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Johannes Becker spricht mit Stefan Willer (HU Berlin) über sein Buch Präventionsfantasien. Zukunftssicherung in der Gegenwartsliteratur (Berlin: De Gruyter 2026). Darin untersucht er, wie literarische und filmische Fiktion und präventives Zukunftsdenken zusammenhängen.
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Becker versteht Prävention als den Versuch, die Zukunft durch Vorstellungen von Sicherheit berechenbarer zu machen. Sie erscheint als gesellschaftliche Technik, die Zukunft gestaltet, indem sie bestimmte Entwicklungen verhindern will. Eine lückenlose Kausalität zwischen Gegenwart und Zukunft lässt sich allerdings nicht herstellen, die Zukunft bleibt immer offen. Präventive Maßnahmen können den Raum des Möglichen zwar beeinflussen, aber nie vollständig kontrollieren und sind daher auf Fiktionen angewiesen. Wie lässt sich dieser Möglichkeitsraum in Literatur und Film gestalten?
Daniel Suarez’ Daemon-Reihe zieht eine von Gaming und Online-Rollenspielen inspirierte Parallele zwischen präventiver Handlungsmacht und fiktionaler Handlung. Der oft beschworene Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit wird dabei aufgelöst: Sicherheitsmaßnahmen erscheinen nicht als Einschränkung, sondern als Zugewinn an Freiheit, sofern sie auf gemeinschaftlichen Beteiligungs- und Entscheidungsprozessen beruhen. Mit ihrer Vision einer technologisch geprägten Utopie steht die Reihe zugleich in der Tradition marxistisch inspirierter Science-Fiction.
Einen anderen Weg geht Jeff Nichols’ Film Time Shelter. Statt das Panorama einer ganzen Gesellschaft zu entwerfen, richtet er den Blick auf die Zukunftssicherung im Privaten. Becker liest den Film im strukturalistischen Sinne als fantastische Erzählung, in der innerhalb einer fiktionalen Wirklichkeit zwei Wirklichkeiten nebeneinander bestehen, aus deren Gleichzeitigkeit die Spannung entsteht. In Colson Whiteheads Zombie-Roman Zone One ergibt sie sich dagegen aus der Erschütterung der zeitlichen Ordnung. Diskrepanzen zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit lenken den Blick auf das Verhältnis von Sicherheit der Verlässlichkeit fiktionalen Erzählens.
Die Analysen machen eine gemeinsame Tendenz in Literatur und Film sichtbar: Drohendes Unheil soll abgewendet werden, indem es benannt und vorgestellt wird. In Katja Thomas’ Satz »Wenn ich es mir vorstelle, wird es niemals geschehen« nimmt diese Vorstellung beinahe die Form magischen Denkens an.
Die Darstellung unheilvoller Gegenwart und bedrohlicher naher Zukünfte erfüllt mehrere Funktionen. Einerseits kann sie entlastend wirken, weil Risiken erzählbar und damit greifbar werden. Andererseits eröffnen Unheilsszenarien, die in der unmittelbaren Gegenwart verortet und über soziale Nahbeziehungen vermittelt werden, neue Möglichkeiten literarischer und künstlerischer Weltgestaltung. So erweitern Literatur und Film unsere Vorstellungen davon, was Gegenwart und Zukunft sein könnten.
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Johannes Becker studierte Neuere deutsche Literatur, Amerikanistik und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er arbeitet als Schriftsteller und Übersetzer und war von 2014 bis 2017 Doktorand im von Stefan Willer geleiteten Projekt Sicherheit und Zukunft. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Security Studies am ZfL. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL und leitete dort unter anderem die Projekte Übersetzungen im Wissenstransfer (2014–2016) und Prognostik und Literatur (2010–2013).
www.zfl-berlin.org
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Das Buch:
Johannes Becker: Präventionsfantasien. Zukunftssicherung in der Gegenwartsliteratur. Berlin: De Gruyter 2026
Besprochene Werke:
Becker, Hannes: Die Symptome von Ingolstadt, Bayerischer Rundfunk, 5.10.2018
Die schlaue Maus, Choreografie und Regie: Vasna Aguilar und Henri Hüster, Text und Dramaturgie: Hannes Becker, Klabauter Theater Hamburg 2025
Suarez, Daniel: Daemon. Los Angeles: Verdugo Press 2006
_: FreedomTM. New York: Dutton 2010
Take Shelter. Regie: Jeff Nichols, Drehbuch: Jeff Nichols. Hydraulx Entertainment, Rei Capital, Grove Hill Productions, Strange Matter Films, USA 2011
Whitehead, Colson: Zone One. New York: Doubleday 2011
Thomas, Katja: Jetstream und andere Texte. Tübingen: Edition J.J. Heckenhauer 2019
Zeh, Juli: Corpus Delicti. Ein Prozess. Frankfurt a.M.: Schöffling 2009
Weiterführende Literatur:
Becker, Johannes/Benjamin Bühler/Sandra Pravica/Stefan Willer (Hg.): Zukunftssicherung. Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: transcript 2019
Bühler, Benjamin/Stefan Willer (Hg.): Futurologien. Ordnungen des Zukunftswissens. München: Wilhelm Fink 2016
Hannig, Nicolai: Prävention, Vorsorge, in: Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland, hg. von Ernst Müller, Barbara Picht und Falko Schmieder. Basel: Schwabe 2024 ff.
Pravica, Sandra: (In-)Security. Sicherheit und Nichtverfügbarkeit, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 6.1 (2017), 41–48
Rinck, Monika: Wirksame Fiktionen. Göttingen: Wallstein 2019
Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur, aus dem Franz. von Karin Kersten, Senta Metz und Caroline Neubaur. Berlin: Wagenbach 2013
Willer, Stefan: Ahnen und Ahnden. Zur historischen Semantik des Vorgefühls um 1800, in: Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 6.1 (2017), 31–40
Sophie-C. Hartisch spricht mit Eva Geulen (beide ZfL) über ihr Buch Stern und Kosmos. Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900 (Göttingen: Wallstein 2026). Darin zeigt sie, dass die allgegenwärtige Beschäftigung mit der Sternenwelt um 1900 sich nur in einer gattungs- und disziplinenübergreifenden Perspektive erschließen lässt.
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Der Blick in den Sternenhimmel ist besonders in der Lyrik der Jahrhundertwende präsent. Astrale Konstellationen sind nicht nur ein häufiges Gedichtmotiv, sondern stehen auch in enger Beziehung zur Form der Gedichte selbst. In den Formexperimenten Stéphane Mallarmés erkennt Paul Valéry beispielsweise den Versuch, den Kosmos auf Papier zu bannen. In den dunklen Umrissen der Schrift auf dem hellen Blatt sieht er die visuelle Inversion der hellen Sterne vor dem dunklen Firmament. Zugleich sprengen Mallarmés Konstellationen die lineare Ordnung der Schrift auf. Dies zeuge vom Verlust von Ganzheit und Kontinuität in der Moderne, den Georg Lukács als transzendentale Obdachlosigkeit beschreibt.
