dem Hund wieder Frieden.

    8 min
  • #55 Alte Märchen - Herr Korbes
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Wenn sich das Schicksal gegen dich verschwört, dann läuft wirklich alles schief. Diese Erfahrung muss auch der Herr Korbes machen, als sich allerlei Tiere und Gegenstände auf den Weg zu seinem Haus machen.

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    Herr Korbes

    Es war einmal ein Hühnchen und ein Hähnchen, die wollten zusammen eine Reise machen. Da baute das Hähnchen einen schönen Wagen, der vier rote Räder hatte, und spannte vier Mäuschen davor. Das Hühnchen setzte sich mit dem Hähnchen auf, und sie fuhren miteinander fort. Nicht lange, so begegnete ihnen eine Katze, die sprach "wo wollt ihr hin?". Das Hähnchen antwortete "als hinaus, nach dem Herrn Korbes seinem Haus." "Nehmt mich mit," sprach die Katze. Hähnchen antwortete "recht gerne, setz dich hinten auf, sodass du Vorne nicht herabfällst.Nehmt euch wohl in acht, dass ihr meine roten Räderchen nicht schmutzig macht. Ihr Räderchen, schweift, ihr Mäuschen, pfeift, als hinaus nach dem Herrn Korbes seinem Haus."

    Danach kam ein Mühlstein, dann ein Ei, dann eine Ente, dann eine Stecknadel, und zuletzt eine Nähnadel. Sie alle setzten sich auch auf den Wagen und fuhren mit. Wie sie aber zu des Herrn Korbes Haus kamen, so war der Herr Korbes nicht da. Die Mäuschen fuhren den Wagen in die Scheune, das Hühnchen flog mit dem Hähnchen auf eine Stange, die Katze setzte sich ins Kamin, die Ente in die Bornstange, das Ei wickelte sich ins Handtuch, die Stecknadel steckte sich ins Stuhlkissen, die Nähnadel sprang mitten aufs Bett ins Kopfkissen, und der Mühlstein legte sich über die Tür. Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging an den Kamin und wollte Feuer anmachen. Da warf ihm die Katze das Gesicht voll mit Asche. Er lief schnell in die Küche und wollte sich abwaschen, da spritzte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ausruhen und setzte sich auf den Stuhl, da stach ihn die Stecknadel. Er geriet in Zorn, und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn, da stach ihn die Nähnadel, sodass er aufschrie und ganz wütend in die weite Welt laufen wollte. Wie er aber an die Haustür kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn tot. Der Herr Korbes muss ein wirklich böser Mann gewesen sein.

    4 min
  • #54 Alte Märchen - Gevatter Tod
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    In unserem heutigen Märchen muss ein armer Mann eine schwere Entscheidung treffen und sein dreizehntes Kind in die Obhut eines Anderen geben. Trifft er die richtige Wahl? Kann der neue Pate des Kindes ihm zu seinem Glück verhelfen?

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    Gevatter Tod

    Es hatte ein armer Mann zwölf Kinder und musste Tag und Nacht arbeiten, damit er ihnen nur Brot geben konnte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wusste er sich in seiner Not nicht mehr zu helfen, lief hinaus auf die große Landstraße und wollte den ersten, der ihm begegnete, zum Taufpaten bitten. Der erste, der ihm begegnete, das war der liebe Gott. Der wusste schon, was er auf dem Herzen hatte, und sprach zu ihm: "Armer Mann, du tust mir leid, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sorgen und es glücklich machen auf Erden." Der Mann sprach: "Wer bist du?" - "Ich bin der liebe Gott." - "So will ich dich nicht zum Taufpaten," sagte der Mann, "du gibst den Reichen und lässet den Armen hungern." Das sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weislich Gott Reichtum und Armut verteilt. Also wendete er sich von Gott ab und ging weiter. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: "Was suchst du? Willst du mich zum Paten deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold in Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu geben." Der Mann fragte: "Wer bist du?" - "Ich bin der Teufel." - "So will ich dich auch nicht zum Taufpaten," sprach der Mann, "du betrügst und verführst die Menschen." Er ging weiter. Da kam der dürrbeinige Tod auf ihn zugeschritten und sprach: "Nimm mich zum Taufpaten." Der Mann fragte: "Wer bist du?" - "Ich bin der Tod, der alle gleichmacht." Da sprach der Mann: "Du bist der Rechte, du holst die Reichen genauso wie die Armen ohne Unterschied, du sollst mein Taufpate sein." Der Tod antwortete: "Ich will dein Kind reich und berühmt machen, denn wer mich zum Freunde hat, dem kann es nicht schlecht gehen." Der Mann sprach: "Nächsten Sonntag ist die Taufe, sei pünktlich da." Der Tod erschien, genau so wie er versprochen hatte, und er wurde Taufpate.

