Wir sind deutsche Einzelkinder. Wir leben in Brüssel. Ezra ist älter als ich, über sieben Jahre. Ich bin 29. Ezra ist tausend Jahre alt.
Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse
Das steht in Marius Goldhorns zweitem Roman „Die Prozesse“ ziemlich am Anfang. Ein irritierendes Zitat. Der Ich-Erzähler wirkt furchtbar überreflektiert, wer stellt sich schon als Einzelkind vor? Er ist irgendwie entwurzelt zwischen Belgien und Deutschland, und zwischen ihm und seinem Freund klafft eine gewaltige Lücke von gefühlt 1000 – 29, also 979 Jahren. Außer einem erheblichen Gefühl der Verlorenheit erfährt man wenig über den Erzähler.
Digitale Welt und literarische Strategien
Der heute 30jährige Schriftsteller Marius Goldhorn ist in der durchdigitalisierten Welt großgeworden. Und das ist eine Welt, in der soziales Leben mehr simuliert als gelebt wird. Das erfordert neue literarische Strategien des Verbergens und Entblößens: Was gebe ich preis, und was erzähle ich besser nicht – das ist eine lebenswichtige Frage.
Der Titel des Romans wie gesagt: „Die Prozesse“, und dieser Titel hat es in sich. Ein Prozess, das ist ein feststehendes Verfahren, das gilt bei Gericht wie bei naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Prozessen. Man kann sich hinter Prozessen verstecken – denn es gibt da Regeln, und die tragen dann die Verantwortung.
Marius Goldhorns Roman ist eine Reaktion darauf, und das macht ihn wertvoll. Goldhorn entwirft ein Vexierspiel zwischen handelnden Personen und einer Welt, die mit sich nicht klarkommt. Worum geht es eigentlich in diesem Buch?
Prophet des Aussterbens in virtuellen Welten
Die Handlung ist ein bisschen komplex nachzuerzählen. Es geht um ein Paar in einer nahen Zukunft, in der postkoloniale Migrationsverwerfungen und Klimakatastrophen Europa instabil gemacht haben, der Ältere des Paars, Ezra, ist Blogger und begleitet mit seinen Posts einen Aufstand in Belgien. Er ist besessen von der Idee, dass die Menschheit aussterben müsse, er gilt als Prophet des Aussterbens.
Ezra hat diese online-Persona, sie heißt Deborn. Er hat mehrere Blogs, er kommentiert alles, er schreibt über alles.
Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse
Passend dazu: Sein Profilbild. Das ist Paul Klees „Angelus Novus“, der Engel, der rückwärtsfliegend nichts sieht außer den Katastrophen, die die Menschen anrichten, so hat Walter Benjamin, der große Denker, ihn beschrieben.
Deborn war der Aussterbe-Engel. Er hatte diese kultartige Anhängerschaft. Online gab es Foren, die versuchten herauszufinden, was Deborn wollte.
Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse
Deborn/Ezra/Der Aussterbeengel ist sowas wie ein Heiliger. Er leidet gleichzeitig unter der Schmetterlingskrankheit, das hört sich poetisch an, aber die Krankheit gibt es wirklich, und sie ist wenig poetisch, unheilbar verlieren die Erkrankten ihre Haut – eine zerstörerische Metamorphose.
Das passiert alles in der realen Welt, aber dann gibt es auch noch die Online-Welt. Sein Freund ist der Ich-Erzähler T., 3D-Entwickler, er will einen mystischen Baum schaffen, ein Heiligtum, für ein Computerspiel, das in einem Land namens Egregore spielt, der Begriff kommt aus der Fantasywelt, und bezeichnet eine Art Gedankenkraftfeld.
Egregore ist am Leben“, erklärte sie ruhig, Egregore ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Lebenssimulation. Die Pflanzen wachsen, NPCs sterben und ihre Kinder altern.“ …. Hier, in Egregore verehren sie die Natur-Intelligenz als eine Gottheit, die ihnen nicht mehr als künstlich erscheint.
Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse
Menschlichkeit im Spiel – eine transhumanistische Utopie
Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt, hat Friedrich Schiller gesagt. Marius Goldhorn entwickelt den Gedanken bemerkenswert fort: Es gibt keine Menschlichkeit ohne Spiel – aber es kann ein Spiel geben ohne Menschen. Eine Entwicklerin erklärt irgendwann: „Die menschlichen Spieler leben einfach nur mit“. Das ist nicht mehr und nicht weniger als eine transhumanistische Utopie:
Wir saßen an schwarzen Steinen und verkohlten Ästen, eine Feuerstätte unter einem bewölkten Nachthimmel, sofort ergriff mich die Ingame-Wärme.
Quelle: Marius Goldhorn – Die Prozesse
Die In-Game-Wärme ersetzt die zwischenmenschliche … Man kann Marius Goldhorns Roman so lesen: Es geht darum, was die Welt mit den Menschen macht, nachdem wir sowas wie ein kollektives Bewusstsein entwickelt haben.
Zwischen Apokalypse und Europaroman
Das Spiel wächst und wächst, während die Aufständischen langsam die Macht über Europa übernehmen. Der schwerkranke Ezra und T. suchen Heilung und Ruhe im Süden, bis sie ins klimawandelverbrannte Ligurien kommen, wo Ezra an Denguefieber stirbt. Die Passagen dort gehören zu den ruhigsten und traurig-schönsten des Romans. Ein seltsamer, schwebender, mystischer Grundton durchzieht das Buch, das ist beim Lesen trotz der einfachen Sätze manchmal herausfordernd aber immer spannend.
Ezra ist wie gesagt ein Heiliger der Revolution, T. trägt den halben Roman hindurch eine Djellaba, das ist ein arabisches Männerkleid, man könnte es aber auch als Mönchskutte sehen. Dass er gleichzeitig den Roman schreibt, den wir lesen, macht ihn zum Propheten Ezras. Vieles wirkt geradezu religiös, Das Computerspiel am Anfang wie eine Untergrundkirche, die Aufstände wie ein jüngstes Gericht. Utopie und Apokalypse halten sich die Waage in Marius Goldhorns Roman.
Die Kommunarden wollen irgendwann die Schuld aufarbeiten. Es kommt zu Prozessen, Schauprozessen, bei denen die Kommunarden die historischen Verbrecher benennen, die dann von Fotos getilgt werden und in Büchern nur noch mit einem X vor den Namen erscheinen. Da steht dann weniger Kafkas Prozess als Peter Weiss‘ „Ermittlung“ Pate – und das kann man wirklich so sagen: Marius Goldhorn beruft sich auf ein ganzes Arsenal von Dichtern und Denkern.
Und schreibt dabei einen irritierend zwischen Welten oszillierenden Roman, der Kraft hat, Tiefe und Geschwindigkeit.
Heiligenlegende, Europaroman, Revolutionsdrama, Künstlerroman, postmodernes Kabinettstück Liebesgeschichte und Science-Fiction – „Die Prozesse“ sperrt sich gegen jede Eindeutigkeit – und macht dadurch den Kopf frei, der in den Sturzbächen der digitalen Entwicklung nur noch das überlaute und bedrohliche Grundrauschen wahrnimmt.