Buchgefühl - Lesung und Gespräch

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Buchgefühl - Lesung und Gespräch episodes

  • Bayern 2 Publikumspreis - Annette Dittert: Dear Britain

    Lesung und Gespräch. "Hey, the Germans still love you!" Der Erfolg dieses Großbritannien-Buchs ist auch eine Botschaft an die Insel, sagt Annette Dittert. Unterhaltsam. Und als Bestandsaufnahme zehn Jahre nach Brexit durchaus beunruhigend.

    Buchgefühl-Host Judith Heitkamp schaltet zum Hausboot auf dem Regent’s-Kanal in London, wo Annette Dittert seit vielen Jahren lebt. Und zwar mit tollen Neuigkeiten: Bayern 2 Publikumspreis für „Dear Britain“!  Die langjährige ARD-Korrespondentin, inzwischen auch mit britischem Pass, beschreibt in ihrem Buch, wie das Land zehn Jahre nach dem Brexit-Votum tickt. Durchaus persönlich gefärbt, schließlich war sie damals, als sie 2008 nach London kam, gleich schockverliebt - „…heute ist das mehr wie in einer guten alten Ehe, wo man seine Macken kennt.“  Für das Buch war Annette Dittert  mit Stift und Notizbuch unterwegs statt mit Kamera-Team und lässt ein facettenreiches Bild entstehen: Wie sich der Brexit mit der Monarchie (nicht) vertrug, wie die Enttäuschung über seine Folgen die politischen Ränder beflügelt, wie die Royals die Demokratie retten, wie die enormen Unterschiede zwischen arm und reich die Gesellschaft spalten, wie in wunderbaren englischen Gärten Kolonialunrecht steckt, und wieso im liberalen Lager lieber niemand sagt: „I’m english“. Ist sie pessimistisch? „Die Kassen sind leer, der Spielraum, die sozialen Verwerfungen zu reparieren, ist wahnsinnig schwierig. Und dann kommt noch hinzu, dass von außen Elon Musk und die MAGA-Bewegung massiv intervenieren, da wird es gefährlich.“

    Gast: Annette Dittert berichtete viele Jahre für die ARD aus London und wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet. Seit dem letzten Jahr hat sie auch die britische Staatsbürgerschaft und erklärt jetzt öfter mal den Briten, wie die Deutschen so sind. Sie lebt in London auf ihrem Hausboot „Emilia“.

     

    Host: Judith Heitkamp weiß nach dieser Buchgefühl-Folge, dass man auf gar keinen Fall „englisch“ und „britisch“ synonym verwenden sollte.

    Buch: Annette Dittert, Dear Britain, DuMont Verlag.  

    Hörtipp 1: Dass das Bayern 2 Publikum Annette Ditterts Buch „Dear Britain“ zum neuen Lieblingsbuch wählte - bekannt gegeben wurde das beim Bayerischen Buchpreis am 29. Oktober 2026. Auch sonst eine spannende Veranstaltung, bei der eine Jury aus drei Kritikern live ihre Entscheidung aushandelt. Hier Buchgefühl - Lesung und Gespräch · Bayerischer Buchpreis 2026: Die Preisverleihung · Podcast in ARD Sounds zu finden. 

     

    Hörtipp 2: Über Lieblingsbücher reden auch Christine Westermann und Mona Ameziane im Podcast „Zwei Seiten“ Zwei Seiten - Der Podcast über Bücher | WDR · Neue Folgen - Jetzt Podcast anhören!, nicht immer sind sie sich einig - aber das ist ja gerade das Schöne am Lesen: viel Gesprächsstoff.  

    56 min
  • Bayerischer Buchpreis 2026: Die Preisverleihung

    Welche Sachbücher und Romane sind die besten des Jahres? Das musste die Jury (Maja Beckers, Marie Schoeß und Andreas Platthaus) am 29. Oktober vor Publikum diskutieren und entscheiden, live in der Allerheiligen-Hofkirche in München.

