Womöglich gilt für Kindheiten, was Tolstoi für Familien erkannte: Alle sind auf ähnliche Weise glücklich, jede aber auf ihre eigene Art unglücklich. Die indische Schriftstellerin Sara Rai hat es gut getroffen, indem sie 1956 in eine Familie der oberen Mittelschicht hineingeboren wurde.
Sie ist das jüngste von fünf Kindern, der Vater ist Hindu, die Mutter Muslimin. Der Vater ist Verleger und Kritiker, auch die Mutter schreibt, alle lesen. Eine bildungsbürgerliche Familie wie aus dem Bilderbuch. Über allen thront der Großvater in Gestalt des indischen Nationaldichters Munshi Premchand.
„In unserem recht wohlsituierten Haushalt hielt man große Stücke darauf, arm zu sein. Es galt der unausgesprochene Glaubenssatz, Armut sei spirituell irgendwie erhaben. Das hing mit den Idealen meines Großvaters zusammen, die von der nachfolgenden Generation fraglos übernommen wurden, so auch von meinem Vater.“
„Premchand hatte das kärgliche Leben eines einfachen Schullehrers geführt, der in den frühen Morgenstunden oder noch in der Nacht aufgestanden war, um im funzeligen Licht einer Öllampe die Geschichten aufzuschreiben, die später viele Bände füllen würden.“
Enge Verbindung zu Mahatma Gandhi
Dieses kuriose Verhalten fußt auf der engen Verbindung der Familie zu Mahatma Gandhi und seinen Grundsätzen. Der schreibende Großvater, im ganzen Land bekannt, hat die Enkeltochter geprägt. In ihrem 2023 im Original erschienenen Buch „Raw Umber“ geht sie diesen Prägungen nach.
Es handelt sich um eine Art Sara-Rai-Lesebuch, das verschiedene, teilweise auch andernorts schon publizierte Texte enthält. Im Anhang befinden sich zudem vier Geschichten ihrer schreibenden Verwandten.
Wie alle Erinnerungsbücher lebt auch dieses von den Lücken, die sich in der eigenen Erinnerung auftun. Dichtung und Wahrheit. Sara Rai ist eine gewiefte Autorin und sich dieser Unsicherheiten natürlich bewusst.
Die Grenze zwischen Erinnerung und Fiktion verschwimmt immer wieder. Es gibt Dinge, an die ich mich erinnere, und andere, an die ich mich zu erinnern glaube. Im Treibsand der Vergangenheit bewegt sich der Untergrund mit.
Quelle: Sara Rai – Raw Under
Es riecht fromm und nach vergorener Milch
Sara Rai wohnt heute wieder in ihrem Elternhaus in Allahabad im Norden Indiens, das längst zu einem Geisterhaus geworden ist, in dem die Toten spuken. Hier lässt sie ihre Anfänge Revue passieren, erinnert sich an die 60er Jahre, in denen das Land den Schwung verliert, den die Unabhängigkeit von den Briten verliehen hat.
Flora und Fauna sorgen für paradiesische Zustände, in denen Sara Rai das Elend der Welt ausblenden kann. Ihr Großwerden inmitten üppiger Schönheit beschreibt sie so, dass man meint, Teil davon zu sein. Dabei gelingen ihr immer wieder Formulierungen, die man sich notieren möchte.
Ein Regal mit hinduistischen Göttern im elterlichen Wohnzimmer riecht bei ihr fromm und nach vergorener Milch. Die knochigen Hände einer alten Frau fühlen sich wie ein kalter Schlüsselbund an.
Bemerkenswert ist, dass die Autorin dieses Buch auf Englisch geschrieben hat, obwohl sie sonst auf Hindi schreibt. Ihre Spracherziehung nimmt großen Raum ein, sowohl der Sprachstolz der Familie als auch das selbstverständliche Lesen englischer Literatur. Wie in Indien üblich, wächst sie mehrsprachig auf.
„Ich wuchs mit Hindustani auf, einer Mischung aus Hindi und Urdu, die bei uns zu Hause gesprochen wurde. In der English Medium School, die ich besuchte, war es verboten, Hindi zu sprechen, und Verstöße wurden bestraft. Daheim wiederum genierten wir uns, Englisch zu sprechen. Ich wusste nicht, welches meine ‚erste‘ Sprache war.“
Die Katherine Mansfield der Hindi-Literatur
Dass Sara Rais Name hierzulande weniger bekannt ist als der anderer indischer Autorinnen und Autoren liegt auch an dem Umstand, dass sie sonst überwiegend auf Hindi schreibt. Doch aus dem Hindi werden weit weniger Bücher ins Deutsche übersetzt als aus dem Englischen.
An dieser Stelle sei auf ihren ebenfalls im Draupadi Verlag verlegten, von Johanna Hahn übersetzten Band „Im Labyrinth“ verwiesen. Einer der besten Texte ihres neuen Buches findet sich in einer ursprünglichen Version auch schon darin. Sein neuer Titel lautet „Die Crux mit dem Schreiben“.
„‚Katherine Mansfield. Du wirst die Katherine Mansfield der Hindi-Literatur sein.‘ Mein Vater sprach langsam und betonte jedes Wort. Er schien auf eine innere Stimme zu hören. ‚Los, schreib es auf‘, drängte er, wie in Sorge, er könnte die zehn Wörter vergessen, wenn sie nicht sofort zu Papier gebracht würden.“
Seine Augen waren auf den Stift gerichtet, der unentschlossen über meinem Notizbuch hing. Wollte er wirklich von mir, dass ich das aufschrieb? Es war ein ganz gewöhnlicher Tag, und ich erinnere mich bis heute an ihn.
Quelle: Sara Rai – Raw Under
Ein bisschen so wie bei den Manns
Was klingt wie eine schöne Ermutigung zeugt gleichzeitig von einem ungeheuren Erwartungsdruck. Die vielen Schreibenden im Hause Rai erinnern an die Familie Mann. Der Verfall der Rai-Familie wiederum erinnert an Thomas Manns „Buddenbrooks“.
Auffällig bleibt, dass Sara Rai wenig über ihr Privatleben als erwachsene Frau preisgibt. Ihre eindrücklichsten Schilderungen gelten ihrem alt gewordenen Vater und einem ihrer Brüder, dem schwarzen Schaf der Familie. Er interessiert sich mehr für schicke Schuhe als für Bücher und findet ein tragisches Ende.
Daneben erfahren wir von der persönlichen Genese einer Schriftstellerin, von ihrer frühen Lesesucht und ihren Roman-Vorlieben. Als Kind hat sie alles von Enid Blyton verschlungen. Bücher einer Autorin der ehemaligen britischen Kolonialmacht also.
Manchmal verzettelt sich Rai auch in ihren eigenen Erinnerungen, meist aber erzählt sie klar und aufregend von einer ungewöhnlichen Autorendynastie und ihren Produktionsbedingungen.