    Als der Knabe älter geworden war, trat zu einer Zeit der Pate ein und befahl ihm mitzugehen. Er führte ihn hinaus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach: "Jetzt sollst du dein Patengeschenk empfangen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedesmal erscheinen. Stehe ich zu den Köpfen des Kranken, so kannst du keck sprechen, du wolltest ihn wieder gesund machen, und gibst du ihm dann von diesem Kraut, so wird er wieder gesund. Stehe ich aber zu Füßen des Kranken, so ist er mein, und du musst sagen, dass alle Hilfe umsonst wäre und kein Arzt in der Welt ihn retten könnte. Aber hüte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es könnte dir sonst schlimm ergehen!"

    Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der ganzen Welt. "Er braucht nur den Kranken anzusehen, dann weiß er schon, wie es um sie steht, ob er wieder gesund wird oder ob er sterben muss," so sprachen die Leute von ihm, und weit und breit kamen die Leute herbei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, dass er bald ein reicher Mann war. Nun trug es sich zu, dass der König erkrankte. Der Arzt wurde gerufen und sollte sagen, ob Genesung möglich wäre. Doch als er aber am Bett stand, so stand der Tod zu den Füßen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewachsen. "Wenn ich doch nur einmal den Tod überlisten könnte," dachte der Arzt, "er wird's mir bestimmt übelnehmen, aber da ich sein Pate bin, vielleicht drückt er da ein Auge zu, ich will's wagen." Er fasste also den Kranken und legte ihn verkehrt herum ins Bett, sodass der Tod zu Kopf desselben zu stehen kam. Dann gab er ihm ein bisschen von dem Kraut, und der König erholte sich und wurde wieder gesund. Der Tod aber kam zum Arzt, machte ein böses und finsteres Gesicht, drohte mit dem Finger und sagte: "Du hast mich hinter das Licht geführt, diesmal will ich dir's nachsehen, weil du mein Pate bist, aber wagst du das noch einmal, so geht es dir an den Kragen, und ich nehme dich selbst mit fort."

    Bald danach verfiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, sodass ihm die Augen erblindeten, und er ließ bekanntmachen, wer sie vom Tode errettete, der sollte ihr Gemahl werden und die Krone erben. Als der Arzt, zum Bett der Kranken kam, erblickte den Tod zu ihren Füßen. Er hätte sich an die Warnung seines Paten erinnern sollen, aber die große Schönheit der Königstochter und das Glück, ihr Gemahl zu werden, betörten ihn so sehr, dass er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht, dass der Tod ihm zornige Blicke zuwarf, die Hand in die Höhe hob und mit der dürren Faust drohte. Er hob die Kranke auf, legte ihren Kopf dahin, wo die Füße gelegen hatten. Dann gab er ihr das Kraut, und bald schon regte sich das Leben von neuem.

    Der Tod, der er sich nun zum zweiten mal um sein Eigentum betrogen sah, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach: "Es ist aus mit dir, und jetzt bist du an der Reihe," Der Tod packte den Arzt mit seiner eiskalten Hand so hart, dass er nicht mehr wehren konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er, wie tausende und abertausende Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, sodass die Flämmchen in beständigem Wechsel zu sein schienen. "Siehst du," sprach der Tod, "das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen." - "Zeige mir mein Lebenslicht," sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte: "Siehst du, da ist es." - "Ach, lieber Pate," sagte der erschrockene Arzt, "zündet mir ein neues an, tu es mir zuliebe, damit ich König werde und Gemahl der schönen Königstochter." - "Ich kann nicht," antwortete der Tod, "erst muss eins verlöschen, bevor ich ein neues anbrennen kann." - "So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt, wenn das Andere zu Ende ist," bat der Arzt. Der Tod tat so, als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, brachte ein frisches, großes Licht herbei, aber weil er sich rächen wollte, vertat er sich beim Umstecken absichtlich, und das kleine Stöckchen fiel um und verlosch. Sofort sank der Arzt zu Boden und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.

