SWR Kultur lesenswert - Literatur

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SWR Kultur lesenswert - Literatur episodes

  • Überleben mit Planwirtschaft? Kohei Saitos „Am Ende des Fortschritts“
    Das kennt man sonst nur von Sekten und als Taktik Rechtsextremer: Das penetrante Läuten des Sterbeglöckchens. Hier tut’s ein Marxist. „Die Zukunft heißt Faschismus!“ steht gleich über dem Vorwort. Der Autor Kohei Saito präzisiert: „Endzeitfaschismus“.  
    Ich sage es ganz unverblümt: Wir stehen sprichwörtlich am Rande des Abgrunds, der zu unserer Auslöschung führen wird.

    Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts

    Droht die Apokalypse?  
    Auf die Frage, ob er denn persönlich Angst habe vor dieser von ihm geweissagten Apokalypse, sagt er: ja, schon allein wegen seiner beiden Kinder.  
    Ein Verdienst kommt Saito unbestritten zu: Er nimmt die Polykrise, die uns auf allen Ebenen förmlich einkreist, ins Visier und macht einen Vorschlag, wie ihr zu begegnen sei. Damit die Dringlichkeit auch jedem Leser einleuchtet, geht er vom Schlimmstmöglichen aus: Krieg, Pandemien, Artensterben, Klimakollaps. Chaos, Plünderung, Hunger.
    Und dann packt er sein Rezept für ein Überleben in der Apokalypse aus. Dieses Rezept ist alt und denkbar unspektakulär: die kommunistische Planwirtschaft soll es retten, manchmal nennt er sie auch sozialistisch und manchmal demokratisch.
    Auf jeden Fall müsse der Kapitalismus weg, denn der habe den Karren in den Dreck gezogen, meint Kohei Saito. 
    „Viele hier denken vielleicht, dass der Kapitalismus den Menschen erlaubt, frei zu sein und dass er demokratisch sei. Ich glaube, das ist falsch. Denn der Kapitalismus ist nicht kompatibel mit der Demokratie“, meint Saito.
    „Warum? In diesem System werden zwar viele Dinge produziert. Aber wir, die Konsumenten, werden nicht gefragt, ob wir diese Dinge haben wollen. Reiche Leute monopolisieren diese gigantische Produktionskraft und benutzen sie, um mehr Profit zu machen.“ 
    Schwächelnder Kapitalismus 
    Interessanterweise beklagt ausgerechnet er, wir seien gefangen in einem Dualismus, nämlich der Wahl zwischen entweder Kapitalismus oder Kommunismus.
    Der Kommunismus stoße im Westen auf kategorische Ablehnung, denn wir hätten nur Klischees im Kopf: Terror, Lager, Versorgungsengpässe. Wobei nicht erkannt werde, dass der aktuelle Kapitalismus zu einem Erpressungssystem geworden sei:
    Die großen US-Techkonzerne monopolisierten die Marktplätze und zwängen mit ihrer Herrschaft über alle Vorgänge der Digitalisierung selbst klassische Industrien in die Knie.
    Aber, so tröstet er seine Leser, dies sei ohnehin die letzte Erscheinungsform, die der schwächer werdende Kapitalismus angenommen hätte. Falls aber die Zeit für die sozialistische Planwirtschaft reif sei, dann könne man die Instrumente der Techkonzerne, speziell die Künstliche Intelligenz, für eigene Zwecke nutzen.  
    Man kann zum Beispiel das Verhalten und die Arbeitsabläufe von Arbeitern lückenlos erfassen, durch KI analysieren lassen und so die Effizienz steigern.

    Quelle: Kohei Saito – Am Ende des Fortschritts

    Genau das gefällt den Arbeitern in den Fabriken und Logistikzentren, ob kommunistisch oder kapitalistisch geführt, schon heute nicht.  
    Kein überzeugender Plan B 
    Alles in allem ist es gut, dass ein junger Idealist herkommt und einen Plan B unterbreitet für alle, die nicht reich genug sind, um sich in Sicherheit zu bringen, falls es zu einem Systemkollaps kommen sollte. Aber es ist der falsche Plan B.
    Saito macht es sich zu leicht, wenn er schreibt, der Kapitalismus sei schuld am Klimawandel, der Kapitalismus hätte in China Fabriken für Billigprodukte hochgezogen und so weiter.