Die materialreiche Studie erzählt jedoch nicht nur diese wirkmächtige Verlustgeschichte. Sie macht vielmehr sichtbar, wie stark um 1900 auch Vorstellungen von Kontinuität und Verbundenheit im Astralen fortwirken. Das zeigt sich in der anhaltenden Annahme eines Zusammenhangs zwischen kosmischer und moralischer Ordnung ebenso wie bei Denkern wie Georg Simmel, für den der Blick in den Sternenhimmel das alle Menschen Verbindende darstellt. Das Vertrauen in den vereinenden Sternenhimmel drückt sich um 1900 auch in der Mythenforschung, der populären Planetenlandschaftsmalerei und der wiederauflebenden Begeisterung für die Astrologie mit ihrem Versprechen von Ganzheit aus.
Wie unterschiedlich das Astrale gedeutet wurde, zeigen seine politischen Aneignungen im frühen 20. Jahrhundert. Im George-Kreis etwa diente der Bezug auf den Sternenhimmel dazu, eine klar abgegrenzte und hierarchisch geordnete Gemeinschaft zu begründen. Die Berufung der mit George verbundenen Kosmiker auf einen über die ›Blutlinie‹ geteilten Boden lässt sich als düstere Umkehrung von Simmels Vorstellung eines alle verbindenden Himmels lesen und weist bereits auf die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten voraus. In der Exildichtung dagegen bietet der Blick in den Sternenhimmel oft letzten Halt in einer unsicheren Welt, während der ›Leitstern‹ Orientierung für die Zukunft verspricht, was auch in kommunistischen und sozialistischen Aneignungen und symbolischen Aufladungen des Astralen zu beobachten ist.
Nach dem Ersten Weltkrieg entsteht mit dem Planetarium ein neuer Ort, an dem der Kosmos erfahrbar wird. Bei Bertolt Brecht avanciert er zum Modell fürs Theater als Ort des Lernens und der Erfahrung. Bei Walter Benjamin kann der durch neue Technik greifbar werdende Kosmos einen Ausweg aus der Erfahrungsarmut der Moderne eröffnen – vorausgesetzt, die Verfügung über diese technischen Mittel liegt bei den Richtigen.
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Die Literaturwissenschaftlerin Sophie-C. Hartisch ist akademische Rätin auf Zeit am Institut für Germanistik der Universität Bonn. Für ihre 2024 an der Universität zu Köln abgeschlossene Dissertation »Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900. Stern und Kosmos als Zeitsignatur der Moderne« erhielt sie den Carlo-Barck-Preis 2025 und arbeitet derzeit als Carlo-Barck-Preis-Stipendiatin mit ihrem Projekt Kohärenz. Die Poetik des Zusammenhangs am ZfL. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
www.zfl-berlin.org
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Das Buch:
Sophie-C. Hartisch: Stern und Kosmos. Astrale Konstellationen in der Lyrik um 1900. Göttingen: Wallstein 2026
Weiterführende Literatur:
Christina Becher, Sophie-C. Hartisch, Katharina Scheerer (Hg.): Welträume. Entwürfe des (Extra-)Terrestrischen um 1900. Hannover: Wehrhahn 2025
Walter Benjamin: »Zum Planetarium« (1928), in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. IV.I: Kleine Prosa, Baudelaire-Übertragungen, hg. von Tillman Rexroth. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1972, 146–148
Christine Blättler (Hg.): Kunst der Serie. Die Serie in den Künsten. München: Wilhelm Fink 2010
Bertolt Brecht: »Die Dramatik im Zeitalter der Wissenschaft. K-Typus und P-Typus in der Dramatik« (1938/39), in: ders.: Werke. Große Kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, hg. von Werner Hecht u.a., Bd. 22, Teil 1: Schriften II. Schriften 1933–1942. Berlin/Weimar/Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993, 386–389
Wolf Bernard Emminghaus: »Konstellation«, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 4, hg. von Joachim Ritter. Darmstadt: Wissenschaftlichen Buchgesellschaft 1996, 988–992
Stefan George: Der Stern des Bundes. Berlin: Bondi 1914
Sophie-C. Hartisch: »When the Stars align. Die Konstellation als Metapher von Ganzheit«, in: Eva Geulen, Claude Haas (Hg.): Formen des Ganzen. Berlin: Wallstein 2022, 221–241
Georg Simmel: »Exkurs über die Soziologie der Sinne« (1908), in: ders.: Gesamtausgabe, Bd. 8.2: Aufsätze und Abhandlungen 1901–1908, hg. von Alessandro Cavalli und Volkhard Krech. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1993, 276–292
Paul Valéry: »Erinnerung an Mallarmé«, in: ders.: Werke, hg. von Jürgen Schmidt-Radefeldt, Bd. 3: Zur Literatur. Frankfurt a.M.: Insel 1989, 241–244
Falko Schmieder spricht mit Georg Simmerl (beide ZfL) über den von ihm herausgegebenen Band Geschichte im Widerstreit. Beiträge zur Historisierung Reinhart Kosellecks (Göttingen: Wallstein 2026), der Kosellecks Denken einer kritischen Neuperspektivierung unterzieht, indem politische und theoriegeschichtliche Fragen in den Mittelpunkt gerückt werden.
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Reinhart Koselleck (1923–2006) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Historiker des 20. Jahrhunderts. Während die Geschichtswissenschaft lange von einer eher unkritischen Verehrung geprägt war, wird Koselleck in aktuellen Debatten zuweilen als Vorreiter einer neurechten Strategie kultureller Hegemonie dargestellt. Ist Koselleck also ein Rechtsintellektueller, oder werden hier gegenwärtige Konflikte auf die Nachkriegszeit projiziert?
Die Kritik konzentriert sich meist auf Kosellecks Frühwerk, insbesondere auf seine Dissertation »Kritik und Krise«, deren Nähe zu Carl Schmitt und unbefangener Umgang mit NS-Autoren irritieren. Oft wird dabei jedoch versäumt, Koselleck zu historisieren und seine Entwicklung mitzudenken. Jürgen Habermas beispielsweise porträtierte Koselleck zunächst als Sprachrohr Schmitts und der Gegenaufklärung, relativierte diese Einschätzung jedoch später. Auch Kosellecks Auftreten als politischer Intellektueller provozierte Widerspruch, etwa im Streit um das Berliner Holocaustmahnmal oder die Spannung zwischen Universalismus und Singularität des Holocaust. Umso auffälliger ist seine Vermeidung einer direkten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, etwa in der Konzentration der Geschichtlichen Grundbegriffe auf die »Sattelzeit« um 1800.
Dennoch bleibt Kosellecks Kritik der Aufklärung anschlussfähig: Seine Analyse eines Moralismus, der politische Interessen verschleiert, schärft den Blick für die Aufgabe der Theorie und Begriffsgeschichte, verborgene Politizität offenzulegen. Seine konservative Aufklärungskritik, die die Prekarität der bürgerlichen Ordnung reflektiert und Adornos Gegenwartsdiagnosen überraschend nahesteht, erscheint heute mitunter plausibler als Habermas’ kontrafaktisches Ideal kommunikativen Handelns in liberalen Demokratien. Vor dem Hintergrund einer vielfach beschworenen »Wiederkehr von Weimar« ist diese Opposition auch deshalb aktuell, weil wir Demokratie erneut als prekär erfahren – heute allerdings unter umgekehrten ideologischen Vorzeichen und im Schatten einer Krise des Marxismus sowie fehlender emanzipatorischer Perspektiven.
