Feministische und politische Bücher
„Haltet euch fest“ heißt der neue Roman von Bestsellerautorin Mareike Fallwickl. Freundschaften haben darin denselben Wert wie romantische Beziehungen. Es geht um Wahlfamilien und ein Haus, das Zuflucht bietet. Mareike Fallwickl gelingt mit ihren Büchern etwas Besonderes:
Sie schreibt feministische, politische Bücher, Bücher, die uns herausfordern und die in diesen Zeiten, in denen es feministische Ideen schwer haben, trotzdem zu Bestsellern werden.
Ein Gespräch über den Wert von Freundschaften und darüber, warum immer mehr Frauen auf ein Leben ohne Männer setzen.
„Man merkt ein großes Dating-Burnout“
Kristine Harthauer: Die Frauen in „Haltet euch fest“ leben ein Leben, das sich nicht um Männer und Dating kreist. Es gibt eine Figur, Marle, die schleppt sich zunächst noch zu enttäuschenden Dates, bis sie sich dann selbst einen Dating-Burnout diagnostiziert und sich dazu entscheidet, als Single Mutter zu werden.
Bevor die Rufe nach den Männer hassenden Feministinnen laut werden: Geht es den Figuren in Ihrem Roman darum, Männer zu verbannen oder eher darum, neue Formen, neue Werte für Beziehungen zu finden?
Mareike Fallwickl: Boy Sober, sagt man ja auch, wenn Frauen keine Männer mehr daten. Hetero-Pessimismus, Hetero-Fatalismus, eben auch diese Frage, ist es peinlich, einen Freund zu haben, einen Freund zu wollen. Frauen beschämen sich selbst dafür und beschämen auch andere Frauen dafür. Decentering oder Decentralizing Men, sagt man dazu.
Alle diese Dinge finde ich wahnsinnig faszinierend, weil ich es liebe, mich rechts und links umzuschauen, Zeitgeistiges einzufangen, mir zu überlegen, warum haben wir diese Geschlechter-Klischees, wie verändern die sich, auf was für eine Art von Zukunft steuern wir zu. Man merkt ein großes Dating-Burnout:
Nur noch 30 Prozent aller jungen Menschen daten überhaupt, man nennt es auch Dating-App-Fatigue. Der Marktwertverlust beträgt aktuell 40 Milliarden Dollar für Dating-Apps. Und alles davon finde ich interessant. Meine Idee ist dann, zu schauen, wie lässt sich das literarisch verarbeiten, wie lässt sich das in eine spannende Geschichte gießen.
Studien zeigen: Frauen priorisieren Freundschaften
Kristine Harthauer: Decentering Men, Heterofatalismus, vielleicht für jemanden, der es jetzt zum ersten Mal hört in unserem Gespräch, was genau verschiebt sich da gerade? Was haben Sie da beobachtet?
Mareike Fallwickl: Die Studien sagen sehr konkret, dass zum Beispiel 45 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 44 Jahren bis 2030 in den westlichen Ländern unverpartnert sein werden. Inzwischen priorisieren sogar 47 Prozent der Frauen Freundschaft.
Man nennt sich oft auch hetero-pausal, das ist auch so ein schöner Neologismus. Dass Frauen, die hetero sind, eine Pause einlegen beim Dating und dass sie sich dann auf Freundschaften konzentrieren, auf Reisen, auf Fortbildungen, auf das eigene Wohlbefinden.
Unser Frauenleben ist sehr, sehr erfüllt ohne einen Mann darin. Ein Mann müsste inzwischen einfach eine Bereicherung sein, ein Partner auf Augenhöhe und das finde ich sehr faszinierend. Da kommt, glaube ich, eine große Umwälzung auf uns zu, die natürlich mit einer gewissen neuen Unabhängigkeit, einer wirtschaftlichen, finanziellen Unabhängigkeit der Frauen zu tun hat.
Frauen haben jetzt Zugang zu Bildung und Beruf. Das ist auch so ein Punkt, wo ich immer sage, ja, aber können wir uns kurz daran erinnern, wer Frauen den Zugang zu Bildung und Beruf über Jahrhunderte verwehrt hat?
Weg von den klassischen Narrativen
Kristine Harthauer: In Ihrem Roman spielt ein Haus eine zentrale Rolle und mehrere Frauen, denen wir durch die Zeit folgen. Es gibt große Zeitsprünge zwischen dem Ende der 1970er-Jahre, als dieses Haus gebaut wird und unserer Gegenwart. Und wir lernen da unter anderem Luzia kennen, eine der tragenden Figuren.