    Sprachlich bedient er sich dabei aus dem Steinbruch kommunistischer Theorietexte, was die Lektüre meist zu einer Art Strafarbeit macht. Dass in Saitos Buch neben unzähligen männlichen Denkern keine einzige Frau vorkommt, nicht mal eine bekämpfenswerte Kapitalistin, passt denn auch ins Bild.
    „Kommunismus ist eine Illusion“, sagte Freud. Für den Ernstfall brauchen wir etwas Besseres.
    5 min
  • Nehmt euch vor Dichtern in Acht! „Peck & Peck“ von Bonnie Garmus
    Schauplatz New York
    New York, 1982. Ein gefährliches Pflaster. Jederzeit war damit zu rechnen, in der U-Bahn ausgeraubt zu werden. Aber zugleich war Big Apple vor dem Aids-Schock die Stadt, in der alles möglich schien. Und in dem New York, das Bonnie Garmus zum Schauplatz ihres neuen Romans macht, ist noch ein bisschen mehr möglich.  
    Zum Beispiel der kometenhafte Aufstieg von der miserabel bezahlten Hilfskraft im Kopierkeller zum Herausgeber der weltweit bedeutendsten Lyrik-Zeitschrift „Peck & Peck“.
    Dies gelingt Batter Gray, einem Jungen aus der Provinz, ohne Beziehungen, ohne Geld, ohne Gaben außer einer.  
    Ein Dichter, der nicht schreibt – das wird nichts 
    Aber von vorn.  
    Der Ich-Erzähler, geboren wie seine Erfinderin im Jahr 1957, trägt schon an seinem Vornamen schwer. Benannt ist er nach dem verstorbenen Hund seiner Mutter, einem, wie ihre Geschichten besagen, heldenhaften Tier.
    Hinzu kommt, dass Batter Teil eines Zwillingspaars hätte sein sollen, sein Bruder aber tot zur Welt kam. Damit nicht genug, will er Dichter werden, von Kindesbeinen an. Allerdings schreibt Batter nicht. 
     
    Aber er hat ein „Ohr“ für Poesie, das absolute Gehör für Gedichte. Und zwar, weil er liest, was die Schulbibliothek hergibt. Folgerichtig, dass er sich für ein entsprechendes Hauptfach am College entscheiden möchte, und logisch, dass daraus nichts wird. 
    „,Lyrik‘?, sagte mein Vater, ‚aber kein Mensch – kein Mensch studiert Lyrik. Da könntest du auch gleich Makramee studieren. So was macht keiner vorsätzlich.‘ ,Batter‘, sagte meine Mutter, ‚sieh es doch mal so. Wenn es morgen keine Gedichte mehr gäbe, wäre das ein Weltuntergang?‘ Ich stellte mir vor, wie der letzte flugunfähige Dodo totgeschlagen wurde.“ 
    Damit ist der Ton gesetzt. Dass Gedichte schon in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als fundamental abtörnendes Minderheitenthema galten, wie Bonnie Garmus voraussetzt, nimmt man lesend einfach mal hin, schließlich hat sie die Zeit erlebt, und vor allem schreibt sie ja einen Roman für heute. 
    Retro-Verpackung für Gegenwartsbezüge 
    Wie schon in ihrem Erstling „Eine Frage der Chemie“ siedelt Garmus ihre Handlung in zurückliegenden Jahrzehnten an, mit denen sich allerlei Nostalgie verbindet.
    Nach den zukunftsoptimistischen Fifties sind es nun die Sechziger, Siebziger und Achtziger mit ihren Beat- und Pop- und Camp-befeuerten Aufbrüchen. Und im schmucken Retro-Look dieser Pralinenschachtel verpackt sie eine Menge gut beobachteter Gegenwartsbezüge. 
    So äußert sich der ebenso ignorante wie cholerische Chef des Verlagshauses Peck & Peck, der den dauerklammen Batter Gray als Copy-Boy einstellt, in seinem ganzen Hass auf das eigene Metier bevorzugt in herrischen Sätzen, die im Druck konsequent in Versalien erscheinen, als hätte der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten sie in sein Smartphone getippt. 
    ,Also WARUM‘, sagte er mit vor Zorn anschwellender Stimme, ‚WARUM gehen all diese miesen BLÖDMÄNNER abends von ihren Jobs als Klempner und Koch und Opernsänger nach Hause und beschließen, GEDICHTE zu schreiben?‘

    Quelle: Bonnie Garmus - Peck & Peck

    Im Gegensatz zu ihm lieben die meisten Beschäftigten im Inneren der als überirdisch schön beschriebenen Architektur des Verlagshauses in Manhattan Gedichte. Aber vor kaum etwas haben sie mehr Angst als vor den Dichtern draußen. 