Gerade im Begriff der Krise zeigt sich jedoch der grundlegende Unterschied zwischen einer Dialektik der Aufklärung, die auf die emanzipatorische Kraft der Kritik setzt, und Kosellecks Verständnis der Kritik selbst als Krisenauslöser. 1982 gilt ihm ›Krise‹ noch als erschöpfte Worthülse; wenige Jahre später erkennt er in der ökologischen Krise eine neue politische Schwellenerfahrung. Am Verhältnis zur Ökologie zeigen sich letztlich auch die Grenzen seiner Aktualität. Zwar erkannte Koselleck früh, dass das Klima zunehmend in den Bereich menschlicher Verfügung rückt. Angesichts der heutigen Erfahrung einer sich politischer Kontrolle und Verfügung entziehenden Klimakatastrophe wirkt diese Perspektive jedoch überholt.
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Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland und ist Herausgeber des E-Journals Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte. Er ist seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. Der Politik- und Kulturwissenschaftler Georg Simmerl ist mit dem Projekt Strategien der Kritik. Eine systematische Rekonstruktion der Debatte um die documenta fifteen wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZfL. 2022 erhielt er den Carlo-Barck-Preis des ZfL für seine Dissertation zur Theorie- und Begriffsgeschichte des Liberalismus.
www.zfl-berlin.org
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Das Buch:
Falko Schmieder (Hg.): Geschichte im Widerstreit. Beiträge zur Historisierung Reinhart Kosellecks. Göttingen: Wallstein 2026
Weiterführende Literatur:
Bettina Brandt, Jonathon Catlin, Jana Hoffmann, Lisa Regazzoni: »KOMPOSITA: Contributions to Reinhart Koselleck’s ›Space of Resonance‹«, in: Geschichtstheorie am Werk (2023)
Philipp Felsch: »Der Teufelskreis des Partikularismus – Habermas und die deutsche Erinnerungskultur«, in: Berlin Review 18 (2026)
Stefan Ludwig Hoffmann: Der Riss in der Zeit. Kosellecks ungeschriebene Historik. Berlin: Suhrkamp 2023
Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: »Elemente des Antisemitismus. Grenzen der Aufklärung«, in: dies.: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981, 192–234
Ulrike Jureit: Erinnern als Überschritt. Reinhart Kosellecks geschichtsphilosophische Interventionen. Göttingen: Wallstein 2023
Sidonie Kellerer: »Reinhart Koselleck – Aufklärer der Aufklärung oder Stratege kultureller Hegemonie? Ein kritischer Kommentar zu ›Kritik und Krise‹«, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 71.5 (2023), 695–720
Ernst Müller (Hg.): Begriffsgeschichte im Umbruch? Hamburg: Meiner 2004
Falko Schmieder (Hg.): Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 13/14.1 (2025), Schwerpunkt: Mit Koselleck über Koselleck hinaus
Georg Simmerl: »Koselleck, Schmitt, and German Liberalization« (Rez. zu: Sebastian Huhnholz: Von Carl Schmitt zu Hannah Arendt? Heidelberger Entstehungsspuren und bundesrepublikanische Liberalisierungsschichten von Reinhart Kosellecks ›Kritik und Krise‹), in: Interpretation. A Journal of Political Philosophy 46.1 (2019), 155–160
Sophia Gräfe (HU Berlin) und Georg Toepfer (ZfL) sprechen über den von ihnen herausgegebenen Band Wissensgeschichte des Verhaltens. Interdisziplinäre Perspektiven (Berlin/Boston: De Gruyter 2025). Das Buch untersucht, wie sich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Disziplinen Wissen über Verhalten gebildet, verändert und institutionalisiert hat.
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Doch was ist eigentlich Verhalten? Die Biologie der 1950er und 60er Jahre betrieb erheblichen Aufwand, dies zu klären. Die in den 1930er Jahren entstehende Ethologie löste sich von der Laborphysiologie des 19. Jahrhunderts und beobachtete – Ernst Haeckel und Jakob von Uexküll folgend – Organismen in ihrer Umwelt. Zur Bestimmung arttypischer Verhaltensweisen entwickelte sie Experimente und markierte damit stets auch Abweichungen von der Norm. Verhaltenswissen ist somit an Verfahren der Sicht- und Erzählbarmachung gebunden und doppelt kodiert: als empirisches Geschehen und als moralisch-sozialer Maßstab. Seine historische Tiefenschichtung – von höfischen Benimmregeln über juristische Regulierungen bis hin zur modernen Biologie – verweist auf eine lange Geschichte der Disziplinierung und Anpassung.
Die Popularität der Verhaltenswissenschaft gründet dabei vor allem in ihrem Umweltbezug. Prominent zeigt sich dies in den beliebten Tierfilmen von Konrad Lorenz, in denen das Versprechen eines harmonischen Miteinanders von Mensch und Tier transportiert wird. In der Nachkriegszeit schloss daran die Kybernetik an, die Organismen als Regulationssysteme verstand, die ihr Verhältnis zur Umwelt über Rückkopplungskreisläufe regulieren – auch dies eine Form von Verhalten.
Die Beiträge des Sammelbands zeigen, dass die Verhaltensforschung stets politische Implikationen hat: Wer nach Ursachen und Auslösern für bestimmtes Verhalten fragt, verhandelt Verantwortung und Schuld, was stets auch Folgen für die Gemeinschaft hat. Ein historisierender Blick auf die Zuschreibung und Aberkennung von Verhalten bei Menschen, Tieren, Maschinen oder Pflanzen macht Konflikte um Autonomie, Norm und Abweichung sichtbar. Begriffe wie ›Zucht‹ und ›Zähmung‹, die den Verhaltensdiskurs begleiten, offenbaren ideologische Prägungen biologischer Konzepte. Die Instrumentalisierung verhaltensbiologischen Wissens ist jedoch kein rein historisches Phänomen. Verhalten als zu regulierende Größe begegnet uns auch heute in verschiedenen Politikfeldern von der Gesundheits- bis zur Verkehrspolitik sowie im ökonomisch motivierten Nudging.
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Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin Sophia Gräfe leitet gemeinsam mit Claudia Mareis und Peter Fratzl das Projekt »Material Form Function« am Exzellenzcluster Matters of Activity. In ihrer Promotion am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin entwickelt sie eine Medien- und Wissensgeschichte des Verhaltens. Von 2018–2019 war sie Gastwissenschaftlerin im Programmbereich Lebenswissen des ZfL. Der Biologe und Philosoph Georg Toepfer ist Ko-Leiter des Programmbereichs und leitet dort die Projekte Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte und Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen. Frühere Forschungsprojekte widmeten sich Lebenslehre, Lebensweisheit, Lebenskunst und den wandernden Grenzen der Biologie.