    11 min
  • #53 Alte Märchen - Das blaue Licht
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Einen treuen Mitarbeiter aus gesundheitlichen Gründen zu entlassen, sollte heutzutage zum Glück nicht mehr vorkommen. Doch wie reagiert ein Soldat aus einem Märchen, wenn sein König ihn einfach fortschickt? Kann das geheimnisvolle blaue Licht ihm vielleicht helfen?

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    Das blaue Licht

    Es war einmal ein Soldat, der hatte dem König lange Jahre treu gedient. Als aber der Krieg zu Ende war und der Soldat, wegen seiner vielen Wunden nicht weiter dienen konnte, sprach der König zu ihm: "Du kannst heim gehen, ich brauche dich nicht mehr. Geld bekommst du auch nicht, denn Lohn erhält nur der, der mir Dienste dafür leistet." Da wusste der Soldat nicht, womit er sein Leben füllen sollte. So ging er voller Sorgen fort und ging den ganzen Tag, bis er abends in einen Wald kam. Als die Finsternis einbrach, sah er ein Licht, dem näherte er sich und kam zu einem Haus, darin wohnte eine Hexe. "Gib mir doch ein Nachtlager und ein wenig Essen und Trinken" sprach er zu ihr, "ich verschmachte sonst." "Oho!" antwortete sie, "wer gibt einem verlaufenen Soldaten etwas? Doch ich will barmherzig sein und dich aufnehmen, wenn du tust, was ich verlange." "Was verlangst du?, fragte der Soldat. "Dass du mir morgen meinen Garten umgräbst."

    Der Soldat willigte ein und arbeitete den ganzen Tag aus allen Kräften. Er konnte aber vor Abend nicht fertig werden. "Ich sehe wohl" sprach die Hexe, "dass du heute nicht weiter kannst. Ich will dich noch eine Nacht behalten, dafür sollst du mir morgen Holz spalten und klein machen." Der Soldat brauchte dazu den ganzen Tag, und abends machte ihm die Hexe den Vorschlag, noch eine Nacht zu bleiben. "Du sollst mir morgen eine ganz kleine Arbeit tun, hinter meinem Hause ist ein alter wasserleerer Brunnen, in den ist mir mein Licht gefallen, es brennt blau und verlischt nie, das sollst du mir morgen wieder heraufholen." Am nächsten Tag führte ihn die Alte zu dem Brunnen und ließ ihn in einem Korb hinab. Er fand das blaue Licht und machte ein Zeichen, dass sie ihn wieder hinaufziehen sollte. Sie zog ihn auch hinauf, doch als er dem Rand nahe war, reichte sie die Hand hinab und wollte ihm das blaue Licht abnehmen. "Nein" sagte er und merkte ihre bösen Gedanken, "das Licht gebe ich dir nicht eher, als bis ich mit beiden Füßen auf dem Erdboden stehe." Da geriet die Hexe in Wut, ließ ihn wieder hinab in den Brunnen fallen und ging fort.

    Der arme Soldat fiel, ohne Schaden zu nehmen, auf den feuchten Boden, und das blaue Licht brannte fort, aber was konnte ihm das helfen? Er sah wohl, dass er dem Tod nicht entgehen würde. Er saß eine ganze Weile traurig dar, griff zufällig in seine Tasche und fand seine Tabakspfeife, die noch halb gestopft war. "Das soll mein letztes Vergnügen sein" dachte er, zog sie heraus, zündete sie an dem blauen Licht an und fing an zu rauchen. Als der Dampf in der Höhle umhergezogen war, stand auf einmal ein kleines schwarzes Männchen vor ihm und fragte "Herr, was befiehlst du?", "Was habe ich dir zu befehlen?, erwiderte der Soldat ganz verwundert. "Ich muss alles tun" sagte das Männchen, "was du verlangst." "Gut" sprach der Soldat, "so hilf mir erst aus dem Brunnen." Das Männchen nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch einen unterirdischen Gang, vergaß aber nicht, das blaue Licht mitzunehmen. Es zeigte ihm unterwegs die Schätze, welche die Hexe zusammengebracht und hier versteckt hatte, und der Soldat nahm so viel Gold, wie er nur tragen konnte. Als er oben war, sprach er zu dem Männchen "nun geh hin, binde die alte Hexe und führe sie vor ein Gericht." Nicht lange, so kam sie auf einem wilder Kater mit furchtbarem Geschrei schnell wie der Wind vorbeigeritten, und es dauerte abermals nicht lang, so war das Männchen wieder zurück. "Es ist alles ausgerichtet" sprach es, "und die Hexe hängt schon am Galgen - Herr, was befiehlst du weiter?", fragte der Kleine. "Im Augenblick nichts" antwortete der Soldat, "du kannst nach Haus gehen. Sei nur gleich bei der Hand, wenn ich dich rufe." "Es ist nichts nötig" sprach das Männchen, "als dass du deine Pfeife an dem blauen Licht anzündest, dann stehe ich gleich vor dir." Daraufhin verschwand es.

