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In Episode 5 haben wir das Markusevangelium besprochen. Hier machen wir nahtlos weiter mit den restlichen Evangelien. Wer eine Auffrischung braucht, was wir hier eigentlich unternehmen, sieht sich am besten einfach nochmal den Beginn der letzten Folge an.
Wenn die Evangelien nicht anonym verfasst wurden, wie wir in der letzten Folge gesagt haben, liegt es nahe bei der Autorenschaft dort zu beginnen, wo man eigentlich bei jedem Schriftwerk beginnen würde: nämlich beim Text selbst. Welche Angaben finden wir hier? Wir habe die sogenannten „Titel“ der Evangelien: Evangelium nach Matthäus, Evangelium nach Markus, Evangelium nach Lukas und Evangelium nach Johannes. Verschiedene Kritiker haben darauf hingewiesen, dass sich die Formulierung der Titel in den Manuskripten unterscheiden kann. In manchen Manuskripten steht „evangelion kata ioannen“, bei anderen wird „evangelion“ weggelassen – da steht dann nur kata ioannen. So behaupten einige, dass die Titel und damit die Autoren wegen diesen Varianten nicht ursprünglich sein könnten. Sie müssten eine spätere Zuschreibung sein. Das allerdings widerspricht jeder Regel der Textkritik. Denn gerade was die Namen(!) der Autoren betrifft gibt es eben keine Variation. Mag es sich bei der Formulierung „evangelion“ um einen Zusatz bzw eine Kürzung handeln – für die Attribution selbst triff dies nicht zu. Und genau um die geht es hier. Noch ein Hinweis, bevor wir uns den möglichen Autoren zuwenden. Wir untersuchen hier nicht die Frage, ob der Text, so wie wir ihn heute haben, exakt in dieser Form von jenen Evanglisten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes zu Papier gebracht wurde. Es ist möglich, dass wir etwa eine griechische Übersetzung eines Evangeliums benutzen, dass von seinem Autor ursprünglich auf Hebräisch geschrieben worden ist. Genau das wird zum Beispiel schon in der Antike für das Matthäusevangelium behauptet. Auch ein Redaktor als Zwischenglied zu unserem heutigen Text ist denkbar und kein Problem. Niemand würde etwa auf die Idee kommen, eine gekürzte, editierte oder sogar durch Kommentare erweiterte deutsche Übersetzung von „I Promessi Sposi“ einem anderen als ihrem ursprünglichen Autor Alessandro Manzoni zuzuschreiben. Für uns geht es hier also nur um die Frage, ob der Text substantiell und inhaltlich auf jenen Autor zurückgehen könnte, den die Evangelien selbst nennen. Und wir werden versuchen, möglichst viel über diese Autoren herauszufinden - aus dem Text selbst und aus anderen Quellen.
In der vorletzten Folge habe ich versucht, einen kurzen Überblick über die Theorien zum historischen Jesus zu bieten, die in der Vergangenheit konstruiert worden sind. Gemein ist allen die Skepsis gegenüber den Evangelien und viele behaupten, die Texte seien zu spät entstanden, als dass sie geschichtlich zuverlässig wären. Über weite Strecken ist diese Skepsis eine rein ideologische Entscheidung ohne echte Grundlage. Das heißt man hat die späte Entstehung der Evangelien einfach behauptet, damit man genug Zeit zwischen Jesus und den Evangelien hatte, um die eigene Theorie irgendwie hineinzubasteln. Die letzte Folge konnte hier schon etwas Klarheit bringen. Denn die Forschung hat durch den Fund zahlreicher Papyri in den letzten 150 Jahren das Zeitfenster enger begrenzt und manche These damit vor grobe Probleme gestellt. Konnte man im 19. Jahrhundert noch vollmundig behaupten das Johannesevangelium sei frühestens Ende des 2. Jahrhunderts entstanden, besitzen wir heute Papyri wie P52 - ein Fragment des Johannes-Evangeliums, das üblicherweise auf die Jahre 125 bis 175 datiert wird. Dennoch gibt es alte Theorien, die sich gehalten haben. Eine davon stützt sich auf die Formkritik. Die Formkritik ist ein Werkzeug der sogenannten historisch-kritischen Methode. In der Formkritik untersucht man – absolut sinnvoller Weise - zu welcher Art – zu welcher Gattung – ein bestimmter Text gehört. Handelt es sich um einen historischen Text, ist es ein poetischer Text, reden wir von Hymnen oder einem Brief.... usw Im 19. Jahrhundert wurde nun die Idee populär, bei den Evangelien handle es sich um Volksmärchen. Das heißt, das Volk habe sich – mit leichten Varianten, wie bei Märchen üblich – Geschichten über Jesus erzählt, diese angehört und weitererzählt ... und weitererzählt … und weitererzählt, bevor sozusagen ein paar Gebrüder Grimm und ein Hans Christian Andersen der Antike das ganze gesammelt und in eine geschriebene Form gebrachte haben. Und damit diese geschriebene, fertige Form auch Autorität besitzt, hat irgendwann, irgendjemand, irgendeinen Namen eines Apostels hinaufgeklebt. Evangelium nach Matthäus. Evangelium nach Johannes und so weiter. Billiger Etikettenschwindel also. Laut dieser Theorie basieren die Evangelien demnach nicht auf Augenzeugenberichten, wie ihre Titel gefälschter Weise behaupten, sondern sind die Frucht vieler Geschichtenerzähler. 100 Jahre oder so seien die Geschichten anonym durch die Welt getragen worden. Dann erst seien die Evangelien entstanden, wie wir sie heute besitzen, meint etwa der Bart Ehrmann. Dass solche späten und ursprünglich anonymen Quellen historisch nicht als allzu zuverlässlich gelten können, versteht sich von selbst. Diese Schule der Formkritik ist bis heute in manchen Kreisen populär, auch wenn die extreme Spätdatierung durch Papyri-Funde, wie gesagt, weitgehend widerlegt ist. Aber gibt es denn Belege wenigstens für die Grundidee der „Volksmärchen“Theorie? Waren die Evangelien denn jemals anonym? Waren sie die Frucht einer langen Erzähltradition? Sind sie auf diese Weise entstanden?
