In einer Berliner Bibliothek
Ein Samstagnachmittag in der Stadtbibliothek am Wasserturm in Berlin Pankow. Zwischen Bücherregalen und Lesesesseln geht ein Bastelnachmittag für Kinder zu Ende. Es ist viel los.
„Wir sind hier inmitten einer sehr lebendigen Bibliothek, genauso wie das sein soll, deswegen ist es ein bisschen trubelig, aber es passt eigentlich ganz gut zur Vielstimmigkeit dieser Aktion.“
Inmitten des Trubels versammelt die Künstlerin Jana Maria Dohmann eine Handvoll Erwachsener um sich und einen Büchertisch.
„Und zwar möchte ich euch alle einladen und das Experiment heißt: Ein Lautlesechor von banned books, wir stehen ja jetzt hier gerade vor einer kleinen Auswahl von Banned Books, also Bücher, die aus US-Schulbibliotheken, aber auch aus öffentlichen Bibliotheken verboten, herausgenommen, und eben gebanned wurden“.
Ein Zeichen gegen Zensur
Eine Geste der Solidarität soll diese Kunstaktion sein, ein Zeichen gegen Zensur und für die Meinungsfreiheit. Auf dem Tisch liegen deutsche und englische Ausgaben, Neuerscheinungen, Klassiker und Bestseller, Kinderbücher, Graphic Novels. „Ulysses“ von James Joyce. Maia Kobabe „Gender Queer“. „The Hate you Give“ von Angie Thomas.
„Diese book bans beziehen sich in besonders großem Maße auf Autor*innen, die queere Geschichten erzählen, queere Perspektiven, migrantische Perspektiven, BIPOC-Geschichten, also Perspektiven von nicht-weißen Autor*innen, aber wir haben auch Klassiker dabei wie von Stephen King „Misery“, wir haben Anne Frank dabei.“
Auch verbannt: Anne Franks Tagebuch
Ja, auch das Tagebuch der Anne Frank gehört - in seiner illustrierten Version - zu den verbannten Büchern. Die Graphic Novel nach den Aufzeichnungen des später im KZ ermordeten jüdischen Teenagers aus seinem Amsterdamer Versteck vor den Nazis, wurde schon 2022 und 23 in Texas und Florida aus Schulbibliotheken entfernt.
Eltern-Initiativen hatten sich beschwert, die Graphic Novel verharmlose den Holocaust und sei nicht altersgerecht. In einer Szene sind nackte weibliche Frauenstatuen abgebildet und Anne schlägt einer Freundin vor, sich einander ihre Brüste zu zeigen.
„Und ihr seid jetzt alle eingeladen euch ein Buch auszusuchen von diesem Büchertisch und dann bewegen wir uns laut lesend als Schwarm durch diese Bibliothek.“
Einladung zur Beschäftigung mit den Büchern
Laut lesend bewegt sich die kleine Gruppe von verschiedenen Seiten durch die kleine Bibliothek, Besucher gucken von ihrer Lektüre auf, schauen irritiert.
„Die Idee war, dass wir unsere Nutzerinnen und Nutzer dazu einladen wollten, sich verstärkt mit den Titeln zu beschäftigen“, sagt Danilo Vetter, Fachbereichsleiter der Stadtbibliothek Berlin-Pankow.
„Und die Angriffe auf die Bücher oder auf die Medien kommen tatsächlich von gut organisierten Rechtskonservativen, Rechtsextremen.
D.h. sie haben sich bestimmte Themen genommen, gegen die sie jetzt mobil machen, das sind vor allem LGBTQ-Themen, d.h. alles was vor allem Kinder einlädt, die Vielfalt der Gesellschaft anzuerkennen und sich damit auseinanderzusetzen wird verbannt, meistens mit dem Vorwurf der Pädophilie.“
Banned Books Week
Ein Ausschnitt aus dem US-amerikanischen Dokumentarfilm „The Librarians“ über die zunehmenden Angriffe auf Mitarbeitende öffentlicher Schul-Bibliotheken. Während der Banned Books Week konnte die Stadtbibliothek Berlin Pankow den Film zeigen, erzählt die stellvertretende Fachbereichsleiterin, Antje Hausner:
„...und haben eine sehr bedrückte, aber große Resonanz darauf bekommen. Also, es ist harter Stoff wenn man sich das anschaut, gerade in dem Film kommt noch mal raus, selbst die Bibliothekar*innen werden als Pädophile und Päderasten beschimpft und erhalten beim School Board, wo wirklich Buch für Buch von einem Gremium durchgegangen wird, aus dem Publikum heraus Angriffe und Gewaltandrohungen.“
Angst vor den Book Bans
Das bleibt nicht ohne Spuren. Zur internationalen Konferenz Next Library im dänischen Aarhuis seien in diesem Jahr viele US-Kolleg*innen angereist, erzählt Antje Hausner. Das Thema der „book bans“ sei von ihnen sehr emotional, aber auch sehr zurückhaltend diskutiert worden.