www.zfl-berlin.org
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Das Buch:
Sophia Gräfe, Georg Toepfer (Hg.): Wissensgeschichte des Verhaltens. Interdisziplinäre Perspektiven. Berlin/Boston: De Gruyter 2025
Weiterführende Literatur:
Andrea Allerkamp, Martin Roussel (Hg.): Ethology. Claims and Limits of a Lost Discipline. Paderborn: Fink 2021
Russell J. Dalton, Hans-Dieter Klingemann (Hg.): The Oxford Handbook of Political Behavior. Oxford: Oxford University Press 2007
Jana Friedrichsen, Kornelia Hagen, Lilo Wagner: »Stupsen und Schubsen (Nudging). Ein neues verhaltensbasiertes Regulierungskonzept?«, in: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung 87 (2018), 5–13
Rüdiger Graf: Vorhersagen und Kontrollieren. Verhaltenswissen und Verhaltenspolitik in der Zeitgeschichte. Göttingen: Wallstein 2024
Sophia Gräfe: »Fuchs. Tierwissen zwischen Begegnung, Kalkulation und Imagination« in: Ina Bolinski, Thomas Hawranke, Stefan Rieger (Hg.): Virtuelle Tiere. Lebewesen zwischen Code und Kreatur. Bielefeld: transcript 2024, 81–100
Sophia Gräfe, Cora Stuhrmann: »Histories of Ethology: Methods, Sites, and Dynamics of an Unbound Discipline«, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 45.1–2 (2022), 10–29
Konrad Lorenz: Vergleichende Verhaltensforschung. Grundlagen der Ethologie. Wien/New York: Springer 1978
Jeannie Moser, Christina Vagt (Hg.): Verhaltensdesign. Technologische und ästhetische Programme der 1960er und 1970er Jahre. Bielefeld: transcript 2018
Ernst Müller, Falko Schmieder: »Begriffsgeschichte und Wissenschaftsgeschichte: Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven«, in: Geschichte Und Gesellschaft 44.1 (2018), 79–106
Günter Tembrock: Verhaltensbiologie. Jena: G. Fischer 1992
Nikolaas Tinbergen: Instinktlehre. Vergleichende Erforschung angeborenen Verhaltens, übers. von O. Koehler. Berlin/Hamburg: Parey 1972
Georg Toepfer: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2011
Jakob von Uexküll: Umwelt und Innenwelt der Tiere. Berlin: Springer 1909
Ivana Perica und Aurore Peyroles (beide ZfL) sprechen über ihre Bücher Politics, Literature and Tertium Datur (London: Bloomsbury 2025) und Voyages au bout de la banlieue (Berlin: De Gruyter 2025). Beide eint die Neugier für die Peripherie und Phänomene der Verbannung und des Ausschlusses. Trotz unterschiedlicher Schauplätze, Zeiten und Gegenstände treten die Bücher als einander ergänzende Unternehmungen in einen Dialog miteinander.
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Aurore Peyroles unternimmt eine Reise in die Pariser Banlieue und die mit ihr verknüpfte Vorstellungswelt – von Honoré de Balzac über Victor Hugo bis Louis-Ferdinand Céline. Die Banlieue, in die historisch sowohl Friedhöfe als auch Fabriken und somit Tod und Arbeit verbannt wurden, lässt sich als ein Gegen-Ort zu Paris lesen, der »Hauptstadt der Moderne« (Benjamin). Von der Peripherie her wird so das Zentrum infrage gestellt. In der französischen Literatur entlarvt sie zugleich die republikanischen Versprechen, indem sie als Raum des Durchgangs und der Anonymität geschildert wird, wo keine demokratische Teilhabe an einer vorgestellten nationalen Gemeinschaft möglich ist.
Die historische Banlieue Rouge der 1930er Jahre, Schauplatz politischen Aufruhrs und revolutionärer Energie, bleibt in der Literatur überraschend randständig. Dass die Banlieue überhaupt Darstellung in der Literatur findet, kann jedoch im Sinne Rancières als politisch verstanden werden, steht dahinter doch häufig die Absicht, diese sonst unsichtbaren Menschen und Lebensrealitäten zu zeigen. Das Schreiben über die Banlieue macht somit sichtbar, was im Verborgenen liegt und legt zugleich das Unsichtbare der Norm frei.
Auch bei Ivana Perica steht der Wandel von Orten des literarischen Geschehens und politischer Debatten im Mittelpunkt. Sie untersucht, wie an den historischen Knotenpunkten 1928 und 1968 in Berlin, Wien, Prag und Zagreb sowie Belgrad das Verhältnis von Literatur und Politik verhandelt wurde. Besonders interessieren sie die Diskussionen um ein »Tertium Datur« (Lukács), einen sozialistischen dritten Weg, in den 1920er Jahren und ihr Nachleben nach 1945. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, was zuerst kommen soll: revolutionäre Kunst oder die Revolution?
In den Debatten von 1928 zeigt sich eine politische Literatur, die sich von der auf die Autonomie der Kunst fixierten unterscheidet, die sich nach 68 vor allem im Westen etablierte. Viele der häufig parteilich organisierten linken Autor:innen der Zwischenkriegszeit sahen sich und ihr Schreiben als Teil einer kollektiven Bewegung. Sie agierten jedoch nicht als dogmatische Sprachrohre politischer Parolen, sondern verstanden ihre Texte als kundschaftende Beiträge zu einer lebendigen Kontroverse. In internationalen intellektuellen Netzwerken wurde diese differenzierter geführt, als es der enge Blick auf Moskau als Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Zeit nahelegt.
Die Frage, was politische Literatur ist, was sie leisten kann und soll und welches Politikverständnis ihr zugrunde liegt, ist auch heute noch aktuell. Sie stellt sich etwa bei Joseph Ponthus, der diskutiert, ob der Aussteiger oder der bekennende Aktivist die ›wahre‹ politische Figur ist, sowie in der Autosoziobiographie, in der die Banlieue als kultureller Identitätsmarker und als Ort zurückerobert wird, von dem aus – und nicht nur über den – geschrieben wird.
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Ivana Perica ist Literaturwissenschaftlerin und promovierte 2014 mit einer Arbeit zum Unvernehmen zwischen Hannah Arendt und Jacques Rancière an der Universität Wien. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am DFG-Graduiertenkolleg »Funktionen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung« und Marie-Jahoda Stipendiatin der Universität Wien. Die Romanistin Aurore Peyroles promovierte 2013 an der Université Sorbonne zur engagierten Literatur der 1930er Jahre. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, am Institut franco-allemand des sciences historiques et sociales und an der Universität Regensburg, wo sie sich 2023 mit ihrer Arbeit zu literarischen Darstellungen der Pariser Banlieue habilitierte. Beide sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Projekt Kartographie des politischen Romans in Europa am ZfL.
