Verwandlungszauber
„Ich bin dann mal weg“, könnte man den Titel dieses Romans deuten. Den Satz „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ hat Valeria Gordeev einer Sammlung chinesischer Weisheiten entlehnt, den 36 Stragemen – Strategien, wie man sich in Konflikt- und Krisensituationen verhalten kann.
Zum Beispiel, indem man eben den schillernden Panzer abwirft und sich still und heimlich aus dem Staub macht. Man kann den Titel aber auch anders lesen: als Verwandlungszauber. Das Insekt durchbricht sein Außenskelett und wird in einem anderen Körper neu geboren.
Schon mit dieser Eröffnung ist klar: wir sind mit diesem Roman im Hier und jetzt. Vor dem Hintergrund naher und ferner Kriegsbedrohungen beschäftigen Valeria Gordeev vor allem zwei Beobachtungen:
„Das finde ich interessant, dass es Leute gibt, die ihre Lebenszeit tatsächlich als die Zeit begreifen, in der sie aktiv daran mitarbeiten können, dass ihr Leben eventuell nicht oder nicht so schnell endet“, so die Autorin.
„Und das ist ja auch ein Gegenpol zu dieser anderen starken Einflussgröße, die mit diesen aufkommenden faschistoiden Tendenzen überall zu spüren ist, diese Todesnähe, die damit immer einhergeht. Das war die Triebkraft, die mich bei diesem Buch interessiert hat.“
Ein furioser Gegenwartsroman
Tod und Leben sind die beiden Pole, um die Valeria Gordeev eine wahrlich große und originelle Geschichte gestrickt hat.
Eigentlich sind es zwei entgegengesetzt laufende Handlungen, die mit dem Geschwisterpaar Lada und Konstantin verbunden sind. Lada wohnt in Berlin und hat damit zu kämpfen, dass ihr Haus luxussaniert, ihr Alltag gezielt durch Zementfräsen, Löcher in Wänden und Böden und nicht abgeholtem Müll sabotiert wird:
„Ihr fiel ein, einmal gelesen zu haben, viele Stewardessen seien im Grunde genommen obdachlos, weil es sich durch das ständige Unterwegssein wohl nicht lohnen würde, irgendwo fest zur Miete zu wohnen. Im selben Artikel hatte sie gelesen, dass das Trinkwasser, mit dem der Kaffee an Bord zubereitet wurde, häufig mit Keimen belastet sei.“
Und weiter: „Wahrscheinlich hatte ihr Bruder Lada den Artikel weitergeleitet, um sie vor den Bakterien zu warnen, ihr Bruder, dem sie nichts von dieser Reise erzählt hatte, nachdem sie wie lange schon nicht mehr miteinander gesprochen hatten?“
In seinem Kriegsverbrecherland hockend, als hätte er dort irgendwelche Verpflichtungen. Ihr Bruder, mit dem sie im Streit lag.
Quelle: Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Ein Mausoleum mit unheimlicher Unterwelt
Denn Konstantin arbeitet in Moskau in einem geheimen Forschungslabor unter dem Kreml daran, den Leichnam Lenins für die Ewigkeit zu präparieren.
Das unterirdische Institut gleicht einem eigentümlichen Totenreich, in dem sich Schränke, Vitrinen, Truhen meterhoch türmen und wo ganze Galerien an Kühlschränken mysteriöse Gefäße mit trüben Flüssigkeiten und Pilzkulturen beherbergen.
Für seinen Patenonkel Boris Bogdanov, der ganz versessen auf alle Studien über das Altern, Nichtaltern und die Unsterblichkeit ist, lässt Konstantin immer mal wieder ein paar Dinge aus dem Forschungslabor mitgehen. Ohne davon zu wissen, lässt sich Lada von demselben Onkel für einen Kurierdienst einspannen.
Mit einem Bus fährt sie nach Kiew, um dort ein zweifelhaftes Päckchen für Boris abzuholen. Unterwegs erfährt sie von einem Mitreisenden von einer Studie mit Medikamenten zur Lebensverlängerung, für die noch weibliche Probanden gesucht werden.