    In der Belletristik setzte sich Shida Bazyar mit "Die Lücken" gegen Susan Kreller und Leh-Wei Liao durch. Als das beste Sachbuch wurde Susanne Heims "Die Abschottung der Welt" ausgezeichnet. Über den Bayern 2-Publikumspreis freute sich Annette Dittert für "Dear Britain". Der diesjährige Ehrenpreisträger des Bayerischen Ministerpräsidenten stand schon fest: Der Autor Stefan Aust. Durch den stimmungsvollen Abend führte wieder BR-Moderatorin Judith Heitkamp.

    1 hr 59 min
  • Lutz Seiler: Das tickende Herz

    Lesung und Gespräch. Ein Wiedersehen mit Dodo, der berühmtesten Ziege der Gegenwartsliteratur. Ebenso mit dem Dichter Carl Bischoff, auf großer Reise ostwärts, bis nach Kasachstan. Und auf der Suche nach einem Herzensmenschen.

    Und ja, Dodo – Leserinnen und Lesern von Lutz Seilers Roman „Stern 111“ bereits vertraut – ist keine gewöhnliche Ziege. Dodo ist ein magisches Tier. Sie kann mit Carl Bischoff sprechen. Und für ihn, den Gefährten aus der unmittelbaren, bewegten Nachwende-Zeit, kann sie auch fliegen, wenigstens ein paar Zentimeter über dem Erdboden. „Dodo hat eigentlich Carl mitgezogen“, berichtet Lutz Seiler im Buchgefühl-Gespräch über das Entstehen von „Das tickende Herz“. Und auch, dass er diese Tiere sehr mag, nicht nur wegen ihrer Augen. „Die Begegnung mit dem Tier weckt Demut und Empathie. Und sie verändert unsere Haltung zur Welt insgesamt.“

    Überhaupt erzählt Lutz Seiler in seinem neuen Roman von magischen Dimensionen. Carl lernt Aysha kennen, die seine Gedichte schätzt und übersetzt – und die zur Schamanin berufen wird. Und er reist, im weltverändernden Jahr 2001, nach Kasachstan, tritt dort auf und wird mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts konfrontiert. Dazu gehört auch die Geschichte der sowjetischen Atombombe, die wiederum in Carls ursprüngliche Heimat – ins thüringische Gera und zur Wismut – führt. „Dass das Thema der Atombombe miterzählt werden kann, basiert darauf, dass das radioaktive Gegenden sind und dass die auf bestimmte Weise miteinander verbunden sind.“ Zur Zeitgeschichte kommt die Erdgeschichte. Und so viel mehr.

    Gast: Lutz Seiler, Lyriker und Romanautor, aus Gera stammend, heute in Wilhelmshorst bei Berlin und in Stockholm lebend. Seine Romane „Kruso“ (2014) und „Stern 111“ (2020) – auch sie über Carl Bischoff – wurden mit großer Aufmerksamkeit bedacht. 2023 erhielt Lutz Seiler für sein literarisches Werk den Georg-Büchner-Preis.

    Host: Niels Beintker, traf Lutz Seiler zum ersten Mal persönlich für ein Interview über den Gedichtband „im felderlatein“ – verbundenen mit einer Aufnahme einiger Gedichte. Off air ging es dann auch um gemeinsame geographisch-biographische Bezüge, darunter zur Landschaft in Ostthüringen.

    Buch: Lutz Seiler, Das tickende Herz, Suhrkamp. Als Hörbuch, gelesen von Lutz Seiler, bei „Der Audio Verlag“ erschienen.

