Wie halten es die Buchverlage mit der KI?
Leipzig im März 2026. Buchmesse. Auf vielen Podien wird die Gretchenfrage gestellt, auch auf der Bühne der Unabhängigen Verlage: Wie halten es die Buchverlage mit der KI?
Sebastian Guggolz, Verleger, Lektor und Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, beobachtet, dass Verlage KI vor allem in der Zielgruppenanalyse und der Werbung nutzen.
„Also auf dieser Marketingseite habe ich ganz oft das Gefühl, fast alles, was die KI da bewirkt, kann genauso gut mit ein bisschen Erfahrung, mit ein bisschen sich einmal hinsetzen und sich was überlegen, ganz genauso erfüllt werden“, findet Guggolz.
„Allerdings muss ich auch dazu sagen, (…), wenn die KI in diesem Bereich nur eingesetzt wird, dann bin ich schon ganz zufrieden, weil da richtet sie zumindest nicht so viel Schaden an, sagen wir es mal so.“
KI bringt nicht die Qualität im Lektorat
Auch im Vertrieb, bei der Planung von Auflagenhöhen, in der Verwaltung und Buchhaltung kann KI nützliche Dienste leisten. Aber wie ist es im Lektorat? Also dort, wo wirklich an den literarischen Texten gearbeitet wird? Henrike Doerr berichtet:
„Also ich muss ganz klar sagen, derzeit, Stand jetzt, ist es einfach so, dass KI nicht das leisten kann, von der Qualität her gesehen, was ein menschliches Lektorat leisten kann.“
Henrike Doerr arbeitet als freiberufliche Lektorin. Sie kennt sich aus mit allen derzeit gängigen KI-Tools für diesen Bereich.
„Mir ist aber auch klar, (…) dass meine Kundschaft oft so einen Good-Enough-Ansatz hat. Die wollen nicht unbedingt den Porsche, da reicht auch der Fiat Panda. Und, gut, dann wird mit KI gearbeitet.“
Hilfsmittel für Übersetzungen
Ich habe sie als gutes Hilfsmittel entdeckt, zum Beispiel bei Übersetzungen.
Hans-Gerd Koch ist Leiter des Karl Rauch Verlags.
„Es ist ja immer so eine Frage, was macht man mit Übersetzungen aus Sprachen, die man selbst nicht beherrscht? Wie kann man das kontrollieren?
Und ich habe das immer so gemacht, dass ich dann ein Fremdsprachenlektorat extern habe machen lassen“, erzählt Koch.
„Und ich gehe jetzt dazu über, das doch auch selbst zu machen. (…) Und ich habe ein Tool entdeckt, was sehr ordentlich Übersetzungen macht. (...) Und es hilft mir dann zu sehen, ob die Übersetzung richtig ist und gut ist. Und ich kann mich ganz dann auf die Qualität der deutschen Übersetzung konzentrieren.“
Stichwort Übersetzung: Im letzten Jahr wurde die Übersetzerin Janine Malz für die Überarbeitung einer KI-Übersetzung angefragt. Für weniger Geld, ohne Urheberrechte. Malz hat dankend abgelehnt und das alles öffentlich gemacht.
Hans-Gerd Koch etwa betont, dass er Übersetzungen nur menschlichen Profis anvertraut. Inwiefern die wiederum KI nutzen, ist ein Graubereich. Namhafte Übersetzer:innen betonen jedoch, dass der Einsatz von KI bei literarischen Texten geradezu kontraproduktiv ist.
Verbot von KI für Autoren und Autorinnen
Bei Autorinnen und Autoren gibt es in Verträgen inzwischen oft einen Passus, der den Einsatz von KI verbietet.
„Genau, also wir haben da tatsächlich auch in den Verträgen was stehen“, bestätigt Rebecca Prager.
Sie ist Pressesprecherin des Konzerns Penguin Random House.
„Gleichwohl, so wie wir KI als Werkzeug nutzen, dürfen natürlich Autorinnen für Recherchezwecke oder sowas es natürlich nutzen, so wie es ihnen gut tut, wie sie es brauchen“, stellt die Pressesprecherin klar.
Selbstveröffentlichungen en masse
Aber können Verlage heimlich KI-generierte Manuskripte überhaupt erkennen? In der englischsprachigen Welt sorgt der Roman „Shy Girl“ gerade für Aufregung, der vermutlich zum großen Teil mit KI verfasst wurde. Ohne dass es irgendwem im Verlag Hachette aufgefallen wäre.
