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„Uns verbindet die Gewalt. Dich und mich. Es ist so viel Brutalität in mir. Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Dieser tobsüchtige Vernichtungswille, diese kalte Wut, diese kulturelle Arroganz, die euch in Leningrad einkesselt und verhungern lässt, das ist alles noch in mir.“ So entfährt es einem Mann Mitte siebzig, Mitte der Zweitausendzwanzigerjahre im inneren Zwiegespräch, als ihn sein imaginiertes Gegenüber fragt, warum er sich ausgerechnet in dessen Tagebuch hatte vertiefen müssen.
Das Tagebuch, das der Erzähler in Edgar Selges neuem Roman „Juras letzter Winter“ zu seinem Projekt gemacht hat, stammt von Jura Rjabinkin. Sein letzter Eintrag ist auf den 6. Januar 1942 datiert, Jura war 16 Jahre alt. Seine erhaltenen Aufzeichnungen beginnen am 22. Juni 1941, dem Tag, an dem Hitler-Deutschland die Sowjetunion angegriffen hat. Vom 8. September 1941 an hatte die Wehrmacht Leningrad eingeschlossen, insgesamt 872 Tage lang. Zu Beginn der Blockade lebten zweieinhalb Millionen Menschen in Leningrad, am Ende waren mehr als 1,1 Millionen von ihnen tot, die allermeisten verhungert. Jura, davon muss man ausgehen, ist einer von ihnen.
Als seine Frau ihn einmal fragt, wie er vorankommt mit seinem Projekt, gesteht der Erzähler, es laufe schlecht, weil ihm ständig eigene Erinnerungen dazwischenkommen, weil er sich ständig mit seinem Jura verwechselt. Ihr Rat: Genau darüber soll er schreiben.
Edgar Selge, in dieser Folge zu Gast im Bücher-Podcast der F.A.Z., hat ein Buch über die Lebensgeschichte dieses Jugendlichen in Leningrad vor 85 Jahren geschrieben. Über dessen Lebensumstände, über den Weg, den Juras Tagebuch bis zur Veröffentlichung in Russland genommen hat, und darüber, wie es in Deutschland bekannt wurde. Darüber, was es heute heißt, Jura Rjabinkin zu lesen und nicht umhinzukommen, dabei den eigenen Vater in den Blick zu nehmen, der am Russlandfeldzug der Wehrmacht teilgenommen hatte, und auch sich selbst.
Im Anschluss gibt es ein neues Literatur-Rätsel von Tilman Spreckelsen, die Lösung des Rätsels aus dem August 2026 und den Namen des Gewinners oder Gewinnerin eines Buchs aus der Anderen Bibliothek, wie es auch diesmal unter den richtigen Einsendungen verlost worden ist.
Host: Fridtjof Küchemann
Aufnahme und Produktion: David Brucklacher und Kevin Gremmel
Mehr zum Thema
„Juras letzter Winter“ von Edgar Selge auf der Website des Rowohlt Verlags
Der Preis des Literaturrätsels im September 2026, die Adresse für Ihre Einsendung und die Teilnahmebedingungen
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Ein junger Mann ist frustriert, er verbringt viel Zeit im Internet, radikalisiert sich dort, ist voller Hass, lässt das auch andere laufend wissen, er besorgt sich Waffen – und begeht einen politisch motivierten Anschlag. Die breite Öffentlichkeit ist schockiert, seine Community hingegen begeistert, man lobt ihn, sieht in ihm einen Heiligen. Je mehr Menschen er getötet hat, desto euphorischer sind seine Anhänger. Dieses Muster wiederholt sich immer wieder.
Der Terrorismusexperte, Autor und Filmemacher Dirk Laabs hat mit „Armee der Einzeltäter“ ein Buch über das Phänomen geschrieben. In dieser Folge des Bücher-Podcasts erklärt er, ob es sich dabei um eine neue Form des Extremismus handelt, welche Rolle die sozialen Medien für künftige Terroristen spielen, warum man Donald Trump hier nicht außen vor lassen kann und weshalb Killerspiele nicht zu unterschätzen sind.
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Eine Frau schleppt sich durch das winterliche Prag, am Ende ihrer Kräfte, am Ende ihres Lebens. Alle haben sich von ihr abgewandt. Heute liest jedes Schulkind in Tschechien ihren einzigen Roman. Und der zeigt nicht einmal, was für eine Schriftstellerin sie hätte sein können.