    Hörtipp: Ein magisches und mehr noch: ein großes Fantasy-Abenteuer erzählt Ursula K. Le Guins „Erdsee“. Aus der Roman-Trilogie ist jetzt eine besondere Hörspiel-Serie entstanden, in 3D-Audio. Hier beginnt diese Reise.  https://kurz.ard.de/erdsee

    1 hr 1 min
  • Helene Bracht: Irma tanzt

    Lesung und Gespräch. "Oh Gott, jetzt mach ich dasselbe wie alle vor mir und schreibe über meine Mutter" - aber nein, dieser Essay ist ganz eigen! Helene Bracht über Irma, über sich und über Vorgeschichten, wie sie uns allen in den Knochen stecken.

    Helene Bracht wollte gar nicht über ihre Mutter schreiben. Aber dann war dieser erste Satz da und führte immer weiter. In die Zeit, als sie als junge Frau am Krankenbett der sterbenden Mutter saß. Als sie Briefe ihrer Eltern fand, die von einer psychisch brutalen Ehe erzählen - oder doch von einer psychisch brutalen Zeit? Unterwerfung wurde als der „Weg“ der Frau angesehen. Helene Bracht fasst beides, das Persönliche und das Gesellschaftliche. Irma bemühte sich, passte aber doch in kein Raster, mit ihrem „vulkanischen Gemüt“. Peinlich, fand ihre Tochter das lange. „Ich habe einfach ganz spät gemerkt, dass es viele Menschen gab, die sie gerade deswegen besonders mochten“, erzählt sie im Podcast, im Gespräch mit Judith Heitkamp. „Weil so ein Temperament in den 50er, 60er Jahren bei Frauen kaum je zu beobachten war.“

    Mit ihrem ersten Essay „Das Lieben danach“ hat Helene Bracht spät zum literarischen Schreiben gefunden - und damit auch ihre Form, das Verknüpfen von Erinnerung und Analyse, Zeitgeschichte und Gesellschaft, Memoir und Imagination. Mit ihr entdecken wir im Besonderen das Typische, legen Muster frei. So erzählt sie auch in „Irma tanzt“, einem Buch, das wieder sehr persönlich geworden ist und gleichzeitig mit einem klugen und sich verändernden Blick inspiriert. Das höre sie von Menschen unterschiedlichen Alters, sagt die Autorin, „dass sie nachdenklich geworden sind und natürlich auch an ihre eigene Geschichte denken.“

    Gast: Helene Bracht, geboren 1955, studierte Psychologie und Pädagogik, arbeitete am Theater und als Psychologin. Mit 70 Jahren veröffentlichte sie zum ersten Mal literarisch, nämlich den Essay „Das Lieben danach“, der zum Bestseller wurde und dem jetzt „Irma tanzt“ folgt.

     

    Host: Judith Heitkamp, hat viele Bücher im Regal, in denen alte Korrespondenz auftaucht. Wenig davon allerdings liest sich so brutal wie die Briefe, in denen Irma und ihr Mann um ihre Ehe kämpfen.

    Buch: Helene Bracht, Irma tanzt, Hanser Verlag.  

     

    Hörtipp: Babylon Berlin gibt es jetzt auch im Podcast - als Hörspielserie hier in ARD Sounds. https://kurz.ard.de/babylon-berlin-hoerspiel

     

    56 min
  • Wolf Biermann: Mit uralten Kinderaugen

    Lesung und Gespräch. "Ich bin ein Glückskind", sagt Wolf Biermann. Und blickt in neuen Gedichten und Liedern zurück auf sein Leben. Ebenso kommentiert er die heutigen Angriffe auf die Freiheit. "Damit ich nicht verrückt werde!"

    „Ich lebte mein Leben nie dumpf dahin“, heißt es in Wolf Biermanns Gedicht „Mit Kinderaugen, uralten“. Ein kleiner Blick auf seine bewegte Biografie kann zeigen: wie wahr! Und: Wolf Biermann bewies immer wieder großen Mut. Und das, obwohl er eigentlich ein furchtsamer Mensch gewesen sei, wie der Dichter und Liedermacher im Interview über sein neues Buch „Mit uralten Kinderaugen“ erzählt. „Ich war das Gegenteil von dem tollen Kerl, der der Welt mit dem Arsch ins Gesicht springt.“ Wenn so einer es aber schaffe, ein paar tapfere Gedichte und Lieder zu schreiben, dann sei die Welt zu ertragen. Für ihn jedenfalls ist es so.