    Der Soldat kehrte in die Stadt zurück, aus der er gekommen war. Er ging in den besten Gasthof und ließ sich schöne Kleider machen, dann befahl er dem Wirt, ihm ein Zimmer so prächtig wie nur möglich einzurichten. Als es fertig war und der Soldat es bezogen hatte, rief er das schwarze Männchen und sprach: "Ich habe dem König treu gedient, aber er hat mich fortgeschickt und mich hungern lassen, dafür will ich jetzt Rache nehmen." "Was soll ich tun?" fragte der Kleine. 'Spät abends, wenn die Königstochter im Bete liegt, bring sie schlafend hierher, sie soll Magddienste bei mir tun." Das Männchen sprach "für mich ist das ein leichtes, aber für dich ist das gefährlich, wenn das herauskommt, wird es dir schlimm ergehen." Als es zwölf geschlagen hatte, sprang die Türe auf, und das Männchen trug die Königstochter herein. "Aha, bist du da?" rief der Soldat, "frisch an die Arbeit! Geh, hol den Besen und kehr die Stube." Als sie fertig war, befahl er ihr zu seinem Sessel zu kommen, streckte ihr die Füße entgegen und sprach "zieh mir die Stiefel aus" warf sie ihr dann ins Gesicht, und sie musste sie aufheben, reinigen und glänzend machen. Sie tat alles, was er befahl, stumm und mit halbgeschlossenen Augen. Beim ersten Hahnenschrei trug sie das Männchen wieder in das königliche Schloß und in ihr Bett zurück.

    Als die Königstochter an diesem Morgen wieder aufgestanden war ging sie zu ihrem Vater und erzählte ihm, sie hätte einen wunderlichen Traum gehabt: "Ich ward durch die Straßen mit Blitzesschnelle fortgetragen und in das Zimmer eines Soldaten gebracht, dem musste ich als Magd dienen und alle gemeine Arbeit tun, die Stube kehren und die Stiefel putzen. Es war nur ein Traum, und doch bin ich so müde, als wenn ich wirklich alles getan hätte." "Dieser Traum könnte wahr gewesen sein" sprach der König, "ich will dir einen Rat geben, stecke deine Tasche voll Erbsen und mache ein kleines Loch in die Tasche, wirst du wieder abgeholt, so fallen sie heraus und lassen die Spur auf der Straße." Als der König so sprach, stand das Männchen unsichtbar dabei und hörte alles mit an. Nachts, als es die schlafende Königstochter wieder durch die Straßen trug, fielen zwar einzelne Erbsen aus der Tasche, aber es ergab sich keine Spur, denn das listige Männchen hatte vorher in allen Straßen Erbsen verstreut. Die Königstochter musste wieder bis zum Hahnenschrei Mägdedienste tun.

    Der König schickte am nächsten Morgen seine Leute aus, welche die Spur suchen sollten, aber es war vergeblich, denn in allen Straßen saßen die armen Kinder und lasen Erbsen auf und sagten: "Es hat heut nacht Erbsen geregnet." "Wir müssen etwas anderes ausdenken" sprach der König, "behalte deine Schuh an, wenn du dich zu Bett legst, und bevor du von dort zurückkehrst, verstecke einen davon. Ich werde ihn schon finden." Das Männchen vernahm den Anschlag, und als der Soldat abends verlangte, er sollte die Königstochter wieder herbeitragen, riet es ihm ab und sagte, gegen diese List hätte er kein Mittel, und wenn der Schuh bei ihm gefunden würde, so könnte es ihm schlimm ergehen. "Tu, was ich dir sage," erwiderte der Soldat, und die Königstochter musste auch in der dritten Nacht wie eine Magd arbeiten. Sie versteckte aber, bevor sie zurückgetragen wurde, einen Schuh unter dem Bett.