www.zfl-berlin.org
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Die Bücher:
Ivana Perica: Politics, Literature and Tertium Datur. London: Bloomsbury 2025
Aurore Peyroles: Voyages au bout de la banlieue. Représentations romanesques de la banlieue parisienne (1820–1950). Berlin: De Gruyter 2025
Weiterführende Literatur:
Walter Benjamin: »Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts«, in: ders.: Band V, 1. Teil: Das Passagen-Werk. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1991, 45–59
Nina Berberova: Chroniques de Billancourt, übers. von Alexandra Pletnioff-Boutin. Arles: Actes Sud 1992
Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht, übers. von Hinrich Schmidt-Henkel. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 2003
Kyung-Ho Cha, Ivana Perica, Aurore Peyroles, Christoph Schaub (Hg.): European Centers and Peripheries in the Political Novel. CAPONEU Working Papers 2025
Michel Foucault: Die Heterotopien. Der utopische Körper, übers. von Michael Bischoff. Berlin: Suhrkamp 2013
Benjamin Kohlmann, Ivana Perica: Der politische Gebrauch und Nutzen von Literatur, in: ZfL Blog, 21.2.2024
Ivan Olbracht: Anna, ein Mädchen vom Lande. Berlin: epubli 2022
Ivana Perica, Aurore Peyroles: Who’s afraid of the political novel? An introduction, in: Open Res Europe 5.161 (2025)
Aurore Peyroles: For or Against Political Literature. A French Controversy, in: ZfL Blog, 2.4.2025
Joseph Ponthus: Am laufenden Band. Aufzeichnungen aus der Fabrik, übers. von Mira Lina Simon und Claudia Hamm. Berlin: Matthes & Seitz 2021
Jacques Rancière: Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, übers. von Richard Steurer. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2002
Christoph Schaub: Proletarische Welten. Internationalistische Weltliteratur in der Weimarer Republik. Berlin: De Gruyter 2019
Nadine Menzel (Universität Bamberg) und Nina Weller (ZfL) sprechen über ihre Bücher zur gesellschaftlichen Situation und (Protest-)Kultur in Belarus.
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2020 kam es im Gefolge der Präsidentschaftswahl in Belarus zu den größten Massendemonstrationen seit dem Ende der Sowjetunion. Das Lukaschenka-Regime begegnete ihnen mit massiven Repressionen. Keine drei Monate nach Beginn der Proteste erschien in Reaktion darauf die von Nina Weller mitherausgegebene Flugschrift »Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution«, in der über den feministischen Charakter der Proteste diskutiert wird. Die 2023 veröffentlichte Flugschrift »›Alles ist teurer als ukrainisches Leben‹ – Texte über Westsplaining und den Krieg« wiederum versammelt Stimmen aus der Ukraine, die sich gegen die Überheblichkeit wehren, mit der aus dem Westen allzu häufig auf die Ukraine geblickt und dabei die russische imperiale Bedrohung heruntergespielt wird.
Während die Flugschriften aktivistisch-interventionistischen Charakter haben und sich auch als Handreichungen zum besseren Verständnis aktueller Entwicklungen verstehen, verfolgt der Sammelband »Appropriating History« ein wissenschaftlich-historisches Interesse. Ausgehend vom Befund, dass Geschichte in der Populärkultur von Belarus, Russland und der Ukraine allgegenwärtig ist, zielt ›Aneignung‹ dabei weniger auf die Usurpation historischer Ereignisse durch die dominante Kultur ab, sondern vielmehr auf die Neu(er)findung der Nationalgeschichte nach dem Ende der Sowjetunion. Dabei geht es auch um die Frage, in welchem Maße Geschichte als Unterhaltungsmedium und – nicht erst seit der Vollinvasion Russlands in die Ukraine – zunehmend auch als Waffe dient.
Ein markantes Beispiel dafür liefert der Partisan, der in der Erinnerungskultur von Belarus sowohl als historische Gestalt wie auch als mythischer Held eine zentrale Rolle spielt. In den letzten Jahren erlebte das Partisanentum als Taktik einer dezentralen subversiven Aktion eine Renaissance: u.a. in Gestalt von ›Künstlerpartisanen‹ wie Artur Klinau und Igor Tishin oder der Cyber- und Schienenpartisanen der Gegenwart. Eine kritische Hinterfragung des Partisanenmythos hingegen fand bereits im 1975 erschienenen Buch Feuerdörfer statt, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Die von Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik geführten und collagierten Interviews mit Überlebenden der Wehrmachtsverbrechen in Belarus liefern ein vielstimmiges Bild der Geschichte und gelten als wegweisend für das dokumentarische Erzählen zeitgenössischer Autor*innen wie Swetlana Alexijewitsch.
Traditions- und Einflusslinien verfolgt auch der von Iryna Herasimovich, Nadine Menzel und Nina Weller herausgegebene Band »Befragungen am Nullpunkt«. Er verfolgt das Ziel, die unabhängige belarusische Kultur – vertreten durch Antanina Slabodchykava, Artur Klinaŭ, Zmicier Vishnioŭ, Michail Gulin und Jura Dziwakoŭ – bekannter zu machen und zeigt historische Vorläufer heutiger Bewegungen und Kunstformen auf. Damit setzt er der häufigen Fixierung auf Belarus als ›letzte Diktatur‹ und ›blinder Fleck‹ Europas Zeugnisse des beharrlichen Widerstands und des Kampfes um die (Rück-)Eroberung von staatlich okkupierten Räumen der Kultur und des Austauschs entgegen.
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Die Slawistin und Literaturwissenschaftlerin Nina Weller ist seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Anpassung und Radikalisierung. Dynamiken der Populärkultur(en) im östlichen Europa vor dem Krieg. Bis 2022 leitete sie ein Projekt zu Geschichtsbildern in der belarussischen, russischen und ukrainischen Kultur an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und war zuvor an der LMU München, der FU Berlin und der Universität Potsdam beschäftigt. Nadine Menzel ist Slawistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Slavische Kunst- und Kulturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zuvor war sie an der Universität Leipzig tätig, wo sie 2015 mit einer Arbeit zu Reiseschriften über das postrevolutionäre Russland promovierte.
www.zfl-berlin.org
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Die Bücher:
Andreas Rostek, Thomas Weiler, Nina Weller, Tina Wünschmann (Hg.): Belarus! Das weibliche Gesicht der Revolution. Berlin: edition.fotoTAPETA 2020
Aleksandra Konarzewska, Schamma Schahadat, Nina Weller (Hg.): »Alles ist teurer als ukrainisches Leben« – Texte über Westsplaining und den Krieg. Berlin: edition.fotoTAPETA 2023
Matthias Schwartz, Nina Weller (Hg.): Appropriating History. The Soviet Past in Belarusian, Russian and Ukrainian Popular Culture. Bielefeld: transcript 2024
Ales Adamowitsch, Janka Bryl, Uladsimir Kalesnik: Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus – Zeitzeugen berichten. Übersetzt von Thomas Weiler, mit einem Vorwort von Irina Scherbakowa und einem Nachwort von Nina Weller, Berlin: Aufbau Verlag 2024
Iryna Herasimovich, Nadine Menzel, Nina Weller (Hg.): Befragungen am Nullpunkt. Unabhängige Kultur in Belarus zwischen Repression und Aufbruch. Zürich: Edition Schublade 2025
Weiterführende Literatur:
Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Berlin: Suhrkamp 2015
Irina Chalip: »Wenn der Krieg entgleist. Schienenpartisanen in Belarus«, in: taz (9.5.2022)
Karl Schlögel: Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent. München: Hanser 2013
Nina Weller: »Ales Adamowitsch«, in: Dekoder - Russland und Belarus entschlüsseln (21.6.2021)
Lea Ypi: Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte. Aus dem Englischen von Eva Bonné, Berlin: Suhrkamp 2023
dekoder-Special: Feuerdörfer, Idee und Konzept: Ingo Petz, Thomas Weiler und Nina Weller
Jenaba Samura spricht mit Liola Mattheis (beide ZfL) über ihren Essay Afrotopia. Schwarze Konstruktionen von Gender und Sexualität (Berlin: Querverlag 2025). Darin kritisiert sie die weitverbreitete Vorstellung, dass Schwarzsein und Queerness einander ausschließen, und untersucht die Verwobenheit von Geschlecht und Sexualität mit kolonialen Praktiken und Prozessen der Rassifizierung.