    Legitime Nachfolgerin großer Fabulierkünstler 
    Scheinbare und tatsächliche Paradoxien wie diese durchziehen den Roman, dessen wendungs- und windungsreiche 550-Seiten-Handlung zusammenzufassen sinnlos wäre.
    Der fantastische Einfallsreichtum der Autorin, ihre Sympathie für die Pechvögel im Reich menschlicher wie tierischer Fauna und ein erzählerischer Atem, der mühelos die Lösungen für 25 Jahre und 300 Seiten zurückliegende Rätsel präsentiert, machen Bonnie Garmus zur legitimen Erbin effektsicherer Fabulierkünstler wie John Irving.  
    Vermutlich wird „Peck & Peck“ nicht in jedem die Lust auf Lyrik wecken. Aber es ist ganz große Unterhaltung.
    5 min
  • „Ich übersetze nur Texte, in denen ich eine tiefe Melodie höre“: Eva Profousová über das Übersetzen, KI und tschechische Gegenwartsliteratur
    Tschechien an der Küste der Weltliteratur
    „Tschechien nennt sich selbst Land an der Küste“, erzählt die Übersetzerin Eva Profousová im Ehrengastpavillon der Frankfurter Buchmesse – und vor ihr breitet sich ein Meer aus „vielen kleinen Schiffen von kleinen unabhängigen Verlagen“ aus, das sie besonders begeistert.
    „Land an der Küste“ ist das Motto des diesjährigen tschechischen Gastland-Auftritts. Dabei sind Namen wie Radka Denemarková und Jáchym Topol sind für sie eher die „großen Schiffe“ in dieser Flotte.
    Das 19. Jahrhundert – gegenwärtiger als man glaubt
    Mitte des 19. Jahrhunderts müht sich Schriftstellerin Božena Němcová an einem patriotischen Märchen ab, an dessen Botschaft sie selbst nicht glaubt.
    George Sand trotzt in Frankreich den Konventionen und schreibt mit leichter Hand, während in Amerika John D. Rockefeller mit Erdöl zum ersten Milliardär der Geschichte wird.
    Radka Denemarková erzählt, auf den ersten Blick, eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert. Profousová liest Denemarkovás experimentellen Roman „Schokoladenblut“ als hochaktuelles Buch:
    „Dieser Kapitalismus, diese patriarchale Gesellschaft, diese Art mit Frauen umzugehen“, das käme alles aus diesem Jahrhundert.
    Topols Roman „Die Hölle gibt es nicht“ sieht sie hingegen als radikalen Jetzt-Roman, der mit Ukraine-Krieg, Pandemie-Ende und Generationskonflikt fragt:
    „Wer ist bereit, jetzt noch für etwas zu kämpfen?“ Beide Bücher hat sie aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen.
    Zwischen Märchen und Kneipe
    Fantastische Stoffe junger tschechischer Autorinnen und Autoren, wie Klara Vlasákovás „Die Kugel“ oder Jonáš Zbořil „Flora“ sind für sie kein magischer Realismus, eher „eine sanfte Verflechtung von ausgedachten Sachen und Realität“.
    Ob das Märchenhafte eine landestypisch Erzähltradition sei? Eva Profousová betont die „Tradition von Mündlichkeit“ der Geschichten, „ob in der Kneipe oder einfach nur so“, die die bedrückende Gegenwart erzählbar machen.
    Horchen, horten, mopsen, klauen
    Ungewöhnlich: Profousová selbst überträgt Texte aus dem Tschechischen ins Deutsche, wobei erstes ihre Muttersprache ist.  
    Übersetzen beschreibt sie als „horchen, horten, mopsen und klauen“: „Alle Wörter, die ich irgendwo finde und schön finde, die muss ich mir irgendwie einverleiben.“
    Literarische Übersetzung sei ein Dialog mit der Autorin, ein Hören auf „die tiefe Melodie“ des Textes. Künstliche Intelligenz kann das für sie nicht leisten: „Sie kriegen einen Text, aber er hat keine Stimme, keinen Geist.“
    12 min
  • „Wir müssen auf die nachwachsende Generation sehr setzen und ihr viel zutrauen“
    Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal
    „Besonders bei Jugendbüchern, wenn die Hauptcharaktere in eine kindliche Situation gebracht werden, dass sie jünger dargestellt sind, als ihr Alter halt entspricht.“
    Die 16-jährige Babett Finta findet: Erwachsene unterschätzen Jugendliche manchmal ganz schön. Sie gehört zur Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises, der auf der Frankfurter Buchmesse sein 70-jähriges Bestehen gefeiert hat. Ausgezeichnet werden Bilderbücher, Kinder-, Jugend- und Sachbücher.