    Begleitet von eigenen Lesungen der Gedichte (vom Hörbuch „Mit uralten Kinderaugen, erschienen im Hör-Verlag) berichtet Wolf Biermann unter anderem über die lebenslange Beschäftigung mit Heinrich Heine und mit Bertolt Brecht. Er erzählt vom in Auschwitz ermordeten Vater Dagobert und lässt seine Oma Meume zu Wort kommen. Und er erinnert an seine Begegnung mit Manès Sperber in Paris, der ihn – „mit schonender Härte“ – zum Bruch mit dem Kommunismus bewegte. „Allein dafür hat sich die Ausbürgerung aus der DDR gelohnt!“ Und auch deshalb sei er ein Glückskind. „Mazeltov – viel Glück – habe ich gehabt. Immer wieder!“

    Gast: Wolf Biermann, Liedermacher, Dichter, in der DDR Drachentöter mit der Gitarre. Geboren am 15. November 1936, 40 Jahre und einen Tag später aufgrund seiner mutigen Lieder ausgebürgert aus der DDR. Zum 90. Geburtstag und zum Jahrestag der Ausbürgerung erscheinen neben den Gedichten ein großer Band mit Tagebüchern Wolf Biermanns aus der DDR und das Kinderbuch „Der kleine Herr Moritz“. Ebenso gibt es ein neues Album mit bekannten und eines mit neuen Liedern, den Dokumentarfilm „Biermann“ (Regie: Jens Meurer) und einen biographischen Comic von Julian Voloj. Außerdem spielt Wolf Biermann im Oktober und November einige große Konzerte.

    Host: Niels Beintker, begegnete als Jugendlicher Wolf Biermanns Texten in der Jungen Gemeinde in Halle/Saale, im weltverändernden Herbst 1989. Und erinnert sich an einen besonderen Fernsehmoment zu Hause: Wolf Biermanns Konzert erstes Konzert nach der Ausbürgerung in der DDR, am 1. Dezember 1989 in Leipzig. Schwarz-Weiß und mono, aber so einprägsam.

    Bücher: Wolf Biermann, Mit uralten Kinderaugen. Gedichte 2006-2026, Penguin (und als Hörbuch – gelesen von Wolf Biermann – im Hör-Verlag). Wolf Biermann: „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“. Tagebücher über Verbot, Ausbürgerung und Mauerfall. Hg. von Ilko-Sascha Kowalczuck. Unter Mitarbeit von Arno Polzin und Maximilian Arndt, Penguin.

    Hörtipp: Wolf Biermanns Lebensgeschichte ist – nicht allein, aber doch auch – elementar verbunden mit der Geschichte der DDR. In der neuen Staffel von „Die Entscheidung“ erzählt BR-Journalistin Melanie Müller die Geschichte ihres Vaters, der als Jugendlicher im Land liebend gerne Westmusik hört und sich schwertut mit den staatlichen Regeln. Nach einem Vorfall im Freibad wird aus einem scheinbar kleinen Augenblick ein Wendepunkt. Er landet als politischer Gefangener im Gefängnis, versucht zweimal zu fliehen und steht immer wieder vor derselben Frage: anpassen oder gehen?

    https://1.ard.de/die_entscheidung_br24

    1 hr 12 min
  • Radka Denemarková : Schokoladenblut

    Lesung und Gespräch. Eine wilde Eisenbahnreise durch das 19. Jahrhundert. Im Abteil: die Schriftstellerinnen Božena Nemcová und George Sand und der Oberkapitalist John D. Rockefeller. Historische Langeweile? Nein, hochaktuell!