    Am andern Morgen ließ der König in der ganzen Stadt den Schuh seiner Tochter suchen. Er wurde bei dem Soldaten gefunden und der Soldat selbst, der sich auf Bitten des Kleinen zum Tor hinausgemacht hatte, wurde bald eingeholt und ins Gefängnis geworfen. Er hatte sein Wichtigstes bei der Flucht vergessen, das blaue Licht und das Gold. Er hatte nur noch einen Dukaten in der Tasche. Als er nun mit Ketten belastet an dem Fenster seines Gefängnisses stand, sah er einen seiner Kameraden vorbeigehen. Er klopfte an die Scheibe, und als er herbeikam, sagte er: "Sei so gut und hol mir das kleine Bündelchen, das ich in dem Gasthaus habe liegen lassen, dafür gebe ich dir einen Dukaten." Der Kamerad lief hin, und brachte ihm das Verlangte. Sobald der Soldat wieder allein war, steckte er seine Pfeife an und ließ das schwarze Männchen kommen. "Sei ohne Furcht," sprach es zu seinem Herrn, "geh hin, wo sie dich hinführen, und lass alles geschehen, nimm nur das blaue Licht mit." Am nächsten Tag wurde Gericht über den Soldaten gehalten, und obwohl er nichts Böses getan hatte, verurteilte ihn der Richter doch zum Tode.

    Als er nun hinausgeführt wurde, bat er den König um eine letzte Gnade. "Was für eine?" fragte der König. "Dass ich auf dem Weg noch eine Pfeife rauchen darf." "Du kannst drei rauchen" antwortete der König, "aber glaube nicht, dass ich dir das Leben schenke." Da zog der Soldat seine Pfeife heraus und zündete sie an dem blauen Licht an, und wie ein paar Ringel vom Rauch aufgestiegen waren, so stand schon das Männchen da und hatte einen kleinen Knüppel in der Hand und sprach: "Was befiehlt mein Herr? "Schlag mir da die falschen Richter und ihre Häscher zu Boden, und verschone auch den König nicht, der mich so schlecht behandelt hat." Da fuhr das Männchen wie der Blitz, zickzack, hin und her, und wen es mit seinem Knüppel nur anrührte, der fiel schon zu Boden und traute sich nicht mehr sich zu regen. Der König hatte solche Angst, dass er nur noch bat ihn am Leben zu lassen. Er schenkte dem Soldaten das Reich und seine Tochter zur Frau.

    15 min
  • #52 Alte Märchen - Die kluge Else
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    Hans möchte Else wegen ihrer Klugheit heiraten. Dafür muss sie diese sogar unter Beweis stellen. Werden die beiden heiraten und, kann eine Beziehung auf dieser Grundlage auch wirklich glücklich sein?