Eine Frau flieht nach Paris und schert sich nicht um das, was einer Frau in ihrer Zeit angeblich zusteht und was nicht. Sie mischt in den Debatten ihrer Zeit mit, wechselt ihre Liebhaber, kleidet sich wie ein Mann – und wird unter ihrem männlichen Autorenpseudonym berühmt.
Ein Mann schaut auf die Erdölfelder Pennsylvanias und lässt sich neue Mittel und Wege einfallen, alles an sich zu reißen. Er würde sich einen gläubigen Menschen nennen, doch Barmherzigkeit kennt er nicht. Heute sehen wir ihn als Fährmann in eine skrupellose Welt.
Drei Biografien, die stellvertretend für das 19. Jahrhundert stehen, für ein Jahrhundert, in dem so vieles seinen Anfang nahm, mit dem wir heute zu leben, mit dem wir heute zu kämpfen haben, stellt die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková ins Zentrum ihres neuen Romans „Schokoladenblut“, der Anfang des Monats in deutscher Übersetzung erschienen ist.
Wer sind diese drei, was haben sie uns hinterlassen, welche Linien ziehen sich durch ihre Leben und von dort in unsere Gegenwart? In dieser Folge das Bücher-Podcasts der F.A.Z. ist Radka Denemarková mit „Schokoladenblut“ zu Gast. Nach dem Gespräch kommt ein neues Literatur-Rätsel von Tilman Spreckelsen nebst Lösung des Rätsels aus dem Mai 2026 und dem Namen der Gewinnerin oder des Gewinners eines Buchs, das wie immer unter den richtigen Einsendungen verlost wurde.
Radka Denemarkovás „Schokoladenblut“ auf der Website des Verlags Hoffmann & Campe
Der Preis des Literaturrätsels im Juni 2026, die Adresse für Ihre Einsendung und die Teilnahmebedingungen
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Als Denis Scheck in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ das neue Buch von Ildikó von Kürthy in 34 Sekunden abfertigte und bemerkte, es handle sich dabei um „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“, ahnte er nicht, dass er die Literatur-Debatte des Frühjahrs lostreten würde. Ihm wurde Sexismus vorgeworfen, Elke Heidenreich forderte sogar die Absetzung seiner Sendung.
Scheck hat der F.A.Z. jetzt ein Interview gegeben, in dem er sich zu den Vorwürfen äußert. Darüber hinaus erscheint Ende Juni eine Anthologie mit dem Titel „Die Damentoilette“, die aus der Diskussion um den Schlagabtausch zwischen Denis Scheck, Ildikó von Kürthy, Elke Heidenreich und Sophie Passmann hervorgegangen ist.
In dieser Sonderfolge des F.A.Z.-Bücherpodcasts nehmen Sandra Kegel und Julia Encke das zum Anlass, noch mal zu fragen, was Mülltonnen und Damentoiletten mit Literaturkritik zu tun haben. Was an den geäußerten Vorwürfen der Frauenfeindlichkeit und des Sexismus dran ist. Ob es in der Debatte überhaupt um Literaturkritik geht – und wo deren Grenzen liegen.
Alt genug von Ildikó von Kürthy
Hosts: Julia Encke und Sandra Kegel
Technik: Kevin Gremmel
Debatte um Wechseljahre-Buch
Eskalation im Kölner Gartenzaun-Gothic
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Wie schreiben, wenn Sprachlosigkeit und Scham der bis dahin gewohnte Modus waren? Diese Frage steht hinter dem Buch, um das es heute im Bücher-Podcast geht: „Vaterlos“ von Thomas Medicus, laut Untertitel ein „Tatsachenroman“. Der Autor behandelt darin mit erzählerischen Mitteln die Tragödie seines Lebens: den Selbstmord des Vaters, eines erfolgreichen Landarztes in der fränkischen Provinz, der von einem Tag auf den anderen aus der vierköpfigen Familie verschwindet und verschiedene Formen von Einsamkeit und Trostlosigkeit zurücklässt – er, der selbst trostlos war.