    Gute Bücher dürfen etwas zumuten
    Ausgerechnet im Jubiläumsjahr fällt auf: die ausgezeichneten Bücher muten den jungen Leserinnen und Lesern einiges zu – und das zu Recht, findet Iris Kruse, Vorsitzender der Erwachsenenjury:
    „Ja, es ist jetzt und hier tatsächlich ein sehr politisches Preis Jahr gewesen. ich glaube, wir alle haben es in den Blick bekommen, dass wir auf die nachwachsende Generation sehr setzen müssen und dass wir ihnen viel zutrauen müssen und auch können.“
    In Maja Nielsens „Das falsche Leben“, Siegertitel der Kategorie Jugendbuch, erfährt ein Junge, dass sein Vater für die DDR spioniert.
    Das prämierte Sachbuch: Birgit Weyhes Graphic Novel „Schweigen“ erzählt von zwei Frauen, die unter politischen Gewaltherrschaften leiden.
    Und die Jugendjury selbst vergibt einen Preis an „Badjens“ von Delphine Minoui, einen Roman über die mutigen Proteste junger Frauen im Iran. In ihrer Rede loben sie: „Durch seine nahbaren Charaktere und seine Aktualität fordert es dazu auf, aufmüpfig zu sein, statt wegzuschauen.“
    Lesen öffnet neue Perspektiven
    Die Jugendjury gibt es seit 2003, junge Leserinnen und Leser aus sechs verschiedenen Leseclubs in ganz Deutschland entscheiden hier selbst, was gefällt. Mitglied Leo Hanstein aus Berlin ist 19 – er liest viel und alle Genres, Hauptsache es passiert was im Kopf:
    „Ich kann irgendwie jemand anderem in den Kopf schauen und macht total viele verschiedenen Perspektiven auf und hilft mir total, die Menschen um mich herum besser zu verstehen. Und wenn ich da wirklich eintauchen kann, dann ist es total bereicherndes Erlebnis irgendwie, was ich dann in mein Leben mitnehme.“
    In der Bibliothek herrscht Totenstille
    So selbstverständlich wie für Leo ist der Zugang zu Büchern längst nicht für alle Jugendlichen. Die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen: Fast ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland erreicht beim Lesen nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. Auch Babett beobachtet, wie selten Gleichaltrige heute noch zu Büchern greifen.
    Babett Finta: „In unserer Bücherei ist außer dem Leseclub kaum Jugendliche zu sehen. Auch wenn unsere Bücherei sehr viele Angebote für Jugendliche hat, es ist halt einfach Totenstille. Und ich komme auch von der Schule, wo sehr viele einfach das Lesen vermeiden.“
    Wie also Kinder und Jugendliche fürs Lesen begeistern? Petra Bahr, Staatssekretärin im Bundesjugendministerium, hat darauf bei der Preisverleihung eine klare Antwort:
    O-Ton Petra Bahr: „Wir sind fest davon überzeugt, dass die Lust auf das Lesen der entscheidende Trigger für Lesekompetenz ist.“
    Leseförderung braucht Finanzierung
    Doch ausgerechnet bei der Leseförderung wird gespart. Die Bundesförderung für das Programm „Lesestart 1–2–3“ soll Ende des Jahres auslaufen. Bisher versorgt das Programm Familien mit kleinen Kindern kostenlos mit Büchern und Anregungen zum gemeinsamen Lesen.
    Julia Abel, stellvertretende Vorsitzende des Dachverbands Jugendliteratur, fordert deshalb:
    „Leseförderung und Literaturvermittlung brauchen verlässliche Strukturen und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung. Nicht irgendwann, sondern jetzt.“
    Wie wichtig persönliche Begegnungen mit Literatur sind, zeigt Jutta Richter, Autorin von „Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen“ oder „Ich bin hier bloß der Hund“. Sie bekommt den Jugendliteraturpreis für ihr Lebenswerk kündigte an, kostenlos in Schulen zu lesen.
