Ein Kommentar von Dagmar Henn.
Wenn man Frankreich in drei Bilder zusammenfassen müsste, wären dies der Eiffelturm für die Technik, Notre Dame für die Geschichte und das bekannteste Gemälde von Delacroix, Die Freiheit führt das Volk, für das schlagende politische Herz des Landes. Frankreich heute lässt sich ebenfalls in zwei Bilder bannen – das brennende Dach von Notre Dame, und ein einzelnes Foto von einer Gelbwesten-Demonstration des letzten Wochenendes.
Jeder hat das Gemälde von Delacroix im Kopf. Die Freiheit, keine Dame, eher eine Wäscherin, hält hoch erhoben die Tricolore, links neben sich einen Jungen mit Baskenmütze und zwei Pistolen, rechts einen Bürger mit Zylinder; barfuß und barbrüstig geht sie voran, über die bereits Gefallenen. Als das Bild, das die Julirevolution 1830 verherrlicht, das erste Mal ausgestellt wurde, mokierte sich das bürgerliche Publikum über ihre plebejische Erscheinung. Heinrich Heine, der im französischen Exil die Ausstellung besuchte, beschrieb diese Reaktion (1):
"Papa!" rief eine kleine Karlistin, "wer ist die schmutzige Frau mit der roten Mütze?" . "Nun freilich", spöttelte der noble Papa mit einem süßlich zerquetschten Lächeln, "nun freilich, liebes Kind, mit der Reinheit der Lilien hat sie nichts zu schaffen. Es ist die Freiheitsgöttin." – "Papa, sie hat auch nicht einmal ein Hemd an." – "Eine wahre Freiheitsgöttin, liebes Kind, hat gewöhnlich kein Hemd, und ist daher sehr erbittert auf alle Leute, die weiße Wäsche tragen." Bei diesen Worten zupfte der Mann seine Manschetten etwas tiefer über die langen müßigen Hände..."
Nicht nur die bloße Brust verbindet dieses Gemälde mit dem Gelbwesten-Foto vom letzten Wochenende.
Obwohl auf diesem Foto ein Mann kniet, mit bloßem Oberkörper, die Hände hinter dem Kopf; die Hose ist ihm nach unten gerutscht, eigentlich eine zutiefst entwürdigende Haltung. Vor ihm ein Polizist mit voller Aufstandsbekämpfungsmontur, Helm, Knieschoner, Weste.
Er hält seine linke Hand flach auf die Brust des Mannes, und daneben hält er mit der Rechten ein Gummigeschossgewehr, aufgesetzt auf die Brust. Auf diese Entfernung abgefeuert, wäre das Geschoss auf jeden Fall tödlich. Die Machtverhältnisse scheinen also klar, wie gewohnt.Der Kniende allerdings blickt nicht nach unten, sondern seinem Bedroher direkt in die Augen. Da ist keine Unterwerfung und keine Furcht. Vor diesem Blick wird die ihm gegenüberstehende Macht zum Trugbild.
Im Gegensatz zu den Demonstrationen der Gelbwesten, die inzwischen bald ein halbes Jahr andauern, in allen großen Städten, jedes Wochenende, und die doch nicht stattzufinden scheinen, wird über den Brand von Notre Dame ausführlich berichtet. Wobei man hinzufügen muss, nicht wirklich über den Brand selbst; da gibt es zwar reichlich Schlagzeilen über Bauarbeiter, die trotz Verbots geraucht haben sollen, aber kaum über die Unwahrscheinlichkeit, dass alte Eichenbalken, die selbst brandrechtlich wie Stahlträger zählen, derart spontan entflammen(1). Nein, berichtet wird besonders gern über die Spendenbereitschaft der französischen Oligarchie.
Josef Joffe, das transatlantische Sturmgeschütz der ZEIT, scheint tief erschüttert über mangelnde Dankbarbeit für diese Spenden: „Der Milliardär Bernard Arnault brachte es auf den Punkt: Er sei "bestürzt, dass man in Frankreich auch dann kritisiert wird, wenn man etwas für das Gemeinwohl tut". Steuerliche Abzüge wolle er nicht. Dito die Milliardärsfamilie Pinault”(2). Was Joffe tunlichst unterschlägt, ist die Vorgeschichte. Nicht nur, dass die genannten Spender erst jüngst von Macron reichlich beschenkt wurden, durch die Abschaffung der Vermögenssteuer auf Finanzanlagen.
2003 wurde per Gesetz auf Anfrage des Spenders die Erstattung von 60% der Spenden für kulturelle Zwecke in Form von Steuerersparnissen ermöglicht. Benannt wurde das Gesetz nach Jean-Jacques Aillagon, ehemals Kulturminister unter Jacques Chirac,