Für die Frage nach der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien ist nicht unerheblich wie verlässlich unsere Quellen überhaupt sind. Haben wir jenen Text in der Hand, der dem usprünglichen gleicht? Wurden die Evangelien nicht durch das ständige Kopieren verfälscht? Grundsätzlich gilt: je mehr Kopien und je älter die Kopien, die zudem keine wesentlichen Unterschiede aufweisen, desto besser ist die Quellenlage und desto zuversichtlicher kann man als Historiker sein. Zwar geben Quellen, auch wenn es viele sind, per se noch keine Auskunft darüber ob sie auch tatsächlich Historisches berichten, aber wenigstens kann dann die Weitergabe des ursprünglichen Textes als verlässlich oder unverlässlich eingestuft werden.
Der Naturalismus begann seinen Triumphzug in der Aufklärung. Hatte man bis weit hinein in die Neuzeit den Evangelien samt ihren Wunderberichten zugestanden, dass sie getreu das Bild und Selbstverständnis Jesu vermittelten, begann diese Vorstellung nun zu bröckeln - wenn auch sehr unterschiedlich. Während die französische Aufklärung relativ rasch in skeptischen und materialistischen Atheismus umschlug, galt gleiches nicht für England. Dort versuchten Locke, Hume und ihre Zeitgenossen vielmehr zu zeigen, dass das Christentum die erhabenste Ausprägung der Vernunft und der natürlichen Religion des Menschen sei. Diesem Kurs folgt man auch weitgehend in Deutschland. Für Lessing war Jesus ein zuverlässiger Lehrer großer Lehren. Für Kant hatte Christus das Ideal des gottgefälligen Menschen verkörpert. Hegel und Schleiermacher gingen andere Wege aber ganz generell kann man für die Aufklärung sagen: der Fokus liegt auf dem Menschen, der Größe seiner Vernunft und der Größe seiner moralischen Leistung. Religion wird zwar nicht überall abgelehnt, aber fundamental umgeformt. Sie wird naturalistisch – das heißt, alle ihre Phänomene werden dem Verstand unterworfen. Es gibt keine Wunder und keine Offenbarung. Geschichtlichkeit spielt keine Rolle mehr. Es geht um allgemeingültige, zeitlose Lehren und eine Lebenspraxis nicht im Dienst einer Gottheit, sondern im Dienst des Staates. Nicht Gotteskind, sondern „Bürger“ soll der Mensch sein. Damit wird alles auf das Diesseits bezogen.
Atheisten haben nicht unrecht. Wenn jemand behauptet, Gott zu sein, dann ist Skepsis durchaus angebracht. Aber: Was, wenn das Verhalten jener Person keineswegs von Verwirrung oder Größenwahn zeugt; Was, wenn die Person sehr offensichtlich keinen irdischen Vorteil aus dem Anspruch zieht; weder Reichtum, Macht noch Anerkennung sucht: wenn sie andere nicht ausbeutet, weder emotional noch in anderer Form? Was, wenn die Botschaft edel und stimmig ist; wenn sie tiefe Wahrheiten menschlicher Erfahrung berührt und mehr noch Licht bringt, in das Dunkel unseres Daseins in der Welt? Was, wenn die Gebote, welche diese Person aufstellt, den Weg zu Frieden und Zufriedenheit zeigen? Was, mehr noch, wenn die Botschaft nach vielfachen Berichten durch staunenswerte Zeichen in ihrem göttlichen Ursprung beglaubigt worden sein soll? Sollten auch dann automatisch Zwangsjacken zum Einsatz kommen? Skepsis gegenüber göttlichem Anspruch ist gerechtfertigt – und diese Skepsis war dem antiken Menschen übrigens genauso zu eigen, wie dem modernen. Die Frage ist hier vielmehr: Was wenn die berechtigte Skepsis auf eine Wirklichkeit stößt, welche skeptisch gegenüber der Skepsis macht?
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