    Jutta Richter: „Mir ist aufgefallen, dass ich noch nie in Sachsen-Anhalt gelesen habe. Und auch die Kinder in Thüringen habe ich nie kennengelernt. Ich wünsche mir, dass sich das ändert. Dass sich Schulen bei mir melden, die kein Geld für solche Veranstaltungen ausgeben können.“
    Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist der einzige staatlich finanzierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland und zeigt seit 70 Jahren, wie viel man Kindern und Jugendlichen zutrauen kann.
    An guten Geschichten mangelt es jedenfalls nicht. Die Herausforderung ist, möglichst vielen jungen Menschen die Chance zu geben, diese Bücher für sich zu entdecken.
    5 min
  • Per Los in Tschechien: Geschichten „Jenseits von Prag“
    Per Los in Tschechiens Städte – Geschichten „Jenseits von Prag“
    Tschechien hat mehr zu bieten als Prag, Kafka und Bier – das zeigt der Band „Jenseits von Prag“. Darin:
    12 Kurzgeschichten von deutschsprachigen Autoren und Autorinnen, die einen Monat in einer tschechischen Stadt verbracht haben. Das Los hat entschieden, wo es für Judith Herrmann, Clemens Meyer, Peggy Mädler und Co. hinging.
    Experiment mit ungewissem Ausgang
    Lubomír Sůva ist Lektor und einer der Herausgeber dieses Bandes. Bis die ersten Geschichten ihn erreicht haben, war er etwas in Sorge, ob sein Experiment aufgeht:
    „Ich war wirklich ein bisschen verängstigt, bis sie [die Autorinnen und Autoren] die Geschichten geschickt haben, weil ich dachte, es wird zu historisch sein. Aber alle haben einen persönlichen Weg gefunden.“
    Der übliche literarische Kniff der Schreibenden: „Ich schicke einen Ausländer in die Stadt. Jemanden der dort zu Besuch ist. Ich finde, das ist kein schlechter Trick“, so der Lektor.
    Gruselig, albern und kritisch
    Aber manche der Geschichten gehen auch fantastische Wege. Der Autor Anselm Neft war in Budweis und hatte das Problem, dass die Stadt zu „perfekt und entspannt“ ist, erinnert sich Lubomír Sůva. Nefts Lösung: Sein literarischer Held trifft auf eine Vampirin.
    Zusammen leben sie ihren Blutdurst aus. „Daraus ist tatsächlich eine sehr spannende, auch sozialkritische und alberne Horrorgeschichte entstanden“, so Lubomír Sůva.
    Tschechien lesend kennenlernen
    Und doch: Die meisten der 12 Schreibenden seien bei ihrem Stil geblieben, ohne sich in der ungewohnten tschechischen Umgebung zu verlieren:
    „Sie wollten so schreiben, wie sie sind, aber irgendwie einen Weg auch zum Tschechischen finden“, so das Fazit des Lektors und Mitherausgebers.
    „Jenseits von Prag. 12 Städte. 12 Erzählungen“ ist eine wunderbare Einladung, sein eigenes Bild von Tschechien zu erweitern und unseren Nachbarn lesend neu kennenzulernen.
    6 min
  • Frankfurter Buchmesse 2026
    Mit der Deutschen Buchpreisträgerin Shida Bazyar, 70 Jahre Kinder- und Jugendbuchpreis, neuen Hallenkonzepten, andauernden KI-Debatten und scheidenden Direktoren. Außerdem: Ahoj nach Tschechien!
    55 min
  • Friedenspreis für Philippe Sands: Was in seiner Rede wichtig war
    Feierliche Stimmung in der Frankfurter Paulskirche
    „Mit seiner Rede hat Philippe Sands zur feierlichen Stimmung beigetragen,“ beschreibt SWR Kultur Literaturredakteur Christoph Schröder die Atmosphäre in der Paulskirche.
    Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht 2026 an den Völkerrechtler und Menschenrechtsanwalt Philippe Sands, in Frankfurt wurde dieser heute überreicht. Die Dankesrede Philippe Sands‘ stand unter dem Titel „Der Albatros des Schweigens“.
    „Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen“
    Christoph Schröder saß im Publikum. Ihm fiel auf: Das Schweigen spielte eine besondere Rolle in Sands Ansprache. So führte der Preisträger in seiner eigenen Familiengeschichte aus:
    „Unser Schweigen war ein deutsches Schweigen, geboren aus Schrecknissen, die meinen Großeltern und meiner Mutter widerfuhren. Die Konsequenz war: nichts Deutsches im Haus. Nun ja, nicht ganz: […]  Ich habe noch heute eine Schwäche für Schnitzel und Strudel“.
