Ein Kommentar von Susan Bonath.
Arbeiten bis zum Umfallen? Mit dem umfassenden Kürzungsprogramm im Zuge der Agenda 2010 senkt die Bundesregierung das Rentenniveau auf unter 45 Prozent und hebt das Eintrittsalter in den Ruhestand schrittweise auf 67 Jahre an. Begleitet von wachsender Altersarmut und ein bisschen nachträglicher SPD-Makulatur ist das Programm noch nicht einmal komplett vollzogen, da rufen erneut die »Markt-Experten« danach, das Rentenalter weiter zu erhöhen. Sonst drohe der Kollaps des Versicherungssystems, tönen sie.
Hintergrund sind neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Jeder sechste Rentner geht danach inzwischen einem Nebenjob nach – Tendenz steigend. Springers Welt weiß natürlich ganz genau warum: Die meisten täten es nicht aus wirtschaftlicher Not. Sie hätten vielmehr einfach Spaß daran, titelte das Blatt.
Einer der Vulgärökonomen, die körperlich schwere Arbeit nur vom Hörensagen kennen und selbst nicht mit Altersarmut kämpfen werden, ist Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Man müsse bis zum Jahr 2050 die Altersgrenze 70 anpeilen. Wer nicht mehr gesund sei, könne ja Erwerbsminderungsrente beantragen, sagte Weidmann zynisch gegenüber dem Handelsblatt.
Auch der Ex-Chef der sogenannten »Wirtschaftsweisen«, Bert Rürup, tauchte 74-jährig aus der Versenkung auf. Der Rheinischen Post erklärte er: »Selbst höhere Zuwanderung kann nicht verhindern, dass in den Jahren 2025 bis 2045 die Erwerbsbevölkerung deutlich zurückgehen und das Wirtschaftswachstum bremsen wird.« Und Rürup setzte auf die Story noch eins drauf: »Nur eine weitere Anhebung des Rentenalters in kleinen Schritten würde die in der Bevölkerungsentwicklung angelegte Wachstumsbremse lockern.«
Untersuchen wir die Realität: Die Arbeiter, vor allem die Niedriglöhner, sollen arbeiten, bis sie in die Kiste fallen, um sich Brot, Butter und Miete leisten zu können. Derweil stecken sich Deutschlands Großaktionäre Milliarden fürs Nichtstun ein. Deutschlands reichste Familie Quandt/Klatten, die sich ihr Vermögen unter anderem durch tödliche Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen (mit hoher »Fluktuation«) im »dritten Reich« zusammen geraubt hatte, kassiert zum Beispiel drei Millionen Euro – PRO TAG!
So mancher glaubt nun, die wachsende Altersarmut liege, wie der neoliberale Sozialabbau insgesamt, an einer aus unerklärlichen Gründen wachsenden Schicht vermeintlicher Faulpelze. Eingewanderte und Geflüchtete sind, neben Hartz-IV-Beziehern, ganz besonders beliebte Sündenböcke. Fehlanzeige: Ökonomie funktioniert nicht wie das Portemonnaie der schwäbischen Hausfrau.
Denn das Beste, was man uns nicht erzählen will, ist Folgendes: Die jährlichen Quandt-Milliarden fließen defacto aus demselben Topf wie die Armutsrenten, die Hartz-IV-Hungerleistungen und andere sozialen »Gaben«, aber auch die Rüstungskosten, sämtliche Staatseinnahmen und Profite aller Unternehmer. Warum? Weil alles, was verteilt wird, letztlich aus dem abgepressten Mehrwert aus produktiver Arbeit stammt. Es hat seinen Grund, warum sich Arbeiter immer mehr ausgeplündert fühlen.
Nehmen wir die H&M-Verkäuferin. Dazu müssen zunächst zur indischen Baumwollspinnerin blicken: Sie stellt Kleidung aus zuvor gepflückter Baumwolle her. Sie schafft etwas Neues, das vermarktet werden muss. Ihr Konzern verkauft die Ware und gibt der Arbeiterin einen Teil als Lohn. Vom Rest zahlt er die Zinsen der Bank, die ihm Kapital vorgeschossen hat, wartet seine Maschinen und steckt sich Profit ein, aus dem er auch Steuern an den jeweiligen Staat abführt.
Der Transportarbeiter bringt sodann die Ware nach Deutschland, wo H&M den Mehrwert durch Verkauf realisieren will. Die Transportkosten, von denen wiederum ein kleiner Teil als Lohn an die Arbeiter geht, zahlt die Handelskette H&M, und schlägt sie am Ende auf die Preise drauf. Ebenso verfährt sie mit dem Lohn der Verkäuferinnen, den Kosten für Zinsen, Werbung, Verkaufsräume,