Sie ist 14, er ist 46, als sie einander das erste Mal in Kopenhagen im Januar 1980 begegnen. Das Mädchen Tanja und der Schriftsteller Eg. Er beginnt ihr lange Briefe zu schreiben:
„Das einzig Aufregende, was in meinem Leben passierte, war er, waren seine Briefe. Also schrieb ich, woran ich dachte, schrieb Dinge, die ich erfand, als wäre ich eine andere. Die Wörter flossen mir aus der Hand, ich schrieb und schrieb, gefesselt davon, was die Schrift erschuf, eine magische Welt, nur mit Eg und mir.“
Der Schriftsteller und das Kind
Ausführlich erzählt Ulrikka S. Gernes in „Ein Mädchen verließ das Zimmer“ von diesem Briefwechsel, dem Werben des Schriftstellers um das Kind; von einer gegenseitigen, aber nicht gleichberechtigten Annäherung.
Eg versteht es, mit Worten umzugehen, erzählt ihr, wie schön, wie einzigartig sie sei, wie besonders die Liebe, die sie miteinander verbinde. Diese Briefe reißen Tanja aus ihrer Einsamkeit, sie fühlt sich ernst genommen. Deshalb glaubt sie, sie würde Eg auch lieben.
Nach einigen Monaten des Briefeschreibens treffen sie sich in Kopenhagen wieder – und als sie 15 Jahre alt und damit gesetzlich sexualmündig ist, haben sie Sex.
Basierend auf wahren Ereignissen
„Ein Mädchen verließ das Zimmer“ ist ein Roman, aber er beruht auf wahren Erlebnissen – das spürt man in vielen Details:
Bei den wiederholten Erwähnungen der Bartstoppeln, die Tanja beim Küssen das Gesicht wundscheuern, bis sich Eg aus Rücksichtnahme rasiert, bevor sie Sex haben. In den Beschreibungen des Schmerzes, der Lust, der Leere, die sie im Bett empfindet.
Zwar sind manche Passagen blumig und einige wiederkehrende Formulierungen manieriert – so hat Tanja beispielsweise keine Einsichten, sondern sie „sinken“ in sie hinein – aber: Gernes gelingt es, dass man sich in dieses junge Mädchen hineinversetzt und versteht, warum sie glaubt, all das selbst zu wollen.
Das liegt vor allem daran, dass konsequent aus der Ich-Perspektive Tanjas erzählt wird. Mit allen Teenager-Sehnsüchten, albernen Gedanken, Schuldgefühlen und Scham.
Wenn das Märchen bröckelt
Zu den Ereignissen in den 1980er Jahren kommen noch Kapitel, die weiter in die Gegenwart bis ins Jahr 2022 reichen – sie sind weniger dicht und etwas zu lang.
Je älter Tanja wird, desto deutlicher erkennt sie, dass Eg nicht der Ritter war, der ihr eine romantische Flucht aus ihrem Dasein ermöglicht hat, sondern ein erwachsener Mann, der sie mit Erzählungen und Märchen manipuliert hat.
Leider spiegelt sich diese Entwicklung kaum sprachlich wider. Doch damit unterstreicht sie wiederum, wie schwierig es für Tanja ist, sich von Eg, von diesem Dasein als junges Mädchen zu lösen. Sie hat stets getan, was er wollte, so dass Nachgeben zu lange ihre Reaktion ist.
Dazu kommt: Sie hat keine Ahnung, wer sie ist. Sie hat kein Ich, zu dem sie zurückfinden kann, weil ihre Identität noch gar nicht ausgebildet war, bevor der Kontakt zu dem erwachsenen Mann begann.
In meinem Leben gab es kein Davor, zu dem ich zurückkehren konnte. Ein Mädchen verließ mit vierzehn das Zimmer und wurde nicht mehr gesehen. Ein weißer Fleck auf der Karte. Ein nasser Fleck auf dem Laken. Eine leere Puppe. Ein Loch in der Welt.
Quelle: Ulrikka S. Gernes – Ein Mädchen verließ das Zimmer
Gesellschaftlich toleriert
Dieser Roman ist weniger eine Anklage als ein Versuch zu verstehen: Warum Eg bis zu seinem Tod nicht sah, dass sein Handeln falsch war. Warum weder ihre Eltern noch seine Mutter diese „Beziehung“ missbilligt haben.
Verheimlicht haben Eg und Tanja sie nur, als Tanja noch 14 Jahre alt war. Danach war die minderjährige Tanja ganz selbstverständlich an seiner Seite auf Partys und Veranstaltungen.
Es sind die 1980er Jahre, in denen insbesondere Künstler fast alles durften. Aber noch Jahrzehnte später wird akzeptiert, dass es in jenen Jahren so war – und diejenigen, die damals schon erwachsen waren, sagen zu Tanja: Du wolltest es doch selbst, oder?
Wir alle kennen diese Geschichten. Ulrikka S. Gernes erzählt eindringlich von einem dieser Mädchen, das dem manipulierenden Versprechen von Liebe glaubte und mit den unauslöschlichen Folgen der Taten leben muss.