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Samura verbindet in der integrativen Form des Essays persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Beobachtungen. Besonders kritisch beleuchtet sie das Whitewashing queerer Geschichte sowie die Aneignung Schwarzer Ästhetiken und Praktiken der Lebensgestaltung. Dabei zeigt sie, dass Konzepte wie Nichtbinarität keine westlichen Erfindungen sind, sondern dass umgekehrt die rigide binäre Geschlechterordnung ein kolonialer Export ist, der als Teil einer colonization of the mind begriffen werden kann.
Dies wird anhand der deutschen Kolonialgeschichte und der Bedeutung weißer deutscher Frauen für die Konsolidierung der kolonialen (Geschlechter-)Ordnung in Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) deutlich. Ihre gezielte Aussiedlung, die von der ersten Frauenbewegung als feministisches Aufstiegsprojekt gepriesen wurde, sollte sogenannte Mischehen und somit die Weitergabe der Staatsbürgerschaft an Nichtweiße verhindern. Dieses koloniale Projekt der Etablierung weißer Vorherrschaft ging mit der Kriminalisierung von Homosexualität durch den aus dem Kaiserreich exportierten § 175 einher.
Generell lässt sich im Zuge der Etablierung einer auf Reproduktion ausgerichteten heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit in Europa die Tendenz feststellen, sexuelle ›Abweichungen‹ wie Homosexualität und Polygamie außerhalb Europas zu verorten. Nichtweiße Sexualität und Geschlechtlichkeit wurden dabei häufig widersprüchlich gezeichnet, Schwarze Körper z.B. gleichzeitig de- und hypersexualisiert. Im Bild des virgin land verschmelzen schließlich Vorstellungen des zu erobernden Lands mit solchen von der Schwarzen Frau, was der Legitimierung kolonialer und sexualisierter Gewalt dient.
Samura betrachtet jedoch nicht nur koloniale sowie cis- und heterosexistische Gewalt, sondern auch im heutigen Sinne queere Personen und Praktiken in der afrikanischen Geschichte. Deren Erforschung ist mit methodischen Herausforderungen verbunden. Zum einen besteht die Gefahr, heutige Identitätskategorien rückwirkend auf historische Kontexte zu übertragen und dabei präzisere lokale Konzepte zu verdrängen. Zum anderen gibt es große Lücken im Archiv, und vorhandenes Material stammt oft von Kolonialbeamten und muss kritisch betrachtet werden. Critical fabulation im Sinne Saidiya Hartmans kann helfen, diese Lücken zu füllen. Insgesamt eröffnen historische Beispiele des Widerstands und der ›Abweichung‹ von hegemonialen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität Perspektiven für ein utopisches Nachdenken, in dem sich Vorstellungen von Afro- und Queertopia verbinden.
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Die Literaturwissenschaftlerin Jenaba Samura ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Schwarze Narrative transkultureller Aneignung: Literarische Akte des Konstruierens afroeuropäischer Welten und der Infragestellung europäischer Grundlagen. In ihrem Dissertationsprojekt untersucht sie afropäische Reiseberichte als Gegenerzählungen zu kolonial-ethnografischen Darstellungen. Liola Mattheis ist Kulturwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen. Sie promoviert zu rekapitulativen Entwicklungsideen in Evolutionsbiologie und marxistischer Theorie.
www.zfl-berlin.org
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Das Buch:
Jenaba Samura: Afrotopia. Schwarze Konstruktionen von Gender und Sexualität. Berlin: Querverlag 2025
Weiterführende Literatur:
Shanna Collins: The Splendor of Gender Non-Conformity in Africa, in: Medium Magazine (10.10.2017)
Frantz Fanon: Racism and Culture, in: ders.: Toward the African Revolution. Political Essays, aus dem Französischen von Haakon Chevalier. New York: Grove Press 1967, 29–44
Saidiya Hartman: Venus in Two Acts, in: Small Axe 12.2 (2008), 1–14
Natasha A. Kelly (Hg.): The Comet – Afrofuturism 2.0. Leipzig: Orlanda 2020
Sophie Lewis: Enemy Feminisms. TERFs, Policewomen, and Girlbosses Against Liberation. Chicago: Haymarket Books 2025
José Esteban Muñoz: Cruising Utopia. The Then and There of Queer Futurity. New York: New York University Press 2009
Stephen O. Murray, Will Roscoe (Hg.): Boy-Wives and Female Husbands. Studies in African Homosexualities. Albany: SUNY Press 2021
Oyèrónkẹ́ Oyěwùmí: The Invention of Women. Making an African Sense of Western Gender Discourses. Minneapolis/London: University of Minnesota Press 1997
Jenaba Samura, Sarah Ulrich: [Hass auf Queers als Paragraf](\srv01\fileserver$\Orga\Podcast\Episoden\Episode 27_Afrotopia\Hass auf Queers als Paragraf), in: Missy Magazine 3 (2024)
Felwine Sarr: Afrotopia, aus dem Französischen von Max Henninger. Berlin: Matthes & Seitz 2019
Katharina Walgenbach: »Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur«. Koloniale Diskurse über Geschlecht, »Rasse« und Klasse im Kaiserreich. Weinheim: Campus 2006
Daniel J. Walther: Sex and Control. Venereal Disease, Colonial Physicians, and Indigenous Agency in German Colonialism, 1884–1914. New York: Berghahn 2015
Detlev Schöttker spricht mit Claude Haas über sein Buch Die Archive des Chronisten. Ernst Jüngers Werke und Korrespondenzen (Wallstein 2025). Darin zeigt er Jünger als Chronisten des 20. Jahrhunderts, der keineswegs bloß historische Tatsachen aneinanderreiht, sondern sich als Geschichtsdeuter versteht. Das auf mittelalterliche und frühneuzeitliche Vorbilder zurückgehende Darstellungsverfahren der Chronik macht sich Jünger gattungsübergreifend zu eigen, in Tagebüchern und Briefwechseln, Kriegsberichten, Romanen und Essays.
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Jüngers Schreiben zeichnet sich durch eine Tiefe der Beobachtung aus, die erst durch die Distanz zum Geschehen möglich wird und die Jünger in seinem »Sizilianischen Brief an den Mann im Mond« zum poetologischen Prinzip erhebt. Diese Distanziertheit birgt jedoch auch eine gewisse Kälte in sich, die in der Rezeption immer wieder für Irritationen gesorgt hat. Das trifft besonders auf die »Strahlungen« zu, mit deren Veröffentlichung 1949 Jünger früh literarisches Zeugnis von Konzentrationslagern, Gestapo- und SS-Gefängnissen ablegte. Jüngers Schilderungen des Luftkriegs über Paris wurde der Vorwurf gemacht, das Schrecken zu ästhetisieren.