    Eine Art Comic Relief in einer nachdenklichen Rede, in der Sands seine deutschen Freunde im Publikum begrüßte – unter anderem Niklas Frank, Sohn des NS-Kriegsverbrechers Hans Frank.
    Literarischer Anspruch und historische Präzision
    „Das genaue Hinsehen macht ihn aus“, meint Schröder über den Preisträger.
    Die Laudatio auf den britischen Juristen hielt die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, Mirjam Zadoff, auch sie lobt diesen Aspekt seiner Arbeit: „Wir ehren einen Geschichtenerzähler, dessen Bücher hohen literarischen Anspruch mit historischer Präzision verbinden.“
    Ein schwaches Ende
    Tosenden Applaus erntete Philippe Sands für seine Betonung nach der Wichtigkeit, die Ukraine in ihrem Kampf während des russischen Angriffskriegs zu unterstützen. Dort würden die Prinzipien des Völkerrechts, die der Nürnberger Prozesse, verhandelt:
    „Jetzt ist die Zeit, für sie einzutreten, nicht zu schweigen; Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen, unsere Prinzipien hochzuhalten, auf sie zu bauen. Zeit, um zu widerstehen, nicht um zu verzagen, denn für das Rechtsstaatsprinzip braucht man einen langen Atem.“
    Die präzise Argumentation ließe jedoch zum Ende von Sands Rede nach, meint Christoph Schröder.
     „Zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut“, so Sands. „Mir ist auch bekannt, dass einige deutsche Führungspersönlichkeiten in ihrer Kritik an den Handlungen Israels allmählich schärfere Töne anschlagen. Das ist richtig, auch wenn es noch sehr zögerlich und verhalten geschieht,“ betonte der 65-Jährige.
    „Da wurde es sehr aktivistisch und der Applaus spärlicher, weil ihm die Präzision verloren gegangen ist,“ findet Christoph Schröder.
    Trotzdem ist er sicher: „Er ist ein würdiger Preisträger!“
    Der Friedenspreis
    Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
    Preisträgerinnen und Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Astrid Lindgren, Václav Havel, Jürgen Habermas, Susan Sontag, Navid Kermani, Margaret Atwood, Serhij Zhadan, Salman Rushdie, Anne Applebaum und im vergangenen Jahr Karl Schlögel. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.
    7 min
  • Frankfurter Buchmesse 2026: Wie sich die Branche trotz Krise neu erfindet
    Orientierung im Messe-Labyrinth
    Die Verlagsstände sind umgezogen, 2026 präsentiert die Messe ein neues Hallenkonzept.
    Ob das die Orientierung erschwere? „Ich finde mich auf der Frankfurter Buchmesse grundsätzlich nicht zurecht, weil ich mich immer verlaufe“, sagt SWR Kultur Literaturredakteur Carsten Otte.
    Hinter den Kulissen sorge die fehlende Halle 6 für „Diskussionen“. Es geht darum, wo die Verlage ihren neuen Stand haben, die Kritik reicht dabei von schlecht belüfteten Hallen bis zu mangelhafter Ausstattung wie in einem „Billigkaufhaus“.
    Eventisierung und Leerstellen
    Dafür gibt es nun in jeder Halle eine Bühne mit Veranstaltungen, mehr als zehn an der Zahl. Die betrachtet Otte mit gemischten Gefühlen: Er fotografierte Reihen von Bühnen „auf denen gar nichts passiert“.
    Während Superstars wie Sebastian Fitzek für Schlangen sorgen und Genres wie New Adult die großen Shows liefern, erlebt er auch das Programm auf der ARD/ZDF/3Sat-Literaturbühne als „echt super besucht“.
    Bücher, Krise und KI
    Die Stimmung ist aber auch in diesem Jahr gedrückt: Die Lesekrise und 30 Prozent Einbruch bei jungen Käuferinnen und Käufern beschäftigen die Branche.
    Das zentrale Messethema dreht sich laut Otte um Künstliche Intelligenz: Von KI-geschriebenen Romanen bis zu komplett von KI verfassten Literaturrezensionen - die Technologie prägt Produktion und Rezeption.
    „KI ist aber auch eine Hilfe“, sagt Carsten Otte und hebt besonders Bildungsangebote hervor, die Kindern den Umgang mit KI erklären.
