Während ich diese Buchkritik tippe, schlägt das Programm immer mal wieder vor, den Text von KI umschreiben zu lassen. Bisher habe ich das Angebot ignoriert, und das dürfte ganz im Sinne von Markus Orths sein.
Dessen neuer Roman „Die Enthusiasten“ handelt von Leuten, die sich mit Feuer und Flamme einer Sache verschrieben haben, von Menschen in der Essenz ihres Menschseins: Lesewütige, Geschichten-Aficionados, sprachverliebte Satzbaufanatiker, leidenschaftliche Philologen und Gralssuchende.
Aus dieser Mustersammlung menschlichen Enthusiastentums baut das Buch ein Bollwerk. Oder besser, einen Elfenbeinturm, von dem schon Gustave Flaubert schrieb, er versuche ja, in diesem Turm zu leben und zu dichten, doch eine „Marée de Merde“ schlage an dessen Mauern, genug, ihn zum Einsturz zu bringen.
Das war vor mehr als 150 Jahren. Die „Merde“ von heute ist Chat GPT.
Wie die Bücher nachts miteinander flüstern
Vincent Bär, der Ich-Erzähler des Romans, sieht es jedenfalls so. Er und seine Geschwister sind aufgewachsen als Kinder zweier Bücherwürmer in einem antiquarisch vollgestopften Hexenhäuschen, wo der Vater seinem Sprachenthusiasmus frönte und die geheimnisvoll-kapriziöse Mutter mit selbstausgedachten Geschichten unterhielt.
„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost“, so Vincent.
„Ja, wir Kinder waren uns sicher, dass die in den Büchern steckenden Sätze und Wörter unterirdisch miteinander verknüpft waren, riesige Pilzgeflechte, die sich gegenseitig mit Nahrung versorgten.“
Eine magische Kindheit mit einer Prise des Unheimlichen also, wie sie im Buche steht. Das Klischee will es auch, dass die „Koboldmutter“ eines Tages sang- und klanglos verschwindet und der Verlust Vincents Lebensweg prägt.
Eine Kette komischer Ereignisse
Das wiederum verschafft Orths Roman die denkbar größte Fallhöhe: Kein geringerer als Laurence Sterne ist es, dem der verlassene Sohn verfällt.
Nach der Lektüre des Über-Romans „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ entwickelt Vincent, als Kind ein begnadeter Erzähler, eine existenzielle Schreibblockade und wird Shandy-Forscher.
Als er 2018, an Sternes 250. Todestag, wie jedes Jahr zu dessen Grab in Coxwold, York, pilgert, setzt eine Kette unerhörter Ereignisse ein. Ein Unbekannter bietet ihm für sehr viel Geld ein Schriftstück an:
Vorgeblich das verschollene zehnte Buch des „Tristram Shandy“. Nach einer authentisch wirkenden Kostprobe ist Vincent entschlossen, sich dieses Manuskript zu verschaffen.
Pistolenschüsse und Metafiktion
Ein im Ansatz scheiternder Bankraub, eine früh in Erscheinung tretende und zwei Mal abgeschossene Pistole sowie ein Toilettengeysir kommen vor, in einer Fülle nicht eingelöster Vorausdeutungen, irreführender Rückblenden, Spitzfindigkeiten, Abschweifungen und Anspielungen.
Markus Orths kennt sie alle, die metafiktionalen Präzisionszangen und Brecheisen, die mit Sterne Einzug in die Meistermanufakturen der Literatur gehalten haben. Was er damit anfängt, steht auf einem anderen Blatt.
Wie sich herumgesprochen hat, werden der menschlichen Schreibhand die poetischen Werkzeuge vom Maschinenwesen derzeit entwunden. Vincents mysteriösem Gegenspieler gefällt die Vorstellung:
Künstliche Intelligenz ist die einzige Chance, die der Mensch noch hat, die Welt zu retten. Unsere Probleme wachsen uns über den Kopf. Nur eine Maschine kann uns noch retten.
Quelle: Markus Orths – Die Enthusiasten
„Und angesichts dessen kommen Sie mir mit Ihrem Kunsteinwand? Aber wenn Sie Kunst wirklich lieben, wenn Sie Romane wirklich lieben, dann freuen Sie sich drauf! Der Autor wird tot sein, Mister Shandy. Mausetot. Der menschliche Autor wohlgemerkt.“
Gewollte Pointen und verpuffenden Knalleffekte
Dies zu bedauern ist die Leserin weniger geneigt als sie vermutlich sein sollte. Angesichts der gewollten Pointen, verpuffenden Knalleffekte, gesuchten Sprachspiele und der allzu vielen gar nicht originellen Sätze in diesem Roman drängt sich leider die Einsicht auf:
Wie Tristram Shandy der eigenen Feder zu folgen, die einen wie ein durchgegangenes Pferd mal hierhin, mal dorthin schleudert, garantiert allein noch kein Meisterwerk.