Als bisweilen verstörend wurden Jüngers Versuche gewertet, den Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten im Geiste einer Universalgeschichte in ein größeres Sinngeschehen zu integrieren oder doch zumindest Erklärungsansätze dafür zu liefern. Von vielen als reaktionär bewertet, kann seine distanzierte Betrachtung der Geschehnisse wohl mindestens als eskapistisch gelten. Jüngers universalgeschichtlicher Zugriff stößt hier an eine politische Grenze. Andererseits erlaubt es Jüngers Betonung der starken Einzelpersönlichkeit des Geschichtsdeutenden, ihn entgegen gängigen Kategorisierungen als Vertreter der Moderne zu betrachten – selbst wenn der universalgeschichtliche Gestus seiner Chronistik in den literarischen Werken häufig in Kitsch umschlägt.
Anders verhält es sich mit den Briefen, denen Schöttker neben den Tagebüchern besondere Aufmerksamkeit schenkt. Der Brief galt Jünger als die wichtigste historische Quelle überhaupt. Der schiere Umfang des Briefarchivs, an dessen Form und Organisation Jüngers zweite Ehefrau Liselotte als ausgebildete Archivarin maßgeblichen Anteil hatte, zeugt von der herausragenden Bedeutung, die er der Korrespondenz als partnerschaftlicher Form der Verbindlichkeit und des intellektuellen Austauschs beimaß. Für den ›Archivautor‹ Jünger, der bereits zu Lebzeiten bemüht war, sein Nachleben, mithin seine Unsterblichkeit zu sichern, hatten die sorgsam archivierten Briefwechsel noch eine weitere Bedeutung: Bei der Lektüre nimmt man posthum Anteil am persönlichen Leben der Schreibenden, die einem somit (fast) lebendig erscheinen.
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Der Literatur- und Medienwissenschaftler Detlev Schöttker ist Senior Fellow des ZfL und erforschte dort das Briefarchiv Ernst Jüngers. Derzeit leitet er das Projekt Kommentierte Edition des Briefwechsels zwischen Ernst und Friedrich Georg Jünger (1908–1977). Der Germanist und Komparatist Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunktprojekt Stil. Geschichte und Gegenwart.
www.zfl-berlin.org
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Das Buch:
Detlev Schöttker: Die Archive des Chronisten. Ernst Jüngers Werke und Korrespondenzen. Göttingen: Wallstein 2025
Weiterführende Literatur:
Eva Axer, Eva Geulen, Alexandra Heimes: Aus dem Leben der Form. Studien zum Nachleben von Goethes Morphologie in der Theoriebildung des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein 2021
Jeinsen, Gretha (d.i. Gretha Jünger): Die Palette. Tagebuchblätter und Briefe. Hamburg: Dulk 1949
Ernst Jünger, Joseph Wulf: Der Briefwechsel 1962–1974, hg. von Anja Keith und Detlev Schöttker. Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann 2019
Gretha Jünger, Ernst Jünger: Einer der Spiegel des Anderen. Briefwechsel 1922–1960, hg. von Anja Keith und Detlev Schöttker. Stuttgart: Klett-Cotta 2021
Ernst Jünger: Sizilianischer Brief an den Mann im Mond, in: Franz Schauwecker (Hg.): Mondstein. Magische Geschichten. 20 Novellen. Berlin: Frundsberg-Verlag 1930, 7–21
Ernst Jünger: Strahlungen. Tübingen: Heliopolis 1949
Helmuth Kiesel: Tendenzen der publizistischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ernst Jünger und seinem Werk, in: Natalia Żarska, Gerald Diesener, Wojciech Kunicki (Hg.): Ernst Jünger – eine Bilanz. Leipzig: Leipziger Universitäts-Verlag 2010, 512–519
Detlev Schöttker: Adressat: Nachwelt. Briefkultur und Ruhmbildung. München: Fink 2008
: Tiefe Blicke. Ernst Jüngers Chronistik, in: Andrea Benedetti, Lutz Hagestedt (Hg.): Totalität als Faszination. Systematisierung des Heterogenen im Werk Ernst Jüngers. Berlin, Boston: de Gruyter 2018, 335–349
Erhard Schütz: Warum sollte man heute noch Ernst Jünger lesen – vor allem als Frau?, in: Der Freitag 7 (16.2.2023)
Henning Trüper spricht mit Falko Schmieder über sein Buch Unsterbliche Werte. Über Historizität und Historisierung (Wallstein 2024). Darin setzt er sich mit elementaren geschichtsphilosophischen Kategorien und Methoden auseinander und unterzieht die Geschichtswissenschaft einer grundlegenden Kritik. Denn diese, so seine Diagnose, ist nicht nur, wie schon Koselleck befand, theorie-, sondern auch therapiebedürftig.
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Die Debatten um das Ende der Geschichte (Fukuyama) und die breite Gegenwart (Gumbrecht), aber auch die als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgerufene ›Zeitenwende‹ machen deutlich, wie umkämpft das Feld der Geschichte ist. Dass die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin nicht neu ist, zeigt die Kritik am Fortschrittsnarrativ der Geschichtsphilosophie.
Auch Henning Trüper versteht Geschichte nicht als progressiven Lernprozess, sondern zeichnet nach, welche teils widersprüchlichen Antworten zu verschiedenen Zeiten auf die Frage gegeben wurden, was Geschichtlichkeit ist. Die Kritische Theorie hat Geschichtlichkeit vor allem im Sinne der Veränderlichkeit von Denkformen und Begriffen verstanden. Trüpers Interesse gilt demgegenüber den Praktiken des Historisierens: Mit welchem Ziel wird Vergangenes zu Geschichtlichem erklärt und als solches erinnert, welchen Ereignissen wird historischer Wert beigemessen und warum?
Diese Wertsetzungen sind stets veränderlich und folgen bestimmten Motivationen, wie bereits Nietzsches Unterscheidung verschiedener Arten von Historisierung in der zweiten »Unzeitgemäßen Betrachtung« zeigt. Wann und wie aber erhalten diese flüchtigen Werte den Charakter von ›unsterblichen Werten‹, also von moralischen Normen? Und in welchem Verhältnis zur Geschichte stehen vermeintliche Nebensachen wie Moral, Humanitarismus oder auch naturgeschichtliche und philosophische Diskurse über das Aussterben?
Ein Blick auf die Textgestalt und die Funktion von Intertextualität in der Geschichte hilft, sich diesen Fragen zu nähern. Die Neulektüre geschichtswissenschaftlicher Klassiker und deren Kombination mit unbekannten, in Vergessenheit geratenen Texten und Autoren führt bei Trüper zu einer aphoristischen, umwegigen, bisweilen ironischen Darstellung, die gleichwohl systematische Ansprüche verfolgt. Gegen Relativierungen und den Zerfall der Geschichte in plurale Geschichten setzt er einen starken Begriff von Geschichte: Die Tätigkeit des Geschichtlichmachens erzeugt ihren Gegenstandsbereich, der als Teil der Wirklichkeit real und wirkmächtig ist.
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Henning Trüper ist Historiker und leitet das ERC-Projekt Archipelagische Imperative. Schiffbruch und Lebensrettung in europäischen Gesellschaften seit 1800 am ZfL. Seit Januar 2024 ist er Associate Professor an der Universität Oslo. Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder leitet das Schwerpunktprojekt Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland am ZfL.