Ein verlockendes Angebot: die Bezahlung ist super und Lada kann dadurch ein paar Tage ihrer schrecklichen Wohnungssituation daheim entfliehen. Valeria Gordeev erzählt ihre Geschichte in vielen einzelnen Episoden, in denen sich noch so einige andere Figuren und Stimmen zu Wort melden:
„Weil für mich die Frage, wie man diese Gegenwart verhandeln kann, so wichtig war, dass das auch gar nicht anders geht als über das Zulassen verschiedener Stimmen und Perspektiven. Es ist ja auch so, dass diese Solo-Perspektive der eigenen Blase das einfach nicht abbildet. Dass ich wirklich auch zugrunde gehe, wenn ich immer in der Enge meiner eigenen Perspektive bleiben muss.“
Instabile sprachliche Gemeinsamkeit
In einer kühnen Dramaturgie entwickelt Valeria Gordeev eine rasante Szenenabfolge, die wie ein Rädchen ins andere greift, die Figuren in einen Dialog bringt, obwohl sie wie die beiden Geschwister gar nicht miteinander reden.
Lada und Konstantin sind zweisprachig russisch-deutsch aufgewachsen, entfernen sich aber sprachlich voneinander, weil die eine vor allem deutsch, der andere hauptsächlich russisch spricht.
Sogar im Text macht die Autorin diese instabile sprachliche Gemeinsamkeit sichtbar, indem sie stellenweise deutsche Wörter in kyrillischen Buchstaben schreibt.
Vor allem aber schüttet sie ein Füllhorn grotesker Geschichten aus. So verschwindet der russische Staatspräsident auf ungeklärte Art und Weise.
Sein Nachfolger wird ein 12-jähriger Artist und Unterhaltungskünstler, der bei einem Friedensgipfel in Mexico City jedoch ein irritierendes Verhalten an den Tag legt. Und schon schießen die Spekulationen ins Kraut:
In der Diskussionssendung Auf den Punkt brachte der bekannte Sachbuchautor Nikita Orlow eine aufsehenerregende These ein. So habe er Anhaltspunkte gefunden, die nahelegten, der Staatschef Arkadij könne eine Wiedergeburt aus dem Hause Romanow sein.
Quelle: Valeria Gordeev – Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Ein Füllhorn grotesker Geschichten
In dem Moskauer Forschungslabor kämpfen Konstantin und seine recht betagten Kolleginnen und Kollegen währenddessen gegen mysteriöse rote Flecken, die sich immer wieder auf Lenins Leichnam zeigen. In der Not suchen sie Hilfe bei der christlichen Konkurrenz, bei einem Blutwunder-Spezialisten aus Bolivien.
Immer wieder meldet sich die Pilzberatungsstelle der Mykologischen Gesellschaft zu Wort, in der Ladas Mutter arbeitet. Dazwischen eingestreut, Nachrichtenmeldungen, Fernsehberichte, Prüfungen und Stellungnahmen, Lexikonartikel, Rezensionen, Interviews.
Die Kampftruppe Wagner dringt ins Moskauer Stadtgebiet ein, eine fast 100jährige Blockade-Überlebende beglückt die Forscher unter dem Kreml mit zweifelhaften Piroggen. Sekten und Verschwörungstheorien finden auch noch ihren Platz.
Ein Feuerwerk, das bewusst überfordert, das auf die allgegenwärtige Orientierungslosigkeit verweist, die viele Menschen empfinden.
Nur die Realität ist absurder
Und wie zur Entspannung ziehen sich kleine Zeichnungen oder auch Cartoons als zusätzliche Erzählebene durch das ganze Buch, die das Geschehen illustrieren, kommentieren oder zeigen, was die Figur gerade denken mag:
„Also ich mag das selbst, wenn ich in den Büchern das Gefühl habe, wirklich mit im Kopf einer Person zu sein. Und es gibt den Text und das, was man sich vorstellt. Da passiert eigentlich die Literatur. Und es gibt ein paar Stellen, da habe ich die Hoffnung, dass das gelungen ist, dass über die Visualisierung einer Idee tatsächlich etwas telepathisch übermitteln kann, dass da ein Bild konkret wird.“
Mit ihrem Roman ist Valeria Gordeev ein wahrhaft großer Wurf gelungen: unterhaltsam, geistreich. Alles ergibt am Ende auf magische Art und Weise einen tieferen Sinn.
Denn in den grotesken Überzeichnungen spiegelt sich eine Gesellschaft wider, die mit Machbarkeitsfantasien und modernen Heilsversprechern nur zu gern selbst dem Extremen verfällt. Die Realität ist vielleicht noch absurder.