Mit seinem kurzen, dicht geschriebenen Buch unternimmt Medicus die Erkundung eines Lebensthemas, dem er sich bis dahin nur auf verschlüsselte Weise nähern konnte, weil das Rätsel um den Suizid des Vaters einfach nicht zu lösen war.
Doch was der Autor als Siebzehnjähriger und auch in den Jahren darauf möglicherweise nicht konnte – umgehen mit einem Trauma, Antworten finden auf Fragen, die kaum zu stellen sind –, dazu sind Texte vielleicht fähig, weil sie im ruhigen Nachdenken der freiwilligen Rückschau entstehen. Weil sie sich gestalten und überarbeiten lassen. Weil sie Erkenntnis nicht verpulvern, sondern konservieren und gleichsam begehbar machen. Und weil sie – am Ende – einen Resonanzraum schaffen, der auch lange nach der Beendigung des Schreibens noch Echos hervorbringt.
Thomas Medicus: „Vaterlos“. Tatsachenroman. Verlag Rowohlt Berlin, 220 Seiten, 24 Euro.
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Am 17. Juli 1936 begann der Spanische Bürgerkrieg, am 1. April 1939 endete er. Sein Ausgangspunkt war ein Putsch, seine Folge eine fast vierzig Jahre währende Diktatur. Zehntausende Titel wurden über ihn vorgelegt, er ist Gegenstand von Filmen und Graphic Novels. Paul Ingendaay schreibt in seinem Buch „Entscheidung in Spanien“, der Krieg habe wie kein anderer Konflikt „unsere Vorstellung von der heroischen Niederlage geprägt“.
Zahlreiche Menschen reisten zwischen 1936 und 1939 nach Spanien. Sie kamen aus mehr als fünfzig Ländern, einige waren Zaungäste, andere nahmen an Kampfhandlungen teil. Unter ihnen waren Künstler und Schriftsteller, Abenteurer und Reporter. Ernest Hemingway etwa. Oder sein Kollege George Orwell. Robert Capa schoss mit dem „Gefallenen Soldaten“ das bekannteste Kriegsfoto aller Zeiten. Seine Mitstreiterin Gerda Taro starb mit sechsundzwanzig Jahren an der Front. Pablo Picasso reagierte auf das Bombardement des Städtchens Guernica, indem er eines der wichtigsten Bilder der Kunstgeschichte malte.
Warum engagierten sich so viele Leute auf die eine oder andere Weise in diesem Krieg? Was wollten sie, was wollten sie nicht? Und weshalb lohnt es sich, über sie nachzudenken? Darüber spricht Paul Ingendaay in dieser Folge des Bücher-Podcasts.
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Oktober 1989 in einem Dorf in Brandenburg. Die Sonne scheint noch warm. Die Freundinnnen Gabi und Hedi nutzen die letzten Sonnenstrahlen, um im See baden zu gehen, als ihnen ein Typ auffällt, der sie vom Ufer aus anstarrt. Er ist groß, blond und trägt seltsame Hosen. Kurz darauf wird in einem Bungalow in der Nähe eine Frau ermordet. Das Dorf ist in Aufruhr. Nicht nur die beiden Freundinnen haben Angst. Alle Frauen in der Umgebung fürchten sich. Dann fällt fünfzig Kilometer weiter östlich die Mauer - aber die Morde gehen weiter.
Sophie Sumburane hat sich in ihrem Kriminalroman „Keine besonderen Auffälligkeiten“ ein wahres Verbrechen aus den letzten Minuten der DDR vorgenommen. Sie nimmt dabei vor allem die Leute in den Blick, deren Leben eine solche Untat verändert.
Wie geht man damit um, wenn im eigenen Dorf ein Mord geschehen ist? Wie lebt man weiter nach dem Schock? Was passiert, wenn obendrein gerade der Staat untergeht und fehlende Polizeistrukturen Ermittlungen erschweren? Und wie macht man daraus eine Geschichte, die die Opfer respektiert? Über all das reden wir in dieser Folge des Bücherpodcasts mit der Autorin Sophie Sumburane.
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„Ich versuche nicht, über mich selbst zu schreiben, sondern Figuren zu konstruieren, die universell sind und repräsentativ für ihre Generation und für ihren Blick auf die Welt in ihrer Epoche“, sagt die französische Schriftstellerin Leïla Slimani über ihren neuen Roman „Trag das Feuer weiter“. Wovon genau handelt „Trag das Feuer weiter“? Was macht den Roman so besonders? Und wie ist er in das Werk der 1981 geborenen französisch-marokkanischen Bestsellerautorin einzuordnen?