    Schokoladenblut ist eine besondere Flüssigkeit. Sie kann das Blut in unseren Adern sein. Ebenso das Erdöl, Grundlage der globalen kapitalistischen Revolution. Und die Tinte, mit der etwa die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová im 19. Jahrhundert Märchen und einen Roman schreibt. „Sie wurde erst von den tschechischen Nationalisten ausgenutzt – und später dann von den Kommunisten“, sagt Radka Denemarková über ihre historische Kollegin, eine der Hauptfiguren im Roman „Schokoladenblut“. Dabei wollte Božena Němcová vom Schreiben leben, frei und unabhängig sein. „Sie hatte nur das Pech, im falschen Körper – im Körper einer Frau im 19. Jahrhundert – geboren zu werden“.

    Radka Denemarková, Jahrgang 1969, hat sich intensiv mit der Biografie der Schriftstellerin beschäftigt. Und schickt sie mit der zuckelnden Eisenbahn durch die Zeit, zusammen mit der kompromisslosen George Sand, dem unerbittlichen John D. Rockefeller und vielen anderen. „Es sind die Anfänge unserer Gegenwart“, erinnert Radka Denemarková im Buchgefühl-Gespräch beim 46. Erlanger Poet*innenfest. Und sie verrät, mit welchem Material sie selbst schreibt. Spoiler: Schokoladenblut ist es nicht.

    Gast: Radka Denemarková, Schriftstellerin aus Prag. Sie schreibt besondere Romane über Geschichte und über Gegenwart, immer auch die Frage der Freiheit im Blick. Besonders sind ihre Bücher stets auch im formalen Sinn. Immer neu und unkonventionell. Zum Beispiel als lange Eisenbahnreise. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland Tschechien hält sie die Eröffnungsrede.

    Host: Niels Beintker. Lernte Radka Denemarková vor vielen Jahren bei einer Lesung in der Oberpfalz kennen und ist dankbar für viele Begegnungen und Gespräche seitdem, immer wieder auch über die friedlichen Revolutionen 1989 in Ost- und Mitteleuropa. Und empfindet es als große Ehre, dass die Schriftstellerin eigens fürs Buchgefühl zum schönen Erlanger Poet*innenfest gekommen ist. Übrigens mit pünktlichen Zügen.

    Sprecherin: Katja Amberger, Schauspielerin aus München. Für ihre Lesung aus dem Roman „Schokoladenblut“ (in der Regie von Irene Schuck) bekam sie – auf der Bühne – eine sehr persönliche Würdigung von Radka Denemarková. Und viel Applaus vom Publikum.

    Buch: Radka Denemarková, Schokoladenblut. Aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Hoffmann und Campe.

    Hörtipp: Ein Gast wie Radka Denemarková konnte das Publikum auf dem Erlanger Poet*innenfest auch auf Klassiker neugierig machen, zum Beispiel auf die Romane von George Sand. Bei „KULT!“ gibt’s viele Lesungen aus der Weltliteratur als Hörbuch, vorgetragen von herausragenden Interpretinnen und Interpreten. https://1.ard.de/kult-lesungen

    57 min
  • Karosh Taha: Gulistan

    Lesung und Gespräch. Hier muss die Hauptfigur jederzeit aus dem Text verschwinden können, denn in der Diktatur drohen immer Verrat und Folter. Judith Heitkamp trifft die deutsch-kurdische Autorin und Sprach-Umformerin Karosh Taha.