    Krieg, Politik und verschobene Märkte
    Trotzdem zeigt die Messe sich auch politisch: Am Ukraine-Stand machen verbrannte Bücher und „Ukrainian Writers in Arms“ die Realität des Krieges sichtbar. 13 Millionen Bücher seien während des russischen Angriffskriegs allein im August 2026 zerstört worden.
    Zugleich berichtet eine israelische Agentin von schwindenden Geschäftsbeziehungen in Europa und neuen Chancen etwa in Indien.
    Ottes Fazit bleibt vielstimmig: Der Messe-Slogan „This changes everything“ sei „Propaganda“ – Veränderungen entstünden nicht durch einen großen Moment, sondern durch „verschiedene kleine Dinge“.
    10 min
  • Shida Bazyar: „Wir müssen uns selbst misstrauen – wir denken alle, wir gehören zu den Guten“
    Ein Roman gegen die Gleichgültigkeit
    „Ich schreibe nicht, um Preise zu bekommen“, sagt Shida Bazyar auf der Frankfurter Buchmesse. Ihr Roman „Die Lücken“ ist in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden.
    Eine vorteilhafte Auswirkung von solchen Auszeichnungen gebe es trotzdem, nämlich, dass wir „über die betroffenen Bücher sprechen und ins Gespräch kommen“.
    „Man versteht als Autorin nur, dass man einen Text geschrieben hat, wenn es eine Resonanz darauf gibt“, meint Bazyar.
    Vergessene Namen, gefüllte Lücken
    Bazyars Roman erzählt von Terror, Verfolgung und Verrat im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück. Das Buch umfasst fast 100 Jahre deutscher Geschichte.
    Ausgangspunkt ihres Schreibens war ein lokalhistorisches Buch von Heinz Ganz-Ohlig, das die Namen von 21 ermordeten Jüdinnen und Juden im rheinland-pfälzischen Geburtsort der Autorin Hermeskeil sichtbar machte. „Ohne diese Recherche wären diese Personen vergessen“, sagt Bazyar im SWR Kultur lesenswert Magazin.
    Erst durch diese wichtige Erinnerungsarbeit habe sie begriffen, „wie immens meine eigenen Lücken sind“, weil sie sich davor nie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Heimatortes auseinandergesetzt habe. Ein Ort, den die Nationalsozialisten zum „Gaumusterdorf“ machten.
    Der Blick einer Toten auf Täter
    Wie näherte sich die Autorin literarisch den monströsen Taten der NS-Zeit in Hermeskeil an? In „Die Lücken“ erzählt ein Geist einer toten Frau. Er ist eine klare, sprechende Erzählinstanz, die durch den Text führt und auf die Täterinnen und Täter blickt.
    „Man darf nicht so tun, als hätten die Menschen keine Wahl gehabt“, betont Bazyar. Ihr Geist „sieht mehr als die Personen selbst und weiß um den Verlauf der Dinge“, ohne die Autorin selbst ins Zentrum zu rücken.
    Erinnerung, Angst und Misstrauen
    „Nach der Diktatur der Nationalsozialisten herrschte hier die Diktatur der Gleichgültigkeit“, heißt es im Roman. In ihrer Preisrede betonte Bazyar, dass jede Minderheit im Land gerade in Angst lebe, antisemitisch und rassistisch motivierte Straftaten seien auf dem Höchststand.
    Gleichzeitig wurde in Sachsen-Anhalt ein rechtsextremer Politiker zum Landtagspräsidenten gewählt: „Es ist keine Fußnote, es ist eine existenzielle Angst,“ meint die Buchpreisträgerin. Darüber müsste man mehr sprechen.
    „Ich weiß nicht, ob Gleichgültigkeit der richtige Begriff ist, aber es geht schon sehr stark in diese Richtung“.
    Zugleich fordert sie ein Misstrauen gegen das eigene Selbstbild: „Wir denken alle immer, wir gehören zu den Guten – das denken aber auch die Bösen.“
    13 min
  • Wie der Literaturnobelpreis die Frankfurter Buchmesse aufwirbelt
    Wo die Sektkorken knallen
    Donnerstagmittag, Halle 5, Stand von S. Fischer. Gerade kam die Nachricht aus Stockholm, der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die kanadische Autorin Anne Carson. Hier wird Sekt ausgeschenkt, gefeiert.
    Die Bände „Decreation“ und „Rot“ brachte der Verlag im Deutschen heraus, ebenso wie die Theatertexte der Lyrikerin und Altphilologin. Nicht als einziger Verlag: Carsons Texte sind erhältlich bei Turia und Kant, Wallstein und, seit 2020, veröffentlichte Matthes und Seitz vier ihrer Lyrikbände.
