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n dieser Reihe möchte ich eine Zusammenfassung des Buches "Jesus and the Jewish Roots of Mary" von Brant Pitre bieten. Nicht alles in seinen Ausführungen hat mich völlig überzeugt, und doch fand ich die Ansätze spannend und bedenkenswert. Der Zugang zu den Evangelien über die zeitgenössischen jüdischen Quellen ist ein wertvoller. Denn die alte Kirche erhielt ihre Mariologie – anders wie es protestantische Polemik und pseudowissenschaftliche Enthüllungsdokus bisweilen vorgeben – nicht aus dem Heidentum, sondern aus dem Lesen des Alten Testaments. Maria ist keine Kopie der Isis, keine Inkulturation einer Fruchtbarkeitsgöttin. Maria ist jene jüdische Frau des erste Jahrhunderts, die den Messias geboren hat und deren eigene Existenz ganz und gar vom jüdischen Verständnis dieses Messias her zu sehen ist.
Wo stehen wir nun, am Ende dieser Überlegungen. Wer war Jesus gewesen? Was können wir über ihn wissen? Es liegt in der Natur der geschichtlichen Forschung, haben wir gesagt, dass sie nicht Naturgesetze untersucht. Sie wird – obwohl sie eine Wahrheitssuche ist – für viele Dinge nie die gleiche Sicherheit reklamieren können, als die Logik oder die Naturwissenschaft. Denn Geschichte untersucht Kontingentes – also Mögliches – Dinge die so sein, oder nicht so sein können. Zugegeben, jemand von dem behauptet wird, er sei Gott gewesen, habe Wunder vollbracht und durch seinen Tod die Welt gerettet, klingt nicht nach dem was viele für „Möglich“ halten. Doch der eigentliche Grund dafür ist nicht die geschichtliche Untersuchung selbst, sondern ein ideologischer Vorentscheid: das, was ich mit meinen Sinnen betaste und begreife; was sich einfügt in bekannte Ketten der Kausalität ist nicht nur der Umfang meines natürlichen Verstehens, sondern auch der Umfang von allem, was existieren kann. Meine Erfahrung, meine Sinne und meine Vernunft sind das Maß des Universums – wenn nicht quantitativ, dann immerhin qualitativ. Man nennt diese Ideologie Naturalismus. Es gibt keinen Gott, nichts Höheres, nicht Geistiges. Es gibt nur das Materielle in einer seiner Formen. Daher muss alles eine natürliche, materielle Erklärung besitzen. Lese ich vom einem Wunders bin ich nicht nur skeptisch, sondern weiß, dass es nicht so gewesen sein kann. Denn als Ideologie ist der Naturalismus wie jede Ideologie in sich geschlossen. Sie definiert im Vorfeld, was sein und nicht sein kann. Sie limitiert die Wirklichkeit auf das, was ihr zugänglich erscheint. In dieser Perspektive haben die vorangegangenen Ausführungen wohl wenig Definitives geboten – wenig, was eine neue Sicht erzwingt. Aber dies konnte ohnehin nie mein Ziel sein. Ich bin zufrieden, wenn es mir gelungen ist zu zeigen, dass das Bild von Jesus, das wir besitzen, viel glaubwürdiger ist, als viele dies vielleicht annehmen würden. Jesus ist keine von Legenden völlig verfremdete, unbekannte, vielleicht sogar unhistorische Figur. Behaupten kann man dies natürlich immer noch – aber man muss es gegen das Gewicht einer Fülle von Evidenzen tun: gegen die für die Antike unvergleichliche Quellenlage; gegen die als verlässlich zu beschreibende Weitergabe der Texte, gegen die interne und externe Bezeugung der Schriften; gegen ihr literarisches Genre, das zur Geschichtsschreibung gehört; gegen die Charakteristiken, die für eine Nähe zu Augenzeugen sprechen; gegen die historische Glaubwürdigkeit durch archäologische Bestätigung; gegen die Vernünftigkeit einer frühen Datierung; entgegen der deutlichen Unterschiede zu den klar erfundenen Apokryphen; gegen die jüdische Deutungsperspektive, die den göttlichen Anspruch als Gemeingut aller vier Evangelien ausweist, und gegen anderes, das ich versucht habe, hier zusammenzufassen. Es spricht vieles dafür, dass die Evangelien ein authentisches Bild der Person Jesu und seines Selbstverständnisses überliefern. Es spricht vieles dafür, dass uns in den Seiten des Neuen Testaments der selbe Jesus begegnet, der das Leben, die Lehren und die Mission seiner ersten Jünger geformt und geprägt hat.