„Also, man hat schon gemerkt, dass die Angst bei den Kolleg*innen, zu diesem Thema zu sprechen und sich öffentlich zu äußern, ziemlich massiv ist schon. – Aber was die Kolleg*innen aus den USA uns noch gesagt haben, war: Seid vorbereitet, habt eure Netzwerke parat wenn die Angriffe kommen und sie werden kommen, tauscht euch aus.“
Der Druck auf die Bibliotheken wächst
Denn auch hierzulande wächst der Druck auf öffentliche Bibliotheken, das merken auch die Bibliotheken in Berlin. Ob es Angriffe auf queere Veranstaltungen mit Dragqueens sind, der Versuch, Einfluss aufs Programm zu nehmen oder gezielter Vandalismus.
Danilo Vetter erzählt: „Wir hatten halt diese Vorfälle in Tempelhof Schöneberg wo ganz gezielt Bücher aus den Regalen genommen und zerstört wurden. Systematisch. Also immer wieder von gleichen Autor*innen, meistens aus dem linken Spektrum, oder das waren Medien die sich mit Rechtsextremismus beschäftigt haben. Die wurden immer wieder aufgeschnitten, beschmutzt.
Und wir merken auch, dass aus rechtskonservativen und klar rechtsextremen Parteien verstärkt Anfragen zu den Beständen in den Bibliotheken kommen oder Fragen wie viel Verträge wurden mit Menschen gemacht die queer leben, solche Anfragen sind das. Das sind Anfragen, die noch nicht sehr häufig sind, aber die nehmen eben auch zu.“
PEN America äußert sich
In den USA schlägt der Autor*innenverband PEN mittlerweile Alarm:
„Noch nie zuvor haben so viele Bundesstaaten Gesetze oder Vorschriften erlassen, um das Verbot von Büchern zu erleichtern. Noch nie zuvor haben so viele Politiker versucht, Schulleiter dazu zu zwingen, Bücher entsprechend ihren ideologischen Präferenzen zu zensieren,“ so PEN America auf seiner Website.
Seit 2021, so der Autor*innenverband auf seiner Website, wurden rund 23-Tausend Titel aus Bibliotheken öffentlicher Schulen in den USA entfernt. Längst sind es keine einzelnen Eltern mehr, die gegen Bücher Einspruch anmelden, wie noch vor der Pandemie.
Im Jahr 2024, so die American Library Association, steckten zu 72 Prozent organisierte Lobbygruppen hinter den Book Bans. Vor allem rechte Gruppierungen wie die „Moms for Liberty“, die „Mütter für die Freiheit“.
Hinter den vermeintlich besorgten Moms verbirgt sich ein mittlerweile hoch professioneller, aggressiver und bis zu Präsident Trump vernetzter Player und Stimmungsmacher im rechten Kulturkampf.
„Das ist alles sehr unheimlich. Diese Art von weiterentwickelter Methodik der Zensur ist das Besordniserregendste daran. Sie wissen ganz genau was sie tun und sie haben gerade erst damit angefangen.“
Das sagt Joseph Dunnigan. Er betreibt das Banned Books Museum im Herzen von Tallinn, der Hauptstadt von Estland. Ein Raum, mehrere Glasvitrinen und Regale für mittlerweile 500 Bücher. Die Sammlung wächst weiter.
„Durch die Sichtbarmachung von Zensur kann man Meinungsfreiheit stärken“
„Wir haben hier verbotene, verbrannte und zensierte Bücher aus der ganzen Welt. Die Besucher können sie sich nicht nur ansehen, sondern sie auch anfassen und lesen. Und das machen sie auch.
Estland ist eines der Länder auf der Welt, die am entschiedensten Anti Zensur sind. Zensur ist ein sehr persönliches, ernstes Thema für Esten, natürlich wegen ihrer Geschichte.
Und ich glaube für Esten, die ins Museum kommen, und die Bücher aus ihrer Vergangenheit sehen, und die Gelegenheit bekommen, über sie zu reden, sie anzufassen und darüber nachzudenken, kann das ein therapeutischer Prozess sein.“
Zeichen setzten in einem demokratischen Rechtsstaat
„Durch die Sichtbarmachung von Zensur kann man Meinungsfreiheit stärken“, sagt auch Nikola Roßbach.