Das wollen wir in dieser Sonderfolge des F.A.Z.-Bücherpodcasts im gemeinsamen Gespräch diskutieren. Dabei beantworten wir auch Fragen, die Sie uns vorab als Sprachnachrichten geschickt haben und für die wir uns bedanken. Im Rahmen unseres Buchclub-Projekts „Gemeinsam lesen“ laden wir Sie in Kooperation mit der Buchhandelskette Thalia ein, „Trag das Feuer weiter“ zu lesen und sich darüber auszutauschen. Zum Abschluss wird am 21. März im Rahmen der Leipziger Buchmesse eine Veranstaltung mit Leïla Slimani stattfinden, die Sie auch live im Stream verfolgen können.
Zum Buchclub-Projekt „Gemeinsam lesen“
Einführung in das Projekt „Gemeinsam lesen“
Leïla Slimanis „Trag das Feuer weiter“ auf der Website des Luchterhand Literaturverlags
Das Hörbuch, gelesen von Wiebke Puls, auf der Website von Der Hörverlag
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Diesmal geht es beim Rückblick auf die besten Krimis des Jahres 2025 um Romane aus vier verschiedenen Ländern und von sehr unterschiedlicher Machart. Bei mindestens einem könnte man sogar darüber streiten, ob er nicht besser als „Literatur“ zu verkaufen wäre. Lohnend sind sie alle, was Handlung, Atmosphäre und Milieuschilderung betrifft.
Ein Eindruck des Vorjahres bestätigt sich in diesem: Die besten Titel kommen meist aus kleineren, engagierten Verlagen, und man sieht ihnen die Handschrift der Verleger an. Ein Gespräch mit unserem Krimi-Experten Peter Körte, der einmal im Monat in seiner Kolumne für die F.A.Z. die Produktion deutschsprachiger Verlage sichtet.
Mathijs Deen, „Die Lotsin“, aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. Mare Verlag, 368 Seiten, 23 Euro.
Mariana Travacio, „Ein Mann namens Loprete“, aus dem Spanischen von Kirsten Brandt. Pendragon, 128 Seiten, 22 Euro.
Jerome Charyn, „Ravage & Son“. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Suhrkamp Verlag, 334 Seiten, 18 Euro.
Volker Kutscher und Kat Menschik, „Westend“. Galiani-Berlin, 112 Seiten, 23 Euro.
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Frauke Rostalski, Strafrechtlerin und Mitglied im Deutschen Ethikrat, schreibt in ihrem Buch „Wer soll was tun?“: „Der Klimawandel gefährdet die natürliche Grundlage sämtlichen Lebens auf der Erde. Der ‚Einsatz‘, um den es geht, könnte daher kaum höher sein.“ Sie schreibt aber auch: „Selbst noch so gut gemeinte Einzelbeiträge genügen nicht, um die Situation in den Griff zu bekommen. Und nicht nur das: Unkoordinierte Alleingänge sind, wie ich zeigen werde, sogar dazu geeignet, dem übergeordneten Ziel einer Bekämpfung des Klimawandels abträglich zu sein.“ Der Grund dafür sei das Pariser Übereinkommen. Frauke Rostalski bezeichnet es wegen seiner Ineffektivität als „stumpfes Schwert“.
Es bleibt die Frage, welche Verantwortung Individuen und Kollektive angesichts der Erderwärmung tatsächlich haben. Was ist ethisch geboten, was sollte rechtlich durchgesetzt werden? Ergibt es Sinn, Deutschland eine Vorreiterrolle im Kampf gegen den Klimawandel zuzuschreiben? Und wie schädlich ist eine Diskurskultur, in der man sich gegenseitig vorrechnet, was man alles (Lastenrad, Wärmepumpe, Bahnfahrten statt Flugreisen) für seine individuelle Ökobilanz macht? Frauke Rostalski gibt Antworten im Bücher-Podcast. Und sie plädiert für einen Klimaklub, dessen Mitglieder sich auf Emissionsreduktionen und einen Carbonpreis einigen.
„Wer soll was tun?“ von Frauke Rostalski auf der Website des Verlags C.H. Beck
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