Als letztes Kapitel vor der Zusammenfassung, möchte ich die Auferstehung zum Thema nehmen. Sie ist wichtig, um das Christenum als Bewegung überhaupt erklären zu können. Die liberale Theologie hat viele Theorien in die Welt gesetzt: von den Betrugsthesen der enttäuschten Jünger, die nicht an den Arbeitsplatz zurückkehren wollten bis zu einer „spirituellen Deutung“ der Auferstehung. Erst später durch Mythenbildung habe man diese geistige Auferstehung durch eine leibliche ersetzt. Aber können solche Theorien erklären, warum die christliche Bewegung sich nicht wie alle anderen messianischen Bewegungen, die es im Judentum der damaligen Zeit gab, nach dem Tod ihres Gründers verlor? Viel kann man ja spekulieren über die „seelischen Zustände der zurückbleibenden Apostel“. Aber eine Antwort muss auch Rechenschaft geben über das enorme Wachstum der Bewegung gerade in Jerusalem, wo jeder Gegner auf das Grab Jesu hätte hinweisen können. Die Leute waren in der Antike nicht leichtgläubiger als heute, wie die Erzählung vom Apostel Thomas zeigt - Oder man denke an die Reaktion der anderen Jünger, als die Frauen vom leeren Grab zurückkehrten. Skepsis ist keine moderne Erfindung. Zudem muss man erklären, wie ein Paulus, der zunächst entschiedener Gegner des Christentums war und es aktiv verfolgte und bekämpfte, zum Glauben an die Auferstehung kam. Der Tod Jesu war für Menschen wie Paulus kein Ereignis, das sie im Schock psychisch verdrängen wollten und sich daher die Geschichte der Auferstehung einbildeten, wie man es für die Apostel behauptet hat. Und Paulus ist offensichtlich auch nicht egal, was im Grab passierte: „Wenn Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist unser Glaube sinnlos“. Er verkündet diesen Glauben nicht in Opposition zu den Aposteln, die das leere Grab als zentralen Gegenstand ihrer Botschaft sahen. Der Umstand des leeren Grabes wurde zudem weder in römischen Berichten, noch unter den Juden bestritten. Die These, welche offensichtlich unter den Juden in Umlauf war, leugnete nicht das leere Grab, sondern behauptete dass die Jünger den Leichnam Jesu gestohlen hätten (Vgl. Mt 28,15). Hier allerdings stellt sich dann die Frage, warum die Jünger - die somit nichts weiter als Betrüger gewesen wären - ihr entbehrliches Leben, Verfolgung, Gefangenschaft und Tod in den Kauf genommen haben – nicht für die Chance auf Status, Anerkennung, Herrschaft und irdischen Gewinn, sondern eine Botschaft von Demut, Hingabe und Liebe selbst für den Feind – alles basierend auf der Lehre eines, wie sie wussten, falschen Propheten.
Dass Jesus gekreuzigt wurde ist als Fakt nicht umstritten. Nur islamische Apologeten müssen das Gegenteil behaupten, damit ihr Prophet nicht falsch gelegen hat. Für Mohammed war es nämlich nicht vorstellbar gewesen, dass ein Gerechter Gottes, ein Prophet, einen solch schändlichen Tod erleiden würde. Und schändlich war der Kreuzestod, wie Josphus in seinem Werk über den Jüdischen Krieg (7.203) deutlich macht. Auch Paulus richtet die Worte an die Gemeinde von Korinth: Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Die Kreuzigung war gewiss nicht das Ende, das die Jünger für ihren Meister hatten kommen sehen, als sie darüber stritten, wer von ihnen im messianischen Reich größer sein werde. Erst mit der Auferstehung beginnen die Jünger wirklich zu begreifen, dass das mehrmals von Jesus angekündigte und schließlich eingetroffene Leiden kein Unfall, kein trauriges Schicksal, sondern der zentrale Teil seiner Sendung gewesen war. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingegeben hat. (Joh 3,16). Die Jünger begreifen langsam die Bilder des Alten Bundes: Abraham und Isaak, die typologische Bedeutung der Opfer am Versöhnungstag Jom Kippur; das Paschalamm, dessen Blut am Holz die Israeliten in Ägypten gerettet hatte, wie nun das Blut des Gotteslammes am Holz des Kreuzes die Menschen aus der Sünde rettete. Aber im Geschehen selbst schien das Kreuz eine Katastrophe für die Jünger des Messias. Sie flohen fast allesamt und versteckten sich. Warum nun wurde Jesus verurteilt. War er ein politisches Opfer geworden? Hatte er mit seiner Vertreibung der Händler aus dem Tempel für Aufruhr gesorgt und war damit weniger Opfer als vielmehr zu Recht gestrafter Täter? Hatte man ihn verhaftet, weil er von der Zerstörung des Tempels gesprochen hatte? Jene, die behaupten, Jesus hätte sich selbst nicht als göttlich verstanden, müssen unter solchen Dingen ihre Erklärung für den Tod Jesu suchen. Aber der Grund für das Todesurteil in den Evangelien ist ein anderer.