Sie hat 2019 die Kasseler Liste mit aufgebaut, das weltweit größte, stetig wachsende Online-Verzeichnis zensierter und verbotener Bücher, quer durch die Jahrhunderte und Länder.
Zwar könne man durch so eine Liste Diktatoren oder Autokraten nicht davon abhalten, Bücher zu verbieten oder Menschen zu verfolgen, aber:
„In demokratischen Rechtsstaaten kann man auf jeden Fall dadurch ein Ausrufezeichen setzen und zeigen: Hallo, Leute, passt auf, Meinungsfreiheit muss immer verteidigt werden, die ist nie für alle Zeit sicher.“
Aktuelle Zensurversuche in verschiedenen Teilen der Welt
Die USA, so sagt Nikola Roßbach, würden im Übrigen zwar viel zensieren, aber es gebe immerhin Listen. Viel problematischer seien die vielen aktuellen Zensurversuche in verschiedenen Teilen der Welt, die nicht zugegeben werden.
„Wo Zensur eher darin besteht, dass Menschen verfolgt oder sogar getötet werden, dass nicht unbedingt eine Liste verbotener Bücher existiert, aber ein so repressives Klima herrscht, dass eigentlich alle wissen, dass bestimmte Bücher verboten sind und nicht gelesen werden dürfen, aber es steht nirgendwo.
Das ist ja übrigens etwas, das wir durchaus auch kennen aus unserer deutschen Geschichte, der ostdeutschen, in der Verfassung der DDR stand natürlich auch drin, dass eine Zensur nicht stattfindet und trotzdem.“
Margaret Atwood über die Book Bans
Mitunter machen die in den USA kursierenden Listen Bücher erst recht interessant für Leserinnen und Leser.
„Es ist immer ein Machtspiel. Lass uns dieses Buch verbieten und schauen, wie viel Gegenwind wir bekommen. Aber weil es immer noch eine offene Demokratie mit vielen Medien ist, schafft das Öffentlichkeit und die Leute gehen los und kaufen die Bücher um selbst herauszufinden, was drinsteht“, sagt eine, die es wissen muss: Margaret Atwood.
Gerade war sie auf ihrer Lesereise auch in Deutschland und hat dem SWR ein Interview gegeben. Vor allem ihr dystopischer Roman „Der Report der Magd“ landet immer wieder auf „book-ban“-Listen in den USA. Einmal sogar, ganz kurz, in ihrer Heimat Kanada. Sie protestierte erfolgreich dagegen mit einem satirischen Post auf X.
„Es gibt viel Widerstand. Auch in den Buchläden. Dort gibt es Tüten mit dem Aufdruck: Diese Tüte ist voll mit „banned books“.
„Ich finde die Listen sind Literaturempfehlungen!“
Zurück in der Stadtbibliothek Berlin Pankow, wo der Chor der verbannten Bücher auf auch eine Form des Protests ist.
„Ich finde ja diese Listen sind Literaturempfehlungen!“
Im nächsten Jahr möchte Danilo Vetter die Aktion gerne wiederholen, dann aber mit Fokus auf Europa, Book Bans gibt es auch in Ungarn, Slowenien, der Slowakei. Und auch in Deutschland wird darüber diskutiert, wie sich Bibliotheken in Zukunft aufstellen müssen, um sich gegen Angriff und Einflussnahme zu wehren.
Es geht nicht nur gegen Bücher, es geht gegen Menschen
Von Zuständen wie in den USA sei man zwar weit entfernt. Aber man stehe vor großen Herausforderungen, sagen Danilo Vetter und Antje Hausner von der Stadtbibliothek Berlin Pankow:
„Na, wir merken ja in der Gesamtgesellschaft, dass es ein Erstarken rechstkonservativer und rechtsextremer Bewegungen gibt und die spüren wir auch.
Und unsere Bemühungen sind jetzt gerade die Bibliotheksgesetze die es gibt oder die jetzt noch kommen sollen, wie in Berlin, stärker darauf auszurichten, dass so ne Einflussnahmen nicht stattfinden können. Denn das ist natürlich für uns extrem schwierig wenn Regierungen wechseln und die Einflussnahme in die Bibliothek hineinkommt.
Es geht nicht nur gegen Bücher, es geht gegen Menschen. Und es geht gegen Lebensentwürfe, gegen die Vielfalt, gegen die Demokratie. Es geht nicht mehr um die einzelne Person, sondern es geht jetzt auch schon um etwas viel Größeres.“