Das Buch:
[Henning Trüper: Unsterbliche Werte. Über Historizität und Historisierung. Wallstein 2024](https://www.zfl-berlin.org/publikationen-detail/items/unsterbliche Werte.html)
Weiterführende Literatur:
Reinhard Blänkner, Falko Schmieder, Christian Voller, Jannis Wagner (Hg.): Geschichtsphilosophie nach der Geschichtsphilosophie? Perspektiven einer Kulturgeschichte im Ausgang von Heinz Dieter Kittsteiner. Bielefeld: transcript 2021
Hans Ulrich Gumbrecht: Unsere breite Gegenwart, übers. von Frank Born. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2010
Immanuel Kant: Der Streit der Fakultäten. Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, in: ders.: Kant’s gesammelte Schriften, hg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Abt. I, Bd. 7. Berlin: Reimer 1907
Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft: Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979
_: Zeitschichten: Studien zur Historik. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000
Jurij Lotman: Die Innenwelt des Denkens: Eine semiotische Theorie der Kultur, übers. von Gabriele Leupold und Olga Radetzkaja. Berlin: Suhrkamp 2010
Friedrich Nietzsche: »Unzeitgemässe Betrachtungen II: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben«, in: ders.: Werke, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Abt. III, Bd. 1. Berlin/Boston: De Gruyter 1972, 239–330
Henning Trüper: Topography of a Method: Francois Louis Ganshof and the Writing of History. Tübingen: Mohr Siebeck 2014
Claude Haas spricht mit Eva Geulen über sein Buch Der König, sein Held und ihr Drama. Politik und Poetik der klassischen Tragödie (Wallstein 2024). An der vermeintlich überholten Form der klassischen Tragödie interessieren ihn vor allem ihre Unwahrscheinlichkeit und der Kontrast zwischen Formstrenge und unterschwelligem Chaos. Außerdem bietet sie Anknüpfungspunkte für Debatten über die Rückkehr des Helden und Fragen der Souveränität in der heutigen Politik.
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Bei Corneille dient die klassische Dramenform der (Be-)Gründung absolutistischer Politik. Die aristotelischen Einheiten von Raum, Zeit und Handlung werden in den Dienst der Staatsgründung gestellt, der Souverän als derjenige inszeniert, der Gewohnheiten institutionalisiert und mit dem Helden dessen Machtverzicht verhandelt. Die Komplizenschaft von König und Held kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide als Verbrecher Recht stiften. Solche rechtspolitischen Probleme verschärft Racine dadurch, dass er hinter der Bühne das Volk als eine volatile Masse zu erkennen gibt, die die politische Handlung vor sich hertreibt. Weder König noch Held können die Ordnung stabilisieren und echte Souveränität schaffen.
In der deutschen Rezeption galten die Dramen der tragédie classique oft als hölzern und formalistisch, im Gegensatz zur vermeintlich freieren und natürlicheren Darstellung Shakespeares. Und doch gibt es im ausgehenden 18. Jahrhundert Rückgriffe auf die Regelpoetik, die als nostalgische Versuche interpretiert werden können, Ordnung in die nach der Französischen Revolution in Unordnung geratene Welt zu bringen. In ihnen scheinen jedoch stets das Wissen um deren Nichtrestaurierbarkeit und die Einsicht durch, dass sich Politik nicht letztendlich begründen lässt. Aus dem Grund sind es vor allem die Schwierigkeiten, Widersprüche und unauflösbaren Reste der klassischen französischen Tragödie, an die Goethe und Schiller anknüpfen.
Dennoch scheint die klassische Form spätestens in der Weimarer Klassik aus der Zeit gefallen. Nicht nur ist der Machtverzicht des Helden – bei Corneille noch als bewusster Willensakt inszeniert – hier eher Ausdruck seiner Ohnmacht: Goethes Tasso beruft sich auf ein am Hof bereits überholtes Politikverständnis, Schillers Wilhelm Tell hat zwar noch heroische Auftritte, liefert aber keinen Beitrag zur Neugründung der Schweiz. Auch die Einheit der Zeit, von der der Anschein der Zeitunabhängigkeit und universellen Gültigkeit des souveränen Rechts abhängt, wird ironischerweise nur noch in der »Iphigenie auf Tauris« eingehalten, wo das Recht bereits gegründet und sie folglich funktionslos ist.
Spätestens der »Faust« markiert das Ende solcher Versuche, die Einheit der klassischen Form zu stiften. Zwar finden sich hier noch vereinzelt Form- und Stilelemente der klassischen Tragödie, doch ist die moderne Tragödie und mithin die Moderne mit dem Geld durch eine völlig andere Gründungsökonomie strukturiert als der absolutistische Staat. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, inwiefern Analysen der klassischen Tragödie Schlüsse für gegenwärtige Fragen nach dem Zusammenhang von ästhetischer Form und politischen Anliegen zulassen. Angesichts autoritärer politischer Akteure, die sich aufführen wie Heroen und Könige, ist mitunter ein unbewusster identifikatorischer Rückgriff auf das klassische Drama zu beobachten. Dem setzt Claude Haas eine an der Analyse der dramatischen Form geschulte Sensibilität für die Unterschiede zwischen historischem Geschehen und Gegenwart entgegen.
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Der Germanist und Komparatist Claude Haas ist Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur am ZfL und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schwerpunktprojekt Stil. Geschichte und Gegenwart. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL, Vorstandsmitglied der Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin.
Das Buch:
Claude Haas: Der König, sein Held und ihr Drama. Politik und Poetik der klassischen Tragödie. Göttingen: Wallstein 2024
Weiterführende Literatur:
Friedrich Balke: Figuren der Souveränität. München: Fink 2009
Lisa Bergelt: Politik als Spiel mit der Zeit. Zeit-Dramaturgien im politischen Theater 1773–1852. Hannover: Wehrhahn 2019
Ulrich Bröckling: Postheroische Helden. Ein Zeitbild. Berlin: Suhrkamp 2020
Claude Haas: »Heldenpandemie oder Pandemiehelden? Bemerkungen zur neuesten Heroismusforschung«, in: ZfL Blog, 14.4.2020
: »Heute ein König? Zur Dramenzeit des Souveräns«, in: ders./Andrea Polaschegg (Hg.): Der Einsatz des Dramas. Dramenanfänge, Wissenschaftspoetik und Gattungspolitik. Freiburg i.Br. u.a.: Rombach 2012, 253–276
Thomas Frank, Albrecht Koschorke, Susanne Lüdemann, Ethel Matala de Mazza (Hg.): Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas. Frankfurt a.M.: Fischer 2007
Michael Gamper: Der große Mann. Geschichte eines politischen Phantasmas. Göttingen: Wallstein 2016
Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1989
Werner Krauss: Corneille als politischer Dichter. Marburg: Ebel 1936
Gordon Pocock: Corneille and Racine. Problems of Tragic Form. Cambridge: Cambridge UP 1973
Carolin Rocks: Heldentaten, Heldenträume. Zur Analytik des Politischen im Drama um 1800 (Goethe, Schiller, Kleist). Berlin, Boston: De Gruyter 2020
Dieter Thomä: Warum Demokratien Helden brauchen. Plädoyer für einen zeitgemäßen Heroismus. Berlin: Ullstein 2019
Juliane Vogel: Aus dem Grund. Auftrittsprotokolle zwischen Racine und Nietzsche. Leiden, Boston: Brill 2018
Cornelia Zumbusch: Weimarer Klassik. Eine Einführung. Berlin: Metzler 2019
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