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    Die kluge Else

    Es war einmal ein Mann, der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater: "Wir wollen sie heiraten lassen." - "Ja," sagte die Mutter, "wenn nur einer käme, der sie haben wollte!" Endlich kam einer, der hieß Hans und hielt um sie an; er machte aber eine Bedingung, nämlich, dass die kluge Else auch wirklich gescheit wäre. "Oh ja," sprach der Vater, "die hat Zwirn im Kopf," und die Mutter sagte: "Ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten." - "Ja," sagte der Hans, "wenn sie nicht recht gescheit ist, dann nehme ich sie nämlich nicht mit." Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter: "Else, geh in den Keller und hol Bier!" Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr ja nicht langweilig würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Faß, damit sie sich nicht bücken muss und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden davon nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit, dass das Bier hineinlief, wollte sie ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke über sich. Die hatten die Maurer da aus Versehen stecken lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach: "Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, sodass es hier Bier zapft, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt's tot." Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Die Anderen oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam nicht. Da sprach die Frau zur Magd: "Geh doch hinunter in den Keller und sieh nach, wo die Else bleibt!" Die Magd ging und fand sie vor dem Fass sitzen und laut weinend. "Else, was weinst du?" fragte die Magd. "Ach," antwortete sie, "warum soll ich nicht weinen? Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm vielleicht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot." Da sprach die Magd: "Was haben wir für eine kluge Else!" setzte sich zu ihr und fing auch an, über das Unglück zu weinen. Nach einer Weile, als die Magd nicht wiederkam, und die oben durstig auf den Trank warteten, sprach der Mann zum Knecht: "Geh doch hinunter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd bleiben!" Der Knecht ging hinab, da saß die kluge Else und die Magd, und beide weinten zusammen. Da fragte er: "Was weint ihr denn?" -"Ach," sprach die Else, "ach, warum sollte ich nicht weinen? Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und es soll hier Trinken zapfen, dann fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot." Da sprach der Knecht: "Was haben wir für eine kluge Else!" setzte sich zu ihr und fing auch an laut zu heulen. Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer noch nicht kam, sprach der Mann zur Frau: "Geh du doch hinunter in den Keller und sieh nach, wo die Else bleibt!" Die Frau ging hinab und fand alle drei in Wehklagen und fragte nach der Ursache. Da erzählte ihr die Else auch, dass ihr zukünftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke totgeschlagen werden, wenn es groß wäre und Bier zapfen müsste und die Kreuzhacke fiele einfach herab. Da sprach die Mutter gleichfalls: "Ach, was haben wir für eine kluge Else!" setzte sich hin und weinte mit. Der Mann oben wartete noch ein Weilchen, aber als seine Frau nicht wiederkam und sein Durst immer stärker wurde, da sprach er: "Ich muß nun selbst in den Keller gehen und sehen, wo die Else bleibt." Als er aber in den Keller kam und da alle beieinander saßen und weinten und er die Ursache hörte, dass das Kind der Else schuldig wäre, das sie vielleicht einmal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke könnte totgeschlagen werden, wenn es gerade zur Zeit, wo sie herabfiele, darunter säße, um Bier zu zapfen, da rief er: "Was für eine kluge Else!" setzte sich und weinte auch mit. Der Bräutigam blieb lange oben allein, und da niemand wiederkommen wollte, dachte er: "Sie werden unten auf dich warten, du musst auch hingehen und sehen, was sie vorhaben." Als er hinabkam, saßen da fünf Menschen und schrien und jammerten ganz erbärmlich, einer mehr als der andere. "Was für ein Unglück ist hier denn geschehen?" fragte er. "Ach, lieber Hans," sprach die Else, "wenn wir einander heiraten und haben ein Kind, und es ist groß, und wir schicken's vielleicht hierher, Trinken zu zapfen, dann kann ihm ja die Kreuzhacke, die da oben ist stecken geblieben, wenn sie herabfallen sollte, den Kopf zerschlagen. Warum sollen wir da nicht weinen?" - "Nun," sprach Hans, "mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nötig; weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben," packte sie bei der Hand und nahm sie mit hinauf und heiratete sie.

    Als Hans und Else eine Weile zusammen waren, sprach er: "Frau, ich will ausgehen, arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld, und schneid das Korn, sodass wir Brot haben." - "Ja, mein lieber Hans, das will ich tun." Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie am Acker ankam, sprach sie zu sich selbst: "Was tu ich? Schneide ich zuerst, oder esse ich zuerst? Ach, ich will erst essen." Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder: "Was tu ich? Schneide ich zuerst, oder schlafe ich zuerst? Ach, ich will zuerst schlafen." Dann legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er: "Was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, dass sie nicht einmal nach Haus kommt um zu essen." Als es aber Abend wurde und Else immer noch nicht zu Hause war, ging der Hans hinaus und wollte sehen, was sie geschnitten hatte. Aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief. Da eilte Hans geschwind heim, holte Vogelgarn mit kleinen Schellen und hängte es um sie herum; und sie schlief immer noch. Dann lief er nach Hause, setzte sich auf seinen Stuhl und arbeitete. Endlich, als es schon ganz dunkel war, erwachte die kluge Else, und als sie aufstand, rappelte es um sie herum, und die Schellen klingelten bei jedem Schritte, den sie tat. Da erschrak sie, wurde sie irre, und fragte sich ob sie auch wirklich die kluge Else wäre und sprach: "Bin ich's oder bin ich's nicht?" Sie wußte aber nicht, was sie darauf antworten sollte und stand eine Zeitlang auf der Stelle. Endlich dachte sie: Ich will nach Hause gehen und fragen, ob ich's bin, oder ob ich's nicht bin, die werden's doch wissen. Sie lief vor ihre Haustüre, aber die war verschlossen. Da klopfte sie an das Fenster und rief: "Hans, Hans, ist die Else drinnen?" - "Ja," antwortete der Hans, "sie ist drinnen." Da erschrak sie und sprach: "Ach Gott, dann bin ich's nicht," und ging vor eine andere Tür; als aber die Leute das Klingeln der Schellen hörten, da wollten sie nicht aufmachen, und Else konnte nirgends unterkommen. Da lief sie fort zum Dorf hinaus, und niemand sonst hat sie je wieder gesehen.