Es ist eine häufige Annahme, in den Evangelien eine gewisse Progression – einen Fortschritt – zu sehen. Zwischen dem ersten – Markus – und dem letzten – Johannes - liegen einige Jahrzehnte und glaubt man dieser althergebrachten Meinung hat sich in jener Zeit der Glaube der Kirche stark entwickelt – ja mehr noch, er entstand erst so richtig, vor allem was die Figur Jesu betraf. Aus dem jüdischen Wanderrabbi sei mehr und mehr der Gottessohn geworden. Eine oberflächliche Lektüre der Evangelien scheint dieser These recht zu geben. Die Aussagen über die Gottheit Jesu im Johannesevangelium sind nicht zu übersehen. Allein schon der Prolog vom Fleischgewordenen göttlichen Wort hat wenig mit die Vorstellung eines bloß weisen Lehrers gemein. In den ersten drei Evangelien hingegen wird Jesus zwar keinesfalls als gewöhnlicher Mensch hingestellt, aber die großen Ansprüche, er sei ein präexistentes, göttliches Wesen scheinen zu fehlen. Aber hier wurden bereits im 19. Jahrhundert die Weichen falsch gestellt. Zu lange hat man ignoriert, dass die Evangelien in ihrem jüdischen Kontext gelesen werden müssen - ein Mangel, den man erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts langsam begann zu beheben. Jesus war Jude, seine ersten Jünger waren Juden, Markus und Matthäus waren Juden. Es scheint also nicht angebracht, einfach nur nach Stellen zu suchen, in denen Jesus nach unserer Vorstellungen deklariert: „He. Ihr da. Ich bin Gott“. Ein jüdischer Messias benutzte – wenn überhaupt – keine moderne, westliche, sondern eine jüdische Ausdrucksweise um seine Ansprüche geltend zu machen. Die Weise in der Jesus dies getan hat, ist, wie wir sehen werden, bezeichnend. Sie ist anders als im Johannesevangelium, aber sie steht ihr in der Deutlichkeit nichts nach.
Auch abgesehen von der Autorenfrage, die wir - soweit wir können - nun behandelt haben, ist die dabei zu Tage getretene frühe Datierung der Evangelien bedeutsam für die Frage, wer Jesus war. Je kürzer der Zeitraum, desto weniger bleibt für Legendenbildung und „theologische Ausschmückung“. Vor allem aber sind frühe Berichte der Kritik und dem Widerspruch jener Generation ausgesetzt, die selbst Zeuge der Geschehnisse geworden ist. Untersuchen wir daher nun die Evangelien und sehen wir uns dabei das Jesusbild an, das sie entwerfen. Beginnen wir mit den Prophezeihungen des Alten Bundes, die er erfüllt haben soll. Diese Frage wird uns helfen zu verstehen, warum die Jünger überhaupt an Jesus glaubten.
In den vorangegangenen Episoden haben wir gesehen, dass das Genre der Evangelien eine historische Absicht hat; dass eine ursprünglich anonyme Weitergabe unwahrscheinlich ist, und es keinen triftigen Grund in- oder ausserhalb der Texte gibt, eine späte Entstehung anzunehmen. Für mindestens Markus und Lukas lassen sich die frühen 60er als Entstehungszeitpunkt schlüssig argumentieren. Damit können die Evangelien durchaus von Augenzeugen verfasst worden sein oder – im Fall der beiden genannten - direkt auf Augenzeugenberichten beruhen. --- Sie „können“. Ist es möglich aus der „Möglichkeit des 'Könnens'“ eine größere Gewissheit zu machen. Was spricht in den Evangelien noch dafür, dass sie auf Augenzeugenberichten basieren?
