Wo die Sektkorken knallen
Donnerstagmittag, Halle 5, Stand von S. Fischer. Gerade kam die Nachricht aus Stockholm, der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die kanadische Autorin Anne Carson. Hier wird Sekt ausgeschenkt, gefeiert.
Die Bände „Decreation“ und „Rot“ brachte der Verlag im Deutschen heraus, ebenso wie die Theatertexte der Lyrikerin und Altphilologin. Nicht als einziger Verlag: Carsons Texte sind erhältlich bei Turia und Kant, Wallstein und, seit 2020, veröffentlichte Matthes und Seitz vier ihrer Lyrikbände.
Gelenkige, mit Leben gefüllte Sprache
Übersetzt hat sie Marie Luise Knott. Am Verlagsstand in Halle 3, erklärt sie, warum Carson die Auszeichnung verdient:
„Das Besondere an ihrer Person ist einfach, dass sie so wahnsinnig vielschichtig ist und eben die Sprache nach dem untersten Grund befragt und gleichzeitig aber das Englische unheimlich gelenkig hin und her wendet und mit Leben füllt. Jedes Wort wird mit Leben gefüllt, das fasziniert mich wahnsinnig."
Carsons Bücher liegen hier am Stand noch nicht aus. Heißt für die Mitarbeiter: anpacken.
„Die sind jetzt quasi auf dem Weg hierhin sozusagen. Kollegen, die noch kommen, bringen die mit. Das ist der schnellste Weg jetzt, die einfach, glaube ich, direkt mitzubringen.
Was bedeutet diese Würdigung für die Verlage – mitten im Frankfurter Messetrubel? Benjamin Vieth, Pressemitarbeiter bei Matthes und Seitz: „Das schauen wir mal. Wir müssen uns erstmal sammeln, so ein bisschen tatsächlich. Also wir sind jetzt irgendwie, das ist ja jetzt gerade direkt der Trubel losgebrochen, erfreulicherweise."
Und nach der Buchmesse? Bücher, die nicht mehr auf Lager sind, nachdrucken lassen?
Verleger Andreas Rötzer meint: „Wir drucken natürlich sofort nach, die Druckerei ist schon dabei."
Lektor Hans Jürgen Balmes über die Preisträgerin
Zurück am Messestand von S. Fischer. Hans Jürgen Balmes, Lektor, hat die deutschsprachigen Übersetzungen von Lyrikerin Anja Utler betreut – und beweist beinahe prophetisches Bauchgefühl.
„Ich hatte heute Morgen, bin ich immer ins Arbeitszimmer hochgegangen bei mir zu Hause und habe zwei Exemplare eingepackt, weil ich so eine Vorahnung hatte. Und es waren dann noch die einzigen Exemplare auf der ganzen Messe."
An Carson schätzt er besonders ihren Facettenreichtum.
„Diese Werke sind so vielseitig von der Graphic Novel über Theaterbearbeitung, Libretti zu dem, was man normalerweise als Gedicht auf der Seite erkennt.
Das alles zusammen ist ein ganz komplexes System, das unheimlich viele Zugänge ermöglicht. Dazu kommt, dass sie viele Themen eigentlich innerhalb der Lyrik schon aufgebracht hat, die erst heute zum Teil so stark an Virulenz gefunden haben. Also zum Beispiel die ganze Genderproblematik, die sie in „Autobiography of Red“ entwickelt. Das Buch ist ja 25 Jahre alt und damals war sowas ein richtig mutiger Schritt."
Themen, die gerade in vielen Romanen wieder verhandelt werden. Lektor Balmes hat das passende Carson Zitat parat:
„Prosa ist ein Haus, aber Poesie ist ein Mann in Flammen, der durch es läuft. Es geht ja drum, die Prosa, die solche Themen fixieren will, immer wieder in Brand zu setzen, um Funken der Erkenntnis zu erzeugen."
Wer liest Anne Carson?
Messefreitag, Publikumstag. Durch die Festhalle schieben sich die Massen. Dort sind in diesem Jahr die Stände der Romance, Romantasy-Verlage. Darunter: ein Stand, der sich auf lesbische Genreliteratur spezialisiert hat, der Yvla Verlag mit dem Slogan:
Lesbian Romance Sappho would read. Hier geht es um Liebesgeschichten zwischen Frauen, um Nähe, um Happy Ends.
Die Literaturnobelpreisträgerin hat Sappho aus dem Altgriechischen ins Englische übersetzt. Ob die Leserinnen hier Carsons Texte schon kennen, der Funke schon übergesprungen ist?
Die stöbernden Leserinnen verneinen. Neugierig sind sie trotzdem.
„Ich finde, es hört sich durchaus spannend an."
Anne Carson gilt als schwer zugänglich: Gedicht, Essay, Übersetzung, alles in einem Buch. Aber der Nobelpreis senkt die Schwelle.
Viele, die sich bisher nicht herangetraut haben, werden es jetzt versuchen.