    11 min
  • #51 Alte Märchen - Die Wichtelmänner
    Ein Märchen der Gebrüder Grimm

    In unserem heutigen Märchen helfen kleine Wichtelmänner einem armen Schuster. Ob die Arbeit der unerwarteten Helfer dem Schuster und seiner Frau ein besseres Leben bereiten kann?

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    Die Wichtelmänner

    Es war einmal ein Schuster ohne seine Schuld so arm geworden, dass ihm am Ende nichts mehr übrig blieb außer ein bisschen Leder zu einem einzigen Paar Schuhe. Nun schnitt er am Abend die Schuhe zu, die wollte er dann am nächsten Morgen mit zur Arbeit nehmen; und weil er ein gutes Gewissen hatte, so legte er sich ruhig zu Bett, befahl sich dem lieben Gott und schlief ein.

    Morgens, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte und sich zur Arbeit niedersetzen wollte, so standen die beiden Schuhe ganz fertig auf seinem Tisch. Er wunderte sich darüber und wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Er nahm die Schuhe in die Hand, um sie näher zu betrachten: sie waren so sauber gearbeitet, dass kein Stich daran falsch war, gerade als wenn es ein Meisterstück sein sollte.
    Bald darauf trat auch schon ein Käufer ein, und weil ihm die Schuhe so gut gefielen, so bezahlte er mehr als gewöhnlich dafür, und der Schuster konnte von dem Geld Leder für zwei Paar Schuhe erhandeln. Er schnitt sie abends zu und wollte am nächsten Morgen mit frischem Mut an die Arbeit gehen, aber er brauchte es nicht, denn als er aufstand, da waren sie schon fertig, und es blieben auch nicht die Käufer aus, die ihm so viel Geld gaben, dass er Leder für vier Paar Schuhe kaufen konnte. Am nächsten Morgen fand er auch die vier Paar fertig; und so ging es immer weiter, was er abends zuschnitt, das war am Morgen verarbeitet, sodass er bald wieder sein ehrliches Auskommen hatte und ein wohlhabender Mann wurde.
    Nun geschah es eines Abends nicht lange vor Weihnachten, als der Mann wieder zugeschnitten hatte. Vor dem Schlafengehen sprach er zu seiner Frau: "Wie wärs, wenn wir diese Nacht aufblieben, um zu sehen, wer uns solche hilfreiche Hand leistet?" Die Frau war damit zufrieden und steckte ein Licht an. Darauf verbargen sie sich in den Stubenecken, hinter den Kleidern, die da aufgehängt waren, und gaben acht. Als es Mitternacht war, da kamen zwei kleine niedliche nackte Männlein, setzten sich vor des Schusters Tisch, nahmen alle zugeschnittene Arbeit zu sich und fingen an, mit ihren Fingerlein so behänd und so schnell zu stechen, zu nähen und zu klopfen, dass der Schuster vor Verwunderung die Augen nicht abwenden konnte. Sie hörten nicht auf, bis alles zu Ende gebracht war und fertig auf dem Tische stand, dann sprangen sie schnell fort.
    Am andern Morgen sagte die Frau: "Die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müßten uns doch dankbar dafür zeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? Ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken. Mach du jedem ein Paar Schühlein dazu." Der Mann sprach: "Damit bin ich wohl zufrieden." Und abends, als sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen, wie die Männlein es entdecken würden. Um Mitternacht kamen sie herangesprungen und wollten sich gleich an die Arbeit machen, als sie aber kein zugeschnittenes Leder, sondern die niedlichen Kleidungsstücke fanden, da wunderten sie sich erst, aber dann zeigten sie eine gewaltige Freude. Mit der größten Geschwindigkeit zogen sie sich an, strichen die schönen Kleider am Leib und sangen

    "Sind wir nicht Knaben glatt und fein?

    was sollen wir länger Schuster sein!"

    Dann hüpften und tanzten sie, und sprangen über Stühle und Bänke. Und am Ende tanzten sie zur Tür hinaus. Von diesem Moment an kamen sie nicht wieder, dem Schuster aber ging es gut, solang er lebte, und ihm gelang alles, was er sich jemals vorgenommen hatte.

    6 min

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