Die zum Teil wilden Spätdatierungen der Evangelien im 19. Jahrhundert gehören dank Forschung und Archäologie weitgehend der Vergangenheit an. Als typische Festlegung nennt man heute für Markus ein Datum von etwas nach 70. Matthäus und Lukas sollen 80-85 geschrieben haben und Johannes 90-95. Dies ist keineswegs ein gewaltiges Zeitloch – wir reden von 4-6 Jahrzehnten nach der Kreuzigung - und damit sind diese Texte immer noch kompatibel mit dem Anspruch Augenzeugenberichte zu sein - oder auf Augenzeugenberichten zu basieren. Nur zum Vergleich: Man kann selbst im Jahr 2020 – 75 Jahre nach dem Kriegsende – immer noch Augenzeugen befragen, welche die letzten Tage des 2. Weltkrieges als Erwachsene selbst erlebt haben. Die heutige Standard-Datierung ist also kein Hinderniss. Allerdings ist es interessant sich anzusehen, wie diese Datierung der Evangelien eigentlich zustande gekommen ist.
1800 Jahre lang hat man die Evangelien weitgehend als historische Berichte aufgefasst. Schon im zweiten Jahrhundert bezeichnet Justinus die Evangelien als „Memorien“ der Apostel – im Griechischen ein Wort aus der biographischen Tradition. Dieser Konsens der Jahrhunderte begann, wie wir gesehen haben, mit dem Skeptizismus und Naturalismus der Aufklärung in Frage gestellt zu werden. Die Folge waren unzählige, zum Teil abenteuerliche Entwürfe zur Person Jesus. Einige von ihnen stellten sich im Zuge der Forschung als unhaltbar heraus, andere wirken bis in die heutige Zeit hinein. Immer noch gibt es Vertreter der liberalen Theologie, die in den Evangelien mehr oder minder Volksmärchen ohne historisches Interesse an der Person Jesu sehen. Schließlich würden die Evangelien uns wenig über die Persönlichkeit Jesu; nichts über sein Erscheinen, seinen Charakter, seine Bildung, seine Entwicklung lehren. So - beschwerte sich schon Rudolf Bultmannn. Er wertete dies als Indiz für eine andere Absicht der Verfasser. Bart Ehrman, einer der einflussreichsten liberalen Theologen der Gegenwart vor allem im angelsächsischen Raum, denkt die Evangelien würden hauptsächlich Geschichten berichten, nicht weil sie wirklich passiert sind, sondern weil sie ein Jesusbild zeichnen, an das die frühe Kirche glauben wollte. Es seien Märchen zur Illustration – zur Ausgestaltung einer zentralen und wichtigen Figur. Der historische Kern selbst sei dabei sehr klein und ließe sich ungefähr so zusammenfassen: ein jüdischer Wanderprediger mit Hang zur Endzeitrede, aber reformorientierten Moralvorstellungen, fand ein tragisches Ende durch die Hand der Römer. Das war's. Aber sind das faire Charakterisierungen der Evangelien oder ist es einfach die Frucht einer ideologischen Vorentscheidung? Die Antwort darauf finden wir nicht in abstrakten Theorien, sondern am ehesten, wenn wir uns neuerlich den Quellen zuwenden. Was wollen die Evangelien sein? Welche Anhaltspunkte finden wir in den Texten selbst? Welche Werke aus jener Epoche sind am ehesten mit den Evangelien vergleichbar? Was meinten die ersten Leser der Evangelien in den Händen zu halten?
Apokryph kommt – wenig überraschend – aus dem Griechischen und heisst so viel wie „verborgen“. Es geht also um Schriften, die entweder vorgeben verborgene, geheime Informationen zu enthalten, oder deren Entstehungsgeschichte obskur und in diesem Sinne verborgen ist. Aber so obskur sind die Apokrpyhen heute gar nicht mehr. Denn in den vergangenen Jahren gab es kaum ein Weihnachts- oder Osterfest an dem die Medien uns nicht sensationslüstern einen „neuen“, einen „wahren“, einen radikal anderen Jesus verkauft hätten. Und wo hatten sie diesen gefunden? In den Apokryphen: dem Thomasevangelium, dem Judasevangelium, dem Petrusevangelium. Großartige Enthüllungen, die von einer machtbesessenen Kirche unterdrückt worden sind? Historisch richtig ist hingegen, dass wir lange von der Existenz vieler dieser Schriften überhaupt nur durch kirchliche Autoren gewusst haben. Sie zitierten diese Texte und argumentierten gegen sie, weil sie diese als späte, nicht authentische Erfindungen ablehnten oder eine Vermischung mit anderen Einflüssen sahen. Von manchen, dieser vormals nur unvollständig bekannten Schriften, hat man in der Zwischenzeit nun auch Fragmente oder sogar weitgehend vollständige Kopien gefunden.
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