    Gelenkige, mit Leben gefüllte Sprache
    Übersetzt hat sie Marie Luise Knott. Am Verlagsstand in Halle 3, erklärt sie, warum Carson die Auszeichnung verdient:
    „Das Besondere an ihrer Person ist einfach, dass sie so wahnsinnig vielschichtig ist und eben die Sprache nach dem untersten Grund befragt und gleichzeitig aber das Englische unheimlich gelenkig hin und her wendet und mit Leben füllt. Jedes Wort wird mit Leben gefüllt, das fasziniert mich wahnsinnig."
    Carsons Bücher liegen hier am Stand noch nicht aus. Heißt für die Mitarbeiter: anpacken.
    „Die sind jetzt quasi auf dem Weg hierhin sozusagen. Kollegen, die noch kommen, bringen die mit. Das ist der schnellste Weg jetzt, die einfach, glaube ich, direkt mitzubringen.
    Was bedeutet diese Würdigung für die Verlage – mitten im Frankfurter Messetrubel? Benjamin Vieth, Pressemitarbeiter bei Matthes und Seitz: „Das schauen wir mal. Wir müssen uns erstmal sammeln, so ein bisschen tatsächlich. Also wir sind jetzt irgendwie, das ist ja jetzt gerade direkt der Trubel losgebrochen, erfreulicherweise."
    Und nach der Buchmesse? Bücher, die nicht mehr auf Lager sind, nachdrucken lassen?
    Verleger Andreas Rötzer meint: „Wir drucken natürlich sofort nach, die Druckerei ist schon dabei."
    Lektor Hans Jürgen Balmes über die Preisträgerin
    Zurück am Messestand von S. Fischer. Hans Jürgen Balmes, Lektor, hat die deutschsprachigen Übersetzungen von Lyrikerin Anja Utler betreut – und beweist beinahe prophetisches Bauchgefühl.
    „Ich hatte heute Morgen, bin ich immer ins Arbeitszimmer hochgegangen bei mir zu Hause und habe zwei Exemplare eingepackt, weil ich so eine Vorahnung hatte. Und es waren dann noch die einzigen Exemplare auf der ganzen Messe."
    An Carson schätzt er besonders ihren Facettenreichtum.
    „Diese Werke sind so vielseitig von der Graphic Novel über Theaterbearbeitung, Libretti zu dem, was man normalerweise als Gedicht auf der Seite erkennt.
    Das alles zusammen ist ein ganz komplexes System, das unheimlich viele Zugänge ermöglicht. Dazu kommt, dass sie viele Themen eigentlich innerhalb der Lyrik schon aufgebracht hat, die erst heute zum Teil so stark an Virulenz gefunden haben. Also zum Beispiel die ganze Genderproblematik, die sie in „Autobiography of Red“ entwickelt. Das Buch ist ja 25 Jahre alt und damals war sowas ein richtig mutiger Schritt."
    Themen, die gerade in vielen Romanen wieder verhandelt werden. Lektor Balmes hat das passende Carson Zitat parat:
    „Prosa ist ein Haus, aber Poesie ist ein Mann in Flammen, der durch es läuft. Es geht ja drum, die Prosa, die solche Themen fixieren will, immer wieder in Brand zu setzen, um Funken der Erkenntnis zu erzeugen."
    Wer liest Anne Carson?
    Messefreitag, Publikumstag. Durch die Festhalle schieben sich die Massen. Dort sind in diesem Jahr die Stände der Romance, Romantasy-Verlage. Darunter: ein Stand, der sich auf lesbische Genreliteratur spezialisiert hat, der Yvla Verlag mit dem Slogan:
    Lesbian Romance Sappho would read. Hier geht es um Liebesgeschichten zwischen Frauen, um Nähe, um Happy Ends.
    Die Literaturnobelpreisträgerin hat Sappho aus dem Altgriechischen ins Englische übersetzt. Ob die Leserinnen hier Carsons Texte schon kennen, der Funke schon übergesprungen ist?
    Die stöbernden Leserinnen verneinen. Neugierig sind sie trotzdem.
    „Ich finde, es hört sich durchaus spannend an."
    Anne Carson gilt als schwer zugänglich: Gedicht, Essay, Übersetzung, alles in einem Buch. Aber der Nobelpreis senkt die Schwelle.
    Viele, die sich bisher nicht herangetraut haben, werden es jetzt versuchen.
    5 min

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