    Wer, wenn nicht sie, sollte diese Geschichten erzählen, fragte sich Karosh Taha, sie, die im Irak geborene, aber schon als Kind nach Deutschland gekommene und auf deutsch schreibende Schriftstellerin. Die Geschichten der verfolgten kurdischen Frauen im Irak Saddam Husseins nämlich - oder besser: eine Geschichte, in der die anderen sich unerkannt wiederfinden. So entstand „Gulistan“. Karosh Taha spricht in diesem Buchgefühl mit Judith Heitkamp über ein jahrelanges Buchprojekt zum Alltag in der Diktatur, über den Doppelgänger des Diktators und über eine mutige Frau, die die Suche nach ihrem verschleppten Mann nicht aufgibt. Gulistan bedeutet Blumengarten. Aber der Name verrät auch, dass Gulistan Kurdin ist. Im Irak unter Saddam Hussein darf eine Schneiderei so nicht heißen. Und eine Frau eigentlich auch nicht. Die Drohungen der Geheimpolizei mehren sich, eines Tages verschwindet Gulistans Mann Ciya.

    Für Karosh Taha muss sich bei solchen Bedrohungen auch die literarische Sprache ändern. Nur unter der Bedingung, dass die Hauptfigur „jederzeit aus dem Text verschwinden kann“, hebt ihr Roman an, versetzt Wörter und Bedeutungen in verschwörerische, bedrohliche oder rettende neue Zusammenhänge, lässt Lücken, lässt den gewohnten Rhythmus ins Stocken kommen. Wie es sein könnte, wenn man die eigene Sprache niemals benutzen darf, weil sie verboten ist, wie man Stottern auf Buchseiten bringt - zu hören in dieser Folge von Buchgefühl.

     

    Gast: Karosh Taha, geboren 1987 im Irak, als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, wollte kein Sachbuch über das Regime Saddam Husseins schreiben, sondern einen Text über das Eindringen der Diktatur bis in die intimsten Beziehungen. Sie kam mit diesem Roman, ihrem dritten, auf die Longlist des Deutschen Buchpreises.

    Host: Judith Heitkamp, auch in diesem Jahr unterwegs auf dem Poet*innenfest in Erlangen, wo das Gespräch mit Karosh Taha aufgezeichnet wurde.

    Buch: Karosh Taha, Gulistan, DuMont.

     

    Hörtipp: In dieser Ausgabe von Buchgefühl waren wir ja unterwegs, in Erlangen auf dem Literaturfestival Poet*innenfest. Grundsätzlich raus geht der Podcast „Orte und Worte“ des RBB. Dahin, wo Bücher spielen oder wo Bücher entstehen. Gespräche mit Autorinnen und Autoren - vor Ort. Hier in ARDS Sounds. Link  

     

    42 min
  • Lea Ruckpaul: Bye Bye Lolita

    Lesung und Gespräch. Dolores Haze, bekannt als "Lolita", schreibt sich frei. Und soll dabei endlich Autonomie erfahren, so Lea Ruckpaul. "Die bekommt sie nicht von Nabokov." Also muss die Schauspielerin und Autorin das tun.

    Sie ist schwer traumatisiert und will nicht länger schweigen. Lange Jahre nach dem Verrat durch die eigene Mutter und den ihm folgenden vielfachen Missbrauch durch Humbert Humbert erzählt Dolores Haze ihre eigene Version des Romans „Lolita“. Nein, sie schreit sie heraus, voller Wut, Aggression und Schmerz. „Die Erfahrungen, die Dolores machen musste, lassen sich nicht wegdiskutieren und auch nicht wegtherapieren“, sagt Lea Ruckpaul im „Buchgefühl“-Interview über die Hauptfigur ihres Romans „Buy Bye Lolita“. Aber: „Wenn Dolores ihre Geschichte selbst erzählt, dann lässt sich dabei eine andere Position zur Welt finden, die sie selbst gestaltet. Darin liegt Freiheit.“ Lea Ruckpauls Roman über die Sehnsucht einer gezeichneten Frau nach Autonomie wird jetzt als Theaterstück am Residenztheater München inszeniert. Aus diesem Anlass lesen wir mit der Schauspielerin und Autorin noch einmal in „Bye Bye Lolita“. Dazu ein Gespräch unter anderem über die Möglichkeiten des Theaters.