Hans-Gerd Koch ist wissentlich noch kein zweifelhafter Text untergekommen:
„Vielleicht, weil ich darüber auch nicht nachgedacht habe. Wenn einfach mir ein Text so schlicht oder zu blöd war, habe ich es nicht auf KI geschoben, sondern auf die Autorin oder den Autor. (...) Aber insofern kann es sein, dass was dabei war.“
Immer häufiger „was dabei“ ist etwa auf Self-Publishing-Plattformen wie Amazon Kindle Direct Publishing, auf denen Autor:innen eigene Werke ohne Verlag selbst hochladen und verkaufen können. Inzwischen werden dort so viele neue Bücher hochgeladen, dass Amazon ein Upload-Limit pro Account eingeführt hat.
In der Masse wird es für Autor:innen immer schwerer, sichtbar zu werden. Und die viel langsameren Verlage haben etwa dann das Nachsehen, wenn zu aktuellen Ereignissen fast in Echtzeit zahllose KI-generierte Titel erscheinen.
„Ich glaube, dass wir eine sehr, sehr große kulturelle Kränkung erleben werden“
Manch ein Autor von Kochbüchern, Reiseführern, Krimis oder Romance-Novels mag sich da fragen, ob es die Arbeit überhaupt noch wert ist.
„Ich glaube, dass wir eine sehr, sehr große kulturelle Kränkung erleben werden“, äußert sich Dirk von Gehlen.
Der Journalist und Digitalexperte Dirk von Gehlen hat das Forum „Mensch und KI“ auf der Buchmesse kuratiert.
„Wie gehe ich damit um, dass die Maschine das kann? Meine erste Prognose ist deshalb, wir werden eine sehr, sehr lange Diskussion über Qualität bekommen. Wir werden sehen, dass Autorinnen und Autoren sagen, ja, ganz so gut wie ich ist aber dieser Text nicht“, glaubt von Gehlen.
„Das richtig Spannende beginnt aber in der Phase nach der Kränkung, wenn wir anfangen, die Maschine und die Produkte, die die Maschine schaffen kann, so in unsere Arbeit zu integrieren, dass wir damit vielleicht mehr schaffen.“
Rechtliche Probleme mit KI
Keine Kränkung, sondern ein ganz handfestes rechtliches Problem sieht Sven Lehmann von Bündnis 90/Die Grünen. Der Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestags saß in Leipzig auf einem Panel zum Thema KI.
„Als das losging mit KI (…), da sind die Stimmen, die auch vor dem gewarnt haben, was jetzt nämlich passiert, nämlich sozusagen das Unsichtbar-Machen von kreativen Leistungen, dass KIs trainiert werden, ohne dass Urheberinnen und Urheber überhaupt gefragt werden, geschweige denn zustimmen müssen oder bezahlt werden.“
Also, all das ist aus der Kultur, auch aus der Buchbranche, sehr, sehr stark auch angemahnt und thematisiert worden. (…) Jetzt sehen wir, dass genau das eingetreten ist.“
Ein robustes Urheberrecht gibt es nicht. Besonders Bestseller laden dazu ein, mittels KI eine Unzahl an Plagiaten herzustellen. Rebecca Prager kennt das Problem:
„Da können wir dagegen vorgehen, aber halt auch immer erst, wenn der Fall dann da ist. Und das ist auch natürlich ein wahnsinniger Aufwand für uns als Verlag, das dann im Blick zu behalten.“
„Schreiben ist eine Kulturpraxis“
Verlage und KI – es bleibt komplex. Und die Branche steht in dieser Entwicklung erst am Anfang. In Leipzig schwankt man noch zwischen nüchternem Pragmatismus und drängenden Zukunftssorgen. Da hilft es, sich auf das eigentlich Menschliche beim Büchermachen zu konzentrieren.
Schreiben ist eine Kulturpraxis.
„Müssen wir uns schon fragen, ist das ein Wert an sich, den es zu erhalten gilt oder nicht? Wie möchte ich mich konkret als Mensch dazu verhalten? Das sind alles Fragen, das stellt sich KI gar nicht, weil sich KI überhaupt keine Fragen stellt“, bestimmt Doerr.
Und, so drückt es Sebastian Guggolz aus: „Subjektivität kann nicht simuliert werden von der KI. Subjektivität kann nur vom Menschen kommen.“