Als erwachsene Frau ist sie eine Theaterregisseurin und als Kind wächst sie in diesem Haus auf mit zwei Großmüttern, zwei Müttern, zwei Vätern und vielen Geschwistern. Was ist das für ein Haus, was ist das für eine Familie, in der sie aufwächst?
Mareike Fallwickl: Das Haus ist eine Queer-Blended-Family, wie man heute sagt, oder Chosen-Family, Wahlfamilie, und besteht einfach aus sehr vielen Menschen, die Unterschlupf brauchen, die das gemeinsam gestalten, gemeinsam aufbauen, die sich Care-Arbeit und Lohnarbeit teilen.
Der Roman zeigt aber durch die Jahrzehnte, welche Herausforderungen so eine Familie hat und auch Regenbogenkinder bis heute haben, wenn sie in einer sehr homofeindlichen und heteronormativen Welt aufwachsen.
Luzia ist sehr stark von Jorinde Dröse inspiriert. Das ist die Theaterregisseurin meiner Romane, die „Die Wut, die bleibt“ und „Alle so still“ mit großer Wucht und Kraft auf der Bühne inszeniert hat und heute auch nicht mehr wegzudenken ist aus meinem Leben als Freundin.
Sie ist eine Freundin, die wirklich oft sagt, ich hab dich lieb, ich liebe dich. Und diese Gespräche, die wir führen, sind teilweise ins Buch eingeflossen. Jorinde Dröse arbeitet sehr stark daran, am Theater, in diesem wahnsinnig patriarchal geprägten Machtapparat, Hierarchien zu verändern und Dinge aufzubrechen, die wir für verkrustet halten.
Und das wollte ich auch unbedingt erzählen, also weggehen von diesen klassischen Narrativen, alles ist ungerecht und wir können das nicht ändern, sondern einfach zu zeigen, wie könnte es denn anders sein.
Ein Haus ohne Herrenzimmer
Kristine Harthauer: Gebaut wurde dieses Haus von Frida und Sigrid Ende der 1970er-Jahre. Beide haben ihre gewalttätigen Ehemänner verlassen und wollten sich etwas Neues schaffen, auch architektonisch. Das fand ich an diesem Haus auch interessant.
Was haben sie da auch architektonisch verändert? Es gibt einen Satz in Ihrem Roman, der lautet, „In diesem Haus gibt es kein Herrenzimmer“. Was gibt es stattdessen?
Mareike Fallwickl: Wenn man sich einmal überlegt, sprachlich: Was bedeutet uns Herrenhaus, was bedeutet uns Frauenhaus? Es ist wie ein Loft, ein großer offener Raum, einfach nur mit tragenden Säulen, aber keine Wände, keine Zimmer, die gibt es im ersten Stock.
Unten gibt es eine große Matratzeninsel, große Tische, Dinge, die einfach irgendwie wild und chaotisch herumliegen, Menschen, die sich das so gemeinsam gestalten. Mir war auch die Frage in den Raum zu werfen, mit wem bauen wir ein Haus, mit wem gestalten wir unsere ganzen Wochenenden, Wocheneinkäufe, Dinge wie Kinderbetreuung, Urlaube, Weihnachten.
Wir leben aktuell so, als gäbe es keine andere Wahl, als romantische Partnerschaften ins Zentrum zu stellen und Freundinnen oder Freund*innenschaften zu seinem Extra zu machen, während das vielleicht gar nicht die einzige Art zu leben sein muss. Und es gibt auch noch ein schönes Wort, nämlich Emotionships.
Wenn wir viele Emotionships haben, sprich verschiedene Beziehungen, tragfähige Bindungen in unserem Leben, auf die wir unsere Bedürfnisse aufteilen können, dann sind wir glücklicher, als wenn wir das alles nur von einer einzigen Person erwarten.
Freundschaften sind kein Extra
Kristine Harthauer: Man muss auch sagen, Sigrid und Frida, die eben ihre Ehemänner verlassen haben, die sind nicht in einer erotischen Beziehung. Das sind zwei Freundinnen, die aber ihre Freundschaft auch als Liebe empfinden. In unserer Sprache ist es ja häufig so:
Wenn ein Mann und eine Frau Dinge miteinander unternehmen und man sich fragt, haben die was miteinander? Dann heißt es oft, nee, die sind nur Freunde. Wie haben Sie sich als Autorin auch mit unserer Sprache auseinandergesetzt?
Mareike Fallwickl: Sprache bildet die Wirklichkeit ja nicht nur ab, sondern stellt sie auch her und da finde ich es eben sehr interessant genau hinzuschauen: Wie sprechen wir über diese Dinge?