    Gast: Lea Ruckpaul, Schauspielerin und Autorin, seit 2023 Ensemble-Mitglied am Münchner Residenztheater. Zu erleben dort unter anderem als Julia in Shakespeares Tragödie „Romeo und Julia“. Ebenso als Eve im „Zerbrochenen Krug“. Und als Rechtanwältin Tessa Ensler in Suzie Millers „Prima Facie“, einem beeindruckenden Solo-Abend. Zum Auftakt der Spielzeit 2026/27 hat „Bye Bye Lolita“ als Theaterstück Premiere.

    Host: Niels Beintker, immer wieder beschenkt nach einer Vorstellung im Residenztheater. So viele tolle Menschen bereiten an diesem Haus der Phantasie eine Bühne. Und bringen uns mit ihrer Arbeit dazu, über die wichtigen Fragen nachzudenken.

    Buch: Lea Ruckpaul, Bye Bye Lolita, Voland & Quist.

     

    Hörtipp: Der mächtigste Pirat aller Zeiten? Eine Frau. Der erste Autor der Menschheit? Eine Frau. Im Cosmo-Podcast „Lost Sheroes“ erzählt Schauspielerin Milena Straube die spannenden Lebensgeschichten unbeachteter Heldinnen. „Lost Sheroes“ – Frauen, die in Geschichtsbüchern fehlen. http://www.wdr.de/k/lostsheroes

    TikTok-Livestream-Tipp: Der BookTok-Kanal „ARD Literally“ besucht eine Probe von „Bye Bye Lolita“ und spricht mit Lea Ruckpaul über Buch und Theaterstück, am 17.9. im Cuvilliéstheater. Ab 19.00 Uhr im Live-Stream. Jetzt spricht Lolita. Wem gehört eine Geschichte? | Residenztheater München

     

    58 min
  • Buchgefühl mit Sommer-Post: Bald wieder da!

    Ohne Lesung und Gespräch, mit Judith Heitkamp und Niels Beintker, kleinen Hör-Tipps für die Saison und dem Blick auf die neuen Folgen.

    Hosts: Judith Heitkamp, im Rucksack immer Laptop und Buch. Und Niels Beintker, neben dem Buch immer ein Laptop.

    Hörtipp: Buchgefühl – unsere Folge mit Inan Özge und „Die Dichterin“: Alle wollen Aufmerksamkeit. Wer bezahlt welchen Preis?

    https://1.ard.de/buchgefuehl-inan-dichterin

    Oder die anderen Folgen.

    3 min
  • Buchgefühl mit Sommer-Post: Klassiker!

    Ohne Lesung und Gespräch, mit Judith Heitkamp und Niels Beintker und kleinen Hör-Tipps für die Saison. Diesmal: Klassiker-Folgen.

    Hosts: Judith Heitkamp und Niels Beintker, lesen und reden beruflich.

    Hörtipp: Buchgefühl – unsere Folge mit Edgar Allan Poes Schauergeschichte „Berenice“ und dem Poe-Übersetzer Andreas Nohl.

    https://1.ard.de/buchgefuehl-Poe-Berenice

    Oder unsere Folge mit Emily Brontës Kult-Roman „Sturmhöhe“/“Wuthering Heights“ und der niederländischen Schriftstellerin Anjet Daanje, die großer Brontë-Fan ist. 

    https://1.ard.de/buchgefuehl-bronte-sturmhoehe

    Oder die anderen Folgen. 

    https://1.ard.de/buchgefuehl-bronte-sturmhoehe

    4 min

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Zum Lächeln, zum Weinen, zum Nachdenken, zum Aktivwerden? - Dieser Podcast zieht ins Buch: mit O-Tönen und Gespräch mit dem Autor und der Autorin, mit einem Ausschnitt aus dem Text, gelesen von…

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