Wir sagen dann auch gern mehr als Freunde. Dieses mehr ist dann natürlich der Sex, der irgendwie dazukommt. Die Frage ist natürlich, was haben wir für eine Intimität in Freundschaften, was haben wir für eine Sprache dafür?
Wenn wir Liebe sagen, meinen wir immer die romantische Liebe, erst recht wenn wir die große Liebe sagen. Auch wenn wir jemanden fragen: Bist du mit jemandem zusammen? Bist du in einer Beziehung? Dann meinen wir immer romantische Liebe. Wir sind sprachlich wahnsinnig eingeschränkt.
Wir haben nur zwei, drei Schubladen, die die Gesellschaft für uns aufmacht und alles, was da nicht reinpasst, da stehen wir einigermaßen hilflos daneben. Auch wenn wir sagen, mein Freund, meine Freundin, brauchen wir eine Konkretisierung, so wenig klar ist die Sprache für diese vielen Facetten von Liebe und von Gefühlen.
Aber platonische und romantische Gefühle lassen sich nicht unbedingt differenzieren und das ist okay.
Liebe gibt es auch in Freundschaften
Kristine Harthauer: Und das zeigen und leben auch Ihre Romanfiguren. In Ihrem Buch steckt eben auch viel feministische Theorie. Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass Ihnen vorgeworfen wird, Sie würden Ideenromane schreiben. Empfinden Sie das als Vorwurf?
Mareike Fallwickl: Nein, erstens, weil es auch wahnsinnig viele Rückmeldungen gibt, die da ganz krass dagegenhalten. Jetzt auch zum neuen Buch. Menschen, die mir schreiben, sie fühlen sich gesehen, sie fühlen, dass das Buch ihnen zeigt, es kann einen anderen Weg geben.
Es sind auch schon mehrere Frauen auf mich zugekommen, die gesagt haben, sie haben schon länger überlegt, als beste Freundinnen zu heiraten und das Buch hat ihnen Bestätigung gegeben, das vielleicht auch jetzt wirklich zu tun.
Wenn es immer heißt, es sind politische Bücher und in der deutschen Literatur darf man keine Agenda haben, dann muss man immer anschauen, dass alles, was wir als standardisiert und als Norm betrachten, wo wir festgelegt haben, das ist die „normale“ Literatur und alles andere ist das Abweichende, das ist auch politisch.
Es ist genauso politisch, ständig diese patriarchalen Narrative zu bedienen und wieder und wieder zu reproduzieren.
Es geht schlicht und ergreifend nur darum mit diesen Schlagworten oder diesen Dingen, die als Ideen unterbreitet werden, zu zeigen, es könnte auch anders gehen und eventuell die Menschen dazu zu bringen, nachzudenken und dann vielleicht auch nachzulesen.
Okay, wo hat sie diese Infos her? Und wenn sie dann ein bisschen mehr sich damit beschäftigen und andere Autorinnen lesen und darauf kommen, da gibt es einfach noch wahnsinnig viel. Freundschaft zum Beispiel hat sich durch die Jahrhunderte immer schon anders definiert.
Als ich von diesem Buchprojekt erzählt habe, gab es ganz oft die Reaktion meines Gegenübers:
„Aber wenn Frauen das alles nicht mehr machen, also wenn die nicht mehr in Dating-Apps rumwischen, wenn die sich nicht damit beschäftigen, wie soll ich aussehen, was muss ich anziehen, was schreibt er mir, keine Screenshots an ihre Freundinnen schicken, nächtelang grübeln und wachliegen, warum hat er mich geghostet - was tun die dann?“
Das ist so kurios, weil offensichtlich die große Mehrheit der Menschen denkt, das ist die Ausrichtung der Frauen und die Zeit, die sie investieren und das Ziel, das sie anstreben sollen.
Und jetzt gibt es einfach 425 Seiten, die zeigen, sie tun sehr viel und es ist eine krasse patriarchale Denkweise, so ein Frauenleben wäre leer, ohne Männer darin.
Kristine Harthauer: „Haltet euch fest“ ist der Titel Ihres Romans. Was soll man festhalten und was soll man vielleicht loslassen?
Mareike Fallwickl: Das darf natürlich jede Person für sich selbst entscheiden, aber generell finde ich an dem Titel schön, dass es auch so ein bisschen ein Aufruf ist, zu schauen, was lohnt sich festzuhalten.
Generell ist es ein Plädoyer dafür, sich im eigenen Leben umzuschauen und festzustellen, da ist sehr viel Liebe und die darf auch als solche benannt werden.